Tagesgedanken: Feminismus überflüssig?

Feminismus braucht es nicht mehr, alle Probleme sind gelöst, wir leben in einer gleichberechtigten Welt (zumindest in den meisten westlichen Ländern).

Klar, noch immer versucht jeden Tag ein Mann, seine (Ex-)Partnerin umzubringen und jeden dritten Tag gelingt es. Sterben muss sie, weil sie eine Frau ist und nicht so gehorcht, wie Frauen das in den Köpfen dieser Täter sollen. Und ja, häusliche und sexuelle Gewalt findet mehrheitlich gegen Frauen statt. Und ja, der Gender pay gap ist noch immer vorhanden und Haus- und Sorgearbeit sind noch immer ignoriert oder abgewertet. Auch Armut betrifft weltweit mehrheitlich Frauen.

Wenn man diese Dinge schreibt, kommt sicher jemand daher und findet:

Männer aber auch.

Ja, es gibt auch Ungerechtigkeit gegen Männer, auch Männer werden umgebracht, erleben sexuelle Gewalt, werden unterdrückt, sind arm. Aber weniger, und: Sie blicken nicht auf eine Jahrhunderte dauernde Geschichte der Unterdrückung zurück. Diese steckt im Feminismus drin, drum ist er kein Humanismus, zumal dieser alles andere als eine frauenfreundliche Denkrichtung war. Man denke nur an Rousseau in „Emile“:

„Ihnen [den Männern] gefallen und nützlich sein, ihnen liebens- und achtenswert sein, sie in der Jugend erziehen und im Alter umsorgen, sie beraten, trösten und ihnen das Leben angenehm machen und versüßen: das sind zu allen Zeiten die Pflichten der Frau, das müssen sie von ihrer Kindheit an lernen. Geht man nicht bis auf dieses Grundprinzip zurück, so entfernt man sich vom Ziel, und alle Vorschriften, die man ihnen macht, können weder zu ihrem noch zu unserem Glück dienen.

All das macht nicht im Kleinen Halt, es hat globale Auswirkungen. Länder mit autokratischen Regierungen und patriarchalen Strukturen sind mehr betroffen von Armut und Hunger (es gibt keine Demokratie mit Hungersnöten), es gibt in ihnen mehr innerstaatliche Gewalt und Unterdrückung, und sie sind mehr in internationale Konflikte verwickelt. Menschenrechte werden da mit Füssen getreten und es sind mehrheitlich Frauen, die sich für diese einsetzen.

Vielleicht braucht es den Feminismus doch noch? Ich bin davon überzeugt.

9 Kommentare zu „Tagesgedanken: Feminismus überflüssig?

  1. Sandra: „Feminismus überflüssig?“

    Ja, denn…
    den maskulin kantigen -ismus gibt es schon genug.

    Was uns fehlt ist das Feminine, ist die Liebe, ist
    die liebevolle Annahme unserer selbst und daraus
    folgend die Liebe zum Nächsten und zur Nächsten.

    Liebe wandelt. Sie ist keine Frage des Geschlechts.

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  2. Das Zitat von Rousseau kann ich nur unterschreiben – wenn es für Männer genauso gilt!
    Und es geht (nicht nur) beim Feminismus nicht um Ja oder Nein, das wäre zu statisch. Nein, das eigentliche Problem liegt viel tiefer. Es handelt sich nicht um ein So-Sein, sondern um einen Prozess.
    Es gibt keine Gleichberechtigung, es gibt keinen Humanismus, es gibt keine Demokratie – wir können nur auf dem Weg dahin sein.
    Egal was, es spielt sich immer vor dem Hintergrund eines Weltbilds oder darin ab, und das aktuelle Weltbild ist noch immer hoffnungslos statisch. Wir – auch die Philosophen – fragen uns immer nur, was ist. Aber nichts ist, sondern alles wird. Wir machen noch immer die Rechnung ohne die Zeit.
    Wir leben in einem räumlichen Universum, einer Schachtel (Raum) angefüllt mit Objekten. Das ist eigentlich ein kindisches Weltbild, noch viel mehr als das archaisch-mythische. Da war die Zeit noch drin.
    Einstein hat Raum und Zeit (wieder) zur Raum-Zeit verbunden. Für die Physik, aber für die ganz banale Lebenswelt gibt das noch viel mehr.
    Die Frage, Was ist?, ist letztlich uninteressant, es geht darum, was wird, oder was kann werden. Selbst was die Evolution betrifft, ist die Zukunft viel interessanter als die Vergangenheit.
    Der Feminismus ist nicht überflüssig, aber das Drehen an äußeren Schrauben (Quoten, Gendern,…) ist bestenfalls Mittel zum Zweck. Selbst wenn es in den Vorstandsetagen nur mehr Frauen gibt, ist das Patriarchat in den Köpfen noch nicht weg. Selbst wenn Frauen mehr verdienen als Männer, ist das Patriarchat noch nicht weg. Selbst wenn das Nicht-Gendern unter Todesstrafe gestellt wird, ist das Patriarchat in den Köpfen nicht weg.
    Was weg muss, oder besser sich wandeln muss, ist das Weltbild, das noch im 19. Jahrhundert (bestenfalls) verhaftet ist, bei vielen noch im Mittelalter. Das Entweder-Oder muss weg, das statische Denken muss weg, das Leben in einer äußeren (oberflächlichen), „objektiven“ Welt mit Verdrängung und Leugnung der Innenwelt (unterstützt und verhärtet auch durch die Naturwissenschaft) muss weg, die Verherrlichung des Ich und die Unterdrückung, Verdrängung und Verleugnung des Unbewussten und des Selbst muss weg.
    Bevor das nicht geschieht, ist der Feminismus nicht überflüssig. Aber wenn er nur gebannt – wie das Kaninchen auf die Schlange – auf den Status Quo starrt, ist er überflüssig. Aber auch nicht im Sinne, dass er weg muss, sondern dass er sich selbst auch wandeln muss. Es braucht mehr Tiefe (die Oberfläche ist von Männern besetzt), es braucht einen viel größeren Horizont, es braucht mehr Gefühl für den Prozess!
    In die Sprache der Symbolik übersetzt: Es braucht mehr Weiblichkeit und weniger Kampf gegen die Männlichkeit (das stärkt nur das Männliche). Es ist keine Frage des Gegeneinander (das wäre Feminismus auf der Ebene des Männlichen, und das kann nicht funktionieren). Es ist keine Frage der statischen Fragmente, es ist eine Frage des dynamischen Ganzen. Und die sollten wir alle vor Augen haben…

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  3. Ein interessanter Text und eine passende Ergänzung von Robert Harsieber.
    Den Dingen einfach einen Namen geben ist – wie Kästner sagt – nur Tuerei, kein Tun. Aber den Dingen Namen und Raum geben, ist Tun, auch wenn es noch keine Handlung ist. Der Raum für feministische Anliegen ist dort, wo Frauen betroffen sind, nicht dort, wo Feministinnen sinnen. Wo Betroffenheit ist, wird auch Handlung leichter als wo gesinnt wird. Für mich geht es darum, Umgebungen zu verändern oder zu bewahren. Dazu müssen zwar die Dinge benannt werden, aber aber immer nur im Zusammenhang mit ihrer Umgebung. Das gelingt n.m.E. den Philosophinnen und Philosophen am besten.

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    1. Da könnte ich mich als Philosophin geschmeichelt fühlen und mich zurücklehnen. Aber ich möchte doch hinzufügen (zustimmend): Die Betroffenen müssen eine Stimme haben und die sollte gehört werden. Es müsste ein Raum existieren, der sicher ist, der Gehör gibt und welcher offen ist für Verbesserungen, die allen dienen, weil sie dahin führen sollen, dass alle ihren Platz in dieser gemeinsamen Gemeinschaft haben – als Verschiedene, aber mit gleichen Möglichkeiten, Chancen und Rechten.

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  4. Warum müssen Feministinnen sich immer erklären? Ich habe schon mit Menschen Diskussion gehabt, die sich selbst als Feministische einordnen würden. Natürlich sind sie immer für Gleichberechtigung des Gehaltes im Job, keine Gewalt gegen Irgendwen und vor allem keine Frauen. Aber wenn ich mehr nachbohren möchte. Mehr verstehen will. Mehr verlange als nur das! Dann kommen die Argumente der Biologie. Wir sind weicher. Leichter zu beeinflussen. Körperliche Unterlagen. Schlechter in Verhandlungen. blablabla…
    Oder dann wollen wir die Männer unterdrücken. Entwerten. Reduzieren. Sie gehen auf Abwehr. Und nein verdammt, das will ich nicht. Da frage ich mich häufiger, wenn sie sich selbst als Feminist einschätzen, gehört da mehr dazu, als das letzte Minimum!
    Keine Sexuelle Gewalt zu erfahren sollte für alle Menschen, egal welchem Geschlecht, selbstverständlich sein. Das alle gleich sind, genauso. Das alles ist doch kein Privileg.

    Warum ich also nicht finde, dass Feminismus überflüssig ist?
    Dann ist es deswegen, weil solche Menschen, und das sind nicht nur die alten, weißen Männer, uns nur kleinen Krümel geben wollen und sich beschweren wenn ich ein ganzes Stück Kuchen haben will. Wie jeder andere auch! Und das ist mein Recht!

    Toller kompakter Beitrag und schöne Zitate. Mehr von sowas ist wichtig…

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