Ich brauche keine Anerkennung

Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht jeden mögen.

Vor langer Zeit stellte ich diesen Satz als eigenes Mantra bei Twitter rein. Ich war überzeugt, dass es genau so ist. Und ich konnte es nicht leben. Wie oft suchte ich die Anerkennung. Wie oft fürchtete ich, man könnte mich nicht mögen. Wie oft versuchte ich, alles „recht“ zu machen, um ja nicht abgelehnt zu werden. Wie unfrei war ich. Gefangen in Versuchen, die Erwartungen anderer zu erfüllen – teils wirklich ihre, teils die, welche ich ihnen zuschrieb.

Alfred Adler sagte sinngemäss, dass wir nicht auf der Welt sind, damit wir die Erwartungen anderer erfüllen. Wie oft aber versuchen wir es? Und scheitern? An uns, an ihnen, am Leben? Wie oft denken wir, dass das Leben so kompliziert ist, Beziehungen schwierig sind und wir nicht genügen?

Was macht den Wert eines Menschen aus? Was er hat? Was er kann? Was er verdient? Oder vielleicht doch nur, dass er da ist? Kein Mensch ist eine Insel, kein Mensch lebt für sich allein. Um als menschliche Individuen zu leben, brauchen wir andere Menschen, wir brauchen eine Gemeinschaft. Und zu dieser wollen wir gehören, in ihr wollen wir einen Wert haben.

Heutzutage wird dieser Wert oft in Geld gemessen. Sag mir, was du hast/verdienst, ich sage dir, was du (mir/der Gesellschaft) wert bist. Wenn das Leben aber zum Tauschhandel wird, haben wir alle verloren, denn: Jeder rennt nur dem Status nach, der ihm von aussen zugeschrieben wird. Was von innen zum Leben drängt, wird oftmals ignoriert – und dies mitunter mit schwerwiegenden Folgen wie psychischen Problemen, Alkoholmissbrauch, Süchten, Drogen oder anderen Überkompensationen. Allem zugrunde liegt das menschliche Unglück. Dieses war statistisch kaum so sehr verbreitet wie heutzutage.

Es ist DEIN Leben. Nur du kannst es leben.

Alfred Adler hat eine wohltuend klingende, kaum glaubhafte und schwer umzusetzende Aussage:

Du kannst dich ändern. In jedem Moment hast du es in der Hand, ob du glücklich sein willst.

Was es dazu braucht? Das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Was wir heute unser Leben nennen, haben wir heute in der Hand. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, wir können die Zukunft kaum planen – nur hoffen – und wir können nur eines: Hier und jetzt leben. Es sind nicht die wirklichen Erfahrungen der Vergangenheit, die uns prägen, es ist die Bedeutung, die wir diesen zuschreiben. Es sind nicht die Erwartungen der anderen, die uns lenken, es ist der Wert, den wir diesen geben. Es sind nicht die Ziele, die uns leben lassen, es ist das, was wir heute tun. Und wenn es das ist, was wir gerne tun, weil es uns entspricht, dann zieht auch das Glück ins Leben ein.

Das soll kein Plädoyer dafür sein, plan- und ziellos durchs Leben zu gehen, alle vor den Kopf zu stossen und zu denken „nach mir die Sintflut“. Es ist Gedankenanstoss (immer auch an mich selber), hinzuschauen:

Lebe ich wirklich, was ich leben will, oder versuche ich nur, es allen recht zu machen?

Wer singt nicht, wenn keiner zuhört, tanzt nicht, wenn es keiner sieht? Wieso nur dann? Wieso haben wir so oft Angst, ausgelacht, nicht gemocht zu werden? Wieso machen wir uns so oft zum Sklaven fremder Erwartungen, zum Diener erhoffter Anerkennung? Keiner muss mich mögen. Aber ja, es ist schön, wenn es passiert. Aber nur dann, wenn ich so gemocht bin, wie ich bin. Als ich.

12 Comments

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  1. Ich kann deine Gedanken sehr gut verstehen und wenn ich über Anerkennung nachdenke wäre es mir recht, wenn ich mit jemand fremdes vor meiner Arbeit stehe, er/ sie die Arbeit anerkennt, während ich kritische Gedanken dazu hätte (dies fiele mir nicht schwer). Man würde sich im Bewußtsein trennen etwas Gutes zusammen betrachtet zu haben, aber es ist eben nur ein Traum.

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  2. Von diesem „Ich will es allen recht machen“ müssen wir wegkommen, unbedingt. Die anderen sollten mich so akzeptieren, so mögen, wie ich bin. Dadurch würde vieles anders aussehen.

    Psycho-philosophisch ist das aber auch noch die Sprache des Fragmentierens, das mit Aristoteles begann und seinen Höhepunkt in der klassischen Physik hat. Die war Ende des 19. Jahrhunderts am Höhepunkt, und sie bestimmt noch heute unser Leben – und Denken.

    Paradigmengewechselt würden wir nicht mehr fragen, wie sollte ich sein und wie sollten die anderen sein, und wie sollten sie mich akzeptieren und wie muss ich sie akzeptieren und anerkennen? Wir würden fragen, was passiert ZWISCHEN innen und außen, ZWISCHEN mir und den anderen? Dieses Dazwischen hat einen Namen: Beziehung, Empathie oder schlicht Liebe. Dann geht es nicht mehr darum, wie bin ich und wie bist du? Es geht um die Kommunikation, um die Beziehung. Die fragt nur mehr bildlich: Stimmt die „Chemie“ oder stimmt sie nicht. Es braucht kein richtig oder falsch, denn es ist stimmig oder nicht.

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  3. Ich brauche als erste Anerkennung meine eigene und dann erst und nur wird es schön, wenn auch andere anerkennen. „Das hast du gut gemacht.“ ist mehr als nichts sagen. Gefährlich für mich ist die Suche der Anerkennung bei anderen, ohne dass ich mich selbst anerkenne.Das wird zu einer Form der Selbstsüchtigkeit. Der selbstsüchtige Mensch – so schreibt Fromm – ist ein Mensch, dem es an Selbstliebe fehlt. Anerkennungsgier also als Folge mangelnder Selbstliebe?
    Ein weiterer Gedanke der mir zu Deinen Gedanken kam, ist die pädagogisch-therapeutische Sicherheitsformel meiner verstorbenen Freundin, Ruth Cohn: 20-20-60: 20% aller Menschen um Dich und bei Dir finden, alles, was Du denkst und tust, vorbildlich oder gut oder ausgezeichnet, 20% finden es schlecht oder schlimm oder ungenügend und 60% ist es völlig egal und schnuppe, was Du machst und denkst. Wie schön, wenn es gelingt, die ersten 20% auf 22 zu erhöhen.
    Und der letzte Gedanke habe ich von Busch entlehnt:
    Später traf ich auf der Weide ausser mir noch andre Kälber
    Und nun schätz ich sozusagen erst mich selber.

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    • Die Formel 20-20-60 erinnert mich an das Beispiel, das ich oben bei Arno erwähnte. Interessant ist immer auch: Worauf achten wir, was bleibt im Kopf. Das Lob, die Kritik oder die Ignoranz. Das ist eigentlich viel Aussagekräftiger als das, was die anderen sagen.

      Den Punkt der fehlenden Selbstliebe fand ich bei Adler auch – und ich sehe es ebenso. Wenn man überall nur danach aus ist, Anerkennung zu kriegen, ist man auch oft damit beschäftig zu fragen: Was bringt mir der andere Mensch? Und damit wird der andere zum Nutzerbringer für die eigenen Bedürfnisse, die nur da sind, weil wir selber sie nicht decken können. Und: Der andere wird sie nie wirklich decken können, wenn sie bei uns fehlen.

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  4. Gedanken, die mir dazu durch den Kopf gehen: als unbedeutende Autorin ist mir Anerkennung sehr wichtig. Also nicht für mich als Mensch, sondern für mich als Künstler. Lob treibt mich an. Würde sich niemand für meine Schreiberei interessieren, ich wäre tödlich beleidigt. Dem Menschen dahinter ist Anerkennung wurscht. Privat-Sy ist darauf nicht angewiesen. Klingt vielleicht etwas Schizophren, ist aber so.

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    • Ich verstehe dich gut. Natürlich will man gelesen und gesehen werden als Künstler. Die Gefahr entsteht meines Erachtens dann, wenn man seine Kunst an dieser Anerkennung ausrichtet. Wenn man nur noch tut, was am meisten Anerkennung bringt, nicht das, was einem entspricht.

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      • Ja, es ist ein schmaler Grat. Ich erinnere mich an einen Linzer Maler (sein Name ging mir über die Jahre verloren), der berühmt-berüchtigt dafür war, sein Publikum auf Vernissagen übel zu beschimpfen. Manche Leute gingen extra dafür hin. Ihm war es egal, für ihn war nur wichtig, dass reichlich Rotwein vorhanden war. So cool werde ich leider nie. Aber ich mag auch keinen Rotwein.

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  5. Ja, richtig. Tu das und konsumiere was du willst und was dir gefällt und es wird dir gut gehen. Die Frage ist, ob man sich das erlauben kann. Denn man lebt dann nicht mehr wie alle anderen. Viele Leben ja das vorgefertigte Muster um ja nicht aus der Rolle zu tanzen. Die schauen dann halt doof und meckern.

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