Geert Keil: Willensfreiheit und Determinismus

Es ist in der Philosophie der Gegenwart üblich geworden, das Problem von Willensfreiheit und Determinismus in zwei Teilprobleme aufzuspalten. Das traditionelle Problem lässt sich durch die Entweder-oder-Frage „Freiheit oder Determinismus?“ ausdrücken. […] Dagegen betrifft das Vereinbarkeitsproblem die Frage, ob Freiheit und Determiniertheit einander ausschliessen oder nicht.

Das Hauptproblem bei beiden Problemstellungen ist, dass die Begriffe des Determinismus und der Freiheit von verschiedenen Positionen unterschiedlich verwendet werden, so dass keiner vom selben spricht, wenn er sich gegen den anderen abheben will. Geert Keil versucht in seiner Abhandlung, sowohl den Freiheitsbegriff („So oder anders können“) als auch den Begriff des Determinismus („Der Weltlauf ist ein für allemal unabänderlich festgelegt“) zu definieren und so einen Grundlage zu schaffen, der Vereinbarkeit der beiden Positionen auf die Spur zu kommen.

Willensfreiheit ist dabei als Fähigkeit verstanden, so zu handeln, wie man will, wie man es nach eigenen Überlegungen für richtig hält. Man könnte aber, käme man zu anderen Schlüssen, auch anders handeln. Damit rückt die Willensfreiheit in die Nähe der Handlungsfreiheit. Würde diese Willensfreiheit bestritten, gäbe es zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, anders zu handeln als man tut, was Tadel oder Lob für Verhalten und Handlungen obsolet und auch Strafbarkeit fraglich machen würde.

Auch das Thema der Hirnforschung wird berücksichtigt bei der Frage, ob wir frei sein können oder unser Denken durch unsere Hirntätigkeit vorgespurt sind. Fazit ist, dass diese Frage für den philosophischen Freiheitsbegriff irrelevant ist. Fakt ist so oder so, dass Willensfreiheit nie eine Freiheit ohne Einschränkungen oder Behinderungen ist, sondern eine Möglichkeit des anderen Handelns in gleichen Situationen (nicht aber aufgrund derselben Gründe, da das irrational wäre).

Als Fazit stellt Geert Keil 10 Thesen zur Willensfreiheit auf, die aus den Überlegungen der vorhergehenden Kapitel resultieren und die Willensfreiheit als menschliche Fähigkeit zur hindernisüberwindenden Willensbildung festsetzt; dabei ist der entscheidende Mensch nicht determiniert, sondern disponiert, kann diese Disposition aber durch eigene Überlegungen auf ihre Wünschbarkeit hinterfragen und so seine Handlung frei wählen – was nicht mit zufällig gleichzusetzen ist.

Fazit:

Eine an Umfang kurzgehalten, thematisch aber umfassende Abhandlung über das philosophische Problem der Willensfreiheit. Konzise Begriffsherleitungen gehen einher mit folgerichtiger Überlegung und führen zu einem klar verständlichen und nachvollziehbaren Fazit. Sehr empfehlenswert als Einstieg in das Thema.

(Geert Keil: Willensfreiheit und Determinismus, in: Grundwissen Philosophie, Reclam Verlag, Stuttgart 2009.)

BildAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 140 Seiten
Verlag: Reclam Taschenbuch
Preis: EUR: 9.90 ; CHF 15.20

Zu kaufen bei: AMAZON.DE und BOOKS.CH

7 Kommentare zu „Geert Keil: Willensfreiheit und Determinismus

    1. kunstschaffende: „Wahre Freiheit findet für mich nur im Geiste statt!“

      Naja, die körperliche Bewegungs-Freiheit ist auch nicht zu verachten.
      Solltest du die außerkörperliche meinen: Da könntest du Recht haben.

      kunstschaffende: „Die Gedanken Freiheit ist noch nicht sichtbar!“

      Auch wenn du sie (noch) nicht sehen kannst: Sie ist da. Im Rahmen dessen, was dir der Verstand ermöglicht, hast du alle Freiheiten der Welt. Wer wollte oder könnte sie dir nehmen? – Wenn wir mal von den Konditionierungen, die in den frühen Jahren stattgefunden haben, absehen. Und da wären noch die Prägungen und somit Einengungen, die sich jeder, zum Beispiel mittels seines „Weltbildes“ und den internalisierten Wertvorstellungen, selber konstruiert.

      Innerhalb all dessen…
      Gedankenfreiheit. 🌾

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  1. Hallo, Frau Matteotti,

    sehe ich es richtig, daß die Texte von Ihnen sind und die Einrückungen Zitate aus dem jeweiligen Buch markieren?
    .

    „Viele Philosophen meinen, dass wir auch in einer naturgesetzlich determinierten Welt einen freien Willen haben können.“ – Geert Keil – Willensfreiheit und Determinismus (Reclam-Klappentext)

    Was „viele Philosophen“ dazu meinen, ist nicht erheblich. Interessant ist, ob wir alle… grundsätzlich (oder partiell) frei SIND – oder nicht.

    Hier geht es um mehrere Aspekte, die „Freiheit“ betreffend:

    ◾ Freiheit
    ◾ Denk-Freiheit
    ◾ Willens-Freiheit
    ◾ Handlungs-Freiheit
    ◾ Wahrnehmungs-Freiheit

    Gut möglich, daß wir in Wirklichkeit gar keine Wahl haben. Vielleicht sagt uns das unsere Wissenschaft in Kürze oder hat es schon getan, aber:

    Wir könnten keine vierzehn Tage überleben, würden wir uns nicht mindestens in der Illusion wiegen, frei zu sein… im Wollen und im Tun, im Denken und in der Wahrnehmung!

    Ein Schaf fühlt sich vielleicht grenzenlos frei, wenn es sich im Schutz der Herde innerhalb einer für uns klar erkennbaren Umzäunung bewegt.

    Die Frage ist also nicht so sehr, ob wir frei sind, sondern ob wir uns als frei erleben, denn…

    Können wir Zäune überwinden, die
    wir nicht mal als solche erkennen ?

    Wer kennt denn schon seine Denk-Grenzen? Wer kennt die grundsätzlichen Grenzen der mentalen Möglichkeiten?

    Ich nehme mal an, wir haben 25 Sinne der Wahrnehmung zur Verfügung. Meinetwegen können wir uns zusätzlich auch noch noch ein paar technische Hilfskonstruktionen (Krücken) bauen, um den einen oder anderen Sinn ein bißchen zu erweitern. Aber irgendwo ist die absolute Grenze.

    Also sind wir wohl nicht wirklich frei.

    Unsere Sinne begrenzen uns. Unser Vorstellungsvermögen begrenzt uns. In unserem Bewegungsradius sind wir eingeschränkt. Im Denken sind wir begrenzt. Fühlen können wir nur, was wir fühlen können und nichts darüber hinaus. Können wir mehr wollen, als wir wollen? – Können wir überhaupt wollen, was wir wollen?

    Aber trotz aller Begrenzungen sind wir imstande, ein zufriedenes, ein aufregendes, ein intensives, ein erfüllendes Leben führen zu können.

    Womöglich können wir es nicht wirklich „führen“, 😉
    aber wir können viele seiner Nuancen bewußt erleben.

    🌻

    Viele bewußt erlebte
    Sommer-Momente
    wünscht Nirmalo

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  2. „Viele Philosophen meinen, dass wir auch in einer naturgesetzlich determinierten Welt einen freien Willen haben können.“ – Geert Keil (Reclam-Klappentext zu „Willensfreiheit und Determinismus“)

    Was „viele Philosophen“ dazu „meinen“, ist nicht erheblich. Interessanter ist, ob wir alle grundsätzlich (oder partiell) frei  s i n d  –  oder nicht.

    Hier geht es um mehr als nur einen Aspekt des Begriffs „Freiheit“:

    ◾ Freiheit
    ◾ Denk-Freiheit
    ◾ Willens-Freiheit
    ◾ Handlungs-Freiheit
    ◾ Wahrnehmungs-Freiheit

    Gut möglich, daß wir in Wirklichkeit gar keine Wahl haben.

    Vielleicht sagt uns das unsere Wissenschaft in Kürze oder hat es schon getan, aber: Wir könnten keine vierzehn Tage überleben, würden wir uns nicht mindestens in der Illusion wiegen, frei zu sein im Wollen und im Tun, im Denken und in der Wahrnehmung!

    Ein Schaf fühlt sich vielleicht grenzenlos frei, wenn es
    sich im Schutz der Herde innerhalb einer für uns klar
    erkennbaren Umzäunung bewegt.

    Die Frage ist also nicht so sehr, ob wir frei  s i n d,
    sondern ob wir uns als frei  e r l e b e n,  denn…

    Können wir Zäune überwinden, die
    wir gar nicht als solche erkennen ?

    Wer kennt denn schon seine Denk-Grenzen? Wer kennt die grundsätzlichen Grenzen seiner mentalen Möglichkeiten?

    Ich nehme mal an, wir haben 25 Sinne der Wahrnehmung zur Verfügung. Meinetwegen können wir uns zusätzlich auch noch ein paar technische Hilfskonstruktionen (Krücken) bauen, um damit den einen oder anderen Sinn ein bißchen zu erweitern. Aber irgendwo ist die absolute Grenze.

    Also sind wir in dieser Inkarnation als Mensch wohl nicht wirklich frei: Unsere Sinne begrenzen uns. Unser Vorstellungsvermögen begrenzt uns. Körperlich sind wir in unserem Bewegungsradius eingeschränkt. Im Denken sind wir begrenzt. Unser Erinnerungsvermögen ist rudimentär. Fühlen können wir nur, was wir fühlen können und nichts darüber hinaus. Können wir mehr wollen, als wir wollen? – Können wir überhaupt wollen, was wir wollen?

    Trotz aller Begrenzungen haben wir alles, um ein zufriedenes, ein aufregendes, ein intensives, ein erfüllendes, ein auf vielen Ebenen reiches Leben führen zu können.

    O.k., womöglich können wir es nicht wirklich „führen“, 😉
    doch können wir viele seiner Nuancen bewußt erleben.

    🌻 Viele bewußt erlebte
    Sommer-Momente
    wünscht Nirmalo

    Gefällt 1 Person

  3. Sandra von Siebenthal: „Willensfreiheit ist dabei als Fähigkeit verstanden, so zu handeln, wie man will, wie man es nach eigenen Überlegungen für richtig hält“

    Das würde ich eher der Handlungsfreiheit zuordnen.

    Ob jede einzelne unserer Handlungen determiniert ist oder nicht, geht die (echte) Philosophie aber nichts an. Warum nicht?

    Deshalb nicht, weil sich hier das Feld der Spekulationen (2) auftut und das ist nicht die Ebene der Weisheit (6), also nicht das Feld der Philosophie. Auf jeden Fall sind wir so frei, daß wir als Menschen die anstehenden Erfahrungen machen und (geistig) reifen können.

    Was die Willensfreiheit angeht, fällt mir ein Satz des Arthur Schopenhauer ein:

    Der Mensch kann zwar tun, was er will,
    aber… er kann nicht wollen, was er will.

    Haben wir Entscheidungsgewalt über die uns erreichenden Impulse bezüglich unseres Wollens?

    Einen schönen Sommer
    wünscht Nirmalo

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  4. FREIHEIT ist einer der Begriffe, die mehrere Bedeutungen haben können. Deshalb macht es Sinn, daß wir – wenn wir uns verständigen wollen – wenigstens annähernd genau sagen, von welcher Sorte „Freiheit“ gerade die Rede ist.

    Weiter oben hatte ich vier ihrer Aspekte genannt, hier zehn weitere. Es gibt aber noch weitere.

    ◾ Rede-Freiheit
    ◾ Freiheit, zu leben
    ◾ Freiheit, zu lieben
    ◾ Handlungs-Freiheit
    ◾ Universelle Freiheit
    ◾ Freiheit des Willens
    ◾ Bewegungs- Freiheit
    ◾ Mitteilungs-Freiheit
    ◾ Freiheit vom Körper
    ◾ Gedankliche Freiheit
    ◾ Freiheit vom Denken
    ◾ Wahrnehmungs-Freiheit
    ◾ Freiheit des bewußten Seins
    ◾ Freiheit von Konditionierungen

    Einige dieser Aspekte der Freiheit
    a) können uns genommen werden, andere
    b) können uns niemals genommen werden und wieder andere
    c) können nicht einmal wir selber realisieren.

    Quiz-Frage:

    Welche Aspekte der Freiheit…
    • gehören zu a
    • welche zu b
    • welche zu c

    Eine weitere, ebenfalls nicht unbedeutende Differenzierung:

    Freiheit von… etwas
    Freiheit für…. etwas

    Und wir müssen den Bezug nennen, wenn wir von Freiheit sprechen. Zwei Beispiele:

    ― „Obwohl ich mich in Bezug auf meinen Körper und die Identifizierung mit ihm eingeengt fühle, sehe ich folgende Freiheiten…“

    ― „Zwar bin ich in Gefängnismauern eingesperrt, dennoch fühle ich mich innerlich frei…“

    Denn… Es gibt nicht nur die e i n e Freiheit.

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