Rezension: Julie Mebes – Der Himmel neben dem Louvre

Paris – eine Liebe fürs Leben

Wenn man in Paris Frau gewesen ist, kann man es nirgendwo anders sein. (Montesquieu)

Paris ist nicht einfach eine Stadt in Frankreich, Paris hat seine eigenen Gesetze, seine eigenen Gerüche, viele Facetten, welche die Stadt einzigartig machen. Nachdem Julie Mebes in den Niederlanden aufgewachsen ist und verschiedene berufliche Stationen durchlaufen hat, quittiert sie ihren Dienst und bleibt in Paris.

Eine Pariserin verlässt ihren Frisör nicht. Sie folgt ihm treu, wenn er zu einem anderen Salon überwechselt. Hat sie ihren Frisör gefunden, dann hat sie ihren Stil gefunden.

In 38 Kapiteln zeigt Julie Mebes ihr Leben in Paris. Sie nimmt den Leser mit in den Supermarkt, erklärt ihm sprachliche Finessen, zeigt ihm die kleinen Ecken und Nischen, die die Stadt so wunderbar machen und lässt ihn teilhaben am Alltag einer Frau in Paris.

„Vous êtes très gentil.“ Sie sind sehr nett. Denn auch das habe ich gelernt: Annäherungsversuche bloss nicht mit einem prüden „Lassen Sie mich bitte in Ruhe“ ablehnen, sondern: geschmeichelt lächeln, „Vous êtes très gentil“ sagen, ihn dabei angucken und, das ist wichtig, dann sofort den Blick abwenden. Ende. Aus. Eine echte Zauberformel.

Der Himmel neben dem Louvre zeigt bei aller spürbaren Liebe zu Paris keinen verklärten Blick, sondern weist auch auf die Schwierigkeiten in der Stadt hin.

Das Haus hat also seine Fehler, aber nicht alle sind typisch für das Haus. Manche Fehler sind typisch für Paris.

Ständige Wasserschäden, alte Häuser, kleine Zimmer – alles alltägliche Dinge, mit denen man sich in Paris konfrontiert sieht. Trotzdem zieht der Pariser nicht einfach um, er bleibt seinem Haus, sicher seinem Quartier treu, denn da findet sein Leben statt – ein Leben lang meist.

„Il ne faut jamais quitter cet immeuble“, sagt Rose. Wir dürfen nie von hier wegziehen.

Fazit
Eine persönliche, warmherzige, philosophisch anmutende Reise durch Paris. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Julie Mebes
Julie Mebes wurde 1966 in Deutschland geboren. Aufgewachsen ist sie in den Niederlanden, mit achtzehn wechselte sie die Staatsangehörigkeit. Sie studierte Politologie und Jura in Amsterdam. Nach Stationen im Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft war sie Diplomatin in Brüssel, Botschaftsrätin bei der EU, und in Paris stellvertretende Botschafterin bei der UNESCO. 2010 quittierte sie den Dienst, um in Paris zu bleiben, und sie sagt von sich: Je ne regrette rien.

Angaben zum Buch:
MebesTaschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Juni 2015)
ISBN-Nr.: 978-3423260657
Preis: EUR 14.90 / CHF 21.90

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Rezension: Vicki Scott – Peanuts. Auf zu den Sternen

Snoopy ist zurück

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es seinem Nachbarn nicht gefällt. Dies gilt auch für Snoopy, der sich einem grossen, gewalttätigen Kater aus der Nachbarschaft ausgesetzt sieht. Als Snoopy merkt, dass er diesem Umgeheuer nicht gewachsen ist, will er fliehen, läuft dabei aber Lucy in die Arme. Sie sagt ihm, dass man vor seinen Problemen nicht davonlaufen darf, sondern sich ihnen stellen muss. Zudem müsste er wohl auf den Mond fliehen, wenn er keine Kater mehr sehen wolle.

Snoopy kehrt nach Hause zurück, wenig überzeugt, dass er es mit dem Kater je wird aufnehmen können. Müde von allem studieren, wie er seine Probleme lösen könnte, schläft er ein. Im Traum werden er und Woodstock zu Astronauten und fliegen zum Mond. Leider ist diese Flucht auf den Mond am nächsten Morgen vorbei, als Snoopy zu allem Übel erfahren muss, dass der grausame Kater Woodstock gefasst hat. Er muss was tun….

Kurz bevor sein letzter Originalstrip in einer Sonntagszeitung erschien, starb der Schöpfer von Charlie Brown und seinen Freunden, der Erfinder der Peanuts mit ihrem wohl bekanntesten Mitglied Snoopy. Mit diesem Band kehrt Snoopy zurück. Die neuen Geschichten sind von Vicki Scott geschrieben und gezeichnet worden, es sind aktuell die einzigen, die von der „Charles M. Schulz Creative Associates“ als nicht von Charles M. Schulz gezeichnete Geschichten genehmigt sind. Vicki Scott ist es gelungen, die Charaktere so zu erfassen, wie sie von ihrem Erfinder vorgezeichnet wurden. Damit geht ein Stück Comicgeschichte weiter, die viel zu früh geendet hatte.

Fazit
Eine wunderbare Geschichte rund um die wunderbaren Figuren der Peanuts. Snoopy ist zurück. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Vicki Scott
Vicki Scott ist Teil des Peanuts Studioteams und arbeitet dort als Illustratorin, Produktentwicklerin und Redakteurin. Scott beschreibt sich selbst als eine Cartoonistin aus Iowa, die nach Kalifornien gezogen ist, um eine Cartoonistin aus Minnesota, die nach Kalifornien gezogen ist, zu verkörpern. Wie Charles M. Schulz genießt sie es, ihre Zeit mit guten Freunden und der Peanuts Gang zu verbringen.

Angaben zum Buch:
Peanuts1Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Cross Cult Verlag (1. Dezember 2014)
Übersetzung: Christian Langhagen
ISBN-Nr.: 978-3864255823
Preis: EUR 10 / CHF 15.90

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Rezension: Rebecca Martin – Nacktschnecken

Sich finden – im Leben und in der Beziehung

Ich stelle mir vor, du hättest nicht zufällig neben mir gesessen, als ich gerade aufstehen und schon wieder gehen wollte. […] Es ist so leicht, sich zu verpassen – selbst dann, wenn dir der andere gegenübersteht. Wir hätten all die Dinge nicht geteilt, wir hätten die gemachten Fehler nicht gemacht, zumindest nicht miteinander…

Nora und Paul sind seit langem ein Paar. Sie haben sich eingerichtet, ihre Rollen gefunden, verstehen sich quasi blind. So gehen sie durch die Jahre. Eigentlich könnte alles gut sein, es ist auch nicht schlecht, nur kommt immer wieder das Leben dazwischen, bringt Probleme auf, zeigt Risse in den festgelegten Rollenmodellen, lässt Nora zweifeln: an sich, an Paul, an der Beziehung. Wie viele Kompromisse kann man machen, ohne sich selber zu verlieren? Wie viele Zugeständnisse muss man machen, um den anderen nicht zu verlieren?

Nacktschnecken handelt von einer jungen Frau, die ihren Platz im Leben und in ihrer Beziehung sucht. Rebecca Martin versteht es, in einer Sprache, die ganz der Protagonistin entspricht, mit viel Feingefühl und Tiefgang die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens zu schildern, ohne dabei zu psychologisieren. Vielmehr zeigt sie das pralle Leben mit all seinen Höhen und Tiefen durch die erlebte Geschichte. Dadurch ist ein Zeugnis einer Generation entstanden, das selbst wenn es nicht die eigene betrifft, verständlich und nachvollziehbar wird. Und jeder, der durch diese Phasen des Lebens hindurch ging, wird sich irgendwo wiederfinden in der Erzählung von Nora und Paul.

Fazit
Ein feinfühliges und tiefgründiges Buch, in dem alles passt: Plot, Figuren, Sprache. Empfehlenswert.

Zum Autor
Rebecca Martin
Rebecca Martin wurde 1990 in Berlin geboren. 2008 veröffentlicht sie ihren Roman Frühling und so, 2009 macht sie Abitur. Es folgt die Ausbildung zur Werbetexterin an der Texterschmiede Hamburg. Im Sommer 2012 erscheint der zweite Roman Und alle so yeah im DuMont Buchverlag. Seit September 2013 absolviert sie ein Drehbuchstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.

Angaben zum Buch:
MartinNacktschneckenTaschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Dumont Verlag (12. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3832163204
Preis: EUR 14.90 / CHF 21.90

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Rezension: Tim Parks – Der ehrgeizige Mr. Duckworth

Wenn jedes Mittel recht wird

Morris lag auf dem Rücken und heulte jämmerliche Tränen des Selbstmitleids. Er war verflucht, das war alles. Verflucht, nicht mehr und nicht weniger. Das zeigte sich schon daran, dass sich offenbar niemand sonst an dem Hund störte. Die anderen waren alle immun. Die weckte das Bellen nicht auf. Aber er war mit irgendeiner schrecklichen Krankheit geschlagen, die all diese Plagen über ihn brachte. Und das hatte er nicht verdient. Das hatte er ganz bestimmt nicht verdient.

Morris arbeitet in Verona als Privatlehrer für reiche und verwöhnte Kinder, für die, welche all das haben, was ihm eigentlich zusteht. Das Schicksal hat es, da ist sich Morris sicher, schlecht mit ihm gemeint, es hat ihn um sein wirkliches Leben betrogen. Zum Glück ist da Massimina. Junges, hübsches Mädchen aus gutem Hause und dazu in Morris verliebt. In ihr sieht er die Lösung all seiner Probleme: Er muss sie heiraten. Wollen wäre anders, aber was tut man nicht alles, um zu Geld zu kommen.

Leider ist Massiminas Mutter von der Liaison wenig angetan, so dass die beiden beschliessen, zu flüchten. Damit hören die Geldsorgen Morris’ aber nicht auf, im Gegenteil, er muss sich etwas einfallen lassen. Allerdings ist er auch als Ganove wenig erfolgreich, so dass er sich immer wieder einen neuen Schelmenstreich ausdenken muss, um mit seiner vermeintlichen Retterin zu überleben. Zudem ist er damit beschäftigt, alles vor ihr geheimzuhalten, was aber nicht sonderlich schwer ist, da Massimina einerseits sehr naiv und andererseits sehr verliebt ist. Der Diebstahl eines Gucci-Koffers ist nur der Anfang einer sich steigernden Reihe von Ungesetzlichkeiten, die darüber hinaus von Fall zu Fall schwerwiegender werden.

Morris Duckworth ist ein Ganove, der an Felix Krull oder Ripley erinnert. Verschlagen lügt und betrügt er sich durchs Leben um den Lebensstandard zu erreichen, der ihm in seinen Augen zusteht. Dass er so skrupellos handeln muss, ist allerdings nie seine Schuld, sondern die all derer, die sein Genie missachten, die ihm nicht zubilligen, was ihm gebührt, nämlich Geld, Ruhm, Ehre.

Tim Parks führt ihn und alle anderen Charaktere sorgfältig und über ihre Erlebnisse und Verhaltensweisen ein, lässt den Leser sie so langsam erleben und kennenlernen. Auf dieser Basis ist es schwer, die mal geknüpften Bande zu lösen, wenn die Geschichte sich mehr und mehr zuspitzt, der Charakter des Protagonisten, der anfänglich selbstmitleidig und sehr selbstverherrlichend war, schlussendlich immer bösartiger und gnadenloser wird auf dem Weg zu seinem Ziel. Man sitzt gebannt und liest sich von Seite zu Seite, einerseits hoffend, er möge endlich auffliegen, andererseits bangend, das könnte der Fall und damit das Buch zu Ende sein.

Zu Ende ist die Geschichte – wenn auch in diesem Buch durchaus abgeschlossen für sich – lange nicht, denn Der ehrgeizige Mr. Duckworth ist erst der Anfang einer Trilogie, deren weiteren Teile im Juli und im September 2015 erscheinen werden. Man darf gespannt sein.

Fazit:
Eine Ganovengeschichte, die durch lebensnahe Figuren und einen stimmig aufgebauten Plot besticht. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Tim Parks
Tim Parks, geboren 1954 in Manchester, wuchs in London auf und lebt seit 1981 in Italien. In vielen seiner Romane und erzählenden Sachbücher hat er das Leben in Italien thematisiert. Er hat das Werk von Italo Calvino, Roberto Calasso, Alberto Moravia und Machiavelli ins Englische übersetzt und lebt als Professor für Literarisches Übersetzen in Mailand. Zuletzt erschien von ihm Italien in vollen Zügen.

Angaben zum Buch:
Parksder_ehrgeizige_mr_duckworthTaschenbuch: 300 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (27. Mai 2015)
ISBN-Nr.: 978-3888979309
Originaltitel: Cara Massimina
Übersetzung: Lutz-W. Wolff
Preis: EUR 16.95 / CHF 23.90

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Rezension: Hanni Münzer – Honigtot

Auf den Suchen nach den eigenen Wurzeln

Lieber Gott, ausgerechnet Afghanistan! Du musst verrückt sein, Felicity, wirklich. Hast du so lange studiert, nur um anschliessend am Ende der Welt mit einem Schleier herumzulaufen?

Felicity hat soeben ihr Medizinstudium beendet, sie ist mit einem zuverlässigen, sie liebenden Mann, der dazu noch anerkannter Chirurg ist zusammen. Glück pur? Könnte es sein, wenn Felicity das nicht alles hinter sich lassen und nach Afghanistan gehen wollte. Eine Flucht oder Berufung?

Doch je näher das Ende des Studiums und die Prüfungen gerückt waren, umso stärker war der Drang geworden, wieder eine neue Richtung einzuschlagen, auszubrechen aus ihrem geregelten Leben.

[…] Ohne ergründen zu können, woher der melancholische Satz kam, dachte sie: Ich werde das Land der Liebe niemals betreten.

Alles ist gepackt, eigentlich kann es losgehen zum Flughafen, doch Felicitys Mutter ist verschwunden – diese hatte sie fahren wollen. War das ein Versuch, Felicity von ihrem Plan abzubringen? Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter war immer eher distanziert gewesen, aber dass sie ihr nun Steine in den Weg legte? Ob ihr was passiert war?

Nach einem ersten Schrecken und den Gedanken an das Schlimmste, steht fest: Nach einem kurzen Besuch im Pflegeheim ihrer kürzlich versztorbenen Mutter ist sie mit einem Karton unter dem Arm aus diesem gestürmt und sogleich nach Rom abgeflogen. Felicity verschiebt ihre Reise nach Afghanistan und reist ihrer Mutter hinterher. Was sie in Rom erfährt, weckt auch ihr Interesse: Die ganze Vergangenheit, wie sie bislang erzählt worden ist, war auf Lügen aufgebaut. Die Wahrheit geht tief, führt zurück ins Naziregime. Je tiefer die beiden Frauen graben – und sich dabei als Mutter und Tochter näher kommen –, desto brisanter werden die Funde.

Hanni Münzer hat mit Honigtot aus dem Vollen der Schriftstellerkunst geschöpft: Eine emotionale Geschichte, die von ihren lebensnahem Charakteren lebt, Schauplätze, die plastisch werden und damit den durchdachten, spannend aufgezogenen und stimmig ausgeführten Plot lebendig werden lassen. Die historischen Hintergründe sind fundiert recherchiert ohne dabei zum Geschichtsunterricht zu werden. Alles in allem ein wunderbarer Lesegenuss.

Fazit:
Eine emotionale Geschichte, bei der alles stimmt: Plastische Schauplätze, lebensnahe Charaktere, stimmiger Plot und Spannung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Hanni Münzer
Hanni Münzer hatte schon immer eine lebhafte Fantasie (zum Leidwesen von Eltern und Lehrern) und verschlang bereits als Sechsjährige jedes Buch. Nicht alles war jugendfrei. Aus der Leidenschaft zu lesen, entwickelte sich die Leidenschaft zu schreiben.
2013 veröffentlichte die in Wolfratshausen Geborene ihr Debüt „DIE SEELENFISCHER“. Es war ein Experiment, das versehentlich gelang. Plötzlich war sie Autorin.

Interview mit der Autorin: Nachgefragt

Angaben zum Buch:
MünzerhonigtotTaschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. April 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492307253
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

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Kritik zur Serie: Breaking Bad

breaking-bad-castFamilienidylle in der Kleinstadt, ein eher biederer Chemielehrer mit schwangerer Frau und Sohn mit Geburtsgebrechen. Die Liebe ist gross, das Geld eher knapp, doch alles kann dem Familienglück nichts anhaben, bis die Diagnose kommt: Walter White hat Lungenkrebs. Die zweite Hiobsbotschaft folgt sogleich: Die Behandlung ist teuer und die Krankenkassen zahlen nicht.

Um den Kranken etwas abzulenken, nimmt ihn Hank, seines Zeichens Schwippschager und DEA Agent, zu einem Einsatz mit, bei dem ein Methamphetamin-Labor ausgehoben wird. Von da an überschlagen sich die Zufälle und die Geschichte nimmt ihren Lauf:

BreakingBadWalter erkennt einen ehemaligen Schüler (Jesse Pinkman), der vom Tatort flieht und sieht die Summen an Geld, die in dem Geschäft zu holen sind. Schnell sieht er die Lösung all seiner Probleme: Als Chemielehrer kann er das Zeug herstellen und in seinem ehemaligen Schüler hat er den geeigneten Partner. Seine Behandlung wäre finanziert und seine Familie abgesichert.

So könnte die Idylle weitergehen, wäre das Kochen und Verkaufen von Drogen nicht etwas riskanter als das von Bolognese-Sauce. Walt verstrickt sich in Lügen und Geheimniskrämereien, die einst glückliche Ehe wird zur Zitterpartie, das ganze Leben zu einer tickenden Zeitbombe – und dabei ist der Krebs längst das kleinste Risiko.

Als Zuschauer wird man Zeuge des langsamen Wandels eines Menschen, der einst biederer und korrekter Lehrer war und sich nach und nach zum skrupellosen Gangster entwickelt, der über Leichen geht, um seine Ziele zu verwirklichen. Zwar scheinen immer wieder Gewissensbisse durch, doch verliert man mit der Zeit die Sicherheit, was nun echt und was gespielt ist. Ganz grosses Kino. Wer findet, Spannung alleine sei noch viel zu wenig, dem winken als Sahnehäubchen noch eine gute Menge schwarzer Humor und Komik (nicht zuletzt durch den nicht ganz gesetzestreuen Anwalt Saul Goodman, der überall seine Finger im Spiel hat). Intelligente Schachzüge, gut gesetzte Cliffhanger, unerwartete Twists runden das Ganze ab.

Aber Achtung: Wer gerne mal ab und an einen spannenden Film schaut, dem sei dringendst abgeraten, denn: Diese Serie hat Suchtfaktor. Die fünf Staffeln ziehen einem förmlich den Ärmer rein und man betet um verregnete Wochenenden und Entschuldigungen, nie mehr vom Sofa aufstehen zu müssen.

Fazit
Spannung pur. Brillante Schauspieler, tolles Drehbuch, gut umgesetzt – Der Suchtfaktor sprengt alles vorher Dagewesene. Unbedingt schauen!

Informationen:

Deutscher Titel Breaking Bad
Originaltitel Breaking Bad
Prouktionsjahr 2014
Umfang 5 Staffeln (7/13/13/13/16 Episoden)
Besetzung:
Walter „Walt“ White /Heisenberg Bryan Cranston
Jesse Pinkman Aaron Paul
Skyler White Anna Gunn
Walter White Jr RJ Mitte
Hank Schrader Dean Norris
Marie Schrader Betsy Brandt
Saul Goodman Bob Odenkirk

Trailer

Rezension: Heimo Schwilk – Rilke und die Frauen. Biografie eines Liebenden

Rilke – auf der ständigen Suche nach der Mutter?

Rilke, bekannt für seine wunderbaren und tiefgründigen Gedichte, wurde in seinem Leben und Dichten hauptsächlich von Frauen beeinflusst. Frauen säumen sein Leben, darunter Namen wie Lou Andreas-Salomé, Clara Westhoff, Marie von Thurn und Taxis und viele mehr. Angefangen hat aber alles mit Sophia Rilke – quasi das ganze Übel nahm da seinen Lauf. Eine zu enge Beziehung sei es gewesen, die den kleinen Rilke und später auch den jungen Mann gefangen hielt, prägte bis in die tiefsten Tiefen.

Der Schlüssel zu Rilkes beziehung zum weiblichen Geschlecht ist sein Verhältnis zur Mutter.

Er hätte sich drum nie ganz auf eine andere Frau einlassen können, hätte wenn, dann eher mütterliche Typen gesucht um die Distanz zur Mutter zu überbrücken, nachdem er von ihr weggegangen war.

Rilke sehnt sich lebenslang nach der innigen Liebe, die er als Kind gegenüber seiner Mutter empfand. […] Der junge Dichter suchte eine Ersatzmutter, die nicht einreisst, sondern aufbauen hilft; der er nicht Lebensmut zusprechen muss, sondern zu der er aufschauen darf, um zu lernen und zu wachsen.

Oder:

Rilke liebte die Frauen wie ein Sohn die eigene Mutter. Deshalb erschrak er, wenn es in der Liebe zum Letzten kommen sollte. Er floh vor dem Feuer der Leidenschaft, das seine Briefe und Gedichte entfacht hatten.

Er hätte Frauen mehr dafür benützt, sie in seine Gedichte zu verstricken, denn in sein Leben. Der problemhafte Umgang mit Frauen führe im Grunde darauf zurück, dass Rilke eigentlich selber lieber ein Mädchen wäre. Dies die These von Heimo Schwilk. Und über allem schwebte immer Rilkes Hässlichkeit, die der Autor der vorliegenden Biographie nicht müde wird, zu betonen. Einige Zeugnisse:

Rilke war kein schöner Mann, erst in seinen späteren Lebensjahren gewannen seine weichen, mit den wulstigen Lippen und dem fliehenden Kinn irgendwie auch karikaturhaften Züge einen Anflug reifer Männlichkeit.

[…] dieser blasse Bursche […]

[…] dieser scheue, zur Hingabe bereite, feminin wirkende junge Mann mit dem ungesunden Teint und den suggestiven Augen […]

Zwar habe er ‚seelenvolle Augen’, aber einen dünnen Hals, schmale Schultern und keinen Hinterkopf (zitiert aus Lou Andreas-Salomés Tagebuch)

Rilke mag von unscheinbarem Äusseren gewesen sein und auch kein Adonis, allerdings entbehrt das Buch jeglicher Notwendigkeit, dies so herauszustreichen.

Das Buch verschafft in der Tat einen Überblick über die wichtigen Frauen in Rilkes Leben (es ist nicht vollständig, aber das ist wohl ein Anspruch, der nicht erfüllt werden wollte). Eine wichtige Quelle für dieses Werk waren die vielen Briefe, die Rilke geschrieben hat und die ein gutes Zeugnis abgeben. Das hebt diese Biografien von vielen der grossen Rilke-Biografien ab, die noch vor Erscheinen der zweibändigen, sorgfältig kommentierten Edition seiner Briefwechsel erschienen sind. Schwilke verweist auch immer wieder auf das Werk des Dichters, stellt Bezüge zwischen seinen Frauengeschichten und diesem her, bleibt dabei aber eher blutleer und vor allem immer lieblos. Insgesamt wirkt alles wie zusammengesucht, in eine Reihe gepackt und hingeschrieben. Der Geist des Werkes und des Dichters springt mich aus diesem Buch nicht an.

Fazit:
Solide Biografie mit dem Fokus auf Rilkes Beziehung zu Frauen. Fundiert recherchiert, zeugt von Sachkenntnis des Autors, wirkt aber trotz einiger interessanter Aspekte etwas uninspiriert und lieblos.

Zum Autor
Heimo Schwilk
Heimo Schwilk, geboren 1952 in Stuttgart, Dr. phil., ist Autor zahlreicher Bücher über Politik und Literatur. Seine großen Biografien über Ernst Jünger und Hermann Hesse wurden im In- und Ausland hoch gelobt. Er war lange Jahre Leitender Redakteur der Welt am Sonntag und lebt in Berlin. 1991 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für herausragenden Journalismus ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Schwilkrilke_und_die_frauenGebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056373
Preis: EUR 22.99 / CHF 31.90

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Rezension: Pinocchio (Chauvel / McBurnie)

Nach einer Idee von Carlo Collodi

Von einem, der Schule lästig fand und von Leben gelehrt wurde

Pinocchio 1Eines Tages landet ein Stück Holz in Meister Antonios Werkstatt, kein edles, eher Brennholz. Dem Meister kommt das wie gerufen, er beschliesst, ein Tischbein draus zu machen, wird aber schon bei den ersten Beilschlägen gestoppt – Das Holzstück spricht und es will kein Tischbein sein. In dem Moment klopft es an die Tür und Gepetto steht da: Das Leben ist beschwerlich, er wünscht sich eine Holzpuppe, die ihm die täglichen Bedürfnisse erfüllt. Nach einem kurzen Handgemenge übergibt ihm Antonio das sprechende Holzstück und Gepetto macht sich ans Werk: Pinocchio entsteht. Statt aber dankbar zu sein, weil er als Puppe ein schönes Zuhause und in Gepetto einen lieben Papa hat, rennt er, was die Füsse tragen, davon. Die Nacht wird grausam und er bedauert schon bald, nicht auf den Rat der Grille gehört zu haben, die ihm noch vor seinem Weggang gesagt hat, dass die, welche nicht gehorchen, selten Glück im Leben haben.

Pinocchio 2Nach vielen Turbulenzen, Pinocchio verbrennt sich die Füsse, was für eine Holzpuppe gefährlich ist, Gepetto kommt ins Gefängnis und vieles mehr, sind die beiden wieder zusammen und Pinocchio verspricht, von nun an folgsam zu sein, zur Schule zu gehen und etwas lernen zu wollen. Doch schon auf dem nächsten Schulweg locken wieder viel spannendere Abenteuer. Auf seinen Reisen trifft er auf eine Fee, die seine Mama wird, auf Schurken, die ihn um alles bringen, was er hat, auf gefährliche Kreaturen, die ihn aufessen wollen, aber auch immer wieder auf Helfer, die ihn aus der Not retten.

Diese neue Auflage der Geschichte „Pinocchio“ nach der Idee von Carlo Collodi beinhaltet alles, was Comic-Bücher zum Genuss machen: Der Plot ist packend, sprachlich witzig und modern umgesetzt und illustratorisch ein Hochgenuss fürs Auge. Die Figuren sind charakterstark gezeichnet, die Farben greifen die Stimmung der jeweiligen Szenen auf. Das ist grosse Illustrationskunst.

Wer denkt, Comics seien nur was für Kinder, Pinocchio sowieso, der wird bei dem Buch eines Besseren belehrt: Das ist Lesespass für jung und alt. Für die jüngeren Semester hat es die eine oder andere „Moral von der Geschicht“ enthalten, unter anderem, dass aus Kindern, die nicht in die Schule wollen, Taugenichtse werden und dass Eltern mitunter Recht haben, wenn sie vor etwas warnen. Empfohlen ab 6 Jahren.

Fazit:
Wunderbar erzählte Geschichte mit hochwertigen Illustrationen. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
pinocchioGebundene Ausgabe: 224 Seiten
Idee: Carlo Collodi
Textadabtion: David Chauvel
Zeichnungen und Farben: Tim McBurnie
Empfohlen ab: 6 Jahren
Verlag: Splitter Verlag (11. Mai 2015)
ISBN-Nr.: 978-3958399037
Preis: EUR 15.95 / CHF 23.90

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Rezension: Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte

Werde, wer du bist

Doktor Breuer,
ich muss Sie in einer dringlichen Angelegenheit sprechen. Die Zukunft der deutschen Philosophie steht auf dem Spiele. Ich erwarte Sie morgen früh um neun im Café Sorrento.
Lou Salomé

Diese drängende Nachricht erreicht Josef Breuer in seinen Ferien. War er extra mit seiner Frau nach Venedig gereist, um alle dringlichen Angelegenheiten hinter sich zu lassen, empfindet er das Schreiben von Lou Salomé, die er noch dazu nicht kennt, als besonders störend. Trotzdem lässt er sich auf das Treffen ein und ist mehr als angenehm überrascht und angetan von dieser sehr verführerischen, selbstbewussten, gradlinigen Frau. Nur eines geistert durch seinen Kopf:

Während er in Gesellschaft Lou Salomés gemächlich frühstückte, wurde er der Ironie der Situation inne. War es nicht seltsam, wie er, der nach Venedig geflohen war, um das Unheil wiedergutzumachen, welches eine schöne Frau angerichtet hatte, hier nun im Tête-à-tête mit einer noch reizvolleren Frau zusammensass?

Lou Salomés Anliegen betrifft nicht sie selber, sondern Friedrich Nietzsche, der an einer grossen Verzweiflung leidet und um den sie sich sorgt. Josef Breuer soll sich diesem annehmen, darf dem Patienten aber nicht verraten, wer seine Auftraggeberin ist.

Nietzsche kommt eher widerwillig nach Wien, im Glauben, das Klima hier schade seiner Gesundheit. Stattdessen beginnt ein Heilungsprozess – nicht nur für Nietzsche, auch für Breuer. Beide erkennen den Mangel in ihrem Leben: Das Vertrauen in ihre Natur und ihre Lebensumstände. Während Breuer gewahr wird, dass genau das beschauliche Familienleben, das er führt, ihm entspricht, er also nichts bereuen muss, sieht Nietzsche, dass sein Naturell das eines Rastlosen ist, der erforschen will.

Und der Mensch Nietzsche? ‚Verkehren wir nach wie vor ausschliesslich als gemeinsam Forschende miteinander?’ fragte sich Breuer. ‚Immerhin kennt er mich besser – oder weiss zum mindesten mehr von mir – als jeder andere. Bin ich ihm zugetan? Ist er mir zugetan? Sind wir Freunde?’

Und Nietzsche weinte handelt vom Leben und von der Selbsterkenntnis. Es geht darum, wie einer wird, was einer ist und darum, wie Psychotherapie damit umgeht. Yalom lässt Psychiatrie und Philosophie aufeinandertreffen und das Leben diskutieren. Breuer ist beauftragt, Nietzsche zu helfen und lernt dabei viel über sich selber kennen. Neben Nietzsche und Breuer treten noch weitere Namen wie Bertha Pappenheim, Lou Salomé, Paul Ree und Sigmund Freud auf, reden über ihre Gedanken, über ihre Sicht des Lebens und der Welt, über die Liebe, Sexualität, Narzissmus – und vieles mehr.

Zwar haben sich Breuer und Nietzsche nie persönlich getroffen, allerdings ist es durchaus realistisch, dass ihre Gespräche genauso ausgesehen hätten, wie Yalom diese beschreibt. Der Roman zeugt von grosser Belesenheit, akribischer Recherche und umfassendem Verständnis der jeweiligen Theorien, die er in einer klaren und doch der Zeit, in der der Roman spielt, angepassten Sprache und in eine fiktive Geschichte verpackt seinen Lesern präsentiert. Trotz der grossen thematischen Tiefe und der vielen Theorien und Hintergründe bleibt das Buch lesbar, wirkt nicht überladen oder theoretisch trocken.

Fazit:
Philosophie und Psychiatrie, historische Charaktere und die Stimmung Wiens Anfangs des 19. Jahrhunderts – dieser Roman vereint alles und er tut dies auf eine lesbare und literarisch grossartige Weise. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Irvin D. Yalom
Irvin D. Yalom wurde am 13. Juni 1931 als Sohn jüdisch-russischer Einwanderer in Washington, D. C., geboren. Während die Eltern mit dem Lebensmittelladen und dem ökonomischen Überleben beschäftigt waren, zog sich der Sohn von der verarmten und gewalttätigen Nachbarschaft in die Welt der Bücher zurück. Die Liebe für Geschichten und deren biographische Bedeutung beeinflusste seine Studienwahl: Medizin mit der Fachrichtung Psychiatrie. Sein erstes Fachbuch, „Theorie und Praxis der Gruppentherapie“, enthielt zahlreiche biographische Fallvignetten, die den Band mit 700.000 Exemplaren zu einem Verkaufsschlager weit über Expertenkreise hinaus werden ließen. Yalom hat vier erwachsene Kinder und zahlreiche Enkel.

Angaben zum Buch:
YalomNietzscheTaschenbuch: 448 Seiten
Verlag: btb Verlag (4. Februar 2008)
Übersetzung: Uda Strätling
ISBN-Nr.: 978-3442737284
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

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Rezension: W. Somerset Maugham – Silbermond und Kupfermünze

Von einem, der auszog, Künstler zu sein

Charles Stricklands Grösse war echt. Mag sein, dass man seine Kunst nicht schätzt, aber man wird ihr auf alle Fälle Interesse entgegenbringen. Er beunruhigt und nimmt gefangen. Die Zeit, da er ein Gegenstand des Gelächters war, ist vorbei.

Charles Strickland, erfolgreicher Börsenmakler in London, lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in London. Von einem Tag auf den anderen bricht er aus diesem Leben aus und hinterlässt seine Familie mit nichts ausser offenen Fragen. Der erste Verdacht, er sei mit einer anderen Frau ausgebrochen, verfliegen bald und die Wahrheit kommt ans Licht: Strickland ging nach Paris, um Künstler zu sein. In einer schäbigen Absteige malt er einsam, Menschen sind ihm eher lästig. Fast jeder, der seine Bilder sieht, erkennt kaum etwas weniger als Talent. Trotzdem hält Strickland daran fest, Künstler sein zu wollen.

Strickland ist ein Egoist, schaut nur für sich, stösst andere Menschen vor den Kopf, nutzt sie aus, lacht über sie. Er sieht die Welt und die Menschen mit einem zynischen Lächeln auf den Lippen. Trotzdem trifft er immer wieder auf Menschen, die ihm über die Runden helfen, so dass er sich irgendwie durchschlägt.

Seine Fehler gelten als notwendige Ergänzung seiner Verdienste. Es ist noch möglich, über seinen Platz in der Kunst zu streiten, und die Lobhudelei seiner Bewunderer ist vielleicht genauso unbeständig wie die Verachtung seiner Gegner; aber eines steht ausser Zweifel: er besass Genie.

Somerset Maugham erzählt diesen Künstlerroman, der dem Leben Paul Gauguins nachempfunden ist, aus der Sicht eines Schriftstellers, welcher Strickland über dessen Frau kennengelernt hat und seinen Lebensweg immer wieder kreuzt über die Jahre. Im Gegensatz zum wortkargen Strickland verwendet der Erzähler eine Sprache, welche das Leben und die Umstände des eigenwilligen Malers quasi in Worten malt. Er sieht dessen Grausamkeit, sieht dessen Menschenfeindlichkeit, schwankt aber doch zwischen Abneigung und Anziehung.

Mich interessiert in er Kunst am meisten die Persönlichkeit des Künstlers, und wenn diese einzigartig ist, bin ich gewillt, tausend Fehler zu verzeihen..

Silbermond und Kupfermünze ist ein grossartiger Roman über das Leben eines Künstlers. In einer wunderbaren Sprache, die den Inhalt aufnimmt durch ihre malerischen Beschreibung, wird einerseits eine Lebensgeschichte erzählt und andererseits den grossen Fragen des Lebens nachgegangen: Was ist ein gutes Leben? Wie lebt man es richtig? Was fordert das Künstlerleben und was bedeutet Liebe?

Somerset Maugham entführt den Leser in die Zeit um die Jahrhundertwende, lässt ihn teilhaben am Leben eines Künstlers, der zu Lebzeiten verkannt wurde und erst posthum zu Ruhm gekommen ist. Es ist ihm gelungen, ein Stück Zeitgeschichte lebendig werden zu lassen.

Fazit:
Erzählkunst auf ganz hohem Niveau. Maugham entführt den Leser in die Welt eines Künstlers und lässt Zeitgeschichte lebendig werden. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Somerset Maugham
Somerset Maugham, geboren 1874, war früh von der Literatur angezogen. Er studierte zunächst Medizin, übte den Arztberuf aber nicht aus. Nach anfänglichen Misserfolgen gelangte er als Bühnenautor bald zu großem Ruhm. Seine literarische Bekanntheit erreichte er jedoch als Romancier und Geschichtenerzähler. Zeitweise war er als britischer Geheimagent tätig. Er bereiste zahlreiche Länder, vor allem im Fernen Osten, dem Schauplatz vieler seiner Erzählungen, und starb 1965 in Cap Ferrat an der französischen Riviera.

Angaben zum Buch:
Maughamsilbermond_und_kupfermuenzeTaschenbuch:224 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (18. Dezember 2012)
ISBN-Nr.: 978-3257200874
Preis: EUR 10.90 / CHF 15.90

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Rezension: Franka Potente – Allmählich wird es Tag

Wenn plötzlich alles anders ist

Jeden Tag war er pünktlich ins Büro gegangen, hatte zwei Stunden länger gearbeitet, abends eine Stunde ferngesehen und Scotch getrunken. Morgens um sechs dann der Wecker.
Vermisst hatte er sie nicht.

Tom Wilkins hat es geschafft im Leben. Guter Job, nette Frau, erfolgreicher Sohn. Eines Tages, er ist 49, ändert von einem Tag auf den anderen alles: Seine Frau zieht ohne Worte aus. Wenig später ist sein Job weg. Die Beziehung zum Sohn war – bei Lichte betrachtet – mehr Smalltalk als Nähe. All das war ihm nie bewusst gewesen, war er doch nur mit sich und seiner Arbeit beschäftigt über die Jahre.

Als er das Kissen aufschüttelte, fand er ein zusammengeknäultes T-Shirt…Liz hatte das T-Shirt zum Schlafen getragen… Er bedeckte sein Gesicht mit dem weichen Stoff und schloss die Augen. Der Geruch von Zuhause. Familie. So hatte es immer gerochen. Erst jetzt wurde ihm das klar.

Wut kommt auf, unbändige Wut. Er trinkt sich von einem Delirium ins nächste, suhlt in Selbstmitleid, gräbt in der Vergangenheit – und findet Dinge, die er verdrängt hatte. Dinge, die ihn schockieren, die ihn noch mehr in die Wut und ins Abseits bringen. Das Leben entgleitet ihm langsam, denn er hat keinen Halt mehr. Er ist konfrontiert mit seinem ganzen Leben, das er über die Jahre ausgeblendet hatte: Die Gewalt seines Vaters, seine eigene, sein Leben als Arschloch – was er selber zugeben muss. Und er ist allein. Er muss also etwas ändern.

Franka Potentes Debütroman packt den Leser und lässt ihn nicht mehr los. Mit viel Tiefgang und Einfühlungsvermögen erzählt sie die Geschichte von Tim Wilkins, der von einem Moment auf den anderen sein Leben auf den Kopf gestellt sieht. Mit einer klaren Sprache, die der Geschichte und dem Dasein von Tim Wilkins entspricht, zieht sie den Leser in die Geschichte hinein, lässt diese real werden, erfahrbar. Der langsame Absturz in Alkohol und Selbstmitleid wird durchbrochen durch Erinnerungen an ein Leben, das mehr Illusion als Realität war, da es zwar gelebt, aber in der Erinnerung verzehrt und verdrängt worden war – bis nun alles über Tim Wilkins zusammenbricht und ihn zwingt, hinzusehen.

Allmählich wird es Tag ist ein Buch, das zeigt, was passiert, wenn man das Leben an sich vorbeiziehen lässt. Es ist ein Buch über das Vergessen, Verdrängen und Erinnern, ein Buch des Neuanfangs und der Kämpfe, die mit einem solchen einhergehen können. Tim Wilkins Psychologie seines Handelns, Denkens und Fühlens ist dargestellt, ohne sie zu erklären, sondern indem sie aus seinem Verhalten offensichtlich wird. Bei aller Tragik der Geschichte, ist diese       nie pathetisch oder bedrückend, der Erzählerin ist die nötige Distanz gelungen, ohne zu weit aus der Gefühlszone rauszugehen. Grandios!

Fazit:
Eine grandios arrangierte Partitur aus Plot, Figuren, Sprache – die Lebensgeschichte eines Menschen, dessen Dasein von einem Tag auf den anderen ändert. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Franka Potente

Franka Potente wurde 1974 geboren und gehört seit ihrer Titelrolle in Tom Tykwers »Lola rennt« zu den international gefragtesten deutschen Schauspielerinnen. Sie trat unter anderem auf in »Die Bourne Identität« und in der Literaturverfilmung von »Elementarteilchen«. Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm über »Underground Art« in Tokio führten sie 2005 nach Japan, wohin sie seitdem immer wieder zurückkehrt. Franka Potente lebt in den USA.

Angaben zum Buch:
PotenteAllmählichGebundene Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. April 2015)
ISBN: 978-3492305921
Preis: EUR  9.99/ CHF 14.90

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Rezension: Andrea Camilleri – Romeo und Julia in Vigata

Es ist was los im Dorf

Wir schreiben das Jahr 1899, das neue Jahrtausend steht vor der Tür. Auf der ganzen Welt werden Feiern und Feste geplant, Vigata will da nicht zurückstehen. Ein Maskenball mit Prämierung der besten Maskierung wird geplant, wobei schon Stimmen unken, dass dies gefährlich werden könnte. Dies vor allem, weil die Situation in Vigata nicht ganz einfach ist, stehen doch zwei Familien auf Kriegsfuss und ein Zusammentreffen der beiden verhiesse Böses. Die beiden Familien erklären sich bereit, für diesen einen Abend das Kriegsbeil still zu halten (begraben wäre zu unvorsichtig, da man dem andern nicht trauen kann). Es wird eine Jury einberufen, mit darunter je einer der bekriegenden Familien: Manueli und Mariarosa

Ein Blick auf die liebreizende Mariarosa, das schönste Mädchen überhaupt, genügt, Manueli ist entflammt. Man ahnt es schon, ganz so einfach wird eine solche Liaison nicht, so dass sich Manueli einen Plan ausdenkt: Er lässt die holde Braut entführen, um sie dann in der Ferne zu ehelichen. Der Plan scheint wasserdicht, die Entführung findet statt, allerdings mit etwas ungeplantem Ausgang:

„Kompliment“, sagte Cosimo plötzlich.
„Wofür?“
„Für die Schönheit Eurer Kleinen. Schön wie die Sonne.“
[…]
Auf einem Bett in dem Zimmer lag, an Händen und Füssen gefesselt, ein Taschentuch um den Mund, ein junges Mädchen von zwanzig Jahren und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Sie war hässlich, zwergenhaft klein, stark behaart und fett wie eine Tonne.
Die Männer hatten sich geirrt, die hatten das Hausmädchen entführt.

Ebenfalls in Vigata kam es zu einem Wettbewerb zweier Eisverkäufer. Nachdem Cecè Caruana über Jahre alleine die Menschen im Sommer mit Eis versorgt hat und das Geschäft gut lief, kam plötzlich Micheli Filippello und trumpfte mit einem grösseren Eiswagen auf. Um das nicht auf sich sitzen zu lassen, kam Cecè auf immer neue Ideen, wie er seinen Eisverkauf ankurbeln und gegen die Konkurrenz behaupten konnte. Micheli zog jedes mal nach und übertrumpfte ihn gar noch. In erbittertem Kampf buhlen die beiden um die Pole-Position, zeigen aber, wenn es hart auf hart kommt, doch viel Menschlichkeit und Fairness. Als Micheli plötzlich stirbt, sieht Cecè nur noch eine Möglichkeit.

Dies sind nur zwei der insgesamt acht wunderbaren Kurzgeschichten, die dieser zweite Band mit Geschichten aus Vigata vereint. Andrea Camillerin erzählt wieder mit viel Humor Geschichten aus der Heimat seines Commissario Montalbano. Es sind Geschichten mit viel Charme, mit skurrilen Figuren, die einerseits Schlitzohr, andererseits Menschen mit Herz sind. Camilleri zeigt sie mit all ihren Facetten, mit ihren Lastern, Freuden, Wünschen und Verschlagenheiten. Er lässt Vigata lebendig werden und den Leser in diese kleine eigene Welt eintauchen. Während des Lesens wird man das Lächeln auf den Lippen kaum los, es kann auch durchaus ein lautes Lachen daraus werden.

Fazit:
Witz, Schalk, Charme und ein liebevoller Blick auf das Leben in einem kleinen italienischen Dorf – das findet man in Romeo und Julia in Vigata. Absolut empfehlenswert!

Zum Autor
Andrea Camilleri
Andrea Camilleri wurde am 6. September 1925 in Porto Empedocle, Sizilien geboren. Er ist Drehbuchautor, Theater- und Fernsehregisseur und Schriftsteller. Bekannt wurde er vor allem mit seinem sizilianischen Commissario Montalbano, die Krimis wurden in mehrere Sprachen übersetzte. Camilleri lebt in Rom.

Angaben zum Buch:
CamilleriRomeoGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (2. Februar 2015)
Übersetzung: Annette Kopetzki
ISBN: 978-3312006472
Preis: EUR  19.90/ CHF 27.90

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Rezension zur Serie: Alles was zählt

Ich liebe meine Tochter über alles. Und wenn Sie ihr das Herz brechen, dann breche ich Ihnen das Genick. Ich schwöre es.

Der Satz ist typisch für die Serie und ich liebe diese Haltung. Sie drückt Kraft, Spannung, Energie und völlig verschwurbelte Verhältnisse aus. Worum es geht? Um einen Familienbetrieb, der mal auf Eislauf setzt, dann auf Sport, dann auf Wellness, schliesslich auf Tanzen – bis alle Tänzer bei einem Busunglück ums Leben kommen und die Firma vor dem Ruin steht und sich neu erfindet. Schliesslich und endlich aber geht es um die Irrungen und Wirrungen einer Familie: den Steinkamps.

An vorderster Front Richard und Simone, die schon mehrfach verheiratet und wieder geschieden waren (aktuell geschieden zusammen). Gemeinsam haben sie ein paar Kinder (ich weiss gar nicht wie viele, zwei sind grad präsent) – er hat ein paar mehr als sie, wobei sie vor kurzem nachzog mit dem Geliebten ihrer Tochter. Noch alles klar soweit? Auf alle Fälle zeigt das so ziemlich den Charakter der Serie, der in etwa als Dallas und Denver für überm Teich zu umschreiben wäre.

AWZHochstehend ist das nicht, aber die Serie wartet immer gerade mit soviel Liebe und Spannung auf, dass ich unbedingt die nächste Folge sehen möchte. Aktuell zapple ich, weil ich wissen will, was mit Vanessa (eine Tochter von Richard und Simone) und „Big Daddy“ (viel älter, verheiratet, aber es ist kompliziert und er kein Schwein) wird.

Alles was zählt schafft es, immer so viel Neugier zu wecken, dass man dranbleiben will. Glaubwürdigkeit fällt als Entscheidungskriterium unter den Tisch, einmal gefangen, bleibt man haften. Da es nur eine halbe Stunde täglich ist und man die im Replay gestaffelt und zu Zeiten, die passen, schauen kann, bin ich seit einer ganzen Weile dabei… und bleibe noch, bis die Sache mit Vanessa geklärt ist. Dann hör ich auf (wobei ich sicher bin, dass bis dahin sicher eine andere tolle Liebesgeschichte so spannend ist, dass ich unbedingt deren Ende abwarten muss….).

Für die, welche nicht so auf Liebeschnulzen stehen, gibt es auch das Krimielement. Für diese Fälle hat Simone einen verkommenen Sohn, der immer und überall für kriminelle und mörderische Intermezzi sorgt. Auch Richard nimmt es nicht immer so genau mit dem Gesetz und wenn es um die Familie geht, drückt sogar Simone alle Augen zu – man sieht es beim Zitat am Anfang – und sie meint das so. Was nämlich ganz zentral ist bei dieser Serie: Wenn es hart auf hart kommt, gelten Liebe, Familie, Freundschaft – und alle stehen füreinander ein.

Fazit:
Nicht hochstehend oder hochtrabend, aber wunderbare Unterhaltung mit der nötigen Spannung, verworrenen Verbandelungen und menschlichen Werte, die man sich im Alltag wünscht. Das perfekte Programm zum Abschalten.

Rezension zur Serie: True Detective

Matthew-McConaughey-and-Woody-Harrelson-in-True-Detective-Season-1-Episode-3Lousianna 1995. Eine ehemalige Prostituierte wird ermordet, das Ganze erinnert an ein Ritual. Die beiden Kriminalpolizisten Martin Hart und Rustin Cohle, sie könnten unterschiedlicher nicht sein, untersuchen den Fall. Der Verdacht erhärtet sich, dass dies nicht der erste Mord des Täters war, sie finden weitere Mordfälle mit ähnlich ritualhaftem Vorgehen. Trotz aller Anstrengungen gelingt die Aufklärung nicht. Die beiden Detectives zerstreiten sich, beide steigen 2002 aus dem Polizeidienst aus, gehen getrennte Wege. Während sich Martin Hart mit einer Sicherheitsfirma selbständig machte, fristet Cohle sein Leben als Aussteiger und Pegeltrinker. Nach 10 Jahren Sendepause werden beide getrennt voneinander zu dem Fall befragt. Anlass dafür ist ein neuer Mord, der an die alten erinnert. Matthew-McConaughey-and-Woody-Harrelson-in-True-Detective-Season-1-Episode-1True Detective ist ein brilliant aufgegleister Krimi. Aus den Erzählungen der beiden ehemaligen Detectives erfährt der Zuschauer nach und nach, was vor 17 Jahren vor sich ging, wie die Ermittlungen liefen. Spannung pur wird vermischt mit philosophischen Betrachtungen über das Leben und generell von Cohle, markigen Sprüchen von Hart und epischen Autofahrten durch endlose Weiten.Und immer schweben über allem viele Fragezeichen darüber, was wirklich vorgefallen ist, wem man trauen kann, wo die Lösung des Geheimnisses liegt. Man wähnt sich immer knapp vor der Erkenntnis, wird aber immer wieder in neue Zweifel geworfen. Diese erste Staffel umfasst insgesamt 8 Folgen an je einer Stunde, wobei das Ende einer jeden so spannungsgeladen ist, dass man gleich weiter schaut. Ich als Serienjunkie habe es geschafft, acht Stunden am Stück auf dem Sofa angewachsen zu sitzen und wie gebannt in den Fernseher zu starren. Darum meine Warnung: Absolute Suchtgefahr, nur schauen, wenn genügend Zeit ist. Fazit Brillante Schauspieler, tolles Drehbuch, gut umgesetzt – Spannung pur mit Suchtfaktor 10. Unbedingt schauen! Informationen:

Deutscher Titel True Detective
Originaltitel True Detective
Prouktionsjahr 2014
Besetzung:
Rustin „Rust“ Cohle Matthew McConaughey
Martin Hart Woody Harrelson
Maggie Hart Michelle Monaghan

Trailer

Rezension: Carola Saavedra – Blaue Blumen

Was von der Liebe bleibt

Inhalt

Liebster,
Eine Trennung, sagte man, ist nie abgeschlossen, kommt nie plötzlich. Man sagt, eine Trennung beginnt mit ihrem Gegenteil. Sie beginnt genau im sanftesten Moment, bei der ersten Begegnung, beim ersten Blick. Ich möchte glauben, eine Trennung kennt kein Ende, und der letzte Tag, die letzte Nacht wiederholen sich unaufhörlich, mit jedem Warten, jeder Wiederkehr, immer dann, wenn du mir fehlst, immer dann, wenn ich deinen Namen sage.

Eine Frau schreibt dem Mann Briefe, der sie eines Morgens einfach verlassen hat. Für sie unverständlich, wie er einfach gehen konnte, schreibt sie ihm jeden Tag, ruft ihm die Beziehung zurück in die Erinnerung, erzählt, wie es ihr geht, was in ihr vorgeht. Sie steckt die Briefe in den Briefkasten seiner Wohnung und hofft, so das Band der Liebe aufrecht zu halten oder sogar weiterzuknüpfen. Leider wohnt heute jemand anders in der Wohnung, leert ein anderer Mann diesen Briefkasten. Marcos ist selber getrennt lebend. Seine Beziehung zerbrach, zurück blieb eine kleine Tochter, die ihm fremd ist, mit der er wenig anfangen kann, vor der er sogar Angst hat. Und irgendwie scheint ihm das ganze Leben mit allen Entscheidungen fremd.

Die Dinge geschahen, ohne dass er auch nur die geringste Kontrolle gehabt hätte, dachte er. Immer gab es jemanden, der die Entscheidungen für ihn traf. Die Hochzeit, die Idee seiner Frau, sie hatte ihn so sehr bedrängt, dass er irgendwann zugestimmt hatte; dann die Tochter, keine einzige Frage oder Ankündigung, ob er das denn auch wolle, ob er einverstanden war […] eine Aneinanderreihung von Beschlüssen in seiner Abwesenheit.

Marcos liest die Briefe, die nicht für ihn bestimmt sind. Er fühlt sich mehr und mehr in die Geschichte hineingezogen, wartet täglich auf den nächsten Brief, lässt seine Gedanken um die Frau drehen, die sie geschrieben hat. Zum ersten Mal fühlt er sich involviert. In eine Geschichte, die nicht seine ist und ihm doch nahe geht. Kann man sich in Briefe verlieben?

Carola Saavedra ist auch mit diesem Roman ein tiefgründiger und feinfühliger Roman gelungen. Es ist ein Roman, der die ganze Klaviatur des Lebens spielt, von der Liebe über Beziehungen, Trennungen hin zum Neuanfang. Blaue Blumen handelt vom Miteinander der Geschlechter. Es handelt von einem Mann, der immer wieder denselben Typ Frau in sein Leben lässt und sich dann nicht einlassen kann, weil er sich daneben klein fühlt,

Obwohl wir Erfahrungen sammeln, machen wir immer wieder dieselben Fehler

und von einer einer Frau, die liebt, obwohl sie hassen wollte, die darüber nachdenkt, wie kommen konnte, was kam. Sie setzt sich auseinander, durch die Briefe sieht man ihr Inneres.

Marcos Geschichte wird in der dritten Person aus Marcos Sicht erzählt. Der Leser verfolgt das Geschehen durch seinen Blick, sitzt in seinem Kopf und erfährt seine Gedanken. Es entsteht das Bild eines Mannes, der sich aus dem eigenen Leben ausgeschlossen fühlt, der keine Verantwortung für dieses übernimmt, weil er findet, er sei in allen Entscheidungen übergangen worden. Er baut keine Beziehung zu seinem Kind auf, ist eher gestört, wenn dieses bei ihm ist, da er es ja eigentlich auch nie gewollt hatte.

Statt sich in sein eigenes Leben zu stürzen, sich mit diesem auseinanderzusetzen, lässt er sich nun auf das Leben der unbekannten Briefschreiberin ein, lebt und fühlt mit ihr, ist mehr und mehr angezogen von ihr – was Frauen in seinem Umfeld nicht vermögen, weswegen auch seine jüngste Beziehung zerbricht.

Zurück bleiben Fragen – Fragen danach, was Liebe sei und wann sie ende. Fragen, ob in Beziehungen immer einer Täter, einer Opfer ist, einer, der bestimmt, einer, der mitläuft. Es steht die Frage im Raum, wann Beziehungen enden und wieso. Wer das bestimmt und was danach kommt – überhaupt kommen kann. Und die Frage, wo die Liebe hingeht, wenn sie geht, und wo der Hass anfängt. Am Schluss des Buches bleiben ganz viele Fragen offen und man hat das Gefühl, dass dies eigentlich erst der Anfang war – irgendwie.

Fazit:
Ein Buch mit vielen Fragen zum Leben, zur Liebe, zu Beziehungen. Tiefgründig und klug hinterlässt es am Schluss viele Fragen. Empfehlenswert.

Zum Autor
Carola Saavedra
Carola Saavedra, geboren 1973, lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Sie hat in Deutschland Kommunikationswissenschaft studiert. 2013 erschien bei C.H.Beck ihr Roman Landschaft mit Dromedar. Für diesen erhielt sie den Rachel de Queiroz-Preis und war unter den Finalisten für die renommierten Literaturpreise Jabuti und São Paulo de Literatura. Die Zeitschrift „Granta“ zählt sie zu den zwanzig besten jungen Autoren und Autorinnen Brasiliens.

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier: Carola Saavedra – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
SaavedraBlumenGebundene Ausgabe: 223 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (12. März 2015)
Übersetzung: Maria Hummitzsch
ISBN: 978-3406675676
Preis: EUR  18.95/ CHF 26.90

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