Rezension: Hervé Le Tellier: Neun Tage in Lissabon

Als Vincent, ein Journalist, und Antonio, Pressefotograf, in Lissabon zusammenkommen, um über den Prozess eines Serienmörders zu berichten, interessieren sie sich weniger für die beruflichen Aufgaben als ihre persönlichen Geschichten – heute wie in der Vergangenheit.

In Lissabon schwelgen sie in Erinnerungen über alte, machen sich auf die Suche nach verlorenen und finden neue Lieben – das alles in der typischen Atmosphäre Lissabons.

Autor
Hervé Le Tellier wurde 1957 in Paris geboren. Er veröffentlichte viele sehr originelle Bücher, Romane, Erzählungen, Gedichte und Kolumnen. Seit 1992 ist er Mitglied der Autorengruppe OuLiPo (Ouvroir de Littérature Potentielle), die von François Le Lionnais und Raymond Queneau gegründet wurde und der Autoren wie Georges Perec, Italo Calvino oder auch Oskar Pastior angehörten. ›Kein Wort mehr über Liebe‹ ist das erste Buch von Hervé Le Tellier in deutscher Übersetzung.

Fazit
Ein Versuch, Fado zwischen zwei Buchdeckel zu packen. Wer Lissabon liebt, wird es in dem Buch finden.

Angaben zum Buch:
TellierLissabonTaschenbuch: 280 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Juni 2013)
Übersetzung: Jürgen Ritte, Romy Ritte
ISBN-Nr.: 978-3423249683
Preis: EUR 14.90 / CHF 29.90

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Rezension: Gisa Klönne: Die Wahrscheinlichkeit des Glücks

Der Anrufer war nicht ihre Tochter, statt Aline redete eine Männerstimme auf sie ein, eine fremde Stimme mit niederländischem Akzent, die seltsam gebrochen klang und ihre Botschaft viel zu schnell hervorschleuderte, nein schrie, immer wieder dieselben Worte, und noch bevor Frieda irgendetwas verstand, fühlte etwas tief in ihr bereits, welch furchtbarer, grausamer, nicht wiedergutzumachender Fehler ihre gestohlene halbe Stunde gewesen war.

Drei Generationen, eine Geschichte. Henny, Mutter von Frieda, einer Astrophysikerin und Grossmutter von Aline, einer jungen Tänzerin, lebt durch ihre Demenz immer mehr in der Vergangenheit und kämpft mit den Geistern derselben. Sie schenkt ihrer Enkelin zu deren Verlobung eine Schachtel mit geheimnisvollem Inhalt, der die junge Frau so durcheinander bringt, dass sie aufgescheucht auf die Strasse rennt und von einem Auto erfasst wird. Ihr Leben hängt an einem seidenen Faden, es ist an Frieda, Licht ins Dunkel zu bringen und das Geheimnis hinter der Schachtel zu lüften.
Mit der Suche nach der Wahrheit kommt sie auch ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur. Damit gerät die bislang so ordentlich eingerichtete Welt der ehrgeizigen Wissenschaftlerin ins wanken.

Autor
Gisa Klönne, geboren 1964, ist die Autorin von mittlerweile fünf erfolgreichen Kriminalromanen um die Kommissarin Judith Krieger. Daneben legte die unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnete Autorin mit »Das Lied der Stare nach dem Frost« und »Die Wahrscheinlichkeit des Glücks« aber auch zwei Familienromane vor. Gisa Klönnes Romane sind Bestseller und wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Köln.

Fazit
Liebe, Lebenslügen, Geheimnisse und Verrat vor dem Hintergrund historischer Ereignisse in Siebenbürgen/Rumänien geschrieben in einer lesbaren Sprache. Berührend, spannend, tiefgründig. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
KlönneGlückTaschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch (1. März 2016)
ISBN-Nr.: 978-3492308212
Preis: EUR 9.99 / CHF 29.90

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Rezension: François Roux: Die Summe unseres Glücks

So, wie ich aufgrund meines zarten Alters schon den Mai 1968 verpasst hatte, sollte ich auch diesen 10. Mai und jede Menge zukünftige Mairevolutionen verpassen- natürlich immer aus den allerbesten Gründen. Mit der Zeit entwickelte es sich übrigens fast zu einem Charakterzug, dass ich immer abseits der grossen Ereignisse stand, die meine Welt genauso prägen wie die der anderen.

François Mitterand gewinnt die Wahl, Rodolphe und seine Freunde feiern mit ganz Frankreich – die ganze Nation ist in Aufbruchstimmung. Rodolphs Weg führt in die Politik, er lebt den Erfolg, doch der hat seinen Preis – auch seine Freunde bezahlen für ihre Wege einen Preis. War er zu hoch? Mussten sie zu viele Opfer bringen, um ihre Ziele zu erreichen? Wo blieben ihre Träume aus der Jugend? Dies alles sind Themen, als sch die Freunde nach vielen Jahren wieder treffen.

Ein Buch über das Leben, die Lebenswege, den Preis, den man dafür zahlt, aber über Freundschaft und die Frage nach dem Glück.

Zum Autor
François Roux, geboren 1957, ist ein französischer Autor und Regisseur, dessen Filme auf internationalen Festivals mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Sein Roman »Die Summe unseres Glücks« wurde vom französischen Publikum und der Literaturkritik gleichermaßen euphorisch aufgenommen.

Fazit
Sprachlich eleganter und gut lesbarer Generationenroman, der die politische Vergangenheit (und Gegenwart) Frankreichs durch die Lebensgeschichten der Protagonisten erfahrbar macht.

Angaben zum Buch:
RouxGlückGebundene Ausgabe: 640 Seiten
Verlag: Piper Verlag (5. Oktober 2015)
Übersetzung: Elsbeth Ranke
ISBN-Nr.: 978-3492056939
Preis: EUR 24

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Rezension: Alex Capus – Mein Nachbar Urs

Katzen, Kinder, Velopneus – das ganz normale Nachbarschaftsleben

Ich habe fünf Nachbarn, die mit Vornamen Urs heissen. […] Dann gibt es in unserer Nachbarschaft noch einen sechsten Urs, aber der will nicht, dass ich über ihn schreibe. Also sage ich, es seien nur fünf Urse.

In zwölf Kurzgeschichten erzählt Alex Capus aus seinem Leben in Olten, genauer aus seiner Nachbarschaft, hauptsächlich im Zusammenhang mit seinen fünf Nachbarn, die alle Urs heissen. Es gibt noch weitere Menschen mit anderen Namen, von denen die Geschichten handeln, einer davon ist Herbert – allerdings könnte er auch Norbert oder Robert heissen und er wohnt auch nicht in der Nachbarschaft. Doch das ist die Ausnahme. Hier geht es um Urse und Alexs Leben mit ihnen.

Die fünf Urse sind unterschiedlichen Charakters und auch mit unterschiedlichen Berufen und Leben ausgestattet, aber sie haben auch einiges gemeinsam. Sie finden zum Beispiel Alexs Auftreten nicht so, wie es sein sollte:

„Noch nie hat man dich auf einem ordentlichen Velo gesehen. Diese zwanghafte Nachlässigkeit – irgendwie kindisch finde ich das.“

„Wenn’s nur das Velo wäre“, fügte der dritte Urs hinzu.. Bei dir ist aber, wenn man genau hinguckt, alles immer ein bisschen vage und ungefähr. Irgendwie lasch. Nichts für ungut.“

„Ein bisschen lauwarm“, sagte der zweite Urs und nickte.

Als einziger Nicht-Urs kann Alex das nicht stehen lassen:

„Ich verstehe, dass euch mein Lottervelo ein Dorn im Auge ist“, sagte ich. „Aber nehmt bitte zur Kenntnis, dass ich mich genauso ärgern könnte […] Ich tu’s nicht, aber ich könnte mich ärgern. […]“

Wer denkt, das sei es nun gewesen mit der guten Nachbarschaft, dem sei gesagt: Weit gefehlt. Es wird weiter auf dem Kiesplatz mit Bänken und Grill an der Elsastrasse zusammengesessen, gegrillt, Bier getrunken und über Gott und die Welt geredet – wie man es als gute Nachbarn eben tut.

Mein Nachbar Urs ist sicher kein grosser literarischer Wurf und steht, in der Kategorie gedacht, weit hinter Alex Capus’ Romanen zurück, aber: Es ist ein unterhaltsames, zutiefst menschliches, witziges und aus dem Leben gegriffenes Buch, das einen Einblick in Alex Capus’ Leben in seiner Heimat Olten gibt – oder es zumindest gekonnt so aussehen lässt. Man fühlt sich als Leser mittendrin, lacht mit, wundert sich, fragt sich, ist dabei. Wer Alex Capus schon live erlebt hat, erkennt ihn wieder und liest den Alex so, wie er ihn geben würde.

Ich dachte in einer schlaflosen Nacht, ich könnte mal eine Geschichte lesen (dazu eignen sich Kurzgeschichten wunderbar), um dann wieder weiterzuschlafen. Da hatte ich die Rechnung ohne den Wirt (in diesem Fall Alex Capus) gemacht: Ich habe das ganze Buch in einem Zug durchgelesen. Also: Aufgepasst!

Fazit:
Ein unterhaltsames, kurzweiliges, witziges Buch rund um Alex Capus’ Leben mit seinen fünf Nachbarn namens Urs. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Alex Capus
Alex Capus wird am 23. Juli 1961 in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Die ersten fünf Lebensjahre lebt er mit seiner Familie in der Wohnung des Grossvaters in Paris, zieht nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Olten in die Schweiz. Neben seinem Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel arbeitet er bei diversen Tageszeitungen als Journalist und ist während vier Jahren als Inlandredaktor einer bei einer Schweizerischen Depeschenagentur in Bern beschäftigt. Zwischen 2009 und 2012 fungiert er als Präsident der Sozialdemokratischen Partei Oltens. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten. Von ihm erschienen sind unter anderem Munzinger Pascha (1997), Der König von Olten (2009), Léon und Louise (2011), Skidoo (2012), Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (2013).

Hier gibt es ein Interview mit dem Autoren.

 
Angaben zum Buch:
Capusmein_nachbar_ursTaschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (23. Oktober 2015)
ISBN-Nr.: 978-3423144490
Preis: EUR 8.90 / CHF 11.90

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Rezension des Films: Mut zum Leben

Sie haben das wohl Schlimmste gesehen, was ein Mensch sehen kann. Sie sahen es nicht nur, sie erlebten es: Auschwitz. Ein Name, der bekannt ist, der für Leid steht, für Gräueltaten, für ein Verbrechen an der Menschheit, an der Menschlichkeit und an vielen Millionen Menschen.

 Damit so etwas nie mehr passieren kann. Darum mache ich das hier ja. Darum erzähle ich meine Geschichte. (Esther Bejarano)

Esther Bejarano, Yehuda Bacon, Éva Pusztai und Greta Klingsberg haben überlebt, was ganz vielen Menschen der sichere Tod war: Die Konzentrationslager des Zweiten Weltkriegs, die systematische Mordmaschinerie der Nazis. Überleben allein reichte aber nicht:

Überleben allein ist keine Leistung. Es kommt darauf an, was man daraus macht.

Alle oben genannten machen etwas: Sie leben ihr Leben, sie leben es bewusst und sie wollen zeigen, was war und was nie mehr sein darf. Dabei strahlt aus allen eine unglaubliche Wärme, eine unglaubliche Lebenslust, viel Witz, Kraft und Mut. Der Film bewegt, er zieht einen hinein und er lässt einen nachdenklich zurück, denn: Man ist konfrontiert mit einer Zeit, die so schwarz war, dass man sie sich kaum vorstellen kann, geschweige denn will. Und doch muss man immer wieder hinschauen, darf nicht vergessen, weil: Die Geschichte lehrt nur, wenn man aus ihr lernt. Und dazu muss sie erinnert sein.

Gerade in einer Zeit, in welcher der Rutsch nach rechts eine traurige Realität ist, sollte dieser Film zur Pflicht werden. Menschen, die den Holocaust leugnen, sollten diese Menschen erleben und dann noch auf ihrer „Meinung“ (in Anführungszeichen, denn eine Völkermordleugnung ist NIE eine Meinung, es ist IMMER eine Lüge!) bestehen können… das kann nicht gehen.

Der Film thematisiert alles, was wichtig ist: Solidarität, Menschlichkeit, Würde, Empathie. Er zeigt an Menschen, wozu Menschen fähig sind. Und er zeigt: Das Leben ist kostbar, aber man muss etwas daraus machen. Und: Man muss für seine Überzeugung einstehen. Man darf menschenfeindlichen Tendenzen keine Macht geben.

Fazit
Ein wunderbarer Film, der an Kraft, Mut, Inhalt, Gefühl kaum zu überbieten ist. Er ist nicht empfehlenswert, er ist ein Muss!

Produktinformation
MutZumLebenDarsteller: Esther Bejarano, Yehuda Bacon, Éva Pusztai-Fahidi, Great Klingsberg
Regisseure: Thomas Gonschior, Christa Spannbauer
Studio: absolut Medien GmbH
Erscheinungstermin: 14. Juni 2013
ASIN: 3848840081

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Rezension: John Boyne – Die Geschichte der Einsamkeit

Nichts gesehen, nichts gewusst – die Wege des Herrn…

Inhalt

„Du hast eine Berufung, Odran“, rief sie. „Du hast eine Berufung zum Priester!“

Sie musste es ja wissen, denn sie war meine Mutter, und man hatte mich dazu erzogen, alles zu glauben, was meine Mutter sagte.

Als Odran Yates’ Mutter aus einer Eingebung heraus beschliesst, ihr Sohn sei zum Priester berufen, schickt sich Odran in sein Schicksal, hinterfragt es nicht, widersetzt sich nicht, sondern geht den Weg hin zum Priester. Die längste Zeit seiner Laufbahn bverbringt er aber nicht in einer Gemeinde, sondern an einem Internat als Lehrer, betreut da die Bibliothek und fühlt sich Jahr für Jahr mehr zu Hause. Als er plötzlich aus diesem Zuhause gerissen und in eine Gemeinde versetzt wird, vertraut er den Versprechen, dass er wieder zurück darf, und schickt sich auch in das Schicksal.

…aus purem Egoismus beschloss ich, das Problem zu ignorieren.

Wie sein Schicksal, so plätschert auch der Rest des Lebens mitsamt seiner Abgründe an ihm vorbei. Er übersieht sie wirklich, ignoriert sie vielleicht oder verschliesst bewusst die Augen. Immerhin gehört er einer unantastbaren Gilde an, ist Respektsperson.

Auf dem Weg nach Hause, wo mich mein leeres Bett erwartete, ahnte ich mit einem Mal, dass es die Welt, die mir vertraut war und an die ich mein Leben lang geglaubt hatte, bald nicht mehr geben würde. Die alte Welt lag im Sterben, und die neue war noch nicht geboren.

Dieses Ansehen bröckelt über die Jahre nach und nach, die katholische Kirche kommt unter Beschuss. Irgendwann kann auch Odran den Tatsachen gegenüber nicht mehr die Augen verschliessen. Jetzt wäre es an der Zeit, Stellung zu beziehen.

Rezension

Boyne weidet die ganze Problematik der katholischen Kirche aus, ohne mit dem erhobenen Moralfinger zu wedeln, sondern indem er sie in die Biographie eines eher willensschwachen Priesters packt. Odran steht für die Ignoranz derer, die nicht sehen wollen. In Odrans Fall steckt keine Boshaftigkeit dahinter, auch Absicht möchte man ihm nicht unterstellen. Es ist eine Gleichgültigkeit und auch Abgestumpftheit dem Leben gegenüber. Es ist blinder Gehorsam gegenüber wahrgenommenen Obrigkeiten, dem man sich verpflichtet fühlt.

Die Geschichte der Einsamkeit wirft Fragen auf, regt zum Nachdenken an. Wo fängt (Mit-)Schuld an? Wo kann man aufbegehren, wo muss man? Wie weit reicht der eigene freie Wille, was ist vorgegeben.

Der Roman hat einige Längen, zieht sich ab und an sehr und nimmt Windungen, die nicht dringend nötig, aber auch nicht absolut überflüssig sind. Insgesamt ist der Plot stimmig, die Charaktere sind glaubwürdig und plastisch, glaubhaft in ihrem Verhalten. Boyne ist eine Studie der Realität gelungen, welcher auf Missstände hinweist, ohne dabei moralisierend oder psychologisierend zu werden. Er ermüdet nicht durch Urteile, sondern lässt durch die Erzählung dem Leser die Möglichkeit, seine eigenen Fragen zu stellen und sein eigenes Urteil zu fällen.

Fazit:
Ein Roman, welcher der Realität den Spiegel vorhält, der Fragen aufwirft und zum Nachdenken anregt. Empfehlenswert.

Zum Autor
John Boyne
John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman »Der Junge im gestreiften Pyjama«, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als »ein kleines Wunder« (The Guardian) gefeiert wurde.

Angaben zum Buch:
BoyneEinsamkeitTaschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Piper Paperback (5. Oktober 2015
Übersetzung: Sonja Finck
ISBN-Nr.: 978-3492060141
Preis: EUR 19.99 / CHF 23.90

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Rezension: Maria Spassov – Liebe pro m2: Das neue Wohnbuch mit Herz – mit Insidertips der 100 besten Designer

Ich bau mir meine Welt, wie sie mir gefällt

Ich habe in letzter Zeit einige Bücher zu Themen wie Innendekoration, Innenarchitektur und Homedesign gelesen. Ich klickte mich im Internet durch Bilder zu ähnlichen Themen, auch Newsletter von verschiedenen Plattformen zeigten solche. Was mir immer mehr auffällt: Es wird immer weisser. Kaum mehr ein Akzent, alles weiss, alles clean.

Zeiten haben immer Tendenzen: Die 60er waren bunt und wild, die 70er taten es ihnen gleich, die 80er eigentlich auch. Dann wurden die Formen klarer, die Farben nahmen ab. Die 90er waren eher düster, die Jahrtausendwende überschattete irgendwie Farbe und Form – und nun? Was bleibt von heute? Keine Kanten, keine Akzente, alles aalglatt, weiss und unschuldig. Und dies in einer Zeit, die so ganz anders ist – eigentlich.

Ist Mode und auch Innendekoration immer ein Gegengewicht zur Welt draussen? Richtet man sich zu Hause das ein, was man gerne im Leben hätte? Draussen alles düster, die Welt kalt und grausam, wir machen uns ein lichtes, helles Zuhause? Nur ist das ganze Weiss auch sehr kalt. Sehr unpersönlich. Das würde wiederum die Zeit selber widerspiegeln.

Wenn ich so bei mir selber schaue, widerspiegelt mein Zuhause immer mich selber. Und ja, es ist meine Burg, mein Hafen. Ich bin am liebsten Zuhause, wohnen war mir immer wichtig. Ich gehe nicht gern aus, ich gehe nicht gerne in die Ferien. Ich bastle immer an meinen vier Wänden. Wem das auch so geht, dem sei folgendes Buch empfohlen:

Liebe pro m2: Das neue Wohnbuch mit Herz – mit Insidertips der 100 besten Designer. Tipps, Tricks, Inspiration zuhauf, schön aufgemacht, mit Bildern und Zitaten untermalt. Zwar auch sehr clean und aufgeräumt, aber toll. Klar sieht ein belebtes Zuhause nie so aus, denn Kinder, Tiere und auch Männer bringen immer ihre sehr persönliche Note hinein, aber: Das macht ein Zuhause ja auch zum Zuhause.

Was immer wichtig ist: Die eigene Persönlichkeit muss ins Zuhause rein. Und genau das propagiert Maria Spassov. Mit diesem Buch kann man es lernen, hier findet man Inspiration und das Buch macht schlicht Spass!

Wie sieht es bei euch zuhause aus?

Fazit:
Ein inspirierendes und Ideen lieferndes Buch, das – wenn man nicht grad umbauen will – auch einfach Spass macht beim Ansehen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Maria Spassov
Maria Spassov hat Rechtswissenschaften in Heidelberg und Chicago studiert, bevor sie ihre Leidenschaft zum Beruf machte. Die begeisterte Bloggerin hat mehr als 100 Interviews mit den größten Designern unserer Zeit geführt und ist heute als Autorin, Einrichtungsberaterin und Stylistin für Zeitschriften, Events und im TV tätig. Mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen lebt Maria Spassov in einem idyllischen Dorf in der Nähe des Rhodopen-Gebirges.

Angaben zum Buch:
SpassovGebundene Ausgabe:192 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (28. September 2015)
ISBN-Nr.: 978-3421040084
Preis: EUR 29.99 / CHF 42.90

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Rezension: Peng + Hu – Hirameki

Der geniale Klecks + Kritzel-Spass

Mit Linien und Punkten zum fertigen Bild

Ein kleiner Klecks offenbart durch das Hinzufügen weniger Punkte und Striche sein wahres Wesen, im völligen Einklang mit der Phantasie des Betrachters.

Ausmalbücher boomen. Der Ausmalende kann schwarze Linienkonstrukte mit Farbe füllen und es entstehen bunte Bilder. Dieses Buch ist anders. Die Farbe ist schon da – in Klecksen wild über die Seite verteilt. Hier ist man gefordert, durch das Hinzufügen von Strichen und Punkten etwas entstehen zu lassen. Bald schon zieren Tiere, Monster, ganze Welten die Seiten.

Hirameki weckt die eigene Kreativität, lässt einen die eigene Phantasie entfalten. Nichts ist vorgegeben ausser wilden Klecksen, die für sich nichts darstellen. Erst durch das Hinzufügen von Linien entsteht das Bild. Ganz individuell. Eine witzige Idee!

Fazit:
Ein witziges Buch zum Herauskitzeln der eigenen Phantasie und Kreativität. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Peng & Hu
Die Künstler Peng und Hu entdeckten das phantastische HIRAMEKI-Phänomen irgendwann auf ihren Pinsel-Abwischblättern, auf dem Atelierparkett, an den Wänden und auf ihren Hemden. Daraus entwickelten sie eine geniale Kunstform für Groß und Klein. Diese Meisterleistung wurde mit dem Kaiserlichen Klecks am Band ausgezeichnet und zwei Kritzlibären des Zoos von Zing wurden zur Feier des Tages nach den Künstlern benannt.

Hinter Peng & Hu stecken der Österreicher Günter Mayer und der Niederbayer Rudi Hurzlmeier. Beide sind als komische Künstler tätig, Hurzlmeier unter anderem für die Satirezeitschrift Titanic. Mayer ist als Karikaturist für österreichische Medien bekannt geworden.

Angaben zum Buch:
PengHuHiramekiBroschiert: 192 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (2. September 2015)
ISBN-Nr.: 978-3956140686
Preis: EUR 14.95 / CHF 21.90

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Rezension: Lotta Sjöberg – Family Living

Die ungeschönte Wahrheit

Familienleben – eine Idylle der anderen Art

Hätte ich meine Zeit mit Putzen verbracht, wäre dieses Buch nie zustande gekommen.

Sjöberg1Mit diesen Worten wird das Buch Family Living eingeleitet. Der Satz ist bezeichnend für das ganze Buch: Es könnte so schön sein mit dem Familienleben, wenn einen nur nicht die Realität einholen würde. Lotta Sjöberg erzählt aus dem ganz alltäglichen Familienirrsinn. Alles fängt damit an, dass mit den Kindern die ach so tolle Stadtwohnung zu klein und unpraktisch wird. Mehr Platz ist dringend nötig. Umzug und andere Strapazen bleiben nicht aus. Aber auch im Traumhaus ist nicht alles einfach. Kinder werden krank, der Spagat zwischen Beruf und Familie fordert seinen Tribut und auch das Leben als Paar hat so seine Tücken. Doch trotz all den täglichen Gewissenbissen, Hürden und Notlösungen ist es doch wunderbar, das Familienleben. Irgendwie.

Sjöberg2Lotta Sjöberg erzählt mit viel Humor und Sinn für die Alltäglichkeiten aus dem ganz normalen Familienleben. Illustriert hat sie das Buch mit herrlichen Zeichnungen, welche die Erzählung stützen und mit viel Liebe zum Detail weiterentwickeln, mit neuen Facetten würzen. Entstanden ist ein witziges, unterhaltsames und ehrliches Buch. Family Living ist ein Buch, das mit Illusionen aufräumt, einem zeigt: Man ist nicht allein in diesem Wahnsinn, andern geht es genauso.

Fazit:
Ein witziges, unterhaltsames und ehrliches Buch mit wunderbaren Illustrationen. Absolut empfehlenswert.

Die Autorin
Lotta Sjöberg
Lotta Sjöberg *1971, arbeitet als Zeichnerin und lebt mit ihren drei Töchtern, ihrem Mann und einem Hund in Stockholm.

Zum Buch gibt es auch eine Facebookseite: Family living the true story

Angaben zum Buch:
SjöbergFamilyGebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Edition Moderne (1. Oktober 2015)
Übersetzung: Ulrike Samuelsson
ISBN-Nr: 978-3037311431
Preis: EUR 19.80 / CHF 29.90

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http://www.books.ch/shop/home/suchartikel/family_living/lotta_sjoeberg/EAN9783037311431/ID42374358.html?jumpId=31307229&suchId=9ffc1b1d-36c2-483c-9e40-96905cae1c85

Rezension: Doris Lecher – Spiegel, das Kätzchen

Nach einer Novelle von Gottfried Keller

Der Pakt mit dem Hexenmeister

Vor mehreren hundert Jahren wohnte in Seldwyla eine ältliche Person allein mit einem schönen, putzmunteren und aussergewöhnlich klugen Kätzchen namens Spiegel. […] Das vergnügte, zufriedene zusammenleben nahm aber plötzlich ein trauriges Ende, als Spiegels Herrin unversehens an Altersschwäche starb.

Damit nimmt Spiegels Schicksal seinen Lauf. Ohne Zuhause magert er ab, vor lauter Hunger verliert er fast den Verstand. Nur so ist es zu erklären, dass er sich auf den Hexenmeister Pineiss einlässt und einen fatalen Vertrag eingeht. Nun hilft ihm nur noch eine geschickte Fügung – oder aber der wiederkehrende Verstand, aus dieser Lage wieder herauszukommen.

Spiegel1
“Spiegel, das Kätzchen” @ NordSüd Verlag

Nach einer Novelle von Gottfried Keller hat Doris Lecher die Geschichte um Spiegel, das Kätzchen neu erzählt (dabei etwas gekürzt) und mit wunderbaren Bildern illustriert. Um dem Stoff gerecht zu werden, hat sie auf ihre sonst bevorzugte Technik, das Aquarellieren, verzichtet und sich für den Kupferdruck entschieden. Eine gute Wahl, denn entstanden ist ein wunderbares Buch für Kinder und Erwachsene.

Doris Lecher ist es gelungen, mit ihren Bildern die Stimmung der Geschichte einzufangen. Durch ihre liebevollen Zeichnungen, die mit vielen Details und wunderbaren Farben aufwarten, wird aus Gottfried Kellers Novelle ein Lesevergnügen mit viel Freude beim Anschauen, Staunen und immer wieder Neues entdecken.

Fazit:
Ein wunderbar illustriertes Buch für Kinder und Erwachsene. Absolut empfehlenswert.

Das Interview mit der Illustratorin findet sich hier

Zum Buch gibt es auch einen wunderbaren Buchtrailer

Autor/Illustrator
Doris Lecher

Doris Lecher, geboren 1962 in Zürich, hat Illustration an der Parsons School of Design in New York studiert. Seither schreibt und malt sie für Kinder. Mit Ich will Wurst gewann sie 1997 dem Schweizer Bilderbuchpreis. Ihre Schneckengeschichte ein neues Haus für Charlie hat als Longseller schon viele Kinderherzen erobert. Doris Lecher liebt Kinder, Katzen, Eulen, Kellers Novellen – und vieles mehr.

Gottfried Keller
Gottfried Keller wurde am 19. Juli 1819 in Zürich geboren. Nachdem er sich an der Kunstakademie in München zum Maler ausbilden liess, reiste er zurück nach Zürich und fing wegen dem ausbleibenden Erfolg als Maler zu schreiben an. Er schrieb Werke wie Der grosse Heinrich und die Novellensammlung Die Leute aus Seldwyla, Teil welcher Spiegel das Kätzchen ist. Gottfried Keller starb am 15. Juli 1890 in Zürich.

Angaben zum Buch:
LecherSpiegelGebundene Ausgabe: 40 Seiten
Verlag: NordSüd Verlag (1. Mai 2015)
ISBN-Nr: 978-3314102875
Preis: EUR 16.90 / CHF 23.90

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Rezension: Tony Husband: Mach’s gut, mein Sohn!

Die Geschichte meines Vaters und seiner Demenz

Wenn langsam die Erinnerung verblasst…

Hallo, Dad, können wir mal miteinander reden? Weißt du noch, wie das angefangen hat mit deiner Demenz?

Wie soll sich Ron Husband daran erinnern, wie sein Vergessen anfing? Er findet die Frage witzig, denkt aber doch nach. Er erinnert sich an den Tod seiner Frau, die Neugestaltung seines Lebens, neue Hobbies, seinen Hund Lossie. Er erinnert sich, wie aktiv er war. Und er erinnert sich an eine langsame Veränderung, an das Vergessen, welches ein anderes Vergessen war als das, welches jedem mal passiert.

 Einfach so, ich habe alles Mögliche vergessen. Das Datum, Namen, Termine… Unwichtige Sachen, wichtige Sachen. […] Manchmal war’s richtig peinlich.

Der bekannte englische Cartoonist Tony Husband lässt seinen Vater Ron erzählen, wie er die Demenz erlebt, wie sich sein Leben damit verändert. Tony Husband selber stellt Fragen, hilft mit Erinnerungen, unterstützt das Erzählen seines Vaters. Auf diese Weise ist ein teilweise heiterer, teilweise melancholischer Dialog entstanden, der tief menschlich, wunderbar gefühlvoll, bei all seiner Traurigkeit doch nicht niederschmetternd ist.

Mach’s gut, mein Sohn! ist ein Buch über den Verlust – den Verlust von Erinnerungen, den Verlust von Selbständigkeit und auch den Verlust von Beziehungen. Es ist ein Buch, das Fragen aufwirft, tief geht, berührt. Tony Husband hat dieses sehr persönliche Buch mit liebevollen Zeichnungen illustriert.

Trotzdem das Buch sehr persönlich ist, greift es zentrale Punkte einer Demenz auf, zeigt den Verlauf einer solchen Erkrankung, erzählt vom langsamen Auseinanderdriften der Welten, vom Abschied auf Raten bei allen Beteiligten. Angehörige von Demenzerkrankten finden zudem auf der letzten Seite Anschriften von Vereinigungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es ist wichtig zu wissen, dass es Hilfe gibt, dass es Begleitung und Unterstützung gibt – auch für die Angehörigen. (Ein Buch zu diesem Thema: Pauline Boss: Da und doch so fern)

Fazit:
Ein liebevoll illustriertes Buch, welches das Thema Demenz auf sehr gefühlvolle, persönliche, tiefgründige und schöne Art aufgreift. Sehr empfehlenswert.

Der Autor
Tony Husband arbeitet seit 1984 hauptberuflich als erfolgreicher Zeichner. Seine Cartoons erschienen in verschiedenen Zeitschriften, Zeitungen, Büchern und auf diversen Websites, in Fernseh- und Bühnenproduktionen. Er wurde mit mehr als 15 bedeutenden Preisen ausgezeichnet. Tony Husband ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Hyde.

Angaben zum Buch:
HusbandBroschiert: 64 Seiten
Text und Illustration: Tony Husband
Übersetzung: Carola Fischer
Verlag: Knaur Verlag (1. September 2015)
ISBN-Nr.: 978-3426653722
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Rezension: Felix Scheinberger – Mut zum Skizzenbuch. Zeichnen und Skizzieren unterwegs

Ich mal mir meine Welt, wie sie mir gefällt

ScheinbergerSkizz2Jeder kennt es: Man wartet auf den Bus und langweilt sich. Oder das Essen kommt nicht und die Zeit will nicht vergehen. Oder aber die Zeit im Wartezimmer beim Zahnarzt. Auch auf Reisen gibt es immer wieder Zeiten zu überbrücken. Hier kann Abhilfe geschaffen werden: mit einem Skizzenbuch. Das gute Teil hat noch einen weiteren Vorteil: Man kann darin die wunderbaren Momente im Urlaub festhalten, kann die Bushaltestelle mitsamt der wartenden Menschen zeichnen, kann das Wartezimmer skizzieren und auch das Essen, das bald mal hoffentlich vor einem steht. Eigentlich perfekt, oder? Wenn nur das Wörtchen „aber“ nicht wäre: „Aber ich kann doch gar nicht zeichnen!“

Egal! Es gibt Hilfe in Form von Felix Scheinbergers Buch Mut zum Skizzenbuch. Der Autor beschreibt es folgendermassen:

Das Buch, das Sie in Händen halten […] ist zunächst einmal eine Zeichen- und Skizzierschule. Es geht um Basics und Tipps und vor allem um den Spass beim Skizzieren.

Im ersten Teil werden denn auch die verschiedenen Medien beschrieben, die man bei einem Skizzenbuch verwenden kann: Welches Skizzenbuch soll man nehmen und mit welchen Stiften zeichnet man rein? Scheinberger behandelt Marker, Füller, Kugelschreiber, Bleistifte, Aquarell, Collage und vieles mehr. Er zeigt, wie man Ideen finden, ihnen einen Ausdruck gibt und dann ein Bild daraus macht. Er gibt Anfängern und auch Geübten Übungen mit auf den Weg wie das Blindzeichnen, nimmt sogenannten Fehlern (die eigentlich keine sind, nur Möglichkeiten, weiter zu experimentieren) ihren Schrecken und räumt mit dem Irrglauben auf, dass Zeichnungen so wirklichkeitsgetreu wie Fotografien sein müssen. Mit dem Hintergrund lassen sich auch Menschen zeichnen, ohne gleich zu denken „die sah aber nicht so aus….“.

Zeichnen besitzt etwas Authentisches und Individuelles. […] Indem Sie Dinge zeichnen, reflektieren Sie die Wirklichkeit neu. […] Das Skizzenbuch ermöglicht somit eine Blickerweiterung, die zur Erweiterung der eigenen Welt führt.

Auf unterhaltsame, leicht lesbare und doch fundierte Weise behandelt Felix Scheinberger Fragen nach der richtigen Ausbildung, dem richtigen Material, dem geeigneten Arbeitsplatz und der Lebensnotwendigkeit des Geldverdienens.

ScheinbergerSkizz1Das mit vielen Kritzelein und Skizzen bebilderte Buch macht richtig Lust, gleich Stift und Skizzenbuch zur Hand zu nehmen und loszulegen. Theoretische Kapitel über Bildeinstellung, Perspektive, Licht und Schatten sowie vieles mehr helfen dabei, eigene kleine Kunstwerke zu schaffen und sich damit die Welt ein Stück weit selbst zu malen. Frei nach Pippi Langstrumpf: Ich mal mir meine Welt, wie sie mir gefällt.

Dass das Buch in seiner Aufmachung sowie dem Layout wunderschön daher kommt – wie die Bücher vom Verlag Hermann Schmidt eigentlich immer – ist natürlich ein Sahnehäubchen obendrauf. Ein Highlight für Bücherfreunde und eine grosse Inspiration für Kreativköpfe, die gerne mal wieder den Stift übers Papier gleiten lassen wollen.

Fazit:
Ein inspirierendes, motivierendes und lehrreiches Buch. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Felix Scheinberger
Felix Scheinberger wurde 1969 in Frankfurt am Main geboren. Schlagzeug war ihm wichtiger als Schule, statt Abi zu machen spielte er bis zum 22. Lebensjahr in Punkbands. Die Begabtenprüfung wurde seine Eintrittskarte an die FH für Gestaltung in Hamburg, wo er Illustration studierte und anschließend nahtlos in die Selbstständigkeit startete.
In den letzten zehn Jahren hat er über 50 Bücher illustriert, regelmäßig für angesehene Zeitungen gearbeitet, Preise gesammelt, in Mainz, Hamburg und Jerusalem gelehrt und durch seine Lehrbüchern reihenweise Kreative den Zeichenstift und den Wasserfarbkasten wieder entdecken lassen. Felix Scheinberger war von 2010 -12 Stellvertretender Vorsitzender der IO – Illustratoren Organisation, des Berufsverbandes deutschsprachiger Illustratoren. Seit 2012 ist er Professor für Illustration an der Fachhochschule Münster.

Angaben zum Buch:
ScheinbergerSkizzGebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Verlag Hermann Schmidt (30. Oktober 2009)
ISBN-Nr.: 978-3874397827
Preis: EUR 29.80 / CHF 45.90

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Rezension: Hans de Beer – Gustav ganz gross

Einmal gross sein

Der kleine Dackel Gustav hat genug davon, alles nur von unten zu sehen. Einmal möchte er auch gross sein und die Dinge von oben betrachten. Als alles nichts hilft, erhält er von einem Freund den Tipp, auf die Stadtbrücke zu gehen, da er von dort einen weiten Blick über die ganze Stadt hat. Gustav zieht los durch die Stadt. Was ihn wohl erwartet?

Hans de Beer hat schon den kleinen Eisbären Lars erfunden und damit viele Kinderherzen erobert. Mit Gustav wird ihm das genauso gelingen. Der kleine Dackel mit dem roten Pullover ist süss gezeichnet und wer könnte sein Anliegen besser verstehen als ein kleiner Mensch?

Ein wunderbares Buch über das Kleinsein, über Freundschaft, Abenteuer und Geborgenheit. Untermalt wird die Geschichte mit grossformatigen Zeichnungen, die mit viel Liebe fürs Detail gezeichnet wurden. Die Figuren wirken alle freundlich und lieblich. Ein Buch, das schöne Momente und gute Gefühle mit sich bringt!

Fazit:
Ein schönes Buch mit einem liebenswerten Helden und wunderbaren Zeichnungen. Sehr empfehlenswert.

Der Autor und Illustrator
Hans de Beer
Hans de Beer, geboren 1957 in Muiden in der Nähe von Amsterdam. Nach einem kurzen Geschichtsstudium ließ sich Hans de Beer an der Kunstschule Rietveld Art Academy in Amsterdam ausbilden. Seine Examensarbeit über den kleinen Eisbären Lars bescherte de Beer 1987 weltweiten Erfolg. Seit seinem Abschluss 1984 arbeitet Hans de Beer als freier Illustrator. Er lebt mit seiner Lebenspartnerin, einer italienischen Illustratorin, in Amsterdam und in der Nähe von Florenz.

Angaben zum Buch:
DeBeerGustavGebundene Ausgabe: 32 Seiten
Verlag: NordSüd Verlag (20. August 2015)
Empfohlenes Alter: 4 – 6 Jahre
ISBN-Nr.: 978-3314103100
Preis: EUR 13.99 / CHF 19.90

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Rezension: David Foenkinos – Charlotte

Das ganze Leben in einem Kunstwerk

Charlotte lernt früh, dass der Tod ein teil des Lebens ist.
Sie greift nach den Tränen ihrer Mutter.
Die um ihre Schwester trauert wie am ersten Tag.
Manche Wunden heilen nie.

Charlotte Salomon ist die Tochter eines Arztes und dessen Frau Franziska. Diese steht in einer langen Reihe von Selbstmorden in ihrer Familie, leidet darunter, wird selber lebensmüde. Trotz aller Bemühungen stürzt sie sich irgendwann in den Tod, lässt Charlotte als Kind zurück. Allerdings wird diese die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter erst spät erfahren, so glaubt sie, ihre Mutter wohne als Engel im Himmel und schreibe ihr bald einen Brief. Mit Paula kriegt Charlotte eine Stiefmutter, die sie verehrt. Sie braucht sie auch, da sie sonst ausgeschlossen ist – und es immer mehr wird durch die Machtübernahme der Nazis. Charlotte ist Jüdin.

Charlotte strahlt so eine Kraft aus, sie hat etwas Berührendes.
Ist das der Zauber der Schweigsamen?
Oder die traurige Macht der Ausgeschlossenen?
[…] Wenn einen ein ganzes Land zurückweist.
Was soll man da von einem einzelnen Menschen erwarten?

Nachdem sie trotz ihrer Religion zur Kunstschule zugelassen wird, erhält sie einen gewonnen Preis genau deswegen nicht und wird kurz darauf ganz ausgeschlossen. Trotzdem malt und zeichnet sie weiter.

Darf sie sich eingestehen, dass sie sich fühlt wie eine Künstlerin?
Künstlerin.
Immer wieder sagt sie dieses Wort vor sich hin.
Ohne zu wissen, was es genau bedeutet.
Egal.
Wörter müssen nicht immer einem Ziel zustreben.

Die Lebensumstände spitzen sich zu, Charlotte muss fliehen und geht nach Frankreich zu ihren Grosseltern. Ihre Grossmutter bringt sich bald darauf um, der Grossvater verbittert und verfällt dem Wahnsinn. Dieser Krankheit ist es wohl auch zu verdanken, dass sie nach ihrer Internierung im Lager Gurs, in welchem auch Hannah Arendt ist, freikommt. Ein beschwerlicher Weg zurück nach Südfrankreich folgt. Charlotte ist selber dem Wahnsinn nah – und alleine. Sie hat nur zwei Menschen, die an sie glauben, einer davon ist der Arzt des Ortes. Er rät ihr auch, zu malen. Er glaubt an ihr Talent, gar an ihr Genie.

Sie muss leben und malen.
Malen, um nicht verrückt zu werden.
[…] Muss man die Grenzen des Erträglichen überschreiten?
Um die Kunst als einzig mögliche Lebensform anzusehen?

Charlotte hat mit ihrem Leben abgeschlossen.
[…] Ein seltener Ausgangspunkt für ein künstlerisches Werk.

Es entsteht ein Werk aus Bildern und Text, ihr Leben. Sie übergibt es ihrem Arzt mit den Worten

C’est tout ma vie

David Foenkinos erzählt die Biographie der Malerin Charlotte Salome auf seine ganz persönliche Weise. Er erzählt, wie er ihr auf die Spur kam, wie sie auf ihn wirkte, wie er ihren Lebensstationen folgte. Er wollte diese Geschichte schreiben, aber es fiel ihm nicht leicht. David Foenkinos beschreibt seine Schwierigkeiten dieser ihm so wichtigen Geschichte selber.

Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang.
[…] Ich sass immer da und wollte ein Buch schreiben.
Aber wie?
[…] Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich spürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

Entstanden ist ein Buch in einer kurzen, prägnanten Sprache. Sie ist frei von Sentimentalität und greift doch die Stimmung auf. Der Inhalt passt sich perfekt in die Form, entstanden ist ein Zeugnis eines Lebens, das tragischer kaum sein könnte.

Das Leben Charlottes zeugt vom Alleinsein, vom Ausgestossensein, von der Einsamkeit und von der Angst. Es ist das Leben einer jungen Frau, die Zuflucht in die Kunst nimmt, da diese das einzige ist, das ihr Überleben irgendwie sichert. Alles andere ist von Angst besetzt, von Unsicherheit: sich selber und dem Leben gegenüber.

Charlotte ist das Lesehighlight seit langem. Es ist eine Geschichte, die packt, die einen einnimmt und nicht mehr loslässt. David Foenkinos hat eine unkonventionelle Weise des Erzählens gewählt, eine, die genau zu ihm und der Geschichte passt, eine, die Charlotte gerecht wird.

Fazit:
Eine tiefgründige, erschütternde, packende Lebensgeschichte, bei der alles stimmt: Die Sprache greift den Inhalt auf, wodurch dessen Tragik noch deutlicher zum Tragen kommt. Absolut empfehlenswert. Unbedingt lesen!

Zum Autor
David Foenkinos
David Foenkinos, 1974 geboren, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Seit 2002 veröffentlicht er Romane, darunter den Millionenbestseller „Nathalie küsst“, der von Foenkinos selbst (zusammen mit seinem Bruder Stéphane) mit Audrey Tautou und François Damiens in den Hauptrollen verfilmt wurde. Seine Bücher werden in rund vierzig Sprachen übersetzt. Sein neuer Roman, „Charlotte“, wurde 2014 mit dem Prix Renaudot und dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet und hat sich allein in Frankreich rund eine halbe Million Mal verkauft.

Christian Kolb (Übersetzung)
Christian Kolb wurde 1970 geboren und studierte französische Literatur und Filmwissenschaft in Berlin und Paris. Neben den Romanen von David Foenkinos übersetzte er u. a. auch Nicolas Fargues „Die Rolle meines Lebens“. Er lebt in Berlin.

Angaben zum Buch:
FoenkinosCharlotteGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (31. August 2015)
Übersetzung: Christian Kolb
ISBN-Nr.: 978-3421047083
Preis: EUR 17.99 / CHF 26.90

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Rezension: Daniel Kehlmann – F

Das Leben hinter der Maske

Jahre später, sie waren längst erwachsen und jeder verstrickt in sein eigenes Unglück, wusste keiner von Arthur Friedlands Söhnen mehr, wessen Idee es eigentlich gewesen war, an jenem Nachmittag zum Hypnotiseur zu gehen.

Arthur schreibt. Mehr für die Schublade als für Publikum, was aber nichts macht, da seine Frau Augenärztin ist. Neben dem Schreiben versorgt Arthur die beiden gemeinsamen Zwillinge Eric und Iwan. Ab und an holen sie Martin ab, Arthurs ersten Sohn. Er hat ihn und dessen Mutter eines Tages einfach verlassen und hat nun eine neue Familie. Lange spielte Martin keine Rolle, nun ist das anders.

Die Mutter des anderen Jungen, hatte Arthur erklärt, sei nicht gut auf ihn zu sprechen, sie habe nicht gewollt, dass er seinen Sohn sehe, und er habe sich gefügt, offen gesagt, allzu breitwillig, es habe die Dinge einfacher gemacht, und erst vor kurzem habe er seine Meinung geändert. Und jetzt werde er gehen und Martin treffen.

Irgendwann verlässt Arthur auch seine zweite Familie. Er muss es tun, denn er will all die Bücher schreiben, die ihn schliesslich berühmt machen werden. Die drei Brüder werden erwachsen. Jeder geht seinen Weg. Martin wird katholischer Priester ohne an Gott zu glauben, Eric geht in die Wirtschaft, wo er das Vermögen seiner Klienten verliert und das nur mühsam überspielen kann, und Iwan geht in die Kunst, wobei er für sich selber mittelmässig bleibt.

Aus mir würde also kein Maler, das wusste ich jetzt. Ich arbeitete wie zuvor, aber es hatte keinen Sinn mehr. Ich malte Häuser, ich malte Wiesen, ich malte Berge, ich malte Porträts, sie sahen nicht schlecht aus, sie waren gekonnt, aber wozu? Ich malte abstrakte Gebilde, sie waren harmonisch komponiert und farblich durchdacht, aber wozu?

Was er für sich selber nicht schafft, tut er im Namen seines Lebensgefährten: Er malt Bilder, die diesen berühmt machen – selbst nach dessen Tod produziert Iwan immer neue Bilder.

Drei Lebensgeschichten voller Lebenslügen, voller Schummelei, Fälschung und Vertuschung. Und alle drei Brüder haben Angst, aufzufliegen.

Kehlmann erzählt die Geschichte von drei Brüdern, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit mehr gemeinsam haben, als sie wohl selber glauben. F ist eine tragische Geschichte, da sie ohne Sieger auskommt. Alle verlieren, selbst wenn sie alle vordergründig Erfolg haben. Nach aussen wahren sie den Schein, zerbrechen aber innerlich langsam, was sie nur mit unterschiedlichen Süchten und Selbstlügen aushalten können. Indem derselbe Tag aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, durchschaut der Leser die Denkstrukturen jedes Einzelnen, er pendelt zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung der Brüder hin und her und erhält so ein umfassendes Bild. Kein aufbauendes, kein positives, eher eines, das die ganze Tragik von Selbstbetrug und missglückter Selbstfindung in sich trägt.

Das Buch hat etwas von Treten an Ort in verschiedenen Schuhen, angereichert durch psychologische und philosophische Einsichten. Das ist weder grundsätzlich gut oder schlecht, das muss einem schlicht liegen. Wer sich mit Figuren und Welten identifizieren will, wer Geschichten miterleben und mitfühlen will, wird an diesem Buch keine Freude haben. Wer sich für die Innensichten von Menschen, für Beziehungen und die unterschiedlichen Deutungen derselben interessiert, wird auf seine Kosten kommen.

Fazit:
Nachdenklich, dicht, abgründig. Durchdacht komponierte Innensicht, ohne dabei zu psychologisierend zu wirken. Empfehlenswert.

Zum Autor
Daniel Kehlmann
Daniel Kehlmann ist einer der Shootingstars der deutschen Literatur. 1997 veröffentlichte der 1975 geborene Sohn eines Regisseurs und einer Schauspielerin seinen ersten Roman. Auf Beerholms Vorstellung folgten in knappen Abständen weitere Romane, Erzählungen und eine Novelle. 2005 erschien Die Vermessung der Welt, ein Welterfolg, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde. Darüber hinaus erhielt Daniel Kehlmann schon in den ersten Jahren seiner Schriftstellerkarriere etliche der renommiertesten deutschen Literaturpreise, häufig gar mehrere in einem Jahr. Darunter befanden sich der „Kleist-Preis“ (2006) und der „Thomas-Mann-Preis“ (2008). Kehlmann besuchte als Kind eine Jesuitenschule und studierte in Wien Philosophie und Germanistik. Heute ist er freier Autor und Essayist.

Angaben zum Buch:
KehlmannFGebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (30. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3498035440
Preis: EUR 22.95 / CHF 31.90

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