Rezension: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray

Schönheit und Verfall

Wenn ich einen Menschen sehr, sehr gern habe, verrate ich seinen Namen keiner Seele. Das käme mir so vor, als lieferte ich einen Teil von ihm aus.

wildegrayMit dem Bildnis des jungen und wunderschönen Dorian Gray ist dem Maler Basil Hallward ein Meisterwerk gelungen. Trotzdem will er es nicht ausstellen, zögert sogar, seinem Freund Lord Henry den Namen des Porträtierten preiszugeben. Erst zögerlich gesteht er, dem jungen Mann verfallen zu sein.

Jedes Bildnis, das mit Gefühl gemalt ist, ist ein Bildnis des Künstlers, nicht des Modells.

Hallward fürchtet denn auch, dass der jugendliche und naive Schöne durch den Einfluss von Lord Henry verdorben werden könnte, da dieser eine höchst spitze Zunge hat und die landläufig geglaubten Philosophien sowie die gepflegten Umgangsformen hinterfragt und ins ihr Gegenteil verdreht.

Aber die Schönheit, die wirkliche Schönheit hört da auf, wo der geistvolle Ausdruck anfängt. Geist ist an sich eine Art Übermass und zerstört die Harmonie des Gesichts. Im Moment, wo man sich hinsetzt, um zu denken, wird man nur Nase oder nur Stirn oder sonst etwas Greuliches.

Als Dorian Gray sein Bildnis sieht, ist er hin und weg ob seiner Schönheit – um gleich darauf erschüttert zu sein: Nie mehr wird er so schön sein wie auf diesem Bild. Während dieses Bild die Schönheit behält, wird sie an ihm schwinden. Er äussert den folgenreichen Wunsch, dass es doch umgekehrt sein möge: Das Bild solle an seiner Statt altern.

Der Wunsch wird wahr, was umso tragischer ist, als in der einst unschuldigen Seele dunkle Seiten auftreten, welche sich nun in immer stärker verzerrten Gesichtszügen auf dem Bild festsetzen. Das Bildnis wird zum Abbild seiner Seele, seines Tuns.

Das Bildnis des Dorian Gray ist ein Buch der Meisterklasse. Es steigt in die Abgründe der menschlichen Seele hinab, zeigt, was die Regungen und Ansprüche der Menschen mit diesen machen. Oscare Wilde hält der immer oberflächlicher werdenden Gesellschaft den Spiegel vor. Während diese auf Äusserlichkeiten und zur Schau gestellte Anstandsregeln setzt, brodeln innerlich Gier, Wolllust, Machtstreben und vieles mehr.

Zentral ist sicher die Veränderung des Dorian Gray von einem wunderschönen, naiven und guten Jungen hin zu einem unmoralischen, destruktiven und bösen Mann. Wie kam es zu der Veränderung? Hat Lord Henry diese durch seine offensichtliche Manipulation angestossen, indem er Samen setzte, die wuchsen? Oder goss er nur die Anlagen, die schon in Samen vorhanden waren? Konnte Dorian Gray seine inneren Triebe erst da ausleben, als er das Bild hatte, das an seiner Stelle die Konsequenzen trug, indem es sich veränderte, er schön blieb, quasi den Schein wahrte? Oder steht das Bild für das Gewissen, welches so nach aussen geholt wurde und sichtbar wurde?

Ein Lesegenuss von der ersten bis zur letzten Seite!

Fazit:
Ein Meisterwerk der Literatur – psychologisch, tiefgründig, das menschliche Sein und Tun und die Gesellschaft vorführend. Absolut empfehlenswert!

Zum Autor
Oscar Wilde, der mit vollem Namen Oscar Fingal O’ Flahertie Wills Wilde hieß, wurde am 16. Oktober 1854 in Dublin geboren und ist einer der bedeutendsten irischen Schriftsteller. Als schillernde Lichtgestalt des „L’art pour l’art“ wurde er im viktorianischen England u. a. für sein extravagantes Auftreten bewundert. Häufig war der Dandy auch wegen seiner skandalträchtigen Werke im Gespräch, in denen er die Prüderie der damaligen Gesellschaft vorführte. 1890 veröffentlichte Oscar Wilde seinen berühmten Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“. 1895 wurde der Familienvater wegen Unzucht und Homosexualität zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach Verbüßung dieser Strafe verließ er – verarmt und gebrochen – England und lebte bis zu seinem Tod am 30. November 1900 in Paris.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (24. Juli 1996)
ISBN-Nr.: 978-3257214116
Preis: EUR 10
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE

 

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