Alois Prinz: Das Leben der Simone de Beauvoir

Inhalt

«Mit der Geburt beginnt für sie das ‘Drama eines jeden Existierenden’. Dieses Drama besteht darin, dass jedes Kind hineingeboren oder, existenzialistisch ausgedrückt, ‘geworfen’ wird in eine Welt, die ohne sein Zutun entstanden ist und die voller Erwartungen und Vorherbestimmungen ist. Gleichzeitig hat es einen natürlichen Drang, die Welt zu erforschen und eigene Bedürfnisse und Wünsche auszubilden. Das führt zu einem Konflikt, der schon in den ersten Kinderjahren zu spüren ist und der sich in späteren Jahren zu Kämpfen um die eigene Identität steigern kann.»

Simone de Beauvoir wuchs in einem konservativen Haus voller Vorschriften und Verbote auf, in welchem klar geregelt ist, wie man sich zu verhalten hat, vor allem, wenn man ein Mädchen ist. Passt sich die junge Simone mehr und mehr an, wird zur gehorsamen, strebsamen Tochter, fühlt sie sich in dieser Rolle schon bald immer eingeengter und ein Wunsch wächst heran: Sie will frei sein.

«…Freiheit ist für sie ein Faktum. Jeder Mensch findet sich als freier Mensch vor. Für das Kind ist diese Freiheit noch verborgen, weil Eltern und Erzieher über es bestimmen und es noch keine Verantwortung kennt. Spätestens der junge Erwachsene muss sich dieser Freiheit stellen. Frei sein bedeutet zu erkennen, dass es keine absoluten Werte gibt, auch keinen Gott. Es bedeutet, dass das Leben keinen Sinn hat, sondern dass jeder Einzelne seinem Leben einen Sinn geben muss.»

Das Thema der Freiheit wird sie denn auch ein Leben lang begleiten. Daneben weiss sie auch bald, dass sie schreiben will, dass sie ihr Leben selber in die Hand nehmen und unabhängig führen möchte.

Ihr Weg führt über ein Studium der Philosophie hin zum Lehrerberuf, auf diesem Weg begegnet sie Sartre, mit dem sie das Leben lang in einer für die Aussenwelt merkwürdigen und darum immer wieder mit neuen Etiketten bedachten Beziehung lebt. Neben Sartre säumen viele Freunde und Freundinnen, Liebschaften und Lebensbegleiter ihren Weg. Sie setzt sich ein für das, was ihr wichtig ist, sie schreibt unermüdlich, sie reist viel, sie hinterfragt sich und die Welt, sie lebt das Leben, das ihr vorschwebt und macht aus dem, was sie in dieses Leben mitbringt das, was sie daraus machen will und kann. Damit lebt sie ihren eigenen existenzialistischen Gedanken, nämlich den, dass ein Mensch mit Voraussetzungen in diese Welt kommt und es in seiner Verantwortung liegt, was er daraus – und damit aus sich – macht.

Simone de Beauvoir sieht sich als Literatin, nicht als Philosophin. Das ist keine Abwertung für sie, wie es oft gelesen wurde, denn sie sieht in der Literatur die Möglichkeit, Dinge nicht abstrakt und theoretisch zu erörtern, sondern sie in die Lebenserfahrungen von Menschen einzubauen durch die Geschichten, die sie erzählt. Das tut sie aber auf eine so tiefgründige und kluge Art, dass les- und spürbar ist, was das Thema dahinter ist. Neben ihren Romanen ist Simone de Beauvoir auch Verfasserin einer Unzahl von Essays, Reiseberichten, eines Theaterstücks und mehr.

Weitere Betrachtungen
Alois Prinz erzählt das Leben von Simone de Beauvoir auf eine zutiefst menschliche, tiefgründige und lebendige Weise. Er stellt ihr Leben in den Zusammenhang der Zeit, erzählt von ihren Erfahrungen in dieser, von ihren Beziehungen, von ihren Sorgen, Nöten, Selbstzweifeln. Er zeichnet das Bild einer intelligenten, spannenden, sich ständig hinterfragenden, das Leben liebenden und lebenden Frau, welche mit Neugier und Ehrgeiz versucht, das beste Ich aus sich zu machen, zu dem sie fähig ist.

Simone de Beauvoir ist eine Frau, die ihr Menschsein ernst nimmt und die Aufgabe, die dies an sie stellt, aktiv angeht. Sie versucht, ihre (menschlichen und moralischen) Ansprüche umzusetzen, um als verantwortungsbewusste, selbstbestimmte, interessierte, engagierte und vor allem freie Frau das zu tun, was sie tun will: Schreiben.

Alois Prinz schafft es, dieses durchaus ungewöhnliche Leben ohne Sensationslust, Auf- oder Abwertungen, und moralischen Zeigefinger auf eine gut lesbare, kompetente Weise zu erzählen. Entstanden ist das Porträt einer Frau, welche einen für sich einnimmt. Es gelingt Prinz ebenfalls, die Beziehung zu Sartre darzustellen, ohne den oft vorherrschenden Stimmen, Schubladisierungen und Verurteilungen zu folgen.

Persönliche Bemerkungen
Simone de Beauvoir fasziniert mich, seit ich mich intensiver mit ihr befasse, immer mehr. Sie ist für mich eine Frau, die versucht, für sich und ihre Meinung einzustehen, dabei auch in Kauf nimmt, dass ihr Weg nicht immer nur leicht ist. Sie ist eine Frau, die von Unsicherheiten geprägt ist, trotzdem versucht, sich treu zu bleiben und die eigenen Ansprüche ans Leben zu verwirklichen. Wenn dieser Weg in die Irre geht, sie nicht die ist, die sie sein will, vertuscht sie das nicht, sondern steht hin und gesteht die eigenen Fehler ein. Mir gefällt ihre Sicht der Dinge, dass wir zwar ins Leben geworfen sind, das wir nicht aussuchten, dass wir es aber in der Hand haben, etwas daraus zu machen. Sie hat das nicht nur theoretisch beschrieben, sondern selber gelebt. Sie ist eine Frau mit vielen Widersprüchen. Und sie ist nicht zuletzt eine Frau mit einem grossen Herzen, eine tiefgründige Denkerin, eine fleissige Schreiberin.

Fazit:
Eine menschliche, tiefgründige, kompetente und Einsichten gewährende Biografie, der ein offener Blick auf eine tiefgründige und inspirierende Denkerin und Frau zugrunde liegt. Sehr empfehlenswert.

Alois Prinz
Alois Prinz, 1958 geboren, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in München und lebt heute mit seiner Familie in Kirchheim bei München. Er veröffentlichte Biografien über Hermann Hesse, Ulrike Meinhof, Franz Kafka, Dietrich Bonhoeffer und andere. 2012 erschien sein Buch Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt, das sich über 130.000 Mal verkaufte.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 303 Seiten
Verlag: ‎ Insel Verlag; Originalausgabe Edition (10. Oktober 2021)
ISBN: 978-3458179412

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Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir. Ein modernes Leben

Inhalt

«Die Geschichte meines Lebens selbst ist eine Art Problemfall, und ich muss den Menschen keine Lösungen geben, und die Menschen haben kein Recht darauf, von mir Lösungen zu erwarten. Eben in diesem Rahmen hat mir gelegentlich meine vermeintliche Berühmtheit, oder kurz gesagt die Aufmerksamkeit der Menschen, Sorge bereitet. Es gibt eine gewisse Erwartungshaltung, die ich etwas beschränkt finde und die mich einengt, weil sie mich in irgendeinem feministischen Betonblock fixieren will.»
(Simone de Beauvoir)

Simone de Beauvoir wuchs in einem konservativen Haus voller Vorschriften und Verbote auf, in welchem Körperlichkeit dem Laster gleichgesetzt wurde und mögliche Freundinnen der strengen Prüfung bedurften, um sich mit ihnen treffen zu dürfen. Simone de Beavoir bezeichnete das Milieu in Ein sanfter Tod selbst als «provinzielle Wohlanständigkeit und klösterliche Moral». Trotzdem sah sie ihre Kindheit als glückliche an, fühlte sich in ihrer Familie behütet und sicher (sie bezeichnete es als «unbedingte Sicherheit»), fürchtete dann und wann den Fall aus dieser Kindheit, wenn sie eine «Ausgestossene der Kindheit» würde. Neben Schutz und Geborgenheit bot das Elternhaus aber noch etwas: Den Zugang zur Literatur, den der Vater förderte und Simone de Beauvoir mit grosser Neugier nutzte und liebte.

Schön früh machte sich Simone de Beauvoir tiefgründige Gedanken darüber, was ein gutes Leben sei, wie wichtig Freiheit in einem solchen ist und was Liebe in Bezug auf beide bedeutet. Man findet in ihren Tagebüchern von damals schon viele Ideen, die später bei ihr und vor allem auch Sartre auftauchen. Dies ist insofern interessant, als es immer wieder Stimmen gab, die Beauvoir als Profiteurin von Sartre bezeichneten, ihr gar unterstellten, nie eigenständig gedacht und nur seine Gedanken übernommen zu haben. Weder das noch das auch ab und an behauptete Gegenteil, dass Sartre der Profiteur gewesen sei, ist richtig. Die beiden Namen sind durch ihre Geschichte, ihren Liebespakt sowie den lebenslangen intensiven Austausch so intensiv verbunden und verwoben, dass sich kaum genau eruieren lässt, wer wo wieviel Einfluss auf den anderen hatte.

«Warum sollte es Freiheit auf Kosten der Liebe geben? Oder Liebe auf Kosten der Freiheit?

Neben Sartre gab es andere Freunde und Freundinnen, geistig und sexuell. Das Konzept der kontingenten Liebe, das Sartre und Beauvoir für sich bestimmten, dass sie sich notwendige Lebensbegleiter sind, andere daneben als mögliche zufällige Platz haben, hat immer wieder für Aufsehen gesorgt. Simone de Beauvoir war sich am Ende ihres Lebens selbst nicht mehr sicher, ob sie mit diesem Lebensmodell nicht zu viele Menschen ausgenutzt und leiden lassen haben.

«Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.»

Bekannt wurde Simone de Beauvoir vor allem durch ihr Buch «Das andere Geschlecht», in welchem sie die Rolle der Frau und ihren Platz in der Welt beschreibt. Sie vertritt die Meinung, dass nicht die Biologie ausschlaggebend ist, wie Frauen wahrgenommen und behandelt werden, sondern soziale und kulturelle Situation. Simone de Beauvoir hat aber noch viel mehr geschrieben, hat sich mit Themen wie dem Alter, der Liebe, dem Tod und vor allem immer wieder der Freiheit befasst. Sie hat erfolgreich Romane, Essays, Theaterstücke und autobiographische Schriften verfasst und sich auch politisch engagiert.

Zwar war Beauvoir bekannt, aber trotzdem blieben immer Stimmen laut, die sie zurücksetzten hinter Sartre, die ihr Eigenständigkeit im Denken und Sein vorwarfen. Die unkonventionelle Lebens- und Liebesweise spülte noch zusätzlich auf die Mühlen der abschätzigen Zuschreibungen. Dies alles und noch einiges mehr beleuchtet Kate Kirkpatrick in dieser Biografie, der ersten nach der Veröffentlichung verschiedener Briefwechsel und frühen Tagebücher de Beauvoirs.

Weitere Betrachtungen

«Es ist nicht die Aufgabe des Biografen, zu urteilen, sondern ein Leben möglichst objektiv darzustellen, damit der Leser sich ein Urteil bilden kann.»
(Kate Kirkpatrick in einem Interview)

Kate Kirkpatrick ist es gelungen, Leben und Werk einer komplexen Persönlichkeit, wie Simone de Beauvoir es war, auf eine klare, sachliche und sehr ausgewogene, kompetente Weise zu beschreiben. Sie dazu auf eine Vielzahl von Quellen Zugriff genommen, was auch erlaubt hat, die Widersprüche in Simone de Beauvoirs Leben und Denken einerseits, in deren Darstellung desselben andererseits aufzuzeigen.

«Ein gelebtes Leben kann nicht durch seine Nacherzählung wiederaufleben. Doch von aussen betrachtet, sollten wir nicht vergessen, mit welcher Kraft sie kämpfte, um sie selbst zu werden.»
(Kate Kirkpatrick)

Die vorliegende Biografie gibt einen Blick frei auf eine intelligente, selbstreflexive, in sich immer auch wieder zweifelnde und selbstkritische Frau, die ihren Weg durchs Leben sucht, indem sie versucht, das zu sein, was sie sein kann und will, ihren eigenen Maximen treu zu sein. Dass dies nicht immer gelungen ist, merkte Simone de Beauvoir selber und legte es sich auch zu Lasten.

In der ersten Hälfte sind die verschiedenen (mehrheitlich sexuellen) Beziehungen de Beauvoirs sehr grosses Thema, in der zweiten Hälfte nehmen die politischen Rahmenbedingungen einen grossen Platz ein. Beides hätte durchaus gekürzt werden können. Ab und an wäre ein genauerer Blick auf Simone de Beauvoirs Denken wünschenswert gewesen, nahm doch Sartres dagegen einen relativ grossen Raum ein. Trotz allem ist Kate Kirkpatrick eine informative, tiefe und auch neue Einsichten gewährende Biografie gelungen, die hoffentlich schafft, den Blick auf Simone de Beauvoir zu schärfen, mit landläufigen Vorurteilen auf- und ihr den Stellenwert einzuräumen, der ihr gebührt.

Fazit:
Eine kompetente, informative und neue Einsichten gewährende Biografie, die einen neuen Blick auf eine tiefgründige und inspirierende Denkerin und Frau ermöglicht. Sehr empfehlenswert.

Kate Kirkpatrick
Kate Kirkpatrick, Dr. phil., war Dozentin für Philosophie an der University of Hertfordshire und Dozentin für Theologie am St Peter’s College, University of Oxford. Seit 2018 ist sie als Dozentin am King’s College in London. Zuletzt veröffentlichte sie bei Bloomsbury Sartre and Theology (2017).

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 528 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch; 1. Edition (30. September 2021)
Übersetzung: Erica Fischer und Christine Richter-Nilsson
ISBN: 978-3492318488

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Simone de Beauvoir: «Ich möchte vom Leben alles»

Das schrieb Simone de Beauvoir dem Schriftsteller Nelson Algren, einer ihrer Zufallslieben, wie Sartre und sie die Beziehungen nannten, die sie nebenher hatten. Und sie fährt fort:

«Ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein. Sehen Sie, es ist nicht leicht, alles, was ich möchte, zu bekommen. Und wenn es mir nicht gelingt, werde ich wahnsinnig zornig.»

Eine Frau, die weiss, was sie will, und die es nicht beim Träumen belassen möchte. Sie wollte es bekommen und tat alles, was dafür nötig war, auch wenn sie wusste, dass andere darunter litten (zum Beispiel auch die Zufallslieben, die im Stellenwert immer hinter Sartre standen).

„Mein Unternehmen war mein Leben selbst.“

Eine interessante Aussage, verweist sie doch auf das Leben zurück als Zentrum, nicht auf das Streben im Aussen, dem so viele nachrennen, um da ihren Erfolg zu suchen. Simone de Beauvoir wollte in diesem Leben vor allem eines: Eigenständig bleiben, sie brauchte ihren Raum und ihre Zeit für sich. In Jean Paul Sartre fand sie den perfekten Partner dafür. Die beiden sollten ein Leben lang verbunden bleiben, endlose Diskussionen führen über Themen wie den freien Willen, die Rechte des Menschen, Verantwortung und mehr zu diskutieren. Daneben war aber auch immer wieder die Art ihrer Beziehung offen Thema: Es war eine offene, mit einem Pakt besiegelte Beziehung, in welcher jeder seine Freiräume haben konnte, sie aber immer miteinander darüber sprachen. Und das taten sie in aller Offenheit, wie Briefe bezeugen. Es war aber auch eine Beziehung auf Augenhöhe, in welcher beide auf das Urteil des anderen vertrauten und bauten. 

Von aussen wurde Simone de Beauvoir oft als „Anhängsel“ Sartres gesehen, dem war nicht so. Sartre achtete de Beauvoir und ihr Werk, etwas, womit sie ansonsten in der damals von Männern dominierten Welt kämpfte, wurde sie doch von männlichen Kollegen oft nicht ernst genommen. Vermutlich konnten diese schlicht mit ihren Themen wenig anfangen, da sie nicht für Freiheiten kämpfen mussten und an den Innenwelten von Frauen wenig interessiert waren – zumindest nicht auf geistiger Ebene. 

Es sind die Rollenbilder, die wir übernehmen, die uns im kulturellen Raum als Frau definieren, es sind die Zuschreibungen, die unseren Platz in der Welt bestimmen, keine biologische Anlage.

„Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht an sich, sondern in Beziehung auf sich; sie wird nicht als autonomes Wesen angesehen.“

und weiter: 

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.* Kein biologisches, psychisches, wirtschaftliches Schicksal bestimmt die Gestalt, die das weibliche Menschenwesen im Schoß der Gesellschaft annimmt.“

Simone de Beauvoir sah nur einen Weg, dies zu ändern: Es selber in die Hand zu nehmen:

«Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.»

Was so lange geübt und eingetrichtert wurde, was sich als Haltung etabliert hat, lässt sich nicht im Alleingang ändern. Kultur ist ein kollektives Gut, was alle betrifft, kann nur getragen werden, wenn es alle tragen.

«Da ich nicht denke, dass die Frau von Natur aus dem Manne unterlegen ist, denke ich auch nicht, dass sie ihm von Natur aus überlegen ist.»

Insofern sind alle gefordert, da eine Veränderung zu erreichen, in einem konstruktiven Miteinander unter Gleichgestellten auf Augenhöhe. So ist ein schönes Zitat zum Abschluss vielleicht dieses:

«Das Glück besteht darin, zu leben wie alle Welt und doch wie kein anderer zu sein.»

Niemand ist eine Insel, wir alle wollen zur Welt gehören. Schön, wenn wir das in unserem eigenen So-Sein als Ich tun können.

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*DIes wohl der Kernsatz aus „Das andere Geschlecht“

3 Inspirationen – Woche 24

Der Sommer hat uns wieder – oder wir ihn. Richtig schön, endlich wieder Sonne und Wärme zu spüren, die Abende draussen geniessen zu können. Das ist doch nochmals ein Stück Lebensqualität mehr, wie ich finde. Ich habe beschlossen, aus den fünf Inspirationen drei zu machen – aller guten Dinge sind drei und das soll nun auch bei meinen Inspirationen so sein.

Was hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ich habe ein Hörbuch gehört über Simone Beauvoir: C. Bernd Suchers Leidenschaften: Simone de Beauvoir. Auf eine locker, fundierte und gut nachvollzierbare Weise stellt Bernd Sucher Leben und Werk dieser spannenden Frau vor, immer durchsetzt von Zitaten. Der Podcast hat mich gleich dazu angeregt, ihre Bücher mal wieder in die Hand zu nehmen.

„Mein Unternehmen war mein Leben selbst.“

Eine interessante Aussage, verweist sie doch auf das Leben zurück als Zentrum, nicht auf das Streben im Aussen, dem so viele nachrennen, um da ihren Erfolg zu suchen.

  • Bald steht bei mir ein Tapetenwechsel an und das hat so viele Ideen freigesetzt, die ich dann umsetzen will, dass ich es kaum erwarten kann. Die Vorfreude ist also gross, auch wenn immer ein wenig Unsicherheit mitschwingt, da ich doch meine geregelten Abläufe schätze und auch brauche für mein Schreiben und Sein. Generell bin ich vor Neuem immer unsicher, versuche mir aber immer wieder zu sagen, dass es immer gut war, wenn es erst mal eingetreten ist. Fazit daraus:

Gelassen bleiben und die Dinge kommen lassen.

oder aber das Motto (als Mantra gesprochen):

Es kommt, wie es kommen muss

  • Ein Gedicht ist mir begegnet, welches ich wunderschön finde:

Josef von Eichendorff: Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

Wie schön, das Lied in den Dingen zu sehen – möge die Welt klingen.

Katja Kulin: Der andere Mann: Die grosse Liebe der Simone de Beauvoir

Anlässlich einer Reise nach Amerika lernt Simone de Beauvoir den Schriftsteller Nelson Algren kennen, der sie ein wenig durch die Stadt führen soll. Die gegenseitige Anziehung lässt die Stadtbesichtigung in Algrens Wohnung enden, nach einer leidenschaftlichen Nacht heisst es jedoch schon wieder Abschied nehmen.

„Aber nächtliches Zusammensein ohne lendemain, das schien ihre erst heute wie die deutlichste Widerspiegelung der Absurdität und des Selbstbetrugs, der in der Tätigkeit des Reisens lag, bei der so vieles unverbindlich und ohne Folgen blieb.“

Es sollte nicht bei der einen Nacht bleiben, schon am nächsten Tag steht Simone wieder vor Nelsons Tür, die beiden stehlen sich die Zeiten zwischen ihren Terminen, bis sie schliesslich wieder nach Paris und zu Sartre zurück kehrt. Sartre, an dessen Seite sie schon seit Jahren lebte und arbeitete, eine Beziehung geistiger Natur, neben welcher Affären möglich und abgemacht waren. Doch es sollte keine Affäre bleiben.

„Wenn du zu unserem kleinen Zuhause zurückkommst, werde ich schon dort sein, unter dem Bett versteckt und allgegenwärtig. Ih werde ab jetzt immer bei dir sein, mein Geliebter, wie es eine liebende Frau bei ihrem geliebten Mann ist. Wir werden kein Erwachen erleben, denn dies war kein Traum, sondern eine wunderbare und wahre Geschichte, die gerade erst beginnt.“

In den Phasen des Getrenntseins fliegen Briefe zwischen Chicago und Paris hin und her, ein Band zwischen den beiden Liebenden, die sich selber als Ehemann und -frau bezeichnen, wird immer intensiver gewebt. Die jeweiligen Wiedersehen in Chicago, einmal auch in Paris, über die nächsten Jahre sind innig. Und doch ist eine gemeinsame Zukunft an einem Ort undenkbar.

„Aber ich könnte nicht nur für die LIebe leben oder für das Glück. Das wäre zu wenig. ich will wie du mit meinem Schreiben etwas verändern, das gäbe meinem Leben Bedeutung. Das ist viel schwerer zu erreichen als die Liebe, aber es ist eine Arbeit, die doch getan werden muss. Und ich glaube, wirklich ein en Sinn hat das nur dort, wo man verwurzelt ist.“

Die Liebe, so gross sie auch ist, reicht schlussendlich nicht, die Beziehung zu tragen. Nelsons Wunsch nach einem dauernden Zusammensein, die Unmöglichkeit von beiden, für den anderen die eigene Heimat aufzugeben, lässt die Beziehung schliesslich enden.

Katrin Kulin ist es gelungen, das Leben, Lieben und Schreiben einer grossartigen Frau und Denkerin in einer Geschichte zu vereinen, die den Leser von der ersten Seite in den Bann zieht. Die Liebesgeschichte wird abwechselnd aus Nelsons und Simones Blickwinkel erzählt und auch reflektiert, was tiefe Blicke hinter die Kulissen gewährleistet. Es gelingt Katja Kulin, das Denken und die Anliegen von Simone de Beauvoir in die Geschichte einfliessen zu lassen, meist unauffällig und doch informativ, ganz selten etwas zu ausführlich und den Erzählfluss störend. Gezeichnet wird dabei das Bild einer Frau (und immer auch Sartres Einfluss auf dieselbe), welche mit der tiefen Überzeugung durchs Leben geht, sich für die wichtigen Themen einsetzen zu müssen, weil darin ihre wahre Berufung liegt. Mit vollem Engagement setzt sie sich vor allem für die Rolle der Frau in einer von Männern bestimmten Welt ein.

„Die Welt war von Männern geformt worden und das, was man unter ‚Menschheit‘ verstand, war männlich. Die Frau wurde nicht als autonomes Wesen betrachtet, sondern als ein dem Mann entgegengesetztes, ihm untergeordnetes. Es gab sie nur in Relation zum Mann, sie war das Unwesentliche neben dem Wesentlichen, das Objekt neben dem Subjekt, das andere neben dem einen.“

Wie schnell man selber in die Rolle der sich unterordnenden Frau geraten kann, merkt Simone an sich, als sie sich durch die Liebe beflügelt zumindest zeitweise in die Rolle der umsorgenden Ehefrau wiederfindet. Dass auch ihr Verhältnis mit Sartre über weite Strecken (zumindest von aussen gesehen, aber auch selber gelebt) ein sich Unterordnen Simones mit sich bringt, zeigt ihr deutlich, wie viel noch zu tun ist, um diese Muster in der Gesellschaft zu durchbrechen.

„Das biologische Geschlecht musste von der sozialen Rolle der Frau als Konstrukt unterschieden werden. Man kam nicht als Frau zur Welt, man wurde es.“

Der Roman zeigt deutlich die intensive Auseinandersetzung Katja Kulins mit dem Menschen Simone de Beauvoir sowie mit ihren Ideen. Es gelingt ihr dadurch, aus einem reichen Wissensfundus zu schöpfen und dieses Wissen mehrheitlich unauffällig und doch kompetent einfliessen zu lassen. Entstanden ist ein mitreissendes und zutiefst menschliches Porträt einer spannenden Frau. Unterm Strich bleibt das Buch immer aber auch eine Liebesgeschichte, und da, wo diese dominiert gleitet der Erzählung ab und zu ins Pathetische und Kitschige, wird die Sprache gar blumig und auch die Metaphern wirken wie aus einem alten Barbara-Cartland-Roman. Zum Glück überwiegt der gute Erzählton bei Weitem, so dass man über diese Aussetzer grosszügig hinweglesen kann.

Fazit:
Die durch eine geschickt gewählte Erzählperspektive tiefgründende Lebens- und Liebesgeschichte einer grossartigen Frau und Denkerin. Sehr empfehlenswert!

Zur Autorin
Katja Kulin wurde 1974 in Bochum ­geboren und lebt seit Mitte 2018 in einem kleinen Dorf in der Voreifel. Sie studierte Germanistik und Erziehungswissenschaften. Sie schreibt Romane, Romanbiografien und Sachbücher und ist als Lektorin tätig.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (12. März 2021)
ISBN-Nr.: 978-3832165666
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

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