Aktuell lese ich überall Spott über das Ehe-Aus von Sarah und Pietro. Wie traurig ist das?Haben erwachsene Menschen nichts Besseres zu tun, als ihre Schadenfreude und ihren Spott zu feiern?

Da verliert grad ein Kind seine heile Familie (und ich höre den Spott und die Korinthenkackerei jetzt schon wieder ob dieses Begriffs) und man hat nichts Besseres zu tun, als sich ach so witzig zu fühlen? Ist das die Welt, in der ihr leben wollt? Echt jetzt?

Ich könnte sagen, ich habe es gesagt (und ja, das tat ich) – nur: Wir müssen nicht richten, wir können es selber besser machen. Ich habe so die Nase voll von all dem moralinsauren Urteilen über andere – und immer unter dem Deckmantel von Ironie, Satiere oder „es war nur witzig gemeint“.

Wir haben auf der Welt echt schlimmere Probleme als ein auseinander gehendes Pseudopromipaar. Und jeder hat wohl mit sich selber nochmals genug zu tun – eigentlich.

Ich bin ein Alltagsmensch. Drum gehe ich auch nicht gerne in den Urlaub. Urlaub ist für mich nicht Erholung wie für andere Menschen, Urlaub ist für mich Stress. Er reisst mich nicht nur aus meinem Alltag heraus, er reisst mich- wenn ich weggehe – auch aus meiner Umgebung. Ich habe die Dinge, die mein Leben begleiten, nicht mehr um mich und damit geht für mich ein Stück meines Lebens, meiner Sicherheit, verloren. Ich fühle mich haltlos, weil ich nicht mehr einfach auf meine Dinge zurückgreifen kann. Ich fühle mich unsicher, weil ich nicht einfach meine Wege gehen und die Dinge tun kann, die ich tue, wenn ich mich danach fühle, sie zu tun. Dies, weil sie entweder nicht da sind oder aber einfach die Umstände so sind, dass es nicht geht. Ich fühle mich unbeholfen, weil ich nicht mehr weiss, was ich nun wann, wie machen soll und kann und darf. Und selbst wenn es heisst, ich dürfe alles, wie zuhause, ist es nicht so wie zuhause. Mein Zuhause ist meine Burg, mein sicherer Hafen. Und ich brauche ihn.

Das scheint für andere Menschen schwer verständlich zu sein. „Geniesse den Abstand“, „Geniesse, das Nichtstun“, „Geniesse die Ferien“ – alles Tips, die man kriegt. Den ungläubigen Blick und die Verständnislosigkeit in der Stimme gibt es gratis obendrauf. Wie kann man nur nicht gerne im Urlaub und auf Reisen sein? Ich bin gerne auf Reisen, wenn ich ständig irgendwie beschäftigt bin, Neues sehe, Programm habe, das mich möglichst nicht nachdenken lässt. Sobald die Beschäftigung aufhört, kommt die Leere, die ich zu Hause nicht kenne. Dann kommt das Gefühl, irgendwo verloren zu sein. Ich kann das zwar unterdrücken und mich mit Büchern und Computern, notfalls mit dem Fernseher beschäftigen. Das klappt aber nicht ewig und in mir macht sich eine grosse Trauer, Frustration, Hilflosigkeit breit. Und Heimweh.

Bin ich komisch? Mag sein. Bin ich unnormal? Auch das kann durchaus sein. Aber ich bin nun mal, wie ich bin und muss mit diesem Zug zurecht kommen. Ich habe mich immer schlecht gefühlt, weil ich bin, wie ich bin, mich verurteilt dafür, mit mir geschimpft, weil man so ja nicht sein kann. Und ich fühlte mich in dieser Selbstverurteilung im Recht, wurde sie mir doch von aussen als richtig bestätigt, was sich im Unverständnis anderer Menschen deutlich ausdrückte.

Das Problem ist jedoch: Es kann noch so unnormal sein, es ist, wie es ist. Indem ich es unterdrücke, mache ich es nicht besser, ich werde dadurch keine andere, ich leide einfach. Und das Leiden wird grösser. Und es erdrückt. Teilweise körperlich spürbar. Was man unterdrückt ist ja nicht einfach weg, es ist noch immer da und es hat noch immer die Eigenart, die es hat. Das Unterdrücken hält nur den Deckel drauf, kann aber nicht auf Dauer funktionieren. Langsam fängt das Unterdrückte gegen den Deckel zu drücken an, es wird stärker, will raus, versucht, den Deckel zu heben. Der Druck des Zuhaltens fördert den Gegendruck des Ausbrechenwollens. Bis irgendwann der eine nachgibt. Im besten Fall der Deckel, dann kommt es zu einer Explosion. Im schlimmsten Fall die eigene Seele– dann kommt es zu einem zerbrochenen Menschen. Ob das nicht ein zu grosser Preis dafür ist, normal sein zu wollen und von anderen so gesehen zu werden, muss jeder für sich selber entscheiden.

Die Schweiz ist ein wunderbares Land. Hier darf man alles sagen, alles denken, muss zu nichts Stellung beziehen und ist nie beteiligt, wenn etwas schief läuft. Schliesslich und endlich sind wir neutral. Wir haben mit nichts etwas zu tun, sind eine Insel inmitten des stürmischen Ozeans. Zwar liefern wir ab und an Mittel, die den einen oder andern helfen, dies aber völlig unabhängig und meist auf den eigenen Profit bedacht (wie löblich). Zwar stecken wir auch gerne Geld ein, von diesem und jenem; dies aber genauso unabhängig, da wir alles nehmen, was wir kriegen können und was uns nützt – egal von wem.

In der Schweiz darf man alles sagen und tun. Sogar einen Hitlergruss darf man machen.

Hand gen Himmel, sei gegrüsst.

Das ist nun sogar amtlich, nachdem das Bundesgericht einen entsprechenden Entscheid fällte. Niemand käme zu Schaden, niemand werde zu irgendwas aufgefordert, heisst es im Urteil. Wie tröstlich. Nationalsozialistisches Gedankengut fällt unter den Paragraphen der Meinungsäusserungsfreiheit. Ein Gut, das erst aufgrund der Vorkommnisse des Zweiten Weltkrieges und der damit einhergehenden Gräueltaten erkannt und geschützt wurde (vgl. die Uno-Konvention von 1948), wird nun aufgerufen, das zu rechtfertigen, gegen das es überhaupt erst ins Feld gerufen wurde. Wenn das kein Wahnwitz ist, dann weiss ich auch nicht. Aber wir sind ja neutral und beziehen keine Stellung. Also schweigen wir auch dazu.

Man dürfe die Meinungsäusserungsfreiheit nicht einschränken, heisst es. Drum dürfen wir auch über jeden Furz abstimmen. Sogar, wenn er gegen Grundrechte wie die freie Religionsausübung verstösst. Minarette können vom Volk abgelehnt werden, weil sie irgendwie fremd und Unwohlsein auslösend wirken. Klar. Kann man machen. Ausländer müssen reglementiert einwandern, weil das Boot eh schon voll sei. Irgendwoher kennt man den Spruch. Woher bloss? Nur nicht zu lange nachdenken, man könnte noch auf böse Gedanken kommen.

Dass man nun ungestraft den Hitlergruss machen kann, hilft nicht wirklich, die bösen Gedanken zu vertreiben. Neben dem hauptsächlichen Schweigen, wurden ein paar Stimmen laut, die das Bundesgerichtsurteil stützten, meinten, man könne die Meinungsäusserungsfreiheit nicht hoch genug achten und Mist gebaut hätte der, welcher die Handlung zur Anzeige gebracht hätte. Bloss: Selbst wenn das so sein sollte (man beachte den Konjunktiv, denn Stillschweigen und Wegsehen bei offensichtlichem Übel ist nicht wirklich meine Stellung zum Leben), kann es nicht angehen, dass ein Bundesgericht einen so gelagerten Fall auf diese Weise abhandelt und damit Tür und Tor öffnet für Vorfälle derselben Art, also quasi einen Präzedenzfall schafft.  Aber ich vergass, dass wir ja in der Schweiz sind, neutral und offen und frei: Alles kann, alles darf, niemand bezieht Stellung.

Und wenn die Schweizer nicht irgendwann aussterben, jodeln sie ewiglich weiter und leben fröhlich auf ihrer Insel.

 

Franz Kafka (*3. Juli 1883)

Franz Kafkas Biographie lässt sich kurz und knapp zusammenfassen: Er wird am 3. Juli 1883 in Prag geboren, wo er nach fast einundvierzig Jahren auch begraben wird. Kafka bewegt sich in seinem ganzen Leben sowohl lokal wie auch in Bezug auf Menschen in kleinen Kreisen, kommt kaum je aus seinem Wohnkreis heraus:

Hier war mein Gymnasium, dort in dem Gebäude, das herübersieht, die Universität und ein Stückchen weiter links hin mein Büro. In diesen kleinen Kreis – ist mein ganzes Leben eingeschlossen.

Er pflegt nur wenige Kontakte,  nimmt nicht an literarischen Gesprächen teil, lebt sehr zurückgezogen und still. Sein Freundeskreis ist eng, aber langjährig konstant. Es ist nicht viel bekannt von Kafkas Leben. Das ändern auch die zahlreich vorhandenen Briefe und Tagebücher nicht, welche von Max Brod, Freund und Editor Kafkas, herausgegeben wurden, allerdings stark zensiert. Brods Anliegen war es, Kafkas Bild als Heiligen zu bewahren, alles, was dieses Bild trübte, wurde gestrichen.

Kafka besucht in Prag die Deutsche Knabenschule, wechselt dann ans humanistische Staatsgymnasium. Er interessiert sich schon in seiner Jugend für Literatur, schreibt erste Erzählungen. Leider sind diese frühen Werke verschollen, vermutlich mitsamt den frühen Tagebüchern vernichtet – dasselbe Schicksal sollte auch vielen späteren Werken blühen, hätte Max Brod sich nicht gegen den Wunsch Kafkas gestellt und diese veröffentlicht.

Nach dem Gymnasium startet Franz Kafka mit einem Chemiestudium, wechselt kurz darauf zu Jura. Ein kurzer Abstecher in die Germanistik und Kunstgeschichte – einmal der eigenen Neigung und nicht dem Diktat des Vaters folgend – endet bald und Kafka schliesst schlussendlich Jura mit Promotion ab. Nach einem unbezahlten Gerichtspraktikum tritt Kafka – wieder ganz dem Wunsch des Vaters folgend – die Versicherungslaufbahn an. Er arbeitet 14 Jahre als Prokurist einer Versicherung (reiner Broterwerb) und schreibt nebenher: hauptsächlich nachts, allein, diszipliniert und in Stille.

Ich brauche zu meinem Schreiben Abgeschiedenheit, nicht ‚wie ein Einsiedler’, das wäre nicht genug, sondern wie ein Toter. Schreiben in diesem Sinne ist ein tiefer Schlaf, also Tod, und so wie man einen Toten nicht aus seinem Grabe ziehen wird und kann, so auch mich nicht vom Schreibtisch in der Nacht. […] Ich kann eben nur auf diese systematische, zusammenhängende und strenge Art schreiben und infolgedessen auch nur so leben.

In seinen Werken erfindet Kafka Träume und schafft Metaphern, er erzählt Geschichten, die oft abstrus klingen, aber sehr tief in die Zustände des Lebens seiner Zeit passen, diese offen legen und auch ein Stück weit Kafkas Leiden an ihnen widerspiegeln. Saul Friedländer schreibt in seiner Biographie über Franz Kafka:

In erster Linie war Franz Kafka ein Dichter seiner eigenen Verwirrung.

Kafka kämpft an vielen Fronten und er leidet. Er leidet an seiner Beziehung zu Frauen, leidet an seinem Gefühl von Scham und Erbsünde, er fühlt sich schmutzig und ist anorektisch. Auch sein Verhältnis zu seinem Vater ist problemgeladen. Es gibt fast keinen Lebensbereich, der keine Leiden generiert. Seine Sicht auf die Welt (ausserhalb seines Geistes) ist denn auch eine düstere:

Es gibt nichts anderes als eine geistige Welt; was wir sinnliche Welt nennen ist das Böse in der geistigen und was wir böse nennen ist nur eine Notwendigkeit eines Augenblicks unserer ewigen Entwicklung.

Im August 1917 erleidet Franz Kafka einen nächtlichen Blutsturz, man stellt bei weiteren Untersuchungen eine Lungentuberkulose fest. Ende desselben Jahres schreibt Kafka:

Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen in etwas Unzerstörbares, wobei sowohl das Unzerstörbare als auch das Vertrauen ihm dauernd unbekannt bleiben können.

Kafkas Leben könnte man wohl als dauernde Suche und Sehnsucht nach diesem Unzerstörbaren, nach diesem Vertrauen bezeichnen. Diese Sehnsucht nach Werten und Halt spiegelt sich auch in seinem Werk wieder, wobei seine Figuren bei  ihrem Streben und Suchen immer wieder scheitern.

Nach kurzer gesundheitlicher Besserung holt ihn eine Grippe ein, eine Lungenentzündung folgt und danach gesundheitliche Abbau Jahr für Jahr. Am 3. Juni 1924 stirbt Franz Kafka im Alter von 40 Jahren.

Franz Kafkas Werk:

  • Grosser Lärm (1912)
  • Das Urteil (1913)
  • Die Verwandlung (1915)
  • Der Landarzt (1918)
  • In der Strafkolonie (1919)
  • Der Brief an den Vater (1919)
  • Der Hungerkünstler (1924)

Romanfragmente:

  • Der Process (1925)
  • Das Schloss (1926)

Ich bin anders als die andern Männer.

Wie oft hört man als Frau genau diesen Satz. Was anders ist? Das ist austauschbar, es sind meist Klischees, oft genau die Punkte, die Frau an Männern anprangert. Und das Gegenüber behauptet dann, genau anders zu sein. Witziger Weise sind genau die Männer, die selber behaupten, so anders zu sein, die, welche dann finden, Frauen seien genau so. Auch da ist nicht relevant, wie „so“ ist. Es wird immer dann verwendet, wenn Frau etwas von sich preis gibt.

Wer sind eigentlich „alle Frauen“? Wer „alle Männer“? Was ist typisch und was dem Geschlecht geschuldet? Was bezweckt man damit, anders zu sein? Ist das spannend? Erstrebenswert? Löst man sich damit von Mustern? Gegebenheiten? Sind diese immer schlecht? Zwangsläufig? Anders zu sein erscheint erstrebenswert.

Oft leiden Menschen dann, wenn sie denken, nicht der Norm zu entsprechen. Die Gesellschaft prägt ein Bild, wie man zu sein hat. Es gibt eine ungeschriebene Norm des akzeptierten Seins und Verhaltens. Weicht man davon ab, gehört man nicht dazu. Ist Aussenseiter. Als Aussenseiter fällt man oft durch Maschen, steht aussen vor, ist verachtet, geächtet, einfach nicht dabei. Das schmerzt. Der Mensch ist ein Rudeltier. Er will dazu gehören. Will geliebt werden. Geliebt sind die, die dabei sind, nie die, welche daneben stehen. Anders zu sein ist ein Stigma. Ein Makel. Das will keiner. Die anderen wollen es nicht und darum will man es selber nicht.

Was denn nun? Anders sein oder gleich sein? Kann ja nicht angehen, dass man sich je nach Gegebenheit das Passende aussucht und sich dazu Lorbeeren zum Kranz windet. Schlussendlich läuft alles auf dasselbe hinaus: Schubladen. Man denkt sich die Welt in Kommoden, die Schubladen enthalten. Die einen beherbergen das Gewollte, die andern das Unerwünschte. Je nach Situation greift man in das eine oder andere Behältnis, betitelt es mit „anders“ oder „gleich“. Und fühlt sich unendlich gut dabei, da man immer zielgerichtet in die richtige Lade greift. Oder man fühlt sich unglaublich schlecht, weil man sprichwörtlich keine falsche Lade auslässt.

So oder so: zwei Seiten einer Medaille. Die Medaille ist nicht erstrebenswert. Sie zementiert dasselbe Denken, das in kleinkarierten Mustern. Das, welches Menschen verurteilt. Schubladisiert. Verachtet. Zwängt. Unterdrückt. Die Schubladen sind es, die Leid zufügen. Egal, ob es die guten oder schlechten Schubladen sind. Greifen wir in die guten, sitzt jemand in den schlechten. Sitzen wir in den schlechten, bestimmt jemand anders die guten. Und in all dem verkennen wir, dass wir alle sind, wie wir sind. Und wir ignorieren, dass es alle braucht. Fehlte einer, wäre die Welt weniger bunt. Und würde uns eine schwarze Welt gefallen? Wenn Rosen schwarz auf schwarzen Stengeln in schwarzem Gras von schwarzer Sonne vor schwarzem Himmel mit schwarzen Wolken beschienen würden? Wo bliebe das Rot, das Grün, das Gold, das Blau und das Weiss, die die Welt ausmachen und deren Schönheit?

Mein Vater war immer für mich da. Mein Held, mein Ein und Alles. Ich liebe ihn, liebte ihn, über alles. Er war schwierig, ist es noch. Rechthaberisch, stur, brummig, mittlerweile alt und damit verstärken sich all die Marotten noch mehr. Seine Witze hörte ich mittlerweile 100 Mal, die Anekdoten ebenso. Ab und an jammere ich, was ich gerne anders gehabt hätte. Anders hätte. Ab und an schimpfe ich, wieso er ist, wie er ist. Wieso er war, wie er war. Und doch. Ich liebe ihn, weil ich immer auf ihn zählen konnte. Er sich Zeit für mich nahm. Mit mir baute, bastelte, spielte. Mir die Welt erklärte, mit mir Berge bestieg. Vor mir stand, hinter mir, neben mir. Immer. Und doch. Ab und an ist er alles andere als toll und die Schwächen treten zu Tage. Und ich schimpfe wie ein Rohrspatz und ich kann das gut. Nur: wenn ein anderer kommt und über ihn schimpft. Dann stoppt mein Schimpfen und die Empörung tritt ein. Das innerliche „Das geht doch gar nicht. Das hat er nicht verdient.“ Zwar kenne ich seine Schwächen, aber auch seine Stärken. Ihm nur seine Schwächen vorzuhalten fände ich unfair.

Mein Sohn ist ein lieber Junge. Von Anfang an ruhig, verständig, konnte sich gut selber beschäftigen, hatte und hat ein grosses Herz, will es eigentlich allen recht machen. Und er ist sensibel, sehr sensibel. Dass die Welt oft hart ist, macht das nicht besser. Ich kenne das. Aber er hat auch seine schwierigen Seiten. Er kann unglaublich stur sein. Kann auf objektiv falschen Meinungen beharren und einen angreifen, wenn man nicht klein beigibt. In solchen Momenten könnte ich aus der Haut fahren. Wünschte mich weit weg. Muss bleiben. Möchte toben, muss mich beherrschen. Und dann kommt jemand. Beklagt sich. Erzählt, mein Sohn sei genau so, wie oben beschrieben. Und ich werde zur Löwin. Finde, das geht gar nicht. Mein herzensgutes Kind. Das so gut und humorvoll und anständig ist. Das Kind, das so ein so grosses Herz hat. Klar hat er seine Macken, aber ihn so zu kritisieren, ohne seine guten Seiten zu loben? Das geht ja gar nicht. Das ist unfair.

Grossvater und Enkel lieben sich innig. Doch der Grossvater ist, wie er ist. Der Enkel ebenso. Und es knallt. Der Enkel tobt, motzt, wird ausfällig, der Grossvater kritisiert. Und ich steh da. Finde, so kann man meinen Papa in der Tat nicht behandeln. Finde, so kann man meinen Sohn wirklich nicht verurteilen. Stehe in der Mitte und habe einerseits für beide Verständnis, andererseits fühle ich mit beiden mit und will jeden verteidigen.

Schlussendlich lieben wir uns alle drei weiter. Der Ärger verfliegt, der nächste kommt, die Geschichte geht weiter. Nur: wie oft verurteilen wir sonst im Leben? Aufgrund von kleinen Geschehnissen, kurzen Erlebnissen? Daran messen wir einen Menschen und bilden unsere Meinung. Bauen manchmal gar Feindbilder. Einseitig, geprägt von dieser einen Situation. Zu recht?