Aus dem Atelier: Femme fatale

«Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet. Je mehr man die Welt liebt, desto schöner wird man sie finden.» Christian Morgenstern

An den Klagen über die grausame Welt mag viel dran sein. Zu allen Zeiten hat es sie gegeben und jede fand die ihre besonders schlimm. Zu allen Zeiten gab es aber auch Schönes und Gutes. Es liegt an uns, worauf wir den Fokus richten wollen.

Ich bin überzeugt, dass das Leben ein glücklicheres ist, wenn man den Fokus auf das Schöne legt. Wie sagte schon Epiktet: Es gibt Dinge, die wir nicht ändern können, weil sie nicht in unserer Hand liegen. Und es gibt Dinge, die liegen in unserer Hand, sie können wir steuern. Steuern können wir mehrheitlich nur unseren Blick auf das, was ist, nicht aber dass es ist.

Und so habe ich beschlossen, mich fortan (noch mehr) dem Schönen zuzuwenden. Anderes gibt es ja wahrlich schon genug, darum muss ich mich nicht auch noch kümmern. Ich fange gleich mit dem Wochenende an.

Habt einen schönen Tag!

Gedankensplitter: Glück – «Irgendeinisch»

Als ich ein Kind war, sagte mir mein Vater einmal:

«Du taugst nicht zum Glücklichsein.»

Und ja, die Schwere lastete mehrheitlich auf mir. Wenn ich in meine Kindheit zurückdenke, fallen mir wenige unbeschwerte Momente ein. Aus späteren Jahren zum Glück einige mehr, sonst würde das hier nun eine Trauergeschichte, was schlecht zum Titel passen würde.

Kürzlich sass ich in wunderbarer Begleitung und ausgelassener Stimmung in meinem Lieblingslokal und plötzlich durchzuckte es mich:

«Ich bin glücklich.»

Das Glück ist eine schwierige Sache, da so schwer fassbar. Man kann es nicht einfangen und schon gar nicht bewahren. Man ist ihm ausgeliefert, denn es kommt und geht nach eigenem Gesetz. Es hilft nur eines: Bereit sein, damit es offene Türen einrennt, wenn es kommt. Ich war es wohl und es trat ein. Meine wunderbare Begleitung meinte, ich müsse auch mal über das Glück schreiben, nicht nur über das Schwere. Natürlich war mein erster Impuls der des Widerspruchs. Ich schreibe nicht nur vom Schweren, da ist auch viel Leichtes, Schönes, Gutes drin.

Aber ja. Ich bin Melancholiker. Mindestens. Das Schwere ist präsent. Mittlerweile – wohl auch durch die Milde des Alters – gemässigt. Es hilft wohl, dass das Leben es plötzlich gut mit mir meint. Weil da so viel Schönes ist. Weil ich das Glück habe, meine Leidenschaft leben zu können. Dafür bin ich dankbar. Tag für Tag. Dankbarkeit half mir durch die dunkelsten Zeiten meines Lebens, sie ist auch in den hellen ein Geschenk.

Und dann war da also dieser Glücksmoment. An einem normalen Abend, einfach da. Und vielleicht ist es genau das, was das Leben lebenswert macht: Die kleinen Momente sehen, die gut sind. Sich ihnen ausliefern. Sie geniessen. Im Wissen, es gibt auch andere. Aber im Moment ist alles gut. Alles ist gut.

Und das ist Glück.

Gabriele von Arnim: Der Trost der Schönheit

«Die besonnene Erkenntnis des Alters liegt ja im Genuss und im Trost des kleinen oder bitte auch schrägen Erlebens. Es geht weniger um Ekstase als um die vielstimmige Tiefe der Ruhe, um das Erkennen, das Wahrnehmen von Schönem.»

Wovon handelt dieses Buch? Vom Sehen und vom Fühlen, von der Milde des Alters, von der Gelassenheit, die sich einstellt und doch immer wieder mit Affekten durchbrochen wird. Vom Sich-Einrichten im Leben und seinen Umständen, vom Geniessen der kleinen Dinge, vom Sich-Freuen an den Blumen am Wegesrand, den Wolken am Himmel, dem Buch auf dem Tisch und der Zeit, die bleibt. Und vom Atmen. Und Fühlen. Vom Allem. Und nichts.

Es ist ein Buch der kleinen Sätze, die ab und zu eine Wirkung hinterlassen, ein Buch der kleinen Gefühle, die ganz gross sein können. Es ist ein Buch mit Rückblicken und Einblicken, ein Buch des Sich-Einlassens und dazu Aufrufens. Es ist ein Buch der kurzen Momente, die nachhallen, ein Buch aus dem Leben.

Es ist ein leises Buch, eines ohne grosse Erkenntnisse oder Botschaften. Es ist das leise Plätschern eines kleinen Bachs, das doch mitunter eine schöne Wirkung hat.

Es ist ein Buch, das mich zurücklässt und ich weiss nicht wie. Ein Buch, aus dem man viel für sich ziehen kann aber auch nichts. Vielleicht trägt man auch etwas rein und kommt so damit in einen Dialog? Wer es liest oder gelesen hat: Wie ist es euch damit ergangen?

Habt einen schönen Tag!

Emanzipation? Es ist noch ein weiter Weg!

Diese Woche schaute ich eine Sendung im Fernsehen, in welcher es um Schönheitsoperationen im Intimbereich von Frauen ging. Ich sah mich mit Gedanken konfrontiert, die ich selber noch nie gehabt hatte. Und ich fragte mich:

Wieso stellt man sich hin, verbiegt sich mit Spiegel, um dann etwas an sich zu finden, das zu optimieren wäre.

Die Aussage, man täte das für sich selber, konnte ich irgendwie nicht gelten lassen, denn: So ich für mich (und ich bin ja nicht ganz unbeweglich) seh das selten und denke: Nein, das geht gar nicht, da muss ich was tun. Das denke ich nicht mal bei meinem Gesicht und das sehe ich täglich… es entspricht nun nicht den gängigen Modelidealen von landläufigen Sendungen, dazu hat es schon zu viel gesehen und durchstanden – sei es nur an Jahren.

Und dann fielen mir in den Sozialen Medien immer wieder Fotos von – in meinen Augen – wirklich schönen Frauen auf, welche so weichgezeichnet waren, dass alles leicht verschwommen, aber sicher kein Fältchen mehr zu sehen war. Das war wohl der Anspruch. Und ich ertappte mich dabei zu denken:

Wie schade. Das ganze Leben aus dem Gesicht gewischt.

Wieso? Und ja, ich kenne mich zu gut aus bei Fotoprogrammen, um es nicht zu sehen

Wir stehen hin und wollen für die Emanzipation kämpfen, schaffen es aber nicht mal selber, zu uns zu stehen und uns so, wie wir sind, als schön und wertvoll zu erachten. Wir müssen uns selber zuerst optimieren, dass es passt.
Wir haben einen weiten Weg vor uns. Und er wird bei uns selber anfangen müssen. Jetzt. Denn:

Wenn nicht jetzt, wann dann??

Ich bin schön

Heute las ich einen Artikel über Models, die sich die kleinen Zehen amputieren lassen, um besser in Stöckelschuhe zu passen. Kürzlich sah ich ein Finalbild eines Modelcontests und die Siegerin war Haut und Knochen. Die Mutter gab noch an, sie hätte ihrer Tochter geholfen, ein paar Pfunde zu verlieren im Hinblick auf diesen Wettbewerb. Dass das gute Kind schon vor der Abnahme nach gesundheitlichen Massstäben untergewichtig war, schien sie nicht zu kümmern. Alles für die Schönheit, alles für den Erfolg.

Die Modelwelt hat Schönheitsideale, die Gesundheitsaspekte ignoriert. Sie stellt Menschen aufs Podest, die sich diesem Diktat unterordnen auf Kosten ihrer Gesundheit, auf Kosten jeglicher Vernunft. Wozu? Für die paar Jahre Rampenlicht? Für das Geld, das lockt, wenn man wirklich on the top ist (drunter hat man nur die gesundheitlichen Risiken und hangelt sich von Casting zu Casting). Ist die Verheissung von Ruhm und Ehre so gross, dass der eigene Körper und dessen Wohlergehen nichts mehr zählt?

Man muss gar nicht so weit gehen. Schon im realen Leben (weit ab vom Scheinwerferlicht der Modelmärchenwelt) hat der Schönheitswahn Einzug gehalten. Frau muss schön sein. Sie muss gefallen. Sie will gefallen. Dafür ordnet sich alles unter, auch die eigene Gesundheit.

Schaut man auf Singlebörsen, sieht man Männer, kaum hübsch zu nennen, ein paar Kilos zu viel, ein paar Jahre über dem Zenit, die junge, schlanke, sexy Frauen suchen. Mit welchem Recht? Wieso denkt ein abgehalfterter Grufty, er könne sich gehen lassen, dürfe sich aber eine Frau an seiner Seite wünschen, die, um ihm zu gefallen, grossen Aufwand betreibt? Und wieso lässt sich Frau drauf ein? Sind wir nicht in einer emanzipierten Zeit, wo Frau gleiche Rechte hat wie Mann? Auf dem Papier schon, in den Köpfen nicht. In beider Geschlechter Köpfen nicht.

Kämpft Madame Feministin zwar auf allen Parketten der Genderdiskussion, geht sie danach heim, zieht den Lippenstift nach und pudert das Näschen, zwängt sich in Highheels (hoffentlich mit 5 Zehen pro Fuss) und stöckelt dann durch die Strassen, neben ihr der Mann in Jeanslook und Turnschuh. Er darf das, sie wäre damit out. Besteht sie auf Schlabberlook und Ökobluse, unterliegt sie neben all den anderen, die sich dem Diktat unterwerfen. Die stöckeln mit hohen Schuhen, roten Lippen und Kriegsbemalung (denn es herrscht Krieg in der Frauenwelt; jede sieht die andere als Rivalin im Kampf um den ach so begehrten Mann und dessen Aufmerksamkeit) daher, lächeln vornherum nett und spannen hintenrum den Mann aus. Die Schlampen, die, ruft die Unterlegene aus. Nun gut, jedes Spiel hat Verlierer.

Man könnte ketzerisch sein und sagen: Die (menschliche) Frau ist die Unterlegene im Evolutionsspiel. Plustert sich im Tierreich das Männchen auf, um dem Weibchen zu imponieren und es abzukriegen, hat sich im Menschendasein das Ganze gedreht. Frau muss sich verbiegen, um im Kampf der weiterzugebenden Gene zu obsiegen.

Ich erinnere mich an einen Einkaufsbummel mit meinem geliebten Vater. Das muss nun 24 Jahre her sein. Er schimpfte mit mir, weil alle  anderen Mädchen nette Jupes und Kleidchen trugen, ich ungeschminkt in Jeans daher kam. Ich solle mal was aus mir machen, meinte er. Ich erwiderte ihm, dass mich der, welcher mich möge, so nehmen müsse, wie ich sei.

Ich erinnere mich an ein Modelangebot in Jugendtagen. Mein Dad hätte meine Setcard arrangiert. Von seinem Umfeld im Winterthurer Landboten hatte er die Kontakte, auch zu Fotographen. Ich liebäugelte damit, war geschmeichelt. Sagte dann, dass ich es nicht mögen würde, auf mein Äusseres reduziert zu werden. Mein Inneres sei wichtiger.

Die Aussagen klingen cool. Sie klingen selbstbewusst. Das war und bin ich bei Weitem nicht. Ich zweifle oft. Sehe all die zurecht geschminkten Wesen in den Strassen. Wünschte mir ab und an, eines von Ihnen zu sein. Finde sie schön, mich blass. Sehe ihre Fotos auf Facebook und Twitter und lösche alle von mir, weil sie hässlich sind, wie ich finde. Doch ab und an schaue ich in den Spiegel und denke „so schlecht bist du auch nicht“.

Wo ist die Lösung? Ich habe keine Ahnung. Ich kann leider auf hohen Schuhen nicht gehen. Lippenstift mag ich nicht, fühlt sich so fremd an. Was ist schön? Wer legt den Masstab fest? Die Wirtschaft geht flöten, in den Zeitungen werden Ideale propagiert, die ungesund sind, jeder will der Schönste sein, am Meisten haben. Das Streben nach Erfolg und Ruhm ist die erste Priorität geworden. Dieses Streben lässt Werte wie Moral, Gesundheit, Natürlichkeit als Witz dastehen. Dass die Menschen daran kranken, nimmt man wahr, erörtert es in Boulevard-Medien und gesellschaftskritischen Aufsätzen, kämpft vor der Kamera für gleiche Rechte der Geschlechter, um sich hinter selbiger die Lippen nachzuziehen.

Bin ich böse? Vielleicht schon. Bin ich frustriert? Nicht grundsätzlich. Ich habe alle Zehen, darf in Turnschuhen gehen und zu Hause meine Schlabberhosen tragen. Ab und an beneide ich die überschminkten Schönheiten in Kosmetikabteilungen in Warenhäusern. Im morgendlichen Stress mit Schulkind bin ich froh, nicht den Aufwand betreiben zu müssen. Wo ist die Lösung? Ich bezweifle, dass es eine gibt. Die Welt nimmt ihren Gang. Man muss entscheiden, wo man sich einordnen will. Und dann damit leben.