Lesezeiten: Erich Fromm – Haben oder Sein

„Solange jeder mehr haben will, müssen sich Klassen herausbilden, muss es Klassenkampf und, global gesehen, internationale Kriege geben.“

Erich Fromms Buch Haben oder Sein ist längst ein Klassiker. Fromm unterscheidet hier zwei Weisen des menschlichen Lebens: der Haben-Modus und der Sein-Modus. Fromms zentrale These lautet, dass die moderne westliche Gesellschaft weitgehend vom Haben geprägt ist – und gerade darin ihre Krise liegt.

„(…) wenn Haben mein Ziel ist, bin ich umso mehr, je mehr ich habe (…)“

Der Haben-Modus beschreibt eine Haltung, in der der Mensch sein Leben über Besitz, Kontrolle und Aneignung definiert. Dinge, Wissen, Beziehungen und sogar Erfahrungen werden zu Objekten, die man „hat“. Aus einer solchen Perspektive wird Identität über Eigentum und Konsum aufgebaut: Ich bin, was ich besitze. Fromm zeigt, wie tief diese Logik in Wirtschaft, Sprache und Denken verankert ist. Das fängt schon früh an, nämlich in der Schule, wo Bildung häufig als Ansammlung von Wissen verstanden wird, das man besitzt, statt als lebendiger Prozess des Verstehens.

Dem stellt Fromm den Sein-Modus gegenüber. Sein bedeutet für ihn Lebendigkeit, Aktivität und Teilhabe. Ein Mensch im Sein-Modus strebt nach Produktivität: Er liebt, denkt, schafft und erfährt die Welt nicht als Objekt, sondern als Beziehung. Lernen bedeutet hier nicht, Wissen zu sammeln, sondern sich von etwas berühren und verändern zu lassen. Fromm zeigt auf, dass diese Sicht auf einer langen Tradition gründet, von der mystischen Tradition über den Buddhismus bis zu Meister Eckhart und Marx.

„Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?“

Die Ausrichtung auf das Haben bleibt nicht ohne Folgen, im Gegenteil. Eine Gesellschaft, in welcher Haben zur dominierenden Lebensform wird, macht auch vor den Menschen nicht Halt: sie werden zu Dingen, zu funktionalen Ausführern von Aufgaben zum Erreichen noch mehr Habens. Dadurch werden sie von ihrer Arbeit entfremdet und bald auch von sich selbst, weil sie sich nicht mehr als produktive Subjekte, sondern nur noch als ausführende Objekte erfahren. Der Mensch hat keinen Raum zur Entfaltung mehr, sondern steht vor der Aufgabe der (Selbst-)Optimierung. Die Ausrichtung am Haben, an materiellem Wohlstand allein garantiert kein erfülltes Leben, sondern führt zu einer dauerhaften inneren Leere.

„Der Konsumentenhaltung liegt der Wunsch zugrunde, die ganze Welt zu verschlingen, der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit.“

Erich Fromm bleibt aber nicht bei der kulturkritischen Frage stehen, sondern er verbindet seine Diagnose mit der Frage, wie ein anderes Leben möglich wäre. Der Übergang vom Haben zum Sein verlangt eine Veränderung der Haltung: mehr Achtsamkeit, mehr echte Begegnung, mehr Mut zur inneren Aktivität statt zur passiven Konsumhaltung. Dabei bleibt Fromm realistisch genug, zu sehen, dass diese Veränderung nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich gedacht werden muss.

In der heutigen Zeit, in der wirtschaftliches Wachstum, Konsum und Selbstoptimierung das Lebensgefühl vieler Menschen prägen, wirkt Haben oder Sein erstaunlich aktuell. Seine Unterscheidung zwischen Besitzorientierung und lebendigem Sein bietet einen klaren begrifflichen Schlüssel, um viele Phänomene der Gegenwart zu verstehen – von der Konsumkultur bis zur Suche nach Sinn.

Fromms Stil ist dabei essayistisch und zugänglich. Er verbindet psychologische Beobachtung, philosophische Reflexion und gesellschaftliche Kritik zu einem Gedankengang, der auch ohne akademischen Hintergrund verständlich bleibt, was ihm von akademischen Kreisen oft angelastet wurde und wird. Gerade darin liegt aber die Stärke des Buches: Es will nicht nur erklären, sondern zum Nachdenken über die eigene Lebensweise anregen.

„Die Alternative von Haben oder Sein ist keine abstrakte philosophische Frage, sondern betrifft die praktisch wichtigste Entscheidung unseres Lebens.“ (SVS)

Haben oder Sein ist deshalb mehr als eine theoretische Analyse. Es ist ein Plädoyer für eine andere Form des Menschseins, zu einer Lebensweise, die weniger vom Besitz und mehr von Lebendigkeit, Beziehung und innerer Freiheit geprägt ist. Wer sich mit der Frage beschäftigt, was ein erfülltes Leben ausmacht, wird in diesem Buch einen ebenso klaren wie herausfordernden Gesprächspartner finden.

Lesezeiten: Erich Fromm – Die Furcht vor der Freiheit

(Original: Escape from Freedom, 1941)

Am Anfang von Erich Fromms längst zum Klassiker avancierten Buch Die Furcht vor der Freiheit steht eine einfache Frage, formuliert im Schatten des aufkommenden Faschismus: Warum fliehen Menschen vor der Freiheit, statt sie zu nutzen?

«Unser Ziel ist, zu zeigen, dass die Struktur der modernen Gesellschaft den Menschen gleichzeitig auf zweierlei Weise beeinflusst: Er wird unabhängiger, er verlässt sich mehr aus sich selbst und wird kritischer; er wird aber andererseits auch isolierter, einsamer und stärker von Angst erfüllt.»

In seiner Argumentation geht Fromm historisch vor. Er blickt auf den Menschen der Vormoderne, welcher stark in traditionelle Ordnungen (Familie, Kirche, Stand, Gemeinschaft) eingebunden ist. Diese Bindungen gaben Sicherheit und Orientierung, ließen aber wenig individuelle Freiheit. Mit der Moderne, insbesondere seit der Reformation und der Entwicklung des Kapitalismus, wird der Mensch zunehmend von diesen Bindungen gelöst. Er gewinnt Freiheit, erfährt aber zugleich auch Vereinzelung, Unsicherheit und Angst.

Hier setzt Fromms zentrale These an: Freiheit ist nicht nur Befreiung von äußeren Zwängen, sondern stellt den Menschen auch vor die Aufgabe, sein Leben selbst zu gestalten und Verantwortung zu tragen. Viele Menschen empfinden diese Offenheit als Überforderung uns reagieren mit psychologischen Mechanismen, die Fromm als „Fluchtwege aus der Freiheit“ beschreibt. Er nennt deren drei:

  • Autoritarismus – das Bedürfnis, sich einer starken Autorität zu unterwerfen oder selbst Macht über andere auszuüben.
  • Destruktivität – der Versuch, eine bedrohliche Welt zu zerstören, um sich ihrer Unsicherheit zu entziehen.
  • Konformismus – die Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen, bis das eigene Selbst verschwindet.

Hier zeigt sich auch die ungebrochene Aktualität des Buches, wird hier doch sichtbar, wieso sich Menschen autoritären Systemen und politischen Bewegungen zuwenden, weil sie darin die verlorene Sicherheit und Orientierung wieder zu finden hoffen. Nach Fromm erfolgt diese Zuwendung also mehr aus anthropologischen Gründen, denn aus politischer Überzeugung.

Nach Fromm ist echte Freiheit nur dort möglich, wo der Mensch durch Liebe, Kreativität, Arbeit und verantwortliches Handeln ein produktives Verhältnis zur Welt entwickelt. Freiheit bedeutet dann nicht Vereinzelung, sondern eine aktive Beziehung zu anderen Menschen und zur Welt. Zeitweise trägt das Buch deutliche Spuren der Zeit seiner Entstehung, auch wirken gewisse soziologische Verallgemeinerungen stellenweise schematisch. Trotzdem überzeugt sein Kerngedanke: Freiheit ist kein Zustand, der einfach erreicht wird, sondern eine Aufgabe des Menschseins.

«Das einzige Kriterium für die Verwirklichung der Freiheit ist, ob der einzelne Mensch aktiv sein Leben und das der Gesellschaft mitbestimmt oder nicht, und das nicht nur durch den formalen Akt der Wahl, sondern bei seiner täglichen Arbeit und in seinen Beziehungen zu den anderen,»

Fromm erinnert daran, dass Freiheit Mut verlangt, den Mut, ein eigenes Selbst zu entwickeln, statt sich in Anpassung oder Autorität zu flüchten. Gerade in der heutigen Zeit mit ihren vielfältigen Bedrohungen und komplexen Zusammenhängen ist das dringend nötig. Es ist nötig, dass Menschen sich ihrer gemeinsamen Aufgabe der Welt gegenüber erinnern und ihre Freiheit nutzen, in dieser gemeinsam zu handeln.

«Das unveräusserliche Recht des Menschen auf Freiheit und Glück ist in Eigenschaften begründet, die dem Menschen angeboren sind: in seinem Streben zu leben, sich zu entfalten und die in ihm angelegten Möglichkeiten zum Ausdruck zu finden, welche sich im Prozess der historischen Evolution in ihm entwickelt haben.»

Denkzeiten: Vom Anfangen

«Da Menschen… in eine immer schon bestehende Menschenwelt geboren werden, geht das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus, sodass sowohl die Enthüllung des Neuankömmlings durch das Sprechen wie der Neuanfang, den das Handeln setzt, wie Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern, wie sie ihrerseits alle Lebensfäden, mit denen sie innerhalb des Gewebes in Berührung kommen, auf einmalige Weise affiziert.»

Heute denke ich mit Hannah Arendt übers Anfangen nach. Im Buddhismus ist der Anfängergeist die Haltung, mit der wir durch die Welt gehen sollen. Nicht schon alles wissen, sondern die Dinge in ihrem wirklichen Sein neu sehen. Hesse schrieb dem Angfang einen Zauber zu und Aristoteles befand, dass mit dem Anfang schon die Hälfte gemacht sei.

Für Hannah Arendt steht jeder Mensch für einen Anfang. Sein In-die-Welt-Kommen fügt dieser einen neuen Faden im Beziehungsgewebe hinzu, ohne den dieses nie wäre, was es sein kann durch ihn. Es ist nun an uns, diesen Anfang ernst zu nehmen und uns ins Gewebe einzubringen. Ein Gewebe ist nur so stark, wenn die einzelnen Fäden halten und zusammenhalten. Dieses Bewusstsein scheint aktuell zu fehlen. Doch – und das ist das Schöne am Anfangen: Es ist jederzeit möglich. Nicht nur im Grossen, auch im Kleinen. Nicht jeder kann gleich die ganze Welt retten, aber er kann mit seinen Möglichkeiten in seinem Leben und seiner Welt einen Anfang setzen hin zu dem Leben und der Welt, die er sich wünscht.

Aus dem Bücherschrank – Markus Gabriel: Ethische Intelligenz

«Die Künstliche Intelligenz der Zukunft wird nicht wie die Roboter aus Actionfilmen auftreten, sondern wie eine dialogische Atmosphärenmaschine, eingebettet in unseren Alltag, ununterbrochen uns spiegelnd, korrigierend, erweiternd – ein Resonanzmedium unserer inneren und äusseren Welt, dem man sich nicht entziehen kann.»

Markus Gabriel gehört zu jenen Philosophen, die sich nicht damit begnügen, technologische Entwicklungen zu kommentieren, sondern versuchen, sie begrifflich neu zu rahmen. In seinem Essay „Ethische Intelligenz“ unternimmt er genau das: Er verschiebt die Diskussion über künstliche Intelligenz von der Technik zur Ethik – und damit von der Maschinentheorie zum Menschenanliegen.

Aus dieser Perspektive ist für Gabriel die KI-Revolution nicht primär eine technische, sondern eine emotionale und ethische Revolution. Er betrachtet Künstliche Intelligenz nicht als neutrales Werkzeug, sondern als Spiegel menschlicher Praxis. In ihr verdichten sich unsere Werte, Interessen und Verhaltensweisen. Als richtigen Umgang mit ihr sieht Gabriel deswegen weder die Einschränkung derselben oder sie in ihrer Entwicklung ganz den grossen Tech-Konzernen zu überlassen, sondern er ruft dazu auf, sie aktiv zu gestalten – auf Grundlage klarer ethischer Prinzipien.

Hier setzt sein zentraler Begriff an: Ethische Intelligenz. Darunter versteht Gabriel nicht einfach eine moralische Regulierung von Technologie, sondern eine neue Phase der Ko-Evolution von Mensch und Maschine. KI soll weder als Bedrohung noch als Heilsversprechen verstanden werden, sondern als Partner in einem Prozess, der uns zwingt, unsere eigenen moralischen Massstäbe zu reflektieren. Statt einer „Ethik der KI“ plädiert Gabriel daher für eine „Ethik mit KI“ – ein fortlaufendes Gespräch zwischen menschlicher und maschineller Intelligenz.

Optimistisch ist Gabriels Blick vor allem deshalb, weil er in der Entwicklung moderner Sprachmodelle und neuronaler Netze eine neue Dimension erkennt: KI bewegt sich zunehmend im Bereich des Emotionalen. Viele Menschen suchen heute bereits Rat bei künstlichen Systemen, teilen Sorgen, Zweifel oder alltägliche Probleme. Die digitale Sphäre wird so zu einem neuen Resonanzraum, in dem sich menschliche Selbstverständigung abspielt. In diesem Sinne sieht Gabriel in der KI weniger das Ende des Menschlichen als vielmehr eine Erweiterung unseres Selbstverständnisses.

«KI kann dabei helfen, regionale Unterschiede zu vermitteln, kulturelle Ausdrucksformen zu bewahren, Bildung zu personalisieren, Pflege und Teilhabe zu verbessern, Kunst und Forschung transkulturell zu vernetzen.»

Aus dieser Perspektive entwickelt er auch eine politische Vision. Europa, so Gabriel, habe die Chance, eine „Neue Aufklärung“ einzuleiten: eine technologische Entwicklung, die wirtschaftliche Innovation mit moralischem Fortschritt verbindet. Philosophie, normative Klarheit und interdisziplinäres Denken seien dabei keine akademischen Luxusgüter, sondern zentrale Voraussetzungen für eine verantwortliche Gestaltung der digitalen Zukunft.

Der grosse Reiz des Buches liegt in dieser Perspektiverschiebung. Während viele Debatten über KI zwischen Alarmismus und Technikbegeisterung schwanken, sucht Gabriel einen dritten Weg. Sein Essay lädt dazu ein, künstliche Intelligenz als kulturelle und ethische Herausforderung zu verstehen und nicht nur als technologisches Problem.
Ganz frei von offenen Fragen bleibt der Ansatz allerdings nicht. Wie sich eine ethisch gestaltete KI tatsächlich gegen die wirtschaftliche Macht globaler Technologiekonzerne oder gegen autoritäre politische Systeme durchsetzen soll, bleibt im Buch eher skizzenhaft. Auch die Frage nach den konkreten ethischen Grundlagen einer solchen „Ethischen Intelligenz“ wird eher angedeutet als systematisch ausgearbeitet. Auch zentrale Themen wie Datensicherheit oder die sozialen Folgen digitaler Geschäftsmodelle erscheinen nur am Rand.

«Wenn Daten wertvoll sind, dann nicht als Rohstoff, sondern weil sich in ihnen Werte verbergen, die wir dank der KI methodisch erfassen können. Ethische Intelligenz bedeutet, diese Werte sichtbar zu machen und sie in kooperative Formen des Lebens und damit auch in Geschäftsmodelle zu übersetzen.»

Des Weiteren ist fraglich, ob bei ausbleibender Kontrolle der Verwertung eingegebener Daten wirklich eine Wendung zum moralisch Guten möglich ist, spiegelt doch – was Gabriel ja sagt – die KI die menschliche Natur, wie sie sich zeigt (quasi wenn keiner hinschaut). Da stellt sich dann die alte Frage nach dem Menschenbild. Geht man davon aus, dass der Mensch von Grund auf gut ist, wird das System eine Potenzierung dieses Guten bringen. Im Gegenteil eher nicht.

Dennoch ist „Ethische Intelligenz“ ein anregender philosophischer Beitrag zur KI-Debatte. Gabriel gelingt es, die Diskussion aus dem engen Horizont technischer Machbarkeit zu lösen und sie in einen grösseren kulturellen Zusammenhang zu stellen. Sein Buch liefert keine fertigen Antworten, sondern einen Denkrahmen, der deutlich macht: Die eigentliche Frage der künstlichen Intelligenz lautet nicht, was Maschinen können, sondern was wir als Menschen aus dieser neuen Beziehung machen wollen.

Rezension – Pema Chödrön: Wie wir leben, so sterben wir

«Jede positive Energie, die wir uns oder aneren zufliessen lassen, schafft eine Atmosphäre der Liebe und des Mitgefühls, die immer Weitere Kreise zieht – wer weiss, wie weit?»

Nur schon wegen Sätzen wie diesem, lohnt es sich, dieses Buch zu lesen. Aber da ist noch mehr: Pema Chödrön behandelt das Thema, dem keiner von uns entfliehen kann, und das doch selten eines ist, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Dieses Ausblenden des Todes im Alltags ist erstaunlich, weil er doch zu den wenigen Gewissheiten unseres Lebens gehört. Die buddhistische Lehrerin Pema Chödrön stellt sich dieser Verdrängung bewusst entgegen. Ihr Buch Wie wir leben, so sterben wir lädt dazu ein, den Tod nicht als bedrohlichen Endpunkt zu betrachten, sondern als Teil eines fortwährenden Wandels, der das ganze Leben durchzieht.

«Nicht die Vergänglichkeit bewirkt, dass wir leiden. Wir leiden, weil wir wollen, dass die Dinge dauerhaft sind, obwohl sie es nicht sind.»

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist eine zentrale Einsicht buddhistischer Praxis: Alles ist vergänglich. Nichts bleibt, wie es ist – weder Freude noch Schmerz, weder Begegnungen noch Lebensumstände. Statt diese „grundlegende Bodenlosigkeit“ zu fürchten, schlägt Chödrön vor, sie als Einladung zu verstehen, das Leben wacher und offener zu führen. Wer akzeptiert, dass alles im Fluss ist, kann lernen, sich auch den Übergängen des Lebens – bis hin zum Sterben – ohne Abwehr zuzuwenden.

Das Buch ist in 25 kurze Lektionen gegliedert, die praktische und meditative Zugänge zu dieser Haltung eröffnen. Ein zentraler Gedanke dabei ist, dass der Umgang mit schwierigen Emotionen Teil des Weges ist. Trauer, Wut oder Hoffnungslosigkeit werden nicht als Hindernisse verstanden, sondern als Erfahrungen, die bewusst wahrgenommen und mit Mitgefühl gehalten werden können. In Übungen wie dem „mitfühlenden Verweilen“ zeigt Chödrön Wege auf, wie wir lernen können, unsere Gefühle auszuhalten, statt vor ihnen zu fliehen – eine Haltung, die nach ihrer Auffassung nicht nur zu mehr innerer Verbundenheit führt, sondern auch auf das Sterben vorbereitet.

Im zweiten Teil des Buches wendet sich Chödrön den sogenannten Bardo-Lehren des tibetischen Buddhismus zu – jenen Übergangszuständen zwischen Leben, Tod und Wiedergeburt, wie sie etwa im Tibetischen Totenbuch beschrieben werden. Dabei interpretiert sie diese Lehren nicht nur kosmologisch, sondern auch psychologisch: Die verschiedenen Daseinsbereiche können ebenso als innere Zustände verstanden werden, die wir im Leben immer wieder durchlaufen. Auf diese Weise bleiben ihre Überlegungen auch für Leserinnen und Leser zugänglich, die mit der buddhistischen Vorstellung von Wiedergeburt wenig anfangen können.
Besonders hilfreich sind die konkreten Hinweise zum Umgang mit dem eigenen Sterben und zur Begleitung Sterbender. Ergänzt werden sie durch einen umfangreichen Anhang mit Meditationsanleitungen und übersichtlichen Darstellungen zentraler buddhistischer Konzepte.

Pema Chödrön gelingt es, ein existenziell schweres Thema in einer ruhigen und zugleich ermutigenden Sprache zu behandeln. Ihr Buch ist keine theoretische Abhandlung über Tod und Jenseits, sondern vielmehr eine Einladung zu einer veränderten Haltung gegenüber dem Leben selbst. Wer lernt, die vielen kleinen Abschiede des Alltags anzunehmen, so ihre Botschaft, wird dem großen Abschied eines Tages mit weniger Angst begegnen können.

Wie wir leben, so sterben wir ist damit vor allem ein Buch über das Leben: über die Kunst, Wandel zu akzeptieren, Unsicherheit auszuhalten und dem, was geschieht, mit Offenheit und Mitgefühl zu begegnen. Gerade darin liegt seine stille, aber nachhaltige Kraft.

Aus dem Bücherschrank – Sarah Bakewell: Das Cafe der Existenzialisten


Freiheit, Sein & Aprikosencocktails

«Ich bin meine eigene Freiheit, nicht mehr und nicht weniger.»

Der Mensch erschafft sich erst durch sein Handeln. Er wird nach Sartre in die Welt geworfen und hat es dann in der Hand, sich und sein Leben nach seinen Vorstellungen zu gestalten.

«Das ist für Sartre die Conditio Humana schlechthin, die Grundbedingung unseres Menschseins von dem Augenblik an, da wir uns unserer selbst bewusst werden, bis zu dem Moment, da der Tod dieses Bewusstsein auslöscht.»

Mit Im Café der Existenzialisten legt Sarah Bakewell keine systematische Einführung in eine philosophische Schule vor, sondern eine intellektuelle Bewegungsgeschichte – erzählt entlang ihrer prägenden Figuren. Im Zentrum stehen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, deren Denken und Leben Bakewell eng miteinander verschränkt darstellt. Von hier aus öffnet sie den Blick auf ein erweitertes Netzwerk von Denkern, Freunden, Rivalen und Weggefährten, darunter Maurice Merleau-Ponty und Albert Camus.

Bakewell zeigt, dass der Existenzialismus nie blosse Theorie war. Er entstand nicht im akademischen Elfenbeinturm, sondern im Gespräch, im politischen Engagement, in persönlichen Krisen und historischen Erschütterungen. Paris, Krieg, Besatzung, Nachkriegszeit – all das bildet den Resonanzraum, in dem die berühmte Formel „Existenz geht der Essenz voraus“ ihre Dringlichkeit erhält. Freiheit ist dementsprechend auch keine abstrakte Kategorie, sondern eine Zumutung.

Gleichzeitig arbeitet Bakewell die philosophischen Voraussetzungen sorgfältig heraus. Sie verweist auf Søren Kierkegaard als existenziellen Vorläufer, auf Edmund Husserl und die Phänomenologie als methodischen Ursprung sowie auf Martin Heidegger, dessen Denken prägend wirkte. Dabei spart sie auch dessen politische Verstrickung in den Nationalsozialismus nicht aus. Gerade hier zeigt sich die Stärke des Buches: Es verklärt nicht, sondern kontextualisiert. Denken ist immer auch biografisch und historisch situiert.

Das Buch ist Einführung, Überblick, Zeitzeugnis und Doppelbiografie zugleich. Sartre und de Beauvoir erscheinen nicht als Denkstatuen, sondern als Menschen mit Ambitionen, Eitelkeiten, politischen Irrtümern und intellektueller Radikalität. Bakewell macht nachvollziehbar, wie eng Lebensführung und Philosophie hier miteinander verwoben sind. Existenzialismus wird zur Haltung: eine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen für das eigene Handeln in einer kontingenten Welt.

Stilistisch verbindet Bakewell erzählerische Leichtigkeit mit gedanklicher Präzision. Sie erklärt philosophische Positionen verständlich, ohne sie zu simplifizieren, und führt zugleich durch ein dichtes Geflecht persönlicher Beziehungen und ideengeschichtlicher Verschiebungen. Wer eine streng systematische Darstellung erwartet, wird sie hier nicht finden. Wer jedoch verstehen will, wie Existenzialismus entstand, wovon er lebte, wie sich seine Er-Denker zerstritten und immer wieder neu politisch positionierten, erhält eine lebendige und kluge Einführung.
So bleibt am Ende weniger ein abgeschlossenes Lehrgebäude als ein Eindruck: Philosophie kann eine Form des Lebens sein – und unter bestimmten historischen Bedingungen sogar eine existenzielle Notwendigkeit.

Aus dem Bücherschrank – Anselm Grün: Im Wandel wachsen


Wie wir freier, authentischer, gelassener und hoffnungsvoller werden können

«Verwandlung bedeutet: ich schaue zurück, aber auch nach vorne. Ich würdige mich und mein Leben, wie ich es bisher gelebt habe. Aber ich spüre: Ich bin noch nicht der oder die, die ich von meinem Wesen her sein könnte. Wandel kann nur geschehen, wenn ich das, was ist, annehme.»

Im Wandel wachsen ist kein Ratgeber im engeren Sinn, sondern ein geistlicher Begleiter durch die unterschiedlichen Phasen und Zumutungen des Lebens. Anselm Grün entfaltet sein Thema entlang zweier großer Bewegungen: den biografischen Entwicklungsstufen und den existenziellen Erschütterungen, die uns widerfahren – und die wir nicht gewählt haben.

Am Anfang stehen die ersten Stationen menschlicher Entwicklung: Geburt, Kindheit, Jugend, Ablösung, Elternschaft, Lebensmitte, das Altern der eigenen Eltern. Diese Phasen erscheinen nicht bloß als chronologische Abfolge, sondern als je eigene „Schulen“ der Reifung. Wachstum ist hier nie spannungsfrei. Ablösung bedeutet Verlust von Geborgenheit; Elternschaft ist zugleich Bindung und Loslassen; die Lebensmitte konfrontiert mit Begrenztheit.

Anselm Grün zeigt auf, dass es dabei nie um Optimierungsprojekte geht, nicht darum, sich neu zu erfinden oder sich permanent zu verbessern. Sein zentrales Motiv lautet vielmehr: Annahme als Voraussetzung von Veränderung. Nur wer sich selbst annimmt – mit Geschichte, Brüchen und Grenzen –, kann wirklich wachsen. Wer sich ändern will, weil er sich ablehnt, bleibt innerlich unfrei.

Das Leben schreitet nicht nur chronologisch von der Kindheit zum Alter, immer wieder konfrontiert es uns auch mit Erfahrungen: Ausgrenzung, Krankheit, Trennung, Begegnungen mit dem Tod, spirituelle Dunkelheit oder gesellschaftliche Umbrüche. All das iegt nicht in unserer Hand, betrifft uns aber oft nachhaltig. Es gilt hier – wie es schon Epiktet tat, zu unterscheiden, worauf wir Einfluss haben und worauf nicht. Wir können nur beim ersten etwas bewirken, hier tragen wir die Verantwortung: Wir entscheiden, wie wir uns in Bezug auf das Leben und seine Zumutungen (im Guten wie im Schlechten) vergalten. Wachstum geschieht dort, wo wir nicht im Widerstand verharren, sondern unsere Reaktion bewusst gestalten.

«Es ist heute eine grosse Chance, dass wir uns im Dialog zwischen Kulturen und Religionen gegenseitig bereichern… Unterschiede sind eine Bereicherung, insofern verschiedene Perspektiven und unterschiedliche Erfahrungen zum Tragen kommen und die Wahrnehmung erweitern.»

Wir sind bei all dem nie allein, sondern in eine Welt eingebettet und von anderen Menschen umgeben. Wachstum ist denn auch kein individualistisches Projekt, sondern immer eingebettet in Beziehung.

Grüns geistliche Perspektive ist bei all dem präsent, aber nicht missionarisch. Gott erscheint weniger als dogmatischer Lehrsatz denn als Vertrauensraum. Das Buch lässt sich daher auch säkular lesen: als Einladung, die eigene Biografie anzunehmen und Krisen nicht nur als Störung, sondern als Möglichkeit zur Vertiefung zu verstehen. Es verbindet Lebenshilfe, spirituelle Deutung und anthropologische Reflexion. Wer eine analytische Gesellschaftsdiagnose sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch Orientierung im persönlichen Wandel sucht, findet ruhige, klärende Impulse.

«Das wäre das Ziel der Verwandlung, mein wahres Selbst zu erkennen und es zu leben.»

Fazit
Im Wandel wachsen plädiert nicht für Selbstoptimierung, sondern für Selbstannahme. Wachstum ist kein Akt der Selbstüberwindung, sondern der Versöhnung mit sich selbst. Gerade darin liegt die befreiende Kraft des Buches: Veränderung wird nicht erzwungen, sondern ermöglicht – durch Annahme, Vertrauen und bewusste Gestaltung der eigenen Haltung.

Rezension – Christiane Tietz: Nietzsche

Leben und Denken im Bann des Christentums

„Gott ist tot, und wir haben ihn getötet.“ Friedrich Nietzsche

Nietzsche hatte ein durchaus zwiespältiges Verhältnis zum Christentum. Ihn einfach als Gegner zu verurteilen, griffe zu kurz. Christiane Tietz wollte diesem Verhältnis auf die Spur kommen, sie stellte ihm quasi die Gretchenfrage. Sie geht dabei von der These aus, dass man Nietzsche nicht angemessen verstehen kann, wenn man ihn ausschließlich als Gegner des Christentums liest. Vielmehr bleibt sein Denken — biografisch wie systematisch — tief in christlichen Denkfiguren, Fragestellungen und Erfahrungshorizonten verankert.

Tietz verbindet philosophische Analyse mit biografischer Kontextualisierung. Sie zeigt, wie Nietzsches frühe religiöse Prägung, seine intensive Auseinandersetzung mit theologischen Themen und sein lebenslanges Ringen mit christlichen Moralvorstellungen nicht bloß Hintergrundrauschen, sondern konstitutive Elemente seines Denkens sind. Besonders überzeugend ist dabei, dass die Autorin Nietzsche weder apologetisch vereinnahmt noch polemisch entschärft. Seine radikale Kritik an Moral, Mitleid und Erlösung wird ernst genommen — zugleich wird sichtbar, dass diese Kritik aus einer inneren Nähe zum Christentum erwächst. Nietzsche erscheint nicht als bloßer „Gott-ist-tot“-Provokateur, sondern als Denker, dessen Philosophie in einem fortgesetzten Dialog — oder Konflikt — mit christlichen Deutungsmustern steht.

Entstanden ist ein gut lesbares Buch, das neues Licht auf Nietzsches Werk und dessen Verankerung im Leben bringt. Es ist nicht nur ein streng analytisches Buch, das sich in philosophischer Akrobatik übt, sondern auch ein persönliches Buch, welches die eigene Auseinandersetzung mit dem eigenwilligen Denker offenbart.

Tagesgedanken: Über mich

„Das Geheimnis der Kunst liegt darin, dass man nicht sucht, sondern findet.“ Pablo Picasso

Was Picasso sagt, ist vielleicht nicht nur das Geheimnis der Kunst, sondern das des Lebens überhaupt. Sind wir nicht alle Suchende und Fragende? Auf mich trifft das sicher zu.

Kant formulierte mal die Grundfragen der Philosophie:

Was kann ich wissen? (Metaphysik/Erkenntnistheorie), Was soll ich tun? (Moral/Ethik), Was darf ich hoffen? (Religion) und Was ist der Mensch? (Anthropologie)

Sie trieben mich seit ich denken kann, an. Und ja, da ist noch die fünfte Frage, die mich seit Kindesbeinen beschäftigt und der ich mal mit Ablehnung, mal mit Sehnsucht, mal mit Hoffnung, und immer wieder mit neuen Gefühlen begegne:

Was kann ich glauben? (Spiritualität)

All diese Fragen stecken in meinem Leitspruch

Ich bin die Summe meiner Teile – und ein bisschen mehr.

Und um all das soll es hier gehen. Immer im Wissen, dass alles nur Versuche und Annäherungen sind. Ich empfände es als vermessen, zu denken, ich würde die abschliessende Anwort finden. Da halte ich es mit Rilke, der meinte:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten wohl nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Wer aber bin ich also? Die gewohnte Beschreibung wäre wohl: Denkerin mit abgeschlossenem Philosophie- und Germanistikstudium, Promotion in Philosophie, Yoga- und Meditationslehrerin mit buddhistischer Ermächtigung, spirituelle Sinnsucherin und Lebens-Künstlerin mit Philosophischer Praxis.

Und nun: Es gibt viel zu tun – lesen wir los!

Tagesbild: Bunt ist die Hoffnung

«Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt.» Ernst Bloch

Angst ist ein schlechter Ratgeber, heisst es landläufig. Ernst Bloch fand das nicht zwingend. Wichtig aber fand er, zu ergründen, woher sie kommt, was sie auslöst und welche Bilder sie für die Zukunft malt. Auf dieser Grundlage sollte die Hoffnung entstehen. Der Gedanke: «Es könnte auch anders kommen.» Ist ein wichtiger, einer, in dem die Kraft der Veränderung angelegt ist. Er fängt mit der Hoffnung an und führt im besten Fall zum Tun.

«Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern.» Ernst Bloch

Es ist nie sicher, ob das Vorhaben gelingt, doch wenn wir es nicht probieren, dann haben wir schon verloren. Ansonsten lernen wir dazu und versuchen es nochmals. So lange, bis es gelingt. Und immer wieder, so auch hier, kommt mir meine Lieblingszeile von Rilke in den Sinn, die gleichzeitig auch mein Lebensmotto ist:

«Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
Die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
Aber versuchen will ich ihn.»

Habt einen schönen Tag!

Tagesbild: Bad Hair Day

«We don’t see things as they are, we see things as we are.» Anaïs Nin

Es gibt den schönen Spruch, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Wenn zwei Menschen das Gleiche sehen, sehen sie oft nicht dasselbe. Jeder sieht, was er durch sein So-Sein, seine Prägungen, Muster, Gewohnheiten, Erfahrungen hineinlegt. Hockney bezog sich auf diesen Umstand, als er die Kamera als Gefahr für die Kunst sah. Viele Maler kämen vom gegenständlichen Malen ab, weil sie dächten, die Kamera erfasse die Dinge genauer. Aber, und der Gedanke findet sich schon bei Cézanne, eine Kamera erfasse nicht gleich viel wie der Mensch. Die Wirklichkeit ist mehr, als ein aus einer Perspektive abgelichtetes Objekt.

Übertragen auf das Leben könnte man sagen, dass das Urteil anderer oft mehr über sie als über einen selbst aussagt. Nicht, dass man es ignorieren sollte, aber man sollte im Bewusstsein behalten, dass dies nur eine Sicht von vielen ist – die, eines anderen.

Habt einen schönen Tag!

Bücherwelten: Buchtipps und mehr

„Lass die Realität eine Realität sein. Lass die Dinge auf natürliche Weise vorwärts fließen, wie sie wollen“. Lao Tzu

Heraklit sagte, dass nichts so beständig sei wie der Wandel. Dieser Gedanke findet sich bei vielen Philosophen wieder und schaut man in die Natur, sieht man das Prinzip der Veränderung vor sich. Nichts bleibt, wie es ist, alles kommt, bleibt und vergeht. So auch beim Menschen.

„Das Geheimnis des Wandels besteht darin, seine ganze Energie nicht auf den Kampf gegen das Alte, sondern auf den Aufbau des Neuen zu richten.“ – Sokrates

In meinem Leben hat es auch eine Verlagerung gegeben. Nachdem lange das Wort und Bücher im Mittelpunkt standen, habe ich mich mehr zu Farben und Bildern hingewandt. Trotzdem gibt es da draussen wunderbare Bücher, die ich wichtig und gut und lesenswert finde.

  • Philipp Hübl: Moralspektakel – wieso Moralismus oft mehr mit Selbstprofilierung zu tun hat
  • Yuval Noah Harari: Nexus – die Tücken des technischen Fortschritts und welche Entscheidungen nun anstehen
  • David Terwiel: Freundschaft als Beziehung zur Welt – wie Hannah Arendts begriff der Freundschaft als Schule der Pluralität uns gesellschaftlich und politisch helfen kann
  • Wolfram Eilenberger: Geister der Gegenwart – was uns die grossen Denker der jüngsten Gegenwart auch heute noch zu sagen haben
  • Anselm Grün: Alles in allem. Was letztlich zählt im Leben – persönliche und tiefgründige An- und Einsichten eines Menschen, der ungebrochen neugierig und offen für das Leben ist.

Kennt ihr schon eines davon?

Habt einen schönen Tag!

Maike Weisspflug: Hannah Arendt


100 Seiten

«Amor Mundi: Handelt von der Welt, die sich als Zeit-Raum bildet, sobald Menschen im Plural sind.» Hannah Arendt

Hannah Arendt, bekannt als streitbare, energische und eigenständige Denkerin, die ohne Rücksicht und manchmal sehr schonungslos, als arrogant erscheinend ihre Meinung kundtut – man könnte denken, hier spricht eine Einzelgängerin, doch weit gefehlt. Einer der obersten Werte in ihrem Denken und Handeln (was unter dem Strich das gleiche ist) ist die Vielfalt, die Pluralität. IN ihr sieht Hannah Arendt den Motivator unseres Tuns, durch sie kann unsere Welt als eine gemeinsame erst entstehen.

«Arendts wichtigste Botschaft dabei: Zusammen-Handeln macht Spass, es stiftet Sinn, auch wenn die Lage aussichtslos erscheint.» Maike Weisspflug

Dies ist sicher eine wichtige Botschaft für die heutige Zeit, in welcher sich wieder immer kleinere Gruppen positionieren und gegen andere abgrenzen, statt gemeinsam Kräfte zu nutzen und so mehr zu erreichen.

«Der Handelnde bleibt immer in Bezug zu anderen Handelnden und von ihnen abhängig; souverän gerade ist er nie.» Maike Weisspflug

Wir scheinen vergessen zu haben, dass diese Welt immer eine geteilte ist und die verschiedenen Einzelinteressen zwar wichtig und gut sein mögen, wir sie aber allein und nur auf uns gestellt mit uns im Blick nicht umsetzen können.

«Und eine gemeinsame Welt kann, so Arendt, nur zwischen Personen entstehen, die um ihre Unterschiedlichkeit wissen – als geteilte Welt, in die viele Welten passen.» Maike Weisspflug

Die Welt, in die wir durch unsere Geburt treten, ist so, wie sie die vor uns gestaltet haben. Als Neuanfang in dieser Welt – so sieht Arendt jeden neuen Menschen – ist es an uns, unseren Faden in das Gewebe der Welt zu schlagen.

«Der Mensch ist vielmehr das, was er aus sich macht. Und zwar im Rahmen seiner Möglichkeiten und Grenzen, die Arendt die ‚menschliche Bedingtheit‘ nennt.» Maike Weisspflug

Dabei ist es wichtig, einzusehen, dass wir mit dem arbeiten müssen, was wir haben. Nicht jeder besitzt jede Fähigkeit oder Möglichkeit. Das mag ungerecht erscheinen, doch lässt es sich leider nicht in allen Belangen ändern. Besser ist, die vorhandene Energie in das zu stecken, was sich ändern lässt, um das best mögliche herauszuholen aus dem, was ist.

«Geschichten erschliessen Bedeutung, ohne etwas zu eng zu definieren.» Maike Weisspflug

Hannah Arendt ist nicht nur eine tiefgründige und analytische Denkerin, sie ist eine begeisterte Geschichtenerzählerin. Ihre Bücher sind gespickt mit Literaturbezügen und auch selbst greift gerne zur Geschichte statt trockener Theorie.

Maike Weisspflug hat sich dieser Denkerin auf 100 Seiten angenommen. Ein denkbar kleiner Ramen für ein so immenses Werk, zu dem schon 1000e von Seiten geschrieben worden sind. Aber genau in dieser Kürze liegt auch der Wert dieses Büchleins. Es geht der Frage nach, wie Hannah Arendt heute noch gelesen werden kann? Wie passen ihre Theorien und Ideen in die heutige Zeit?

«Arendt kann ich solchen Momenten wie eine gute Freundin sein, die mir hilft, wieder in einen anderen Denkmodus zu kommen.» Maike Weisspflug

Maike Weisspflug geht diesen Fragen anhand von Arendts wichtigsten Werken und Gedanken nach und versucht so, Arendts Relevanz auch in Bezug auf heutige Probleme aufzuzeigen. Dass in der Kürze keine wirkliche Tiefe erreicht werden kann, liegt auf der Hand, allerdings bietet das Buch Inspirationen und Ansporn zur eigenen Lektüre. Schön wären genauere Stellenangaben zu einzelnen Zitaten gewesen, aber das wäre auf Kosten von Lesbarkeit und Platz gegangen, so dass sich das Fehlen verschmerzen lässt. Ein gelungener Versuch und gut abgerundet durch weiterführende Literatur.

Ingeborg Gleichauf: Hannah Arendt und Karl Jaspers


Geschichte einer einzigartigen Freundschaft

«…als ich jung war, waren Sie der einzige Mensch, der mich erzogen hat. Als ich Sie nach dem Krieg als erwachsener Mensch wiederfand und eine Freundschaft zwischen uns entstand, haben Sie mir die Garantie für die Kontinuität meines Lebens gegeben. Und heute ist es so, dass ich an das Haus in Basel wie an die Heimat denke.»

Das schreibt Hannah Arendt in einem Brief an Karl Jaspers. Sie, die in so vielen Bereichen ihres Lebens Brüche und Verluste erlebte, fand in der Freundschaft zu ihrem früheren Professor, Doktorvater und später Freund und Vertrauten einen Menschen, der ihr ein Stück Lebensverbundenheit und Rückhalt bot, ein Gefühl von Dauer und Beständigkeit.

Er war ihr Mentor, ihr Professor, sie schreibt von Erziehen, doch die Verbindung der beiden, die enge Freundschaft über viele Jahrzehnte, war eine auf Augenhöhe. So schreibt er denn in seiner philosophischen Autobiografie:

«Mit ihr konnte ich noch einmal wieder auf die Weise diskutieren, die ich mein Leben lang begehrte… in der vollkommenen Rückhaltlosigkeit, die keine Hintergedanken zulässt – in dem Übermut, sich vergaloppieren zu dürfen, da es korrigiert wird und selber etwas anzeigt, das sich lohnt, in der Spannung vielleicht tief gegründeter Differenzen, die doch umgriffen sind von einem Vertrauen, das auch sie offenbar zu werden erlaubt, ohne dass die Neigung gemindert würde…»

Ingeborg Gleichauf hat sich dieser Beziehung angenommen. Anhand von verschiedenen Themen erzählt sie von der Freundschaft in Briefen und Gesprächen zwischen Hannah Arendt und Karl Jaspers, weist auf Gemeinsamkeiten und Gegensätzlichkeiten hin, belegt diese mit Passagen aus dem Werk der beiden. Die Autorin erweist sich dabei als durchaus belesen und kompetent, doch die beiden Menschen, um die es geht, bleiben seltsam blutleer.

Die einzelnen Kapitel sind wie Perlen auf einer Kette aneinandergefügt ohne Verbindung. So erfährt man mehr über einzelne Ansichten als die Menschen dahinter und deren Beziehung zueinander. Das ist durchaus interessant, in der Kürze aber nicht umfassend und leider am erwarteten Thema etwas vorbei.

Trotzdem ist ein aufschlussreichendes, anregendes Buch entstanden, das Lust macht, in die Werke der beiden Protagonisten einzutauchen, mit ihnen ins Gespräch zu treten, wie Gleichauf es immer wieder propagiert, leider aber zu wenig tut.