Lebenswege

Hier sitze ich und schaue zurück. Auf mein Leben, auf den Weg, den ich gegangen bin. Er war wohl nicht das, was man einen linearen Weg nennen würde. Ich wusste nicht mit 4, dass ich Ärztin werden wollte, wurde es und bin seit da glücklich als solche.

Ich habe ursprünglich bei der Veterinär-Medizin immatrikuliert, dann Juristerei begonnen und schlussendlich in Germanistik den Master gemacht. In Philosophie habe ich schlussendlich promoviert, wanderte aber schon da zum Yoga ab. Vor allem mit dem Herzen, der Rest blieb noch ein wenig in der westlichen Wissenschaft. Danach wurde es unruhiger. Ich hatte viele Interessen und wohl auch Talente, probierte sie aus, legte mal die Schwerpunkte auf das eine, dann auf das andere – oft auch gesteuert durch äussere Gründe wie Verletzungen, notwendige Einkünfte, aber auch Inspirationen, Euphorien – und so vieles mehr.

Ich bin nicht kreuz und quer durch die Landschaft der Möglichkeiten gegangen, kam auch immer wieder zu den bald mal gefundenen Verdächtigen zurück (und habe immer bei allem das, was ich von den anderen Bereichen gelernt habe, integriert). Von aussen muss es wohl so ausgesehen haben, als sei da eine, die wild von einer Blume zur andern fliegt, ein Schmetterling, der Nektar sucht.

Das Bild trifft es aber doch gut. Ich suchte Nektar. Ich suchte neue Impulse, um meinen Weg zu dem zu machen, was er sein soll: Meiner. Da sollte alles Platz haben, es sollte ein Ganzes geben, nicht viele Einzelteile, bei denen ich mich für eines entscheiden muss. Und ich denke, das ist mir gelungen. Ich fühle mich heute an einem Punkt, wo ich sagen kann: Das ist mein Weg, den will ich gehen. Und ich habe ganz viel im Rucksack, das den Weg bunt macht, das den Weg spannend macht, was ihn auch kreativ macht.

Solche bunten Wege sind nicht immer einfach zu gehen. Sie werden umso schwerer, weil sie von vielen nicht verstanden werden. Und wir alle möchten verstanden sein, denn nur dann fühlen wir uns dazugehörig. Ich habe vor langer Zeit mal die Geschichte vom Schmetterling und vom Maulwurf hier reingestellt. Sie ist und bleibt wohl meine Lebensgeschichte. Dabei möchte ich nicht werten, ob nun der Schmetterling oder der Maulwurf das bessere Leben führt, beide führen das für sie richtige – so hoffe ich. Schwierig wird es, wenn einer das Leben des anderen leben will oder aber man sich durch die Bewertung von jemandem, der ein anderes Leben fühlt, in seinem Leben falsch fühlt.

Wer kennt nicht die Aussage

Jeder soll nach seiner Façon selig werden.

Man schreibt sie dem preussischen König Friedrich II. zu. Das sollte sich jeder Mensch immer wieder sagen – und auch fragen: Was ist meine Façon? Und: Wenn man wieder mal dahin gehen will und die Wege anderer kritisieren, könnte man sich an Voltaire erinnern, der sagte:

Was ist das: Toleranz? Es ist die schönste Gabe der Menschlichkeit. Wir sind alle voller Schwächen und Irrtümer; vergeben wir uns also gegenseitig unsere Torheiten. Das ist das erste Gebot der Natur.

Und eigentlich könnte man dann alle reden lassen. Und man könnte einfach nur denken:
Du hast nichts begriffen. Wie sagte der Dalai Lama so schön:

Kriege entstehen aus dem Scheitern, das Menschsein der Anderen zu verstehen.

Sei keine Mimose

Ich wuchs damit auf:

Du bist viel zu empfindlich. Sei nicht so eine Mimose. Leg dir endlich mal eine dickere Haut zu.

Damit beschwichtigte man. Man negierte die eigenen Tiefschläge und drehte den Spiess um. Nicht der, der sprach, war der Täter, nicht er verletzte, die, die empfing war es. Sie war nicht gut genug. Nicht stark genug.

ICH war nicht gut genug.

Ich war zu sensibel. Ich reagierte zu empfindlich. Ich nahm ernst, was man mir sagte, dabei war es nur so im Gespräch gesagt. Nur: Hätte ich es nicht ernst genommen, wäre die Schelte gleich hinterher gekommen. Und nein, das ist kein Eltern-Kind-Problem. Das bleibt.

Ja, ich bin sensibel. Ich nehme mir Dinge zu Herzen. Wenn man mir etwas sagt, nehme ich die Botschaft wahr. Und ich nehme sie ernst. Schliesslich hat man sie gesagt und ich gehe davon aus, es war so gemeint. Nur kriege ich oft zu hören, dass man das gar nicht so gemeint hätte, das sei doch nur dahergesagt. Wenn ich dann antworte, ich nähme also fortan den Sprechenden nicht mehr ernst, findet er das auch nicht in Ordnung. Dann reagiere ich über, weil ich zu mimosenhaft bin. Also:

Was denn nun?

Ich bin sensibel und ich höre genau hin. Das ist so. Damit mach ich meiner Umwelt das Leben nicht leicht. Einfach so daher brabbeln geht nicht. Ich analysiere es. Ungewollt. Unbewusst. Und ich nehme die Botschaft ernst und mir zu Herzen. Und damit mache ich mir das Leben auch nicht leicht. Ab und an wünsche ich mir, Dinge überhören zu können. Sie nicht fühlen zu müssen. Ich wünsche mir selber, keine Mimose zu sein. Was ich ja nur bin, weil ich hinhöre, hineinfühle. Aber ich kann es nicht.

Ich bin, wie ich bin. Ich bin sensibel. Sehr. Ich höre hin. Ich nehme Botschaften ernst. Und wenn mir jemand was sagt, beziehe ich es auf mich. Logisch. Er hat es mir gesagt und „du“ gesagt. Theoretisch denke ich ja, dass dieses

„Du bist zu empfindlich.“

eine Entschuldigung dafür ist, dass jemand übers Ziel hinausschoss. Praktisch trifft es jedes Mal. Ich arbeite dran, dass die Wunde kleiner wird beim Einschuss.

Heute nichts getan

Heute war ein Tag, an dem ich am Abend sagte:

Ich habe heute nichts getan.

Ich habe ein Buch gelesen, den Grosseinkauf erledigt, alles aufgeräumt und wo nötig geputzt. Ich habe meine neuen Artikel geplant, Unterlagen sortiert und abgelegt. Ich habe gekocht und den Hund ausgeführt. Ich habe mich mit Picassos Skizzenbüchern auseinandergesetzt und analoge Skizzen angelegt. Ich habe sonst gezeichnet, weil: Ich will das mehr tun und Übung macht den Meister. Ich habe eine meiner Datenbanken gepflegt, die noch offene Kommunikation erledigt. Und ich habe Klavier geübt…

Ausser einigen Skizzen im Skizzenbuch, die keinen interessieren, habe ich also nichts, was man vorzeigen könnte. Und schon stellt sich das Gefühl ein:

He, das war nichts. Heute einfach nichts gemacht.

Und das ungute Gefühl schleicht sich ein. Die Unzufriedenheit kommt gleich mit. Nur: Was würden wir tun, wenn wir all die kleinen Dinge, die notwendige Planung und Versorgung, nicht machen würden? Wir irrten wahl- und ziellos umher. Wohin sollte es führen?

Eigentlich habe ich heute viel gemacht. Und mir ist viel klar geworden. Das hilft beim zukünftigen Machen, indem es steuert, was ich tue, damit es auch ist, was ich wirklich will. Alles gut? Ist es – sobald ich mich selber überzeugt habe. Das dauert ab und an ein wenig.

Geht es anderen auch so?

Die Musik lebt weiter

Ein junger Mensch geht in ein Tonstudio, nimmt ein paar Songs auf. Der Erfolg schlägt ein, er wird einer der ganz großen Stars. Er schafft, wovon er wohl nicht im Entferntesten geträumt hat. Er kann tun, was er liebt, singen – und die Menschen jubeln ihm zu. Aus einfachen Verhältnis über Nacht fast in den Himmel gehoben.

Seine Seele scheint mit dem Erfolg nicht mitgekommen zu sein. Plötzlich wollten alle etwas von ihm. Alle waren seine Freunde, bis sie ihren eigenen Profit durch ihn realisieren konnten. Es scheint fast, dass er einsamer war, je mehr Menschen sich um ihn scharten, da immer noch schwerer wurde, zu sehen, wer wirklich ihn als Menschen meint und wer den eigenen Status als sein Freund anstrebte.

Das ist wohl das Schicksal vieler Künstler: sind sie erfolglos, werden sie verlacht, haben sie Erfolg, werden sie benutzt. Und beide sind nur Mittel zum Zweck: sie werden benutzt von gelangweilten Menschen, die sich entweder besser fühlen durch den Verriss oder durch die Teilhabe am Erfolg.

Heute vor 35 Jahren erlosch ein Licht, das zwar durch seine Musik immer weiter brennen wird, doch der Mensch, der ist tot. Ich habe mit 6 zum ersten Mal bewusst ein Lied von ihm gehört – diese Stimme, dieses Gefühl… für mich einzigartig. Ich bedanke mich. Für so viele Emotionen, für so viele Stunden mit Musik. In ihr lebt er weiter. Und das ist gut so!