Was ist echt?

Siehst du
mich so
wie ich bin?

Liest du
nur so
dich hinein?

Bist du
wirklich
hier und jetzt?

Fühlst du
mich so
wie ich dich?

Willst du
es nur
gerne tun?

Was ist
echt und
was gespielt?

Was ist
echt und
was gefühlt?

Siehst du
mich so
wie ich bin?

Das kam
mir grad
in den Sinn.

©Sandra Matteotti

lebenstanz

ich mag keine
halben sachen
mag die dinge
richtig machen
denn zwei halbe
sind kein ganzes
sind 3/4
nur des tanzes
den man durch
das leben geht

und sich selbst
im wege steht
macht man nur so
halbe sachen

ich mag nur die
ganzen sachen
so mit haut und haar
und einem wachen
verstand noch
obendrein der
niemals doch
das herz besiegt
wenn wange sich
an wange schmiegt

©Sandra Matteotti

Die kleinen Illusionen des Lebens

Ich lebte über viele Jahre mit diesem so schon alten Vater, bei dem man immer denken musste, dass er bald mal sterben würde. Klingelte das Telefon zu Zeiten, die ungewohnt waren, malte ich mir die Hiobsbotschaft aus. Aber er war fit. Und munter. So viele Jahre. Sah auch so aus, übertraf im Aussehen gar alle die, welche 20 Jahre weniger auf dem Buckel hatten.

Und dann war es soweit. Er starb so wirklich. Nicht ganz unterwartet, aus heiterem Himmel war neun Monate vorher die Krebsdiagnose gekommen, der Abstieg war kontinuierlich. Anfangs noch Hoffnung und Lebensmut bei ihm (ich wusste es schon da aufgrund der Diagnose, die ich schon mal genauso erlebt hatte), wurde beides immer weniger, die Energie in der Stimme weniger. Ich hätte gerne mit ihm darüber gesprochen, was nun kommt, hätte gerne gewusst, was er fühlt. Ich kannte ihn zu gut. Ich wusste, er will es nicht. Ich habe ihm ab und an Angebote gemacht, dass er sprechen kann. Er zeigte mir, dass er nicht will. Ich liess ihm diesen Willen. Denn: Es ging um ihn. Ich plauderte also im leichten Ton, liess den Humor sprechen. Streute hier und da eine ernste Frage ein, so dass er mir sagen musste, was er sich wünscht. Das war mir wichtig. Es war sein Weg. Ich habe ihn nur begleitet. Wenn auch sehr betroffen.

Mein Vater ist gestorben. Es ist nun über einen Monat her. Und ich sitze hier und schaue zurück. Was ist passiert? Es gibt ein Davor und ein Danach. Aber das gab es schon vorher. Ein Davor und Danach bei der Krebsdiagnose. Nachher war nie mehr wie vorher. Er war noch da, aber nicht mehr als Mensch, wie man ihn kannte, sondern als einer, für den man plötzlich da war. Vorher war er es. So als Vater für das Papakind – egal, wie alt es war. Klar habe ich seine Sorgen immer angehört, war seine erste Ansprechperson, wir hatten einen speziellen Draht. Und doch… nach der Diagnose wurde es zur Einbahnstrasse.

Der zweite Schnitt war der Tod. Es kam gar nichts mehr zurück. Dachte ich früher, ich würde diesen Tod nicht überleben, wurde ich eines Besseren belehrt: Ich habe überlebt. Anfangs mehr schlecht als recht. Es brach auch bei mir alles zusammen. Körperlich, psychisch, medizinisch. Aber ja, ich sitze hier und schreibe. Mein Leben ging weiter. Weil es musste. Wohl auch, weil es sollte.

Wenn ich mit dem Hund spazieren gehe, geht mein erster Blick vor der Tür zum Himmel. Und immer mal wieder auf dem Weg schaue ich hoch. Und denke, da sitzt er nun und schaut runter. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. ich würde es mir auch nicht wünschen. Könnte ich wünschen, sollte es dann fertig sein. So das Nichts nach dem Sein. Das wäre mein Ideal und daran glaube ich auch. Und hole mir da meinen Trost. Und doch schaue ich zum Himmel. Und finde auch darin was Tröstliches. Es ist so meine Illusion, die ich ganz bewusst pflege. Als vor kurzem mein Hund starb, der die letzten Jahre bei meinen Eltern lebte und immer SEIN Hund war, war mein erster Gedanke: „Nun sind sie zusammen.“

Dies trotz meines wirklich tiefen Glaubens, dass es ein „Nun“ nicht mehr gibt nach dem Tod. Wir alle haben unsere Illusionen. Sie geben uns Kraft. Sie bringen was Tröstliches ins Leben. Sie müssen nicht immer wohl durchdacht sein. Es reicht, wenn sie Kraft geben. Und so dieses kleine „SO ist es gut, so darf es sein.“

Nachdenken tue ich dann über andere Dinge, Quantenphysik, den Satz vom Grund, den kategorischen Imperativ und ab und an über Off Side im Fussball. Ich kann sie alle erklären, aber: Ab und an mag ich meine kleinen Illusionen – im Wissen, dass sie welche sind.

Es kommt schon gut

Als mein Vater krank wurde, war sein wohl meist gesagter Satz (er sprach generell nicht sehr viel):

Das kommt schon gut.

Und ja, wir wollten das alle glauben. Die Einen wollten mehr, die anderen glaubten mehr. Und er? Glaubte er? Wollte er es glauben? Wollte er uns überzeugen? Man weiss es nicht so genau. Er war nie ein offenes Buch, eher eines mit sieben Sigeln.

Heute sagt meine Mutter den Satz oft – immer mit dem Nachsatz, dass Papa das immer gesagt hätte. Und ja, wieder glauben wir es und wollen es glauben. Die Frage, die sich ja bei allem immer stellt, ist:

Was ist gut?

Und vor allem:

Wann wissen wir, ob es nun gut ist?

Auf Søren Kierkegaard geht der Ausspruch zurück:

„Verstehen kann man das Leben nur rückwärts; leben muss man es aber vorwärts.“

Menschen sterben, Lieben zerbrechen, Hoffnungen platzen – jeder Mensch durchläuft diese Stadien, meist mehrfach. Und immer geht das Leben weiter, auch wenn man ab und an (anfänglich) denkt, dass es das nun war. Irgendwann blickt man zurück und sieht, dass aus Dingen, die einst als grosses Unglück schienen, auch Gutes entstand oder sie zumindest aus der einen oder anderen Perspektive etwas Gutes in sich trugen: Der Mensch, der starb, hätte unnötig gelitten, mit dem Menschen, der die Liebe aufkündigte, wäre man nicht glücklich geworden, aus den Steinen im Weg konnte man etwas Neues aufbauen.

Es gibt noch so einen schönen Satz:

„Am Ende wird alles gut. Und ist es nicht gut, so ist es nicht das Ende.“

Er gründet wohl auf dem Prinzip Hoffnung. Ich denke, die Hoffnung ist es, die einen immer wieder überleben lässt. Es heisst zwar in der Bibel, dass am Schluss Glaube, Liebe, Hoffnung bleiben, die Liebe das Grösste sei. Ich denke auch, dass die Liebe das Grösste überhaupt ist, aber: Ohne Hoffnung würde man wohl vieles nicht überstehen.

Lebenslicht

Hier brennt ein Licht,
es soll dir leuchten,
den letzten Weg,
den du heut gehst.

Ich bleibe hier,
ich möchte weinen,
ein ganzes Meer
dunkel und tief.

Ich glaube nicht,
dass dieses Leben,
je wieder sein
wird, wie es war.

Hier brennt ein Licht,
es soll mich leiten,
auf meinem Weg,
der vor mir liegt.

©Sandra Matteotti

(geschrieben zum Tag der Einäscherung meines geliebten Vaters)

Worten geschuldete Herzeröffnungen

Ich habe geschrieben,
dir ganz viele Briefe,
und habe versiegelt,
all meine Worte.
Bin in Gedanken geschlendert,
getaucht in Gefühl.

Ich möchte mit Pfauen
augen dich sehen
und nie mehr nur
eine Minute hier stehen,
wenn du nicht hier bei und
neben mir stehst.

Ich möchte dich brauchen
und auch vermissen.
Ich möchte dich küssen,
und nie wieder missen.
Ich möchte so gerne
schlicht mit dir nur sein.

Doch was ich geschrieben,
steckt hinter den Siegeln,
die niemand gebrochen,
da niemand gewahr.
So bleibt mein Geheimnis, was
ich dir sagen will.

Du drehst deine Runden
und weißt von nichts, nicht
von Gefühlen zu dir.
Und doch fühle ich mich
dir tief drin im Herzen
so unendlich nah.

____

Für die abc.etüden, Woche 11.18: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für die Textwoche 11.18 kommt von Natalie aus dem Fundevogelnest

Sie lautet: Pfauenauge, versiegelt, schlendern.

Der Ursprungspost: HIER

Alles für die Kunst

Sie: „Früher hatten Künstler Mäzene, ich habe dich.“

Er: „Hallo? Ich bin dein Mann! Das ist ja wohl was anderes.“

Sie: „Unterstützt du mich etwa nicht mit meiner Kunst?“

Er: „Natürlich tu ich das, das weißt du!“

Sie: „Eben, sag ich doch!“

Er: „Hast ja recht…..“

[eventuell wollte er noch was sagen, aber er kam nicht mehr dazu – wen verwundert es bei der Steilvorlage….]

Sie: „Hab ich das nicht immer?“

[das ist der Punkt, wo er besser nichts mehr sagt… nicken geht noch…]

©Sandra Matteotti

Von der Liebe und anderen Dingen


Kürzlich sass ich im Zug zurück nach Hause und hörte dieses Lied. Es gefiel mir, es war eingängig, bewegte was in mir. Auf den Text hörte ich nicht wirklich, was ich aber zu Hause nachholte.

Man geht  durchs Leben, möchte wohl meist ein guter Mensch sein. Zumindest kann ich mir kaum vorstellen, dass ein Mensch aktiv beschliesst, er müsse ein schlechter Mensch sein. Vielleicht bin ich da naiv, aber ich möchte das gerne so glauben. Nur: So ganz scheint das nicht zu klappen, sonst wären mir seine Gedanken nicht so vertraut. Die Angst, man könnte ausgenutzt werden oder das Gesicht verlieren, ist nicht fremd. Was, wenn man jemandem sagt, dass man ihn mag, der aber nur lachen würde und fände: Ich dich aber nicht? Hielte man nicht besser zurück? Was, wenn man jemandem hilft, der aber, wenn man selber im Schlamassel sitzt, einfach wegschaut? Wäre man dann schlicht blöd gewesen?

Verliere ich das Gesicht, wenn ich zu meinen Gefühlen stehe? Bin ich der Dumme, wenn mein Mitgefühl und meine Hilfsbereitschaft ausgenutzt werden? Ich denke nicht. Und doch befürchten wir es im Alltag wohl immer wieder. Wir halten zurück mit unseren Gefühlen, um nicht das Gesicht zu verlieren. Wir wollen keine Schwäche zeigen und schon gar nicht der Dumme sein. Und wir verpassen damit wohl ganz viel, das eigentlich dazu gut wäre, das Leben schön zu machen.

Ohne Liebe ist alles nichts.

Das ist ein Spruch, der mich seit Jahren begleitet. Ich denke, ihn erfunden zu haben, aber es gab ihn wohl schon vor mir. Er ist zu gross, als dass ihn ein Mensch erst heute erfunden haben könnte. Liebe und Mitgefühl sind nie falsch. Wenn sie nicht erwidert werden, ist das sicher nicht schön, aber immer noch weniger schlimm, als wenn man nicht lieben könnte. Man könnte sich dann ja wohl selber nicht lieben.

Während ich hier so schrieb, ging meine Musikliste weiter, wir sind nun bei dem Lied:

Dazu überlege ich mir ein anderes Mal was….