Was lange währt…

Bob Dylan erhielt den Nobelpreis für Literatur. Das könnte eine einfache Nachricht sein, doch es war mehr. Nicht nur regte sich der Literaturzirkus auf, dass ein Musiker reüssierte, er holte den Preis nicht ab. Und man wurde nicht müde, zu schimpfen. Gegen die Wahl, gegen sein Verhalten. (Hier der Artikel, dass er ihn doch abholt: LINK)

Wenn man das Auswahlverfahren für den Nobelpreis mal aussen vor lässt (es wäre bei Murakamis neustem Buch schön nachzulesen), bleibt die Frage: Was ist Literatur? Im Schimpfen gegen diese Wahl wurden viele Literaten genannt, die den Preis so lange verdient, aber nie bekommen haben. Wenn es denn schon ein Musiker sein sollte, man zeigte sich quasi kompromissbereit, wieso er? Wären nicht auch andere wählenswert gewesen?

Zur ersten Frage: Was anderes soll Literatur sein, als ein künstlerischer Text? Ob der gesungen, laut oder leise gelesen wird, kann wohl kaum das Kriterium sein – zumal: Brecht hat viele seiner Texte zu Musik geschrieben, Hölderlin und Zeitgenossen wurden oft vertont. hier nun zu motzen, das sei quasi der Preis vor die Säue geworfen, ist etwas gar neidbesessen.

Nun wird also Bob Dylan auserkoren. In einem alles andere als neutralen Verfahren (ich verweise erneut auf besagtes Buch, schlicht, weil ich alles andere suchen müsste, das hier grad greifbar habe und das Beschriebene für richtig empfand). Muss er nun springen? Und jubilieren? Alles fallen lassen? Wieso sind solche Auszeichnungen so wichtig? Vor allem für die, welche es eh schon geschafft haben? Sehnen sich nicht viel mehr die danach, die eben nicht dort sind? Und erachten dann das Verhalten desjenigen, der es für sich geschafft hat, als Affront, weil sie nie da sein würden?

In der ganzen Debatte um diesen Nobelpreis fällt mir nur immer ein Wort ein: Neidkultur. Es gibt KEIN Kriterium gegen die Wahl. Literarischer Text ist Literatur. Wenn er gut ist, sogar grosse. Ob da dann noch Noten unterlegt werden oder nicht, macht aus dem Text nicht weniger Literatur. Sonst müsste man das Heideröslein – das ich als gesangliches Nichttalent unter Qualen singen musste – zur Nicht-Literatur erklären. Man sollte Herrn Goethe ausbuddeln und schauen, was er dazu sagte.

„Sorry Wolfgang, nachdem nun Töne zum Text kamen, können wir dein Gedicht nicht mehr als Literatur anerkennen.“

Herr Goethe würde wohl laut lachen und sagen:

„Who cares?“

Weil er es konnte. Er tauschte sich ja auch mit Herrn Schiller aus, kritisierte dessen Werk und liess diesen mit seinem ebenso umgehen. Man lebte ein Miteinander und wuchs gegenseitig. Heute gönnt man sich nichts, es könnte ein anderer mehr vom Kuchen bekommen. Mit dieser Haltung verlieren alle. Am meisten man selber.

An dieser Stelle nochmals herzliche Gratulation an Bob Dylan. Der Preis war – ungeachtet der Umstände der Sprechung – mehr als verdient. Und wer das nicht glaubt, soll sich mal an die Analyse der Texte machen. Dann sprechen wir weiter.

Peter von Matt: Sieben Küsse (Rezension)

Glück und Unglück in der Literatur

Vom Küssen und den Folgen

Inhalt

Weil die Literatur immer konkret ist, denkt sie nicht in Begriffen, sondern in Szenen. Das Wissen vom Glück erscheint daher in der Literatur immer und immer wieder als die leibhaftige Begegnung zweier Menschen. Das Nachdenken darüber verkörpert sich in deren Geschichte und weiterem Schicksal.

Mit diesem Wissen beginnen wir unsere Reise durch die Welt der Literatur, wir lassen uns von Peter von Matt die Glück oder Unheil bringenden Küsse der Weltliteratur zeigen und deuten.

Literatur […] ist ein jahrtausendealtes Unternehmen der Welterklärung.

Sieben Küsse hat er sich vorgenommen, die Reise geht kreuz und quer durch die Zeiten und durch die Welt. Wir tauchen in die Welt von Virginia Woolfs Mrs Dalloway ein, erfahren mehr über die Rolle der Frau und ihr Selbstbild, das wohl als Bild der damaligen Zeit gelten kann. Wir feiern mit Gatsby die ausufernden Feste, die nur dazu gedacht sind, die einst Geküsste wiederzugewinnen. Daegen wirkt Gottfried Kellers Welt gar bürgerlich – und doch geht es auch da um einen Kuss, ebenso bei Grillparzer, Kleist, Duras und Tschechow.

Beurteilung
VonMattKüssePeter von Matt gelingt es, auf eine unglaublich schön lesbare Weise, mit viel Humor, Fachwissen und spürbarer Leidenschaft für die Literatur, tiefer in die literarischen Welten einzelner Bücher einzutauchen. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise quer durch die Zeit, analysiert einzelne Werke und stellt sie in einen grösseren Zusammenhang. Er legt literarische Mittel wie Symbole, Metaphern, Verweise und mehr offen und breitet dadurch vor dem Leser einen Fundus an Wissen aus.

Peter von Matt wird dieses Jahr 80. Aus seiner Feder stammen viele wunderbare Bücher zur Literatur, die immer auch ihn selber und seine Leidenschaft durchschimmern lassen. Ich bin dankbar, durfte ich bei diesem Mann studieren, der nicht nur fachlich, sondern auch menschlich toll ist. Er hat die Gabe, Bücher lebendig werden zu lassen. Er vermittelt einem Sichtweisen auf Texte, die helfen, diese mit ganz neuen Augen zu sehen, tiefer zu gehen, weiter zu forschen und mehr herauszuziehen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch, das von der Liebe zur Literatur, dem immensen Fachwissen, allgegenwärtigem Humor lebt und Lust am (genauen) Lesen vermittelt. Absolute Leseempfehlung!

Der Autor
Peter von Matt, geboren 1937 in Luzern, war von 1876 bis 2002 Professor für Germanistik an der Universität Zürich. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt, der Akademie der Künste Berlin und der Sächsischen Akademie der Künste. 2014 wurde Peter von Matt mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main ausgezeichnet. Er lebt bei Zürich.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (30. Januar 2017)
ISBN-Nr 978-3446254626
Preis: EUR 22 / CHF 31.90
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Tim Parks: Thomas & Mary (Rezension)

Wenn Fronten härter und Gräben tiefer werden

Inhalt

Er fragt sich, ob er auf seine Frau warten und sie zur Rede stellen soll, aber es ist nur ein flüchtiger Gedanke. Im Grunde ist sie diejenige, die ihn zur Rede stellen sollte.

ParksThomasThomas und Mary sind seit 30 Jahren verheiratet. Sie leben ihr Leben in einer Routine, die sich über die Jahre gebildet hat. Das wirklich Verbindende sind wohl die Kinder, welche aber nun gross sind – die Tochter ist schon ausgezogen. An ihrer Stelle zieht ein Hund ein. Es ist mit ihm wie mit allem: Es ist nicht ganz klar, ob er der Ehe von Thomas und Mary eher zu- oder abträglich ist. Die beiden reden schon lange nicht mehr miteinander, was aber gar nicht neu zu sein scheint.

Tatsächlich ging es, wenn sie zusammen waren, oft darum, über ihre gemeinsamen Bekannten herzuziehen, was vielleicht der Grund ist, warum aus diesen Bekannten keine gemeinsamen Freunde wurden.

Beurteilung
Thomas & Mary ist ein Buch über eine Ehe. Es ist eine Ehe, wie es vermutlich viele gibt, eine Ehe, die nicht durch spezielle Eskapaden, Ausbrüche oder Dramen daherkommt – und doch nicht wirklich eine Beziehung ist. Das Buch ist mehrheitlich aus Thomas’ Sicht geschrieben. Er reiht Erinnerungen aneinander, nicht chronologisch, einfach so, wie sie ihm in den Sinn kommen. So entsteht aus vielen kleinen Stücken langsam ein Bild. Es ist das Bild von vielen kleinen Lügen, Verletzungen, Verurteilungen.

Gezeichnet wird das ganz normale alltägliche Leben zweier Menschen, die sich selber in einer Beziehung gefangen haben und beständig an den Mauern arbeiten. Sie reden nicht miteinander, sondern eher aneinander vorbei. Sie haben die eingefahrenen Muster zweier Menschen, die über Jahre daran gearbeitet haben, sie zu entwickeln, und die diese nun meisterhaft beherrschen. Sichtbar werden sie an Bemerkungen, Gesten, Verhaltensweisen.

All das erzählt Tim Parks in einer einfachen, gut lesbaren Sprache, die fast mündlich anmutet – was in dem Fall gut passt, sind es doch Thomas’ Gedanken, denen wir meist folgen. So greift die Form den Inhalt auf und macht diesen noch authentischer.

Als Leser sitzt man vor dem Buch und fragt sich immer mehr: Kann das so weiter gehen? Kommen sie da nochmals raus? Und wenn ja: Wie? Tim Parks ist es gelungen, zu zeigen, dass es eigentlich keinen Schuldigen gibt in dieser Geschichte. Es ist das Miteinander, das langsam weniger wird. Es sind die Gräben, die tiefer werden durch ausbleibende Zärtlichkeiten, mangelndes Interesse, fehlendes Miteinander. So ist eine eigentlich stille, tiefe Geschichte entstanden, die aber bei alledem leicht erzählt wird. Das ist grosse Erzählkunst.

Fazit:
Ein authentisches, menschliches und sprachlich stimmig erzähltes Buch über die eingefahrenen Muster einer langjährigen Ehe. Empfehlenswert.

Der Autor
Tim Parks, geb. in Manchester, wuchs in London auf und studierte in Cambridge und Harvard. Seit 1981 lebt er in Italien.

Seine Romane, Sachbücher und Essays sind hochgelobt und mit vielen Preisen ausgezeichnet, u.a. den Somerset Maugham, Betty Trask und Llewellny Rhys Awards. Er unterrichtet Literarisches Übersetzen an der Universität Mailand, schreibt für den New Yorker und die New Review of Books, und seine Übersetzungen umfassen die Werke von Moravia, Calvino, Calasso, Tabucchi und Machiavelli. Zuletzt erschien Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen (Kunstmann 2016).

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Piper Verlag (15. Februar 2017)
Übersetzung: Ulrike Becker
ISBN-Nr 978-3956141645
Preis: EUR 22 / CHF 31.90
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Wann ist ein Künstler Künstler?

Heute las ich auf FB die Frage, wann ein Mensch Autor genannt werden könnte. Da diese Frage relativ einfach zu beantworten ist, da Autor ein relativ klar definierter Begriff ist (Autor ist grundsätzlich ein Verfasser eines Textes – und der muss in Umfang, Art und Verwendung nicht definiert werden), wollte der Fragende wohl mehr erfahren. Und das hat er.

Es hagelte nur so Antworten. Wirklich interessant waren die Antworten derer, die sich als Autoren von anderen Schreibenden abheben wollten. Autor, so hiess es vehement, sei nur, wer ein Buch bei einem Verlag veröffentlicht hätte. Alle anderen wären nur Hobby-Schreiberlinge. Sie wurden auch nicht müde zu betonen, dass sie selber für (gleich) mehrere Verlage schrieben und das beim Finanzamt angäben (das Finanzamt scheint in dem Fall sehr wichtig zu sein). Sie gestanden bei dieser sehr finanzorientierten Definition immer ein, dass man nicht zwingend davon leben könne, wenn man die Kriterien erfüllt. Ich war froh, denn ich hatte von den Namen noch nie gehört, geschweige denn was von ihnen gelesen. Autor sei – das war trotzdem ihr Fazit – nur einer, dessen Text mindestens einmal gekauft wurde.

Nun erachte ich Schreiben durchaus als Kunst (mal mehr mal weniger kunstvoll). Ich wagte also todesmutig den Vergleich mit der Malerei. Gaugin, so mein Einschub, sei also ein Hobbymaler gewesen. Die Antwort: Zu Lebzeiten wohl. Zum Künstler wurde er erst posthum. Ich war dann still. Und dachte mir meines.

Hätte Gauguin es ebenso gesehen, gäbe es wohl kein Bild von Tahiti. Ganz viel Kunst wäre nie entstanden, würde man Kunst nur am Geldfluss messen. Ja, einige Kunst bringt viel Geld. Aber auch ganz viel Mist bringt viel Geld. Kunst am Geld festzumachen, erachte ich als falschen Weg. Natürlich würde ich mir wünschen, dass Künstler leben könnten von ihrer Kunst. Ich hätte Gauguin all die posthumen Millionen gegönnt. Generell wäre es schön, dass Kunst einen Wert hätte, der es dem Schaffenden ermöglichen würde, zu überleben. Und zu schaffen.

Aber: Kunst nur daran zu messen? Damit würde man der Kunst die Seele rauben. Kunst wäre keine Auseinandersetzung mehr mit dem Leben, mit der Welt, sie wäre blosser Kommerz. Und nein, ich sage damit nicht, dass jede Kunst, die Geld bringt, keine ist. Es gibt zum Glück Künstler, die früh genug entdeckt und gefördert und bezahlt werden. Der Umstand, wer dieses Glück hatte und wer nicht, entscheidet kaum über die Qualität ihrer Kunst, es sagt schlicht mehr über die Umstände aus, denn: Es gibt ganz viel finanzierte und veröffentlichte Kunst (Literatur), die schlicht nur Schrott ist, genauso gibt es viel an Kunst, das in Schubladen, Ateliers und Kellern auf Entdeckung wartet.

Ob etwas Kunst ist, sollte sich aus dem Werk selber definieren, nicht daraus, ob es Geld brachte. Produziert jemand nur, um Geld zu kriegen, ist es selten Kunst. Kann sein, muss nicht. Das ist nicht verwerflich. Wir müssen alle leben. Nur: Wenn wir dann aufs hohe Ross steigen und alle anderen abstufen, dann sitzen wir schlicht auf dem falschen Pferd. Ich bin dankbar für all die Künstler, die auch ohne finanziellen Erfolg weiter machten. Wie viele Meisterwerke in allen Bereichen wären uns verwehrt gewesen sonst.

Ich wünsche mir, dass jeder Künstler den Mut hat, seinen Weg zu gehen. Dass er sich nicht abhalten lässt von solchen Aussagen, die wohl mehr von der Profilierung der Aussprechenden zeugen als von einem Kunstverständnis. Künstler zu sein, hat selten mit Wohlstandswillen zu tun, es ist meist der Wunsch, sich auszudrücken. In einer Welt, die ist, wie sie ist. Wenn es gehört werden will – zu Lebzeiten des Künstlers –, umso schöner.

Claire Fuller: Eine englische Ehe (Rezension)

Was bleibt, wenn jemand aus seinem Leben verschwindet

Inhalt

Was ich liebe: wie wir damals waren und wie wir hätten werden können.

FullerEheIngrid, eine junge Literaturstudentin aus London, weiss, was sie will: Unabhängig sein, die Welt bereisen, Schriftstellerin werden. Diese Pläne sind bald vergessen, als sie sich in den älteren, attraktiven und sehr umschwärmten Literaturprofessor Gil Coleman verliebt. Spätestens als Ingrid schwanger ist, weiss sie, dass ihr Leben eine andere Bahn einschlagen wird.

Das Leben wird nicht leicht für Ingrid. Geldsorgen und ein untreuer Ehemann plagen sie. Meist ist sie mit zwei Kindern, Nan und Flora, allein in einem kleinen Ort an der englischen Küste. Weil der Schlaf ausbleibt, schreibt sie Gil Briefe, die sie in den Büchern der Bibliothek versteckt – und irgendwann verschwindet sie.

Die drei Zurückgebliebenen gehen unterschiedlich mit dem Verlust um. Nan, die ältere Tochter übernimmt tatkräftig die Mutterrolle, Flora und ihr Vater Gil pendeln zwischen der Hoffnung, dass Ingrid zurückkommt, und der Verzweiflung, dass sie tot sein könnte, hin und her.

Beurteilung
Eines der besten Bücher, das ich seit langem gelesen habe. Claire Fuller erzählt die Geschichte einer Familie einerseits aus der Sicht Ingrids durch ihre Briefe an Gil, andererseits aus Floras Sicht. So wird nach und nach das ganze Leben der vier aufgerollt und man sieht als Leser, wie alles kam, wie es heute, zum Zeitpunkt der aktuellen Handlung, ist.

Obwohl man wenig über die Äusserlichkeiten der einzelnen Figuren erfährt, werden sie durch ihre Handlungen, ihre Gedanken, plastisch und fast fühlbar. Man wird als Leser mehr und mehr in die Geschichte hineingezogen, lebt sie mit, will nicht mehr aus der Welt des Buches austreten, obwohl man zunehmend versteht, wieso Ingrid es durchaus wollte.

Eine englische Ehe ist die Geschichte einer Frau, die im falschen Leben gefangen ist und ausbrechen will. Es ist die Geschichte einer Liebe, die voller Hoffnung begann, wohl nie endete, und doch an einen Ort gelangte, an dem sie nie hätte ankommen sollen. Es ist die Geschichte zweier Mädchen, die mit der ganzen Situation überfordert waren und sind, und die ihren Weg, damit umzugehen, suchen mussten. Es ist aber auch eine Geschichte übers Schreiben

Geheime Wahrheiten[…] sind das Lebensblut des Schriftstellers. Eure Erinnerungen und eure eigenen Geheimnisse. Vergesst Handlungen, Charaktere, Struktur; wenn ihr euch Schriftsteller nennen wollt, müsst ihr die Hand bis zum Handgelenk ins Trübe stecken, bis zum Ellbogen, zur Schulter, und die dunkelsten, intimsten Wahrheiten hervorzerren.

und über Bücher:

Ein Buch wird erst lebendig, wenn es mit dem Leser kommuniziert. Was passiert denn eurer Meinung nach in den Lücken, mit den unausgesprochenen Dingen, mit dem, was ihr ausgelassen habt? Der Leser füllt all das mit seiner eigenen Fantasie.

Claire Fuller ist ein sehr lebendiges Buch gelungen. Es gelingt ihr, durch die verschiedenen Erzählperspektiven die Spannung hochzuhalten. Es gelingt ihr, Charaktere zu schaffen, mit denen man sich identifizieren kann, in die man sich hineinversetzen kann. Man sieht die Schauplätze vor sich, riecht das Gras, hört das Meer beim Lesen. Man lebt die Geschichte mit und wenn man die letzte Seite beendet hat, fällt der Abschied schwer.

Fazit:
Ein wunderbares Buch: Tief, lebendig, mitreissend, wunderbar erzählt. Ein Buch, das berührt und bereichert. Eine absolute Leseempfehlung.

Die Autorin
Claire Fuller lebt mit ihrem Mann in Winchester, England, und hat zwei erwachsene Kinder. Für ihren späten Debütroman „Our Endless Numbered Days“ erhielt sie viel Kritikerlob und wurde mit dem Desmond Elliot Award ausgezeichnet. „Eine englische Ehe“ ist ihr zweiter Roman und wurde in mehr als 10 Sprachen lizensiert.

Susanne Höbel übersetzt seit gut zwanzig Jahren aus dem Englischen und Amerikanischen, darunter Werke von John Updike, Thomas Wolfe, Graham Swift und Nicholson Baker. Sie lebt in Hamburg und Südengland.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
Verlag: Piper Verlag (1. März 2017)
Übersetzung: Susanne Höbel
ISBN-Nr: 978-3492057912
Preis: EUR 22 / CHF 31.90
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Ein ganz normaler Abend

Sie sah ihn nur an. Sie sagte nichts. Er wurde verlegen unter ihrem Blick, schwieg aber auch. Sein Blick schweifte umher. Mit dem Zeigfinger fuhr er sich über die Lippen, als ob er Krümel wegwischen wollte, die nicht da sein konnten. Er hatte nichts gegessen. Sie kannte diese Geste gut. Er machte sie oft. In ähnlichen Situationen. Man konnte aus der Geste ablesen, wie er sich fühlte. Sie konnte es ablesen. Aus allen seinen Gesten. Es fühlte sich vertraut an, von jemandem zu wissen, wie er sich verhält bei bestimmten Gefühlen. Ein Gefühl der Nähe kam in ihr auf. Sie wollte das nicht. Sie war wütend. Oder wollte sie es nur sein?

Er hatte ein liebes Gesicht. Sie kam nicht umhin, das zu denken, als sie ihn so ansah. Immer noch schweigend. Über die Jahre waren mehr weisse Haare zu seinen dunklen gekommen. Zeichen der Zeit, die gesehen werden wollen. Er hatte grosse runde Augen. Sie verliehen ihm immer etwas Hilfloses, Verlorenes. Rette mich. Ich brauche dich. Das stand irgendwie auch jetzt in seinem Blick. Oder las sie es nur hinein? Über die Jahre hatte er zugelegt. Alles war rund an ihm. Weich. Er auch mit sich selber. Nur mit ihr war er hart. Manchmal. Und es erschloss sich ihr nicht, wie jemand so Weiches so hart sein konnte. Sie mochte das Weiche nicht. Das Harte noch weniger. Manchmal dachte sie, sie wisse selber nicht, was sie mag.

Sie fühlte eine Trauer aufsteigen. Dachte zurück. An Momente, Augenblicke, Situationen. Sie dachte an Liebe, an ihren Beginn. Sie dachte, wie alles mal war und was hätte sein können. Sollen. Sie dachte daran, was sie sich erträumt hatten, was sie sich gewünscht hatten. Hatte sie es nur gewünscht? Oder nur er? War einer mitgezogen? Es erschien so bunt, so erreichbar, so realistisch damals. Wo waren sie gelandet?

Sie sassen an diesem Tisch in dieser Wohnung und schwiegen. Sie hatten sich viel zu sagen und hatten sich schon viel zu viel gesagt. Sie hatten sich Dinge gesagt, die sie nie hätten sagen wollen, nie hätten sagen sollen – und doch waren sie gesagt. Sie hingen in der Luft und klangen nach. Sie klangen aus allen Poren. Sie klangen aus seinen Gesten, aus seinem Blick, der in die Ferne ging. Und sie hingen ihr in der Brust.

Wie sollte es weiter gehen? Konnte es weiter gehen? Müsste es weiter gehen? Was würde es helfen, wenn dies nun das Ende wäre? Was käme danach? Was kommt nach dem Ende? Wo geht man dann hin? Sie sass da und schaute ihn an. Sie wünschte sich, er würde was sagen. Sie wünschte, er hätte eine Lösung, die er ihr präsentieren könnte. Und sie wusste, was immer er auch sagte, sie würde es zurück schmettern, würde ihn einen Besserwisser nennen, würde wütend sein, weil er Lösungen präsentierte, während sie keine mehr sah. Und weil sie wütend sein wollte. Auf sich. Auf ihn. Aufs Leben.

Er fragte nur leise: „Worum geht es hier eigentlich?“

Sie hatte keine Ahnung.

Gotthold Ephraim Lessing: Lied aus dem Spanischen

Gestern liebt‘ ich,
Heute leid‘ ich,
Morgen sterb‘ ich:
Dennoch denk‘ ich
Heut und morgen
Gern an gestern.

Gotthold Ephraim Lessing hat dieses Gedicht geschrieben. Zwar trägt es den Titel „Lied aus dem Spanischen“, allerdings findet sich trotz Suchen kein spanisches Original, das diesem Gedicht auch nur ähnlich sähe. Dazu kommt, dass es zu gut in die Biographie des Dichters passt: Kurz zuvor war seine Frau gestorben, der kleine Sohn wurde kaum einen Tag alt. Das deutet darauf hin, dass er mit dem Nachsatz von sich ablenken, dem Gedicht einen allgemeinen Anstrich geben wollte.

Liebe gilt als höchstes der Gefühle. Wir alle streben danach, suchen sie, brauchen sie gar zum Überleben. So gewünscht und gewollt sie ist, so schwer kann sie auch sein. Die Liebe ist ein Wagnis. Sich darauf einzulassen bedeutet immer ein Risiko, denn nichts macht verletzlicher als zu lieben und diesem Gefühl freien Lauf zu lassen. Der Geliebte besitzt eine Macht und eine Kraft, die alles übertrifft. Kaum einer litt nicht an der Liebe, und doch: Wir sehnen uns immer wieder danach. Wir nehmen das Leiden in Kauf, nehmen sehr viel in Kauf, nur um diese Liebe spüren und erleben zu können.

Das lyrische Ich (Lessing?) spricht nur von sich. Die Geliebte ist kein Thema. Das Gefühl des Liebens ist an sich schon Glück bringend. Ob die Liebe gegenseitig war, ist kein Thema im Gedicht. Das Ich steht im Zentrum, es erscheint vier Mal in sechs Zeilen.

Das Gedicht spiegelt die Innensicht eines einst Liebenden wieder, der diese Liebe verloren hat, leidet, gar sterben wird, aber trotzdem zurück denkt. Damit geht er auf die rationale Ebene. Er denkt. Das Fühlen hat aufgehört, es ist nur noch Erinnerung, nun denkt er daran zurück. Das Ich ist das Bleibende, alles andere verändert sich. Während die Welt im Wandel ist, erlebt das Ich diese Welt, bleibt aber bestehen als (wenn auch sich veränderndes, aber trotzdem im Kern bleibendes) Ich. Es setzt dem Ausgeliefertsein an den Wandel ein „dennoch“ entgegen, das auf dem Verstand gründet. Hier drückt klar die Aufklärung der Zeit des Verfassers durch.

Selbst beim Denken erscheint das Fühlen richtig. Trotz des Wissens, wie es endete. Der Verstand rechtfertigt das Gefühl – das vergangene Gefühl. Es rechtfertigt ein Gefühl, das zum Leid führte. Damit sagt der hier Sprechende, dass das Fühlen der Liebe das Leid, das resultieren kann, übertrifft. Das ist wohl der Grund, wieso man das Risiko immer und immer wieder eingeht. Weil man weiss, dass dieses Gefühl alles übertrifft und jedes Leid wert ist. Selbst wenn man beim Scheitern schwört, nie mehr lieben zu wollen, nie mehr vertrauen zu wollen. Schlussendlich siegt die Sehnsucht nach der Liebe.

Weil:

Ohne Liebe ist alles nichts.

Picasso: Über Kunst (Rezension)

„Malerei ist Poesie“ – Picasso über die Kunst

Das schmale Bändchen enthält Auszüge aus Picassos Gedanken zum Thema Kunst und auch zum Leben als Künstler. Es ist ein kurzer Zusammenschnitt verschiedener Aussagen, die Picasso im Rahmen von Gesprächen mit Freunden gemacht hat.

Den Einstieg in seine Gedanken macht das Zitat:

Ich sage nicht alles, aber ich male alles.

Dass er doch einiges gesagt hat, beweist unter anderem das vorliegende Bändchen. Es folgen nämlich Gedanken zur Malerei und ihrem Zweck in der Welt:

Malerei ist nicht erfunden worden, um Wohnungen auszuschmücken! Sie ist eine Waffe zum Angriff und zur Verteidigung gegen den Feind.

zur Existenz des Künstlers:

Der Künstler ist wie ein Sammelbehälter von Empfindungen

zu Bildern und deren Einordnung:

In den Museen sieht man nur „misslungene Bilder“. Was wir jetzt als „Meisterwerke“ ansehen, sind die Werke, die sich am weitesten von jenen Regeln entfernten, die die Meister der betreffenden Epoche aufstellten.

aber auch Philosophien zum Leben an sich:

Die Persönlichkeit kommt nicht dadurch zustande, dass man eine sein will. Wer darauf versessen ist, originell zu sein, verliert nur seine Zeit und täuscht sich; wenn er überhaupt etwas erreicht, so ahmt er nur nach, was ihm selbst gefällt, und wenn er noch darüber hinausgeht, bringt er etwas zuwege, das ihm nicht einmal mehr ähnlich sieht.

und der Welt, die Picasso um sich wahrnahm:

…weil der Mensch aufgehört hat, einfach zu sein. Er wollte weiter sehen und verlor die Fähigkeit, das zu begreifen, was er vor Augen hatte.

Daniel Keel hat die Aussagen zusammengestellt und sie mit Verweis auf das jeweilige Buch, aus welchem sie entnommen wurden, thematisch gegliedert. Abgerundet wird das Ganze mit sieben Zeichnungen des Meisters.

Fazit
Eine Auswahl von Zitaten Picassos, die einen Einblick in das Denken und Wirken des eigenwilligen Malers gewähren und Lust auf mehr machen. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
PicassoKunstTaschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (1988)
ISBN-Nr.: 978-3257216745
Preis: EUR 8.90 / CHF 13.90

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Frank Berzbach: Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen. Anregung zu Achtsamkeit.

Kreativität als ein Leben in Freiheit

Kreativität wird erst zur Lebensform, wenn wir nicht aufhören, darüber nachzudenken, welchen Sinn unsere Arbeit hat, welche Richtung wir einschlagen wollen und wie wir die Welt besser hinterlassen. Die gute Botschaft … besteht darin, dass wir jederzeit die Möglichkeit haben, die Richtung zu ändern.

Frank Berzbach richtet sich mit diesem Buch an Menschen, für die „Kreativität eine grundsätzliche Lebensform ist“. Im Zentrum steht dabei die Frage „Wie wollen wir leben?“. Der Autor hat mit diesem Buch nicht nur einen Ratgeber unter vielen geschrieben, der zeigen soll, wie das Leben besser wäre. Er hat basierend auf Philosophie, Psychologie und Zen Buddhismus Werte und Wege zusammengetragen, wie das Leben so lebbar wird, wie man sich das selber wünscht.

Sie sind zwar nicht immer ihres Glückes Schmied, aber noch weniger sind sie NUR Opfer der Umstände.

Berzbach geht der Frage nach, was Kreativität ausmacht, wo wir uns beim Leben derselben im Weg stehen und wie wir sie in unseren Alltag integrieren. Er zeigt auf, wie wir diesen Alltag kreativ leben können. Wir alle sind immer äusseren Umständen unterworfen, können selten einfach von jetzt auf gleich alles umkrempeln und nur noch das leben, was wir gerade als für unsere eigene Entwicklung nötig und wichtig erachten. Wichtig ist aber, das Leben mit Achtsamkeit zu beschreiten, die Dinge nicht nur zu tun, weil sie grad gefordert sind. Indem wir uns bewusst werden, was wir selber vom Leben erwarten, können wir dem Leben auch die Richtung geben, die wir uns wünschen, die uns entspricht – und müssen uns nicht nur treiben lassen und Zwängen ausgeliefert sehen.

Bei all dem steht eine Balance zwischen Verstand und Gefühl im Zentrum. Gerade ein kreatives Leben ist auf Gefühle angewiesen, nur die rationale Herangehensweise an die Welt führt zu wenig weit. Trotzdem ist es wichtig, den Verstand zu gebrauchen, denn alles andere wäre dumm:

Dummheit ist entweder fremdgesteuert und hält sich an alle Befehle oder sie ist permanent egoistisch und feiert die prinzipielle Verweigerung.

Wenn zum eigenen Denken dann noch die leidenschaftliche Hingabe an eine Tätigkeit kommt, gepaart mit Achtsamkeit für die eigenen Gefühle und Befindlichkeiten sowie die unserer Umwelt, kommen wir einem kreativen Leben schon viel näher.

Die Formel für Kreativität ist einfach. Finde heraus, was dich belastet, und lese es ab, so, wie man einen übervoll bepackten Koffer abstellt, den man viel zu lange getragen hat. Wenn wir frei sind und uns nichts beunruhigen kann (…), dann wird die in uns befindliche Schöpfung, egal was sie im Einzelnen sein mag, herausfliessen, völlig natürlich und einfach.

Fazit:
Ein inspirierendes und motivierendes Buch, das tief abgestützt ein kreatives Leben und Wege, es zu leben, aufzeigt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Frank Berzbach
Frank Berzbach, geboren 1971, hat in Köln und Bonn Pädagogik, Psychologie und Literaturwissenschaft studiert und an der Goethe-Universität in Frankfurt/Main promoviert. Nach einigen jahren in der Bildungsforschung war er Fahrradkurier für einen schönen Buchladen. Er unterrichtet Psychologie und Kulturpädagogik an der ecosign/Akademie für Gestaltung und an der Fachhochschule Köln.

Angaben zum Buch:
BerzbachBroschiert:192 Seiten
Verlag: Verlag Hermann Schmidt (10. April 2013)
ISBN-Nr.: 978-3874398299
Preis: EUR 29.80 / CHF 45.90

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Matthias Claudius: Der Mensch

Der Mensch

Empfangen und genähret
vom Weibe wunderbar,
kömmt er und sieht und höret
und nimmt des Trugs nicht wahr;
gelüstet und begehret
und bringt sein Tränlein dar;
verachtet und verehret;
hat Freude und Gefahr;
glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
hält nichts und alles wahr;
erbauet und zerstöret
und quält sich immerdar;
schläft, wachet, wächst und zehret;
trägt braun und graues Haar,
und alles dieses währet,
wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
und er kömmt nimmer wieder.

1783 schrieb Matthias Claudius dieses Gedicht. Es umfasst das Menschsein von Geburt bis Tod, eine ganze Lebensspanne. 80 Jahre soll es dauern, dieses Leben und am Schluss endet es da, wo auch die Leben der Vorfahren endeten und die der Nachfahren enden werden. Eine zweite Chance gibt es nicht.

Der Mensch wird nicht gezeugt, er wird empfangen. Die Frau als Empfangende, der Mensch als Empfangenes. Nimmt man den Titel und die ersten zwei Zeilen, scheint der Mensch Mann zu sein, die Frau tritt nach dem Empfangen nicht mehr auf.

Sobald der Mensch auf der Welt ist, sieht und hört er viel und merkt dabei nicht, dass eigentlich alles Schein ist, er die Wahrheit dahinter nicht erblickt. Er sitzt Trugbildern auf, die er für die Wahrheit hält, sehnt sich nach Dingen, um die er weint, wenn er sie nicht kriegt.

Das Leben bietet Gefahren und auch Freuden, alles, was der Mensch baut, zerbricht irgendwann und trägt dabei die Ahnung des endgültigen Abschieds in sich, der jedem irgendwann blüht. So wird das Leben ein ständiges sich Quälen: Aufbau und Zerstörung, nichts währt ewig. In diesem Kreislauf nagt die Zeit an einem, hinterlässt ihre Spuren, bis man eines Tages das Zeitliche segnet. Für immer. Ein anderer Mensch wird irgendwo von einem anderen Weib empfangen, das Menschsein beginnt von neuem, alter Wein in neuen Fässern.

Claudius zeichnet hier eine trostlose Sicht des Lebens und des Menschseins. Sie trägt etwas Hilfloses, etwas Passives in sich. Die Dinge geschehen, man tut als Mensch nichts dazu: man wird empfangen, genährt, betrogen. Zwar versucht man immer wieder, dagegen anzugehen mit Begehren, Lüsten, Lehren. Man sieht alles nur immer wieder zerbrechen, so oft man auch wieder ansetzt. Dieses doch sehr quälende Leben dauert bis zum Tod, welcher endgültig ist.

So gesehen ist der Tod eine Erlösung. Das Gedicht von Claudius nimmt ihm seinen Schrecken, indem es aufzeigt, welches Leiden er beendet. Er zeigt, dass auch das Leben nicht frei gewählt ist, genauso wenig wie der Tod. Während man meist am Leben hängt, den Tod verdammt, kehrt er die Sicht um: Das Leben ist das Grausame, der Tod erscheint als erlösende Gnade.

Man kann das Gedicht als Umgang mit der Angst vor dem Tod sehen, als Relativierung der eigenen Sicht, als Perspektivenwechsel. Das Leben ist auch nicht nur negativ, es bietet Freude, Wachen, Aufbau – aber auch das Gegenteil. Nur der Tod ist endgültig. Dabei aber nicht grausam, sondern ein Zur-Ruhe-Kommen bei den Vorfahren.

10 Bücher von Frauen zum Weltfrauentag

Heute ist Weltfrauentag – wobei ich ja behaupte, jeder Tag ist für alle da. Nun will ich mal nicht so sein und nehme den Tag zum Anlass, 10 wundervolle Bücher von Schriftstellerinnen zu nennen. Ich achte ja grundsätzlich nicht darauf, welches Geschlecht der Autor hat, wenn ich mich für ein Buch entscheide, würde aber – so im Rückblick – behaupten, es waren wohl mehrheitlich Männer. Das lag wohl mehrheitlich daran, dass gerade früher Frauen gar nicht oder selten schrieben und ich über lange Strecken mehrheitlich Klassiker las.

Die Auswahl ist nicht aussagekräftig, sie bedient sich aus verschiedenen Sparten und Zeiten, es sind teilweise Klassiker, teilweise einfach Bücher, die mich berührt haben.

Legen wir los:

Hannah Arendt: Denken ohne Geländer
Das Buch vereint zentrale Texte aus Hannah Arendts Schaffen sowie Auszüge aus Briefen, die ihr Denken offenlegen – ein Denken, das wirklich ohne Geländer frei floss, das vor nichts Halt machte, sondern sich auch (und oft) unbequemen Dingen stellte.

Jane Austen: Stolz und Vorurteil
Töchter aus besserem Hause suchen standesgemässe Männer zwecks Heirat. Was so einfach klingt, stellt sich vor allem bei Elizabeth Bennet schwierig dar, ist sie doch – ihrer Zeit gar nicht gemäss – sehr kritisch, stolz und aufmüpfig unterwegs.

Ingeborg Bachmann: Gedichte
Gedichte, Bilder sprechen lassen, die von ihrer Sprachkraft leben. Bachmann will die Welt verändern mit ihren Gedichten, sie will etwas bewegen – und sie legt auch viel offen.

Diane Brasseur: Der Preis der Treue
Ein Mann schwankt zwischen zwei Frauen und muss sich zwischen dem Reiz des Neuen und der etwas abgeflachten Gewohnheit entscheiden. Am Schluss ist es eine Entscheidung aus Liebe.

Anne Frank: Das Tagebuch der Anne Frank
Das Zeugnis eines jüdischen Mädchens während des Zweiten Weltkriegs, geschrieben im Versteck vor den Nazis. Berührend, echt, tief.

Patricia Highsmith: Zwei Fremde im Zug
Das perfekte Verbrechen – zwei Fremde treffen sich im Zug und beschliessen, dem jeweils anderen zu helfen, einen Menschen loszuwerden.

Mascha Kaleko: Gedichte
Eine klare und schnörkellose Sprache, mal ironisch, mal melancholisch, immer tief(blickend).

Bethan Roberts: Der Liebhaber meines Mannes
Eine Liebesgeschichte der besonderen Art, die von der Liebe zwischen Menschen handelt, die gegen die gesellschaftlichen Zwänge kämpfen.

Susan Sontag: Tagebücher 1964 – 1980
Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke – so beschreibt Susan Sontag ihr Schreiben selber. Die Tagebücher sind das Zeugnis einer intelligenten, nachdenklichen, oft vom Leben enttäuschten Frau.

Virginia Woolf: Flush
Die Biographie eines Hundes und zwar nicht irgendeines Hundes, sondern des Hundes von Elizabeth Barrett Brwoning. Es ist die Geschichte einer sich entwickelnden Liebe und Beziehung über (Sprach-)Barrieren hinweg.

Elizabeth George: Wo kein Zeuge ist (Rezension)

Alles eine Frage der Gerechtigkeit?

Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Nietzsche

georgezeugeDiese Zitat steht am Anfang des neusten Inspector-Lynley-Romans von Elizabeth George. Es regt zum Nachdenken an, es geht tief und hat viel Wahres. Es wäre schön, wäre der Roman so weiter gegangen. Nun wäre es wohl vermessen, eine Krimi-Autorin mit einem so grossen Philosophen messen zu wollen, drum lassen wir das.

Jugendliche werden ermordet. Die Polizei lässt es versanden, bis plötzlich nach drei Toten mit Migrationshintergrund ein Weisser Opfer wurde. Neben der Erkenntnis, dass es sich wohl um einen Serienmörder handelt, muss sich die Polizei auch mit dem Vorwurf des Rassismus auseinandersetzen.

Das altbewährte Team Lynley und Harver ist gefordert. Nur: Harver wurde erst kürzlich degradiert. Und sie versinkt zu Hause im Chaos. Und Elizabeth George wird nicht müde, beides zu betonen, ohne allerdings aufzuklären, was genau Sache ist. Liest man die Reihe kontinuierlich, weiss man das und ärgert sich über die ständigen Hinweise, liest man das Buch als alleinstehenden Krimi, ärgert man sich über die mit der Zeit nervenden Hinweise ohne Aufklärung. So oder so eine unglückliche Angelegenheit. Auch sonst wäre das Buch leicht um die Hälfte zu kürzen gewesen. Bei allem Verständnis für den Wunsch, auf kulturelle Unterschiede hinweisen zu wollen, waren viele Teile der Geschichte nicht förderlich, sie zogen sie nur in die Länge – dies vor allem am Anfang. Man muss sich wirklich sehr durchbeissen, bis der Fall endlich Fahrt aufnimmt.

Bei aller Kritik gelang es George, die Charaktere gut zu zeichnen, die Idee hinter allem ist gut und wenn das Buch mal zum Punkt kommt, packt es und reisst mit. Die vielen privaten Einschübe fungieren Spannungssteigerung – ab und an ein wenig zu viel des Guten für die „Fall-Versessenen“, interessant für die „Figuren-Anhänger“.

Fazit:
Ein Krimi mit einer guten Idee, plastischen Figuren, einem guten Plot und vielen Längen, die Geduld erfordern.

Die Autorin
Eine Amerikanerin in London – zumindest zeitweise lebt Elizabeth George in der britischen Hauptstadt. Dort recherchiert die preisgekrönte Krimiautorin detailversessen an den Orten des Geschehens. Ihre größtenteils verfilmten Geschichten sind eher Gesellschaftsromane als „nur“ spannende Storys – von denen George allerdings eine Menge versteht. Denn Handwerk und Kunst des Schreibens hat sie lange Jahre als Lehrerin für Englische Sprache und Literatur sowie später in Unikursen für Kreatives Schreiben unterrichtet. Bekannt wurde sie vor allem mit ihrem Ermittlerduo Inspector Lynley und Sergeant Havers. Geboren wurde Elizabeth George 1949 in Warren im US-Bundesstaat Ohio. Nach vielen Jahren in Kalifornien lebt sie heute im Nordwesten der Vereinigten Staaten bei Seattle.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 800 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (21. November 2016)
Übersetzung: Ingrid Krane-Müschen
ISBN-Nr: 978-3442485246515
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Jodi Picoult: Bis ans Ende der Geschichte (Rezension)

Die Vergangenheit schläft nie

Jede Erinnerung ist eine Papierblume im Ärmel eines Zauberers, gerade eben noch unsichtbar und gleich darauf so gegenwärtig und blühend, dass ich mir nicht vorstellen kann, wieso sie sich die ganze Zeit versteckt hatte.

picoultendeSage Singer hat ihre Mutter bei einem Autounfall verloren und ist seit da durch eine Narbe gezeichnet. Sie entzieht sich gerne den Menschen, so dass ihr der Beruf der Bäckerin, den sie mit Leidenschaft ausübt, gerade recht kommt. Regelmässig besucht sie eine Trauer-Selbsthilfegruppe, wo sie auf Josef trifft. Josef ist auch Kunde in der Bäckerei, in der Sage arbeitet. Immer sitzt er da mit seinem Dackel und hat sein kleines Notizbuch auf dem Tisch.

Zwischen Josef und Sage entsteht eine Freundschaft. Beide waren sie allein, beide fühlen sie sich verstanden.

Es ist ein Unterschied, ob man die Vergangenheit mit jemandem teilt oder sie allein durchlebt. Es fühlt sich weniger nach Wunde, eher nach Verband an.

Eines Tages bittet Josef Sage um einen Gefallen: Sie soll ihn umbringen. Er erzählt ihr von seiner Vergangenheit als SS-Soldat. Sein Tod soll Sühne sein für seine Schuld. Sage steht vor einem Dilemma. Ist die Erfüllung dieses Wunsches moralisch legitim? Gesetzlich ist sie sicher nicht.

Bis ans Ende der Geschichte ist ein sehr vielschichtiger Roman. Er behandelt die unterschiedlichsten Themen, die alle für sich romanfüllend gewesen wären: Trauer nach einem Verlust, der Umgang mit eigenen Schwächen, Vergangenheitsbewältigung nach dem Holocaust – auf beiden Seiten, denn Sages Grossmutter ist eine Überlebende des Regimes.

Jodi Picoult schafft es, sehr glaubwürdige und stimmige Charaktere zu erschaffen, die alle ihre Geschichten als Erzählstränge in den Roman einbringen und diese langsam zu einem Netz weben. Das Buch regt zum Nachdenken an, es stellt viele ethische Fragen, auf die man Antworten finden muss und will.

Ab und an hat der Roman Längen, ganze Abschnitte erscheinen als sehr weit hergeholt und wenig zielführend, haben aber am Schluss ihren Sinn im Ganzen. Ein sehr durchdachtes, gut durchkomponiertes literarisches Werk, das sich dann und wann etwas zu sehr in die Länge zieht durch die Beschreibung zu vieler Details. Damit steht Jodi Picoult aber nicht alleine da, diese – wenn man es denn so nennen will – Schwäche teilt sie mit ganz Grossen der Literatur.

Fazit:
Ein kunstvoll durchkomponiertes, mit plastischen Figuren beseeltes, zum Nachdenken anregendes Werk, das einige Längen aufweist. Sehr empfehlenswert.

Die Autorin
Die gebürtige New Yorkerin Jodi Picoult eroberte im Sturm die Herzen ihrer Leser. Vor allem ihr Talent , mit Feingefühl vielschichtige zwischenmenschliche Beziehungen zu beschreiben, schätzen ihre Fans. Die 1967 geborene Autorin lebt heute mit ihrem Mann und ihren Kindern in Hanover, New Hampshire. Bereits während ihres Studiums widmete sie sich dem Schreiben und arbeitete zunächst als Texterin und Lehrerin. Ihren ersten Roman verfasste sie 1992, als sie mit ihrem ersten Kind schwanger war. Damit sie für ihre Bücher effektiv recherchieren kann, hat ihr Mann seinen Beruf aufgegeben. Jodi Picoult kann so die Schauplätze ihrer Romane besuchen, um eine genaue und authentische Beschreibung zu liefern. Kein Wunder also, dass man mit ihren Romanhelden jedes Mal mitfiebert, als ob sie wirklich wären.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 576 Seiten
Verlag: Penguin Verlag (22. August 2016)
Übersetzung: Elfriede Peschel
ISBN-Nr: 978-3328100515

Preis: EUR 10 / CHF 14.90
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Malte Herwig – Die Frau, die nein sagt (Françoise Gilot)

Muse, Malerin – Françoise Gilot über ihr Leben mit und ohne Picasso

Das Leben muss riskiert werden, um gelebt zu sein

Wenn du wirklich leben willst, musst du Dramatisches riskieren, sonst lohnt sich das Leben nicht. Wenn du riskierst, erlebst du auch schlimme Dinge, aber du lernst vor allem eine Menge und lebst und verstehst immer mehr. Vor allem wirst du nicht langweilig. Das Allerschlimmste: langweilig werden.

François Gilot hat etwas riskiert im Leben. Immer wieder. Sie hat sich auf eine Beziehung zu Picasso eingelassen, dem sein Ruf über seinen Umgang mit Frauen vorauseilte. Trotz Warnungen von aussen und eigenem Wissen, dass es nicht gut enden kann, wurde Françoise die Frau an Picassos Seite. Die beiden hatten zwei Kinder und Françoise war es, die nach zehn Jahren für sich beschloss, die Beziehung zu beenden. Bis zuletzt hatte Picasso gehofft, das Ruder rumreissen zu können, als er sie wirklich abreisen sah, drohte er ihr, dass sie nie mehr einen Fuss auf den Boden der Kustwelt bringen würde. Er hatte sich geirrt.

Nachdem François Gilot 1964 selber ein Buch herausgegeben hat über ihre Zeit mit Picasso (Mein Leben mit Picasso), ist mit Die Frau, die nein sagt ein weiteres Zeugnis des Lebens dieser starken Frau erschienen. Malte Herwig hat die eigenwillige Françoise Gilot, welche mittlerweile 90 Jahre alt ist, in ihren Ateliers in New York und Paris besucht und in Gesprächen ihre Sicht vom Leben generell und dem mit Picasso ans Licht gebracht. Dass bei einer Malerin die Malerei immer eng mit dem Leben verknüpft ist, liegt in der Natur der Sache, so dass Gilots Ausführungen über ihr Malen immer auch Philosophien fürs Leben sind.

Du musst aus deinen Fehlern lernen, anstatt sie wegzuwischen. Ein falscher Strich, zu dick aufgetragene Farben müssen Teil einer neuen Bildgestaltung werden, bis alles passt – eine Lebensphilosophie, der Françoise nicht nur in ihren Werken bis heute treu geblieben ist. Was gelebt wurde, bleibt und kann nicht weggewaschen werden. Es ist für immer Teil von dir, aber am Ende zählt das Ganze, das du daraus machst. Das Leben als Gesamtkunstwerk.

Das Buch zitiert teilweise lange Passagen aus Gilots Werk, auch die Gespräche nehmen oft die Thematik jenes Buches auf: Das Leben mit Picasso, Picasso als Mensch und Maler und Kontakte zur Künstlerszene der damaligen Zeit. Gilot selber bleibt trotz allem eher undurchsichtig (was aber auch ihrem Naturell entspricht), sie wird auch in diesem Buch grossenteils durch ihre Beziehung zu Picasso vorgestellt. Es ist allerdings zu vermuten, dass dies trotz des selbst herbeigeführten Bruchs mit Picasso so ist, da auch Abkehr eine Form von Auseinandersetzung sein kann – vor allem, wenn sie von einem so prägenden Menschen und der Zeit mit diesem vonstatten geht.

Françoise machte sich zeitlebens viele Gedanken. Sie durchschaute viel und liess sich dann (trotzdem) bewusst auf die Dinge ein, auch auf die, welche von vornherein schwierig oder gar aussichtslos erschienen, von denen sie sich aber etwas für sich erhoffte – so auch wenn sie liebte und wusste, dass es vernünftig wäre, diese Liebe nicht zu leben. Allerdings wäre das nicht das Leben, wie sie es für sich definiert.

Aber die Vernunft ist kein Freund des Malers, du brauchst sie nicht unbedingt bei der Arbeit. Zum Malen brauchst du Leidenschaft, du musst in Schwung kommen und den Vogel Zweifel von der Schulter scheuchen.

In einigen Gesprächen geht Françoise Gilot auch auf ihr Malen und ihr Verständnis davon, was Malen heisst, ein. Sie schildert ihre Liebe zur Bilderwelt, zu der immer auch eine Liebe zur Sprache kommt.

[…]
Malen ist zuerst einmal Handwerk. Man braucht Fingerfertigkeit, Kenntnis der Werkzeuge und muss die Beziehungen der Farben untereinander studieren.
[…] Das Auge ist das wichtigste Instrument der Malerin
Ich wollte immer Malerin sein, aber die Sprache ist mir sehr wichtig. […] Wenn ich zeichne, ist das Wort nie weit. […] Irgendwo in den Ritzen ihrer Gemälde versteckte sich immer der Intellekt. Im Unterschied zu den männlichen Malerfürsten ihrer Generation trug sie dabei nie dick auf.

Ein weiterer Schwerpunkt des Buches sind die Erkenntnisse, die Malte Herwig aus den Gesprächen für sich selber zieht, als ob er gleichwohl dem Leser erklären möchte, was ihm die Aussagen von Gilot zwischen den Zeilen sagen könnten. Das macht aus dem Buch stellenweise eine Art Lebensratgeber und Selbsterfahrungsbericht. Ich hätte lieber mehr über François Gilot und ihre Malerei erfahren, möchte diesem Kritikpunkt aber nicht zuviel Gewicht geben innerhalb des Ganzen: Die Frau, die nein sagt ist ein informatives und tiefgbründiges Buch, das Einblicke in das bewegte Leben einer mutigen Frau gewährt und eine bereichernde Lektüre.

Fazit
Ein tiefgründiges Buch, das den Menschen François Gilot vorstellt und Einblicke in ihr bewegtes Leben mit und nach Picasso gibt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Malte Herwig
Malte Herwig, Jahrgang 1972, ist Reporter beim Magazin der Süddeutschen Zeitung und lebt in Hamburg. Seine Artikel und Interviews sind in nationalen und internationalen Zeitungen und Magazinen veröffentlicht worden.

François Gilot
Françoise Gilot, 1921 in Neuilly-sur-Seine geboren, lebt und arbeitet abwechselnd in New York und Paris. Ihre Bilder werden in Museen auf der ganzen Welt gezeigt (Museum of Modern Art, Musée Picasso in Antibes, Musée d’Art Moderne in Paris u. a.). Ihr erstes Buch »Leben mit Picasso« (1964) wurde ein internationaler Bestseller trotz der Versuche Pablo Picassos, die Veröffentlichung mit rechtlichen Mitteln zu verhindern und Gilot in der Kunstwelt zu isolieren.

Angaben zum Buch:
die_frau_die_nein_sagtTaschenbuch: 176 Seiten
Verlag: Ankerherz Verlag (15. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3940138828
Preis: EUR 29.90 / CHF 48.90

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Milena Moser: Das Glück sieht immer anders aus (Rezension)

Glück her – aber dalli

Was will ich wirklich? Ich?
Die radikalste aller Fragen einer Frau mit Kindern.

moserglu%cc%88ckMilena ist 50, geschieden, hat zwei tolle Kinder, den Beruf, den sie immer haben wollte, und doch: Irgendwas fehlt. So richtig glücklich ist sie nicht und sie weiss auch nicht genau, wann sie es das letzte Mal wirklich war. Was muss sie tun, um einfach mal wieder glücklich zu sein? Und vor allem: Was will sie überhaupt – für sich. Bislang hatte sie sich diese Frage nicht stellen müssen, sie war einfach für die anderen da gewesen. Sie hat entweder in San Francisco oder in der Schweiz das Familienleben organisiert und fleissig Bücher geschrieben – was man halt so macht als Ehefrau, Mutter und Schriftstellerin.

Das soll nun ändern. Milena plant eine Reise durch die USA. Sie will glückliche Paare besuchen und selber glücklich sein. Sie will lachen, tanzen und sich selber finden.

Ganz auf mich allein gestellt, auf mich zurückgeworfen, würde ich mich neu kennenlernen.

Das Glück sieht immer anders aus ist die autobiographische Geschichte einer Frau, die von aussen betrachtet strahlend, fröhlich und erfolgreich scheint, tief drin aber von Zweifeln und Selbstkritik zerfressen ist. Milena Moser erzählt schonungslos offen von ihrem Gefühl, nie zu genügen, von der Leere nach der Ehe, von ihrer Müdigkeit und auch Orientierungslosigkeit: Wo führt das alles hin? Und: Wer bin ich überhaupt und was will ich im Leben?

Die Reise wird nicht nur einfach, denn erstens lässt sich das Glück nicht auf Knopfdruck finden und zweitens sind Selbstsuchen auch oft mit Rückblenden verbunden, die dem Glück selten zuträglich sind. Trotzdem ist das Buch weder düster noch erschlägt es einen mit Melancholie. Es ist frei von Selbstmitleid und gar nicht weinerlich. Die Sprache ist gut lesbar, der Stil fliessend, man sitzt hin, fängt zu lesen an und klappt das Buch irgendwann am Ende zu. Unterbrechen möchte man es nicht, schliesslich ist man tief in einem Leben drin, in dem man sich doch ab und an auch selber wiedererkennt.

Das Buch wirkte auf mich, als ob die Autorin sich einfach mal alles von der Seele geschrieben hätte, um den Ballast, der sich angesammelt hat, loszuwerden. Eine Technik, die man beim Expressiven Schreiben anwendet, um sich und seinen Prägungen auf die Spur zu kommen und (positiver) weiter gehen zu können. Neben dem Umstand, dass hier ein wirklich schönes Buch entstanden ist, hoffe ich natürlich, dass dies der Autorin geglückt ist.

Fazit:
Eine schonungslos offene, tief gehende und berührende Lebensbetrachtung. Das wohl persönlichste Buch von Milena Moser. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Milena Moser

Milena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013).

Hier geht es zm Interview mit der Autorin.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (10. Februar 2017)
ISBN-Nr.: 978-3423216715
Preis: EUR 10.95 / CHF 16.90

Erhältlich bei jeder Buchhandlung vor Ort sowie online bei AMAZON.DE und BOOKS.CH.