Determinismus – das Ende jeglichen Denkens?

Beim Determinismus geht man davon aus, dass jegliches Tun und auch Wollen von Verschaltungen im Gehirn vorgegeben ist. Wir kommen mit einer Hirnstruktur zur Welt, welche alle Möglichkeiten des Lebens auf dieser Erde beinhaltet, sich danach den vorgefundenen Gegebenheiten (Familie, Kultur, Region, etc.) anpasst. Es bilden sich aus den Möglichkeiten also reale Verschaltungen aus, welche der tatsächlichen Umwelt entsprechen.

Diese Verschaltungen sind zwar ein Leben lang veränderbar, allerdings nicht durch eigene Steuerung, sondern durch unsere Existenz in einer Umwelt, aus der Einflüsse auf uns treffen, welche wieder um etwas in uns bewirken.

Bei dieser Sicht der Dinge existiert so etwas wie ein freier Wille nicht, wir haben nicht die Wahl, wie wir uns verhalten, sondern wir tun es unseren Anlagen gemäss. In der aktuellen Literatur stellt sich die Frage, inwiefern wir noch verantwortlich gemacht werden können für unser Tun, wenn wir es nicht frei wählen konnten, sondern quasi als Marionette von Synapsen gesteuert waren. Da Verantwortung immer auf einer freien Wahl gründet, auf dem Umstand, dass man auch anders hätte wählen können, als man es tat, wird es schwer, bei der Negation dieser Wahl noch von Verantwortung und Verantwortlichkeit zu sprechen.

In einem milderen Sinne kennen wir das heute im Strafrecht bei den mildernden Umständen. Der Verweis auf eine schwere Kindheit oder den übermässigen Gebrauch von Alkohol oder Drogen sowie psychische Probleme soll die eingeschränkte Verantwortung des Handelnden begründen. Der Determinismus würde diese Sicht verabsolutieren, indem der Handelnde nie verantwortlich für sein Tun wäre.

Eine andere Frage, die viel diskutiert wird, ist die der Legitimität von Recht und Sanktionen: Wenn die Verantwortung für ein Tun wegfällt, steht das Rechtssystem auf dem Radar: Ist es legitim, einen Menschen für etwas zu verurteilen, wofür er gar nichts konnte? Darf ich einen Mörder lebenslang seiner Freiheit berauben, wenn er gar nicht die Wahl hatte, sein Opfer nicht umzubringen? Was würde eine solche Haltung für unsere Gesellschaft bedeuten? Hätte sie überhaupt eine Auswirkung?

Die Frage stellt sich auch schon im privaten Gebrauch: Kann ich mein Kind loben, wenn es etwas gut machte, oder tadeln, wenn es nicht gehorchte? Es hätte ja gar nicht anders gekonnt? Man könnte nun argumentieren, dass das Lob als äusserer Einfluss auf das Hirn wirkt, die Schaltungen beeinflusst und somit zu einem zukünftig besseren Verhalten führt. Dasselbe wäre bei der Frage zum Recht anzubringen.

In meinen Augen liegt dabei aber ein Denkfehler vor: Wenn wir nicht wählen können, was wir tun, können wir auch nicht wählen, ob wir tadeln oder nicht. Wir können nicht entscheiden, ob wir das Recht weiter so führen können, wie wir es tun, wir wären quasi hirngesteuert, das zu tun, was eben der Steuerung entspricht. Ein Determinismus im absoluten Sinne würde jegliches Hinterfragen von Tun und Wollen obsolet machen, ebenso die Reaktionen und deren Gründe auf das Tun anderer. Es bliebe ein „es ist was was es ist“ zurück und wir wären nur noch Beobachter eines mit uns selber ablaufenden Films. (Wobei natürlich auch das Hinterfragen wieder gesteuert und insofern nicht wirklich wählbar wäre – das Spiel liesse sich unendlich weiterspielen).

Eine solche Sicht behagt uns wahrlich wenig, sie entspricht auch nicht dem, was wir selber denken, dass wir es tun und können. Wir erleben uns als freie Wesen, die (in gewissen Grenzen) wählen können, was sie tun und lassen. Wir erleben uns als fähig, nachzudenken und die Gedanken selber zu entwickeln. Zwar gibt es durchaus Situationen, in denen wir uns wie gesteuert verhalten, dann nämlich, wenn Muster und Prägungen aus dem Unterbewussten auf uns wirken und uns zu Handlungen bewegen, welche wir bei genauerem Denken unterlassen hätten. Der Umstand aber, dass wir sie reflektieren könnten und können, deutet für uns darauf hin, dass wir durchaus anders hätten handeln können, hätten wir in dem Moment genauer hingeschaut. Und ebenso sind wir der Überzeugung, dass wir in vielen anderen Situationen genauer hinsehen und dann so handeln, wie es uns entspricht, wie wir handeln wollen – weil wir uns für diese Art des Handelns entschieden haben.

Nun gibt es die Stimmen, die behaupten, diese Möglichkeit der freien Wahl sei eine blosse Illusion, die nicht zuletzt dem Umstand geschuldet ist, dass wir es gerne so hätten. Der Gedanke, blosse Marionetten zu sein, hat wenig Positives an sich. Nur: Allein die Ablehnung dieser Sichtweise macht sie noch nicht falsch.

Es stellt sich also die Frage: Können wir überhaupt entscheiden, ob wir frei wählen können oder aber unser Denken und unsere Handlungen determiniert sind? Da die Sicht immer eine eigene von innen auf unser Handeln und Denken ist, sind wir die einzigen Stützen des Ergebnisses. Oder gibt es eine Sicht von aussen? Welchen Beitrag kann die moderne Hirnforschung leisten?

Unterm Strich erscheint die ganze Diskussion als eine rein akademisch-wissenschaftliche, als solche sehr theoretische und nur für einen klein Teil relevante. Im Alltag stellt sich uns die Frage, ob wir frei entscheiden, was wir tun oder nicht, kaum – wenn nicht gar nicht. Ich stelle sogar die These auf, dass eine Antwort darauf überflüssig ist, wenn es darum geht, eine lebenswirksame zu finden. Wieso?

Wir leben unser Leben auf eine Weise, die Entscheidungsfreiheit voraussetzt. Auf dieser baut unsere Sicht auf die Welt auf (unsere Urteile, unsere Begründungen, unsere Weltanschauungen, etc.), unser Rechtssystem fusst auf ihr (Strafe als Sühne und Wiedergutmachung) und unsere Sicht auf uns selber basiert auf ihr. Sollte sie eine reine Illusion sein, könnten wir an nichts etwas ändern, da alles so determiniert wäre, wie es ist, sogar unsere Illusion und das darüber Nachdenken, ob es eine Illusion ist. So lange keiner beweist, dass wir rein determinierte Wesen sind, die nichts selber in der Hand haben, so lange können wir also davon ausgehen, dass es anders ist. Und das bedeutet, dass alles, was wir tun, in unserer Verantwortung liegt – vorausgesetzt, wir sind mündige Wesen.

31. März

„Nicht der äußere Mensch, sondern der innere hat Spiegel nötig. Man kann sich nicht anders sehen als im Auge eines fremden Sehers.“ (Jean Paul)

Werden wir gefragt, wer oder wie wir sind, fallen uns Antworten oft schwer. Während wir bei unseren Freunden und bei der Familie bei jedem sofort Eigenschaften im Kopf hätten und von spezifischen Eigenheiten und Verhaltensweisen erzählen könnten. Dies können wir unter anderem deswegen, weil sie sich uns gegenüber verhalten, wir sie in ihrem Sein erleben und wahrnehmen.

Das funktioniert auch andersrum: Wie wir der Spiegel der anderen sind, sind sie unserer. Wir brauchen also Beziehungen, um uns selber zu erkunden und kennenzulernen. Erst in einer Beziehung, in unserem Verhalten mit- und untereinander offenbaren sich unsere Wesens- und Eigenarten.

30. März

„Kein Mensch weiß, was in ihm schlummert und zutage kommt, wenn sein Schicksal anfängt, ihm über den Kopf zu wachsen.“ (Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach)

Wir alle wollen glücklich sein, wollen möglichst Leid vermeiden. Und doch sind es oft die schwierigen Stunden, in denen uns bewusst wird, was in uns für Kräfte schlummern. Nietzsche prägte einst den Spruch, dass uns das, was uns nicht umbringt, stärker mache. Oft dachte ich so bei mir, dass ich so stark gar nicht werden wollte, und doch war ich immer wieder überrascht, dass es immer weiter geht. Irgendwo kommt immer noch ein Stückchen Kraft her, das hilft, weiter zu machen. Und je mehr wir daran glauben, dass es so ist, desto mehr Kraft zeigt sich.

Wir wachsen an unseren Herausforderungen. Wir mögen nicht immer glücklich sein darüber, dass sie da sind, doch hilft es, an die eigenen Kräfte zu glauben, um über sie hinwegzukommen.

Was ist meine Geschichte?

„Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“ (Joan Didion)

Wir gehen durchs Leben und erzählen uns und anderen unsere Geschichte. Es ist eine Geschichte unseres Lebens, die Aneinanderreihung von Erfahrungen und Erlebnissen, die schlussendlich das ausmacht, was wir „ich“ nennen. Wir sind uns dabei selten bewusst, dass wir nur eine mögliche Geschichte erzählen, dass es noch viele andere gäbe. Noch seltener sind wir uns bewusst, dass das, was wir aus der Erinnerung als unsere Geschichte erzählen, oft anders war, als wir uns erinnern, da unser Gedächtnis die phänomenale Gabe hat, Erzählungen so zu strukturieren, dass sie Sinn ergeben, dass sie in einem Kontext stehen und darin schlüssig und nachvollziehbar klingen. Das heisst nicht, dass wir lügen, schon gar nicht bewusst, es ist nur nicht die Wahrheit, schon gar nicht die ganze.

Das Gute daran ist: Wir können unsere Geschichten ändern. Auch das ohne zu lügen. Indem wir auf andere Erfahrungen und Ereignisse fokussieren, andere Perspektiven einnehmen, ergeben sich neue Geschichten. Gerade wenn wir mit unserer Geschichte hadern, kann das heilsam sein.

Vielleicht fragst du dich mal: Was ist meine Geschichte? Und dann schau genau hin, ob es die einzig mögliche ist oder ob du nicht noch mehr findest. Und vielleicht findest du sogar die Geschichte, die dir hilft, gut damit weiter zu leben, weil sie dir etwas mit auf den Weg gibt, das dir Kraft für die Zukunft gibt.

Durch Beziehungen zum Lernerfolg

Als ich frisch im Gymnasium war, hatte ich ganz klare Lieblingsfächer – die, bei denen mich der Stoff per se interessierte. Ein Fach, das sicher nicht dazu gehörte, war Latein. Zwar war der Lehrer durchaus kompetent, er war auch nett, aber irgendwie funkte es nicht – nicht mit dem Latein und nicht mit dem Lehrer. So schlug ich mich mehr schlecht als recht durch den Unterricht. In der dritten Klasse kam es zu einem Lehrerwechsel. Mein Lieblingslehrer, vorher mein Deutschlehrer, übernahm den Lateinunterricht. Als ich das erfuhr, setzte ich mich in den Sommerferien hin und lernte das ganze bislang ignorierte Vokabular – und noch ein bisschen mehr. Und siehe da: Latein wurde schlagartig zu meinem Lieblingsfach und meine Noten erholten sich fast ebenso schnell – Latein war am Schluss eines meiner besten Fächer.

Woran lag es? Ganz klar am Lehrer. Allerdings hatte er mir nicht den Stoff vermittelt, den habe ich mir in den Ferien selber angeeignet anhand der Unterlagen, die ich hatte. Es lag an meiner Beziehung zu ihm, an seiner Art, Lehrer zu sein. Herr Bleiker war uns Schülern gegenüber immer fair, zugetan, verlässlich. Er war ein eher strenger Lehrer, der klare Regeln hatte, die einzuhalten waren. Das gab uns aber auch den Halt und das Vertauen, genau zu wissen, welchen Spielraum wir hatten. Daneben war er humorvoll, immer für uns da bei Problemen – auch privaten –und zeigte ein grosses Einfühlungsvermögen. Und: Er war leidenschaftlich begeistert von seinen Fächern. Das übertrug sich.

Es hat in den letzten Jahren viele Studien gegeben, die genau das nachweisen, unter anderem die von John Hattie[1]. John Hattie erbrachte zuerst den empirischen Beweis und stellte nachher die Forderung auf: Wir brauchen Lehrer, die auf den Schüler ausgerichtet sind und mit Leidenschaft unterrichten. Lehren ist kein Selbstzweck, sondern eine Tätigkeit, die ihren Ausgangspunkt beim Lernenden nimmt. Sein Erfolg ist das Ziel des Lehrens.

Dass die Lehrerpersönlichkeit (noch vor seinem Fachwissen) ausschlaggebend für den Lernerfolg ist, wusste aber auch schon der amerikanische Philosoph John Dewey. Für ihn war der Schulstoff ein Ort der Begegnung von Lehrendem und Lernendem. Er nannte das „meeting of minds“, was den sozialen Austausch, die dialogische Struktur ins Zentrum stellt. Lehrer und Schüler begegnen sich in Deweys Modell auf Augenhöhe. Es ist nicht einer der (Besser-)Wisser, der andere der Unwissende, sondern sie sind Partner auf einem Lernweg.

Dewey war ein grosser Kritiker gängiger Schulformen, propagierte er doch ein Schulmodell, in welchem Lernen durch Erfahrung stattfinden sollte, nicht durch vermittelnden Unterricht. Kinder sollen experimentieren, sie sollen in geeigneten Lernumwelten die passenden Materialien haben und Werkstätten, um sich zu erproben. Sie sollen sich dabei selber entdecken und auch die Fähigkeit zur Zusammenarbeit entwickeln. Dabei setzte er grossen Wert auf Individualität. Lernen soll in Projekten, nicht im Frontalunterricht passieren.

Die Idee, dass eine Schule mit Frontalunterricht, in welcher Lehrer als Respektsperson und Wissensvermittler vor der Klasse stehen, ist also schon lange überholt. Nicht nur Dewey propagierte neue Wege, die Liste der Namen, die es ihm gleich taten, ist lang. Es liegen zudem Studien vor, welche diese unterstützen mit empirischen Daten. Alle kommen zum Schluss, dass für den Lernerfolg vor allem die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ausschlaggebend ist, dass diese auf Vertrauen aufbauen und auf Augenhöhe passieren muss.[2] Dass eine solche Beziehung vom Lehrerpult aus hin zum Schülerpult mit kaum Möglichkeiten eines persönlichen Gesprächs schwer zu gestalten ist, liegt auf der Hand. Die Frage, die bleibt ist: Wann setzt man dieses Wissen endlich um?

_________

[1] Hattie John (2009), Visible Learning

[2] Dabei kam sogar raus, dass neue Schulformen nicht nur auf den Lernerfolg der Schüler positive Wirkung hätten, sondern auch deren Gewaltpotential verringern könnten (https://www.ethz.ch/content/dam/ethz/main/news/eth-news/medienmitteilungen/2016/PDF/160802_MM_Lehrer_Schueler_Beziehung.pdf)

Peter Bieri: Wie wollen wir leben?

Bin ich der, der ich sein will?

Damit unser Wille und unser Erleben die unseren sind als Teil der persönlichen Identität, müssen sie in eine Lebensgeschichte eingebettet und durch sie bedingt sein, und wenn es da Selbstbestimmung gibt, dann nur als Einflussnahme im Rahmen einer solchen Geschichte, die auch eine kausale Geschichte ist, eine Geschichte von Vorbedingungen.

Wer bin ich und wie will ich leben? Diese zentrale Frage steht am Anfang von Peter Bieris schmalen Band Wie wollen wir leben? In der Folge tastet sich der Philosoph langsam vor, geht vom Ich als einem Subjekt aus, das mit sich und seiner Umwelt im Einklang leben will, dabei herausfinden muss, welchen Einfluss diese Umwelt hat, was durch sie bedingt ist und was wirklich aus einem selbst kommt. Es geht dabei um die Erkenntnis des eigenen Ichs und die Fähigkeit, über sich selber zu bestimmen. Dabei ist das Ich nie unabhängig von den Anderen, da jeder Mensch den anderen Menschen braucht, der eine Aussensicht bringt, an der die Innensicht gemessen werden kann. Daraus resultiert die Einsicht, ob das Selbstbild wirklich der Wirklichkeit entspricht.

Selbstbestimmt ist unser Leben, wenn es uns gelingt, es innen und aussen in Einklang mit unserem Selbstbild zu leben – wenn es uns gelingt, im Handeln, im Denken, im Fühlen und Wollen der zu sein, der wir sein möchten.

Ein selbstbestimmtes Leben, so Bieri, ist ein Leben in Würde, da Selbstbestimmung viel mit Würde zu tun hat. Dabei ist Würde immer abhängig von der Kultur, da je nach kultureller Identität andere Vorstellungen vom Leben in einer Gemeinschaft und als Individuum vorherrschen. Diese Vorstellungen sind dabei nie unveränderbar, sondern unterliegen einem stetigen Wandel, was einem Bildungsprozess entspricht, welcher nur erfolgreich ist, wenn diese Vorstellungen auch verinnerlicht sind, erlebt und erfahren werden.

Peter Bieri gelingt in diesem dünnen Band ein Bogen von der Frage nach dem Ich aus sich selber heraus, dessen Auseinandersetzung mit dem Du hin zur Identitätsbildung in Abhängigkeit von der umgebenden Kultur. Dabei arbeitet er mit einer klar verständlichen Sprache, einer logischen Abfolge von Begriffen, die sich schlüssig auseinander entwickeln, und zeichnet so einen Weg auf, das Ich als der, der man sein möchte, zu erkennen, zu verstehen, umzusetzen.

Fazit:
Ein schmaler Band mit grossen Fragen. Gut lesbar führt Peter Bieri in komplexe Begriffe wie Selbsterkenntnis, Selbstbild, Würde und Identität ein. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Peter Bieri wurde 1944 in Bern geboren und ist Philosoph und Schriftsteller. Er lehrte an verschiedenen deutschen Universitäten Philosophie, hat verschiedene philosophische Werke veröffentlicht und sich unter dem Namen Pascal Mercier auch als Romanautor einen Namen gemacht (Nachtzug nach Lissabon, etc.). Er wurde sowohl für sein wissenschaftliches wie auch für sein literarisches Werk mehrfach ausgezeichnet. Von ihm erschienen sind unter anderem Das Handwerk der Freiheit

Angaben zum Buch:
BieriLebenTaschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. November 2.13)
ISBN-Nr.: 978-3423348010
Preis: EUR 7.90 ; CHF 13.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH

Geert Keil: Willensfreiheit und Determinismus

Es ist in der Philosophie der Gegenwart üblich geworden, das Problem von Willensfreiheit und Determinismus in zwei Teilprobleme aufzuspalten. Das traditionelle Problem lässt sich durch die Entweder-oder-Frage „Freiheit oder Determinismus?“ ausdrücken. […] Dagegen betrifft das Vereinbarkeitsproblem die Frage, ob Freiheit und Determiniertheit einander ausschliessen oder nicht.

Das Hauptproblem bei beiden Problemstellungen ist, dass die Begriffe des Determinismus und der Freiheit von verschiedenen Positionen unterschiedlich verwendet werden, so dass keiner vom selben spricht, wenn er sich gegen den anderen abheben will. Geert Keil versucht in seiner Abhandlung, sowohl den Freiheitsbegriff („So oder anders können“) als auch den Begriff des Determinismus („Der Weltlauf ist ein für allemal unabänderlich festgelegt“) zu definieren und so einen Grundlage zu schaffen, der Vereinbarkeit der beiden Positionen auf die Spur zu kommen.

Willensfreiheit ist dabei als Fähigkeit verstanden, so zu handeln, wie man will, wie man es nach eigenen Überlegungen für richtig hält. Man könnte aber, käme man zu anderen Schlüssen, auch anders handeln. Damit rückt die Willensfreiheit in die Nähe der Handlungsfreiheit. Würde diese Willensfreiheit bestritten, gäbe es zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, anders zu handeln als man tut, was Tadel oder Lob für Verhalten und Handlungen obsolet und auch Strafbarkeit fraglich machen würde.

Auch das Thema der Hirnforschung wird berücksichtigt bei der Frage, ob wir frei sein können oder unser Denken durch unsere Hirntätigkeit vorgespurt sind. Fazit ist, dass diese Frage für den philosophischen Freiheitsbegriff irrelevant ist. Fakt ist so oder so, dass Willensfreiheit nie eine Freiheit ohne Einschränkungen oder Behinderungen ist, sondern eine Möglichkeit des anderen Handelns in gleichen Situationen (nicht aber aufgrund derselben Gründe, da das irrational wäre).

Als Fazit stellt Geert Keil 10 Thesen zur Willensfreiheit auf, die aus den Überlegungen der vorhergehenden Kapitel resultieren und die Willensfreiheit als menschliche Fähigkeit zur hindernisüberwindenden Willensbildung festsetzt; dabei ist der entscheidende Mensch nicht determiniert, sondern disponiert, kann diese Disposition aber durch eigene Überlegungen auf ihre Wünschbarkeit hinterfragen und so seine Handlung frei wählen – was nicht mit zufällig gleichzusetzen ist.

Fazit:

Eine an Umfang kurzgehalten, thematisch aber umfassende Abhandlung über das philosophische Problem der Willensfreiheit. Konzise Begriffsherleitungen gehen einher mit folgerichtiger Überlegung und führen zu einem klar verständlichen und nachvollziehbaren Fazit. Sehr empfehlenswert als Einstieg in das Thema.

(Geert Keil: Willensfreiheit und Determinismus, in: Grundwissen Philosophie, Reclam Verlag, Stuttgart 2009.)

BildAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 140 Seiten
Verlag: Reclam Taschenbuch
Preis: EUR: 9.90 ; CHF 15.20

Zu kaufen bei: AMAZON.DE und BOOKS.CH

Michael Gazzaniga: Die Ich-Illusion

Wie Bewusstsein und freier Wille entstehen

Das Gehirn ermöglicht mit seinen physikalisch-chemischen Prozessen auf eine uns unbekannte Weise den menschlichen Geist. Dabei unterliegt es – wie alle Materie – den Naturgesetzen. […] Die Wissenschaft geht davon aus, dass wir erst dann Wissen darüber erlangen, wer und was wir sind, nachdem das Nervensystem bereits gehandelt hat.

Die neusten Erkenntnisse neurobiologischer Studien rütteln am Bild des Menschen als freies und selbständig handelndes Wesen. Das führt zu weiterführenden Fragen in Bezug auf Schuldfähigkeit, Verantwortlichkeit und damit verbunden die Gesetze und deren Strafnormen.

Kann man jemanden für schuldig erklären, wenn dieser keine Wahl hatte, sein Handeln von unbewussten Vorgängen eines determinierten Gehirns geleitet war? Darf man jemanden überhaupt bestrafen, wenn er keine Verantwortung tragen kann für sein Tun? Wäre Vergebung die einzig mögliche Reaktion auf Unrechttaten?

Michael Gazzaniga bietet in seinem Buch einen breiten Blick in die verschiedenen Naturwissenschaften und ihre Erkenntnisse. Er beleuchtet Studien und deren Wert für die Beantwortung der Fragen nach der eigenen Verantwortlichkeit. Anhand von Experimenten mit sogenannten split brains konnte herausgefunden werden, welche Hirnareale für welche Aktivitäten zuständig sind. Zudem konnte man herausfinden, dass die Handlungsbereitschaft im Hirn vor der bewussten Entscheidung für eine Handlung abgebildet wird. Deterministen schliessen daraus, dass das Handeln nicht selber gesteuert wird, sondern wir bloss Aussführende eines vorgegeben, unbewussten Impulses seien. Dies würde das ganze Menschenbild umwerfen und diesen zur blossen Maschine oder Schachfigur degradieren. Die Ausführungen gewisser Neurologen gehen in die Richtung.

Michael Gazzaniga gibt in seinem Buch Entwarnung, indem er Handlungen und Entscheide nicht allein in einem Hirn verortet, sondern die Interaktion mit anderen Hirnen und damit anderen Menschen als relevant erachtet. Verantwortung, so Gazzaniga, ist damit keine Eigenschaft eines Gehirns, sondern ein sozialer Vertrag zwischen Menschen, die beide ein Gehirn haben, welches in Wechselwirkung mit dem eigenen Geist stehen, welche sich gegenseitig beeinflussen und des Weiteren durch die Interaktion mit der sozialen Gruppe, dem Umfeld geprägt und beeinflusst werden.

Gewisse Bereiche des (moralischen) Fühlens und Entscheidens sind somit in der Tat angeboren, die Ausprägungen und dadurch gesteuerten Lebensweisen aber auch erlernt und von der Umwelt beeinflusst. Strafen sind dabei durchaus wichtig, um diese Verantwortung in einer sozialen Gruppe überhaupt zu produzieren. Zum heutigen Zeitpunkt ändern die Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft nichts daran. Man weiss allerdings nicht, was die Forschung in Zukunft bringen wird.

Fazit:

Michael Gazzaniga versteht es, auf eine unterhaltsame und doch fundierte Weise die sehr komplexe Materie aus Sicht der Physik und der Neurowissenschaft zu beleuchten und die Folgen der Erkenntnisse auf unser Menschenbild und das Zusammenleben aufzuzeigen. Eines der besten Bücher, das ich über diese Thematik gelesen habe.

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 277 Seiten

Verlag: Hanser Verlag (2012)

Übersetzt aus dem Amerikanischen: Dagmar Mallett

Preis: EUR: 24.90 ; CHF 38.90

Michael Gazzaniga: Die Ich Illusion. Wie Bewusstsein und feier Wille entstehen, Hanser Verlag, München 2012.

Zu kaufen bei: Bild und Bild

Julian Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung

Bildung als Persönlichkeitsentwicklung

Das oberste Bildungsziel ist menschliche Freiheit.

Mit der heutigen Bildungspolitik steht es nicht zum Besten. Das weiss man nicht erst seit der Pisa-Studie, allerdings hat diese die Bildungsverantortlichen aufgescheucht. Ob sie allerdings in die richtige Richtung rennen bei ihren Rettungsversuchen, ist fraglich. Schaut man auf die Bildungsziele der letzten Jahrzehnte, so sieht man, dass Bildung mehr und mehr instrumentalisiert wurde, dass Zweck der (Aus-)Bildung eine berufliche Verwertbarkeit des Bildungsinhaltes ist und dieser Zweck die Persönlichkeit der Auszubildenden, ihre menschlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten, aussen vor lässt. Es herrscht der Glaube, dass die Höhe des Bildungsgrads den Wert des Menschen bestimmt und dessen Berufsaussichten optimiert. Kinder werden zu immer mehr Leistung getrieben, reicht es nicht auf dem normalen staatlichen Bildungsweg, werden Privatschulen bezahlt (von denen, die es vermögen). Das hat eine Zunahme von Abiturienten und eine Heraufsetzung der Schranken bei den Zulassungsbedingungen zu verschiedenen Berufen zur Folge. Auf diese Weise werden die einzelnen Bildungsstufen immer weiter herabgesetzt, der Ruf nach immer mehr Titeln und Papieren wird lauter, wenn es darum geht, einen Beruf zu ergreifen. Wo früher ein einfacher Schulabschluss genügte, muss es heute Abitur sein, wo früher ein Studium ausreichte für den Berufseinstieg, braucht man heute das Zusatzdiplom eines Weiterbildungslehrgangs. Am Ende dieser Kette resultiert eine Hierarchie von Berufen, die bei näherem Betrachten unverständlich ist, da sie sich weder an der Verantwortung noch an der Notwendigkeit des ausgeübten Berufs für die Gesellschaft orientiert, sondern alleine an der Ausbildungsdauer und –höhe auf dem Weg zum Beruf. Wie weiter?

Eine humanistische Bildungsphilosophie und –praxis knüpft an das lebensweltlich Etablierte an, schützt die lebensweltliche Praxis vor den Übergriffen systematischer Rationalität und postmoderner Skepsis, setzt auf die Vernunftfähigkeit des Einzelnen und dessen Angewiesenheit auf gleichwürdige Interaktion und Kooperation.

Um zu einer humanen Bildungspraxis zu gelangen, wie sie von Julian Nida-Rümelin gefordert ist, bedarf es zuerst eines Blicks auf den Menschen selber. Wie ist er und was will er? Es ist dabei wichtig zu sehen, dass Menschen, so unterschiedlich sie auf den ersten Blick sein mögen, viel mehr Verbindendes haben als Trennendes.

Es ist nicht Aufgabe der Bildung, Stände, Klassen, Einkommensgruppen oder kulturelle Gemeinschaften zu schaffen.

Bildung soll dabei im Blick behalten, dass alle Menschen ein gutes Leben führen wollen. Jeder Mensch hat die dem Menschen inhärenten Anlagen und Fähigkeiten, die es auszubilden gilt. Dass sich in verschiedenen Kulturen und Kontinenten gewisse Werte und Urteile unterscheiden, ist weniger relevant als die Tatsache, dass jeder Mensch die Fähigkeit zu Urteilen in sich hat und genau diese ausgebildet werden soll. Ein Urteilsfähiger Mensch ist einer, der in der Lage ist, zu handeln, für sein Handeln Verantwortung zu übernehmen und damit auch in der Lage ist, am politischen Geschehen als aktives Mitglied teilzuhaben. Insofern hängen Demokratie und Bildung eng zusammen, als Bildung die Demokratiefähigkeit des Menschen fördern sollte und Demokratie es ist, die ein Interesse daran hat, mündige und verantwortungsvolle Bürger auszubilden. Jeder Mensch ist dabei gleich würdig und hat das gleiche Recht auf Freiheit (im Rahmen des Kollektivs), Autonomie und Wahrung seiner Rechte.

Aber es gibt charakterliche Voraussetzungen vernünftiger Praxis und diese sind zentrales Bildungsziel. Ihre Stimmigkeit des eigenen Lebens und der humane Umgang mit anderen sind weder genetisch noch kulturell determiniert, sondern bedürfen einer Praxis der Freiheit, der Bildung und der Selbstbildung.

Julian Nida-Rümelin zeigt in seinem neuen Buch Philosophie einer humanen Bildung die Grundpfeiler einer Bildung auf, die den Menschen ins Zentrum stellt und auf eine Herausbildung seiner Persönlichkeit ausgerichtet ist. Dabei soll Bildung nicht separieren, sondern auf Kooperation und Wahrung der Menschenwürde zielen. Der Mensch soll in seinen Fähigkeiten erkannt und zu dem gebildet werden, was in ihm angelegt ist, damit er ein Leben führen kann, das ein würdiges, menschliches ist. Nicht blosse Employability ist Zweck der Bildung, sondern Herausbildung von vernunftbegabten Menschen.

Konkret schlägt Julian Nida-Rümelin verschiedene konkrete Änderungen vor. Die Wissensvermittlung sollte sich mehr auf Zusammenhänge als auf auswendig zu lernende Fakten, welche einem berufsorientierten Katalog entsprechen, setzen. Dabei wäre auf viele Bildungsinhalte, die nun den Lehrplan dominieren, zu verzichten, da diese für das normale menschliche Leben wenig Relevanz haben und einzig in spezifischen Berufen von Nutzen sind. Dafür fehlen wiederum lebensrelevante Inhalte wie rechtliche, medizinische und psychologische Grundlagen, welche im menschlichen Miteinander unerlässlich sind. Die Vernachlässigung von Kunst, Sport und musischen Fächer ist in Bezug auf die hier angestrebte Form von Bildung wenig sinnvoll, sie vernachlässigt den Menschen als Ganzes und reduziert ihn zu einer blossen Fakten produzierenden Geistmaschine. Wichtig ist also summa summarum, den Menschen als Ganzes zu betrachten und auszubilden, die Einheit seiner Persönlichkeit zu berücksichtigen, die Einheit der Gesellschaft im Blick zu behalten und das Wissen als Einheit zu erfassen. Dafür sind nicht einzelne Fächer, die sich in kurzen Intervallen abwechseln sind sinnvoll, sondern die Vermittlung von sich überschneidenden, zusammenhängenden Wissensinhalten. Bildung auf diese Weise verstanden, als humane, den Menschen in seiner Persönlichkeit ins Zentrum stellende, ermöglicht es, dass Menschen ein zufriedenstellendes, selbstbestimmtes, verantwortungsvolles und ihren Fähigkeiten gemässes Leben führen können in Kooperation mit andern.

Ob das gewählte Leben gelingt, ob es die eigenen Fähigkeiten zur vollen Entfaltung bringt, ob es eine Praxis ermöglicht, die Sinn stiftet und Selbstbestimmung ermöglicht, hängt von seiner inneren Stimmigkeit ab, davon, dass die Autorin ihr eigenes Leben lebt.

Philosophie einer humanen Bildung ist eine fundierte und scharfsinnige Analyse des heutigen Bildungssystems und dessen Mängel. Daneben beinhaltet das Buch eine präzise Aufarbeitung der bildungsrelevanten Ziele und Zwecke sowie eine klare Ansage, wohin Bildung steuern muss, will sie den Menschen in seinem Sein erfassen und damit der heutigen Bildungskrise (die in einer gesellschaftlichen Krise resultiert) entgegenwirken.

Fazit:
Eine aktuelle, wichtige und komplexe Thematik fundiert analysiert und verständlich präsentiert. Philosophie, wie sie sein sollte: dem Leben dienend, nicht als abgehobener Selbstzweck ein Dasein im Elfenbeinturm pflegend. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor:
Julian Nida-Rümelin
Julian Nida-Rümelin wird am 28. November 1954 geboren und wächst in einer Künstlerfamilie in München auf. Nach seinem Abitur 1974 studiert er an den Universitäten München und Tübingen Philosophie, Physik, Mathematik und Politikwissenschaften und promoviert 1983 beim Münchner Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller. Es folgt 1989 die Habilitation und Stellen an diversen Unis in Deutschland und der USA. Von 1998 bis 2001 ist Julian Nida-Rümelin Kulturreferent der Stadt München und folgt im Jahr 2004 dem Ruf der LMU und besetzt zuerst den Lehrstuhl für Politische Theorie und Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut, seit 2009 einen Lehrstuhl für Philosophie an der LMU. Von ihm erschienen sind unter anderem Über die menschliche Freiheit (2005), Demokratie und Wahrheit (2006), Philosophie und Lebensform (2009), Verantwortung (2011), Der Sokrates Club. Philosophische Gespräche mit Kindern (2012), Philosophie einer humanen Bildung (2013).

NidaRümelinBildungAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 246 Seiten
Verlag: Edition Körber Stiftung (6. März 2013)
ISBN-Nr: 978-3896840967
Preis: EUR 18; CHF 28.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Richard David Precht: Anna, die Schule und der liebe Gott

Mit Fakten, Zahlen und Parolen gegen den Bildungsnotstand

Ein gerechtes Bildungssystem, das jedem die gleiche Chance gibt, nach seinen Möglichkeiten davon zu profitieren – an diesem Massstab muss sich jede Schule und jedes Bildungssystem in Deutschland messen lassen.

Richard David Prechts Vorgabe an ein Bildungssystem ist hoch und in der heutigen Zeit kaum erfüllt. Obwohl alle von einer Bildungskrise sprechen, scheint keiner wirklich was dagegen tun zu wollen, schon gar nicht, wenn das Tun hiesse, neue Wege zu beschreiten, alte Muster – darunter fallen Noten, Frontalunterricht, Jahrgangsklassen und vieles mehr – zu durchbrechen und ganz neue Lernstrukturen in neuen Lernumgebungen zu schaffen.

Um den Missstand in Deutschland aufzuzeigen, reist Precht durch die Zeiten, zeigt verschiedene falsche Massnahmen und politischen Entscheide auf, verweist oft polemisierend Politiker und deren Fehlurteile. Dem gegenüber fährt er mit diversen Schulmodellen auf, welche andere Wege propagierten, die Khan Universität, Mastery Learning nach Carleton Washburne und Maria Montessoris Ansatz sind nur einige der vielen.

Aus der grossen Fülle von Fakten und Modellen resultiert immer wieder dieselbe Einsicht: Es läuft alles falsch und man sollte daran gehen, dies zu ändern. Kinder sollen als ganze Wesen wahrgenommen und in ihren Stärken gefördert werden. Da die Welt sich schnell verändert, soll der Schwerpunkt bei allem sein, aus Kindern selbständige Wesen zu machen, die selber denken und wissen, wie sie lernen und sich damit den immer wieder neuen Gegebenheiten anpassen können.

Weil keiner definitiv wissen kann, was die Zukunft bringt, wird es in unseren Schulen allgemein weniger darauf ankommen, was wir unseren Kindern beibringen. Wichtiger ist, sie erfolgreich dazu zu ermächtigen, sich möglichst viel selbständig beizubringen.

Kinder sollen lernen, sich eigene Ziele zu setzen und diese auch zu erreichen. Sie sollen lernen, miteinander Dinge zu erarbeiten, dabei aber auch die eigene Kreativität einzusetzen. Projekten und Fächerübergreifende Zusammenhangsvermittlung ist nachhaltiger in der Wissensvermittlung als blosse Faktenpaukerei nach Fächern aufgeteilt und auf Prüfungen ausgerichtet. Wichtiger als das Alter sind die persönlichen Fähigkeiten, die darüber entscheiden sollen, in welchen Klassenverbänden Kinder sein sollen. Ihre Leistungen sollen nicht durch Zahlen, sondern durch persönliche Einschätzungsberichte bewertet werden und die Weggabelungen sollen nicht zu früh passieren und sich dann nicht auf eine Quersumme durch alle (und oft mit unnützem Wissen überhäuften) Fächer stützen. Ganztagesschulen sollen helfen, allen Kindern dieselbe Ausgangslage und Möglichkeit zu gewähren, da so keine ungleichen Chancen durch unterschiedlich motivierte und ausgestattete Elternhäuser zum Tragen kämen. Schule soll so auf das Leben vorbereiten und helfen, aus Kindern zufriedene Menschen zu machen, die sich in Beruf, Gesellschaft und politischem Miteinander zurechtfinden.

Diese durchaus nachvollziehbaren Forderungen stellt Precht an die Politiker und Verantwortlichen des deutschen Bildungswesens. Er bettet sie ein in eine Vielzahl von Verweisen auf die unterschiedlichsten Theorien, Philosophen, Pädagogen einerseits und Tadel und Polemik gegen Politiker, Lehrer, Elternhäuser, falsche Strukturen und viel Schlechtes mehr andererseits. Es fehlt dem Buch der rote Faden, man sieht sich einem Hin und Her zwischen Forderungen und Fehlläufen ausgesetzt. Ein klares Ziel und dessen konkrete Umsetzung geht unter in dem, was er den Schulen selber vorwirft: Faktenschlacht und Vermittlung unwesentlicher Inhalte, die im Moment des Lesens markig klingen und dem Autoren den Anschein von Belesenheit und breitem Wissen attestieren sollen, der Sache selber aber nicht wirklich zuträglich sind.

Fazit:
Ein gut lesbares Buch über ein aktuell brennendes Thema, bei dem weniger mehr gewesen wäre, das aber viele bedenkenswerten Ansätze für eine Verbesserung der heutigen Schul- und Bildungssituation vermittelt.

Zum Autor:
Richard David Precht
Richard David Precht wird 1964 in Solingen geboren. Nach dem Abitur studiert er Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte und promoviert 1994 in Germanistik mit der Dissertation Die gleitende Logik der Seele. Ästhetische Selbstreflexivität in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Precht arbeitet fünf Jahre als Wissenschaftlicher Assistent in einem kognitionspsychologischen Forschungsprojekt, hält danach Vorträge und Vorlesungsreihen an unterschiedlichen Universitäten und Kongressen und wird 2011 Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg, 2012 Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Daneben schreibt er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften Essays, moderiert seit 2012 die Sendung „Precht“ im ZDF. Von ihm erschienen sind unter anderem Wer bin ich – und wenn ja, wieviele? (2007), Liebe . Ein unordentliches Gefühl (2010), Die Kunst, kein Egoist zu sein (2010), Warum gibt es alles und nicht nichts (2011), Anna, die Schule und der liebe Gott (2013).

PrechtSchuleAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (22. April 2013)
ISBN-Nr: 978-3442312610
Preis: EUR 19.99; CHF 23.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Julian Nida-Rümelin, Nathalie Weidenfeld: Digitaler Humanismus

Eine Ethik für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz

Ein digitaler Humanismus transformiert den Menschen nicht in eine Maschine und interpretiert Maschinen nicht als Menschen. Er hält an der Besonderheit des Menschen und seiner Fähigkeiten fest und bedient sich der digitalen Technologien, um diese zu erweitern, nicht um diese zu beschränken.

NidaDigitalDigitalisierung und künstliche Intelligenz sind die Schlagworte der Zeit. Die technische Entwicklung schreitet in immer schnellerem Tempo voran, der Mensch sieht sich einer sich immer schneller sich verändernden Welt gegenüber. Das wirft Fragen auf: Wird der Mensch bald durch Maschinen ersetzt? Was bleibt für den Mensch noch zu tun, wenn Maschinen alles übernehmen? Diese Fragen machen Angst. Auf der anderen Seite ist die technische Entwicklung spannend, bietet sie doch Chancen und weckt die Euphorie, was bald alles machbar sein wird.

Der Digitale Humanismus, wie Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld vorstellen, will eine Brücke schlagen zwischen der angstbesetzten Untergangsstimmung und der Euphorie. Der digitale Humanismus ist technik- und menschenfreundlich, er setzt auf die menschliche Vernunft, welche die Chancen gut nutzen kann, aber auch um die Grenzen digitaler Technik weiss. Die beiden Autoren vergleichen die digitale Gegenwart und mögliche Zukunft immer wieder mit Beispielen aus der Science-Fiction-Welt, zeigen auf, welche Vorstellungen einer digitalen Welt vormals als Mythen existierten, wo sie heute schon Realität geworden sind.

Das Buch behandelt eine ganze Bandbreite an relevanten Themen rund um die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz, alles immer mit literarischen und filmischen Beispielen untermalt sowie philosophisch analysiert und in einen grösseren Rahmen eingebettet. Dabei wird sichtbar, dass die digitale Technologie viele Vorteile bietet, dass uns künftig Roboter immer mehr zur Hand gehen und diverse Abläufe abnehmen können. Auch die Grenzen werden schlüssig aufgezeigt, der Unterschied Mensch – Maschine herausgearbeitet. So sind Menschen nicht einfach wandelnde Algorythmen, sondern durchaus entscheidungsfähige Wesen mit der Fähigkeit, zu denken. Das unterscheidet sie vom Computer, der keine eigene Denkleistung hat. Selbst die selbstlernenden und -optimierenden Maschinen sind nicht autonom denkend, sondern funktionieren nur nach vordefinierten Regeln. Was also wie eine eigenständige Denkleistung aussieht, ist in Tat und Wahrheit nur eine Simulation. Das gleiche trifft auch auf Gefühle zu.

Als nicht denkende und fühlende Einheiten stehen Computer und Roboter jenseits der Moral. Weder können sie selber moralische Urteile fällen, noch unterliegen sie moralischen Bewertungen. Sie werfen aber insofern moralische Fragen auf, als die technischen Entwicklungen den Menschen vor neue Herausforderungen stellen: Wie kommuniziert man mit Maschinen? Wie kommuniziert man als hinter Maschinen sitzendes Wesen mit anderen ebensolchen Wesen. Es werden zudem weitere Fragen aufgeworfen wie die Anforderungen an die Bildungssysteme, die Gefahren für unsere Demokratie im Zeitalter der immer mehr zurücktretenden vielfältigen journalistischen Medien und der vermehrten Nutzung des Internets.

Nida-Rümelin/Weidenfeld gelingt ein umfassender, kompetenter, gut verständlicher Überblick über das Gebiet des digitalen Humanismus mit Blick auf die Herausforderungen der Digitalisierung auf die gegenwärtige Welt. Der Spagat, sowohl Leser mit philosophischem Vorwissen als auch Fachfremde zu erreichen, ist den beiden gut gelungen. Dass dabei zusätzlich darauf verzichtet wurde, utopische Zukunftsszenarien zu entwerfen oder den Menschen zur (bald entwerteten und aussortierten) Maschine zu erklären, spricht zudem für das Buch.

Fazit:
Eine aktuelle, wichtige und komplexe Thematik fundiert und verständlich präsentiert. Philosophie, wie sie sein sollte: dem Leben dienend, nicht als abgehobener Selbstzweck ein Dasein im Elfenbeinturm pflegend. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor:
Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld
Julian Nida-Rümelin wird am 28. November 1954 geboren und wächst in einer Künstlerfamilie in München auf. Nach seinem Abitur 1974 studiert er an den Universitäten München und Tübingen Philosophie, Physik, Mathematik und Politikwissenschaften und promoviert 1983 beim Münchner Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller. Es folgt 1989 die Habilitation und Stellen an diversen Unis in Deutschland und der USA. Von 1998 bis 2001 ist Julian Nida-Rümelin Kulturreferent der Stadt München und folgt im Jahr 2004 dem Ruf der LMU und besetzt zuerst den Lehrstuhl für Politische Theorie und Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut, seit 2009 einen Lehrstuhl für Philosophie an der LMU. Von ihm erschienen sind unter anderem Über die menschliche Freiheit (2005), Demokratie und Wahrheit (2006), Philosophie und Lebensform (2009), Verantwortung (2011), Der Sokrates Club. Philosophische Gespräche mit Kindern (2012), Philosophie einer humanen Bildung (2013).
Er leitet den Bereich Kultur am Zentrum Digitalisierung Bayern.

Nathalie Weidenfeld studierte amerikanische Kulturwissenschaft und promovierte an der FU Berlin. Sie verfasste Romane und Sachbücher und arbeitete als Lektorin und Filmwissenschaftlerin.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Piper Verlag (4. September 2018)
ISBN-Nr: 978-3492058377
Preis: EUR 24; CHF 37.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Ursula Wolf: Die Philosophie und die Frage nach dem guten Leben

WolfPhilosophie

Ursula Wolf macht sich in diesem Buch auf die Suche nach dem guten Leben und sie startet bei den Anfängen der Griechischen Philosophie, bei Platon und Aristoteles.

Jedes Handeln und Bewirken, jede Art praktischer Betätigung strebt, wie Aristoteles zu Beginn der Nikomachischen Ethik sagt, nach einem Gut. Fragt man, warum jemand etwas strebt, so lautet der Grund häufig, es sei das Mittel zu einem weiter gehenden Ziel. Soll das Streben auf diese Weise nicht ins Unendliche laufen, dann muss es, argumentiert Aristoteles, einen Endpunkt des Wünschens geben, ein höchstes Gut oder Ziel […] es ist die Eudaimonia, das Glück oder gute Leben; nicht einig aber sind sie sich, worin dieses besteht.

Alle wollen es also haben, das gute Leben, keiner weiss, was es wirklich ist. Die Frage nach dem guten Leben ist im alltäglichen Leben selten zu finden und auch die Philosophie hat sie eher stiefmütterlich behandelt. Zentral wird sie, so scheint es, immer dann, wenn die Zeiten schwierig sind.

Nach einer Begriffserklärung und dem Aufzeigen der Unterschiede zwischen Moral (Handeln nach gesellschaftlichen Normen) und Ethik (Lehre vom richtigen oder guten menschlichen Verfasstsein und Handeln) geht es darum, mit welcher Methode der Frage beizukommen wäre. Danach führt die Reise quer durch die Philosophiegeschichte, fängt bei Platon an, welcher das menschliche Leben als eines im sozialen Kontext sieht, so dass das individuelle Leben immer mit der Verfasstheit der guten Ordnung in der Gesellschaft zusammenhängt. Platon wirft die Frage, was ein gutes Leben ist, zurück auf die Frage, was ein guter Mensch ist. Eine wirkliche Antwort finden wir bei ihm nicht.

Als nächstes folgt Aristoteles mit seiner Spaltung von Ethik und Metaphysik. Bei ihm beleuchtet Wolf die Lehre der dreigeteilten Seele, beleuchtet ethische Tugenden und die Frage nach vollkommener Eudaimonia. Aristoteles unterscheidet zwischen Dingen, die wir in der Hand haben und solchen, die ohne unser Zutun auf uns zukommen.

Der Kunstgriff, mit dem man eine Konzeption eines im ganzen guten menschlichen Lebens finden kann, liegt also darin, auch auf derjenigen Seite des Lebens, wo wir uns nicht aktiv Ziele setzen, sondern auf gegebene Situationen reagieren, zu unterscheiden zwischen dem, was für unser Wollen Nützliches oder Schädliches geschieht, und der Frage, wie wir uns dazu verhalten. Diese Verhaltensweise (hexis) ist immer unser Beitrag […]

Weiter geht es im Text mit Kant und einer Herangehensweise an die Frage nach dem guten Leben. Es kommen in der Folge Erich Fromm, Karl Jaspers, Martin Heidegger hinzu, um danach nochmals zurückzublenden und einen Streifzug durch die Geschichte der Philosophie in Bezug auf Metaphysik und Metaphysikkritik zu machen. Fazit ist die Erkenntnis,

dass die jeweils grossen philosophischen Theorien jeweils durch eine existentielle Spannung aus demjenigen Lebensbereich motiviert sind, der auch konkret-alltäglich in der jeweiligen Epoche besondere Probleme aufwirft.

Diese Erkenntnis ist nun nicht wirklich neu und auch nicht erstaunlich, sie liegt sogar auf der Hand. Wolf wendet sich daraufhin Nietzsche und seiner Dekonstruktion der Metaphysik zu. Diese führt zur Frage, ob wir uns nicht nur um das individuelle Gute sorgen können, das allgemeine aber ausserhalb unserer Möglichkeiten steht. Wolf plädiert aber für die Streichung der Ideale, um dann doch den intersubjektiven Aspekt der Frage weiter zu verfolgen.

Doch wie man die Frage nach dem Guten auch dreht und wendet, wohin man schaut, findet man nur Herangehensweisen und Annäherungen, nie aber eine Antwort. Wolf konstatiert denn auch:

Wie wir in dem kurzen Gang durch die Philosophiegeschichte gesehen haben, reagieren die metaphysischen Konzeptionen auf die Unerreichbarkeit eines vollkommenen Guten dadurch, dass sie die Frage nach dem guten Leben umbiegen.

Eine Antwort scheint es nicht zu geben, man ist am Ende des Buches versucht, wie Goethes Faust zu denken:

Da steh ich nun, ich armer Thor,
und binn so klug als wie zuvor.

Ursula Wolf konnte keine Antwort finden auf die Frage, auf die es keine klare Antwort gibt. Trotzdem befriedigt weder die Herangehensweise, die durch die vielen Zeitsprünge und Wechsel sehr unruhig und wenig durchdacht erscheint, noch das Fazit des Buches. Wenn schon so viele Philosophen auf diese Frage hin untersucht werden, wäre eine konzisere Zusammenfassung von deren Meinungen wünschenswert gewesen. Dazu wäre ein chronologischer Aufbau sinnvoller gewesen als dieses Hin und Her in der Zeit.

Fazit
Informativ, wenn auch ohne wirkliche Antwort. Das Fazit des Buches erscheint wenig befriedigend. Trotzdem ist es durchaus lesenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 216 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag 1999
Preis: EUR: 8.50 ; CHF 36.90

Zu kaufen bei AMAZON und BOOKS

Erich Fromm: Authentisch leben

Wer denkt, wenn ich denke, wer fühlt, handelt, wenn ich handle oder fühle? Erich Fromm beleuchtet die wirkliche Motivation hinter dem Handeln, Fühlen, Denken, hinter dem Sein des Menschen. Lebt er wirklich selbstbestimmt und frei oder sprechen durch ihn die vielen Stimmen der Umwelt, die er als Erwartungen an sich zu Handlungsmaximen erhoben hat?

[…] dass wir Gedanken, Gefühle, Wünsche, ja sogar Sinnesempfindungen haben können, die wir subjektiv als unsere empfinden, obwohl sie uns von aussen suggeriert wurden und uns daher im Grunde fremd sind und nicht das, was wir wirklich denken, fühlen und so weiter.

Der Mensch entfernt sich damit immer mehr von sich selber, wird zum Ding, zur Ware auf dem Markt, die daran gemessen wird, ob sie Erfolg hat, ankommt, die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt. Dies wirkt sich sowohl auf das menschliche Selbstgefühl als auch auf die Beziehungen zwischen Menschen aus.

Es handelt sich nicht um eine Beziehung zwischen zwei menschlichen Wesen, die ein Interesse aneinander haben, abgesehen davon, dass sie sich gegenseitig von Nutzen sind.

Erich Fromm analysiert in diesem Buch den Menschen in seinem Sein, er schaut auf die Gesellschaft und ihre Instrumentalisierung von Menschen hin zu Waren, die ihr dienen. Er analysiert die Ohnmachtsgefühle, die das im Menschen auslöst und wie er darauf reagiert. Und er versucht, durch diese Analyse ein Bewusstsein für diese Mechanismen zu wecken, die dabei helfen können, zu sich selber und dem wirklich eigenen Denken, Fühlen, Handeln zu finden.

Mut, sich um nichts zu kümmern als um die Wahrheit und zwar um die Wahrheit nicht nur in Bezug auf das eigene Denken, sondern auch in Bezug auf das eigene Fühlen.

Fazit:
Ein Buch, das dem Leser auf gut lesbare Weise das Wesen und die Masken des eigenen Seins aufzeigt. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 155 Seiten
Verlag: Herder Verlag 2000
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 14.90

Zu kaufen bei BOOKS.CH und BÜCHER.DE

 

Yuval Noah Harari: Homo Deus

Eine Geschichte von morgen

Aus dataistischer Sicht können wir die gesamte menschliche Spezies als ein einziges Datenverarbeitungssystem betrachten, in dem die einzelnen Menschen als dessen Mikrochips fungieren.

HarariWir stehen am Anfang des dritten Jahrtausends und blicken auf eine lange Geschichte zurück. Was bei dieser Geschichte auffällt, ist, dass es immer Veränderungen und Umbrüche gab, und: Diese werden immer schneller.

Als Menschen sind wir kaum mehr in der Lage, mit den ständigen Neuerungen und Anforderungen fertig zu werden, geschweige denn können wir wirklich voraussagen, wohin das alles führen wird.

Unser neu entdecktes Wissen führt zu schnelleren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungen; mit jedem Versuch zu begreifen, was geschieht, beschleunigen wir die Akkumulation von Wissen, was wiederum zu noch schnelleren und grösseren Umwälzungen führt.

Fakt ist: Die Digitalisierung schreitet voran. Wo früher Menschen als Könige des Universums agierten, stehen sie heute mehr und mehr in der Gefahr, von Maschinen abgelöst zu werden. Und nicht nur das: Maschinen sind sogar in vielen Dingen besser als wir Menschen, einschliesslich dessen, herauszufinden, was wir selber wirklich wollen.

Harari erklärt, wieso alle Organismen eigentlich Algorythmen sind. Ein Algorythmus ist eine methodische Abfolge von Schritten, die es erlaubt, Probleme zu lösen, Entscheidungen zu treffen oder Dinge zu berechnen. Wenn wir etwas tun, passiert das nach einer genauen Abfolge von Schritten, welche nach unserer Erfahrung (so denken wir) dazu geeignet ist, das zu tun. In Tat und Wahrheit ist in unserem Gehirn quasi ein Schaltkreis entstanden, welcher uns nun dies nach vorgegebener Methode tun lässt.

Hat der Humanismus noch sehr auf den einzelnen Menschen und seine individuelle Freiheit gesetzt, fragt sich nun, wo der Mensch, einst Krone der Schöpfung, bleiben wird. Dass wir kein Selbst sind, keinen freien Willen haben, eigentlich aufgrund von Hirnverschaltungen agieren, hat uns die Hirnforschung schon erklärt. Nun geht es eine Stufe weiter. Der Mensch schafft sich quasi selber ab durch seine sich immer schneller entwickelnden Innovationen im Bereich Datensammlung und –vernetzung. Damit droht dem Menschen bald das gleiche Schicksal, welches den Tieren durch den Menschen angetan wurde.

Klingt gruselig? Das Ganze soll nicht als Prognose verstanden werden, so Harari, sondern als (wohl ziemlich realistisches) mögliches Szenario einer nahen Zukunft. Harari besticht durch fundierte historische Kenntnisse, welche vor allem in den ersten beiden Teilen (Homo sapiens erobert die Welt & Homo Sapiens gibt der Welt einen Sinn) zum tragen kommen. Er versteht es, die historischen Abläufe und das menschliche Leben in den verschiedenen Bereichen auf eine detaillierte, informative und doch unterhaltsam lesbare Weise zu vermitteln. Teil drei führt die Geschichte weiter in die Zukunft, indem die vorhandenen Kriterien und Erkenntnisse konzis ermittelt und zusammengeführt werden, um den Strom der Geschichte auf eine nachvollziehbare und durchaus einleuchtende Weise weiter fliessen zu lassen.

Fazit
Ein spannendes, gut lesbares, unterhaltsames und sehr eindrückliches Buch über die menschliche Geschichte und wohin sie zu steuern scheint. Eine ganz grosse Leseempfehlung.

Zum Autor
Yuval Noah Harari wurde 1976 in Haifa, Israel, geboren. Er promovierte 2002 an der Oxford University. Aktuell lehrt er Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem mit einem Schwerpunkt auf Weltgeschichte. Sein Weltbestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ wurde in fast 40 Sprachen übersetzt.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 653 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 4. September 2018
Übersetzer: Andreas Wirthensohn
ISBN: 978-3406727863
Preis: EUR: 14.95 ; CHF 24.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei BOOKS.CH und AMAZON.DE

Abt Muho: Das Meer weist keinen Fluss zurück

Ein Weg zu Liebe und Gelassenheit

Liebe ist für den anderen da. Sie darf nicht, wie es leider allzu oft im Alltag der Fall ist, vergiftet sein von Eifersucht und Obsession. Liebe braucht Gelassenheit. Um gelassen zu sein, muss ich mich selbst wie auch den anderen annehmen können, ihn sein lassen. Nur wer sich und den andere in seinem Sein annehmen kann, erfährt Gelassenheit.

muhoWas ist Liebe? Eine Frage, die sich wohl jeder schon mal gestellt hat, sogar Lieder wurden darüber gesungen. Abt Muho widmet sich dieser Frage und unterscheidet dabei zwischen den vier klassischen Liebesbegriffen storge, eros, philia und agape. Kommend aus einer christlichen Kultur nun im Buddhismus zu Hause verbindet er diese Begriffe mit der buddhistischen Lehre, bringt die Liebe mit Gelassenheit in Beziehung

Muho belässt es aber nicht bei der Erklärung der Begriffe, er erzählt auch seine Geschichte, die Geschichte eines eher unsicheren deutschen Jungen, der nach dem Studium beschliesst, nach Japan zu gehen und schlussendlich Abt des grössten Zen-Klosters da wird. Er erzählt von seinen Liebeserfahrungen, stellt dabei immer auch sein eigenes Verhalten in Frage. Heute lebt er mit seiner Frau und drei Kindern im Kloster, sieht sich dabei immer auch in Situationen, in denen er sich entscheiden muss, wem er seine Aufmerksamkeit nun schenken muss: Seiner Familie oder seiner Gemeinde. Nicht immer leicht zu fällen, die Entscheidung, und nicht immer gelingt es, die richtige zu treffen.

Gerade die persönliche Geschichte zeigt viel über das Thema des Buches: Liebe ist vielfältig und vielschichtig, sie muss im Alltag gelebt werden, denn da bewährt sie sich. Und: Ohne eine Spur Gelassenheit geht es nicht. Erst durch sie gelingt es in der Liebe, dass auch schwierige Zeiten, persönliche Macken und falsche Entscheidungen nicht zum Abbruch führen.

Die theoretischen Kapitel sind mitunter etwas gar abstrakt und teilweise zu kurz gehalten geschrieben, was vor allem durch den Vergleich mit den persönlichen Kapiteln noch stärker ins Auge fällt. Sie weisen aber auch auf die grosse Belesenheit und das Hintergrundwissen des Autors hin, so dass man ihm das gerne nachsieht.

Fazit
Ein sehr offenes, eingängiges, persönliches Buch zum Thema Liebe und Gelassenheit, das einen von der ersten Seite an in den Bann zieht. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Muhô ist Abt von Antaiji, einem tief in den japanischen Bergen gelegenen Zen-Kloster. Er wurde 1968 in Berlin geboren und kam mit 16 Jahren mit Zazen in Kontakt. 1993 wurde er zum Mönch ordiniert und 2001 von seinem Lehrer als eigenständigen Zenmeister anerkannt. Er beschloss, als Obdachloser in Ôsaka zu leben, wo er eine Zengruppe leitete. Am 14. Februar 2002 erreichte ihn die Nachricht vom Tod seines Lehrers, und er wurde als dessen Nachfolger zum Abt von Antaiji berufen.

Muhô ist der Autor von „Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück“, „Das Meer weist keinen Fluss zurück“ (beide im Berlin-Verlag), „Futter für Pferd und Esel“ (Angkor Verlag) und „Zazen oder der Weg zum Glück“ (Rowohlt Taschenbuch-Verlag) und hat die Bücher „An dich“, „Zen ist die größte Lüge aller Zeiten“ und „Tag für Tag ein guter Tag“ von Sawaki Kôdô ins Deutsche übersetzt. Homepage: http://www.antaiji.org

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Berlin Verlag (4. September 2018)
ISBN-Nr.: 978-3827013804
Preis: 18 Euro /28.90 CHF

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH