Erwin Koch: Von dieser Liebe darf keiner wissen

Von dieser Liebe darf keiner wissen vereint Kurzgeschichten, die von der Liebe handelt, vom Leben und der Ohnmacht, der man sich in beiden ausgeliefert sieht. Es sind Geschichten von Menschen, die sich den Schwierigkeiten des Lebens gegenüber stehen und sich diesem Leben stellen müssen, weil sie keine andere Wahl haben.

Sarah fasst sich ans Becken, rechte Seite, und stöht auf, es ist 17 Uhr, längst finster im Dorf am 8. Dezember 2007, ein Samstag, die Welt riecht nach Schnee.

Mit Schmerzen beginnt an einem Samstag Morgen der lange Leidensweg von Sarah. Leukämie heisst die Diagnose, Chemotherapie, Haarverlust, Schmerzen, Angst, Kampf und Wut sind die Folgen.

Mein Lachen, sagen alle, das lieben sie, doch es ist gelogen, wie alles von mir. Das richtige Lachen, das habe ich verlernt, denn meine Tränen, die haben sich vermehrt.

Sarah geht ihren Weg durch diese Krankheit, stellt sich ihr und hält sich an ihre Pläne, die sie für ihr bevorstehendes Leben hat.

Was, wenn man anders ist als die anderen, aber nicht weiss wieso? Wenn die Eltern und Grosseltern einem sagen, was geht und was nicht und dies die Sicht auf das eigene Ich versperrt?

Dario gefällt ein Mädchen, erste Liebe im fünften Stock, man langweilt sich, Schluss nach drei Monaten. […] Ist das normal? Eigentlich will er jetzt keine Freundin mehr.

Dario lebt das Leben, wie es sich gehört, heiratet, hat Kinder, einen Beruf – bis alles nicht mehr weiter geht. Zumindest nicht so. Damit steht er am selben Punkt wie zwei Priester, die nur noch einen Ausweg sehen, nämlich sich umbringen zu lassen, damit ihr Geheimnis mit ihnen ins Grab geht.

Nicht mehr weiter wie bisher geht es auch für eine britische alte Dame, welche die Hinrichtung ihres Vaters im Ersten Weltkrieg nicht einfach hinnehmen, sondern für seine Rehabilitierung kämpfen will.

Von dieser Liebe darf keiner wissen erzählt in kurzen, berührenden Geschichten von einem Leben, das vom Sterben bedroht ist, von einem Leben zwischen dem, was geht und was nicht. Es sind Geschichten über Menschen, die diesem Leben einerseits ohnmächtig gegenüber stehen und es doch in die Hand nehmen und ihren Weg hindurch suchen.

Erwin Koch beschreibt ganz normale Menschen in deren ganz normalem Umfeld, welches mal in der Schweiz, mal in den Niederlanden, in China, Brasilien ist. Er tut dies in einer klaren, kurzen, knappen Sprache, der jegliches Pathos fehlt. Die Geschichten wirken durch ihre Figuren, die auf eine liebenswürdige Weise gezeichnet sind, die nachvollziehbaren Schwierigkeiten ausgesetzt sind und dadurch berühren.

Fazit:
Lebensnahe Kurzgeschichten zwischen Leben und Sterben. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Erwin Koch
Erwin Koch wurde 1956 in Hitzkirch, Schweiz, geboren und ist promovierter Jurist. Er war als Redaktor für den (Zürcher) Tages Anzeiger sowie dessen Magazin tätig und arbeitete als freier Journalist für diverse Zeitungen und Zeitschriften, unter anderen die FAZ, Brigitte, Geo, Die Zeit. Von ihm erschienen sind unter anderem Sara tanzt (2003), Der Flambeur (2005), Nur Gutes (2008), Was das Leben mit der Liebe macht (2011)

KochLiebeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 191 Seiten
Verlag: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag (25. Februar 2013)
Preis: EUR  17.90 / CHF 28.90

Zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Milena Agus: Die Welt auf dem Kopf

Eine junge Studentin wohnt in einem Haus in Cagliari, unter ihr lebt Anna mit ihrer Tochter, oben Mr. Johnson. Die Schicksale der drei Stockwerke vermischen sich, die Menschen des Hauses wachsen langsam zu einer Familie zusammen. Die junge Studentin hängt an dieser Familie, da sie alles ist, was sie hat. Ihr Vater hat sich das Leben genommen, ihre Mutter flüchtete sich in eine Geisteskrankheit.

…sie seien einfach wehrlos gegenüber dem Leben gewesen. Wir Menschen seien nun einmal nicht, wie die anderen uns gerne hätten. Daran könne man verzweifeln, ja, sogar sterben. Oder aber man akzeptiert, dass man anders gestrickt ist als andere…

Die junge Frau blickt auf eine Vergangenheit voller Verlusten in der eigenen Familie zurück, woraus Verachtung und Isolation im Umfeld resultierte. Zurück bleibt die Angst, dass ihr dieses wieder passiert, sie die Menschen, die ihr nun nah sind, wieder verlieren könnte. Sie sucht ihren eigenen Weg, ihren Platz im Leben, weiss aber nicht genau, wo ihn finden. Das lässt ab und an Wehmut aufkommen, Verzweiflung fast.

Ob ich nun Romanschriftstellerin werde oder nicht, ich glaube, dass ich nicht für diese Welt geschaffen bin und es besser gewesen wäre, ich wäre gar nicht erst auf die Welt gekommen.

Trotz allem glaubt sie an die grosse Liebe, lebt ein Leben voller Mitgefühl, voller Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Sie schöpft immer wieder neuen Mut, geht ihr eigenes Leben an, fängt an zu schreiben und schreibt dem Leben den Fortgang zu, wie sie ihn sich für sich und die, welche ihr lieb sind, wünscht.

Die Welt auf dem Kopf ist eine Geschichte voller Farben und Gerüchen, voller Liebe und Enttäuschungen, voller Hoffnungen und Ängsten. Es ist die Geschichte von unterschiedlichen Menschen, die alle dasselbe wollen: ein glückliches Leben. Allerdings gehen sie alle von unterschiedlichen Voraussetzungen aus und kommen durch ihr Naturell an unterschiedliche Orte. So gesehen das ganz normale Leben.

Die Frage nach dem Normalen steht im Zentrum von Milena Agus’ Geschichte. Wer oder was ist normal und wo fängt das Abnormale an? Was ist Natur, wo wird sie verkehrt?

„Und was ist bitte schön normal?“, fragte ich.
„Das, was die Mehrheit der Menschen tut! Normal ist man, wenn man ungefähr so ist wie die anderen.“
„Nein, weil wenn man verrückt ist und sich in einer Irrenanstalt befindet, ähnelt man ja auch den anderen, obwohl man nicht normal ist.“

Jede der Figuren von Milena Agus hat ihre normalen und ihre merkwürdigen Seiten. Alle sind sie liebenswürdig auf ihre Weise. Es sind Menschen, die sich kümmern, Menschen, die sich gegenseitig Familie sind. Es sind Menschen aus der Nachbarschaft, die langsam zusammen wachsen und eine Welt bilden, wie sie eine Autorin hätte entwerfen können. Milena Agus zeichnet eine Welt, die Mut macht, eine Welt der leisen Töne, eine Welt, die fein und zart erscheint und trotzdem die Tiefen des Lebens auslotet.

Fazit:
Eine wunderschöne Geschichte mit märchenhaften Zügen über das Leben, über den Tod, und alles, was dazwischen ist. Ein Buch, das Mut macht, tief, nachdenklich und doch froh ist. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Milena Agus
Milena Agus kam 1959 in Genua als Kind sardischer Eltern auf die Welt. Sie lebt heute in Cagliari, Sardinien, und unterrichtet an einer Schule Italienisch und Geschichte. Von Milena Agus erschienen sind bereits Die Frau im Mond (2009), Solange der Haifisch schläft (2009), Die Flügel meines Vaters (2010), Die Gräfin der Lüfte (2011)

AgusWeltAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: dtv (April 2013)
Übersetzung: Monika Köpfer
Preis: EUR 17.90 / CHF 25.90

Hartmut Lange: Das Haus in der Dorotheenstrasse

Man hörte das Knacken einer Sprechanlage, wurde von einer Stimme auf den dritten Stock im Vorderhaus verwiesen, in eine Wohnung, die Denninghoff nur allzu gut kannte. Dort hatte er die letzten Jahre mit seiner Frau verbracht, und wie oft hatte er gewünscht, sich in den Räumen, die ihm vertraut waren, nochmals umzusehen.

Nach dem Tod seiner Frau zieht Denninghoff aus der gemeinsamen Wohnung aus. Er erträgt die Umgebung, in der sein gewohnter Alltag, der ein glücklicher gewesen ist, mit einem Schlag beendet war, nicht mehr. Schon kurze Zeit drauf bereut er diesen Schritt, hängt seine ganzen Gedanken an ein Poster, das in dieser Wohnung gehangen hat und das er wieder haben will. Er sieht es vor sich, bricht in die Wohnung ein, im Glauben, es müsse noch da hangen. Doch genauso wenig wie er das Bild wieder findet, lässt sich das alte Leben zurückholen.

Diese und vier andere Erzählungen finden sich in Hartmut Langes Novellenband. Hartmut Lange lässt seine Geschichten durch detaillierte Umgebungsbeschreibungen realistisch wirken, man sieht sich dem normalen Leben inmitten einer plastischen Umwelt, sei es Stadt, sei es Natur, gegenüber. Es sind Geschichten aus dem Leben von normalen Menschen, die ein normales, von Gewohnheiten geprägtes Leben führen und damit glücklich sind.

Es sind Geschichten vom kleinen Glück des Alltags, welches plötzlich getrübt wird. Sei es der Tod der geliebten Frau, die Aussage einer Frau über den eigenen Mann oder das Spiel einer toten Cellistin, alles bewirkt eine plötzliche Abkehr der Gedanken vom guten Alltag. Plötzlich ist nicht mehr das gewohnte Leben im Zentrum, sondern eine Besessenheit nimmt überhand und wird zum grossen vereinnahmenden Loch. Wie soll man damit umgehen?

„Was unmöglich erscheint, kann man herbeizaubern“ Und: „Was wäre das für eine Welt, in der es nicht gelingt, die Wirklichkeit durch eine Täuschung aufzubessern“

Hartmut Lange beschreibt die menschliche Fähigkeit, den eigenen Gedanken mehr Realität zu geben als dem gewohnten Alltag. Was ist Wirklichkeit, was Lebenslüge? War die bisherige Gewohnheit nur Wegschauen und nun ist man aufgewacht? Sind die neuen Gedanken eigene Sehnsüchte, Ängste, welche irrational sind? Das blosse Denken einer Möglichkeit wird zur Obsession, der kaum entkommen werden kann. Entweder man findet einen Weg, mit dem Zerstörerischen umzugehen oder es zieht einen in den Abgrund.

Fazit:
Geschichten aus dem Leben, menschlich, realistisch und doch phantastisch. Empfehlenswert.

Der Autor: Hartmut Lange
Hartmut Lange wurde 1937 in Berlin-Spandau geboren, wurde mit seiner Familie im Alter von zwei Jahren nach Polen umgesiedelt und kehre 1946 mit seiner Mutter nach Berlin zurück. Er studierte an der Filmhochschule Babelsberg Dramaturgie und erhielt 1960 eine Anstellung am Deutschen Theater in Ostberlin. 1965 verliess er die DDR und reiste über Jugoslawien nach Westberlin, arbeitete da für verschiedene Theater. Er schreibt hauptsächlich Erzählungen und Prosa, Werke von ihm sind u. a. Tagebuch eines Melancholikers, Vom Werden der Vernunft, Eine andere Form des Glücks, Der Wanderer. Hartmut Lange lebt mit seiner Frau in Berlin und bei Perugia in Umbrien.

LangeDoroAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 125 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (2013)
Preis: EUR 19.90 / CHF 29.90

Alles hat ein Ende

Vor nicht allzu langer Zeit stand meine Welt kopf. Mein Vater schwebte am Abgrund des Todes, alles hing am seidenen Faden. Ich sah mich selber vor dem Abgrund, es fehlte jeglicher Halt, vor mir nur gähnende Leere und Verzweiflung. Ohne ihn? Das ging nicht. Das war unvorstellbar. Natürlich hatte ich mir oft vorgestellt und rational bewusst gemacht, dass das wohl irgendwann kommen würde. 80 ist ein Alter, das das Ende möglich erscheinen lässt. Der Umstand, dass seine Mutter 106 wurde, hielt die Hoffnung auf viel Aufschub am Leben, den frühen Tod des Vaters verdrängte man bei den Berechnungen gerne.

Der Anruf kam, alles stand auf der Kippe – sein Leben, mein Halt. Der Zeiger ging auf die richtige Seite, er überlebte haarscharf, kämpfte sich mit Geduld (die ihm ebenso fehlt wie mir) zurück ins Leben. Er kam Stück für Stück zurück. Zuerst als Überlebender, dann als an ihn Erinnernder, schlussendlich als der, den ich kannte. Trotzkopf gegen fade Diät, Sturer in Bezug auf was gut und schlecht ist und schlussendlich als mein Papa, den ich so vermisste in der ganzen Zeit. Der Halt, der Pol, das, was einfach ist, mir so ähnlich, mich so verstehend, mich im Nichtverstehen so auf die Palme bringend. Einfach er.

Langsam wird ihm bewusst, wie nah am Tod er war. Er erlebt alles nochmals wieder, wird sich bewusst, was davon er wahrnahm, wo er abwesend war. Er sieht die Endlichkeit, die so drohend da war und weiss um das Glück, das er hatte.

Es hat nicht viel gefehlt. Fast hätte es Grossväterchen nicht mehr gegeben.

Das sagte er mir heute am Telefon. Bei meinem Sohn entschuldigte sich der liebende Grossvater, dass er an Weihnachten nicht für ihn da war. ich bin unendlich glücklich, ist er noch/wieder da. Ich bin unendlich dankbar, musste ich den Schmerz nicht länger als ein paar ungewisse Tage/Wochen ertragen. ich bin noch viel dankbarer, einen solchen Vater zu haben. Einen Menschen, der mir so nah, so wichtig ist. Der so viel Liebe hat und gibt. Und vor allem dankbar, dass ich Menschen habe, die ich so lieben darf.

So soll es sein, so soll es bleiben.

Das sang einst eine deutsche Band, das ist, was wir uns alle wünschen. Das Gute soll bleiben, das Schlechte schnell vergehen. Leider haben wir es nicht in der Hand. Darum gibt es nur eines: Heute zu schätzen, was ist, es bewusst wahr- und anzunehmen. Selbst wenn es morgen nicht vorbei ist, ist es wert, heute genossen zu werden. Das Leben ist nicht selbstverständlich. Manchmal vergisst man das so leicht im Trubel des eigentlich belanglosen Streben nach noch Belangloserem.

Kemal Kayankaya löst keine neuen Fälle mehr

Jakob Arjouni

(Bild: Diogenes)

Noch vor kurzem las ich über die Verlagsszene und einer komplizierten Familiengeschichte, mitten drin Kemal Kayankaya, der zwei Fälle verfolgte, die sich langsam zu einem verdichteten. Dieses war der letzte Fall des findigen Detektivs. Sein Schöpfer, Jakob Arjouni, ist heute, am 17. Januar 213 im Alter von 48 Jahren an einer Krebserkrankung gestorben. Er hinterlässt eine Frau und Kinder. Ihnen gilt meine Anteilnahme.

Zurück bleiben seine Bücher, die so manches Lächeln aufs Gesicht zaubern. Zurück bleibt Trauer und Wehmut über das viel zu frühe Ableben eines kreativen Menschen, der mit seinem Werk viel Freude bereitet hat.

Weitere Links zum Tod von Jakob Arjouni:

Todesnachricht beim Diogenesverlag

NZZ online vom 17.1.2013

Schweizer Radio und Fernsehen, 17. 1. 2013

Spiegel Online, 17. 1. 2013

Links zu Jakob Arjouni:

Diogenes Autorenseite

Jakob Arjouni bei Wikipedia

Rezension in diesem Blog:

Rezension zu „Bruder Kemal“

Der Mensch und das Leben

Heute blätterte ich in meinem Gedichtebuch und schlug spontan die Seite mit folgendem Gedicht auf:

Der Mensch

Empfangen und genähret
vom Weibe wunderbar,
kömmt er und sieht und höret
und nimmt des Trugs nicht wahr;
gelüstet und begehret
und bringt sein Tränlein dar;
verachtet und verehret;
hat Freude und Gefahr;
glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
hält nichts und alles wahr;
erbauet und zerstöret
und quält sich immerdar;
schläft, wachet, wächst und zehret;
trägt braun und graues Haar,
und alles dieses währet,
wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
und er kömmt nimmer wieder.

Matthias Claudius hat dieses Gedicht 1783 verfasst. Er war zu diesem Zeitpunkt 43, hangelte sich von Stelle zu Stelle, jede sah anfangs vielversprechend aus, endete aber im Nichts. Der finanzielle Erfolg blieb aus. Das Leben als Hamsterrad, ständiger Neuanfang, Aufbau und jäher Absturz. Kein Wunder kam er zu einer solch pessimistischen Sicht. Oder ist sie realistisch?

Das Bild vom Aufbau, Erhalt und von der Zerstörung, dieser Kreislauf des Lebens taucht auch in der östlichen Philosophie auf. Der Hinduismus ordnet den drei Prinzipien die Götter Brahman, Vishnu und Shakti zu. Es scheint sich dabei um eine universale Erfahrung zu handeln. Damit könnte man sich abfinden, sich denken: So ist es halt, das ist das Leben.

Der Mensch strebt aber nach mehr. Er möchte Glück, möchte Erfolg. Er kann mit Zerstörung nicht umgehen, sie bedeutet für ihn Verlust, Versagen und das will er nicht annehmen, das möchte er weit aus seinem Leben streichen. Der Wunsch kann noch so gross sein, schlussendlich nehmen die Dinge immer ihren Lauf. So wie das Leben selber ein Kommen und Gehen ist, so passiert das auch im Kleinen. Alles, was ist, kam irgendwann und geht folgerichtig irgendwann wieder. Das hat man nicht in der Hand. Man kann hadern, Theorien erfinden, Strategien ausdenken, den Lauf der Dinge wird man nicht ändern. 

Was man in der Hand hat, ist die eigene Haltung dazu und auch, wie man diesen Lauf für sich prägt, gestaltet. Mann kann entscheiden, was man aufbauen will, kann seine Kraft in den Erhalt der positiven Werte geben und am Schluss schauen, dass die Zerstörung kein Untergang, sondern Platz für etwas Neues ist. Das Leben steht nie still und so wenig tun wir Menschen es. Zu denken, was mal erbaut ist, steht ewig, wäre gleichzusetzen mit einem Todeswunsch. So lange die Dinge leben, bewegen sie sich. Das erfahren wir oft als Bedrohung, weil wir den Verlust fürchten. Sähen wir es als Chance, könnten wir mit Freude darauf zu gehen. Oder ist die Welt wirklich perfekt, wie sie ist?

Max Frisch: Antwort aus der Stille

Er weiss nur, dass es kein Wiedergutmachen gibt, wenn man sein Leben verpfuscht hat, kein Zurückgreifen in vergangene Zeit, kein Nachholen und Verbessern, keine Gnade; er weiss es wie noch nie, dass alles endgültig ist, was man tut oder nicht tut, jeder Irrtum, jedes Versäumnis […]

Die Geschichte eines Mannes, der den Tod riskiert, um das Leben zu finden. Ein Mann, der sich nicht mit dem zufrieden geben will und kann, was gemeinhin als Leben erscheint. Für ihn ist es nur sinnloses Dasein. Er will mehr, sucht den Sinn des Lebens, sucht sich selber. Er kann sich nicht abfinden mit dem Belanglosen, will ganz hoch hinauf – im wahrsten Sinne des Wortes, in der Hoffnung, da Antworten auf seine Fragen zu finden, Antworten, die über dem Leben stehen, die von weiter oben, von ausserhalb all dessen kommen, das man auf der Erde findet.

 […] immer bleibt diese einsame Stille zurück, die um alles Leben ist und jeden Aufschrei verschluckt, als sei er nie gewesen, diese namenlose Stille, die vielleicht Gott oder das Nichts ist.

Es ist eine metaphysische Suche, getrieben vom fast fieberhaften Pessimismus und Wahn eines Mannes kurz vor der Hochzeit. Er steht an einem Punkt im Leben, an dem er nie sein wollte. Vor ihm scheint die gefürchtete Langeweile des Daseins zu liegen, die den Entschluss reifen lässt: Tat oder Tod. Entschlossen zur Tat macht er sich auf den Weg, den unbezwingbaren Nordgrat zu erklimmen, bereit, alles zu geben, da ohne die Antworten alles nichts ist. Nur indem er den Tod versucht, glaubt er, erfahren zu können, was Leben heisst.

Dass es ein unsagbares Glück ist, leben zu dürfen, und dass wohl nirgends die Leere sein kann, wo dies Gefühl auch nur einmal wirklich errungen worden ist, dies Gefühl der Gnade und des Dankes.

Ein frühes Werk, das schon alles in sich trägt, was den späteren Frisch ausmacht. Es ist ein Buch über die Liebe, ein Buch über Selbstfindung und innere Konflikte. Es ist ein Buch über den Sinn des eigenen Lebens und den Wert anderer in demselben. Es ist ein autobiographisches Werk, wobei die Autobiographie im Inhalt liegt und nicht in den Personen.

Das dünne Büchlein wird beschlossen durch ein Nachwort von Peter von Matt, den ich als Literaturwissenschaftler sehr schätze, der mein eigenes Studium bereichert hat und von dem ich viel lernen durfte. In präzisen Worten zeigt er den roten Faden der Geschichte auf, legt ihren Kern frei und zeigt ihre Berührungspunkte mit dem Leben des Autors auf.

Fazit:

Ein wahrer Lesegenuss. Diese frühe Erzählung wird in meinen Augen zu unrecht als Heimatroman belächelt, sie ist in meinen Augen grosse Literatur.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 172 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag (2011)

Preis: EUR: 7.95 ; CHF 12.90

Max Frisch: Antwort aus der Stille, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2011.

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Was ist ein Mensch und wann ist er tot?

Im Folgenden meine Rezension von Rafael Ferbers Buch „Philosophische Grundbegriffe 2“ – trotz der sehr komplexen Materie ein lesbares Buch, das durch die sehr weit und breit greifenden Verweise quer durch die Theorien seit der Antike ein Lesevergnügen und eine Bereicherung ist.

Folgende Wesenszüge zeichnen also den Menschen aus: Er ist das sprechende und denkende Wesen, nach dem Bilde Gottes geschaffen und bildet sich selbst nach seinem eigenen Urteil.

Rafael Ferber widmet sich im zweiten Band seiner Grundbegriffe den philosophisch komplexen Themen wie Mensch, Bewusstsein, Leib und Seele, Willensfreiheit und Tod zu. Diesen Begriffen gemeinsam ist, dass sie nicht leicht zu fassen sind. Was ist ein Mensch? Was macht ihn aus? Wie kann ich das, was ihn ausmacht als ihn ausmachend begründen und beweisen? Diese Fragen führen in die Innenperspektive des Menschen, aus der heraus er über sich selbst und sein Menschsein urteilen muss. Die Fähigkeit, über sich selber zu urteilen, die eigenen Gedanken reflexiv zu betrachten und zu werten ist sicher eine menschliche Eigenschaft, sie hebt den Menschen von den anderen Lebewesen ab.

Die in der Fähigkeit zur Argumentation begründete Autonomie hebt den Menschen insbesondere über das Tierreich hinaus. Sie begründet aber auch einen Unterschied zwischen den Menschen untereinander.

Um so weit zu kommen bedarf es der Erklärung, was überhaupt das Bewusstsein ist. Ein Wesen hat dann ein Bewusstsein, wenn es in einer Beziehung zu sich selber steht. Das menschliche geht über das tierische hinaus, insofern es reflexiv ist. Zudem verfügt ein Mensch als Person über eine intuitive Einheit seines Bewusstseins.

Als Einheit/Eins erscheint uns auch ein Mensch, selbst wenn er über psychische wie physische Phänomene verfügt. Die Frage, ob ein Mensch nun wirklich eins ist, Leib und Seele eine Einheit oder aber zwei Dinge sind, stellt das nächste Problem dar, welchem sich Rafael Ferber widmet. Dazu beleuchtet er die unterschiedlichen Theorien und philosophischen Strömungen seit der Antike quer durch die Zeit, um am Schluss sein Fazit zu ziehen, dass das eine Wesen Mensch in zwei Aspekten erscheint, deren Einheit nicht vollständig erfassbar ist.

Ebenso wenig erfassbar ist auch die Willensfreiheit, welche zwar als Illusion so stark ist, dass sie kaum von einer Realität zu unterscheiden ist, da sie auch Wirkungen zeigt. Die Lösung zeigt sich in einer relativen Freiheit, welche mit dem Determinismus vereinbar ist. Die absolute Freiheit bleibt unbegreiflich.

Schlussendlich endet jedes Leben mit dem Tod, wovon der Mensch ein Bewusstsein hat, trotzdem er ihn nicht aus der Innenperspektive beschreiben kann. Der Tod als solches existiert als Begriff, wird aufgrund von Kriterien begründet, welche mit bestimmten Verfahren erfasst werden. Schlussendlich bleibt zu sagen, dass der Tod als biologische Tatsache philosophisch je nach Seelenbegriff variiert. Was über den Tod hinaus bleibt, sind Erinnerung und Nachkommenschaft sowie das Interesse am Überdauern des guten Namens.

Fazit:

Das Buch  zeugt von der Belesenheit, dem Wissen und der Fähigkeit des Autors, dieses trotz der Komplexität der Materie wiederzugeben. Die wohl schwierigsten Begriffe dessen, was den Menschen zum Menschen macht und damit sein Wesen ausmachen werden in diesem Buch vorgestellt, beleuchtet und hinterfragt. Das Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen.

Rafael Ferber: Philosophische Grundbegriffe 2, C.H.Beck Verlag, München 2003.

Rafael Ferber: Philosophische Grundbegriffe 2

Folgende Wesenszüge zeichnen also den Menschen aus: Er ist das sprechende und denkende Wesen, nach dem Bilde Gottes geschaffen und bildet sich selbst nach seinem eigenen Urteil.

Rafael Ferber widmet sich im zweiten Band seiner Grundbegriffe den philosophisch komplexen Themen wie Mensch, Bewusstsein, Leib und Seele, Willensfreiheit und Tod zu. Diesen Begriffen gemeinsam ist, dass sie nicht leicht zu fassen sind. Was ist ein Mensch? Was macht ihn aus? Wie kann ich das, was ihn ausmacht als ihn ausmachend begründen und beweisen? Diese Fragen führen in die Innenperspektive des Menschen, aus der heraus er über sich selbst und sein Menschsein urteilen muss. Die Fähigkeit, über sich selber zu urteilen, die eigenen Gedanken reflexiv zu betrachten und zu werten ist sicher eine menschliche Eigenschaft, sie hebt den Menschen von den anderen Lebewesen ab.

Die in der Fähigkeit zur Argumentation begründete Autonomie hebt den Menschen insbesondere über das Tierreich hinaus. Sie begründet aber auch einen Unterschied zwischen den Menschen untereinander.

Um so weit zu kommen bedarf es der Erklärung, was überhaupt das Bewusstsein ist. Ein Wesen hat dann ein Bewusstsein, wenn es in einer Beziehung zu sich selber steht. Das menschliche geht über das tierische hinaus, insofern es reflexiv ist. Zudem verfügt ein Mensch als Person über eine intuitive Einheit seines Bewusstseins.

Als Einheit/Eins erscheint uns auch ein Mensch, selbst wenn er über psychische wie physische Phänomene verfügt. Die Frage, ob ein Mensch nun wirklich eins ist, Leib und Seele eine Einheit oder aber zwei Dinge sind, stellt das nächste Problem dar, welchem sich Rafael Ferber widmet. Dazu beleuchtet er die unterschiedlichen Theorien und philosophischen Strömungen seit der Antike quer durch die Zeit, um am Schluss sein Fazit zu ziehen, dass das eine Wesen Mensch in zwei Aspekten erscheint, deren Einheit nicht vollständig erfassbar ist.

Ebenso wenig erfassbar ist auch die Willensfreiheit, welche zwar als Illusion so stark ist, dass sie kaum von einer Realität zu unterscheiden ist, da sie auch Wirkungen zeigt. Die Lösung zeigt sich in einer relativen Freiheit, welche mit dem Determinismus vereinbar ist. Die absolute Freiheit bleibt unbegreiflich.

Schlussendlich endet jedes Leben mit dem Tod, wovon der Mensch ein Bewusstsein hat, trotzdem er ihn nicht aus der Innenperspektive beschreiben kann. Der Tod als solches existiert als Begriff, wird aufgrund von Kriterien begründet, welche mit bestimmten Verfahren erfasst werden. Schlussendlich bleibt zu sagen, dass der Tod als biologische Tatsache philosophisch je nach Seelenbegriff variiert. Was über den Tod hinaus bleibt, sind Erinnerung und Nachkommenschaft sowie das Interesse am Überdauern des guten Namens.

Fazit:

Das Buch  zeugt von der Belesenheit, dem Wissen und der Fähigkeit des Autors, dieses trotz der Komplexität der Materie wiederzugeben. Die wohl schwierigsten Begriffe dessen, was den Menschen zum Menschen macht und damit sein Wesen ausmachen werden in diesem Buch vorgestellt, beleuchtet und hinterfragt. Das Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen.

Bild

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 277 Seiten

Verlag: C.H. Beck (2003)

Preis: EUR: 12.90 ; CHF 17.90

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Was es ist

Claudia stand am Bahnhof und wartete. Um sie herrschte emsiges Treiben, Leute gingen, Leute kamen, alle stürmten sie an Claudia vorbei, ohne sie zu bemerken, in sich versunken, ohne Zeit, ohne Ruhe, nur dem eigenen Ziel zugewandt, den Moment missachtend. Claudia hatte Zeit. Sie war zu früh. Sie war immer zu früh. Das hatte sie von ihrem Vater geerbt. Ihr Vater war sehr streng und tolerierte keine Unpünktlichkeit. Sie erinnerte sich an einen Vorfall, als sie 10 Minuten zu spät heim kam und er mit ihr schimpfte, als ob sie ein Kapitalverbrechen begangen hätte. Er liess sie nicht mal erklären, wie es dazu gekommen war. Es war auch nicht aus Sorge, weil er dachte, ihr hätte was passiert sein können, es war einfach nur der Umstand, dass sie ihn 10 Minuten hatte warten lassen. Respektlos nannte er sie. Gedankenlos. Eigensüchtig. Das tat weh. Sie wollte es immer recht machen. Allen. Das schien unmöglich. Sie wusste es. Und doch versuchte sie es weiter.

Es zog am Treffpunkt im Bahnhof. Sie blickte die Rolltreppen hinauf und sah den dunklen Himmel über sich. Anfangs Januar wurde es früh dunkel, die Tage waren kurz. Ungeduldig blickte sie zur Uhr. Noch 15 Minuten. Dann musste er kommen. Sie freute sich sehr. Vor zwei Monaten hatte sie Thomas kennen gelernt. Sie hatte einen Beitrag im Internet von ihm gelesen, der ihr Herz berührt hatte mit der Tiefe und dem Wissen, die darin steckten. Sie hatte nicht umhin gekonnt, ihm zu schreiben und ihm das zu sagen. Nach dem Abschicken ihrer Nachricht hatte sie sich gescholten, gedacht, sich lächerlich gemacht zu haben. Und doch – sie hatte nicht anders gekonnt. Thomas fühlte sich aber gar nicht gestört und sie auch nicht lächerlich. Im Gegenteil, er hatte eine sehr liebenswürdige Mail zurück geschrieben. Und bald folgte eine Mail der anderen, sie tauschten sich aus, über München, wo er wohnte, über Literatur, über Kunst, Philosophie, sich selber. Das Leben schlechthin. Sie ertappte sich, wie sie täglich mehrmals die Mailbox anschaute, ob etwas von Thomas gekommen war. Wie gross die Freude, wenn es so war. Wie gross die Enttäuschung, wenn nicht. Und wie gross die Ungeduld bis zum nächsten Nachschauen.

Die Mails flossen bald täglich mehrmals zwischen Zürich und München hin und her. Thomas war Galerist in München. Er schrieb daneben an einem Lebenswerk über die Löcher in Menschenseelen und deren Ursachen. Jeder hat ein Loch im Leben. Das war auch Claudias Überzeugung. An einem Punkt kranken Menschen und oft ist es mangelnde Liebe, mangelnde Aufmerksamkeit. Daraus resultiert die oft verzweifelte Suche danach – oft bis hin zur Selbstaufgabe. Claudia war von Thomas in den Bann gezogen. Ihr ganzes Denken drehte um ihn. Als er sie eines Abends das erste Mal anrief, fügte sich dem Bild noch ein Teilchen hinzu. Seine Stimme war weich, warmherzig und sein Dialekt herzerwärmend. Sie liebte den Münchner Dialekt schon lange, seinem war noch ein Stück Wien beigemischt, was dem Ganzen eine spezielle Note gab. Claudia telefonierte eigentlich nicht gerne. Früher hatte sie ihr Vater ausgelacht, weil sie gleich nach der Schule mit Schulfreundinnen telefoniert hatte, was ihm ein Rätsel gewesen war, da sie sich ja eben erst getrennt hatten. Seit sie erwachsen war, telefonierte sie kaum noch. Sie wüsste nicht, wen sie anrufen sollte. Zudem kamen Anrufe meist dann, wenn man beschäftigt war. Selten sitzt man nur da und tut nichts, selten ist man bereit, einen Anruf entgegen zu nehmen, weil sonst grad nichts läuft.

Der Zeiger der grossen Bahnhofsuhr rückte nur langsam vorwärts. Es war ja immer so: Wenn man was erwartet, geht es umso länger, bis es eintrifft. Neu war diese Erkenntnis wahrlich nicht. Eigentlich mochte Claudia keinen solchen Sprüche. Sie waren zwar wahr, aber wenig originell. Doch was war heutzutage noch neu? Alles war schon mal dagewesen. Jeder Gedanke schon mal gedacht. Der Mensch erlebt selten mehr was Neues – je älter er wird, desto mehr Erfahrungen hat er schon und wiederholt sie nur noch in wechselnder Besetzung. Eigentlich eine trübe Sicht und Claudia wollte nicht Trübsal blasen, denn sie freute sich. Trotzdem konnte sie selten aus ihrer Haut. Sie war ein nachdenkliches Gemüt und alles, was ihr begegnete, regte immer zu 100 neuen Gedanken an. Und so konnte es kommen, dass sie vom einen zum andern floss gedanklich, ohne Unterlass, oft sprunghaft, so dass ihr niemand mehr folgen konnte. Oft sie sich selber nicht.

18.05 – nun musste der Zug angekommen sein. Claudia merkte, wie ihr Herz unruhiger schlug. Sie spähte neugierig in die Masse. Dann wieder zwang sie sich, wo anders hinzusehen. Sie wollte nicht allzu erwartungsvoll erscheinen. Sie könnte jemanden beobachten, dass es fast so aussah, als ob sie gar nicht wirklich wartete, sondern beschäftigt wäre. Das würde cool wirken. Aber sie musste nicht cool sein. Thomas war es auch nicht. Endlich mal ein Mann, der eben nicht cool war, sondern echt. Sie hatte in ihrem Leben genug andere kennen gelernt. Und ja, sie gab es zu, die hatten ihren Reiz. Sie konnten so schön blenden und sie liess sich viel zu oft und zu schnell blenden. Nicht weil sie geblendet werden wollte, im Gegenteil, sondern, weil sie eben nie davon ausging, dass etwas nicht wahr sein könnte. Vermutlich war sie naiv. Ihr Vater warf ihr das immer vor. Sie hörte innerlich seine Stimme: „Kind, du bist sonst so intelligent, wieso menschlich so dumm? So dumm kann man doch nicht sein.“ Offensichtlich doch…

Die coole Masche lag ihr nicht. Sie blickte doch wieder in die Richtung der Gleise, hoffnungsvoll. Sie sah in ein Meer von Köpfen, blonde, braune, schwarze, weisse, herausragende, untergehende – und in den einen herausragenden. Nicht weil er besonders gross wäre oder sonst auffällig, sondern, weil er es war. Er sah genau so aus wie auf dem Bild. Dick eingemummt – es war bitterkalt –  kam er ihr entgegen. Er umarmte sie zur Begrüssung. Wie alte Freunde. Irgendwie waren sie das. Oder was waren sie eigentlich?

Was war es, das sie verband? All die Mails, die Telefonate? Das schönste Telefonat war vor einem Tag gewesen. Sie war zum Silvester eingeladen gewesen und Punkt Mitternacht klingelte ihr Handy: Thomas. Er wünschte ihr einen guten Rutsch, sagte, wie sehr er sich freute auf ihr Treffen, auf seinen Besuch in Zürich. Claudia freute sich ebenso.

Nun war er also da. Sie liefen Seite an Seite durch die Gassen Zürichs zum Hotel, in dem Thomas ein Zimmer reserviert hatte. Er wollte nur schnell die Koffer abgeben, danach wollten sie essen gehen. Es war alles vertraut. Sie sprachen, als ob sie sich ewig kennen würden. Irgendwie taten sie das auch. Sie hatten über so viel geredet, über so viel geschrieben. Beim Essen ging das Gespräch weiter. Sie lachten, scherzten, schauten sich in die Augen. Er hatte liebe Augen. Wie auf dem Bild. Sie fühlte sich so nah, so aufgehoben, so geborgen. Sie fühlte, da sass ein Mann, ein Mensch, der sie wahrnahm. Wie sie war. Der sie so akzeptierte und toll fand. Sie kannte das nicht. Bislang kannte sie nur das Gefühl, nicht zu genügen. Es war immer zu wenig oder zu viel. In allem. Zu dumm, du gescheit, zu gross, zu klein, zu laut, zu leise. Einfach immer zu. Nie gut. Zumindest empfand sie es so. Bei Thomas war das anders.

Der erste Anruf nach dem Besuch war schön. Aber wehmütig. Die Stimme so nah, der Mensch so fern. Und doch so nah. Die Nähe zwischen Claudia und Thomas wuchs ständig. Sie hatten eine innere Verbundenheit, weil jeder beim anderen fand, was er im Leben sonst vermisst hatte. Verständnis, Zuneigung, Echtheit, Tiefe. Claudia war traurig, dass Thomas schon wieder weg war, vor allem, weil sie nun ihren Geburtstag alleine verbrachte. Er hatte ihr ein Geschenk dagelassen, einen Gedichtband von Erich Fried. Ein wunderbares Buch, es hiess „Was es ist“ – was war es? Was war es, das Thomas und Claudia verband? Liebe? Es fühlte sich so an. Was sollte es sonst sein? Was spräche gegen Liebe?

Claudia merkte, wie gut ihr Thomas tat. Und auch er sagte, dass sie seinem Leben einen neuen Sinn gebe, einen, welchen er sich immer gewünscht hatte. Beide konnten tiefe Löcher in sich und im Leben stopfen durch die Präsenz des anderen. Die gegenseitigen Besuche waren immer viel zu schnell vorbei, zurück blieben Vermissen und doch Glück über das Wissen, dass der andere auch in der Ferne nah war. Sie hatten schon ein paar Mal darüber geredet, wie es wäre, wenn Claudia nach München käme. Sie könnte in Thomas‘ Galerie arbeiten, wenn sie wollte, in der Hauptsache aber ihre Projekte verfolgen. Einfach zusammen sein, das wäre es, was sich beide wünschten. Zuerst aber stand noch ein Besuch in München an. Thomas hatte eine Vernissage organisiert. Claudia freute sich. Es war das erste Mal, dass sie dabei sein konnte bei so einem Anlass.

Claudia stand am Rand des Geschehens, neben ihr Thomas‘ beste Freundin. Eine sehr nette Frau, die Thomas viel bedeutete. Claudia konnte es verstehen. Die Gäste bestaunten die Bilder, der Künstler sass in der Mitte des Geschehens, lächelte freundlich, sichtlich zufrieden mit seinem Werk und der Wirkung, die es erzielte. Die Gesichter, die ein und ausgingen, sah man sonst in Derrick oder im Alten, alte Bekannte aus dem Wohnzimmer der Kindertage, als die Serien noch häufiger liefen. Unter den Gästen auch ein Schriftsteller mit seiner neuen Freundin. Claudias Nachbarin am Rande beäugte das Paar kritisch und konnte nicht verstehen, was sich ein Mann dabei dachte, sich eine so viel jüngere Freundin zu suchen. Dekadent nannte sie es. Dumm dazu, da sie wahre Gefühle kategorisch ablehnte in solchen Fällen, in seinem Fall Dummheit, in ihrem Geltungsdrang als Motive nannte. Claudia zuckte zusammen. Unmerklich. Äusserlich zumindest. War das wirklich das übliche Bild? Wohl schon. Sie hatte sich die Gedanken auch schon gemacht. Sie war sich nicht sicher, wie sie dazu stand. Aber sie musste sich klar werden.

Thomas war zufrieden mit der Vernissage. Er war sichtlich aufgeräumter Stimmung. Sie sassen im Restaurant bei ihm um die Ecke, tranken ein Glas Wein und liessen den Tag Revue passieren. Thomas nahm Claudias Hand. Er blickte ihr in die Augen. Er dankt ihr, dass sie gekommen war. Es hätte ihm viel bedeutet. Generell bedeute ihr seine Anwesenheit sehr viel. Endlich sei das Loch in seinem Herzen zu. Und er fühle sich wieder ganz. Thomas fragte Claudia, ob sie zu ihm ziehen wolle. Ob sie sich vorstellen könnte, seine Frau zu werden. Und bei ihm zu bleiben. Claudia zuckte zusammen. Unmerklich. Äusserlich. Sie bat sich Bedenkzeit aus. Der Abschied nahte, die Zugfahrt nach Hause war dieses Mal noch trauriger. In Claudias Kopf drehten die Gedanken. Sie fuhren Karussell. Was war richtig, was falsch? Was ist es? Was kann ich? Was soll ich? Was darf ich? Würde sie ja sagen, wäre Thomas der Dumme, sie die Geltungssüchtige. 31 Jahre. Das war eine Menge. Die Welt würde sie anstarren. Verurteilen. Aburteilen. Und mit der Welt Thomas beste Freundin. Thomas würde das nicht gut wegstecken. Das wusste Claudia instinktiv.

Es war die wohl schwierigste Mail gewesen, die sie je geschrieben hatte. Und die Antwort von Thomas war noch schwieriger – zu verkraften. Er brauche Zeit. Das wegzustecken. Abstand. Claudia musste es akzeptieren. Es zerriss sie förmlich. Nun war er weg. Weit weg. So fern. Er, der ihr näher gewesen war als selten jemand. Täglich ferner, in Gedanken täglich nah. Im Herzen sowieso. Sie konnte die Distanz nicht ewig halten. Nach ein paar Wochen schrieb sie ihm. Wollte wissen, wie es ihm ging. Er antwortete prompt. Aus einem Mail pro Tag wurden zwei, wurden Anrufe, wurde ein Besuch – wurde die erneute Frage, ob sie käme. Wurde der erneute Bruch. Der erneute Schmerz. Wurden erneut wieder vereinzelte Mails. Ein Besuch wurde besprochen – er wurde nie realisiert. Dann Schweigen. Tiefes Schweigen. Sie schrieb. Nichts kam. Sie schrieb wieder. Keine Antwort. Dann ein Anruf. Es sei alles in Ordnung. Er sei im Spital. Routine.

Claudia hörte Alarmglocken. Er hatte immer schon Probleme gehabt. Bauchweh. Unwohlsein. Wollte zum Arzt. Ihretwegen. Weil sie drängte. Und er durch sie einen Sinn sah. Den er dann verloren hatte. Nun war er wohl gegangen. Gut. Er würde sich melden, meinte er. Claudia freute sich drauf. Nur meldete er sich nicht. Ob sie ihm nochmals schreiben sollte? Oder ihn in Ruhe lassen? Sie konnte nicht. Was er wohl machte, womit er sich wohl beschäftigte? Sie suchte im Netz die Homepage seiner Galerie.

Der Boden öffnete sich, schien sie zu verschlingen. Sie fühlte nichts mehr – nur Leere. Ein grosses, gewaltiges Nichts. Das sie erstickte. Sie kriegte keine Luft mehr. Das konnte nicht sein. Das musste ein Irrtum sein. Noch weiter weg. Einfach gegangen. Ohne ein Zeichen. Einfach verlassen hatte er sie. Einfach so. Wobei: Deswegen wohl der Anruf. Doch ein Zeichen. Deshalb das eindrückliche „pass auf dich auf“. Er war weg. Einfach gestorben. Claudia starb ein Stück mit.

Vier Jahre später, Claudia blätterte wieder einmal in Frieds Gedichtband, sah sie sich die erste Seite des Buches an. Und sah, was sie davor noch nie gesehen hatte:

Was es ist…..

In Liebe Thomas

Geschrieben vor seinem ersten Besuch bei ihr. Es war ihm damals also gleich gegangen wie ihr. Sie hatte es nicht gewusst. Hatte die Signatur nie gesehen. Sah sie jetzt. Durchlebte alles noch einmal. War es richtig gewesen? Falsch? Was war es gewesen? Was war es noch? Es ist, was es ist.

© Sandra Matteotti

Nicole Dill: Leben!

Der Weg in den Tod, der ein gewaltsames Ereignis sein wird, ein durch Menschenhand absichtlich herbeigeführtes Sterben, ist ein monströses Ereignis. Wer ermordet wird, kann nicht in Würde sterben, und der nackte Überlebenswille löst bösartig eine unmenschliche Furcht aus.

 

Eingesperrt in einen Kofferraum, vergewaltigt und das Geschoss einer Armbrust in der Brust ist Nicole Dill stundenlang ihren Todesängsten und ihrer Ohnmacht ausgeliefert. Sie ist zudem dem Mann ausgeliefert, der sich in ihr Leben, in ihr Herz gedrängt hatte. Der Mann, den sie geliebt hatte, mit dem sie schöne Momente erlebte, bis nach und nach dunkle Wolken aufkamen. Zuerst noch unbemerkt, dann immer bedrohlicher, bis die Situation eskalierte.

Dass Roland A. ein verurteilter und als gefährlich eingestufter Vergewaltiger und Mörder war, wusste sie nicht. Niemand warnte sie, niemand stand ihr bei. Als sie eine Gefahr fühlte, wurde sie nicht ernst genommen, stand alleine.

Nicole Dill hatte Glück. Sie überlebte, auch wenn sie dieses Überleben lange oft als Strafe empfand. Der Weg zurück ins Leben war lang und steinig, die Einsicht, Opfer zu sein, hart.

Niemand will Opfer sein. Das widerspricht unserer kulturellen Auffassung, wonach wir selbstbestimmt handeln und für unser Glück und unser Unglück selbst verantwortlich sind. Gesellschaftlich ist das Opfer mit einem Stigma behaftet.

Die Einsicht in den eigenen Opferstatus ist aber nötig, um die Vergangenheit zu verarbeiten. Sie ist nötig, um zu erkennen, dass man selber nicht Schuld ist. Sie ist zudem nötig, da nur durch die Öffnung gegenüber dieser Vergangenheit auch wieder ein Blick in die Zukunft und ein Leben nach der Tat möglich wird.

Ob es für die erlebte Ungerechtigkeit eine wiedergutmachende Gerechtigkeit gibt, ist fraglich. Die Gesetzeslage scheint mehr auf Seiten der Täter als auf der der Opfer zu stehen. Der zwar verständliche, hier aber hinderliche Satz „in dubio pro reo“ verlangt von Opfern Beweise, welche oft schwer bis unmöglich zu liefern sind. Das hilft Tätern und deren Protektoren oft, mit ihrer Fehlhaltung durchzukommen, keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Das Opfer wird dabei ein zweites Mal Opfer. Zumindest fühlt es sich so. Die einzige Möglichkeit, selber aktiv zu werden und nicht in einer passiven Rolle, im Opferstatus zu verharren, ist, über das Geschehene zu reden, es Sprache werden zu lassen. Das hat Nicole Dill getan und sich so selber Schritt für Schritt ihr Leben wieder lebenswert gemacht.

Fazit:

Die erschütternde Lebensgeschichte einer Frau, die sich den Weg in ihr zweites Leben nach ihrer Ermordung erkämpfen musste. Berührend und ergreifend.

(Nicole Dill: Leben! Wie ich ermordet wurde, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2012.)

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 208 Seiten

Verlag: Rowohlt Verlag (4. Auflage, Januar 2012)

Preis: EUR: 8.99 ; CHF 38.90

Zu kaufen bei: Bild und Bild

Arthur Schnitzler: Der Andere

Nach vielen glücklichen gemeinsamen Jahren ist die geliebte Frau gestorben. Zurück bleibt ihr trauernder Mann, welcher in einem inneren Monolog seine Trauer reflektiert. Sein Leben, all sein Tun ist geprägt von dieser Trauer und von der Erinnerung an die Verblichene, welche ihn auffrisst.

 Meine Trauer hat nichts Mildes…ich bin zornig, ich knirsche mit den Zähnen, ich hasse alles und alle… Vor allem diejenigen, die mit mir leiden.

 Er steht am Grab und sieht die anderen Trauernden. Er spürt keine Verbundenheit mit ihnen, im Gegenteil.

 Etwas in mir lehnt sich dagegen auf, dass alle diese da zwischen den Gräbern herumirren mit demselben unsäglichen, ewigen Schmerz.

 Wäre der Schmerz nicht ewig, wäre das Betrug, dessen ist er sich sicher. Die Zeit, welche den Schmerz schwinden liesse, die Betrügerin. Er ist gefangen in seinem Schmerz, bis er einen anderen Trauernden sieht, der ihn mitleidig anschaut. Dieser Mann nimmt ihn in seinen Bann, bis er ihn eines Tages am Grab seiner Frau sieht und die Gedanken vom Schmerz über den Verlust hin zu einem möglichen Betrug im Leben wandern. Gefangen von dieser Idee verurteilt seine Frau, zögert an ihrer Liebe, zögert an seiner eigenen Geschichte mit ihr.

 

Fazit: 

Im inneren Monolog entwickelt sich eine Phantasie, welche zur Realität wird. Die Geschichte zeigt auf, wie wir unsere eigenen Realitäten schaffen, welche uns beherrschen. Schnitzler zeigt auch hier sein Geschick und sein Gespür für die Vorgänge in der Psyche des Menschen. 

 

(Arthur Schnitzler: Der Andere, in: Arthur Schnitzler: Fräulein Else, Fischer Taschenbuch Verlag, 17. Auflage, Frankfurt am Main 2000.)

Anthony McCarten: Ganz normale Helden

Der Junge hat Jim den Rücken zugewandt, er starrt gebannt auf den Monitor.
Jeffrey. Er war nicht immer ein Computerkid. Erst seit Donalds Tod. Vielleicht war es der jähe Verlust oder das Leichentuch, das sich danach auf die Familie gelegt hat und nie wieder gelüftet wurde. Jedenfalls hat Jeff sich, genau wie Jim auch, vom Familienleben zurückgezogen.

Familie Delpe lebt in London, Vater, Mutter, zwei Söhne. Das Leben ist angenehm, bewegt sich in der besseren Gesellschaft, bis der Tod des jüngeren Sohnes alles verändert. Jeder der drei zurückbleibenden Familienmitglieder geht anders mit der Trauer um und jeder scheint den anderen vorzuwerfen, dass diese nicht richtig trauern. So driften sie alle langsam auseinander, es gibt immer weniger Verbindendes. Wo einst eine Familie war, sind heute drei verzweifelte Individuen, die jeder für sich den Forderungen des Lebens nicht mehr nachkommt, sich in eine eigene Welt zurückzieht.

Als Jeffrey merkt, dass er auch durch seine Präsenz die Eltern weder trösten noch wieder versöhnen kann, verschwindet er eines Tages ohne ein Wort und lässt seine Eltern verzweifelt zurück. Auch mit diesem Verlust gehen die beiden unterschiedlich um, so dass dieser einen noch grösseren Keil zwischen sie schiebt.

Die Rückzugswelten sind bei allen drei Delpes mehr oder minder virtueller Natur. Jeffrey spielt sich in einem Computerspiel durch die Phantasiewelten, wo ihn sein Vater findet und entgegen seiner Abneigung gegen das Internet einsteigt, um seinem Sohn nahe zu kommen. Die Mutter reflektiert ihre Probleme im Internet mit einer Figur, die sich Gott nennt und lebt sonst nur für ihre Trauer. Der Computer spielt nicht nur in der Familie eine zentrale Rolle, er hält auch als Metapher für das reale Leben immer wieder sein Vokabular bereit.

…der aufsässige Junge, der lebte, als hätte er permanent die FESTSTELLTASTE GEDRÜCKT, alles war ÜBERTRIEBEN UND SUPERDRINGEND UND ZU GROSS GESCHRIEBEN, GEFÜHLE WICHTIGER ALS DER VERSTAND, TRÄUME WICHTIGER ALS DAS GEWISSEN, ANGETRIEBEN VON SO VIEL ÜBERZEUGUNGSWILLEN UND HYPE, DASS DIE GRENZE ZWISCHEN KRAFT UND FITKION SCHLIESSLICH…VERPUFFTE.

Überhaupt geizt der Roman nicht an Metaphern, die teilweise etwas weit hergeholt erscheinen. Auch Klischees werden häufig bemüht, was etwas platt wirkt.

Der Leser pendelt zwischen der realen Welt der Delpes oder spielt im Computerspiel mit, in welchem er über viele Seiten der strategischen Kriegsführung und den Dialogen beiwohnen muss. Dies macht den Roman zeitweise sehr langatmig und nimmt die Spannung, welche in der „realen“ Geschichte der Delpes durchaus immer wieder wie aus dem Lehrbuch aufgebaut wird.

Fazit:
Ein lesenswerter Roman, bei dem man wissen möchte, wie er ausgeht. Weniger (virtuelle Welt sowie Metaphern und Klischees) wären mehr gewesen.

(Antony McCarten: Ganz normale Helden, Diogenes Verlag, Zürich 2012.)

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Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 454 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (September 2012)
Preis: EUR: 22.90 ; CHF 38.90

Zu kaufen bei: AMAZON.DE und BOOKS.CH

Michael Degen: Familienbande

[Es] ist festzstellen, dass ich für den Knaben bei Weitem die Zärtlichkeit nicht aufbringe, wie vom ersten Augenblick für Lisa, – was Wunder nehmen könnte.

Bibi, wie Michael Mann in der Familie genannt wurde, war ein von Anfang an ungewolltes Kind. Dass er auch ein schwieriges Kind war, das viel schrie und tobte, erleichterte seinen Stand in der Familie nicht. Der Vater, Thomas Mann, der ihn lieber hätte abtreiben lassen, brachte nicht nur keine Zärtlichkeit für ihn auf, er ekelte sich vor ihm und seinem Wesen, was der Junge deutlich in des Vaters Gesichtszüge geschrieben sah.

Jähzornig und zugleich sentimental und liebesbedürftig, lief er mit seiner zurückgewiesenen Liebe wie ein halbblindes Tierchen herum, stiess gegen Wände, die er sich selbst errichtet hatte.

Die fehlende Liebe liess ihn nie los, der ständig präsente Schatten des übermächtigen Vaters erdrückte ihn. Zuflucht fand er in Gewalt und Alkohol. Obwohl er selber erfolgreich wird als Musiker, kann er sich nie von der Verletzung durch den Vater befreien.

Nein, mich kränkt allein die Tatsache, wie verschwenderisch er anderen gegenüber mit dem Gefühl, das Sie Liebe nennen, umgeht. Ich stehe ewig in der zweiten Reihe, bin quasi der Zaungast […]

In seiner zweiten Karriere als Germanistikprofessor widmet er sich intensiv dem Werk des zugleich gehassten und geliebten Vaters. Dabei beschäftigt er sich mit dessen Tagebüchern, und wird erneut mit der Ablehnung und dem Ekel des eigenen Vaters konfrontiert.

Je mehr Bibi las, desto grösser wurde seine Verzweiflung. Was er als Kind nur ahnte; jetzt hatte er es schwarz auf weiss.

Die Erschütterung über diese offenkundige Abneigung erträgt er nicht mehr.

Fazit:

Die packend geschriebene, fundiert aufgearbeitete Lebensgeschichte eines todtraurigen Jungen und Mannes, welcher an der Kälte und Lieblosigkeit seines Erzeugers zerbrach.

(Michael Degen: Familienbande, Rowohlt Berlin, Berlin 2011.)

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