Liebe

Ich liebe ihn. Ich kann es ihm nicht sagen. Was wird er von mir denken? Wir kennen uns kaum. Und vielleicht liebt er mich ja nicht. Findet mich nett, ja, aber mehr? Was denkt er dann, wenn ich so raus presche, einfach sage, was ich fühle, was ich will. Er denkt, ich sei vorschnell, voreilig, er will gar nichts. Er findet mich lächerlich, belächelt mich. Vielleicht erzählt er seinem Freund. Er erzählt es allen, die lachen dann hinter meinem Rücken. Wenn ich komme, verstummen sie, weil sie vorher grad noch darüber lästerten, dass ich so eine naive verliebte Kuh bin. Nein, diese Blösse gebe ich mir nicht. Ich werde nichts sagen. Werde warten. Wenn nichts kommt, wird mich das bestätigen und ich werde froh sein, nichts gesagt zu haben.

Wie oft halten wir mit positiven Gefühlen hinterm Berg. Dem anderen zu sagen, was er falsch macht scheint fast einfacher, als die positiven Gefühle offenzulegen. Wir mauern uns ein, schützen uns vor Spott und Häme. Wir fürchten, uns blosszustellen, wenn wir zu uns stehen, weil wir denken, dass wir mit unseren Gefühlen schwach aussehen, vor allem, wenn sie nicht erwidert werden. Wenn ich liebe und nicht geliebt werde, so denken wir, dann ist der andere der Grosse, er ist mehr wert, weil er von mir geliebt wird, ich von ihm nicht. Wir setzen uns damit schon von vornherein in die kleine Position, in die des Schwächlings. Wir denken, unsere Fassade wahren zu müssen, indem wir mit dem Innersten nicht nach aussen treten. Wir nennen es Selbstschutz. Stellen ihn in den Dienst des Gesichts nach aussen, das es zu wahren gilt. Wir merken dabei nicht, dass wir uns selber klein machen, dass wir uns selber nicht Wert genug sind, zu uns zu stehen. Wie soll es ein anderer?

Sind Gefühle wirklich Ausdruck von Schwäche? Ist es wirklich Unterlegenheit, zu lieben und nicht widergeliebt zu werden? Ich denke nicht. Liebe ist das grösste Gefühl überhaupt. Dazu fähig zu sein hebt den so Fühlenden schon über sehr viele Menschen hinweg, die nur noch dem eigenen Profit nachrennen und diesem alles unterordnen, bis sie auf dieser Jagt nach Ruhm, Ehre und Erfolg straucheln und sich ganz tief in Loch sitzen sehen – allein und einsam.

Sind wir schwach und klein, nur weil uns der, den wir lieben, nicht genauso liebt? Hat das irgendetwas mit unserem eigenen Wert zu tun? Auch da denke ich, dass dies nicht der Fall ist. Klar tut es weh und klar wünscht man sich Liebe gegenseitig. Aber wenn man nur darauf abzielte, geliebt zu werden, wäre das Lieben kein Gefühl, schon gar nicht bedingungslos, es wäre ein Tauschgeschäft. Und so funktioniert sie nicht. Liebe fordert nicht, sie gibt. Und ja, man selber wird gerne geliebt. Aber es gibt sicher Menschen, die einen lieben. Nur gerade der eine nicht, den man nun halt gerne hätte. Damit muss man umgehen lernen. Das bedeutet nicht, Mauern bauen und keine Gefühle mehr nach aussen dringen zu lassen. Das bedeutet, sich selber zu lieben, zu sich und seinen Gefühlen zu stehen. Dankbar zu sein, dass man sie hat und an sich zu glauben. Liebe ist kein Tauschgeschäft. Gegenseitige Liebe ist die Sahnehaube, Liebe an sich ist das, was das Leben lebenswert macht. Und wenn man sich wieder mal ungeliebt fühlt, sollte man einfach ganz ehrlich hinschauen und sehen, wer alles da ist, der einen liebt. Und meist sind das ganz viele Menschen. Und wenn es auch nur einer wäre – es beweist: man ist liebenswert.

Wichtig ist, das selber einzusehen und gleich anzufangen, sich selber so zu sehen und sich selber zu lieben. Wenn man das nicht tut, können noch so viele Liebende einem beteuern, wie toll man ist, man wird es nicht glauben und damit irgendwann Keile in diese Liebe drängen. Wenn man es tut, braucht es keinen, weil man zu sich steht. Aber jeder, der mit Liebe kommt, ist dann ein Geschenk, welches das Leben bunter macht – und lebenswert.

2 Kommentare zu „Liebe

  1. Ein sehr sehr gelungener Text. Allerdings die Postulierung eines Ideals, eines idealen Umgangs mit Liebe. Es wäre schön, wenn wir als einfache, geworfene Menschen das immer so umsetzen würden und könnten. Ich versuche es auch, täglich. Aber ich habe mich gerade neulich auch schon gefragt, warum wir so enttäuscht sein können, wenn unsere Liebe nicht erwidert wird. Ich bin noch dabei, darüber nachzudenken…

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