Niemand lief mit einer Machete durch London. Abgesehen von den beiden Männern, die gerade an ihm vorbeigingen. Niall lehnte an der Brückenbrüstung […] Der Blick des Mannes blieb eine Sekunde zu lang an ihm hängen.
Zwei junge Männer ziehen mit Macheten durch London, vorbei am Kameramann Niall Stuart, der gerade für eine Dokumentation recherchiert. Ein kurzer Blickaustausch lässt Niall unruhig werden. Soll er die Polizei anrufen? Ist alles nur Karneval? Er folgt den beiden bis in einen Park, wo sie stehen bleiben, sich entspannt unterhalten. Niall ist froh, nicht gleich Alarm geschlagen zu haben, dreht sich um, geht weg – und hört Schreie. Als er wieder zurückkehrt, sieht er die beiden Männer, wie sie auf einen dritten jungen Mann losgehen, mit den Macheten auf ihn einschlagen, ihm schliesslich den Kopf abschlagen. Niall filmt alles mit. Danach hissen die beiden die Fahne des Islamischen Staates. Sie fordern Niall auf, weiter zu filmen, geben ihm ein Interview.
Die Polizei kommt, einer der Täter wird dabei lebensbedrohlich verletzt, Niall verhaftet und sehr unsanft behandelt. Er landet im Gefängnis, Verdacht auf Mithilfe bei einem Terrorakt. Der Irrtum klärt sich zum Glück auf. Niall macht sich auf die Suche nach den Hintergründen dieses Attentats, auf die Suche nach den Hintergründen solcher Taten überhaupt. Er will den Terror verstehen, will herausfinden, wem diese Taten wirklich nützen, wer dahinter stecken kann.
Zoë Beck greift – wie schon in früheren Romanen – ein brennendes Thema auf: der IS und seine Gewalt, seine Bedrohung. Sie lässt Niall den Vorfall und seine Motive erforschen und präsentiert dem Leser auf diese Weise Verstrickungen, politische Muster und Vorgänge. Der Ursprungsfall selber hat eine reale Vorlage im Mord am jungen Soldaten Lee Rigby aus dem Jahr 2013. Die Erklärungen und der erarbeitete Kontext, die Zusammenhänge mit dem Nahen Osten sowie die Thematik der Immigration mit ihren Problemen von Ehre, Macht und Sinnsuche im neuen Land fallen teilweise etwas klischeehaft aus, erscheinen ab und an etwas gesucht verstrickt. Da wir es hier aber mit einem Roman und nicht mit einem Geschichtsbuch zu tun haben, kann man das als literarische Freiheit erachten, zudem stört es den Lesefluss nicht, im Gegenteil, das Buch ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite.
Niall bleibt als Hauptfigur seltsam kühl und wenig emotional involviert in die ganze Geschichte, er nimmt hin, was auf ihn kommt, und macht, wohin der Plot ihn führt. Zudem stimmen ein paar Details in Bezug auf die beiden Täter nicht. Dies alles sind aber Kleinigkeiten, Zoë Becks Roman hat eine spannende Geschichte, der Plot ist stimmig und packend aufgebaut, die Sprache ist flüssig und lesbar, die Schauplätze plastisch und realistisch. Ein Krimi, wie man ihn sich wünscht!
Fazit:
Schwarzblende – ein Krimi, bei dem der Autor sein Handwerk beherrschte, Spannung von der ersten bis zur letzten Seite. Absolut empfehlenswert.
Zum Autor Zoë Beck
Zoë Beck, geboren 1975, wuchs zweisprachig auf und pendelt zwischen Großbritannien und Deutschland. Ihre grosse Liebe neben der Literatur ist die Musik: Mit drei Jahren begann sie, Klavier zu spielen, gewann bald darauf diverse Wettbewerbe und gab zahlreiche Konzerte. Heute arbeitet sie als freie Autorin, Redakteurin und Übersetzerin. 2010 erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte „Bester Kurzkrimi“. Von ihr erschienen sind unter anderem Das zerbrochene Fenster (2012), Der frühe Tod (2011), Das alte Kind (2010), Brixton Hill(2013)..
Angaben zum Buch: Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3453410435
Preis: EUR 9.99 / CHF 15.90
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Rebecca dachte eigentlich selten ans Sterben, doch ans Geld dachte sie ständig. Sie hatte Angst, noch ewig weiterleben zu müssen, verarmt, ihr früherer Ruhm nur noch eine Fussnote in einer Doktorarbeit, die kein Mensch mehr las.
Rebecca Winter, einst gefeierte Fotografin, erfindet ihr Leben neu. Im Alter von 60 ist sie geschieden, lebt in einer New Yorker Wohnung, die sie sich nicht mehr leisten kann und auch die Erfolge bleiben aus. Sie mietet ein heruntergekommenes Haus auf dem Land, vermietet ihre Wohnung – so hofft sie, finanziell über die Runden zu kommen. Und sie hofft weiter, dass sich ihr neue Wege auftun, wie ihr Leben weiter gehen kann.
Neuer Lebensabschnitt, neuer Ort – alles ist neu in Rebeccas Leben, alles nicht ganz gewünscht, sondern aus der Situation heraus passiert. Anna Quindlen erzählt in diesem Roman von den Brüchen im Leben einer Frau und davon, wie sie damit umgeht. Da Brüche oft nicht gewollt sind, bleibt es nicht aus, dass eine gewisse Wehmut, das Gefühl von Angst mitschwingt. Trotzdem erschlagen diese Gefühle nicht, sind sie nicht dominant und die Geschichte nicht düster.
Dem Roman fehlt Tempo, fehlt das wirklich Packende, Mitreissende. So plätschert das Leben der Rebecca Winter dahin, als Leser fühlt man sich ein wenig wie der Zuschauer auf der Gartenbank, der dem Nachbarn beim Leben zusieht – allerdings ist das Leben nicht immer spannend und in einem Roman hätte ich mir mehr erhofft. Trotzdem ist es auch ein Buch, das Mut macht, das zeigt, dass es nie zu spät ist, einen Neuanfang zu wagen, dass dieser sogar eine Chance sein kann.
Fazit:
Die Geschichte einer Frau im Umbruch. Ein Buch darüber, dass man immer neu anfangen kann. Interessantes Thema, die Geschichte hätte mehr Tempo vertragen.
Zum Autor Anna Quindlen
Anna Quindlen, Jahrgang 1952, gehört in den USA zu den wenigen ganz großen Autorinnen, die sowohl die Literaturkritik als auch das breite Publikum begeistern. Ihre Romane und Sachbücher erobern regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten. Für ihre Kolumnen in der New York Times erhielt sie 1992 den Pulitzer-Preis. Ihr Bestseller »Die Seele des Ganzen« (1995) wurde unter dem Titel »Familiensache« mit Meryl Streep verfilmt. Ihr neuester Roman »Ein Jahr auf dem Land« rangierte in den USA monatelang in den Top-Ten und verkaufte sich eine viertel Million Mal.
Angaben zum Buch: Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (2. März 2015)
Übersetzung: Tanja Handels
ISBN-Nr.: 978-3421046666
Preis: EUR 19.99 / CHF 29.90
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Die Realität des freundlichen Zusammenlebens wird belastet von Dauerkalauern über ältere schweigende Paare, Filme über Sex im Alter, Lieder über Menschen, die sich die Kleider von Körper essen. Man kann dem Anspruch, den die Phantasie an den Geschlechtsverkehr stellt, nie gerecht werden.
Chloe und Rasmus sind seit vielen Jahren verheiratet. Rasmus ist ein erfolgloser Regisseur, der bei eigenhändigen Höhepunktsuchen über sein Sexleben nachdenkt, Chloe ist seine Frau und sie denkt über Rasmus und ihr Leben mit Sex nach. Grundsätzlich denken beide viel und ständig, Hauptthema ist dabei Sex und wieso er nicht passt. Den besten Sex haben Rasmus und Chloe ohne den andern, nur mit sich selber, wieso das so ist, erzählen sie sich selber in Gedanken. Es wird Sex gegen Vertrauen gestellt, Ernst gegen Leichtigkeit. Es wird über das Leben als Paar nachgedacht und den Wert, den der andere im eigenen Leben hat.
Thema des Buches ist das Zusammenleben von Paaren , wenn sie älter werden. Es ist die Geschichte eines Paares, das einen Weg zusammen gegangen ist und auch weiter gehen will – trotz Widrigkeiten, trotzdem das Leben nicht die Erfolge bereit hielt, von denen beide geträumt haben:
Nach zehn Jahren an der Seite eines bedeutenden Regisseurs wurde ich die Frau eines Verkannten.
Chloe ist dabei nur Anhängsel von Rasmus, sie scheint wenig eigene Interessen, wenig Gedanken über sich, wenig eigene Pläne zu haben, sie bleibt in ihren Gedanken auf Rasmus und ihr Leben mit ihm fokussiert:
Wir zwei würden es nach oben bringen. Also Rasmus würde es nach oben schaffen, und ich würde an ihm kleben.
Sibylle Berg greift mit diesem Buch ein aktuelles Thema auf, eines, das momentan viel beschrieben wird. Da mir ihr Sprachstil, ihr scharfes Denken und auch ihre Scharfzüngigkeit gefällt, wollte ich das Buch unbedingt lesen – und konnte es nicht. Für mich waren es zu viele Monologe, die sich um die ewig selben Themen wie Sex, kein Sex, besserer Sex drehten, bald zuviel. Die wirklich tiefgründigen Gedanken, die immer wieder vorkamen und die oben gelobten Gründe bestätigen, wieso ich das Buch lesen wollte, konnten mich nicht genug fesseln, fertig zu lesen.
Der Tag, als meine Frau einen Mann fand ist gewohnt düster, abgelöscht. Die Welt ist schlecht, das Leben ebenso, eigentlich ist es gegen die Wand gefahren, denn glücklich oder nur schon zufrieden sind alle nicht – und doch versuchen Rasmus und Chloe, es in Gedanken schön zu reden, sie haben Gründe für ihr Miteinander. Und wenn alles nichts hilft, wird der Frust wegmasturbiert. Ich habe drei Anläufe genommen, schliesslich auf Seite 97 aufgegeben. Die Geschichte kam irgendwie nie in einen Fluss, der mich mitriss, es fehlte mir der Sog, der mich einnimmt. Schade, denn ich hätte das Buch sehr gerne gelesen und irgendwie wurmt es mich noch immer, dass ich es nicht konnte. Die Sprache ist klar, schnörkellos, die Gedanken hinter dem Ganzen teilweise messerscharf, von einer guten Beobachtungsgabe der Autorin zeugend. Nebenbei sieht man glasklar den Spiegel, den sie der Gesellschaft entgegenhält, wie sie das auch in ihren Kolumnen meisterhaft tut. Als Roman hat es mich nicht überzeugt.
Fazit:
Gedankenkarusselle eines alternden Paares. Eine Geschichte, die mehrheitlich aus Gedanken an Sex, nicht stattfindendem oder zumindest nicht befriedigendem Sex und Masturbation mit verschiedenen Hilfsmitteln besteht.
Zur Autorin Sibylle Berg
Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012), Der Tag, als meine Frau einen Mann fand (2015).
„Geliebte“ – dieses Wort gefällt mir gar nicht. ich bringe es mit dem Getuschel meiner Klassenkameraden in der Grundschule in Verbindung.
Ich habe eine Geliebte, habe ein Verhältnis. Ich bin untreu.
Mehrmals täglich sage ich mir das, um mich selbst davon zu überzeugen. Ich habe das Gefühl, die Gedanken eines anderen zu denken.
Er ist 54, Pariser Anwalt, seit 19 Jahren verheiratet und er hat eine Tochter. Er liebt seine Frau, aber er vermisst Alix, wenn er nicht bei ihr ist. Alix ist 23 Jahre jünger und seine Geliebte seit einem Jahr. Unter der Woche wohnt er bei ihr in Paris, am Wochenende geht er heim zu seiner Frau und seiner Tochter nach Marseille. Er müsste sich entscheiden und stellt sich vor, wie die Dinge liefen, würde er sich entscheiden oder käme seine Frau hinter die Affaire. Er stellt sich vor, wie Alix mit ihm Schluss machen würde oder was passieren könnte, wenn er seine Frau verliesse. Und immer schiebt er die Entscheidung wieder hinaus.
Mit Alix kann ich die Zeit zwar nicht zurückdrehen, aber sie bietet mir, in einer Lebensphase, in der meine Perspektive sich verengt, die Chance, noch mal von vorn anzufangen. […] Es ist toll, sich sagen zu können: Das ist noch drin!
Der namenlose Ich-Erzähler beschreibt sein Leben zwischen zwei Frauen. Er denkt über die Liebe nach, über seine Beziehung zu seiner Familie und der zu Alix. Er spielt in Gedanken die verschiedensten Szenarien durch, um schlussendlich doch alles zu belassen, wie es ist. Er denkt die Gedanken der beiden Frauen, stellt sich ihre Reaktionen auf verschiedene Situationen vor, ohne je eine davon zu erleben. Er lebt zwei Leben, die beide seines sind. Und keines kann er sich vorstellen, zu verlassen. Er liebt seine Frau, er liebt Alix. Weihnachten steht vor der Tür, geplant ist eine Reise mit der Familie nach New York. Eigentlich er geeignete Zeitpunkt, endlich eine Entscheidung zu treffen.
In einer klaren Sprache, ohne grosse Sentimentalität, erzählt Diane Brasseur die Geschichte des Anwalts, der neben seiner Frau eine junge Geliebte hat. Dabei geht es nicht um Schuld, nicht um falsch oder richtig. Es geht um Gefühle, um Entscheidungen, um das Leben, das nicht immer erklärbar ist. Es geht um Entscheidungen, die man trifft, treffen muss und auch getroffen hat – und wie man damit umgeht.
Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.
Zum Autor Diane Brasseur Diane Brasseur, 1980 geboren, ist in Straßburg aufgewachsen und hat einen Teil ihrer Schulzeit in Großbritannien verbracht. Nach ihrem Filmstudium in Paris begann sie, als Script Supervisor zu arbeiten, unter anderem für bekannte Regisseure wie Albert Dupontel und Olivier Marchal. Diane Brasseur lebt in Paris.
Angaben zum Buch: Taschenbuch: 176 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. April 2015)
Übersetzung: Bettina Bach
ISBN-Nr.: 978-3423260695
Preis: EUR 14.90 / CHF 29.90
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Am 10. März wird ein Buch getauft. Sibylle Berg stellt im Kaufleuten Zürich ihren neuen Roman Der Tag, als meine Frau einen Mann fand vor. Dabei liest sie nicht nur, sie performt sogar – das mit dem Kabarettisten Patrick Frey und dem Zürcher Musiker Fai Baba. Der Abend wird also wohl verschiedene Sinne und Muskeln beanspruchen und ein Erlebnis werden.
Zu Sibylle Berg
Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)
Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012).
Zehn Wohnungen putzt sie, wäscht und bügelt, und für zwei alte Leute kauft sie ein, so kommt sie im Schnitt auf sechs Stunden am Tag und fünf Tage in der Woche, was kein Vermögen einbringt, aber ausreicht, um sich frei zu fühlen in dem provisorischen Leben, das für Leonie als einziges erträglich scheint. […] Chiara ist eingesprungen, solange Leonie weg ist, das Angebot, oder besser die Bitte, kam im richtigen Moment: Chiara musste weg von dort, wo sie lebte, und hier wird niemand nach ihr suchen.
Chiara muss zu Hause weg, sie kann unmöglich bleiben. Zum Glück kann sie bei ihrer Freundin Leonie unterkommen und deren Leben übernehmen, da Leonie nach New York geht, wo sie ein neues Leben beginnen will. Chiara wohnt also in Leonies Haus, erledigt deren Putzaufträge und fühlt sich in diesem neuen Leben immer mehr zu Hause. Am liebsten putzt sie bei Herrn Vorden.
Irgendwas ist in dieser Wohnung, das Chiara sich fühlen lässt, als richte sie sich innerlich auf, als atme sie tiefer ein und erfrische sie der Sauerstoff, strahle aus von innen bis unter die Haut, belebe Muskeln und Sehnen, lasse sie wach werden, als habe sie bisher gedöst.
Durch kleine Unachtsamkeiten Chiaras merkt Herr Vorden, dass Chiara nicht nur putzt, sondern sich ab und an der Illusion hingibt für ein paar Stunden, sein Haus sei ihres. Es entsteht ein Austausch, bei dem Chiara nie ganz sicher ist, ob Herr Vorden nicht sogar ihre Gedanken lesen kann. Herr Vorden ist Schriftsteller und seine Geschichten kommen Chiara vor, als ob die nur aus ihr heraus endstanden sein konnten.
Weisser Zug nach Süden ist die Geschichte des Neuanfangs. Zwei junge Frauen starten ein neues Leben, brechen ihre Zelte ab im alten. Thommie Bayer hat eine kleine, leise Geschichte über den Neuanfang geschrieben. In einer klaren, lesbaren Sprache nimmt diese ihren Lauf, ohne dass viel passiert. Trotzdem wohnt der Geschichte Poesie und Tiefgang inne. Der Leser fliesst durch Chiaras neues Leben, immer ein bisschen neugieriger, wieso sie dieses suchte. Es war eine Flucht – aber wovor? Und wie lange will sie fliehen? Kann man überhaupt aus dem eigenen Leben fliehen, immer neu anfangen, wenn man das will?
Das Geheimnis Chiaras dient als Spannungsbogen durch das Buch, man möchte es ergründen und liest weiter. Die eingeschobenen Kurzgeschichten von Herrn Vorden zeigen zwar Bezüge zu Chiara und erklären das eine oder andere aus ihr, legen auch seine geheimnisvolle Natur ein wenig offen, zumindest durch Chiaras Interpretationen derselben. Allerdings halten sie einen auf bei der Erforschung von Chiaras Geheimnis, was teilweise störend wirkt. Da das Buch aber schon mit ihnen sehr dünn ist, wäre es ohne diese kaum mehr ein Roman, nur noch selber eine Kurzgeschichte. So gesehen ist Weisser Zug nach Süden eine Erzählung, die sich um verschiedene Kurzgeschichten legt, diese verbindet, so dass aus allem ein grosses Ganzes wird.
Fazit: Weisser Zug nach Süden ist eine stimmige, flüssig lesbare Erzählung über das Leben eines Mädchens zwischen Flucht und neuem Leben. Empfehlenswert.
Zum Autor Thommie Bayer
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück und zuletzt Die kurzen und die langen Jahre.
Angaben zum Buch: Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: Piper Verlag (16. Februar 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056106
Preis: EUR 16.99 / CHF 25.90
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Ihm wurde klar, dass in knapp einer Woche Weihnachten war, und diese Feststellung versetzte ihn in einen Zustand des Kummers und der Panik. Er sah mit Entsetzen den ersten Jahrestag von Kates Tod auf sich zukommen…diesen verhängnisvollen 24. Dezember 2010, der sein Leben mit Trauer und Schwermut erfüllt hatte.
Mathew ist Philosophieprofessor und lebt in Boston. Seit dem Tod seiner über alles geliebten Frau Kate kümmert er sich alleine um seine Tochter. Emma lebt in New York, sie ist Sommelier in einem guten Restaurant. Wäre ihr Leben nicht gezeichnet von falschen Beziehungen, wäre es ein gutes Leben. Sowohl Mathew wie auch Emma kämpfen mit ihrer Vergangenheit, sind immer wieder Ängsten und auch Verzweiflung ausgesetzt.
Eines Tages kreuzen sich ihre Wege auf wundersame Weise. Was als E-Mailaustausch startet, soll beim Essen in einem kleinen italienischen Lokal weitergeführt werden. Als Emma im Restaurant ankommt, wartet sie vergebens auf Mathew. Auch Mathew wartet vergebens.
Ich war da, Matthew. Ich habe den ganzen Abend auf Sie gewartet. Und ich habe keine E-Mail von Ihnen beikommen!
Dann haben Sie sich vielleicht im Restaurant geirrt?
Nein, es gibt nur eine Nummer 5 im East Village.
Das ist erst der Anfang. Was dann kommt, stellt die Vergangenheit und auch die Zukunft von Emma und von Matthew auf die Probe.
Guillaume Musso ist mit Vielleicht morgen ein packender Roman gelungen, der eine Mischung aus Liebesgeschichte und Krimi darstellt. Gewisse literarische Finessen lassen die Geschichte ins irreale abdriften, was dem Buch aber keinen Abbruch tut, selbst wenn man lieber realitätsnahe Literatur liest. Eine spannende Idee wurde hier in einen stimmigen Plot mit packenden Überraschungen verwandelt, so dass man als Leser förmlich am Buch klebt und es nicht mehr weglegen mag, bis man hinter das Geheimnis der Geschichte gekommen ist.
Fazit:
Leichte und gute Unterhaltung mit einer Mischung aus Liebesroman und Krimi. Sehr empfehlenswert.
Zum Autor Guillaume Musso
Guillaume Musso wurde 1974 in Antibes geboren. Er arbeitete als Gymnasiallehrer und Universitätsdozent, bis er 2001 seinen von der Kritik hoch gelobten Debütroman veröffentlichte. Der große Durchbruch gelang ihm mit seinem zweiten Roman Ein Engel im Winter, den er nach einem schweren Autounfall geschrieben hatte. Auch sein dritter Roman Eine himmlische Begegnung stürmte auf Anhieb die französischen Bestsellerlisten.
Angaben zum Buch: Taschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Pendo Verlag (11. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3866123762
Preis: EUR 14.99 / CHF 19.45
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…ich war ein braver Junge, der nicht aneckte und immer aufmerksam den Empfehlungen Erwachsener folgte oder zumindest so tat, weil ich mit freundlichen und unbedarften Grosseltern aufgewachsen war, ohne Vater, gegen den zu rebellieren sich gelohnt hätte und normal gewesen wäre. Meine Grosseltern schlecht zu behandeln kam mir nicht in den Sinn, ich vergass nie, dass sie und ihre Tochter Irmi mich gerettet hatten vor einem Leben mit einem Vater, dessen Gegenwart ich nicht ertragen hätte.
Als Simons Mutter stirbt, lebt er zuerst bei seiner Tante, danach bei seinen Grosseltern. Zu seinem Vater hat er jeden Kontakt abgebrochen. Plötzlich erfährt er, dass dieser und ein anderer Mann umgebracht worden sind. Auf dem Weg zur Hütte des Vaters trifft ihn die Liebe. Er sieht eine nackte Frau im nahegelegenen See baden. Sie kommt ihm vor wie eine Nixe. Es stellt sich heraus, dass Sylvie, so heisst die Nixe, die Frau des zweiten Opfers war, und dass die beiden Männer ein Liebespaar gewesen waren. Diese Neuigkeit weckt in Simon eine Unsicherheit seiner eigenen Sexualität gegenüber.
Und ich sah mich selbst, wie ich zärtlich an seinen Ohren zupfte, und zuckte zurück, als hätte mich jemand beim Schwulsein ertappt. ich wusste, dass es lächerlich war, aber das neu erwachte Misstrauen gegenüber meinen zarteren Regungen war da und ging nicht davon weg, dass ich ironisch den Mund verzog.
Die Liebe zu Sylvie lässt Simon nicht mehr los, sie aber interessiert sich beziehungstechnisch für jeden Mann ausser für Simon. Trotzdem sind die beiden verbunden. Es entsteht eine Brieffreundschaft, zuerst sehr eng, dann immer weiter, irgendwann bleiben die Briefe aus. Das Leben geht für beide weiter, hat Höhen, Tiefen. Das Leben eröffnet immer neue Fragen, die nicht weniger werden, als plötzlich wieder ein Brief von Sylvie Simon erreicht.
Lieber Simon,
jetzt habe ich dich so lange in Ruhe gelassen, dass ich mir nicht mehr einbilden kann, es sei in Ordnung, dich einfach so wieder zu behelligen. Aber es ist wichtig. Es gibt etwas, das du wissen musst, auf wenn du nichts mehr von mir wissen willst.
Die langen und die kurzen Jahre behandelt einen Zeitraum von 50 Jahren. Das Buch reicht zurück ins Jahr 1964 und spannt einen Bogen bis 2014. Es ist Simons Lebensfaden, auf dem die einzelnen Perlen der Geschichtenkette aufgereiht werden. Es ist eine Geschichte über Themen wie Freundschaft, Familie, Liebe und Zeit.
Thommie Bayer erzählt keine Liebesgeschichte, und trotzdem handelt das Buch von der Liebe. Es zeigt, dass Liebe nicht einfach ist, dass es verschiedene Formen von Liebe gibt, dass Liebe nicht einfach aufhört, sondern sich verändert, aufblüht, verdrängt wird, sich doch wieder regt. Er erzählt von diesem vielschichtigen Thema in einer leichten Sprache, lässt die Geschichte locker dahinfliessen, ohne ihr den nötigen Tiefgang zu nehmen. Das Buch entbehrt jeglicher Höhepunkte, jeglicher Spannungsbögen, und ist trotzdem nie langweilig. Es nimmt einen leise und still in den Bann, reisst nicht, packt nicht, hält trotzdem fest.
Fazit:
Eine sehr gelungene Geschichte über das Leben, die Liebe, Freundschaft und vieles mehr. Sehr empfehlenswert.
Zum Autor Thommie Bayer
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück und zuletzt Die kurzen und die langen Jahre.
Angaben zum Buch: Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Piper Verlag (10. März 2014)
ISBN-Nr.: 978-3492054812
Preis: EUR 17.99 / CHF 29.90
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Halten Sie die Liebe in Ehren, Marcus. Machen Sie sie zu Ihrer schönsten Errungenschaft, zu Ihrem einzigen Ziel. Nach den Menschen kommen andere Menschen. Nach den Büchern kommen andere Bücher. Nach dem Ruhm kommt anderer Ruhm. Nach dem Geld kommt anderes Geld. Aber nach der Liebe, Marcus, nach der Liebe bleibt nur das Salz der Tränen.
Eines Abends verschwindet Nola Kellergan spurlos. Ganz Aurora ist in Aufruhr, ganz Aurora beteiligt sich bei der Suche, aber Nola bleibt verschwunden. Nach einer ersten lähmenden Zeit der Angst, in der Familien ihre Kinder zuhause einschliessen, findet das Städtchen langsam wieder zur Normalität zurück, bis 30 Jahre später Nolas Leiche gefunden wird. Sie liegt im Garten des Mannes, der 30 Jahre vorher mit Nola just am Tag ihres Verschwindens weggehen wollte, um seine Liebe zu dem 15-jährigen Mädchen leben zu können: Harry Quebert, berühmter Schriftsteller, Professor und bislang hochangesehene Persönlichkeit.
Marcus Goldman ist Schriftsteller, erfolgreicher Schriftsteller mit nur einem Buch. Es will ihm nicht gelingen, ein zweites zu schreiben, obwohl ihm sein Verleger Strafe androht, wenn nicht bald eines erscheint. Die Schreibkrankheit hat Marcus im Griff. Eines Tages der Anruf von Harry. In seinem Garten wurde die Leiche von Nola Kellergan gefunden. Nola Kellergang war die Liebe in Harrys Lebens, nie hatte er nachher wieder geliebt. Sein ganzes Leben hatte er nur auf Nola gewartet. Nun war sie tot.
In meinem Leben gab es nur Harry und seltsamerweise stellte ich mir überhaupt nicht die Frage, ob er schuldig war oder nicht: Die Antwort hätte ohnehin nichts geändert. Das war ein komisches Gefühl. Ich glaube, ich hätte ihn lieber gehasst und ihm mit der ganzen Nation ins Gesicht gespuckt, das wäre einfacher gewesen. Stattdessen sagte ich mir nur: Er ist ein Mensch, und Menschen haben ihre Dämonen. Jeder von uns. Die Frage ist nur, wie viel man diesen Dämonen durchgehen lässt.
Marcus macht sich in Zusammenarbeit mit einem Polizisten auf die Suche nach dem wahren Mörder. Harry ist schnell entlastet, aber wer hat die kleine Nola Kellergan sonst umgebracht? Die Nachforschungen bringen nach und nach neue Details und Verstrickungen aus dem Jahr 1975 ans Tageslicht, die beiden Ermittler stossen auf immer mehr Unklarheiten und vor allem immer neue Verdächtige.
Joël Dicker lässt seinen Roman auf drei Zeitebenen spielen: Im Jahr 1975, als Nola Kellergan verschwand, in den Jahren 1998 – 2002, Marcus Goldmans Ausbildungsjahren, und im Jahr 2008, dem Jahr des Leichenfundes und der Ermittlungen. Trotz der drei Ebenen ist dem Leser immer klar, in welcher Zeit er sich befindet, und er spürt, wie sich langsam das Fadennetz zwischen den Zeiten verdichtet. Der Leser nimmt durch die unmittelbare Ich-Erzählung von Marcus Goldman an den Ermittlungen teil und will den Fall selber auflösen. Er leidet mit, er sucht mit, er zieht seine Schlüsse.
Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist eine packende Geschichte, die viel mehr als ein Krimi ist. Es ist die Geschichte über die Liebe, eine Geschichte übers Schreiben, eine Geschichte über die Wahrheit, die nicht immer ist, wie sie auf den ersten Blick scheint. In einer gut lesbaren Sprache, mit plastischen Figuren und realistischen Schauplätzen zeichnet Dicker eine Geschichte, die den Leser einsaugt und nicht mehr loslassen will. Je weiter das Buch fortschreitet, desto stärker wird aber der Zwiespalt: Einerseits will man nicht aufhören zu lesen, andererseits wird das Buch viel zu schnell fertig sein, wenn man keine Pause macht. Die Welt des Harry Quebert wieder zu verlassen ist ein Abschied, der eine Lücke hinterlässt.
Fazit:
Eines der besten Bücher seit langem. Plot, Sprache, Charaktere – Erzählkunst auf höchstem Niveau. Packend, unterhaltend, wunderbar. Absolut empfehlenswert.
Zum Autor Joël Dicker
Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Der studierte Jurist hat bislang zwei Romane geschrieben: Les Derniers Jours de nos Pères und La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert. Für Letzteren bekam er den Grand Prix du Roman der Académie Française zugesprochen sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Das bei einem winzigen Verlag erschienene Buch wurde in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 und mittlerweile in über 30 Sprachen übersetzt.
Angaben zum Buch: Gebundene Ausgabe: 736 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. August 2013)
Übersetzung: Carina von Enzenberg
ISBN-Nr.: 978-3492056007
Preis: EUR 22.99 / CHF 20.90
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Wir sind zusammen verschwunden, Tash und ich. Es war ein Sommer mit heissen Winden und heftigen Gewittern, die kamen und gingen wie, na ja, Gewitter eben. […] Vor der Stadtuhr stehend berichteten Reporter den Leuten, dass es nichts zu berichten gebe, doch sie taten es trotzdem. […] Einen Monat nach unserem verschwinden brachte George uns aus dem Speicher an diesen Ort. Die Polizei hatte die Suche nach uns mittlerweile eingestellt, und alle nahmen an, dass wir weggelaufen wären.
Drei Jahre sind sie bereits verschwunden, Piper Hadley und Tash McBain. Die Suche ist schon lange abgebrochen worden, gefunden wurden sie nie. Als ein Ehepaar brutal ermordet wird und kurz darauf die Leiche einer jungen Frau erfroren in einem See gefunden wird, ändert das schlagartig. Tash McBain war drei Jahre verschwunden, nun ist sie tot. Wo aber steckt Piper? Und wer hat die beiden Mädchen entführt?
Der Psychologe Joe O’Loughlin hilft der Polizei, den wahren Entführer zu finden, was sich als schwierig erweist, da die Polizei ungerne sieht, dass sich jemand von aussen einmischt und die vergangenen Ermittlungen anzweifelt.
Sag, es tut dir leid ist ein spannender Psychothriller, der alles in sich vereint, was man in diesem Genre erwartet: Die Figuren sind plastisch, die Schauplätze ebenso, der Plot stimmig, mit den nötigen Cliffhangers versehen, so dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Die aktuelle Suche wechselt sich ab mit den Aufzeichnungen von Piper, welche erzählt, was mit ihr und Tash in all den Jahren passiert ist.
Michael Robotham zeigt auch in seinem achten Thriller, dass er sein Handwerk beherrscht. Er versteht es, den Haupterzählstrang mit Nebensträngen anzureichern, ohne Längen entstehen zu lassen. Persönliches aus dem Leben der Figuren fliesst natürlich in den Lauf der Geschichte ein, ohne sie zu belasten oder zu bremsen, im Gegenteil, sie wird dadurch plastischer, menschlicher. Und über allem bleibt ein Spannungsbogen, der nie abreisst.
Fazit:
Spannung und Tiefe in eine packende Form gebracht. Ein Psychothriller, der alles hat, was man sich in dem Genre erhofft. Sehr empfehlenswert.
Zum Autor Michael Robotham
Michael Robotham wurde 1960 in New South Wales, Australien, geboren. Er war lange Jahre als Journalist für große Tageszeitungen und Magazine in London und Sydney tätig, bevor er sich ganz seiner eigenen Laufbahn als Schriftsteller widmete. Mit seinen Romanen sorgte er international für Furore und wurde mit mehreren Preisen geehrt. Michael Robotham lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Sydney. Von ihm erschienen sind unter anderem Bis du stirbst, Erlöse mich, Todeswunsch.
Angaben zum Buch: Taschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (16. September 2013)
Übersetzung: Kristian Lutze
ISBN-Nr.: 978-3442313167
Preis: EUR 14.99 / CHF 15.90
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Heute war ich an einem Anlass der Thomas Mann Gesellschaft zum Thema „Thomas Mann und der Erste Weltkrieg“. Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen standen im Zentrum, seine teilweise sehr kriegsverherrlichenden und seiner nicht würdig scheinenden, misst man ihn an seinen sonstigen Schriften und Meinungsbekundungen – vor allem auch im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg – wurden thematisiert, angeprangert, mit hochgezogenen Augenbrauen bedacht und einzuordnen versucht.
Den ersten Vortrag hielt der ausgewiesene Experte Heinrich Detering. Auf unterhaltsame und offensichtlich bewanderte Weise führte er in das Thema ein, zeigte sein Hintergrundwissen durch vielfältige und vielzählige Zitate. Im zweiten Vortrag bot der Historiker Georg Kreis – auf humorvolle, informative und kompetente Weise – den Kontext der Zeit dar. Eine Podiumsdiskussion schloss den Anlass ab, die Fragen waren eher spärlich und wenig tiefgründig, was wohl auch der anberaumten Zeit einer halben Stunde sowie dem Umstand, dass eine wirkliche Diskussion bei so vielen Menschen, die erfreulicher Weise gekommen waren, sowie dem Zeitpunkt an einem Samstag Morgen geschuldet war. Ein wirklich gelungener Anlass, der ob des durchaus fortgeschrittenen Alters der Besucher ein wenig am Nachwuchs der Thomas Mann-Fans zweifeln lässt, in der Hoffnung, dass die Momentaufnahme kein Bild der allgemeinen Situation sei.
Ein Punkt hat mich beschäftigt (sicher unter andern, dieser aber besonders auch aufgrund meiner eigenen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Thomas Mann): Es wurde von Heinrich Detering vermehrt die Diskontinuität Thomas Manns gerade in den Betrachtungen eines Unpolitischen erwähnt. War dieser vorher sehr durchdacht, argumentativ stark, liberal und humanistisch eingestellt, setzte er sich im Zweiten Weltkrieg für die Opfer des Krieges ein und war ein Gegner desselben, so zeigte er sich beim Ersten Weltkrieg als euphorischer Befürworter desselben. Man findet Äusserungen, die das Heldentum, die Vormachtstellung, die ausgewiesene Siegerrolle Deutschlands propagieren, die Unterhundrolle der umliegenden Staaten proklamiert. Mit rassistischen, abwertenden, kriegsverherrlichenden Aussagen ergiesst er sich in seinen Betrachtungen. Er stilisiert das deutsche Volk zum männlich mächtigen, das französische zum weiblich verzärtelten, unterlegenen. Damit hat Detering sicher recht. Was mir aber aufstösst, sind zwei Punkte:
Die Diskontiunität eines Menschen verurteilend stellt sich doch die Frage, welcher Mensch in seiner Meinung über Jahre und Jahrzehnte kontinuierlich und ohne Wandel sei. Liegt der Wandel nicht in der Natur der Dinge, somit auch im Menschen und dessen Denken selber? Ist es nicht naturgegeben, dass das Leben, die Umstände der Zeit und vieles mehr Meinungen wachsen, ändern, umstossen lassen? Ist es also so zu verdenken, dass Thomas Mann durchaus Änderungen in seinem Denken, Schreiben und Sein durchmachte? Wieso ist das im normal menschlichen Leben als natürlich akzeptiert, bei einem Schriftsteller des Kalibers Thomas Manns aber so verwerflich?
Der zweite Punkt, der mir aufstiess ist folgender: Es wurde zwar angetönt, dass Thomas Mann durchaus persönliche Gründe zu seiner Haltung haben könnte, dass er sich durch einige stilistische Mittel selber der Lüge in der nun so hasserfüllten, hitzigen Schreibe bezichtigte und damit entlarvte, allerdings wurde der Zweig nicht wirklich weiter verfolgt, versandete in Andeutungen, worauf wieder die Diskontinuität bemängelt wurde. Nun ist Thomas Mann in all seinen Werken ein durchaus autobiographischer Schreiber, er thematisiert sich und seinen eigenen Prozess als Künstler, Schriftsteller in praktisch jedem Werk, legt seine Tagesabläufe offen dar in seinen Romanen. Man weiss mittlerweile um sein Ringen zwischen Bürgertum und Künstlertum, um seine schreiberische Sublimation der eigenen homoerotischen Ausrichtung, kennt seine Aussprüche, dass er sich an strenge Regeln halten müsse, damit er nicht untergehe, will er doch im Bürgertum verhaftet, zu Hause, akzeptiert sein. Er kann und will sich kein Ausbrechen gönnen. Könnte – ja muss – man also seine Betrachtungen nicht als genau das lesen? Als verzweifelter Versuch, die eigene homoerotische Neigung zu unterdrückende, zu verneinende, zu verfluchende Schreibtirade? Deutschland als das Zuhause, als das Bürgertum quasi, mit Regeln, Macht, Ordnung, Männlichkeit allen voran, das gegen Frankreich, das weibische, künstlerische, freie, ungezügelte Land vorgeht? Kann man nicht in dem (nicht nur bei ihm, sondern im gesellschaftlichen Konnex damaliger Zeit vorherrschende) Bild die eigene Zerrisssenheit erkennen und damit diese Bekenntnisse nicht als Diskontinuität, sondern als Bekenntnis eines zutiefst umgetriebenen Menschen lesen?
Und so komme ich zum Schluss, dass die Betrachtungen eines Unpolitischen zwar einerseits durchaus politisch waren, indem sie auf die Politik damaliger Zeit hinweisen, allerdings genauso (wenn nicht mehr) persönlich waren, zeigen sie doch einen verzweifelten Thomas Mann, der zwischen den Zeilen seine Befindlichkeit offenbart, sie aber in Druckerschwärze überdeckt und eine zutiefst zeitgemässe, kriegsverherrlichende und seiner eigentlich ungebührliche Schrift hinterliess – würde sie man eins zu eins nehmen und lesen und nicht als Versuch, sich im Bürgertum zu verankern, den eigenen Neigungen abschwörend.
Und so komme ich einmal mehr zum Schluss: Das Schreiben Thomas Manns ist ein autobiographisches, das von dessen Leben, Denken und Sein nicht losgelöst zu beurteilen ist, dessen Botschaft immer eine eigene ist, die er in verschiedenen Schichten, Montagen und Kniffen überdeckt, so dass man ganz viel hineinlesen, herausinterpretieren kann und schlussendlich da landet, wo er selber gerne gewesen wäre, wären da nicht seine Neigungen, die er nicht leben, aber immer wieder beschreiben musste.
Aber vermutlich ist ein Mensch nur in zwei Räumen wirklich zu Hause: im Haus seiner Kindheit und im Grab. Alle anderen Orte, die wir bewohnen, sind bloss graue Fortsetzungen dieser ersten Wohnung, eine unbestimmte Abfolge von Mauern.
In diesen Kurzgeschichten durchstreift Valeria Luiselli die Welt, hinterfragt sie, lässt sie wirken. Es ist eine Reise durch die reale Welt, durch gedankliche Welten, Welten, die die Literatur bereitstellt und sprachliche Welten.
Sprachen zu lernen bedeutet, sich nach und nach darüber klar zu werden, dass wir über nichts irgendwas sagen können.
Falsche Papiere besticht durch Sprachschönheit, zahlreiche Literaturzitate, welche einerseits die Belesenheit der Autorin darlegen, die andererseits neue Ebenen in die Erzählungen einbauen, indem sie Verweise auf neue Geschichten bilden, die den Leser weiter führen, auf neue Welten verweisen. Luiselli hinterfragt das Offensichtliche, beleuchtet das hell da liegende und doch oft verkannte, reflektiert über das Leben, die Sprache, Friedhöfe, Reisen zu Fuss und per Fahrrad und vieles mehr. Schlussendlich stellen die Geschichten auch immer wieder eine Reise zur eigenen Identität dar. Wer bin ich, wie gehe ich durch die Welt und wie erfasse ich sie?
Man könnte sich durchaus vorstellen, dass jeder neue Eindruck ein weiteres Loch gräbt, die unförmige Materie ein wenig mehr verletzt, uns ein bisschen weiter leert. Geboren wurden angefüllt mit etwas – grauer Materie, Wasser, mit uns selbst -, und in uns allen findet Augenblick für Augenblick die langsame Alchimie der Erosion statt. Wir tragen auf dem Hals eine in Bildung begriffene Kaverne, Stücke, die Stückwerk sein werden.
Fazit:
Ein kurzes, sprachlich und literarisch schönes Buch. Sehr empfehlenswert.
Zum Autor Valeria Luiselli
Valeria Luiselli, geboren 1983 in Mexiko City, schreibt für Magazine und Zeitungen wie Letras Libres und die New York Times. Sie hat für das New York City Ballet Libretti und den Essay-Band »Papeles falsos« geschrieben, der von der Kritik hoch gelobt wurde. Sie arbeitet als Lektorin, Journalistin und Dozentin und lebt in Mexico City und New York. Von ihr erschienen sind Die Schwerelosen, Falsche Papiere.
Matthias Engels Matthias Engels wurde 1975 in Goch geboren. Nach dem Abitur absolvierte er eine Buchhändlerlehre und ist diesem Beruf seit da treu geblieben. Matthias Engels ist Autor von Romanen und Lyrik, zahlreiche Texte erschienen zudem in Anthologien und Zeitschriften, und er führt als Referent für Erwachsenenbildung Interessierte in die Inhalte der Literaturgeschichte ein. Matthias Engels lebt mit seiner Familie in der westfälischen Pampa, wie er sich selber ausdrückt. Mehr über sein Tun findet sich unter http://dingfest.wordpress.com.
Matthias Engels hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zum Berufsbild des Buchhändlers in der heutigen Zeit und die damit einhergehenden Herausforderungen zu beantworten. Er zeichnet mit seinen ausführlichen Antworten ein realistisches Bild der heutigen Buchhandelslandschaft, schält die schwierigen Punkte heraus und zeigt gangbare Wege für die Zukunft auf.
Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?
Ich arbeite in Teilzeit in einer großen Universitätsbuchhandlung mit Vollsortiment. Das Geschäft befindet sich in zentraler Lage in Münster/Westfalen und bietet auf 5 Etagen zahlreiche Fachabteilungen.
Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?
Ehrlich gesagt ist die Entscheidung im Ausschlußverfahren zustande gekommen. Nach dem Abi und dem Zivildienst habe ich mir überlegt, welche Jobs ich mir NICHT für die nächsten 40 Jahre vorstellen konnte. Bei den Dingen, die mich interessierten, Kunst und Literatur, fielen mir wenig „vernünftige“ Jobs ein, die ein Auskommen versprachen. Ich las gern, Literatur faszinierte mich und insgeheim war auch der Wunsch nach dem eigenen Schreiben da-so kam ich auf den Buchhändler. Sicher ist es Heinrich Böll, Hermann Hesse und Wolfgang Borchert ähnlich gegangen, die ja alle zunächst eine Buchhandels-Lehre begonnen hatten. „Der Junge liest gern- steck` ihn in einen Buchladen.“ Ich lernte den Beruf nach einem anfänglichen Schock schon in meiner Ausbildung lieben. Zuerst sah ich mich als Kafka-Liebhaber vor Kleintier-Ratgebern und Landkarten, die ich verkaufen musste. Als ich mein erstes Schaufenster dekorieren durfte, wählte ich dafür ausschließlich Titel von Suhrkamp und Insel aus, die wir z.T. nur mit einem einzigen Exemplar vorrätig hatten. Die Chefin lächelte und ich merkte bald, dass der Buchhandel so nicht funktioniert. Wirklich schmackhaft wurde mein Beruf durch den Kontakt mit Menschen und die Auseinandersetzung mit dem Sortiment. Ich habe meine Ausbildung und die ersten Berufsjahre in einer kleinen Buchhandlung verbracht, in der ich bald vom Einkauf über das Bestellwesen bis zum Verkauf alles allein gemacht habe. Danach tingelte ich durch verschiedene Antiquariate und bin nun seit der Geburt meiner Kinder vor über 10 Jahren in Teilzeit bei einer großen Kette beschäftigt, in der ich massgeblich für den Verkauf zuständig bin. Ich kenne also verschiedene Ausprägungen des Buchhandels.
Würden Sie den Weg wieder gehen?
Schwer zu sagen. Mit dem heutigen Wissen um die Schwierigkeiten, in denen der Beruf heute steckt, vielleicht eher nicht. Dennoch halte ich den Buchhändler, wenn er vernünftig ausgebildet ist und für den Beruf brennt, immer noch für den akademischsten aller unakademischen Berufe. In meinen Augen wird er heute zu Unrecht als beinahe überflüssige Bestellmaschine angesehen. Ich habe mittlerweile die für mich perfekte MIschung gefunden: Ich schreibe und veröffentliche selbst Bücher, lese immer noch manisch und kann meine Kenntnisse an einigen Tagen in der Woche durch Beratung und Verkauf an andere Leser weitergeben. Für mich persönlich ist der buchhändlerische Alltag immer noch spannend: der Zugang zu neuer Literatur, neuen Büchern, die unbegrenzte Informations- und Recherchemöglichkeit. Auch die Veränderungen in der Branche empfinde ich als Herausforderung. Was schwierig ist, ist der neu entstandene Druck und das deutlich herabgesetzte Ansehen meines Berufs.
Was fasziniert Sie an Büchern? Woher stammt die Liebe dazu?
Meine Liebe zu Büchern begann, rückblickend, eigentlich schon als Kind. Ich las nicht nur, ich bastelte eigene Bücher, Nachschlagewerke über Dinge, die mich damals interessierten. In Kladden klebte ich Bilder und schrieb dazu; mit etwa 15 kam ich darüber und über das Tagebuch-Schreiben zu kleinen Gedichten, die selbst illustrierte, heftete oder band.
Das Buch -und damit meinte ich die Einheit von Inhalt und Form- ist als Medium perfekt für den Transport unterschiedlichster Informationen. Es wurde schon so oft totgesagt und lebt noch immer, weil es kaum ein vergleichbar vielseitiges Medium gibt. Es kann die gesamte Bandbreite an Leserwünschen erfüllen -von der Unterhaltung bis zur Vermittlung von komplexem Wissen. Es ist mit seinen Bildern, Karten, Skizzen und den unendlichen Möglichkeiten des Satzes unglaublich variabel und war schon interaktiv, bevor es den Begriff überhaupt gab: Durch Unterstreichungen, handschriftliche Einträge und eingeklebte Zettel nimmt der Leser am Text teil und greift in ihn ein. Aus der Massenware Buch wird somit ein individuelles Objekt. Ein Buch kann so klein sein, dass es in der Tasche, eng am Körper, fast wie ein Teil davon transportiert werden kann und es kann so groß sein, dass es eigene Möbelstücke erfordert. Ein und derselbe Text kann in einer kleinen Form genauso funktionieren wie als riesige Ausgabe mit Bildern. Bücher können, wenn die Einheit von Form und Inhalt stimmt, zu einer Art Fetisch werden; einem Objekt, das unheimlich viel mehr in sich trägt als Buchstaben auf Papier.
Gibt es Bücher, Schriftsteller, die Sie persönlich geprägt haben, die Ihnen wichtig sind?
Das sind unglaublich viele und unterschiedliche. Mein Revier als Buchhhändler ist wohl am ehesten die gehobene Unterhaltung. Ich schätze Bücher, die handwerklich gut gemacht und flüssig zu lesen sind, deren Ambition dennoch höher liegt als nur zu unterhalten. Natürlich schätze ich einige moderne Klassiker und privat auch eine Art Geheim-Kanon, der im Handel praktisch nicht auftaucht. Was für mich gar nicht geht, sind Bücher ohne irgendeine Art von Humor.
Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?
Seit dem Auftauchen des Online-Handels wird das Sterben des Buchhandels prognostiziert. Trotzdem lebt er noch, denn mit diesem lediglich anderen Vertriebsweg ließ sich leben. Mit der Verbreitung des Internets in weiteren Bevölkerungsgruppen als den sowieso schon Technik-Affinen kam aber eine andere Problematik dazu. Der Buchhändler ist nicht mehr alleiniger Hüter der Kataloge und die Bandbreite der Bezugsquellen UND Anbieter von Literatur nahm zu. Früher kam das Buch vom Verlag, der Buchhändler bestellte es dort oder über den Zwischenhändler -weder zu dem einen noch dem anderen hatte der Endkunde wirklich Zugriff. Heute kommt das Buch vielleicht von BOD oder einem kleineren Anbieter dieser Art, von einem Selfpublisher oder oder oder. Für den Käufer ist es ein Leichtes, sich im Internet das gewünschte Buch zu bestellen. Dank dem Internet ist es für jedermann möglich, in seinem Bereich zum Experten zu werden. Der Markt hat darauf reagiert und ist in den letzten Jahren mit einem Feuerwerk neuer Genres explodiert. Ein Buchhändler kann aber, bei aller Liebe, nicht Experte sein für sämtliche Schweden-Krimis, homoerotische Fantasy, Chick-Lit UND lesbische Vampirromane. Oft wird aber genau das vom Kunden erwartet. Während der Kunde selber in der Regel ein oder zwei Interessengebiete hat, über die er im Netz recherchiert, soll der Buchhändler in ALLEN fit sein, denn jeder Kunde hält seinen Geschmack (und das ist durchaus verständlich) für massgeblich und ist enttäuscht, wenn der Buchhändler SEIN Buch nicht kennt.
Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?
Unsere Buchhandlung hat als große Kette natürlich schon lange einen Online-Vertrieb, der mit seinen Lieferzeiten, Konditionen etc. Amazon in nichts nachsteht. Wir weisen darauf hin und bieten den kostenlosen Versand nach Hause an. Viel wichtiger ist aber in unserem Konzept die Beratung. Anders als andere Ketten setzen wir auf eine recht hohe personelle Besetzung, die fast ausschließlich aus gelernten Buchhändlern besteht. Weiterhin spezialisieren wir Verkäufer uns auf verschiedene Genres, um gewährleisten zu können, dass in aller Regel für jeden Kunden ein kompetenter Verkäufer anwesend ist. Da wir am gleichen Ort eine weitere Filiale mit etwas anderem Konzept haben, ist es in unserem Fall so, dass die Kunden die Wahl haben, ob sie eine gute Beschilderung zum Selbst-Finden der Ware oder eine persönliche Auskunft und eventuelle Beratung haben möchten. Bei aller selbstverständlichen Anpassung unseres Konzeptes an die neuen Gegebenheiten sind wir also im besten Sinne auch „old-school“ und setzen auf die ehemals geschätzten Qualitäten des Buchhandels: Kompetenz, Beratung und Betreuung.
Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?
Er muss, ganz vereinfacht gesprochen, den Spagat schaffen, sich einerseitsmit dem Verkauf von Bestsellern zu finanzieren, andererseits aber dennoch Qualität zu bieten. Das gilt übrigens auch für die Verlage. Der Leser, der eben nicht die Massenware möchte, darf nicht das Gefühl bekommen, er sei in einer Buchhandlung fehl am Platz oder unerwünscht. Das Prinzip der Mischkalkulation muss m.E. wieder ernster genommen werden. In unserem Laden bieten wir natürlich Dan Brown und Dora Heldt auf prominenten Plätzen an, führen aber auch Manesse-Bücher, ein großes Lyrik-Regal und Titel von kleinen und Nischen-Verlagen. Des Weiteren muss der Buchhändler sich wieder das Vertrauen der Leser erarbeiten, wieder zum kompetenten Ratgeber werden, der mehr beherrscht als Algorithmen. Das heißt konkret: er muss auch abseits des Mainstreams bewegen und den Mut haben, diese Titel auch anzubieten, wenn sie in Frage kommen. Nur Bestseller kann auch Amazon empfehlen. Heute muss der Buchhändler weit über den Tellerrand des Vlbs hinausschauen und die vielfältigeren Recherchemöglichkeiten des Internets nutzen. Ein “Das gibt es aber nicht.“ sollte nur nach Ausschöpfen aller möglichen Quellen fallen. Kennt der Kunde Autor und Titel nicht, weiß aber, dass der Autor am Samstag in der Talkshow XY aufgetreten ist, muss der Händler auf der Seite des jeweiligen Senders nachsehen, wer es gewesen sein könnte. Qualitität im Programm und in der Beratung sind gefragt.
Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?
Für den durchschnittlichen Kunden, der einen konkreten Buchwunsch hat, macht es vielleicht keinen Unterschied. Bei uns nennt er Autor und Titel und in aller Regel kann ich ihm das Buch persönlich in die Hand drücken und ihm einen schönen Tag wünschen. Meine Kolleginnen an der Kasse packen es ihm dann gerne als Geschenk ein und schenken ihm ein Lesezeichen oder ähnliches. Allerdings muss er dafür das Haus verlassen und – wenn er einen speziellen Lesegeschmack hat, ist es eher unwahrscheinlich, dass wir das Buch vorrätig haben. Ein solcher Kunde neigt wahrscheinlich direkt zur einfachen Variante des Online-Kaufens. Für den Kunden allerdings, der noch nicht so genau weiß, was er will, bietet unser Konzept einen mächtigen Vorteil, wie ich finde. Oft erlebe ich, dass Kunden nur eine vage Vorstellung haben, was sie gerne lesen würden, aber keine Ahnung, was dem entsprechen könnte. Sie haben vielleicht einen Lieblingsautor, aber alle dessen Bücher bereits gelesen. Die Algorithmen Amazons können da evtl. noch Bücher anzeigen, die von anderen Lesern dieses Autors gekauft wurden. Aber wenn unter diesen sehr unterschiedliche Querbeet-Leser waren, ist das wenig aussagekräftig. Wir können ihm durchaus sagen, wer dem Stil seines Lieblingsautors nahekommt oder wer ähnliche Themen behandelt. Für die allermeisten Titel, so möchte ich behaupten, kenne ich eine gute Ergänzung. Ob sie jetzt ähnlich oder eben komplett anders und daher interessant ist, sei mal dahingestellt. Viele Leser sind froh, wenn sie auf neue Autoren aufmerksam gemacht werden, die sie sonst nicht so schnell entdeckt hätten. Allerdings erfordert dies ein Aufeinander-Einlassen von Buchhändler und Kunde, das m.E. nicht mehr selbstverständlich ist.
Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?
Ein Stück weit gilt hier meine Antwort auf die Frage Nr. 4. Das E-book ist eine Darreichungsform des Textes. Es ist schnell verfügbar, leicht transportabel und hat somit durchaus seine Vorteile. Das gedruckte Buch geht m.E. weit darüber hinaus. Aber auch hier gilt: mit schlecht gemachten, billigen Büchern voller Druckfehler sticht man das ebook nicht aus. Billiger Druck auf billigem Papier und mit billigem Kleber aus China geleimte Bücher rechtfertigen nicht den Nimbus, den das Buch als Objekt einmal hatte. Für mich ist das Lesen eines E-books in etwa so, als schaue ich einen großen Kinofilm auf dem Laptop -ich kenne natürlich hinterher den Film, aber das Erlebnis ist ein anderes.
Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?
Generell versuchen wir alle Bücher, für die Nachfrage besteht, anzubieten. Wenn der Titel eines Selfpublishers für uns interessant sein sollte und er ist auf einem zumutbaren Weg zu besorgen-warum nicht? Allerdings würden wir keinem Titel hinterherjagen, der nirgendwo gelistet oder nur zu für den Laden unzumutbaren Konditionen zu beziehen ist. Ein gewisses Einhalten der Regeln muss gegeben bleiben. Die Fronten in diesem Konflikt haben sich ja sehr verändert. Früher galt der Verlag als Qualitätssicherung und wer keinen fand, konnte folglich nicht gut genug sein. Heute wiederum gilt es schon fast als Qualitätsmerkmal, NICHT in einem Verlag zu erscheinen. Die neuesten Plagiatsfälle rücken diese Euphorie schon wieder etwas gerade. Hier müssen sich die Verlage ein wenig an die Nase fassen und sich fragen, wie es so weit kommen konnte. Es wird zu viel, zu schnell und zu günstig produziert. Lektorate etc. werden ausgelagert und eine umfassende Qualitätssicherung scheint oft nicht mehr gegeben zu sein. Die Profile der Verlage müssen wieder schärfer werden und ratsam wäre es eventuell, einfach mengenmäßig weniger und weniger austauschbare Bücher zu produzieren.
Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?
Das ist eine komplexe Frage und ich bin mir überhaupt nicht sicher, wer der eigentlich richtige Ansprechpartner wäre. Die einfache Wahrheit: Wer schlechte Arbeit macht, sollte Pleite gehen- greift hier meines Erachtens nicht. Die Größenverhältnisse und finanziellen Mittel innerhalb der Branche sind sehr unterschiedlich. Ein Stück weit fehlt die Aufklärung. Warum ist die Buchpreisbindung in Deutschland wichtig? Wie läuft das überhaupt mit dem Buchhandel und warum sind einige Titel schwierig zu bekommen und andere nur über Amazon? Viele Kunden denken heute noch, dass ich nur zu faul zum holen, bin, wenn ich sage, das Buch könne morgen da sein. Von allen Seiten: den Händlern selbst, den Verlagen, dem Börsenverein wäre ein Schritt hin zu, Kunden ratsam. Amazon und andere Anbieter kopieren zu wollen ist keine Lösung. In nicht allzu ferner Vergangenheit staunte ich bei der Pleite des Schlecker-Konzerns darüber, wie sehr sich Öffentlichkeit und Politik für die sog. Schlecker-Frauen engagierte. Bei einer insolventen Buchhandlung, der die Kunden zum Online-Anbieter weggelaufen sind, sagt man: „Pech gehabt-Trend verschlafen!“ Obwohl momentan eine leichte Dosis Amazon-Bashing Mode ist, gibt es zu viele Kunden, die sich im Laden ausführlich beraten lassen, um dann freudestrahlend zu danken und zu sagen: „Ich bestelle es gleich im Internet!“ Letztlich ist wohl eine Sensibilisierung des Kunden von Nöten, von welcher Seite auch immer.
Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?
Mach es, es ist ein interessanter Job, der dir die Möglichkeit bietet, dir Wissen zu verschaffen und es weiterzugeben und der sich enorm entwickeln wird. Die nächsten Jahrzehnte werden Veränderungen bringen, an denen man teilnehmen und lernen kann. Such dir ein Spezialgebiet, auf dem du wirklich gut bist, engagiere dich. Erwarte aber keinen sicheren Job, in dem du 8 Stunden absitzen kannst. Lass dich auf Menschen ein und sei Dienstleister. Die ehemals hier und da vorgefundene Haltung, alleiniger Besitzer einer Art Geheimwissen zu sein, ist nicht mehr angemessen!
Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?
Ich möchte generell von Schwarzweißmalerei abraten. Es gibt, bei Verlage, Selfpublishern, Buchhandlungen und Buchhändlern immer gute und weniger gute. Nicht alles, was in einem Verlag erscheint, ist gut und nicht jeder Selfpublisher verzapft nur Schrott. Andersherum ist auch nicht zwingend jedes selbstverlegte Buch der große Wurf, wie es mittlerweile beinahe dargestellt wird, einfach nur, weil es KEIN Verlag haben wollte. Man kann von der Kleinstadtbuchhandlung nicht das Sortiment einer Uni-Buchhandlung erwarten, wenn man ein hoch spezialisierter Leser ist- wenn man aber eher Mainstream liest, gibt es eigentlich keinen Grund, seine Vorort-Buchhandlung, die vielleicht nur einmal um die Ecke liegt, zugunsten Amazons zu verlassen.
Am 16. September 1993 eröffnete Ursula Wernle Jenny die kleinste Buchhandlung Basels und führte diese bis zu ihrem Tod im Jahr 2007. Ihr Mann Matthyas Jenny führt sie seit dem Zeitpunkt weiter und hat neben dem normalen Tagesgeschäft einige innovative Ideen umgesetzt. In der Bachletten Buchhandlung kann man am Wochenende nach Ladenschluss gediegen zu Abend essen, zwischen Büchern übernachten und so Kindheitserinnerung vom nächtelangen Lesen und in Büchern Stöbern neu erleben.
Matthyas Jenny ist Autor, Verleger und Literaturliebhaber. 1976 gründete er den Verlag Nachtmaschine, er ist Initiator der Buchmesse BuchBasel, und des Basler Literaturhauses. Er lebt in einer Wohnung, die gleich an die Buchhandlung angrenzt, wobei die Grenzen wohl nicht wirklich starr sind, sondern alles ineinander übergeht. Ein literarisches Leben möchte man sagen. Ein Besuch lohnt sich definitiv!
Das Porträt
Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?
Kleine Quartierbuchhandlung mit breitem, allgemeinem Sortiment.
Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?
War/bin Autor, Verleger, Buchdrucker, arbeitete bei Verlagsauslieferungen, in Verlagen, war Einkaufschef für Bücher bei der Kiosk AG und Ex Libris Dietikon, Buchmarketing für Verlage etc. Gründete die BuchBasel Messe Schweiz, Literaturfestivals etc. Nach dem Tod meiner Frau Mai 2007 führte ich ihre Buchhandlung weiter.
Würden Sie den Weg wieder gehen?
Ja!
Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?
Grundsätzlich hat sich der Buchmarkt verändert: Erscheinungsrhythmus, Produktion, Marketing, Verbreitung, elektronische Bestellsysteme, Amazon, E-Book… Die Stammkundschaft gibt es kaum mehr – man muss ständig neue Kundschaft bewerben.
Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?
Auch auf der Website bachletten.ch kann man E-Books herunterladen (Bezhalung via PayPal), aber der Kunde bestellt lieber bei Grosshändlern, weil er das Gefühl hat, dass es dort besser und günstiger ist – was nicht zutrifft. Schritt halten mit den Konzernen ist für eine Kleinbuchhandlung rein finanziell nicht möglich.
Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?
Kenntnisse über Aktualitäten, Kenntnisse über wichtige oder spezielle AutorInnen, Veranstaltungen, unternehmerisches und unverkrampftes Flair verströmen – nie gegenüber der Kundschaft klagen. Die Kunden beim Namen begrüssen. Die Ladentüre für den Kunden öffnen… Höflichkeit.
Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?
Es kostet oft weniger, keine Verpackungsrückstände, volles unkompliziertes Rückgaberecht auch ohne Kaufnachweis, oft viel schneller bei Bestellungen (innert 12 Stunden ist ein lieferbares bestelltes Buch in der Buchhandlung).
Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?
E-Book ist bequem, aber auch langweiliger zu lesen. Es wird sich einpendeln wie damals mit den Hörbücher – allerdings wird es den stationären Buchhandlung nicht mehr unbedingt brauchen, weil man sowohl das Buch wie das E-Book beim selben Internet-Grossanbieter bestellen, respektive herunterladen kann.
Die nächste Generation wird nur noch ausnahmsweise zu einem Buch greifen.
Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?
Nein – wenn die Publikationen nicht oder nicht richtig lektoriert werden, ist es sowieso schlecht. Und nicht der/die AutorIn sollte entscheiden, ob ein Buch erscheint, sondern VerlegerIn/LektorIn.
Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?
Bücher lesen und schreiben!
Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?
Wenn er/sie nicht an einen romantischen Irrtum bezüglich Bücher, Buchhandel etc. glaubt, dann sollte er nebst Buchhandel noch einen anderen Beruf erlernen. In einigen Jahren wird die Situation im Buchhandel eine ganz andere sein. Der stationäre Buchhandel wird möglicherweise, wie Drogerien und andere Geschäfte, verschwinden.
Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?
…
Welche andere Buchhandlung würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?
Labyrinth, Nadelberg Basel
Herzlichen Dank, Matthyas Jenny, für dieses Interview.
Sunil Mann wird am 21. Juni 1972 im Berner Oberland/Schweiz als Sohn indischer Einwanderer geboren. Er verbringt seine Jugend bei Pflegeeltern in Spiez und besucht in Interlaken das Gymnasium. Nach einem erfolgreichen Studienabbruch in den Fächern Psychologie und Germanistik (in Zürich) versucht er sich im Gastgewerbe mit einem halbherzigen Besuch der Hotelfachschule Belvoirpark. Seine heutige Arbeit als Flugbegleiter, welche oft unterbrochen wird durch zum Teil mehrmonatige Aufenthalte in Israel, Ägypten, Japan, Indien, Paris, Madrid und Berlin, lässt ihm genügend Zeit zum schreiben, was er produktiv macht und auch verschiedentlich dafür ausgezeichnet wird und wurde. Sunil Mann lebt in Zürich. Von ihm erschienen sind unter anderem Fangschuss (2010), Lichterfest (2011), Uferwechsel (2012) und Familienpoker (2013).
Sunil Mann hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten. Herausgekommen ist ein Interview, das – obwohl er nicht zuviel Privates an die Öffentlichkeit geben möchte mit seiner Selbstbeschreibung – tiefe Einblicke in sein Schreiben gewährt und den Menschen und Autoren Sunil Mann authentisch und sympathisch erscheinen lässt, so dass man gerne der wäre, der das eine oder andere Bier mit ihm trinkt.
Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?
Mit der ersten Frage beschäftigte ich mich schon seit ein paar Jahrzehnten, ohne dass ich dabei eine endgültige und allumfassende Antwort gefunden hätte. Ein Mensch, der sich nach längerer Suche eine mehrheitlich glücklichmachende Beschäftigung und eine ebensolche Lebenssituation geschaffen hat, würde es wohl am ehesten treffen.
Meine Biografie würde ich dennoch nie erzählen wollen, soviel Privates mit der Öffentlichkeit zu teilen ist nicht mein Ding – ausser natürlich das Angebot wäre wirklich sehr, sehr lukrativ und es bestünde die reelle Chance, dass das Buch von David Fincher verfilmt würde.
Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?
Ich schreibe, weil sonst mein Leben arm an Inhalt und Freude wäre. Weil ich meinen Lebensunterhalt damit verdiene und weil ich es gut kann (glaube zumindest ich).
Entgegen der hin und wieder geäusserten Meinung Aussenstehender, ich hätte doch „ein hübsches Hobby“, ist Schreiben viel essenzieller für mich als beispielsweise Kanarienvögel zu züchten oder eine Tomatenplantage auf dem Balkon anzulegen. Halten mich äussere Umstände ein paar Tage davon ab, werde ich ziemlich unleidlich, auf der anderen Seite erfüllt mich ein gelungener Text mit unbeschreiblichen Glücksgefühlen. Und ja, ich wollte das schon immer, genau das und nichts anderes. Bereits mit sechs habe ich meinen Eltern zu Weihnachten selbstgebastelte Bücher mit Text und Zeichnungen geschenkt.
Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?
Prinzipiell glaube ich, dass alles lernbar ist. Allerdings braucht es dazu je nach Veranlagung viel Durchhaltewillen und Ehrgeiz. Und ein Funke Talent schadet sicher auch nicht.
Ich persönlich habe einfach einen Text nach dem anderen geschrieben, bis ich das Gefühl hatte, das Schreiben eingermassen im Griff zu haben. Wahrscheinlich eignet man sich jede andere Fertigkeit genauso an.
Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?
Ich entwickle erst einen Plot, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Der kann durchaus vage sein, der Verlauf einer Geschichte verändert sich nach meiner Erfahrung während des Schreibprozesses ohnehin, manchmal sogar mehrmals.
Mit der Recherche beginne ich erst kurz vor Beginn der Schreibarbeit, wenn ich weiss, was ich genau brauche. Auch später tauchen immer wieder Fragen auf, sodass ich oft parallel zum Schreiben recherchiere. Dank Internet ist das aber meist keine grosse Sache mehr.
Wann und wo schreiben Sie?
Zuhause, an meinem wunderschönen Sumpfeichentisch im Esszimmer. Normalerweise zu gängigen Bürostunden, nur manchmal erlaube ich mir gleitende Arbeitszeit oder sogar unbezahlten Urlaub.
Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?
Nein. Feierabend ist der Zeitpunkt, wo die Denkarbeit einsetzt. Irgendein Teil des Gehirns ist immer am Text, an dem man gerade arbeitet, festgezurrt und manchmal kommen mir die besten Ideen erst, wenn ich den Arbeitsplatz verlassen habe. Ferien im herkömmlichen Sinn gibt es nicht, denn die Aufnahmetaste ist immer gedrückt. Alles um mich herum ist bereichernd und spannend, möglicherweise sogar potenzielles Material für einen Roman oder eine Kurzgeschichte.
Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?
Autor zu sein, bedeutet für mich zu tun, was ich am liebsten tue und am besten kann. Man kämpft dabei vor allem mit finanziellen Engpässen, zeitweise mit Akzeptanz (>Ach so, „nur“ Krimiautor< oder die oben erwähnte Hobbyfrage), andererseits ist das gute Gelingen einer Textpassage oder eines Dialogs pures Endorphin. Und wenn man später vor Publikum liest und die Leute genau an den richtigen Stellen lachen oder einem wissen lassen, dass das Buch sie berührt, amüsiert oder gut unterhalten hat, dann hat man das Gefühl, doch etwas richtig gemacht zu haben.
Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?
Ich kann mich in der Hinsicht nicht beklagen. Man lässt mich grundsätzlich schreiben, was ich möchte und mir wichtig ist, bezahlt mich anständig und pünktlich und sorgt dafür, dass sich meine Bücher verkaufen. Und kurz vor Weihnachten gibt es ein Essen mit den Verlagsmitarbeitern und allen anderen Autoren, was eigentlich immer feuchtfröhlich endet.
Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?
Ich glaube, Deutschland und Österreich warten nicht unbedingt auf Schweizer Krimiautoren, dazu haben beide Länder eine zu lebendige und vielfältige Szene. Allerdings kann man sich über Jahre hinweg durchaus eine Fangemeinde im deutschsprachigen Ausland aufbauen, unter anderem auch mit Themen, die nicht nur lokal verankert sind, sondern in Berlin, Köln oder Wien genauso gut funktionieren wie in Zürich.
Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?
Ich lese täglich mindestens eine Zeitung. Gerade die kleinen Meldungen sind es oft, die mich inspirieren. Dazu kommen Gespräche, auch belauschte (z.B. Handybenutzer im Tram), (Dokumentar-)Filme, Bücher … die Liste liesse sich beliebig verlängern. Am Ende steckt in allem eine mögliche Story. Meine Arbeit ist es, diese herauszufiltern, mit anderen Elementen zu verbinden und mit meinen eigenen Worten zu erzählen.
Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Sunil Mann steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?
Natürlich steckt eine gute Portion Sunil Mann in Vijay Kumar, der nicht rein zufällig ebenfalls indischstämmiger Schweizer ist. Auch wenn er mir sehr nah steht, ist die Figur aber keineswegs autobiografisch angelegt, seine Erlebnisse sind nur ganz selten auch meine.
Allerdings muss ich mich in alle meine Figuren hineinfühlen, was sie denken und fühlen, wie sie agieren – das stammt alles von mir. Von dem her findet man in jedem Buch eine ganze Menge von mir, meist ist es aber gut versteckt.
Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?
Krimis sind eine beinahe alles umspannende Literaturgattung. Da finden sich Liebesgeschichten, Sozialdramen, Frauen- und/oder Männerthemen, manchmal werden sogar Katzen oder Schafe eingesetzt, es gibt Krimis für Kinder- und Jugendliche und so weiter. Das reizt mich an dem Genre. Dass es nicht allein um die Aufklärung eines Verbrechens geht, sondern man noch viel mehr reinpacken kann. In meinen Romane sind das unter anderem eine Einwanderergeschichte und eine Love Story, die neben der jeweiligen Krimihandlung über mehrere Bücher hinweg erzählt werden.
Natürlich macht es Spass, auch mal in die Rolle eines Bösewichts zu schlüpfen und sich vorzustellen, wie das sein könnte, wie so jemand denkt. Aber etwas ausleben, was ich mir im realen Leben versage, tue ich damit nicht.
Was meine Lektüre betrifft: Ich lese alles, querfeldein, Hauptsache, es fesselt mich.
Ihre Krimis bewegen sich zwischen kleinen familiären Themen wie einer verschwundenen Katze oder Putzfrau und politschen Schauplätzen wie einem ermordeten Politiker oder dem Bankenwesen. Was reizt Sie an der Verbindung dieser verschiedenen Ebenen?
Mich reizt es zu zeigen, dass Menschen sich grundsätzlich immer gleich verhalten, unabhängig von ihrem sozialen und beruflichen Status. Auch wenn das Umfeld variiert, die Beweggründe für ein Verbrechen bleiben immer dieselben. Zudem finden sich die Ursachen für grosse Skandale und Untaten oft im Kleinen, im Privaten.
Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?
Von einem Auftrag würde ich nicht sprechen. Aber es schadet sicher nicht, wenn ein Autor eine politische Meinung hat und diese öffentlich vertritt. Als Autor ist man in der Hinsicht wesentlich freier als ein Politiker und kann sich durchaus auch mal selbstironisch oder sarkastisch äussern. Dies ist auch ein Grund dafür, dass ich in meinen Krimis immer wieder meine persönlichen politischen Ansichten einfliessen lasse, oftmals aber mit einem Augenzwinkern.
Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?
Einen ansprechenden Schreibstil, interessante Figuren und eine Geschichte, die mich zwingt, weiterzulesen.
Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?
Unzählige. Ich kann an dieser Stelle nur einige nennen: Stephen King, Alice Munro, Ralf Rothmann, Raymond Chandler, Richard Yates, Gabriel Garcia Marquéz, Friedrich Dürrenmatt, Jakob Arjouni, Jan Costin Wagner, Tana French …
Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?
Als Erstes eine hohe Frusttoleranz entwickeln. Der Weg eines Autoren ist ein steiniger und deine Meinung, dass du mit deinem ersten Roman einen garantierten Weltbestseller geschrieben hast, teilen in den meisten Fällen nicht einmal deine besten Freunde.
Weiterschreiben, egal, was geschieht. Denn nur Übung macht den Meister. Dabei sollte aber immer die Geschichte im Vordergrund stehen, keinesfalls du.
Lesen! Andere haben Weltbestseller geschrieben und genauso mit einer leeren Seite angefangen wie du.
Das Privatleben nicht vernachlässigen, denn wenn es mal nicht so gut läuft, brauchst du unbedingt Leute, die mit dir ein Bier trinken gehen. Oder auch zwei.
Sich nicht so wichtig nehmen. Die Erde dreht sich auch in ein paar Millionen Jahren noch, aber ganz sicher nicht um dich.