Aus dem Atelier: Ich-Sein

„Jeder sieht, was du scheinst. Nur wenige fühlen, wie du bist.“ Niccolò Machiavelli

Bin ich, wer ich zu sein scheine? Bin ich, wer ich sein will? Will ich sein, wer ich bin, oder will ich doch eher sein, wie ich denke, sein zu müssen? Will ich um des Scheins Willen sein oder aus mir heraus?

Bestimmt sich mein Sein durch mein Tun oder tue ich, was ich tue, weil ich bin, wer ich bin?

Fragen, die man sich an einem Dienstag Morgen so stellen kann. Oder auch sonst. Vielleicht doch auch besser nicht? Was wäre, wenn ich eine Antwort fände? Was würde ich damit anfangen? Was würde sich ändern? Was müsste ich ändern? Und wenn sich nichts änderte und ich dies ebenfalls nicht täte, wozu dann die Frage?

Fragen sind sich selbst befruchtende Wesen. Bevor sich eine Antwort zeigt, sind schon 100 neue da.

Habt einen schönen Tag!

Gedankenströme: Verstehen wollen

«Sprache ist nicht Wahrheit, sondern reflektiert unser Dasein in der Welt.» Paul Auster

Wieso schreibe ich? Was treibt mich an, Tag für Tag Buchstaben zu Worten und Worte zu Sätzen zu formen? Es ist nicht mal so sehr ein Schreiben-Wollen, sondern eher ein Müssen, ein Wissen darum, dass ich nur im Schreiben das finde, was für mich lebensnotwendig ist, weil es mir im Leben immer wieder darum geht: Verstehen wollen. Ich will verstehen, wie die Dinge laufen. Ich will verstehen, wieso die Dinge sind, wie sie sind. Ich will verstehen, wieso ich bin, wie ich bin. Und ich will verstehen, wie ich durch die Welt gehe, und wieso ich es auf die Art und Weise tue, in der ich es tue. Ich möchte verstehen, wieso die Welt mir erscheint, wie sie es tut, und ich möchte verstehen, wieso Menschen auf mich reagieren, wie sie es tun. Und ich auf sie.

Ich schreibe, weil durch das Schreiben mir die Dinge verständlich werden. Wenn ich nicht schreibe, schwirren sie in wilden Formationen durch mein Hirn, drehen und wenden sich, werden kaum fassbar, sind oft ein Durcheinander von losen Fetzen, die mich umtreiben. Indem ich sie einfange, zu Papier bringen, nehmen sie langsam eine Ordnung an, werden sie zu etwas, das sich immer deutlicher zeigt, bis ich es fassen, erfassen kann. Dann komme ich dem Verstehen näher. Und mit dem Verstehen kommt die Ruhe.

Ich mag es nicht, wenn Dinge unklar sind. Ich mag es nicht, wenn ich Dinge nicht einordnen kann. Zwar mag ich Fragen, doch möchte ich sie dann klären. Das Ungeklärt lassen liegt mir nicht. Ich kann sie nicht einfach mal beiseiteschieben oder offenlassen. Sie lassen mir dann keine Ruhe, sondern drehen sich, löchern mich, bewegen mich, treiben mich um. Ich gehe den Dingen gerne nach, erforsche sie, will sie erkennen und erklären können. Zumindest für mich. Und oft, wenn in mir ein Wieso oder Warum auftaucht, greife ich zum Stift, weil ich gemerkt habe, dass sich die Lösungen meist im Prozess des Schreibens wie von selbst aufs Papier ergiessen.

Und manchmal denke ich, dass mein eigenes Leben ein grosses Geheimnis ist, eines, das ich noch nicht ergründet habe. Es liegt hinter mir, ist mit mir und erstreckt sich weiter in die Zukunft. Und im Heute denke ich manchmal, woher die Dinge kommen, die ich wahrnehme, wo sie ihren Ursprung nahmen. Wo sind all die Fragen, Sätze, Gefühle, Affekte entstanden, die ins Heute wirken, manchmal auch auf eine Weise, die ich mir selbst nicht erklären kann? Und so fange ich an, mich meinem Leben entlangzuschreiben, grabe in die Tiefen und hole, einem Archäologen gleich, die Fundstücke ans Licht. Vielleicht ist es genauso, wie es auch Daniel Schreiber in seinem Buch «Zuhause» schreibt, dass etwas in mir mich dazu trieb

«die Geschichten, die mich umtrieben, so oft zu erzählen, bis sie einen Platz in mir fanden, mit dem ich leben konnte.»

Lebenskunst: Dunkle Stunden

Rainer Maria Rilke schrieb in einem meiner liebsten Gedichte:

„Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangen Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.“

Das Leben läuft nicht immer so, wie wir uns das erträumt haben. Manchmal beginnen wir einen neuen Lebensabschnitt voller Freude und Hoffnung, um dann vor einer Mauer zu stehen, wo es nicht mehr weiter geht. Oder wir leiden an einer Krankheit, werden von Menschen enttäuscht, auf die wir gebaut haben. Und dann wird die Welt dunkel, alles erscheint in düsteren Farben, wir hadern mit geplatzten Hoffnungen und leiden. Es sind die Momente, die wir eigentlich nicht in unserem Leben wollen, wir streben die lichtvollen an, die, welche hell und klar scheinen. Leider wird das Leben nie nur hell sein, zudem ist es nicht mal sicher, ob das wirklich wünschenswert wäre.

Oft zwingen uns gerade die dunklen Stunden, genauer hinzuschauen. Oft öffnet sich dann der Blick auf vorher Verborgenes, wir erkennen Irrtümer, Wünsche, Träume, finden neue Ziele. Oft sind es die problematischen Situationen, an denen wir wachsen.

Vielleicht können wir dunkle Stunden auch als Chance sehen? Als Möglichkeit, innezuhalten, uns zu hinterfragen? Vielleicht sind sie Mittel, unserem Unbewussten mehr auf die Spur zu kommen, weil sie uns mit dem konfrontieren, was uns leiden lässt. Vielleicht finden wir dadurch auch Mittel und Wege, künftiges Leiden zu minimieren, so dass wir von Mal zu Mal wachsen. Und sicher hilft der Gedanke daran, dass irgendwann wieder die Sonne aufgehen wird und es hell wird. 

Was macht ihr, wenn im Dunkel sitzt? Habt ihr Strategien, wie ihr wieder ins Licht kommt?

Lebenskunst: Eigene Grenzen erkennen

«So ist das Wichtigste im Leben, die Dinge zu unterscheiden und sich klarzumachen: Äussere Ereignisse habe ich nicht in der Hand, aber meine Entscheidungen zu den Ereignissen habe ich sehr wohl in der Hand.» Epiktet

Wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir das gerne hätten, neigen wir dazu, uns zu ärgern, mit dem Schicksal zu hadern, uns aufzuregen. Dies passiert auf allen Ebenen: Wir haben ein Grillfest geplant und das Wetter schlägt um, der Autofahrer vor uns findet den zweiten Gang nicht, auf alle Fälle lässt sein Fahrstil darauf schliessen, ein Bekannter hat uns beleidigt –  und vieles mehr. Nur: Wir haben das Wetter nicht in der Hand, der Fahrer vor uns hört unser Fluchen und Toben nicht und den Bekannten können wir nicht erziehen. Ein Sprichwort lautet:

„Was kümmert es den Mond, wenn ihn ein Hund anbellt“

 Die Antwort ist offensichtlich. Und: Wir sollten sein, wie der Mond: Was uns von aussen zufällt, sind bellende Hunde. Sie sind da, sie werden immer da sein, wir können das nicht beeinflussen. Wir können uns aufregen oder im Bewusstsein, dass all das nicht in unserer Macht liegt, versuchen, es anzunehmen und das Beste aus der Situation zu machen. Das liegt in unserer Hand: unsere Reaktion auf diese Hunde.

Wenn das von aussen Kommende von Menschen stammt, kann es auch helfen, wenn wir uns vor Augen führen, dass wir nicht wissen, wieso diese Menschen so sind und handeln, wie sie es tun. Wir alle sind Menschen mit Eigenheiten und Eigenarten, mit guten und schlechten Tagen, mit Stärken und Schwächen. Andere zu verurteilen, zeugt von Überheblichkeit. Wir spielen uns zum Richter auf, vergessen dabei unsere eigene unvollkommene Menschennatur. Mit mehr Mitmenschlichkeit und Verständnis fiele es leichter, die ungewünschten Verhaltensweisen anzunehmen. Und dann könnte all das auch nicht zum eigenen Leid werden. 

Das alles hat nichts mit Gleichgültigkeit oder gar Gefühlskälte zu tun, im Gegenteil: Es ist ein Akt der Selbstsorge, denn das Leid, das wir uns durch affektive Reaktionen zufügen, schadet nur einem: Uns selbst.  

Lebenskunst: Gewohnheiten

«Gross ist die Macht der Gewohnheit.» Cicero

Ich habe einen Apfelschäler, der gleichzeitig den Apfel in Spiralen schneidet. Man steckt den Apfel auf eine Art Gabel, kurbelt ihn nach vorne, das Kerngehäuse geht durch einen Ring und wird so entfernt, der Rest des Apfels landet in einer langen Spirale auf dem Teller. Nun spannte ich den Apfel immer ein, zitterte dann, dass der Stiel auch durch das Loch geht, dass das Kerngehäuse sauber rausgeschnitten wird, da es ansonsten statt einer Spirale ein Stückwerk von Apfel gibt. Jedes Mal schimpfte ich innerlich über die Konstruktion, verurteilte sie als mangelhaft. Bis mir kürzlich der Gedanke kam: Ich könnte den Apfel andersrum in das Gerät spannen, dann könnte das Messer nicht mehr durch den Stil abgelenkt werden. Und siehe da: Es funktionierte. Natürlich rollte ich innerlich die Augen über mich, dass ich so lange brauchte, auf diese Idee zu kommen. 

Dann kam mir der Gedanke, dass das oft im Leben so ist: Wir laufen in immer wieder ähnliche Verhaltensfallen, kämpfen mit sich gleichenden Problemen und beklagen das Schicksal, andere Menschen, Umstände, statt hinzuschauen, was eigentlich dahintersteckt. So lange wir die Ursache für ein Problem oder Verhalten nicht ergründen, und unser Verhalten nicht entsprechend ändern, werden wir immer wieder mit den gleichen Folgen zu kämpfen haben. Leider sind (schlechte) Gewohnheiten – und darum handelt es sich meist – schwer zu ändern, da sie oftmals gar nicht bewusst sein, aber: Es ist nicht unmöglich. Epikur riet dazu:

„Schlechte Gewohnheiten wollen wir wie böse Menschen, die uns lange Zeit geschadet haben, gründlich vertreiben.“

Dabei helfen vier Schritte:

  1. Das Leiden erkennen
  2. Die Ursache erkennen
  3. Erkennen, was helfen würde, die Ursache zu beseitigen
  4. Den Weg gehen

Wenn wir immer wieder ähnliche Probleme haben, können wir uns fragen: Was führt jeweils zu dem Problem? Womit rufe ich es hervor? Was sind meine Gründe dafür? Was könnte ich verändern, damit das nicht mehr passiert? Wie setze ich das konkret um?

Das wird vielleicht nicht sofort und für immer funktionieren, es ist ein Weg, teilweise ein anstrengender. Es gilt, immer bewusst hinzusehen und zu merken, wann wir Gefahr laufen, in alte Gewohnheiten zu fallen. An dem Punkt müssen wir ansetzen und unser Verhalten bewusst in die neue, wohltuendere Richtung verändern. Wenn wir also zum Beispiel zu impulsiven Reaktionen auf gefühlt verletzende Aussagen zu reagieren, hilft es, kurz innezuhalten, uns bewusst zu werden, dass die Verletzung auf unserer eigenen Interpretation basiert und nicht in der Absicht des anderen liegt (und wenn, sollten wir sowieso nicht verletzt sein, sondern uns auch an Epikur halten, einfach umgekehrt, nämlich, dem Menschen in unserem Leben keinen Platz zu geben). 

Das klingt am Anfang vielleicht etwas umständlich, wird aber mit der Zeit zu einer neuen (guten) Gewohnheit und dann automatisch zu mehr Gelassenheit und innerer Ruhe führen. 

„Zum zehnten Mal wiederholt, wird es gefallen.“ (Horaz)

Und wenn es mal nicht klappt, können wir uns an die alten Stoiker halten, die selbst nicht glaubten, dass es je einen Weisen gab, der das Ideal erreichte – nur: Versuchen sollten wir es. Frei nach Rilke:

«Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.»

Lebenskunst: Spiegelungen

«Wende den Blick auf dich selbst und schau, ob du nicht ähnliche Fehler hast.» Marc Aurel

Wenn andere uns enttäuschen, sich nicht so verhalten, wie wir das erwarten, sind wir schnell dabei, sie zu be- und verurteilen. Wir sehen sie als rücksichtslos, weil sie nicht zu Zeiten zu einer Verabredung kamen, herzlos, weil sie zu wenig Anteil an unserem Leid nehmen, chaotisch, weil sie alles überall liegen lassen. Und wir können uns ob dieser (in Tat und Wahrheit nichtigen) Dinge aufregen, zürnen, schmollen. In ganz schwierigen Fällen zerbrechen daran sogar Freundschaften. Und wir sehen uns im Recht. «So nicht», denken wir. «Nicht mit mir.» 

Nur: Geht es uns danach besser? Haben wir uns bei all dem mal gefragt, wieso der andere ist, wie er ist, tut, was er tut. Und vor allem auch: Haben wir uns mal gefragt, wieso uns das so aufregt? Worauf trifft das Verhalten bei uns, dass wir so viel negative Energie aufwenden, ihm zu begegnen? Was ist in uns, das mit diesem Verhalten in Resonanz tritt?  Vielleicht liegt der Ursprung unseres Zorns, unseres Ärgers gar nicht beim andern, sondern bei uns selbst? Vielleicht gibt es da sogar eine Seite in uns, die genau dem entspricht, was wir beim anderen kritisieren. Und wir mögen die Seite an uns selbst nicht und kritisieren uns dafür, versuchen sie zu unterdrücken. Vielleicht auch nicht immer erfolgreich. Wenn dann jemand kommt und genau das lebt, bricht die ganze Kritik, der ganze Ärger über diese Seite aus uns heraus und trifft den anderen. Könnte das nicht sein?

Tagesgedanken: Frei handeln

„Wir suchen den Spielraum, der uns verbleibt
Zwischen Gesetzen, die durch uns handeln,
Und suchen das Mächtige, das uns treibt,
In Freiheiten umzuwandeln.

Es läuft auf Unterwerfung hinaus.
Quer dürfen wir uns nicht stellen.
Sonst zerreißt es uns, und die Wege sind kraus.
Es geht nicht zurück zu den Quellen“

(Eva Strittmatter, Auszug aus „Einklang“)

Ich habe (ziemlich hohe) Ansprüche an mich und mein Tun und strebe danach, diese zu erfüllen. Gelingt es mir nicht, kommt eine Unzufriedenheit auf, eine innere Stimme schilt mich einen Versager, spornt mich an, es noch härter zu versuchen, noch mehr Einsatz zu leisten. Es geht mir nicht gut damit. Wo kommt diese Stimme her. Wessen Stimme habe ich da verinnerlicht? Und ich frage mich weiter, wie frei ich eigentlich bin in meinem Tun und Sein. Tue ich alles, was ich tue, aus mir heraus, oder versuche ich, äussere Anforderungen, Ansprüche zu erfüllen? Will ich etwas beweisen, gut dastehen, und handle aus dieser Motivation heraus? Wessen Ansprüche sind es? Die der Gesellschaft? Des Vaters? Des Chefs?

Im Alltag tun wir vieles aus Gewohnheiten und Prägungen heraus. Unsere Reaktionen auf Umstände, unser Umgang mit Herausforderungen sind selten reflektierte Handlungen, sondern automatisierte Abläufe. Ebenso ist es mit unseren Wünschen und Zielen: Geprägt von unserem Leben, unserer Herkunft und unserer Kultur haben wir Werte und Anforderungen verinnerlicht, denen wir zu entsprechen versuchen. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil, in gewissen Bereichen ist es sogar sinnvoll und gut für ein gelingendes Miteinander. Wichtig ist dabei jedoch, sich dessen bewusst zu sein.

Es hilft mir, immer wieder innezuhalten und auf mein Leben zu schauen: Was will ich wirklich? Und ich schaue auf meine Wünsche und Ziele, versuche herauszufinden, wo sie herkommen und ob sie wirklich meine sind. Will ich, was ich tue, für mich? Versuche ich, jemandem zu gefallen? Erfülle ich einen alten Anspruch? Versuche ich, Anerkennung zu erhalten durch mein Tun? Die Frage nach dem Wozu hilft, das aktuelle Tun zu hinterfragen und mit meinen wirklichen Wünschen abzugleichen: Wo will ich hin? Was erwarte ich vom Leben für mich? Lebe ich wirklich mein Leben?

Manchmal komme ich dann zum Schluss, dass ich von meiner eigenen Spur abgekommen bin. Was nun? Zuerst ist es sicher wichtig, hinzusehen, wieso ich an den Ort gelangt bin, an dem ich nun bin: Waren es Muster und Prägungen, die mich geleitet haben? Waren die äusseren Umstände so gelagert, dass nur dieser Weg möglich schien oder war? Gab es andere Gründe, die meinen eigenen Wünschen und Zielen nicht entsprachen, die mich aber angeleitet haben? Der nächste Schritt ist, herauszufinden, welche Möglichkeiten bestehen, meine eigenen Wünsche zu verwirklichen: Was kann ich nun tun, um meinen Kurs zu korrigieren? Was brauche ich dazu? Und dann gehe ich weiter – auf meinem Weg.

5 Inspirationen – Woche 10

Wieder ist eine Woche förmlich vorbeigeflogen, Zeit, Rückschau zu halten. Es war für mich eine nachdenkliche Woche, eine Woche, die viel Innensicht und Selbsthinterfragung beinhaltete. Die heutigen fünf Punkte spiegeln das wohl ein wenig wieder. Als Motto könnte man vielleicht ein Zitat aus den Yoga Sutras voranstellen:

„Selbsterforschung führt zum inneren Licht.“ (Patanjalis Yoga Sutras, 2.44)

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Diese Woche stiess ich auf einen Artikel, der mich sehr berührte: Was würde ich meinem zukünftigen Ich sagen? Wo stehe ich im Leben, worauf kann ich bauen? Es werden fünf Fragen empfohlen, die man sich stellen soll:
    • was habe ich bis heute gelernt?
    • Welche Menschen möchte ich in meinem Leben nicht missen?
    • Was bringt mein Herz zum Lächeln?
    • Kümmere ich mich gut um mich selber?
    • Wofür bin ich dankbar?
  • Am Montag war Weltfrauentag, auf Instagram sah ich lauter Bücher, die von Frauen geschrieben wurden. Es liegt in der Natur der Sache bei mir, dass ich früher hauptsächlich Männer las, da es bei den Klassikern gab und diese im Studium den grossen Schwerpunkt hatten. Ich habe bislang selten bewusst darauf geachtet, ob ein Buch von einem Mann oder einer Frau geschrieben wurde, ich schaute mehr auf Themen und wählte danach, was mich da anspricht. Als ich mir so Gedanken machte, dachte ich plötzlich, dass mir aber doch in letzter Zeit mehrheitlich Bücher von Frauen gut gefallen. Ob das Zufall ist oder nicht? Ich werde das mal bewusst im Auge behalten, einfach, weil es mich interessiert.
  • Diese Woche hörte ich den Podcast Unlocking us von Brené Brown mit Dr. Yaba Blay und der Buch One Drop: Shifting the Lens on Race. Yaba Blay sprach über eine Zeit, in welcher sie versuchte, es allen recht zu machen, zu beweisen, was sie alles schafft, was andere ihr nicht zutrauen, und wie ihre Seele darunter gelitten hat. Brené Brown hatte dazu eine Geschichte aus ihrer Therapie, als die Therapeutin sie fragte: „Was bräuchten Sie, dass es für sie endlich genug wäre, dass Sie sich als gut genug fühlen.“ Ich fragte mich, wie oft wir unseren Selbstwert aus den Erwartungen anderer ableiten, wie oft wir leiden, weil wir nicht selber unser Massstab sind, sondern dem Lob und der Anerkennung anderer nachrennen. Und ich fragte mich weiter, was wir uns selber damit antun.

„Wenn der Blick auf die Aussenwelt nötig ist, um zu erkennen und zu verstehen, wer wir sind, dann sind wir für uns selbst nur in begrenztem Umfang eine Autorität.“

Dabei geht es nicht darum, die eigene Meinung über die anderer zu stellen, aber wer sollte uns selber, unsere Wünsche und Träume besser kennen als wir selber? Wieso also beschäftigen wir uns nicht mit denen, sondern versuchen, die anderer zu erfüllen, indem wir sind, wie sie uns haben wollen?

  • Ich lese gerade das Buch von Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten. Ich kann es nur empfehlen, es ist ein wunderbares Buch mit kleinen Kapiteln voller Lebensgeschichten, Nachdenklichkeiten, Weltbeobachtungen.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Den Mut haben, sich dem eigenen Leiden zu stellen

„Erinnere dich daran, dass das, was dich wie an unsichtbaren Fäden hin- und herzieht, in deinem Innern verborgen ist.“ (Marc Aurel)

Ist es dir auch schon mal passiert, dass du auf etwas reagiert und dich im Nachhinein gefragt hast: „Was hat mich da geritten?“ Dann fallen dir spontan mehrere Möglichkeiten einer besseren Reaktion ein – alles Möglichkeiten, die du nicht gewählt hast, weil du aus dem hohlen Bauch heraus, ohne innezuhalten oder nachzudenken, spontan reagiert hast.

Was also hat dich geritten? Tief in unserem Unbewussten schlummern unterdrückte Gefühle, verdrängte Erfahrungen, ignorierte Emotionen. Wir haben etwas erlebt, das schmerzhaft oder unerfreulich war, haben beschlossen, das aus unserem Bewusstsein zu verbannen, weil wir nicht mehr weiter leiden wollten. Wir haben es verdrängt. Nur: Alles, was wir verdrängen, ist nicht einfach weg. Es tobt fortan in unserem Unterbewusstsein weiter. Und es kommt just dann wieder hervor, wenn etwas passiert, das in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten hat mit dem, was wir verdrängen. So passiert es, dass wir in aktuellen Situationen nicht auf das reagieren, was wirklich ist, sondern darauf, was wir in die Situation hineinlesen aufgrund vergangener Erfahrungen.

Mögen Gefühle, Emotionen und Erfahrungen auch noch so schmerzvoll sein: Es bringt nichts, sie zu verdrängen, weil wir sie auf diese Weise nicht los werden. Im Gegenteil: Sie bringen von da, wo sie sind, nur noch viel mehr Leid und Schmerz, da sie uns immer wieder neu in Situationen bringen, in denen wir das nochmals erleben, was wir eigentlich verdrängen wollten. Erst wenn wir uns dem Ganzen stellen, wenn wir hinschauen, analysieren, akzeptieren und verarbeiten, können wir frei werden davon. Nicht immer ein einfacher Weg, schon gar nicht der des geringsten Widerstandes, aber einer, der auf mittel- und langfristige Sicht Heilung und Wachstum mit sich bringt. Nur wenn wir uns bewusst sind, was in uns vorgeht, nur wenn wir genau hinschauen, können wir auf Situationen reagieren, wie sie sind, anstatt immer wieder in alte Muster zu verfallen und von neuem zu leiden.

Harry G. Frankfurt: Sich selbst ernst nehmen

Wir Menschen sind stolz auf unsere Begabung zur Vernunft und zur Liebe. Deswegen neigen wir zu ziemlich aufwendigen Zeremonien und beglückwünschen uns gern selbst, wenn wir den Eindruck haben, tatsächlich eine dieser Fähigkeiten zu realisieren. […] Beide sind problematisch, und ihr Verhältnis zueinander ist unklar.

In den beiden Vorlesungen Uns selbst ernst nehmen und Richtigliegen versucht Harry G. Frankfurt, dieses Verhältnis zu durchleuchten und die Liebe und die Vernunft als dem Menschen inhärente Fähigkeiten zu erklären. Harry G. Frankfurt stellt die Autorität der Liebe über die der Vernunft. Die Autorität der Vernunft gründe gar in der der Liebe. Die Liebe selber erachtet er als Sache des Willens. Und somit steht dieser an erster und oberster Stelle, von wo alles ausgeht.

Frankfurts Liebesbegriff ist frei von romantischen Spuren, Liebe ist für ihn verbunden mit der Sorge um etwas, dem sich Kümmern um eine Person oder Sache. Diese Form von Liebe setzt Ziele und somit Handlungen in Gang. Indem wir wissen, was uns wichtig ist, worum wir uns kümmern wollen, können wir unser Handeln auf diese Punkte fokussieren. Wir setzen also unseren freien Willen um.

Wichtig dabei ist, so Frankfurt, dass man sich immer wieder interfragt, um sich näher kennen zu lernen. Diese Fähigkeit der Selbsthinterfragung nennt Frankfurt denn auch das, was den Menschen grundlegend ausmacht.

 Es ist unser besonderes Talent, uns von dem unmittelbaren Inhalt und Fluss unseres eigenen Bewusstseins abzusetzen und eine Art Spaltung innerhalb unseres Denkens einführen zu können. Dieses elementare Manöver etabliert eine nach innen gerichtete kontrollierende Überwachung. Es schafft eine elementare reflexive Struktur, die es uns ermöglicht, unsere Aufmerksamkeit

Erst wenn wir uns selber hinterfragen, nehmen wir uns auch ernst. Dann finden wir heraus, was wir wirklich wollen, welches wirklich die Stimme der Liebe und der Vernunft ist und wo wir Irrtümern und falschen Beweggründen aufsitzen.

Fazit:

Ein hoch komplexes und trotzdem schön lesbares Werk über die Liebe und die Vernunft. Diese beiden Vorlesungen behandeln Themen, die für den Menschen zentral sind: Wie sollen wir handeln, worauf unser Handeln stützen. Drei Kommentare runden das Ganze ab, einerseits Christine Korsgaards Beitrag über die Beziehung von Sorge und Moral, Michael Bratmans Frage, ob wirklich die Liebe handlungsbegründend ist, sowie Meir Dan-Cohens Untersuchung nach der Rolle der Verantwortung in Harry G. Frankfurts Essays.

(Harry G. Frankfurt: Sich selbst ernst nehmen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007.)

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 145 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag (2007)

Preis: EUR: 18.80 ; CHF 34.50

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