In Deutschland entscheidet heute ein Gericht, ob die NPD weiterhin als Partei zugelassen ist oder ob man sie verbieten soll. Grundsätzlich ist die Parteifreiheit ein wesentliches Element einer freien demokratischen Grundordnung. Bedingung ist, dass sie in sich demokratisch organisiert ist. Der Staat darf – ebenso grundsätzlich – keine inhaltlichen Vorgaben oder Einschränkungen machen.

Die NPD positioniert sich sehr weit rechts aussen, ihr Gedankengut erinnert in vielen Punkten an düstere Zeiten der Geschichte. Reicht das, um einen Grundpfeiler einer liberalen Demokratie zu ignorieren?

Die Parteifreiheit wurde ursprünglich eingerichtet, um Vorkommnisse wie im Dritten Reich zu vermeiden. Nie mehr sollte vom Staat vorgegeben werden können, was Menschen zu denken haben. Nie mehr sollte der Staat das Monopol auf eine Meinung haben. Diese Freiheit soll nun beschnitten werden, um genau diese Vorkommnisse nicht nochmals zu ermöglichen.

Was im Zweiten Weltkrieg passiert ist, darf nie mehr passieren. Es ist richtig und wichtig, dass Staaten Verantwortung übernehmen, dass sie Stellung beziehen und klar zeigen: So nicht, nicht nochmals! Es ist Wichtig, Gesetze zu errichten, die Vorstösse, welche Leib und Leben von Menschen aufgrund einiger ihrer Eigenschaften bedrohen, sanktionieren. Rassismus, Diskriminierung, Volksverhetzung und Aufruf zu diesen Handlungen sollten streng geahndet werden.

Die Frage, die sich – philosophisch – trotzdem stellt: Darf man grundlegende Rechte einer Demokratie negieren? Heiligt der Zweck die Mittel? Schwächt man damit nicht die Demokratie und gibt den Entrechteten neue Argumente in die Hand? Sind die Aussagen und Parolen in einer regulären Partei gesammelt und ausgesprochen nicht besser fass- und behandelbar als nachher in geheimen Verbünden und unter Verschwörer-Deckmantel? Denn: Man wird doch nicht glauben, dass nach Auflösung der Partei die Gesinnung gestorben ist? Sie wird weiterleben und das mit noch mehr Wut im Bauch. Und: Wut ist immer gefährlich.

Auf den Suchen nach den eigenen Wurzeln

Lieber Gott, ausgerechnet Afghanistan! Du musst verrückt sein, Felicity, wirklich. Hast du so lange studiert, nur um anschliessend am Ende der Welt mit einem Schleier herumzulaufen?

Felicity hat soeben ihr Medizinstudium beendet, sie ist mit einem zuverlässigen, sie liebenden Mann, der dazu noch anerkannter Chirurg ist zusammen. Glück pur? Könnte es sein, wenn Felicity das nicht alles hinter sich lassen und nach Afghanistan gehen wollte. Eine Flucht oder Berufung?

Doch je näher das Ende des Studiums und die Prüfungen gerückt waren, umso stärker war der Drang geworden, wieder eine neue Richtung einzuschlagen, auszubrechen aus ihrem geregelten Leben.

[…] Ohne ergründen zu können, woher der melancholische Satz kam, dachte sie: Ich werde das Land der Liebe niemals betreten.

Alles ist gepackt, eigentlich kann es losgehen zum Flughafen, doch Felicitys Mutter ist verschwunden – diese hatte sie fahren wollen. War das ein Versuch, Felicity von ihrem Plan abzubringen? Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter war immer eher distanziert gewesen, aber dass sie ihr nun Steine in den Weg legte? Ob ihr was passiert war?

Nach einem ersten Schrecken und den Gedanken an das Schlimmste, steht fest: Nach einem kurzen Besuch im Pflegeheim ihrer kürzlich versztorbenen Mutter ist sie mit einem Karton unter dem Arm aus diesem gestürmt und sogleich nach Rom abgeflogen. Felicity verschiebt ihre Reise nach Afghanistan und reist ihrer Mutter hinterher. Was sie in Rom erfährt, weckt auch ihr Interesse: Die ganze Vergangenheit, wie sie bislang erzählt worden ist, war auf Lügen aufgebaut. Die Wahrheit geht tief, führt zurück ins Naziregime. Je tiefer die beiden Frauen graben – und sich dabei als Mutter und Tochter näher kommen –, desto brisanter werden die Funde.

Hanni Münzer hat mit Honigtot aus dem Vollen der Schriftstellerkunst geschöpft: Eine emotionale Geschichte, die von ihren lebensnahem Charakteren lebt, Schauplätze, die plastisch werden und damit den durchdachten, spannend aufgezogenen und stimmig ausgeführten Plot lebendig werden lassen. Die historischen Hintergründe sind fundiert recherchiert ohne dabei zum Geschichtsunterricht zu werden. Alles in allem ein wunderbarer Lesegenuss.

Fazit:
Eine emotionale Geschichte, bei der alles stimmt: Plastische Schauplätze, lebensnahe Charaktere, stimmiger Plot und Spannung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Hanni Münzer
Hanni Münzer hatte schon immer eine lebhafte Fantasie (zum Leidwesen von Eltern und Lehrern) und verschlang bereits als Sechsjährige jedes Buch. Nicht alles war jugendfrei. Aus der Leidenschaft zu lesen, entwickelte sich die Leidenschaft zu schreiben.
2013 veröffentlichte die in Wolfratshausen Geborene ihr Debüt „DIE SEELENFISCHER“. Es war ein Experiment, das versehentlich gelang. Plötzlich war sie Autorin.

Interview mit der Autorin: Nachgefragt

Angaben zum Buch:
MünzerhonigtotTaschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. April 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492307253
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

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Das geschriebene Ich

Eine Annäherung an Auschwitz ist unmöglich, es sei denn, von Gott aus; Auschwitz ist eines jener grossen Menetekel, die in Gestalt eines schrecklichen Schlags auftreten, um den Menschen hellhörig zu machen – falls er hinhört. Statt dessen werden wissenschaftliche Motive vorgebracht, wird von der Banalität des Mordens geredet, was wie ein Gruss aus der Hölle klingt.

Imre Kertész beschreibt sein Nomadenleben zwischen den Metropolen, fühlt sich als Flüchtiger, nirgends zu Hause ausser im Schreiben und auch das scheint ihm abhanden zu kommen. Viele seiner Gedanken führen nach Auschwitz zurück, zeigen die Präsenz, die dieser Ort und seine Vergangenheit, noch immer haben. Die Vergangenheit entzieht sich seinem Verständnis, er kann sie nicht fassen, nicht einordnen, weiss nur, dass er sie nie los wird und sie sein Leben begleitet, bedrückt, oft unterdrückt.

Die Welt nicht verstehen, bloss weil sie unverständlich sei, ist Dilettantismus. Wir verstehen die Welt nicht, weil es hienieden nicht unsere Aufgabe ist.

Ich – ein anderer ist eine Suche nach der Identität. Imre Kertész reist gedanklich und real durch Zeit und Ort, reiht Erinnerungen, Erlebnisse, Situationen aneinander, versucht sich darin zu finden und bleibt sich doch immer fremd. Die einzig sicheren Merkmale sind sein Judentum, Auschwitz als Vergangenheit und das, was ihn dazu anhält, beides immer wieder zu thematisieren und damit sich selber neu zu finden: Das Schreiben.

Meine einzige Identität ist die des Schreibens. (Eine sich selbst schreibende Identität.)

 

Fazit:

Leicht zu lesen, schwer zu verarbeiten – psychologisch tief, menschlich offen bietet das Buch Einblicke in das Leben eines Menschen, der auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor

Imre Kertész
Imre Kertész, geboren 1929 in Budapest, wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst als Journalist, seit 1953 dann als freier Schriftsteller und Übersetzer in Budapest. Anfang der 70er Jahre schrieb er seinen autobiographischen Roman eines Schicksalslosen, welcher  zunächst von den Verlagen abgelehnt und nach seiner Veröffentlichung 1975 jahrelang ignoriert wurde. Erst die Änderung der politischen Situation in Ungarn brachte die lange versagte Anerkennung.  2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Von Imre Kertesz erschienen sind unter anderem Roman eines Schicksalslosen (1975), Fiasko (1988), Kaddisch für ein nicht geborenes Kind (1989) und Ich ein anderer (1997).

KerteszIchAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (1. Oktober 1999)
Übersetzung: Ilma Rakusa
ISBN-Nr.: 978-3499225734
Preis: EUR  7.50 / CHF 11.60

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH

 

 

 

 

 

 

Mein Sohn fragte mich, was passieren müsste, dass die Palästinenser und die Israeli friedlich leben könnten, dass der Krieg da beendet würde. Ich sagte, dass sie einsehen müssten, dass es genug Platz hätte für beide, dass sie einen Weg finden müssten, in einem Land miteinander leben zu können, jeder die Andersartigkeit des jeweils Anderen akzeptierend.

Mein Sohn meinte darauf, dass es aber vielleicht wirklich nicht genug Platz hätte für beide. Dass vielleicht wirklich einer weichen müsste, sich zumindest einschränken. Wie könnte man dann friedlich einfach miteinander wohnen? Wie war es zu dieser Situation gekommen?

Eines Tages suchten die Alliierten eine Lösung für die Juden nach dem Zweiten Weltkrieg. Man einigte sich ziemlich schnell, sah sich im Recht und errichtete den Staat Israel. Man berief sich auf historische Tatsachen, die Juden waren schon mal hier, die gehören hier her. Dass auch die Araber hier gewesen wären, vielleicht schon früher, war irrelevant. Dass schon vor Vertragsbeschluss Unheil angekündigt wurde, ignorierte man. Man brauchte eine Lösung, fand auf dem Papier eine und setzte sie um.

Es kam, wie es kommen musste. Die schon Dagewesenen öffneten nicht einfach freudig die Türen, sondern sie liessen die Eindringlinge missmutig kommen. Der Platz wurde rarer, verschiedene Anspruchsrechte trafen aufeinander. Was soll daraus resultieren als Konflikt? Natürlich stellt man sich eine heile Welt vor, in der Blumen vom Himmel fallen und man die verlorenen Brüder willkommen heisst. Dieses Willkommen war aber keines, weil niemand von Brüdern wusste, keiner die daher Kommenden als solche sah. Man sah nur, was sie einem nahmen. Plötzlich sollte der Staat ihrer sein. Auch wenn es auf dem Papier von einem zweigeteilten Staat hiess – was schon schlimm genug war – Thema war nur immer der eine. Und der eine existierte nur, weil man dem anderen etwas weggenommen hatte.

Mein Sohn und ich stellten uns so vor, wie wir uns fühlen würden, wenn plötzlich jemand an der Tür klingelte und sagen würde, die Schweizer Regierung hätte beschlossen, dass unsere Vormieter wieder in unsere Wohnung dürften. Sie wären vor uns dagewesen und aus national wichtigen Gründen sähe man eine solche Massnahme als wertvoll an, zumal sonst das Problem bestünde, dass diese Familie auf der Strasse wäre, kein Zuhause hätte, was nach dem ganzen Leid, das sie und Ihresgleichen in den letzten Jahren hatten, nicht zumutbar wäre und man ihnen als Zeichen des Respekts von Staates Wegen helfen wolle, helfen müsse.

Die Not leuchtet ein: Da muss ein Zuhause her. Zuhause bildet sich aus Erinnerungen, aus Werten, die sich überliefern im Zusammenhang mit einem Volk. Was  also sollte Israel im Norden Kanadas? Da waren die Juden nie gewesen, da hatten sie keine Wurzeln. In Israel schon. Nur sassen da nun andere. Worte von Miteinander und Nächstenliebe sind toll, die fühlt man und findet man gut. Nur wenn sie einem das Zuhause streitig machen, wird das wohl schwieriger.

Und so sitze ich noch immer hier und frage mich: Wie soll man das lösen? Wer ist im Recht? Opfer sind sie alle irgendwie. Und Opfer schlagen um sich, weil sie sich verteidigen wollen. Und beide Seiten haben einen Wunsch: Ihr Zuhause zu bewahren, eines überhaupt zu haben. Wer ist hier also der Böse? Wer der Gute? Und wie will man da von aussen kommen und Stellung beziehen? Vom warmen Zuhause aus lässt sich das gut entscheiden. Man steckt nie drin und fühlt nie mit. Man hat Theorien, die blumig und gut klingen. Sie mögen sogar viel Wahres in sich tragen. Das Menschliche Leben besteht nicht nur aus Faktenlagen und theoretischen Argumentationsketten. Beschlüsse von aussen können noch so überlegt sein, sie vernachlässigen oft das elementar Wichtige: Die menschlichen Befindlichkeiten, die Bedürfnisse, Schwächen und Gefühle.

Gibt es eine Lösung? Ich weiss es nicht. Ich möchte nicht urteilen wollen, würde mir aber Frieden wünschen. Denn bei allem Verständnis für beide Seiten, verlieren durch diese Auseinandersetzung schlussendlich beide mehr, als sie überhaupt noch gewinnen können.

Ein Publizist in Ungarn ruft zur Vernichtung der Roma auf. Sie seien Tiere und man müsse sie mit allen Mitteln vernichten, da sie nicht existieren sollten. Die Regierung schweigt und dieses Schweigen trägt die Botschaft:

Rassistische Hetze ist erlaubt, wenn sie die richtige Minderheit trifft.

Die Roma in Ungarn leben in grosser Armut. Arbeit kriegen sie nicht, Geld nur wenig. Von den politischen Parolen erfahren sie nichts, ihr einziges Interesse gilt dem puren Überleben. Vermutlich verdrängen sie den Rest, haben resigniert. Dieses Phänomen zeigte sich auch in der Zwischenkriegszeit, die österreichischen Soziologen Paul Lazarsfeld und Marie Jahoda beschrieben es folgendermassen:

Armut und Langzeitarbeitslosigkeit führen nicht zu Wut und Revolte, sondern zu Hoffnungslosigkeit und Apathie. Wer einmal in diesem Zustand ist, findet kaum mehr heraus.

Die Lebensbedingungen der Roma sind menschenunwürdig. Als verachtete Minderheit leben sie in Armut. Wenn nun öffentlich zu ihrer Ausrottung aufgerufen werden darf und die Regierung wortlos zuschaut, sind das bedenkliche Zeichen. Es sind Zeichen, die zeigen, dass man aus der Geschichte nichts gelernt hat und dass das, was den Armeniern in der Türkei 1915 oder den Juden im 2. Weltkrieg passierte, jederzeit wieder geschehen kann.

Rückt die Welt nach rechts? Sind es nur einzelne Staaten? Wer gebietet ihnen Halt?

Die Zitate zu diesem Artikel stammen aus „Die Ausgestossenen“, TA vom 02.02.2013