Eine Philosophie des Hinschauens

Manchmal findet ein Wort zu einem und man fragt sich: Passt das? Woher kommt es? Will ich es behalten, drückt es aus, was ich will, bin, suche, und: braucht das überhaupt ein Wort? Bei mir war das so mit dem Begriff Photosophin. Ich mochte ihn, auch wenn ich ihn nicht wie ein Schild vor mir hertragen wollte. Er ist kein Titel, kein Beruf, keine Marke, eher ein Versuch, etwas zu benennen, das sich zwischen Fotografie und Philosophie bewegt und doch in keinem von beidem ganz aufgeht.

Fotografie begleitet mich schon lange. Ich habe sie eine Zeit lang aus den Augen verloren, nun kehre ich zu ihr zurück. Nicht dort, wo ich einmal war, es kam durch die Zeit und das, was in ihr war, vieles hinzu. Das ist einerseits bereichernd, denn ich merke in vielem, dass eine Entwicklung stattgefunden hat, andererseits ist dadurch eine neue Offenheit entstanden, die es erst zu überblicken gilt. Was ich klar merke: Die Kamera holt etwas in mir hervor, das durch kein anderes Medium genau so angesprochen wird. Sie zwingt mich nicht zuerst zum Denken, sie fordert mich auf, hinzuschauen.

Das ist mir wichtig, denn Philosophie wird oft mit Denken verbunden, mit Begriffen, Argumenten, Theorien. Das alles gehört zu ihr, natürlich, aber für mich beginnt Philosophie früher. Sie beginnt dort, wo ich innehalte, wo ich nicht sofort einordne, nicht sofort erkläre, nicht sofort weiss. Wo ich einer Sache, einem Ort, einem Menschen, einem Schatten, einer Geste einen Moment länger Aufmerksamkeit schenke.

Hinschauen ist mehr als blosses Schauen. Schauen geschieht oft nebenbei. Wir bewegen uns durch die Welt, erkennen, was wir kennen, übersehen, was nicht laut genug ist, ordnen ein und gehen weiter. Hinschauen aber unterbricht diese Bewegung. Es bleibt stehen. Es fragt nicht zuerst: Was bedeutet das? Sondern: Was ist hier? Was zeigt sich? Was entgeht mir? Was liegt offen da und bleibt doch verborgen? Hier beginnt wirkliches Sehen.

Hier liegt die Verbindung von Fotografie und Philosophie, die mich interessiert. Nicht in einer Fotografie, die etwas beweisen will, nicht in Bildern, die einem Gedanken dienen müssen, sondern in einer Haltung der Aufmerksamkeit. In einem Blick, der nicht vorschnell Besitz ergreift, in der Bereitschaft, die Welt nicht nur zu betrachten, sondern sich von ihr ansprechen zu lassen.

Eine Philosophie des Hinschauens ist für mich darum keine Theorie über Bilder, sie ist eine Lebenshaltung. Sie fragt danach, wie wir der Welt begegnen. Ob wir sie nur benutzen, beurteilen, konsumieren oder ob wir ihr noch zutrauen, uns etwas zu zeigen. Sie fragt, ob wir nur nach dem Offensichtlichen suchen oder auch nach dem Leisen, dem Randständigen, dem Verletzlichen, dem Unscheinbaren.

Gerade das zieht mich fotografisch an: nicht das Spektakuläre, sondern das, was fast übersehen wird. Eine Spur auf einer Mauer. Ein Lichtfleck auf einem Tisch. Ein Mensch in einem Moment der Versunkenheit. Eine Tür, die offensteht und doch nicht wirklich hineinlässt. Ein Blick, der etwas sagt und zugleich etwas verbirgt. Mich interessiert dieses Dazwischen: das Sichtbare, das nicht alles preisgibt.

Vielleicht ist auch das Philosophische daran: dass ein gutes Bild keine Antwort abschliesst, sondern eine Frage öffnet. Es sagt nicht: So ist die Welt. Es sagt: Schau, bleib einen Augenblick, da ist mehr, als du im Vorbeigehen gesehen hast.

In diesem Sinn verstehe ich mich nicht einfach als Fotografin und auch nicht einfach als Philosophin, die nun zusätzlich fotografiert. Die Fotografie ist kein Schmuck für Gedanken und die Philosophie ist keine Erklärung der Bilder. Beides begegnet sich in einem gemeinsamen Grund: im Wunsch, genauer wahrzunehmen, was ist.

Der Begriff Photosophin gefällt mir deshalb als leise Annäherung. Photo – Licht, Bild, Sichtbarkeit. Sophia – Weisheit, Suche, Liebe zum Verstehen. Dazwischen liegt ein Raum, in dem das Sehen tiefer wird, ohne sofort begrifflich zu werden. Ein Raum, in dem ein Bild nicht nur zeigt, sondern berührt. In dem ein Text nicht erklärt, sondern weiterführt. In dem Fotografie zu einer Form von Weltbeziehung wird.

Hier liegt auch mein eigentlicher Zugang zur Philosophischen Praxis. Nicht nur das Gespräch im Praxisraum, nicht das konkrete Angebot nach einer bestimmten Methode, nicht einfach ein Termin, um Dinge zu klären. Philosophische Praxis ist für mich das gemeinsame Hinschauen: auf die Welt, auf das eigene Leben, auf das, was sichtbar ist, und auf das, was darunterliegt, denn oft beginnt Veränderung nicht mit einer grossen Erkenntnis, sie beginnt mit einem Blick, der nicht mehr ausweicht.

Die Kamera hilft mir dabei. Sie verlangsamt. Sie sammelt. Sie zwingt mich, mich zu entscheiden: Worauf richte ich meinen Blick? Was lasse ich im Bild? Was bleibt draussen? Wie nah gehe ich heran? Was darf verborgen bleiben? Das sind fotografische Fragen, aber es sind zugleich Lebensfragen, denn auch im Leben geht es darum, wie wir schauen. Sehen wir nur, was uns bestätigt, lassen wir uns vom Lärm ablenken, blenden wir das Unbequeme aus? Nehmen wir das Schöne noch wahr, auch wenn es leise ist, und sehen wir einen Menschen wirklich so, wie er ist, oder sehen wir nur unsere eigene Vorstellung von ihm?

Eine Philosophie des Hinschauens ist darum auch eine Übung in Mitmenschlichkeit. Sie lehrt, dass wir nicht immer alles gleich verstehen müssen und dass wir mit den Dingen nicht zu schnell fertig sein sollten, weder mit unseren Bildern, noch mit Menschen und schon gar nicht mit uns selbst.

Vielleicht fotografiere ich, weil die Welt gesehen werden möchte. Nicht vereinnahmt, nicht erklärt, nicht verschönert. Gesehen. In ihrer Schönheit, in ihren Brüchen, in ihrer Würde, in ihrem Geheimnis. Und deswegen mag ich dieses Wort: Photosophin: eine, die mit der Kamera hinschaut, die im Sichtbaren nicht das Ende sucht, sondern den Anfang einer Frage. Eine, die glaubt, dass ein genauer Blick manchmal mehr verändern kann als viele Worte.

Das ist das Manifest auf meiner Fotografieseite: https://sandravonsiebenthal.com/

Ich würde mich freuen, wenn ihr mich da besucht, gerne auch verweilt und mich begleitet auf einer Reise mit Bild & Text.

Erweichen Schreckensbilder Herzen von Ignoranten?

Egal welche Onlinezeitung ich anklicke, mir springt das Bild eines kleinen toten Jungen ins Auge, der mit dem Gesicht voran im Wasser liegt. Mein erster Impuls ist: Mir wird schlecht. Mein zweiter: Ich will das nicht sehen. Der dritte: Das hat das Kind nicht verdient, für Klickraten und Sensationsgeilheit instrumentalisiert zu werden.

Ich höre Stimmen, diese Bilder seien wichtig, da sie wachrütteln sollen. Mit solchen Bildern sollen die Herzen derer erweicht werden, welche sich als besorgte Bürger gegen Flüchtlinge stellen, welche diese Flüchtlinge als Pack bezeichnen, ihre Unterkünfte anzünden. Glaubt wirklich jemand im Ernst, dass solche Menschen sich um ein solches Bild kümmern? Glaubt wirklich jemand allen Ernstes, dass die nun mit Tränen in den Augen vor dem Bildschirm oder der aufgeschlagenen Bildzeitung sitzen und Besserung geloben?

Die Flüchtlingsthematik ist seit Wochen Thema Nummer eins. Wir haben viele Bilder gesehen, wir haben von viel Schrecken gehört. Dass etwas getan werden muss, Hilfe nötig ist, sollte klar sein. Es bedarf sicher keines Bildes mehr, das zu belegen. Ich denke, solche Bilder bewirken eher das Gegenteil: Wir stumpfen ab.

Der Mensch erträgt nicht zu viel Leid, das kann er nicht verarbeiten. Wenn das Hirn überwältigt wird von Schmerz, setzt es seine Schwelle höher. Das sichert das Überleben. Das ist ein gut angelegter Mechanismus im Organismus – die Evolution lässt grüssen. Solche Bilder helfen also nicht, das Leid zu erkennen, sie helfen eher, sich davon nicht mehr so stark berühren zu lassen. Ob das hilft? Und: Was brauchen wir als nächstes?

Dieser kleine Junge hat in seinem Leben nichts anderes als Krieg erlebt. Nun ist er tot. Und selbst jetzt muss er noch herhalten für irgendwelche Interessen. Man benutzt sein Bild dazu, Klick- und Leseraten zu steigern. Man nutzt das Bild seiner Leiche dazu, die Sensationsgeilheit der Menschheit zu befriedigen. Mehr wird damit nicht passieren. Klar kann man nun sagen, dass das Bild zu Diskussionen führte. Ich habe sie geführt, ich schreibe hier darüber. Aber ich diskutierte schon vorher und schrieb auch schon vorher. Das taten auch all die, welche sich für das Thema interessieren und etwas bewirken wollen. Jeder auf seine Weise. Man hätte diesem kleinen Jungen seine Würde lassen können. Man hätte ihn nicht durch die Medien schleifen müssen. Das hat er nicht verdient, wie er sein ganzes Leben nicht verdient hat. Möge er nun an einem besseren Ort sein.

Ich aber bleibe dabei: Ich will diese Bilder nicht sehen. Weil ich sie nicht mehr loswerde. Und weil ich denke, dass sie nie als Zeichen der Menschlichkeit und Nächstenliebe verbreitet werden, sondern meist aus Eigennutz: Der eine hofft, das Bild des Jahres geschossen zu haben, der nächste, die meisten Klicks für seinen Artikel zu erhalten. Nur: Auch Tote haben eine Würde und die gilt es zu wahren. Das wurde bei dem kleinen Jungen sträflich vernachlässigt.

Kunst und ihr Wert

Viele ganz grosse Künstler haben ihr Leben lang – oder zumindest grosse Teile davon – am Hungertuch genagt. Sie wurden von denen, die bestimmten, was Kunst sei, ignoriert, verlacht, diskriminiert. Und doch gaben sie nie auf. Gaugin starb arm auf Tahiti, Cezanne, wartete lange auf Anerkennung, van Gogh verzweifelte fast. Als sie dann tot waren, schnellten die Preise für ihre Bilder in die Höhe. Plötzlich waren sie gefragt. Plötzlich waren die vorher verkannten Künstler Genies, jeder wollte ein Stück von ihnen haben.

Kürzlich sah ich eine Doku über den Fälscher Wolfgang Beltracchi. Er malte Bilder im Stil bekannter Künstler und gab sie als deren Werke aus. Er verbesserte – dies seine Worte – deren Kunst sogar noch. Dies würden auch die Verkaufszahlen belegen, waren doch einige seiner Bilder die am teuersten gehandelten von Künstlern, unter deren Namen sie liefen. Aufgeflogen ist er wegen chemischer Unstimmigkeiten, nicht wegen künstlerischer Mängel. Die Folge war eine Haftstrafe, die er momentan im freien Vollzug absitzt.

Wo liegt sein Verbrechen? Er hat Bilder gemalt und die unter falschem Namen verkauft. Das ist Betrug. Allerdings scheinen seine Bilder in der Tat besser gewesen zu sein als die der Künstler, unter deren Namen sie liefen. Der Preis aber war nur darum so hoch, weil dieser Name drunter stand. Hätte Beltracchi seine Bilder unter seinem Namen verkauft, hätten sie wohl kaum je diese Phantasiesummen erreicht. Von einer Million war die Rede, die er mal schnell an einem Nachmittag auf die Leinwand bannte.

Was also ist Kunst wert? Ist Kunst in der Tat nur eine Frage von Angebot und Nachfrage? Bemisst sich ihr Wert an der Summe, die sie einbringt? Ist Beltracchi ein Künstler oder nur ein Kopist? Wobei: Er hat nicht konkrete Bilder gefälscht, sondern den Stil. Ist ein Stil geschützt?

Menschen waren gewillt, Millionen für ein Stück meisterlich bemalter Leinwand zu zahlen. Und bevor sie den Preis zahlten, sassen sie sicherlich vor dem Bild und fachsimpelten über den Wert des Bildes und das Können des Künstlers. Daran änderte eigentlich nichts ausser dem kleinen Detail der Signatur und Zuschreibung. Entlarvt das nicht viel mehr als nur den Betrug dessen, der meisterlich malen kann?

Sinnlose Form – formloser Sinn

Heute gelesen:

Ich bereue nicht meine Vergangenheit, sondern die Zeit, die ich für falsche Menschen geopfert habe.

Schon inhaltlich könnte man 1000 Fragen stellen. Indem ich die Zeit geopfert habe, gehört das zur Vergangenheit. Insofern bereut man ja immerhin einen Teil der Vergangenheit. So gelesen, fehlte ein „nur“ im Nebensatz. Lassen wir den Inhalt der Sprache mal beiseite und betrachten den Kontext.

Weisse Schrift vor einem unscharfen Bild, welches eine (halbe – man sieht sie nur bis unter die Schultern) Frau auf dem (Ping-Pong?-)Tisch sitzend von hinten zeigt. Wie dieses Bild zum Inhalt der Sprache passt, liesse sich nun fragen. Vielleicht insofern, als man nur den Rücken sieht, die Vergangenheit also als dahinter liegend bildlich erfasst worden ist? Auch das lassen wir offen.

Aber dann: Wer  kommt auf die Idee, das so typographisch umzusetzen? Welchen Sinn ergibt das nicht zusammenpassende Sammelsurium von Schriften? Was sollen die Schriften in den Teilbereichen aussagen? Und: Wieso hat man die Zeilen so gesetzt, dass die Zeilenumbrüche in keinem Verhältnis zu irgendeinem Teilsinn des Ganzen stehen?

Vermutlich denke ich wieder einmal zuviel. Darauf kommt es nicht an. Worauf aber sonst?

 

Rezension: Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe

Wie das Leben hätte sein können

Vielleicht sehen Sie das Bild eines Tages. […] Eine Frau kommt eine Treppe herab. Der rechte Fuss tritt auf die untere Stufe, der linke berührt noch die obere, setzt aber schon zum nächsten Schritt an. Die Frau ist nackt, ihr Körper blass, Schamhaar und Haupthaar sind blond, das Haupthaar glänzt im Schein eines Lichts.

Mit dem Bild einer Frau, die nackt die Treppe hinunter schreitet, fängt alles an. Der Ehemann der Frau möchte die Frau zurück, die zum Maler zog, der Maler möchte das Bild zurück, das noch beim Gatten hängt. Mitten drin ein junger Anwalt, der zwischen beiden vermitteln soll und der sich in die Frau verliebt. Schlussendlich hilft er ihr, beiden mitsamt Bild zu entkommen. Während er von einem gemeinsamen Leben träumt, flieht sie auch vor ihm.

Ändern lässt sich an der Vergangenheit nichts mehr. Damit habe ich schon lange meinen Frieden gemacht. Nur schwer mache ich meinen Frieden damit, dass die Vergangenheit immer wieder keinen rechten Sinn macht. Vielleicht hat jedes Schlechte auch ein Gutes. Aber vielleicht ist jedes Schlechte auch nur schlecht.

Jahre vergehen, Leben nehmen ihren Lauf. Eines Tages sieht der Anwalt das Bild wieder und sucht die Frau, um von ihr zu erfahren, wieso sie ihn damals benutzt hat. Er findet sie auf einer einsamen Insel und erfährt von ihr, dass sie eine andere Sicht der Geschichte hat als er. Als dann auch noch ihr ehemaliger Ehemann und der Maler auf der einsamen Insel auftauchen, scheint der Kampf um die Frau und das Bild von vorne loszugehen.

Bernhard Schlinks neuster Roman handelt von der Liebe, vom Leben, von verschiedenen Lebensmustern und Lebenswegen sowie von Wertvorstellungen wie richtig und falsch, gut und schlecht. Bernhard Schlink lässt seine Figuren auf die Vergangenheit zurückblicken, Bilanz ziehen.

Die Frau auf der Treppe beginnt spannend, zeigt die Figuren in ihrem Leben, lässt sie handeln, lässt den Leser an der Handlung teilhaben und mehr wissen wollen. Er taucht ein und fiebert mit, das Buch begeistert. So könnte es weiter gehen, so ist man es von Bernhard Schlink gewohnt. Interessante und tiefgründige Figuren, die in eine gemeinsame Geschichte verstrickt werden, aus der sie nicht mehr rauskommen.

Die Wege der Figuren dieses Buches trennen sich vordergründig, bleiben aber trotzdem verbunden. Die Zeit vergeht, der Leser folgt dem Anwalt aus dessen Perspektive er an der Geschichte teilhat. Er sieht sich teilweise unvermittelten Zeitsprüngen ausgesetzt, weiss oft nicht, wo er sich gerade befindet, da das Kapitel am Montag beginnt, nach einem Satz zum Sonntag springt, in die Vergangenheit abdriftet, zum Sonntag zurückkehrt, um am Schluss den einen Montagssatz zu wiederholen. Die Zeitsprünge werden später abgelöst durch Realität und Was-Wäre-Wenn-Geschichten, indem man kaum je weiss, ob gerade aktuell passiert, was erzählt wird oder man einer Erzählung in der Erzählung folgt. Das macht das Lesen ab und an anstrengend.

Bernhard Schlink thematisiert in diesem Buch diverse Lebensmuster und Lebensrollen, setzt sie gegeneinander und versieht sie mit Attributen wie richtig oder falsch. Die Sympathien liegen ziemlich offensichtlich bei der Frau, die ausschied aus dem gesellschaftlichen Leben, die auf einer einsamen Insel vor sich hin darbt, während den im (gesellschaftlichen) Leben stehenden Männern ihr Verhalten und Streben im Leben fast zum Vorwurf gemacht wird. Schlink bemüht hier alle nur greifbaren Klischees, das des älteren Ehemannes mit der jungen Frau als Trophäe ebenso wie das des gefühlskalten, karriereorientierten Anwalts, dessen Frau sich selber auslebt und trotzdem vom Leben ernüchtert alkoholisiert gegen einen Baum fährt.

Stünde der Name Bernhard Schlink sonst nicht für gute und tiefgründige Literatur, müsste man nach der Hälfte wohl zum Schluss kommen, dass das Buch vielversprechend begann, diese Versprechen aber leider nicht hielt. Trotzdem muss man dem Buch einiges zugute halten: Es hat eine nachdenkliche Art, lässt auch den Leser über die eigenen Lebensmuster reflektieren. Die Wut über die bemühten Stereotype und Klischees zeigt beim Lesen viel über das eigene Denken, einige Passagen sind philosophisch und tief. Trotzdem ist es wohl der schlechteste Schlink bislang. Schade, er hätte viel Potential gehabt.

 

Fazit:
Nachdenkliche Sicht auf das Leben, das war und auf das, was hätte sein können. Leider oft klischeehaft und insgesamt eine wenig überzeugende Fortsetzung eines vielversprechenden Anfangs.

 

Zum Autor
Bernhard Schlink
Bernhard Schlink wurde 1944 in Bielefeld geboren und ist in Heidelberg aufgewachsen. Er studierte in Heidelberg und Berlin Jura und war danach wissenschaftlicher Assistent. Es folgt eine Professur in Bonn, danach eine in Frankfurt. 1988 wird er Richter des VerfGH für das Land NRW und ist nach der Wende 1989 in Berlin tätig. Heute hat Bernhard Schlink eine Professor für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität in Berlin inne und ist Richter am LVerfGH in Münster. Vom ihm erschienen sind unter anderem Selbs Justiz (1987), Die gordische Schleife (1988), Der Vorleser (1995), Das Wochenende (2008), Sommerlügen (2010).

 

Angaben zum Buch:
SchlinkFrauGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (27. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3257069099
Preis: EUR 21.90 / CHF 30.90

 

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