Heute las ich bei Zensho über die Frage „Wer bin ich?“. Die Frage sei komisch, als ob die Welle das Meer frage, wer sie sei und das Meer antworte: Du bist ich, du bist das Meer. Wir alle seien dieselbe Wirklichkeit und nähmen uns nur irrtümlich voneinander getrennt wahr. Und durch diese separate Wahrnehmung entstehe alles Leid. Heisst es.
Ich glaube auch, dass wir im Grunde verbunden sind, alle die eine grosse Wirklichkeit, dieselbe Energie sind. Alle sind wir Materialisierungen ein und derselben Energie. In der Materialisierung aber, so denke ich, sind wir eben doch getrennt und nicht mehr eins. Wir haben uns manifestiert als Individuum, das im Grunde zwar eine gleiche Basis hat wie die anderen Individuen, nun aber eine eigene Ausprägung besitzt.
Was wäre die Konsquenz, wenn wir alle eins wären? Ich wäre du und du wärst ich? Alles, was deins ist, wäre ja dann meins. Meins deins. Eigentum wäre aufgehoben. Rechte gäbe es keine mehr, da wir alle ein Recht auf alles hätten, da alles auch eins wäre. Oder wie weit geht das Einssein? Wo hört es auf? Wir können uns als Teil des Ganzen sehen, das Ganze ist irgendwie auch in uns drin, aber trotzdem bleiben wir wir. In dieser Welt, in der wir leben.
Was hilft uns diese Philosophie des Einssein? Sie hilft uns, Verständnis für den andern zu haben. Sie hilft, Mitgefühl und Liebe zu empfinden und zu bewahren. Wenn der andere genau so ist, wie ich es bin, sehe ich uns als verbunden und fühle mich ihm nah. Es fällt dann leichter, gut für ihn zu fühlen, gut gegen ihn zu handeln, als wenn ich ihn als komplett anders erachetet. Indem ich ihn als gleich sehe, weiss ich, er hat auch seine Ängste, wie ich sie auch habe, er hat auch Schwächen, Stärken, Unsicherheiten, Freuden. Er ist Mensch, wie ich. Nicht mehr, nicht weniger. Das gibt mir etwas Sicherheit und lässt mich besser fühlen. Wäre er komplett anders, wäre ich unsicher, denn ich könnte nicht durchschauen, wie er ist, was er ist, er wäre fremd und Fremdheit schürt Ängste, Abwehr, Misstrauen. Alles das wollen wir aber nicht, sondern wir wollen gute Gefühle, wollen uns öffnen, wollen leben, lieben. Und dazu hilft die Sicht des All-Eins. Die auch nicht verkehrt ist. Nur eben eine absolute Wahrheit darstellt, die von der relativen unserer Welt, in der wir leben, überlagert ist.
Ich denke, die Kunst liegt darin, die eigene Individualität wahrzunehmen, zu leben, zu achten auch, dabei aber das Bewusstsein zu haben, dass wir alle verbunden sind. Durch Energie, durch Wirklichkeit, durch blosse Existenz. Wir brauchen die andern, alleine sind wir schwach und hilflos. Nur wenn wir uns auf die anderen verlassen können, sie sich im Gegenzug auf uns, sind wir überhaupt lebensfähig. Und vielleicht steckt genau darin auch eine Antwort auf meine Frage von gestern: Wieso haben wir Beziehungen? Weil wir im Miteinander stärker sind als alleine. Weil wir nicht geschaffen sind, alleine zu sein. Weil Liebe ein Lebenselixier ist und uns erst lebendig macht.
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Du hast Dich also wirklich mit Schopenhauer beschäftigt 😉
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Aber klar doch – und ich will noch mehr 😉
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Ich habe die Gesamtausgabe (in DE) 🙂
Seine Philosophie über die Frauen ist recht … aeh … interessant (da war er aber wohl schon etwas alt und senil und ausserdem in einem üblen Rechtsstreit mit seiner Vermieterin)
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Ich stolperte kürzlich über den Titel: Über die Weiber – habe es aber noch nicht gelesen…. aber witzig wäre es sicher mal 🙂
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Das ist ein Thema – wahrlich würdig einer Philosophin, wie du es bist! Mir zeigt es vor allem, dass du nicht in die Falle des asiatischen Denkens gegangen bist wie fast die meisten Westler, die sich damit beschäftigen. Du hast wunderbar tiefe Gedanken – und dir dabei die frische Natürlichkeit bewahrt, die Intellektuellen meist abgeht. Was man bei diesen Bildern beachten muss ist, dass die asiatische Logik eine prinzipiell andere ist als unsere europäische.
Das Bild von Welle (oder Tropfen) und Meer wird daher m.E. meist zu kurzschlüssig interpretiert. Die Welle ist nicht das Meer, aber sie ist nicht mehr getrennt vom Meer. Der Tropfen im Meer ist immer noch der Tropfen, aber die Begrenzung ist aufgehoben. Sein oder Nicht-Sein heisst es bei Shakespeare, Sein und Nicht-Sein im Asiatischen. Wenn wir das Meer betrachten, können wir unterscheiden (Welle, Tropfen, Moleküle), aber nicht mehr trennen. Denn Trennung gibt es nur in unserer Vorstellung. Und verschwunden ist vor allem diese illusionäre Vorstellung. Das nennt man dann Samadhi, Satori oder Nirvana. (Und was damit bezeichnet wird, ist nicht das Ende des Weges, sondern erst der Anfang. Aber das ist ein anderes Thema).
Eine andere Quelle westlichen Missverständnisses ist das „Das bist du“ (tat twam asi) der Advaita- (Nicht-Zweiheit) Philosophie. Du bist das Absolute. Ich brauche das nur zu erkennen, und alles ist gut. Nur – so funktioniert das nicht! Ich kann das leicht erkennen – im westlichen Sinne – aber gemeint ist viel mehr. Um zu „erkennen“, dass ich das Absolute bin, muss dieses Ich verlöschen (Nirvvana). Und dann gibt es kein Ich mehr, das ein Absolutes sein könnte. Und doch gibt es das. Fichte spielt in seiner Wissenschaftslehre mit dem faktischen Ich bis hin zum absoluten Ich. Und nirgends ist vom Erlöschen des Bewusstseins die Rede, das in Asien viel eher der Zentralbegriff des Humanen ist. Das Absolute ist Sat – Chit – Andanda (Sein – Bewusstsein – Glückseligkeit; übrigens fast exakt die Terminologie Ratzingers, mit der er die Trinität bezeichnet: Sein – Bewusstsein – Liebe).
Ich glaube du hast völlig recht, und denke, dass das auch näher am asiatischen Denken ist, dass wir beides sehen müssen. die faktische Getrenntheit (die bis zur Isolation führen kann, die aber nachweislich krankhaft ist), und die innere Verbundenheit aller. Das ist übrigens auch physikalisch so. Physikalisch ist alles gleichzeitig, d.h. von irgendeinem Standpunkt kann alles, vom Urknall bis zum Ende der Welt, JETZT sein (Relativitätstheorie), und die Wirklichkeit hinter der Realität ist nicht-lokal, d.h. es gibt keinen Raum, es ist alles DA.
Und damit zum Interessantesten: Von der Welt der Elementarteilchen bis zum Absoluten ist alles Beziehung. Aber wie ein deutscher Kabarettist sagt, übrigens Arzt: Alle Menschen zu lieben ist einfach, bei den konkreten Exemplaren ist das schon viel schwieriger. Aber Isolation macht krank, Altruismus macht gesund. Und dann gibt es noch die Beziehung zwischen zwei konkreten Menschen. Wenn alle eins sind, warum kann ich dann einem einzigen Menschen so millionenmal näher sein? Vielleicht weil dieses Ganze, All-Eine in dieser Welt auch konkret werden muss. Die ganze Welt ist eine andere, wenn man liebt, und man liebt alles in diesem einen Menschen. Liebe ist die Konkretisierung des ALLES in EINEM einzigen geliebten Menschen, der nicht mehr getrennt von mir ist, auch wenn er/sie ein anderer bleibt. Und natürlich macht erst Liebe lebendig. Wer nicht liebt, ist tot, auch wenn er hektisch herumläuft. „Lasst die Toten ihre Toten begraben!“ Sagt der, der Leben und Liebe ist – und Weg (wie wir im Yoga nicht vergessen dürfen).
(Siehst du, wie viele Worte ich brauche, um ein einziges von dir – ALLES – zu erklären? 🙂
Liebe Grüsse
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Dort wo das Ego aufhört, hört auch die Trennung auf…
Namaste….
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