Selbstschutz

Wie er mich anschaut. Was er wohl denkt? Seine Augen sind so lieb. Er sagt, er liebt mich. Über alles. Ich möchte es ihm glauben. Kann ich? Kann es wirklich sein, dass mich jemand liebt?

„Wieso?“

Nun sagt er nichts mehr. Irgendwie ist sein Blick traurig geworden. War meine Frage zu grob? Habe ich ihn verletzt? Ist diese Frage nicht berechtigt? Ich meine, es ist so schnell gesagt, dass man jemanden liebt. So schnell glaubt man es und vertraut drauf, um dann verletzt zu werden. Zudem, es muss doch einen Grund geben, dass er ausgerechnet mich liebt. Er wird ja nicht einfach aus einer Laune heraus sagen, dass er mich liebt, unbegründet, einfach aus dem hohlen Bauch heraus. Oder ist das Liebe? Ein unerklärliches Gefühl, ohne Grund? Heisst es nicht, dass nichts ohne Grund ist?

„Kannst du mir nicht sagen, wieso du mich liebst? Habe ich so wenig, das dir in den Sinn kommt?“

Wieso er nichts sagt? Ob ich den Nagel auf den Kopf getroffen habe? Vielleicht waren es wirklich nur leere Worte? Wobei, so schätze ich ihn nicht ein. Ich glaube ihm, dass er mich liebt. Ich sehe es in seinem Blick, seinen Gesten, seinem ganzen Verhalten. Aber das könnte auch alles gespielt sein. Wobei, was hätte er davon? Er könnte es soviel einfacher haben ohne mich. Ich bin so schwierig, so kompliziert. Hinterfrage ständig, lasse nichts auf sich beruhen, will überall dahinter sehen, misstraue allem und jedem, mir selber eingeschlossen. Und doch behauptet er, er liebe mich. Ist bei mir, sagt, er bleibe.

„Was schaust du mich so an?“

Ich möchte ihm glauben, möchte mich einfach in seine Arme stürzen, mich an ihn schmiegen. Möchte ihm sagen, dass ich ihn liebe, möchte ihm sagen, dass ich ihn brauche, weil er mir gut tut. Ich möchte ihm sagen, dass es nichts schöneres gibt, als von ihm geliebt zu werden und dass ich nichts mehr möchte, als dass er bleibt.

„Hat es dir die Sprache verschlagen?“

Ich möchte ihm sagen, dass ich Angst habe. Dass ich mich fürchte, wieder verletzt zu werden. Dass ich mich fürchte, zu vertrauen und dann wieder alleine dazustehen. Ich fürchte, nicht nochmals die Kraft zu haben, eine Enttäuschung zu überstehen. Mein Herz krampft zusammen beim Gedanken, ich könnte ihn verlieren. In mir scheint alles schwach zu werden, ein Kloss im Hals, ein Stein im Bauch. Die Arme werden kraftlos, hängen runter, die Beine schwanken. Nur schon beim Gedanken, ihn zu verlieren.

„Dann kann es mit der Liebe wohl nicht so weit her sein, wenn du nicht mal weißt, wieso du mich liebst.“

Ich drehe mich um, gehe weg. Ich spüre seinen Blick im Rücken. Ich drehe mich nicht um. Es ist besser so.

Besinnliche Weihnachtszeit

Die Weihnachtszeit steht vor der Tür. Eine besinnliche Zeit soll es sein, eine Zeit der Liebe, die im Fest der Liebe gipfelt. Schaut man in die Welt hinaus, ist von Besinnlichkeit wenig zu spüren. Im Osten fliegen Raketen, im Westen gibt es nichts Neues und das, was ist, hat mit Besinnlichkeit wenig gemein.

Sieht man mal von der ganzen Geschenkerennerei ab, bleibt die Organisation der Festtage. Bei wem feiert man wann und wieso? Wie teilt man die Tage auf, um allen gerecht zu werden, wer ist dabei, wer darf fehlen? Aus diesen Abwägungen heil herauszukommen und am Schluss keine Erwartungen zu verletzen, erscheint als hohe Kunst. Die eigenen Erwartungen wollen wir nicht mal erwähnen, die würden das Fass des Konfliktpotentials zum Überlaufen bringen.

Erwartungen sind wohl im zwischenmenschlichen Bereich die grösstmögliche Konfliktquelle. Einerseits die eigenen Erwartungen an andere, die, wenn nicht erfüllt, zu grossen Enttäuschungen führen, andererseits die Erwartungen anderer an einen, die  Stress bei einem selbst bewirken. Und als ob das noch nicht genügte, kommen noch die angenommenen Erwartungen der anderen. Ich denke, der andere erwarte etwas von mir und versuche, diese angenommene Erwartung zu erfüllen, ohne zu wissen, ob meine Annahme realistischen Charakter hat.

Erwartet meine Mutter meine Anwesenheit an Weihnachten? Muss es noch ein Geschenk sein? Sollte sich das in einem bestimmten Rahmen bewegen? Ich kann mutmassen. Dazu habe ich Anhaltspunkte aus meinen Kenntnissen ihrer Person, wobei auch die grossenteils auf eigenen Interpretationen beruhen. Die Annahmen von Erwartungen kommen nicht aus dem Nichts. Sie gründen auf Erfahrungen aus der Vergangenheit. Unterlassene Handlungen, welche erwartet worden waren, führten zu Reaktionen. Man merkte sich diese und leitete Erwartungshaltungen daraus ab. Und da steht man nun im Dschungel von Erwartungen, Annahmen, Enttäuschungspotential und Überforderung. Und denkt sich leise „Oh du fröhliche Weihnachtszeit“.

Wo bleibt man eigentlich selber in dem Ganzen? Man könnte von sich auf die Anderen schliessen und denken, die kümmern sich dann alle darum, was man von ihnen erwartet und erfüllen es bestmöglich. Ich wage dies zu bezweifeln. Wieso also tue ich mir diesen Stress an? Wieso mache ich mir die Gedanken? Wohl, weil ich niemanden verletzen möchte. Dabei übersehe ich, dass ich mich selber verletze, indem ich mich einem derartigen Stress aussetze. Ich könnte einfach fragen: Was erwartet ihr von mir? Was wollt ihr von mir an Weihnachten? Und dann danach handeln. Doch weiss ich schon vor der Frage, was käme: „nichts“… und ich könnte es nicht glauben und verführe gleich, wie ich ohne nachfragen agiere.

Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft… kein Wunder, nach all dem Stress.

Was ist Familie?

Fragte man vor einigen Jahrzehnten, was Familie ist, so war die Antwort einigermassen einfach: Vater, Mutter, Kinder im innersten Kreis, dazu kamen Onkel, Tanten, Cousinen, Grosseltern, Grosstanten. Alles einfach, alles einigermassen linear. Dann begann es, schwierig zu werden. Innerste Kreise brachen auf. Wo vorher Vater, Mutter Kinder waren, blieben Mutter und Kinder hier, Vater und Kinder dort. Als ob das nicht genug wäre, gesellten sich auch Onkel, Tanten, Cousinen und Grosseltern zu den jeweiligen Elternteilen, zu denen sie ursprünglich gehörten. 

Verstandesmässig ist die ganze Sache immer noch einfach zu verstehen. Sie ist auch rational nachvollziehbar und liegt im alten Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ begründet. Blickt man tiefer, wird es schwerer. Man heiratet eines Tages aus Liebe einen Menschen und kriegt eine neue Familie dazu. Im besten Fall wird man willkommen geheissen, hört Sprüche, die einen als neue Tochter, neuen Sohn begrüssen. Bricht die Ehe, wird man oft zum verstossenen Sohn, zur fallengelassenen Tochter. Man steht wieder alleine da. Zurück bleibt das Gefühl, nur aufgrund der Liaison angenommen worden zu sein. Es ging gar nie um einen selber.  

Nun könnte man also sagen, dass die Welt böse und schlecht geworden ist, früher alles besser war. Allerdings würde man dabei vernachlässigen, dass man von einem sehr idealen Bild einer sehr heilen Welt ausgegangen ist. Früher waren vielleicht Scheidungen weniger aktuell, dafür starben Mütter weg, Familien waren nie in dem Sinne aktuell, wie wir sie heute als Idealbild vor Augen haben, und Schwiegermütter mochten Schwiegertöchter nicht (auch da ging es selten um den Mensch, mehr um die Rolle). Dann war auch kein eitel Sonnenschein und alles war genauso kompliziert. 

Erschwerend ist wohl der Wechsel der Gefühle. Erst grosse Liebe und Familie, dann grosse Leere und Verstoss. Das Wechselbad macht die Situation schwierig. Wo liegt die Lösung? Ausrufen „habt euch alle lieb“? Sich nie auf neue Modelle einlassen, weil sie zerbrechen könnten? Dann dürfte man gar keine Beziehungen mehr eingehen, denn Partner gehen, entlieben sich oder werden entliebt, Eltern werden älter, man selber flügge, Hunde entlaufen und alle miteinander sterben sie irgendwann.

Damit würde man aber all die schönen Momente verpassen, würde sich um viel Glück betrügen und wozu? Weil die Gefahr bestehen könnte, dass es nicht hält, dass es kein ewiges Glück ist? Aber ist Glück je ewig? Sind es nicht immer neue Glücksmomente, die einem das Leben schön machen, um wieder zu gehen, bis ein nächster kommt. Das Leben ist ein ständiger Wandel, was so auch gut ist, denn sonst stünden wir noch heute da, wo wir vor 5/10/20 Jahren waren. Wir hätten keine neuen Erkenntnisse gewonnen, uns nicht weiter entwickelt. Kaum einer fände das erstrebenswert. Zum Wandel des Lebens gehört auch, gewisse Dinge loszulassen, wenn die Zeit dazu reif ist.

Das gilt auch für Menschen. Es gibt Menschen, die streifen dein Leben, werfen dir einen Blick zu. Es gibt Menschen, die treten in dein Leben, zeigen dir etwas, gehen wieder. Und es gibt Menschen, die kommen, um zu bleiben. Für eine Zeit, für lange, für sehr lange. Alle haben ihren Platz, alle ihre Bedeutung. Ob man diese Menschen nun Familie, Freunde, Geliebte, Bekannte nennt, ist dabei gar nicht so wichtig. Wichtig ist, das Gefühl anzunehmen, das sie einem geben in dem Moment, in dem sie da sind. 

Ohne Liebe ist alles nichts

Gestern liebt‘ ich,
Heute leid‘ ich,
Morgen sterb‘ ich:
Dennoch denk‘ ich
Heut und morgen
Gern an gestern.

Gotthold Ephraim Lessing hat dieses Gedicht geschrieben. Zwar trägt es den Titel Lied. Aus dem Spanischen, allerdings findet sich trotz Suchen kein spanisches Original, das diesem Gedicht nur ähnlich sähe. Dazu kommt, dass es zu gut in die Biographie des Dichters passt und dadurch darauf hindeutet, dass er mit dem Nachsatz, von sich ablenken, dem Gedicht einen allgemeinen Anstrich geben wollte.

Liebe gilt als höchstes der Gefühle. Wir alle streben danach, suchen sie, brauchen sie gar zum Überleben. So gewünscht und gewollt sie ist, so schwer kann sie auch sein. Die Liebe ist ein Wagnis. Sich darauf einzulassen bedeutet immer ein Risiko, denn nichts macht verletzlicher, als zu lieben und diesem Gefühl freien Lauf zu lassen. Der Geliebte besitzt eine Macht und eine Kraft, die alles übertrifft. Und doch kommt man nicht davon los, sie zu ersehnen. Man nimmt das Leiden in Kauf, nimmt sogar den eigenen Tod in Kauf, nur um diese Liebe spüren und erleben zu können.

Lessing spricht nur von sich. Die Geliebte ist kein Thema. Das Gefühl des Liebens ist an sich schon Glück bringend. Das Wiedergeliebtwerden verdoppelt dieses Glück, aber davon ist hier nicht die Rede. Das Ich steht im Zentrum, es erscheint vier Mal in sechs Zeilen. Es ist die Innensicht eines vormals Liebenden, der nun der Liebe entbehrt, leidet, gar sterben wird, aber trotzdem zurück denkt. Damit geht er auf die rationale Ebene. Er denkt. Er fühlt nicht mehr nur, er denkt auch noch. Und selbst beim Denken erscheint das Fühlen richtig. Trotz des Wissens, wie es endete. Der Verstand rechtfertigt das Gefühl. Das vergangene Gefühl. Es rechtfertigt ein Gefühl, das zum Leid führte, was zeigt, dass das Fühlen des Gefühls, der Liebe, das Leid, das resultieren kann, übertrifft. Und das ist wohl der Grund, wieso man das Risiko immer und immer wieder eingeht. Weil man weiss, dass dieses Gefühl alles übertrifft und jedes Leid wert ist. Selbst wenn man beim Scheitern schwört, nie mehr lieben zu wollen, nie mehr vertrauen zu wollen. Schlussendlich siegt die Sehnsucht nach der Liebe.

Wie schrieb schon Goethe:

Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
nach jener Seite.
Ach! Der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide
Nur wer die Sehnsucht kennt
Weiß was ich leide!

Die Sehnsucht ist erst gestillt, wenn die Liebe wieder da ist. Denn: Ohne Liebe ist alles nichts.

Max Frisch: Antwort aus der Stille

Er weiss nur, dass es kein Wiedergutmachen gibt, wenn man sein Leben verpfuscht hat, kein Zurückgreifen in vergangene Zeit, kein Nachholen und Verbessern, keine Gnade; er weiss es wie noch nie, dass alles endgültig ist, was man tut oder nicht tut, jeder Irrtum, jedes Versäumnis […]

Die Geschichte eines Mannes, der den Tod riskiert, um das Leben zu finden. Ein Mann, der sich nicht mit dem zufrieden geben will und kann, was gemeinhin als Leben erscheint. Für ihn ist es nur sinnloses Dasein. Er will mehr, sucht den Sinn des Lebens, sucht sich selber. Er kann sich nicht abfinden mit dem Belanglosen, will ganz hoch hinauf – im wahrsten Sinne des Wortes, in der Hoffnung, da Antworten auf seine Fragen zu finden, Antworten, die über dem Leben stehen, die von weiter oben, von ausserhalb all dessen kommen, das man auf der Erde findet.

 […] immer bleibt diese einsame Stille zurück, die um alles Leben ist und jeden Aufschrei verschluckt, als sei er nie gewesen, diese namenlose Stille, die vielleicht Gott oder das Nichts ist.

Es ist eine metaphysische Suche, getrieben vom fast fieberhaften Pessimismus und Wahn eines Mannes kurz vor der Hochzeit. Er steht an einem Punkt im Leben, an dem er nie sein wollte. Vor ihm scheint die gefürchtete Langeweile des Daseins zu liegen, die den Entschluss reifen lässt: Tat oder Tod. Entschlossen zur Tat macht er sich auf den Weg, den unbezwingbaren Nordgrat zu erklimmen, bereit, alles zu geben, da ohne die Antworten alles nichts ist. Nur indem er den Tod versucht, glaubt er, erfahren zu können, was Leben heisst.

Dass es ein unsagbares Glück ist, leben zu dürfen, und dass wohl nirgends die Leere sein kann, wo dies Gefühl auch nur einmal wirklich errungen worden ist, dies Gefühl der Gnade und des Dankes.

Ein frühes Werk, das schon alles in sich trägt, was den späteren Frisch ausmacht. Es ist ein Buch über die Liebe, ein Buch über Selbstfindung und innere Konflikte. Es ist ein Buch über den Sinn des eigenen Lebens und den Wert anderer in demselben. Es ist ein autobiographisches Werk, wobei die Autobiographie im Inhalt liegt und nicht in den Personen.

Das dünne Büchlein wird beschlossen durch ein Nachwort von Peter von Matt, den ich als Literaturwissenschaftler sehr schätze, der mein eigenes Studium bereichert hat und von dem ich viel lernen durfte. In präzisen Worten zeigt er den roten Faden der Geschichte auf, legt ihren Kern frei und zeigt ihre Berührungspunkte mit dem Leben des Autors auf.

Fazit:

Ein wahrer Lesegenuss. Diese frühe Erzählung wird in meinen Augen zu unrecht als Heimatroman belächelt, sie ist in meinen Augen grosse Literatur.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 172 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag (2011)

Preis: EUR: 7.95 ; CHF 12.90

Max Frisch: Antwort aus der Stille, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2011.

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Liebe ist…

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Liebe kennt keine Grenzen,

sie stellt keine Bedingungen.

Liebe macht keine Auflagen,

sie wertet nicht.

Liebe kennt keine Vorurteile,

sie verletzt nicht.

Liebe trägt,

wo niemand sonst es tut;

sie unterstützt,

wo Hilfe nötig.

Liebe steht,

wo alle fallen;

sie hält zu einem,

wenn alle weg sind.

Liebe gibt Kraft,

wo deren Ende erreicht ist;

sie gibt nie auf,

auch wenn alles schon verloren scheint.

Liebe ist,

was sie ist,

ohne Schein und ohne Lüge,

einfach wahr.

Elke Schmitter: Frau Sartoris

Wir brauchten keine Beschäftigung, und ich weiss nicht mehr, wie die Zeit verging; ich erinnere mich an das Glück, aber ich weiss nicht mehr, wie es aussah.

Das Geschichte von Margarethe Sartoris ist die Geschichte einer einfachen Frau. Von der grossen Liebe enttäuscht begibt sie sich in eine bequeme Ehe, die im Grunde gut ist, innerlich aber nicht bewegt. Das Leben plätschert dahin, ein Kind wird geboren, kein geliebtes, aber für die Liebe ist die im Haus wohnende Schwiegermutter zuständig. Sie ist es überhaupt, die das Herz der Familie zu sein scheint.

Die Begenung mit Michael erweckt Margarethes eigenes Herz wieder zum Leben. Sie ist bereit, für diesen Mann alles hinter sich zu lassen, ein neues Leben zu beginnen. Dafür setzt sie alles auf eine Karte.

 […] ich wollte mich ihm so unentbehrlich machen, wie er längst für mich war.

Das Schicksal meint es wieder nicht gut, sie wird versetzt.

Ein gefühlvolles Buch ohne moralischen Zeigefinger, ohne Verurteilung. Die Geschichte einer Frau, die den Zugang zu ihren Gefühlen verloren hat und als sie ihn wieder findet, innerlich ganz stirbt. Erst die Wut und die Angst dringen wieder in ihre Gefühlswelt hinein und bringen sie zu einer Tat, welche sie selber wohl nicht für möglich gehalten hätte.

Elke Schnitter wechselt in teilweise sehr schnellem Tempo zwischen verschiedenen Zeiten und Handlungssträngen hin und her. Ab und an muss man zurück lesen, um zu merken, wo man sich gerade befindet. Durch den Wechsel von einer Geschichte zur nächsten bleiben immer wieder Fragen offen, die einen Spannungsbogen bilden, welcher das Buch überzieht. Man mag es kaum aus der Hand legen, möchte die Geheimnisse lüften, wird dabei auch mal überrascht.

Fazit:

Sprachlich schlicht und klar, inhaltlich tief und doch nicht abgründig, erzähltechnisch schön komponiert. Die Geschichte eines Lebens mit all seinen Schwierigkeiten und Entscheidungen. Prädikat absolut lesenswert.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 159 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (November 2012)

Preis: EUR: 8.90 ; CHF 14.90

Elke Schmitter: Frau Sartoris, Deutscher Taschenbuchverlag, München 2012.

 

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Kajsa Ingemarsson: Der Himmel so fern

Dann schloss sie die Augen und atmete tief durch die Nase ein. Noch eine Sekunde, dann liessen ihre Finger das Geländer los. Die Füsse tasteten langsam ins Leere. Eine kräftige Böe, sie verlor die Balance, ihre Zehen versuchten noch Halt zu finden und dann… der Fall.

Wann hatte alles begonnen? Als Rebecka Mikael kennen lernte und merkte, dass sie alles tun müsste, ihn zu halten? Als sie beschloss, ihn immer in Unsicherheit zu lassen bezüglich ihrer Gefühle, um ihn damit noch mehr an sich zu binden? Wann hatte sich das Spiel verselbständigt? Wieso funktionierte es nicht mehr irgendwann? Die Kluft zwischen ihnen wurde grösser, beide litten.

Sie war diejenige, die bestimmte, wie es zwischen uns lief. Am Ende war es wie ein Gefängnis.

Das Spiel beenden ging nicht, das Leiden aber musste aufhören. Und dafür gab es nur eine Lösung: Den Sprung, Mikaels Befreiung, das eigene Opfer.

Egoistisch? Ich habe mein Leben geopfert, um meine Ehe zu retten.

Rebecka stürzt sich eines Nachts von einer Klippe in den Tod. Zurück bleibt ein verzweifelter und tieftrauriger Ehemann, der mangels Erklärung nicht mehr weiss, wo er steht. Die Frage, ob er seine Frau überhaupt je gekannt hat, wird gross und grösser. Nie hat sie über sich gesprochen, die Verbindungen zu ihrer Familie, ihrer Herkunft hat sie abgebrochen.

Fragen liess sie nie zu, sie inszenierte die Gegenwart so, wie es für sie, wie es in ihr Spiel passte. So erstickte sie langsam die grosse Liebe, welche sie eigentlich bewahren wollte. Die Mittel dazu entsprangen einer Verlustangst, den Mustern, die sie sich in der Kindheit angeeignet hatte, als ihr Vater die ganze Familie verliess. Nie sollte sie so enden wie ihre Mutter, nie schwach sein, nie verlassen werden. Doch das wusste keiner, das hielt sie in sich gefangen und nahm es in den Tod.

Ich hoffe auch sehr, dass Rebecka das gefunden hat, was sie suchte. Und wenn nicht, dann tut sie es hoffentlich noch. Sie war nie zufrieden, solange die Dinge nicht genau so waren, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Nach und nach kehrt Mikael ins Leben zurück, die Trauer weicht, ab und an kommt Wut auf. Die Auseinandersetzung mit dem Menschen Rebecka, der ein so grosses Geheimnis gewesen ist, lässt ihn langsam zur Ruhe kommen. Rebecka begleitet diesen Weg aus dem Totenreich, begleitet von einem Engel. Sie möchte für ihn da sein, nun nach ihrem Tod die Liebe leben, die den Tod überdauert, ewig ist. Auch sie hat einiges zu lernen.

Die Geschichte verbindet Abschnitte mit Rebeckas Kindheit, die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Mikael, die Welt im Jenseits mit allem, was einen da erwartet und Mikaels Weg zurück ins Leben. Unvermittelt findet man sich jeweils in eine andere Zeit, in eine andere Perspektive geworfen, muss sich neu zurechtfinden und lernt dazu. Langsam ergibt sich aus vielen kleinen Mosaiksteinchen ein ganzes Bild.

Trotz dieser vielen Perspektivenwechsel wirkt das Buch als Einheit, erzählt es die Geschichte eines Lebens, vieler Leben, die miteinander verknüpft waren, immer noch sind. Es stellt Fragen, lässt sie teilweise offen, veranschaulicht sie ab und an im Fortgang der Geschichte. Es zeigt auf, wie Muster das Verhalten prägen und zum Gefängnis werden können, aus dem auszubrechen kaum möglich scheint. Man sieht von aussen den Ausgang, möchte ihn den Handelnden zurufen, lebt mit, leidet mit und sieht dann die Dinge ihren Lauf gehen – der auch gut ist, weil er den eigenen Gesetzmässigkeiten folgt. So wie es das Leben wohl tut.

Fazit:

Das Buch packt von der ersten Seite an und lässt einen nicht mehr los. Das war Lesevergnügen pur, welches aber auch tief ging, zum Nachdenken anregte. Absolut empfehlenswert.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 438 Seiten

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (25. Oktober 2012)

Übersetzung: Stefanie Werner

Preis: EUR: 12.00 ; CHF 19.90

Kajsa Ingemarsson: Der Himmel so fern, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2012.

 

 

 

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Das ganz normale Leben

Es gibt  Tage, da fehlen einem irgendwie die Worte. Man erlebt und erfährt Dinge, die man nicht für möglich hielt, muss sie irgendwie im Hirn sortieren, ohne dass wirklich Ordnung resultiert. Man fühlt die ganze Bandbreite der Gefühle, die je fühlbarer sie werden, desto unbenennbarer scheinen.

Mein Weg, mit solchen Dingen umzugehen, ist, darüber zu schreiben. Irgendwann, wenn alles zur Ruhe gekommen ist, der Tag still wird, beginnt meine Zeit der Verarbeitung. Und so sitze ich nun hier. Es ist Nacht, alles schläft, die Eindrücke eines Konzerts wirken noch nach und langsam kommen all die Fragezeichen des Tages wieder hoch.

Mehrmals am Tag hätte ich gerne rausgeschrien. Mein Unverständnis, meine Hilflosigkeit, meine Trauer, meine Wut. Und nun, da alles in die Tasten soll, ist es nicht schreibbar. Nicht, weil es keine Worte gäbe. Aber es betrifft nicht nur mich. Es sind andere Menschen involviert. Kann ich einfach Dinge breittreten, die andere Menschen betreffen? Verletze ich damit nicht ihre Grenzen, ihre Gefühle? Klar würde sie niemand erkennen, der sie nicht kennt oder mich nicht kennt. Wenn mich jemand kennt, gut kennt, könnte er es herausfinden. Und wenn derjenige, der gemeint ist, es liest, wird er sich wiedererkennen. Und es könnte ihm nicht recht sein. Trotz der eigentlichen Anonymität. Irgendwie fühlt es sich falsch an, diese Grenze so bewusst zu überschreiten.

Zurück bleiben die Fragen. Die drehen in meinem Kopf und kommen nicht raus. Ich könnte alles in ein geheimes Tagebuch schreiben, dieses im Safe verschliessen und gut ist. Nur hilft das nicht. Irgendwie. Ich habe mittlerweile ganze Seiten gefüllt, wieder gelöscht. Über selbstgerechte Männer, die Frauen betrügen, über Frauen, die sich an verheiratete Männer heranmachen, deren Familien den Familienvater ausspannen und ihn dann drangsalieren – und damit dem Kind nochmals einen Schaden zufügen. Über Egoisten, die die Macht nutzen, die sie sehen, egal, wie unfair, unverhältnismässig und vermessen sie ist. Über den Menschen allgemein, wie er sich immer selber der Nächste ist, egal, was das für das Umfeld bedeutet.

Ich habe meinem Unmut darüber Luft gemacht, meine Wut in die Tasten gehauen. Und alles wieder gelöscht. Es scheint keine Worte zu geben, es scheint, als ob alles die öffentlich mögliche Sprache überschreitet. Doch im Innern brodelt es. Und es findet kein Ende. Findet keine Lösung, keine ER-Lösung.

Ab und an wünsche ich mich auf eine einsame Insel, auf der niemand ist. Auf der ich mit meinem Hund über die Wiesen laufen könnte, frei, unbeschwert, ohne all diesen Mist, der mein Hirn zermartert. Udo Jürgen singt in einem Lied, dass die Seele voller Narben sind, man Angst hätte, sie brechen auf und sich drum nicht auf das Leben, die Menschen, Beziehungen einlassen möchte. Wie recht er hat.

„Beziehungen sind schwierig.“ Das schrieb mir heute ein Mensch, der mir mal nahe war. Er liess mich damals durch die Hölle gehen. Im Moment scheint er da zu sein. Wieso kann ich mich nicht freuen, denken „geschieht ihm recht“? Er tut mir leid. Von Herzen. Und er hat recht. Sie sind verdammt schwierig. Weil sie in einem Spannungsfeld von Wünschen, Hoffnungen, Gefühlen, Erwartungen und Überforderungen stehen. Schaut man die Sache wissenschaftlich an, weiss man, dass komplexe Systeme mit mehr als zwei Komponenten unvorhersehbar sind. Wie also soll man wissen, wie Beziehungen herauskommen, wenn so viele Punkte drin stecken? Wie kann man sich auf ein solches Risikospiel einlassen?

Weil man wohl ohne nicht leben kann. Nur sollte man sich dann vielleicht einmal darum bemühen, realistische Erwartungen daran zu setzen. Nicht ständig die rosa Wolke zu erwarten und gleich Gewitterwolken aufziehen lassen, wenn mal die Sonne fehlt. Nicht gleich den Bettel hinwerfen, wenn verlockendere Bagage an der Gepäckausgabe steht. Aber das scheint in einer Zeit, in der nichts unmöglich und die Welt so, wie man sie sich denkt, werden kann, überholt.. Komisch nur, dass immer mehr Menschen krank werden, zerbrechen gar. Vielleicht sollte man die Möglichkeiten halt doch mal endlich und das Leben nicht als Wunschkonzert, sondern als harte Realität sehen, in der es wunderbar tragend ist, eine Beziehung zu haben, die hält, nicht eine, die grad rosarot sexy in Dessous und mit drei freien Wünschen daherkommt.

Fallen der Liebe

Wer hat es nicht schon erlebt im Leben? Er liebte, vertraute und wurde enttäuscht, wurde fallen gelassen. Lag dann da, sah zurück, fragte, was er übersehen hatte, fragte sich, ob er leichtfertig vertraut hat, hätte vorsichtiger sein müssen. Ist Vertrauen Leichtsinn? Müsste man immer auf der Hut sein? Liesse sich damit leben? Liesse sich damit lieben? Sich hingeben? Funktioniert Liebe ohne Hingabe? Funktioniert eine Liebesbeziehung, wenn man ständig lauert, auf der Hut ist? Was also tun? Wieder blind ins nächste Loch fallen? Die Dinge selber in den Sand fahren durch die eigenen Vorbehalte?

Was heisst es überhaupt, fallen gelassen zu werden? Man fühlt sich wohl fallen gelassen, wenn die Dinge nicht so laufen, wie man sie sich selber ausmalt. Man fühlt sich verstossen, schlecht behandelt, wenn jemand anders agiert, als man sich das wünscht. Das hat mit dessen Gefühlen oft wenig zu tun, zumindest nicht mit denen gegen einen. Es hat wohl mehr mit diesem Menschen und mit den eigenen Erwartungen an ihn zu tun. Doch wie bedingungslos liebe ich, wenn ich etwas vom anderen erwarte, mich benachteiligt fühle, wenn das nicht eintritt? Dann ist doch der andere streng genommen nur eine Marionette meines Wollens, bricht er aus, bin ich enttäuscht. Was hat er falsch gemacht? Sein Fehler war, in einer Weise zu handeln, die nicht meinem Wollen entsprach.

Verstösst er gegen Dinge, die vorgängig ausgemacht waren, ist man im Recht. Man hat sich verlassen, hat auf eine Abmachung gebaut, die wurde gebrochen. Wenn man aber nur auf die eigenen Ansprüche baut, ohne die je geklärt zu haben: Mit welchem Recht ist man enttäuscht? Mit welchem Recht verletzt? Man selber hat die eigenen Ansprüche zur Regel erhoben, sie unumstösslich hingestellt, ohne dass der andere davon wusste. Vielleicht wusste man das selber nicht, bis etwas passierte. Merkte es erst, als es passiert war. Wie hätte es der andere wissen können? Der handelte vielleicht nach bestem Wissen und Gewissen, wollte alles richtig machen, machte in den eigenen Augen alles falsch. Und man selber sitzt da wie ein verwundetes Reh und leidet. Wer hat Schuld?

Schuld ist wohl das, was am meisten Zündstoff beinhaltet ohne dass es etwas löst. Was bringt es, zu wissen, wer nun falsch handelte, wer richtig? Die Gefühle sind da. Selbst wenn der andere alles richtig gemacht hat, leide ich. Selbst wenn er alles falsch machte, ohne es zu wollen, leide ich. Was ist Schuld? Ein Konstrukt, um früher christliche Ansprüche von Sühne und Absolution zu ermöglichen. Ein Konstrukt, um Strafe im rechtlichen Sinne zu rechtfertigen. Ein Konstrukt, das theoretisch praktisch ist, praktisch zu theoretisch ist.

Ich erwähnte die bedingungslose Liebe. Ich denke, Liebe ist nie bedingungslos. Kann sie nicht sein. Wäre sie es, würde sie zerstören. Man kann nicht unbeschadet lieben, egal, was der andere tut, lässt, einem antut. Das würde man nicht aushalten. Wichtig ist aber, sich der eigenen Bedingungen bewusst zu sein und sie auszusprechen. Was erwarte ich von meiner Liebe, von meinem Geliebten? Was brauche ich zum Leben, was möchte ich erfüllt haben. Weiss der andere das nicht, wie soll er anders leben, als ständig Enttäuschungen zu produzieren? Nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Unwissen, oft gar aus gutem Willen, alles richtig zu machen.

Und ab und an weiss man selber nicht, was man sich wünscht. Und merkt erst durch das Handeln des anderen, dass man das, was passiert ist, gerade nicht wollte. Weil es Bedürfnisse verletzte, die einem elementar waren. Man leidet, zürnt. Möchte wegrennen, dem anderen vorher ins Gesicht schreien, was er einem angetan hat, traut sich nicht, schliesst sich ein, tief in sich. Verletzt. Verwundet – oft auch sich selber. Hört nicht mehr die Liebe, die Schwüre. Glaubt sie nicht. Wie kann der andere lieben, wenn er einem das antat. Und würde man hinschauen, merkte man: Er hat nichts gegen einen getan. Er hat nur nicht das getan, was man selber gebraucht, gewünscht hätte. Vielleicht wusste er es sogar, dass man es brauchte, aber vielleicht hatte er keine Wahl. War es seine Schuld? Was bringt mir wegrennen? Gewinne ich? Gewänne ich nicht mehr, schaute ich hin, sähe meinen Anteil, nähme ihn an und liebte weiter, liesse lieben?

Geld oder Liebe?

Als ich Kind war, gab es im Fernsehen die Sendung „Geld oder Liebe“, in der auf spielerische Weise Wettbewerbe zu bestehen waren und am Schluss eine Entscheidung darüber gefällt werden musste, ob man sich für die Liebe – den Mann/die Frau vor Ort – oder aber für Geld – den erspielten Betrag – aussprechen möchte. Der Romanitker hätte gerne die Liebe gewählt gesehen, da ich noch jung war, überwog der immens. Der kleine Rationalist in mir sagte zwar schon, dass es a) nur ein Spiel, b) der anwesende Mensch ein unbekanntes Zufallsprodukt und c) wirkliche Liebe anders aussehen müsste. Trotzdem wäre es schön, den Himmel voller Geigen (oder Herzen) zu sehen und sich im Geiste ein „und sie lebten fortan in Glück und Frieden“ vorzustellen.

Wie ist es im wirklichen Leben? Was zählt, was ist wichtig, wofür entscheidet man sich, wenn es hart auf hart kommt? Was sind die Kriterien der Partnerwahl? Entscheidet nur das Herz, wo der Pfeil des Amor einschlägt, bleibt er stecken, ungeachtet dessen, was diese Einschussstelle mit sich bringt, oder zählen auch andere Werte, andere Kriterien? Welchen Stellenwert hat Geld? Welchen gleiche Interessen, gleiche Vorstellungen, gleiche Lebensmuster? Oder sind es gerade die gegensätzlichen Einstellungen, die anziehen?

Die erste spontane Antwort auf diese Frage ist sicher: Nur die Liebe zählt. Wo sie hinfällt, wächst nicht kein Gras mehr, sondern da wächst ganz viel. Wie aber fällt die Liebe? Einfach so? Aus dem Nichts auf einen Menschen? Was macht den anderen zu dem Menschen, den man liebt? Wie verliebt man sich? Haben die Biologen recht, wenn sie von den 3 Sekunden der Entscheidung aufgrund irgendwelcher Lockstoffe und passenden Gerüche sprechen? (Herr Biologe, zu Hilf!) Haben die Psychologen recht, die auf einer ähnlichen Schiene fahren und auch eine kurze Zeit als Matchentscheidend sehen? Wo aber bleiben da die Eigenheiten des anderen? Die Übereinstimmungen? Die Gemeinsamkeiten oder Gegensätzlichkeiten, die so anziehend sein sollen? Alles Schall und Rauch, da wir nur Trieb und animalisch gesteuert sind?

Wo blieben dann all die inneren Werte? Die kennt man doch gar noch nicht. Oder drücken die sich im Geruch aus? Riecht man, ob der andere hilfsbereit, intelligent, verlässlich, treu, ehrlich, verantwortungsbewusst und humorvoll ist? Wenn es nicht der geruch sondern doch ein Anflug von romantischer Liebe per Pfeilschuss ist: sind es dann die inneren Werte oder irgendwelche Phantasien, die der andere weckt? Und woher stammen die Phantasien? Sind sie nicht auch im weitesten Sinne verstandesprodukte? Wie weit entfernt sind wir dann noch vom Geld? Die Phantasie von der goldenen Kreditkarte, man selber in Highheels, gut aussehend neben dem machtvollen erfolgreichen Mann stolzierend, jeden Wunsch von den Lippen abgelesen bekommend da alles möglich ist? Ist sie verwerflicher als die Romantik des mittellosen Jünglings, der so gut aussieht, ein grosses Herz hat, einen auf Händen in den Sonnenuntergang trägt und dabei Gitarre spielt (bitte mich nicht auf die Unmöglichkeit dieses Zusammenspiels hinweisen, das Bild ist grad so schön – nicht plastisch sichtbar allerdings)? Zerplatzt diese Romantik nicht bei der ersten nicht bezahlten Telefonrechnung und spätestens im dritten Winter ohne Heizung, wenn die durch Nähe entstehende Wärme nicht mehr jeglichen weiter führenden Wünsche tilgt?

Liebe ist ein schwieriges Gebiet. Zum einen weiss jeder genau, was es ist, kann es aber nicht so deutlich beschreiben. Zum anderen stecken so viele Hoffnungen, Wünsche, Ziele drin, dass das arme Gefühl kaum noch atmen kann und sichtlich überfordert ist, was sich im häufigen Verflüchtigen derselben (so genannten) zeigt. Was ist die Lösung? Es gibt Kulturen, in denen Ehen geschlossen werden von den Eltern. Die zu Vermählenden kennen sich kaum bis gar nicht, wenn sie vor den Traualtar treten. Oft halten diese Ehen ein Leben lang, die involvierten Menschen scheinen nicht unglücklich. Ich kenne keine Statistiken, habe selber keine dazu gefälscht, glaube das einfach mal so. Woran liegt es? Nur weil sie keine Wahl haben, es zu ändern? Oder vielleicht doch daran, dass gemeinsame Werte und Wertvorstellungen zusammen halten, einen Weg finden helfen? Ist Liebe schlussendlich doch keine Leidenschaft, sondern ein Zusammenraufen und gemeinsam Gehen?

Was also nun? Geld oder Liebe? Das geld steht dabei wohl sinnbildlich für die Verstandesdinge, die Werte im Leben. Dabei gibt es wichtigere und unwichtigere, relevantere und solche, die man aussshliessen kann. Schlussendlich zählt wohl doch über kurz oder lang eine gemeinsame Basis, die Amorpfeil hin oder her, da sein sollte. Geld allein macht nie glücklich, das zeigen all die ach so reichen Promis mit ihren ach so grossen Problemen. Gar kein Geld macht auch nicht glücklich, das sieht man leider viel zu oft auf dieser Welt. Frei entfalten kann sich der Mensch dann, wenn seine Grundbedürfnisse gedeckt sind. Luxus ist schön, aber nicht glückselig machend. Wenn dann das Herz fehlt, nützt alles Geld, alle Vernunft, alle Rationalität nichts – man wird nicht glücklich werden. Das Herz entscheidet, wen man will, der Verstand prüft, ob es gut ist – und schweigt. Entscheidet der Verstand nach Pflichtenheftmanier, was man zu wollen hat, wird das Herz eingehen und die Seele krank.

Geld

Was sind Gefühle
in einer kalten Welt,
in der man bloss
den Schein noch sucht.
Sich zu offenbaren,
als Schwäche gilt,
sich zu öffnen,
zum Angriff ruft.

Was sind Gefühle
in einer harten Welt,
in der man stark sein
und bestehen muss,
um nicht unterzugehen.
Wo als Schwäche gilt,
wenn man offen
fühlt.

Was sind Gefühle
in einer schnellen Welt,
die antreibt nur
zu Höchstleistung.
Wo Romantik als Geplänkel scheint,
Geld nur herrscht
und Macht
gesucht.

Was sind Gefühle
in einer toten Welt,
wo jedes Fühlen
abgewürgt
und der der fühlt
in Ketten darbt,
als Idealist beschimpft
und ruhig gestellt,
auf dass er schweige.

Was sind Gefühle
in dieser heut’gen Welt?
Gibt man auf
Und ist nur Schein?
Gewinnt Verstand,
das Herz soll Schweigen?
Oder wagt man doch
Und ist.

Sein braucht manchmal Mut, ab und an bedeutet es Verzicht. Schein ist Verzicht auf der ganzen Ebene – nicht gleich, aber langsam bohrend, mitten ins Herz, es verletzend. Und mit dem Herz leidet die Seele und das gekaufte Glück ist plötzlich nichts mehr wert.

Ich bin, wie ich bin

Der Mensch sucht nach Liebe, nach Anerkennung, nach Bestätigung. Findet er die nicht, sucht er intensiver oder er wird krank. Der Mangel an dem, was er sich so sehr wünscht, wiegt so schwer, dass er ihn nicht tragen kann. Er flüchtet sich ins Vergessen, klappt das nicht, ins Verdrängen. Auch das ist mitunter schwer, ab und an helfen kleine Helferlein, beim ersten Mal ist man erfreut, beim zweiten auch, beim dritten Mal nimmt man sie gezielt, man bleibt dabei, nimmt sie mehr und mehr und sitzt irgendwann in der Falle. Dadurch hört das Streben nach Gefallen nicht auf, aber man dämpft den Schmerz beim Nichtgefallen. Die Helfer sind vielfältig, bei den einen ist es Schokolade, bei den andern sind es Zigaretten, Alkohol, Medikamente oder gar härtere Drogen. Alle helfen sie ertragen, was schmerzt.

Schon als kleines Kind lernt man, dass man Leistung bringen muss, um zu genügen. In der Schule sind es Noten, zu Hause oft auch, da nur das gut benotete Kind Lob kriegt, das schlecht benotete im besten Fall kein Lob, im schlechtesten Prügel. Das Kind, das sich anpasst, ist das gute Kind, das, welches rebelliert, das schwarze Schaf. Das Kind, welches ordentlich und lieb und nett ist, ist das Lieblingskind, das aufmüpfige, unordentliche, motzende das, welches aneckt, gerügt wird, immer weiter weg steht. Und so lernt man, vor allem, wenn man eigentlich gefallen möchte, auch nah dran sein möchte, sich den Wünschen und Anforderungen anzupassen. Man tut alles, um auch geliebt zu sein, um auch gelobt zu sein, um auch zu genügen.

Was, wenn es doch nicht genügt? Was, wenn man nicht aus seiner Haut kann? Was, wenn die Ansprüche der anderen nicht so sind, dass man sie erfüllen kann? Das macht Angst. Man hat Angst, alleine dazustehen. Hat Angst, fallen gelassen zu werden, niemanden mehr zu haben. Und eigentlich weiss man, dass man so geliebt werden müsste, wie man ist. Eigentlich weiss man, dass man sich für niemanden verstellen müsste, denn das wäre nicht der richtige Mensch für einen. Und doch versucht man es oft gerade da am meisten, wo es eben mangelt. Kriegt man alle Liebe der Mutter, buhlt man um die des Vaters, ist oft sogar ungerecht gegen die Mutter in diesem Buhlen. Man versucht später, die Menschen zu beeindrucken, die eigentlich nicht zu einem passen, vermutlich, weil sie einen Knopf in einem drücken, der schon hochsensibel ist.

Wo liegt der Ausweg? Gibt es ihn? Theoretisch sicher: Lernen, sich selber zu lieben, lernen, sich selber so zu akzeptieren, wie man ist und so zu leben, wie man für sich findet, dass es passt. Die, welche das akzeptieren, begleiten das Leben, die, welche nicht, leben ihres auf einem anderen Weg. Das wäre die Art zu leben, die vernünftig wäre, die, welche sicher auch die erfüllteste wäre, da sie eine Selbstzufriedenheit herstellen würde, etwas, das einem niemand nehmen kann. Mit sich und dem eigenen Leben im Reinen sein – was gibt es Schöneres?

Und doch: Der Mensch ist kein Einzelkämpfer, er braucht Gesellschaft, er braucht Zuneigung. Und die Angst, die nicht zu haben, lässt ihn aus seinem eigenen Kreis heraustreten und sich Forderungen stellen, die er vielleicht nicht erfüllen kann oder aber nicht erfüllen wollte, ginge es nicht darum, nicht alleine dazustehen. Vielleicht kann man das für sich selber nicht ändern, weil die Muster zu tief sitzen, aber nur schon das Bewusstsein hilft vielleicht, dieses Muster nicht weiter zu geben. Was zeige ich meinem Kind? Wie gehe ich mit meinem Umfeld um? Erwarte ich, dass dieses meine Werte erfüllt? Mag ich die, die passen, lasse die anderen fallen? Muss jemand meine Anforderungen erfüllen, damit ich ihn mag? Zu einem gewissen Grad wohl schon, wo wäre sonst die Basis, wo der gemeinsame Nenner? In anderen Bereichen wohl weniger. Vielfalt ist auch toll und wichtig ist doch das Grundgefühl. Wichtig ist, dass der andere mir gefällt, mir sympathisch ist. Schön ist, wenn ich mich freue, ihn zu sehen, egal, ob er nun gut in Mathe ist, einen Salto kann oder Klavier spielt. Bereichernd ist doch, wenn er als Mensch mir entspricht, unabhängig von seinen Hobbies und Fähigkeiten. Und wenn er mir etwas gibt, ich ihm was gebe – die Begegnung eine Bereicherung ist.

Und wenn ich an dem Punkt bin und denke: so ist es, so gefällt mir das, dann kann ich mich auch fragen: Wieso denke ich, dass andere das nicht auch gut finden? Wieso denke ich, dass ich gewisse Dinge tun muss, gewissen Ansprüchen genügen muss, um zu gefallen, geliebt zu werden? Es könnte doch sein, dass mich jemand mag, weil ich einfach bin, wie ich bin. Wie schade wäre es, würde ich mich dann ändern? Wenn ich es denn könnte….

Harry G. Frankfurt: Sich selbst ernst nehmen

Wir Menschen sind stolz auf unsere Begabung zur Vernunft und zur Liebe. Deswegen neigen wir zu ziemlich aufwendigen Zeremonien und beglückwünschen uns gern selbst, wenn wir den Eindruck haben, tatsächlich eine dieser Fähigkeiten zu realisieren. […] Beide sind problematisch, und ihr Verhältnis zueinander ist unklar.

In den beiden Vorlesungen Uns selbst ernst nehmen und Richtigliegen versucht Harry G. Frankfurt, dieses Verhältnis zu durchleuchten und die Liebe und die Vernunft als dem Menschen inhärente Fähigkeiten zu erklären. Harry G. Frankfurt stellt die Autorität der Liebe über die der Vernunft. Die Autorität der Vernunft gründe gar in der der Liebe. Die Liebe selber erachtet er als Sache des Willens. Und somit steht dieser an erster und oberster Stelle, von wo alles ausgeht.

Frankfurts Liebesbegriff ist frei von romantischen Spuren, Liebe ist für ihn verbunden mit der Sorge um etwas, dem sich Kümmern um eine Person oder Sache. Diese Form von Liebe setzt Ziele und somit Handlungen in Gang. Indem wir wissen, was uns wichtig ist, worum wir uns kümmern wollen, können wir unser Handeln auf diese Punkte fokussieren. Wir setzen also unseren freien Willen um.

Wichtig dabei ist, so Frankfurt, dass man sich immer wieder interfragt, um sich näher kennen zu lernen. Diese Fähigkeit der Selbsthinterfragung nennt Frankfurt denn auch das, was den Menschen grundlegend ausmacht.

 Es ist unser besonderes Talent, uns von dem unmittelbaren Inhalt und Fluss unseres eigenen Bewusstseins abzusetzen und eine Art Spaltung innerhalb unseres Denkens einführen zu können. Dieses elementare Manöver etabliert eine nach innen gerichtete kontrollierende Überwachung. Es schafft eine elementare reflexive Struktur, die es uns ermöglicht, unsere Aufmerksamkeit

Erst wenn wir uns selber hinterfragen, nehmen wir uns auch ernst. Dann finden wir heraus, was wir wirklich wollen, welches wirklich die Stimme der Liebe und der Vernunft ist und wo wir Irrtümern und falschen Beweggründen aufsitzen.

Fazit:

Ein hoch komplexes und trotzdem schön lesbares Werk über die Liebe und die Vernunft. Diese beiden Vorlesungen behandeln Themen, die für den Menschen zentral sind: Wie sollen wir handeln, worauf unser Handeln stützen. Drei Kommentare runden das Ganze ab, einerseits Christine Korsgaards Beitrag über die Beziehung von Sorge und Moral, Michael Bratmans Frage, ob wirklich die Liebe handlungsbegründend ist, sowie Meir Dan-Cohens Untersuchung nach der Rolle der Verantwortung in Harry G. Frankfurts Essays.

(Harry G. Frankfurt: Sich selbst ernst nehmen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007.)

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 145 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag (2007)

Preis: EUR: 18.80 ; CHF 34.50

Zu kaufen bei: Bild und Bild

Was es ist

Claudia stand am Bahnhof und wartete. Um sie herrschte emsiges Treiben, Leute gingen, Leute kamen, alle stürmten sie an Claudia vorbei, ohne sie zu bemerken, in sich versunken, ohne Zeit, ohne Ruhe, nur dem eigenen Ziel zugewandt, den Moment missachtend. Claudia hatte Zeit. Sie war zu früh. Sie war immer zu früh. Das hatte sie von ihrem Vater geerbt. Ihr Vater war sehr streng und tolerierte keine Unpünktlichkeit. Sie erinnerte sich an einen Vorfall, als sie 10 Minuten zu spät heim kam und er mit ihr schimpfte, als ob sie ein Kapitalverbrechen begangen hätte. Er liess sie nicht mal erklären, wie es dazu gekommen war. Es war auch nicht aus Sorge, weil er dachte, ihr hätte was passiert sein können, es war einfach nur der Umstand, dass sie ihn 10 Minuten hatte warten lassen. Respektlos nannte er sie. Gedankenlos. Eigensüchtig. Das tat weh. Sie wollte es immer recht machen. Allen. Das schien unmöglich. Sie wusste es. Und doch versuchte sie es weiter.

Es zog am Treffpunkt im Bahnhof. Sie blickte die Rolltreppen hinauf und sah den dunklen Himmel über sich. Anfangs Januar wurde es früh dunkel, die Tage waren kurz. Ungeduldig blickte sie zur Uhr. Noch 15 Minuten. Dann musste er kommen. Sie freute sich sehr. Vor zwei Monaten hatte sie Thomas kennen gelernt. Sie hatte einen Beitrag im Internet von ihm gelesen, der ihr Herz berührt hatte mit der Tiefe und dem Wissen, die darin steckten. Sie hatte nicht umhin gekonnt, ihm zu schreiben und ihm das zu sagen. Nach dem Abschicken ihrer Nachricht hatte sie sich gescholten, gedacht, sich lächerlich gemacht zu haben. Und doch – sie hatte nicht anders gekonnt. Thomas fühlte sich aber gar nicht gestört und sie auch nicht lächerlich. Im Gegenteil, er hatte eine sehr liebenswürdige Mail zurück geschrieben. Und bald folgte eine Mail der anderen, sie tauschten sich aus, über München, wo er wohnte, über Literatur, über Kunst, Philosophie, sich selber. Das Leben schlechthin. Sie ertappte sich, wie sie täglich mehrmals die Mailbox anschaute, ob etwas von Thomas gekommen war. Wie gross die Freude, wenn es so war. Wie gross die Enttäuschung, wenn nicht. Und wie gross die Ungeduld bis zum nächsten Nachschauen.

Die Mails flossen bald täglich mehrmals zwischen Zürich und München hin und her. Thomas war Galerist in München. Er schrieb daneben an einem Lebenswerk über die Löcher in Menschenseelen und deren Ursachen. Jeder hat ein Loch im Leben. Das war auch Claudias Überzeugung. An einem Punkt kranken Menschen und oft ist es mangelnde Liebe, mangelnde Aufmerksamkeit. Daraus resultiert die oft verzweifelte Suche danach – oft bis hin zur Selbstaufgabe. Claudia war von Thomas in den Bann gezogen. Ihr ganzes Denken drehte um ihn. Als er sie eines Abends das erste Mal anrief, fügte sich dem Bild noch ein Teilchen hinzu. Seine Stimme war weich, warmherzig und sein Dialekt herzerwärmend. Sie liebte den Münchner Dialekt schon lange, seinem war noch ein Stück Wien beigemischt, was dem Ganzen eine spezielle Note gab. Claudia telefonierte eigentlich nicht gerne. Früher hatte sie ihr Vater ausgelacht, weil sie gleich nach der Schule mit Schulfreundinnen telefoniert hatte, was ihm ein Rätsel gewesen war, da sie sich ja eben erst getrennt hatten. Seit sie erwachsen war, telefonierte sie kaum noch. Sie wüsste nicht, wen sie anrufen sollte. Zudem kamen Anrufe meist dann, wenn man beschäftigt war. Selten sitzt man nur da und tut nichts, selten ist man bereit, einen Anruf entgegen zu nehmen, weil sonst grad nichts läuft.

Der Zeiger der grossen Bahnhofsuhr rückte nur langsam vorwärts. Es war ja immer so: Wenn man was erwartet, geht es umso länger, bis es eintrifft. Neu war diese Erkenntnis wahrlich nicht. Eigentlich mochte Claudia keinen solchen Sprüche. Sie waren zwar wahr, aber wenig originell. Doch was war heutzutage noch neu? Alles war schon mal dagewesen. Jeder Gedanke schon mal gedacht. Der Mensch erlebt selten mehr was Neues – je älter er wird, desto mehr Erfahrungen hat er schon und wiederholt sie nur noch in wechselnder Besetzung. Eigentlich eine trübe Sicht und Claudia wollte nicht Trübsal blasen, denn sie freute sich. Trotzdem konnte sie selten aus ihrer Haut. Sie war ein nachdenkliches Gemüt und alles, was ihr begegnete, regte immer zu 100 neuen Gedanken an. Und so konnte es kommen, dass sie vom einen zum andern floss gedanklich, ohne Unterlass, oft sprunghaft, so dass ihr niemand mehr folgen konnte. Oft sie sich selber nicht.

18.05 – nun musste der Zug angekommen sein. Claudia merkte, wie ihr Herz unruhiger schlug. Sie spähte neugierig in die Masse. Dann wieder zwang sie sich, wo anders hinzusehen. Sie wollte nicht allzu erwartungsvoll erscheinen. Sie könnte jemanden beobachten, dass es fast so aussah, als ob sie gar nicht wirklich wartete, sondern beschäftigt wäre. Das würde cool wirken. Aber sie musste nicht cool sein. Thomas war es auch nicht. Endlich mal ein Mann, der eben nicht cool war, sondern echt. Sie hatte in ihrem Leben genug andere kennen gelernt. Und ja, sie gab es zu, die hatten ihren Reiz. Sie konnten so schön blenden und sie liess sich viel zu oft und zu schnell blenden. Nicht weil sie geblendet werden wollte, im Gegenteil, sondern, weil sie eben nie davon ausging, dass etwas nicht wahr sein könnte. Vermutlich war sie naiv. Ihr Vater warf ihr das immer vor. Sie hörte innerlich seine Stimme: „Kind, du bist sonst so intelligent, wieso menschlich so dumm? So dumm kann man doch nicht sein.“ Offensichtlich doch…

Die coole Masche lag ihr nicht. Sie blickte doch wieder in die Richtung der Gleise, hoffnungsvoll. Sie sah in ein Meer von Köpfen, blonde, braune, schwarze, weisse, herausragende, untergehende – und in den einen herausragenden. Nicht weil er besonders gross wäre oder sonst auffällig, sondern, weil er es war. Er sah genau so aus wie auf dem Bild. Dick eingemummt – es war bitterkalt –  kam er ihr entgegen. Er umarmte sie zur Begrüssung. Wie alte Freunde. Irgendwie waren sie das. Oder was waren sie eigentlich?

Was war es, das sie verband? All die Mails, die Telefonate? Das schönste Telefonat war vor einem Tag gewesen. Sie war zum Silvester eingeladen gewesen und Punkt Mitternacht klingelte ihr Handy: Thomas. Er wünschte ihr einen guten Rutsch, sagte, wie sehr er sich freute auf ihr Treffen, auf seinen Besuch in Zürich. Claudia freute sich ebenso.

Nun war er also da. Sie liefen Seite an Seite durch die Gassen Zürichs zum Hotel, in dem Thomas ein Zimmer reserviert hatte. Er wollte nur schnell die Koffer abgeben, danach wollten sie essen gehen. Es war alles vertraut. Sie sprachen, als ob sie sich ewig kennen würden. Irgendwie taten sie das auch. Sie hatten über so viel geredet, über so viel geschrieben. Beim Essen ging das Gespräch weiter. Sie lachten, scherzten, schauten sich in die Augen. Er hatte liebe Augen. Wie auf dem Bild. Sie fühlte sich so nah, so aufgehoben, so geborgen. Sie fühlte, da sass ein Mann, ein Mensch, der sie wahrnahm. Wie sie war. Der sie so akzeptierte und toll fand. Sie kannte das nicht. Bislang kannte sie nur das Gefühl, nicht zu genügen. Es war immer zu wenig oder zu viel. In allem. Zu dumm, du gescheit, zu gross, zu klein, zu laut, zu leise. Einfach immer zu. Nie gut. Zumindest empfand sie es so. Bei Thomas war das anders.

Der erste Anruf nach dem Besuch war schön. Aber wehmütig. Die Stimme so nah, der Mensch so fern. Und doch so nah. Die Nähe zwischen Claudia und Thomas wuchs ständig. Sie hatten eine innere Verbundenheit, weil jeder beim anderen fand, was er im Leben sonst vermisst hatte. Verständnis, Zuneigung, Echtheit, Tiefe. Claudia war traurig, dass Thomas schon wieder weg war, vor allem, weil sie nun ihren Geburtstag alleine verbrachte. Er hatte ihr ein Geschenk dagelassen, einen Gedichtband von Erich Fried. Ein wunderbares Buch, es hiess „Was es ist“ – was war es? Was war es, das Thomas und Claudia verband? Liebe? Es fühlte sich so an. Was sollte es sonst sein? Was spräche gegen Liebe?

Claudia merkte, wie gut ihr Thomas tat. Und auch er sagte, dass sie seinem Leben einen neuen Sinn gebe, einen, welchen er sich immer gewünscht hatte. Beide konnten tiefe Löcher in sich und im Leben stopfen durch die Präsenz des anderen. Die gegenseitigen Besuche waren immer viel zu schnell vorbei, zurück blieben Vermissen und doch Glück über das Wissen, dass der andere auch in der Ferne nah war. Sie hatten schon ein paar Mal darüber geredet, wie es wäre, wenn Claudia nach München käme. Sie könnte in Thomas‘ Galerie arbeiten, wenn sie wollte, in der Hauptsache aber ihre Projekte verfolgen. Einfach zusammen sein, das wäre es, was sich beide wünschten. Zuerst aber stand noch ein Besuch in München an. Thomas hatte eine Vernissage organisiert. Claudia freute sich. Es war das erste Mal, dass sie dabei sein konnte bei so einem Anlass.

Claudia stand am Rand des Geschehens, neben ihr Thomas‘ beste Freundin. Eine sehr nette Frau, die Thomas viel bedeutete. Claudia konnte es verstehen. Die Gäste bestaunten die Bilder, der Künstler sass in der Mitte des Geschehens, lächelte freundlich, sichtlich zufrieden mit seinem Werk und der Wirkung, die es erzielte. Die Gesichter, die ein und ausgingen, sah man sonst in Derrick oder im Alten, alte Bekannte aus dem Wohnzimmer der Kindertage, als die Serien noch häufiger liefen. Unter den Gästen auch ein Schriftsteller mit seiner neuen Freundin. Claudias Nachbarin am Rande beäugte das Paar kritisch und konnte nicht verstehen, was sich ein Mann dabei dachte, sich eine so viel jüngere Freundin zu suchen. Dekadent nannte sie es. Dumm dazu, da sie wahre Gefühle kategorisch ablehnte in solchen Fällen, in seinem Fall Dummheit, in ihrem Geltungsdrang als Motive nannte. Claudia zuckte zusammen. Unmerklich. Äusserlich zumindest. War das wirklich das übliche Bild? Wohl schon. Sie hatte sich die Gedanken auch schon gemacht. Sie war sich nicht sicher, wie sie dazu stand. Aber sie musste sich klar werden.

Thomas war zufrieden mit der Vernissage. Er war sichtlich aufgeräumter Stimmung. Sie sassen im Restaurant bei ihm um die Ecke, tranken ein Glas Wein und liessen den Tag Revue passieren. Thomas nahm Claudias Hand. Er blickte ihr in die Augen. Er dankt ihr, dass sie gekommen war. Es hätte ihm viel bedeutet. Generell bedeute ihr seine Anwesenheit sehr viel. Endlich sei das Loch in seinem Herzen zu. Und er fühle sich wieder ganz. Thomas fragte Claudia, ob sie zu ihm ziehen wolle. Ob sie sich vorstellen könnte, seine Frau zu werden. Und bei ihm zu bleiben. Claudia zuckte zusammen. Unmerklich. Äusserlich. Sie bat sich Bedenkzeit aus. Der Abschied nahte, die Zugfahrt nach Hause war dieses Mal noch trauriger. In Claudias Kopf drehten die Gedanken. Sie fuhren Karussell. Was war richtig, was falsch? Was ist es? Was kann ich? Was soll ich? Was darf ich? Würde sie ja sagen, wäre Thomas der Dumme, sie die Geltungssüchtige. 31 Jahre. Das war eine Menge. Die Welt würde sie anstarren. Verurteilen. Aburteilen. Und mit der Welt Thomas beste Freundin. Thomas würde das nicht gut wegstecken. Das wusste Claudia instinktiv.

Es war die wohl schwierigste Mail gewesen, die sie je geschrieben hatte. Und die Antwort von Thomas war noch schwieriger – zu verkraften. Er brauche Zeit. Das wegzustecken. Abstand. Claudia musste es akzeptieren. Es zerriss sie förmlich. Nun war er weg. Weit weg. So fern. Er, der ihr näher gewesen war als selten jemand. Täglich ferner, in Gedanken täglich nah. Im Herzen sowieso. Sie konnte die Distanz nicht ewig halten. Nach ein paar Wochen schrieb sie ihm. Wollte wissen, wie es ihm ging. Er antwortete prompt. Aus einem Mail pro Tag wurden zwei, wurden Anrufe, wurde ein Besuch – wurde die erneute Frage, ob sie käme. Wurde der erneute Bruch. Der erneute Schmerz. Wurden erneut wieder vereinzelte Mails. Ein Besuch wurde besprochen – er wurde nie realisiert. Dann Schweigen. Tiefes Schweigen. Sie schrieb. Nichts kam. Sie schrieb wieder. Keine Antwort. Dann ein Anruf. Es sei alles in Ordnung. Er sei im Spital. Routine.

Claudia hörte Alarmglocken. Er hatte immer schon Probleme gehabt. Bauchweh. Unwohlsein. Wollte zum Arzt. Ihretwegen. Weil sie drängte. Und er durch sie einen Sinn sah. Den er dann verloren hatte. Nun war er wohl gegangen. Gut. Er würde sich melden, meinte er. Claudia freute sich drauf. Nur meldete er sich nicht. Ob sie ihm nochmals schreiben sollte? Oder ihn in Ruhe lassen? Sie konnte nicht. Was er wohl machte, womit er sich wohl beschäftigte? Sie suchte im Netz die Homepage seiner Galerie.

Der Boden öffnete sich, schien sie zu verschlingen. Sie fühlte nichts mehr – nur Leere. Ein grosses, gewaltiges Nichts. Das sie erstickte. Sie kriegte keine Luft mehr. Das konnte nicht sein. Das musste ein Irrtum sein. Noch weiter weg. Einfach gegangen. Ohne ein Zeichen. Einfach verlassen hatte er sie. Einfach so. Wobei: Deswegen wohl der Anruf. Doch ein Zeichen. Deshalb das eindrückliche „pass auf dich auf“. Er war weg. Einfach gestorben. Claudia starb ein Stück mit.

Vier Jahre später, Claudia blätterte wieder einmal in Frieds Gedichtband, sah sie sich die erste Seite des Buches an. Und sah, was sie davor noch nie gesehen hatte:

Was es ist…..

In Liebe Thomas

Geschrieben vor seinem ersten Besuch bei ihr. Es war ihm damals also gleich gegangen wie ihr. Sie hatte es nicht gewusst. Hatte die Signatur nie gesehen. Sah sie jetzt. Durchlebte alles noch einmal. War es richtig gewesen? Falsch? Was war es gewesen? Was war es noch? Es ist, was es ist.

© Sandra Matteotti

Anna Stothard: Pink Hotel

Der eigenen Geschichte auf der Spur

Sie war siebzehn, als sie verschwand, drei jahre nach meiner Geburt. […] Als ich von ihrem Tod erfuhr, kam sie mir das erste Mal halbwegs real vor.

Eine junge Frau erfährt mit 17 Jahren, dass ihre Mutter Lily, die vor 14 Jahren abgehauen ist, gestorben ist. Aufgewachsen beim Vater, der sich kaum um sie gekümmert hat, suchte sie Zuflucht im Schmerz und in Prügeleien, welche ihr berechenbarer vorkamen als Gefühle, welche sie nie wirklich kennen lernte. Das eigene Leben steckt in einer Sackgasse, nachdem sie von der Schule geflogen ist. Mit der geklauten Kreditkarte macht sich die junge Frau auf den Weg nach Los Angeles und will da mehr über ihre Mutter erfahren.

Im pinken Hotel ihrer Mutter stösst sie auf deren Totenwache, eine Party mit Menschen, welche durch Alkohol und Drogen mehr oder weniger weggetreten sind. Um ein Andenken an ihre Mutter zu haben, klaut sie deren roten Koffer und verlässt die Totenwache, wird dabei allerdings gesehen und später deswegen verfolgt. Eine Reise in die eigene Vergangenheit beginnt. Die junge Frau sucht die Menschen auf, welche ihre Mutter gekannt haben und kommt ihr so durch die Erzählungen näher. Und jedes Mosaiksteinchen hin zum Bild der Mutter bringt sie auch näher zu sich selber. Auf ihrer Suche nach der Mutter und sich selber trifft sie auch auf die Liebe. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie ein Gefühl wie dieses. Doch noch immer traut sie ihm nicht, braucht den Schmerz, sucht ihn.

Ich liebte ihn. Meine Haut sehnte sich danach, dass er mir weh tat, doch ich bat ihn nicht darum. Mir war zwar bewusst, dass ich beim war, ihn küsste, ihn berührte, doch manchmal wollte ich für unsere Verbindung und für meine physische Existenz stärkere Beweise haben. Ich existierte mehr, wenn er mich berührte. Doch ich war auf Schmerzen aus. Ich wollte den beweis, den Schmerz, die rauschhafte Gewissheit haben, mit einem anderen Menschen verbunden zu sein.

Eines Tages ist der Mann, den sie liebt, weg und ihre Suche nach der Mutter geht weiter. Die Antworten, welche sie auf ihre Fragen kriegt, bringen eine schreckliche Wahrheit ans Licht.

Ich glaube, es ist wirklich sehr schwierig, sich mit der Wahrheit auszukennen. Die Wahrheit zu sagen, ist genauso schwierig wie sie in einem anderen Menschen zu erkennen.

Die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach sich selber. Über einige Unstimmigkeiten und sprachliche Fehler schaut man gerne hinweg. Man findet sich im Sog dieser Suche der Tochter, welche die nie gekannte Mutter kennen lernen will, um so auch mehr über sich zu erfahren. Man sieht auf diesem Weg, wie zwei völlig unterschiedliche Wesen immer ähnlicher werden. Die junge Frau, die durch die ganze Geschichte hindurch namenlos bleibt, entwickelt sich von einem unscheinbaren Wesen, das von andern übersehen und nicht wahrgenommen wird, hin zu einer Frau, die ihren Weg für sich findet. Als Leser kann man teilhaben an ihrem reichen und nachdenklichen Innenleben, sieht ihre Kreativität, ihre Intelligenz aber auch ihre Sensibilität, Verletzlichkeit und Verletztheit. Manchmal möchte man sie in den Arm nehmen und beschützen, manchmal bangt man um sie. Eine Figur, die mit viel Liebe gezeichnet ist und die einem ans Herz wächst, auch wenn sie nicht immer nachvollziehbar handelt. Vielleicht auch gerade darum.

Fazit:

Ein Buch, das einen in eine kaputte Welt voller Schmerz, Drogen und Sumpf entführt, dabei aber nie moralisierend, abstossend oder platt wirkt. Die Geschichte packt einen und lässt einen nicht mehr los. Absolut lesenswert.

Bild

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 355 Seiten

Verlag: Diogenes Verlag (September 2012)

Übersetzung: Hans M. Herzog & Astrid Arz

Preis: EUR: 14.90 ; CHF 24.90