Inspirationen für die Woche – KW 18

Neue Woche, neue Inspirationen. Es war eine spannende Woche, eine, bei denen ich mich durch die verschiedensten Bücher blätterte und mich auch sonst inspirieren liess.

Aktuell kommt man kaum an Immanuel Kant vorbei, das Jubiläum hat wahre Text- und sonstige Fluten losgelöst. Ich habe vor nunmehr 21 Jahren beschlossen, damals schwanger in einer Kantvorlesung sitzend, dass mein Sohn doch bitte diesen wunderbaren Namen tragen soll: Immanuel. Er wurde für zu altertümlich befunden, so trägt er ihn nun als Zweitnamen. Immerhin.

Kant ist aktuell, immer. Und ja, um gleich die Kritik vorwegzunehmen: Er war rassistisch und frauenfeindlich. Der Zeit geschuldet, obwohl er es auch hätte besser wissen können. Egal. Es bleibt genug, das zu bedenken ist, da es schlicht gut ist. Man muss nicht immer das Kind mit dem Bade ausschütten. Keiner ist über jeden Zweifel erhaben und wäre es einer, ihr wisst schon, solle er den ersten Stein werfen….

Hier ein paar aktuelle Bücher zum Einstieg:

  • Gabriele Gava, Achim Vesper: Kants Philosophie (C.H.Beck 2024) – ein Einblick in das Leben und Schaffen Kants, eine Erläuterung der zentralen Begriffe und Ansätze seines Denkens anhand seiner wichtigsten Werke.
  • Ursula Michels-Wenz: Klarsicht mit Kant (Insel Verlag 2024) – kleine Denkhäppchen aus Kants Denken, ein guter Einstieg für zwischendurch
  • Omri Boehm, Daniel Kehlmann: Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant (Propyläen Verlag 2024) – zwei kluge Köpfe reden darüber, was wir noch heute von Kant zu Themen wie Rassismus, Kolonialismus, Gerechtigkeit, das Böse und vielen mehr lernen könnten
  • Marcus Willaschek: Kant. Die Revolution des Denkens (C.H.Beck 2024) – eine gelungene, informative, kompetente und gut lesbare Einführung in Kants Philosophie und viel Anregung, als Leser selber mitzudenken

Folgendes Buch kann ich euch zudem ans Herz legen, es hat mich beim Lesen sehr berührt:

Sigrid Nunez: Der Freund

Als ihr Freund stirbt, hinterlässt er nicht nur eine grosse Lücke in ihrem Leben, sondern auch seinen vor Trauer depressiven Hund, eine Deutsche Dogge. Abgesehen davon, dass sie Gefahr läuft, ihre Wohnung in New York zu verlieren, weil da keine Hunde erlaubt sind, wollte sie nie einen Hund haben. Sie war Katzenmensch. Die Geschichte eines Zusammenwachsens, einer Liebe, die tief geht und viel ans Licht holt. Gedanken zum Schreiben, zum Tod, zu Liebe und Freundschaft, zum Denken und zu den Unterschieden zwischen Mensch und Tier. Und ja, auch eine Geschichte vom Loslassen.

Ich habe auch wieder einen Podcast gehört, den ich euch empfehlen möchte:

Vor einiger Zeit stiess ich aus irgendeinem Grund, den ich nun nicht mehr weiss, über sieben Ecken wohl, auf ein Buch: Dana von Suffrin, Nochmal von vorne. Das Buch klang spannend, so dass ich es bestellte. Einen Tag nachdem es im Briefkasten war, suchte ich einen neuen Podcast und stiess auf die neuste Folge von «Dear Reader» mit Mascha Jacobs. Ihr Gast? Dana von Suffrin.  Als persönliches Buch hatte sie neben anderen Joseph Roth dabei mit seiner Erzählung «April». Gleich stürzte ich zum Bücherregal, zog Roths Erzählungen heraus, schlug die Geschichte auf und stiess auf diesen wunderbaren Satz (ich habe ihn kürzlich schon hier reingestellt, weil er so wunderbar ist):

«Die Aprilnacht, in der ich ankam, war wolkenschwer und regenschwanger. Die silbernen Schattenrisse der Stadt strebten aus losem Nebel zart, kühn, fast singend gegen den Himmel.»

Und hier der Link zum Podcast:  HIER

Habt eine gute Woche!

Inspirationen für die Woche – KW 16

Beim Gang durch die Welt schnappe ich immer wieder Dinge auf, die mich inspirieren, die mich bewegen, die mich begeistern. Diese möchte ich mit uns teilen. Vielleicht findet ihr etwas für euch dabei.

Folgende Bücher kann ich ans Herz legen, sie haben mich begeistert beim Lesen:

Michael Schmidt-Salomon: Die Evolution des Denkens

«Tatsächlich hat ‘das Genie’ mit der realen Person, die im Zentrum des Verehrungskults steht, oft wenig gemein… Hinter dem Kult verbirgt sich jedoch ein tiefes menschliches Bedürfnis: Wir brauchen Vorbilder, um uns in unserem Leben zu orientieren. Sie sind Teil unserer Identität, sagen uns, wer wir sind oder sein könnten.»

10 grosse Denker, ihr Leben und Schaffen im Blick, um daraus Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Michael Schmidt-Salomon zeigt, dass all die klugen Geister ihr mutiges und neugieriges Denken und Forschen, ihre Unabhängigkeit, ihr Sinn für Vernetzung und ihr offener Blick sowie der Umstand, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, zu den Denkriesen machte, als die wir sie heute sehen. Was können sie uns also zeigen, was uns für unsere Zeit nützt? Ein sehr informatives, kurzweiliges, packendes Buch.

(Michael Schmidt-Salomon: Die Evolution des Denkens: Das moderne Weltbild – und wem wir es verdanken, Piper Verlag 2024)

Sarah Bakewell: Wie man Mensch wird

«Ich bin ein Mensch, und nichts Menschliches erachte ich als mir fremd.» Publius Terentius Afer

Sarah Bakewell rollt die Geschichte des Humanismus von Anfang an auf. Was heisst es, humanistisch zu denken und zu handeln? Worauf gründen Entscheidungen, was macht den Menschen aus? Ausgehend von der Idee, dass der Mensch im Kern gut sei, bildete sich vor über 700 Jahren eine Lebenshaltung aus, deren Ziel es ist, den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zum Menschen zu machen, der er ist: ein freies, glückliches, im Hier und Jetzt lebendes Wesen, dem das friedliche Miteinander am Herzen liegt, weswegen er auf Mitgefühl und Verantwortung setzt statt auf Gebote und Gesetze. Bakewell erzählt aus dem Leben verschiedener Literaten, Künstler, Denker und zeigt ihre Lebens- und Denkwege auf. Für mich etwas viel Geschichte und zu wenig Denken, was aber subjektiven Vorlieben geschuldet ist.

(Sarah Bakewell: Wie man Mensch wird: Auf den Spuren der Humanisten, C. H. Beck Verlag 2023)

Arthur Schnitzler: Die Traumnovelle

«So gewiss, als ich ahne, dass die Wirklichkeit einer Nacht, dass nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet.»

«Und kein Traum», seufzte er leise, «ist völlig Traum.»

Die Geschichte von Fridolin und Albertine, einem jungen Ehepaar mit einer kleinen Tochter, verbunden in einer innigen Beziehung, die Risse bekommt, als sie beschliessen, sich alles zu sagen. Die jeweiligen erotischen und Fantasien und Hoffnungen verwirren nicht nur jeden für sich, sondern führen auch zu emotionalen Abgründen miteinander. Was für eine Sprache, was für eine Welt, in die man da hineingerät: In die Tiefen des menschlichen Fühlens und Wünschen. Wo liegt die Wahrheit? Was ist wirklich gewollt, gelebt, was nur geträumt?

(Arthur Schnitzler: Traumnovelle – in verschiedenen Ausgaben, unter anderem SZ Bibliothek 2004)

Folgenden Podcast habe ich gehört:

Freiheit Deluxe mit Jagoda Marinić und Ilker Çatak

Hier geht’s zum Podcast

«Freiheit kommt mit Bewusstsein.» David Foster-Wallace (abgekürzt)

Ein Gespräch über Freiheit, über Ausgrenzung, darüber, ignoriert und ausgeschlossen zu werden. Es ist ein Gespräch über die blinden Flecken in der Gesellschaft, in welcher Exklusion schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass es nicht mehr auffällt – ausser, man ist betroffen. Es ist ein Gespräch darüber, wie wir mit mehr Bewusstsein unser Leben leben sollen, denn nur so sind wir frei. Und vieles mehr.

Das vollständige Zitat lautet:

„Die wirklich wichtige Art der Freiheit beinhaltet Aufmerksamkeit und Bewusstsein, Disziplin und Anstrengung, und die Fähigkeit, sich wirklich um andere Menschen zu sorgen, für Sie Opfer zu bringen, jeden Tag auf neue auf unzählige, kleine, unsittliche Arten und Weisen.“

Überhaupt möchte ich euch den Podcast von Jagoda Marinić ans Herz legen. Sie hat eine sehr warme, kompetente Art zu fragen und zuzuhören. Es sind Gespräche, die in die Tiefe gehen, die Persönliches ans Licht bringen und auch die Gesellschaft, wie sie ist, und unser Sein darin immer wieder hinterfragen.

In der ARD-Mediathek und bei SRF Play findet sich nun der von Daniel Kehlmann geschriebene Sechsteiler über Franz Kafka. Da kommt alles zur Sprache: Das Verhältnis zum Vater, die Beziehungen zu den verschiedenen Frauen, seine Freundschaft zu Max Brod – und vieles mehr. Ich bin sehr gespannt, ich habe die Serie noch nicht gesehen.

Hier geht’s zur Sendung

Zu Kafka werde ich in den nächsten Wochen sicher noch mehr schreiben.

Ich hoffe, ihr habt etwas gefunden, das euch anspricht. Wenn ihr Tipps für mich habt, immer nur her damit.

Habt eine gute Woche!

Lesemonat März 2024

„…eine Haltung, die ich mir instinktiv zu eigen gemacht hatte und die ich nie mehr ablegen wollte: Im Zweifelsfall auf Sieg setzen, den Leuten und den Umständen vertrauen ist besser, als sich vor ihnen zu hüten.“ Simone de Beauvoir

Was kann ich vom März sagen? Er war schön, es war alles gut, und doch ist er irgendwie an mir vorbeigerauscht. Ich habe so wenig gelesen, wie selten, noch weniger geschrieben. Ich habe mir viel Gedanken gemacht, das schon, Notizbücher wurden gefüllt. Aber ja, vielleicht ist auch nur die Bücheranzahl klein, ich habe vor allem ein Buch sehr intensiv gelesen: Simone de Beauvoirs zweiten Band ihrer Memoiren. Am liebsten hätte ich gleich weitergelesen im dritten, doch ich war in Spanien, der Zugriff auf meine Bücher fehlte also. Das hole ich bald nach.

Zu den Lesehighlights:
Nach einem fulminanten Start mit Elizabeth Strouts «Am Meer», das ich wirklich geliebt habe, kamen einige Enttäuschungen. Und dann wieder ein Highlight: Connie Palmen, die ich sowieso sehr liebe, schreibt in «Vor allem Frauen» von ihren Leselieben. Am liebsten hätte ich gleich alle selbst gelesen, ein Effekt, den ich das Schneeballprinzip des Lesens nenne: Von einem Buch kommt man auf fünf weitere Bücher, die dann wiederum je fünf mit sich bringen. Und so füllt sich die Liste der Bücher, die noch gelesen werden wollen, immer mehr. Nach nochmals einer Enttäuschung noch das ganz grosse Highlight mit Simone. Es war doch ein sehr guter Lesemonat, wenn ich das nun so Revue passieren lasse. Deshalb liebe ich solche Leserückblicke, sie dienen oft auch der eigenen Erinnerung.

Die ganze Liste

Elizabeth Strout: Am MeerAls Covid ausbricht, bringt William, Lucy Bartons Exmann und noch immer bester Freund, diese aus der Stadt New York nach Maine, um sie vor dem Virus zu schützen. Was für ein paar Wochen geplant war, zieht sich hin. In einem Haus mit Meerblick verbringen sie den Lockdown, richten sich in einer Zweierbeziehung ein, die vor vielen Jahren wegen einer Affaire Williams zerbrochen ist. Die Zurückgezogenheit von der Welt wird nur dann und wann durch Gespräche mit neugewonnenen Freunden oder Spaziergängen am Meer unterbrochen, dazwischen bleibt viel Zeit zum Nachdenken: Über die Vergangenheit, die eigene Herkunft, das Leben und den Gang der Welt. Ein Buch, das durch die Tage plätschert, Gedanken zum Nachdenken in den Lesefluss trägt und in dem man Seite für Seite tiefer in die Figuren und ihr Leben hineingesogen wird. 5
Jonathan Lee: Joy – abgebrochenJoy kommt nach Hause, die Tür steht offen, sie schimpft innerlich über ihren nachlässigen Mann, hört ein Geräusch in der Küche, kann es nicht zu ordnen. Inhaltlich banal langweilig, sprachlich bemüht witzig  hat mich das Buch leider gar nicht angesprochen. 
Katie Kitamura: Intimitäten – abgebrochenDie Erzählerin kommt nach Den Haag, wo sie am Gerichtshof arbeiten will, Sie besucht eine Freundin, hat einen Freund, reflektiert im inneren Monolog ihr Leben, Denken, Fühlen. Nach 52 Seiten ist noch nicht mehr als das passiert, das hat meine Geduld zu sehr strapaziert.
Connie Palmen: Vor allem FrauenEine Auseinandersetzung mit Literatur, mit verehrten Schriftstellerinnen, mit den Gefühlen beim Lesen, der Verbundenheit. Immer auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst, dem eigenen Leben, Empfinden, Schreiben. es sind vor allem Frauen: Virginia Woolf, Sylvia Plath, Joan Didion und weitere – aber auch ein Mann, Philip Roth. Ein persönliches, ein tiefgründiges Buch, eines, das eintauchen, mitdenken und fühlen lässtr. 5
Sibille Aleramo: Eine Frau – abgebrochenWas für ein Anfang. Eine Vater-Tochterbeziehung, wie sie authentischer nicht hätte erzählt werden können. Alles spielte mit: Die Fixierung auf den Vater, die Überhöhung seiner Person, die Geringschätzung der Mutter, das Gefühl der eigenen Grösse durch die Beachtung durch den Vater, die Klassengesellschaft, in welcher der Vater eine seltsam unzuordenbare Rolle spielte, bei welcher aber doch Respekt (wenn auch oft nur vordergründig) mitspielte.    Dann bröckelte das Bild des Vaters und damit auch die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Zwischen mir als Leserin und dieser Figur ist eine regelrechte Entfremdung eingetreten, so dass ich ihrem Leben nicht mehr weiter folgen wollte. Schade. Der Anfang war grossartig!
Bernhard Schlink: Das späte LebenMartin erfährt von seinem Arzt, dass er nicht mehr lang zu leben hat. Seine Gedanken gehen zu David, seinem kleinen Sohn, und Ulla, seiner jungen Frau. Er überlegt, was er ihnen zurücklassen kann und beschliesst, für David Briefe zu schreiben. Er schreibt über den lieben Gott, über die Liebe, über Gerechtigkeit, über den Tod. Er baut einen Komposthaufen, findet heraus, dass Ulla eine Affäre hat und macht irgendwie weiter, wie bisher. Auf Gefühle, etwas Berührendes, Bewegendes wartet man vergeblich beim Lesen, das Buch und seine Figuren bleiben merkwürdig flach und blass. 3
Simone de Beauvoir: In den besten JahrenDie autobiografische Erzählung von Simone de Beauvoirs über ihr Leben ab 20, das ihr endlich die ersehnte Freiheit gibt. Es ist die Erzählung ihrer Beziehung zu Sartre, zu ihren Beziehungen und Freundschaften, die sich über die Jahre bilden. Es ist ein Schreiben über ihr eigenes Schreiben und das Ringen um die ersten Romane sowie ein Blick in das Erstarken des Nationalsozialismus und den Ausbruch des Weltkrieges, wie die Kriegsjahre sich auf das Leben und die Gesinnung der Menschen auswirkte, sowie die Analyse der eigenen Verwandlung von einem apolitischen hin zu einem politisch engagierten Menschen.5
Julia Korbik, Julia Bernhard: Simone de BeauvoirGraphic Novel über das Leben (und ein wenig auch das Denken) von Simone de Beauvoir. Ein ansprechender und gut gewählter Einblick in die Biografie einer der grössten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Die Illustration besticht durch eine schöne Bildsprache und eine stimmige Farbgebung.5

Bücherwelten: Leseabbrüche

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“(Franz Kafka)

Ich habe irgendwann beschlossen, dass ich Bücher, die mich nicht ansprechen, nicht fertiglese. Manchen gebe ich mehr Raum, um etwas für mich Packendes zu entwickeln, manche beende ich schon nach wenigen Seiten, wenn mich der Stil überhaupt nicht anspricht. Denn für mich zählt die Art der Sprache auch viel, sie muss mich sprichwörtlich ansprechen, um bei mir ein Lesevergnügen zu wecken. 

Ferdinand von Schirach sagte in einem Interview, dass das einzige Kriterium, das darüber entscheide, ob Kunst gut sei oder nicht, sei, ob sie berührt. Etwas, das mich nicht berührt, ist (für mich) keine gute Kunst. Das überlässt Kunst der individuellen Beurteilung. Kunst so aufgefasst kennt dann kaum wirklich objektive Kriterien, sondern nur das rein persönliche Empfinden. Als Wissenschaftler möchte man dem irgendwie widersprechen, ist man doch immer darauf aus, Wahrheiten (die es offenkundig nicht gib) zu ergründen und zu präsentieren. Ich mag Ferdinand von Schirachs Aussage, für mich stimmt sie. 

Ich habe auch beschlossen, Bücher, die mich nicht ansprechen, nicht zu rezensieren oder vorzustellen. Vor dem Hintergrund des vorher Gesagten würde das wenig Sinn ergeben (gut, die Frage ist, welchen dann eine positive Besprechung hat – aber irgendwie ist Leidenschaft und Freude ein schönerer Grund, etwas zu zeigen, als Ablehnung) und doch juckt es mich manchmal in den Fingern. Nicht, um das Buch zu verreissen, sondern aus Neugier, wie es anderen mit dem Buch ging.

Zwei Beispiele von abgebrochenen Büchern waren folgende:

Katie Kitamura: Intimitäten
Die Erzählerin kommt nach Den Haag, wo sie am Gerichtshof arbeiten will, Sie besucht eine Freundin, hat einen Freund, reflektiert im inneren Monolog ihr Leben, Denken, Fühlen. Nach 52 Seiten ist noch nicht mehr als das passiert, das hat meine Geduld zu sehr strapaziert.

Jonathan Lee: Joy
Joy kommt nach Hause, die Tür steht offen, sie schimpft innerlich über ihren nachlässigen Mann, hört ein Geräusch in der Küche, kann es nicht zu ordnen. Inhaltlich banal langweilig, sprachlich bemüht witzig  hat mich das Buch leider gar nicht angesprochen.

Nach einem wirklich grossartigen Buch, wie es Elizabeth Strouts „Am Meer“ war, frage ich mich, ob es daran lag, dass dieses so gut war, dass die anderen abfielen, weil ich lieber noch da weitergelesen hätte, oder ob es wirklich „nur“ die Bücher selbst waren. 

Lest ihr Bücher fertig?
Was haltet ihr von Rezensionen oder Verrissen?
Kennt jemand die beiden Bücher und wie waren sie für euch?

Elizabeth Strout: Am Meer

Inhalt

«»Ich war so traurig an diesem Abend; ich begriff mit einer Klarheit, wie nur zu wenigen anderen Zeiten meines Lebens, dass die Isolation meiner Kindheit, die Angst und die Einsamkeit, mich nie ganz loslassen würden. Meine Kindheit war ein einziger Lockdown gewesen.»

Als Covid ausbricht, bringt William, Lucy Bartons Exmann und noch immer bester Freund, diese aus der Stadt New York nach Maine, um sie vor dem Virus zu schützen. Was für ein paar Wochen geplant war, zieht sich hin. In einem Haus mit Meerblick verbringen sie den Lockdown, richten sich in einer Zweierbeziehung ein, die vor vielen Jahren wegen einer Affäre Williams zerbrochen ist.

Die Zurückgezogenheit von der Welt wird nur dann und wann durch Gespräche mit neugewonnenen Freunden oder Spaziergängen am Meer unterbrochen, dazwischen ist Lucy auf sich selbst zurückgeworden, es bleibt viel Zeit zum Nachdenken: Über die Vergangenheit, die eigene Herkunft, das Leben und den Gang der Welt. Ein Buch, das durch die Tage plätschert, Gedanken zum Nachdenken in den Lesefluss trägt und in dem man Seite für Seite tiefer in die Figuren und ihr Leben hineingesogen wird.

Gedanken zum Buch

«Auch das war also eine Tatsache. Er war immer noch William. Und ich war immer noch ich.
Aber wir waren auch sehr glücklich dabei. Das muss ich sagen.»

Menschen sind, wie sie sind. Sie werden sich zwar in gewissen Dingen verändern, doch darauf zu hoffen oder es gar zu erwarten, wäre ein Unding. Schlussendlich ist kein Mensch auf der Welt, um so zu sein, wie der andere ihn gern hätte, es ist an uns, mit einem Menschen, den wir mögen, ein Zusammenleben zu finden, das für beide funktioniert und beide in ihrem Sein respektiert und leben lässt.

«Wenn wir Glück haben, stossen wir auf jemanden. Aber wir prallen auch immer wieder voneinander ab, ein Stückchen zumindest.»

An einem anderen Menschen ist nie alles perfekt, es gibt immer diese kleinen Dinge, an denen wir uns stossen, über die wir uns ärgern. Oft sind es Kleinigkeiten und doch bringen sie in uns viel in Wallung. Lucy erinnert sich an Dinge von früher, an die kleinen Ärgernisse mit William, die nun, in der heutigen Situation, plötzlich anders auf sie wirken. Es kann sogar vorkommen, dass sie sich heute über die Dinge freut, die sie früher geärgert haben. Der Umstand, dass dies so ist, zeigt deutlich, dass es nicht die Dinge selbst sind, die ärgerlich sind, sondern wir es sind, welche sie so sehen. Vielleicht sollte man das im Hinterkopf behalten, wenn man sich wieder einmal über etwas ärgert.

«Die Frage, warum manche mehr Glück haben als andere – es gibt wohl keine Antwort darauf.

Sartre sagte, wir würden in die Welt geworfen und es sei an uns, diese dann für uns zu gestalten. Das mag einigen leichter fallen als anderen, nicht jeder ist mit den gleichen Talenten und Möglichkeiten ausgestattet. Fair ist das nicht, aber es ist alles, was wir haben. Es ist an uns, das Beste aus dem, was ist, zu machen.

«Woran liegt das, dass die Menschen so verschieden sind? Wir kommen mit einer bestimmten Veranlagung zur Welt, denke ich. Und dann treibt das Leben sein Spiel mit uns.»

Wie oft verurteilen wir Menschen, weil sie anders sind oder denken als wir, dabei ist es eine Tatsache, dass Menschen verschieden sind und dadurch auch die Welt um sich unterschiedlich wahrnehmen. Wenn wir uns dessen bewusst sind, wird klar, dass sich ein Urteil über die Art eines anderen Menschen, nicht ziemt, vielmehr ist es für das gegenseitige Verständnis wichtig, zu versuchen, die Welt aus den Augen des anderen zu sehen.

«Merkwürdig, wie das Hirn sich weigert, gewisse Dinge aufzunehmen, bis es bereit dafür ist.»

Wie oft kommt es vor, dass man sich fragt, wieso man etwas nicht früher gemerkt, gesehen oder getan hat. Im Nachhinein scheint alles klar, nur damals war es dies nicht. Und vielleicht musste es so sein. Alles hat seine Zeit und für manche Dinge ist es zu früh oder zu spät. Wir können nie nachholen, was wir irgendwann verpasst haben, und vielleicht können wir auch nicht vorgreifen, wenn etwas schlicht noch nicht an der Reihe ist.

Fazit
Ein stilles Buch, ein Buch, das zum Mitfühlen und Mitdenken anregt. Ein Buch über Verluste, Wiederentdeckungen und die Liebe. Grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Sie zählt zu den großen amerikanischen Erzählstimmen der Gegenwart. Ihre Bücher sind internationale Bestseller. Für ihren Roman »Mit Blick aufs Meer« erhielt sie den Pulitzerpreis. »Oh, William!« und »Die Unvollkommenheit der Liebe« waren für den Man Booker Prize nominiert. »Alles ist möglich« wurde mit dem Story Prize ausgezeichnet. 2022 wurde sie für ihr Gesamtwerk mit dem Siegfried Lenz Preis ausgezeichnet. Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Luchterhand Literaturverlag (14. Februar 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 288 Seiten
  • Übersetzung :  Sabine Roth
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3630877488
  • Originaltitel ‏ : ‎ Lucy by the Sea

Lesemonat Februar 2024

Er ist der kürzeste Monat des Jahres, aber dieses Jahr schien es fast, als ob er beweisen wolle, dass viel reingeht. Die Agenda zum Bersten voll, die Termine überschlugen sich, manchmal überschnitten sie sich gar. Und dann war es plötzlich still. Für einen Augenblick hielt alles an, die Welt schien zum Stehen zu kommen, nur um dann in noch grösserer Frequenz zu laufen. Unglücksfälle bei Menschen, die einem wichtig sind, lassen plötzlich alles obsolet erscheinen, man ist zurückgeworfen auf die Verletzbarkeit des Lebens. Langsam gibt es zum Glück ein Aufatmen, zurück bleiben eine grosse Dankbarkeit und Demut.

Ich war bei all dem froh um meine kleinen Zeit- und Rückzugs-Oasen für mich, die ich mit Schreiben, Lesen und viel Nachdenken füllen konnte. Und doch ist all das irgendwie in blasser Erinnerung. Beim Anschauen meiner Leseliste erinnere ich mich wieder, all die Bücher gelesen zu haben, erinnere mich an die Eindrücke dabei und die Freude über gute Sätze, einnehmende Geschichten und mehr. Die Bücher führten mich wieder zu menschlichen Abgründen, zu persönlichen Lebenserfahrungen, es waren Reisen in die Vergangenheit und auch Einblicke in die Welt heute. Es waren Enttäuschungen dabei, aber auch und vor allem viele Highlights, allen voran

  • Suzie Miller: Prima Facie – die Erzählung einer jungen Frau, die Klassengrenzen überschreitet, Karriere macht, sich ein Leben aufbaut und dann vor der Entscheidung steht, ob sie für ihre Überzeugung einstehen und das Risiko eingehen soll, all das aufs Spiel zu setzen.
  • Monika Helfer: Die Jungfrau – Monika Helfer erzählt von ihrem Aufwachsen und denkt denkt dabei zurück an ihre Freundschaft mit Gloria.

Die komplette Liste:

Chandler, Raymond: Die simple Kunst des MordensIn Briefen, Essays, Notizen und mehr äussert sich Raymond Chandler über sich und sein Schreiben, er behandelt Themen wie die Filmwelt und das Verlagswesen wie auch das Handwerk des Schreibens und den Kriminalroman. Er zeigt sich dabei authentisch, ehrlich direkt und teilweise bitterböse, analytisch und auch kritisch.  Ein wunderbar unterhaltsames Buch, welches nicht nur einen Blick auf diverse Themen rund um das Schreiben eines Kriminalromans und alles, was damit in irgendeiner Form zusammenhängt wirft, sondern auch den Autoren Raymond Chandler erfahrbar macht in seinem Schreiben und Denken, mit all seinen Eigenarten. 5
Diporreta, Luca: Sankt Galler SpitzenEigentlich wollen Robert Keller (Leiter der Kripo St. Gallen) und Lea, seine Partnerin ein gemeinsames Wochenende im Wellnesshotel am Bodensee verbringen, doch eine Leiche macht diesem ein vorzeitiges Ende. Mia Schneider, Chefdesignerin der Textilfirma Vadiana, wird vergiftet aufgefunden und Robert Keller ist gefordert. Seine Ermittlungen führen ihn in die Kreise einer angesehenen Textildynastie. Das Opfer, erst überall beliebt, scheint sich einige Feinde gemacht zu haben, doch Robert Keller tappt im Dunkeln. Was hat er übersehen? Ein solider und unterhaltsamer Krimi nach bewährtem Muster.4
Meyer, Thomas: Hannah Arendt. Die BiografieDer Versuch, Hannah Arendts Leben und Werk nicht in Bezug auf die Aktualität heute, sondern aus ihrer Zeit heraus vorzustellen, wobei die 20 Jahre nach der Emigration nach Paris die prägendsten seien. Entstanden ist eine eher langatmige Wanderung durch das Leben und Schreiben einer herausragenden Philosophin, die keine offensichtlichen Ziele oder Absichten zu kennen scheint. Leider sehr unbefriedigend. 
Shalev, Zeruya: Nicht ich – abgebrochenWorum es wirklich geht, fand ich beim Lesen der ersten 27 Seiten nicht. Einige schöne Sprachbilder, eine abstruse Geschichte – ein Buch, in das ich schlicht nicht reinfand
von Schirach, Ferdinand, Alexander Kluge: Die Herzlichkeit der VernunftZwei kluge und klare Denker unterhalten sich über aktuelle Themen, berufen sich auf die grossen Philosophen Sokrates, Voltaire, Kleist und mehr. Sie sprechen über Schuld und Scham, über Freiheit und Verantwortung, über das Leben und die Politik. Wunderbar tiefgründig und zum Nachdenken anregend. 5
Helfer, Monika: Die JungfrauMonika Helfer erinnert sich an ihre Freundin Gloria, erinnert sich an eine Frau, mit der sie in ihrer Kindheit befreundet war und es auf eine Weise blieb trotz räumlicher Trennung später. Schreibend tastet sie sich an die eigenen Erinnerungen heran, versucht das Bild der Freundin lebendig werden zu lassen. Sie tut es in einer eigenwilligen, mal brutal klaren, dann wieder poetisch verschlungenen Sprache. 5
Miller, Suzie: Prima FacieTess kämpft sich mit Ehrgeiz und viel Arbeit durch die sozialen Schichten, kann mit einem Stipendium in Cambridge studieren und später in eine angesehene Kanzlei in London eintreten. Sie merkt, dass sie aus einer anderen Klasse stammt, es wird ihr überall bewusst. Sie versucht, sich anzupassen, die Verhaltensweisen anzueignen, die es braucht, um dazuzugehören, und sie schafft sich Respekt durch ihre Leistung und ihr Können. Alles läuft auf graden Schienen, bis ein einziger, verhängnisvoller Abend alles zunichte zu machen scheint und ihre ganze Welt aus den Fugen gerät. Was soll sie tun? Was steht auf dem Spiel? Ist sie bereit, den Preis für ihre Überzeugungen zu bezahlen? Ein wichtiger Roman, der aufrüttelt und den Blick auf die Fehler im System öffnet.5
Kehlmann, Daniel: LichtspielG.W.Pabst hat es geschafft. Er konnte Europa mit seiner Frau und seinem Sohn rechtzeitig verlassen und in den USA das tun, was er liebte: Filme machen. Der Erfolg hält nur kurz, zudem ist seine Mutter noch in Österreich und nicht bei bester Gesundheit. Mit seiner Familie reist er zurück, um die Mutter in ein Sanatorium zu bringen und dann – so gibt er vor – zurück in die USA zu gehen. Er bleibt, kommt in die Mühlen der Nazis, dreht fortan unter deren Augen. Der rote Pabst von einst plötzlich ein Nazizudiener? Sprachlich grossartig, anfangs wirklich einnehmend, dann Längen entwickelnd. 4
Andreas Gruber: Dinner in the Dark. Achtzehn Crime-StorysDie ersten Kurzgeschichten waren spannend, mitreissend, das Ende blieb bis am Ende offen und es gelang Gruber, kurz vor Schluss noch eine Wendung hinzubringen, die alles in einem neuen Licht zeigte. Dazu seine sprachlich schönen Wendungen und Bilder. Grossartig. Die Sprache blieb, die Spannung verschwand nachher. Langes und seichtes Geplätscher endete jeweils in einem nicht ganz erwarteten Ende, doch selbst das hatte kaum eine Anlehnung an eine Kriminalgeschichte. Schade. Ein fulminanter Start mit einem abrupten Ende schon früh im Buch. 3
Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten – abgebrochenAtemberaubend sollen sie sein, ein Stück Weltliteratur. Leider musste ich dieses dahinplätschernde Nicht-Geschehen nach kurzem abbrechen. Es nahm mir nicht den Atem, als Weltliteratur hätte ich es auch nicht bezeichnet. Schade. 
Bärbel Reetz: Emmy Ball-Hennings. Leben im VielleichtEigentlich eine tragische Geschichte: Eine Mädchen, eine junge Frau mit Tatendrang, Visionen, Träumen und Zielen, die den Mut hat, all diese zu verfolgen, die in die Welt aufbricht, sich alles erkämpfen muss und dabei unten durch geht, die tanzt, dichtet, liebt, sich verkauft, abstürzt, im Gefängnis landet, sich immer wieder aufrappelt. Sie beweist immer wieder, dass sie etwas kann, viele verehren sie – und doch reicht es nie zum Leben, knapp nur zum Überleben. Bärbel Reetz zeichnet das Leben und Schaffen der Emmy Hemmings nach, wobei sie zu viel Gewicht auf all die Figuren um sie herum und zu wenig auf Emmy selbst schaut. Dadurch ist eine sehr langatmige, oft verwirrende, zeitlich hin und her springende Biografie entstanden, welche den Menschen Emmy Hemmings nicht wirklich fassbar macht. 3.5

Lesemonat Januar

Gerade erst sind wir ins neue Jahr gestartet und schon ist der erste Monat Geschichte. Ich bin unter spanischer Sonne ins neue Jahr genutzt, habe den Jahreswechsel dazu genutzt, Altes abzuschliessen und zu sehen, was ich mir vom Neuen erhoffe. Ich habe mir überlegt, was ich vom neuen Jahr will und mich darauf festgelegt – um am Schluss des Monats zu merken, dass das so nicht passt. Das meinte wohl Wilhelm Raabe mit seinem Ausspruch:

«Alles in der Welt geht in Wellenlinien. Jede Landstrasse und so weiter. Wehe dem, der überall ein Lineal anlegt.»

 Ich habe viel gelesen, nachgedacht, geschrieben, ich habe dabei neue Erkenntnisse gewonnen und eigentlich bekannte wieder hervorgeholt. Bei all dem habe ich viel über mich gelernt:

  • Ich lasse mich ungern beschränken, mache es aber manchmal selbst, nur um zu merken, dass ich es nicht mal dann mag. Ich habe zu viele unterschiedliche Interessen, um mich auf etwas festzulegen. Vielleicht meinte Simone de Beauvoir ihren Satz genau so: «Ich möchte vom Leben alles.»
  • Ich darf mir ruhig mehr zutrauen.
  • Ich muss nicht perfekt sein, ich bin gut so, wie ich bin. (das wird wohl ein lebenslanger Lernprozess)

Es war ein guter Monat, Spanien hat mir gutgetan und der Abschied fiel schwer. Mittlerweile bin ich wieder in der Schweiz angekommen, auch innerlich, und geniesse es, hier in eine andere Welt einzutauchen mit mehr Kultur, was ich auch sehr geniesse. Leider ist das Leben nicht nur bunt und hell, auch traurige Vorfälle bleiben nicht aus. Mit einem solchen endete dieser Monat, das wird noch eine Weile nachhallen. Was bleibt, ist die Dankbarkeit für das Gute in meinem Leben, und Hoffnung und auch Zuversicht, dass es ein gutes Jahr werden wird. Ich werde es auf meine Weise beschreiten.

Meine Bücher

Ich habe mich mit Mord und Totschlag durch den Monat bewegt, bin menschlichen Abgründen auf die Spur gekommen und dabei durch die verschiedensten Orte der Welt gekommen. Meine Highlights:

  • Nele Neuhaus: Eine unbeliebte Frau
  • Kristen Perrin: Das Mörderarchiv
  • David Baldacci: Long Shadows
  • Nicola Upson: Mit dem Schnee kommen der Tod
  • Josephine Tey: Der letzte Zug nach Schottland

Hier die vollständige Liste:

Kristen Perrin: Das MörderarchivAls junges Mädchen hört Frances von einer Wahrsagerin, dass sie einmal ermordet werden wird. Sie glaubt dieser Weissagung und ist auf der Hut, umso mehr, als ihre Freundin Emilie plötzlich verschwindet. Hatte das ihr gegolten? Als sie viele Jahre später wirklich ermordet wird, vermacht sie ihr grosses Vermögen zu einem Teil ihrer Nichte oder dem Neffen ihres verstorbenen Mannes – je nachdem, wer von ihnen den Mord aufklärt. Annie macht sich sofort auf die Suche, gerade die richtige Aufgabe für eine angehende Krimi-Schriftstellerin. Hinweise erhofft sie sich aus dem Tagebuch ihrer Tante, wodurch sie auch mehr über Emilies Verschwinden damals kommt. Die Suche nach dem Mörder bringt sie selbst auch in Gefahr. 5
Elizabeth George: Mein ist die RacheWas als romantisches Verlobungswochenende geplant war, wird du einer mörderischen Angelegenheit. Zuerst stirbt ein Journalist, der sich als Frauenheld einige Feinde gemacht hat, danach gibt es einen weiteren Toten, der Verdacht wandert vom einen zum anderen. Mittendrin noch eine Frau zwischen zwei Männern. grossartiger Spannungsbogen, stimmige und authentische Figuren, eine mitreissende Geschichte. 5
Elizabeth George: MeisterklasseDas Folgebuch zu „Wort für Wort“. Elizabeth George offenbart ihren persönlichen Schreibprozess von der Idee über die Recherche hin. zu ersten Entwürfen und deren Überarbeitung bis zum fertigen Buch. Sie macht mit Beispielen die Theorie anschaulich und bietet mit Übungen die Gelegenheit, das Gelesene auszuprobieren. 5
Nele Neuhaus: Eine unbeliebte FrauEin Oberstaatsanwalt bringt sich mit einer Ladung Schrott um, eine junge Frau stürzt sich von einem Turm. Schnell stellt sich heraus, dass sie keinen Selbstmord begangen hat, sondern umgebracht wurde. Die Suche nach dem möglichen Täter bringt eine Menge Feinde ans Licht, niemand scheint die Frau wirklich gemocht zu haben. Bodenstein und Kirchhoff müssen ihren ersten gemeinsamen Fall lösen und verlaufen sich dabei mehrfach, während sie Einsicht in immer tiefere Verstrickungen und Verbrechen gewinnen. Grossartiger Plot, stimmige Figuren, gut umgesetzt. 5
Ruth Ware: Zero days – abgebrochenDie Sprache hat mich nicht gepackt, im Gegenteil. Ich war nach kurzem so genervt, dass ich abbrach.
Sebastian Fitzek: MimikDie Mimikresonanzexpertin Hannah Herbst wird von einem gefährlichen Killer aus dem Gefängnis entführt. Er behauptet, sie habe ihre Familie brutal ermordet, es existiert sogar ein Video mit dem Geständnis. Nur: Sie kann sich an nichts erinnern und schwankt zwischen der Angst, es könnte stimmen, und der Überzeugung, dass alles ein Irrtum sein müsste. Das ganze Buch hängt an der zentralen Frage, viele Seiten erscheinen nur als Aufschieben der Antwort, ohne zur Spannung beizutragen. Dann häufen sich die Leichen, alles wird immer verworrener. Das Buch hat viele Schwächen und lässt doch nicht los. Leider ist die Auflösung dann doch sehr weit hergeholt und es bleibt ein leises Bedauern zurück. 3
C.J.Box: Blue HeavenAnnie und William, zwei Kinder, sehen, wie vier Männer einen fünften umbringen. Als die Männer bemerken, dass sie beobachtet werden, wollen sie die Zeugen aus dem Weg schaffen, doch es gelingt Annie und William, zu entkommen. Nur: Wo sollen sie hin? Und wem können sie trauen? 4
Nicola Upson: Mit dem Schnee kommt der TodDetective Chief Inspectro Archie Penrose wird von der Burgherrin auf die Insel St. Michael’s Mount eingeladen, um da an der Weihnachtsfeier, auf welcher für Flüchtlinge gesammelt werden soll teilzunehmen. Er bringt als Begleitung Josephine Tey und deren Freundin Martha Fox mit und ist zuständig für das Wohlergehen des Spezialgasts, Marlene Dietrich. Dass just an diesen Weihnachten auf der sonst so friedlichen Insel gleich zwei Morde geschehen, bringt alle durcheinander. Der Täterkreis ist beschränkt, da die Insel von der Aussenwelt abgeschlossen ist, nur: Wer war es, und: War das erst der Anfang?5
Günter Keil: Der Mörder im KopfInterviews mit Meistern der Spannungsliteratur, Autoren von Krimis und Thrillern über ihr Lieblings-Wc-Papier, politische Meinungen, Schreibprozesse, persönliche Interessen und mehr. Spannend, informativ, menschlich. 5
Sebastian Fitzek: Der HeimwegKlara will sich umbringen, denn sie hält das Leben mit ihrem gewalttätigen Ehemann nicht mehr aus. Aus verstehen baut sich bei ihrem Versuch ein Anruf zum Begleittelefon auf, dessen Nummer sie schon lange gespeichert hat. Jules bringt sie dazu, mit ihr zu reden, kann sie langsam von ihrem Vorhaben abbringen. Doch da ist noch die tödliche Gefahr, die auf sie lauert, weil ein Psychopath ihr angekündigt hat, sie umzubringen, wenn sie ihren Mann nicht verlässt. Auch ein Todesdatum hat er ihr genannt: Heute… Ein Katz- und Mausspiel, in welchem man bald nicht mehr weiss, wem man nun wirklich trauen kann, was Wahrheit, was Einbildung und was einer psychischen Krankheit entsprungen ist. Ein typischer Fitzek. 5
Simon Beckett: Versteckt. Dunkle GeschichtenDrei Kurzgeschichten, die in menschliche Abgründe leuchten. Etwas vorhersehbar, aber durchaus unterhaltsam. 3
David Baldacci: Long ShadowsEine Richterin aus Florida und ihr Bodyguard werden ermordet im Haus der Richterin. Ein neuer Fall für Amos Decker und seine neue Partnerin Francesca White. Decker, der keine Veränderungen mag, sieht sich mit zu vielen davon konfrontiert. Zudem erweist sich der Fall als komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Nicht nur sterben immer noch mehr Menschen, es gibt auch unterschiedliche Mordmethoden sowie eine Spur, die weit zurück in die Vergangenheit reicht. Und nichts will zusammenpassen.  5
Hubertus Borck: Die StrafeFranke Erdmann und Alpay Eloglu werden zu einem Brand gerufen. Es ist nicht der erste, doch langsam beschleicht sie die Ahnung, dass diese Brände keine Einzelfälle waren, sondern zusammenhängen. Die Frage ist nur: Wie und was will der Täter erreichen? Zudem: Wer steht noch auf seiner Liste? Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, ob sie den Mörder finden, bevor er sein nächstes Opfer anzündet. Anfangs eher schleppend und langatmig, mit wenig fassbaren Figuren, siegt die Neugier doch, die Antwort auf die offenen Fragen zu finden. Die Themen Sozialkritik und Klimabewusstsein wurden teils gut, teils etwas moralisierend verpackt.3.5
Josephine Tey: Der letzte Zug nach Schottland Als Inspektor Grant mit dem Zug nach Schottland fährt, um sich eine Auszeit zu nehmen, findet man im Abteil neben seinem eine Leiche. Nicht sein Business, Grant freut sich auf seine Zeit mit Fischen und Freunden. Doch da ist noch diese Zeitung, die er aus Versehen eingesteckt hatte, und die offensichtlich dem Toten gehört hatte. Auf ihr steht ein hingekritzeltes Gedicht. Was bedeutet es und wer war dieser Mann? Die Angelegenheit lässt Grant nicht los und schon bald steckt er mitten in Ermittlungen. Sehr literarische und poetische Sprache, bildhafte Beschreibungen und humorvolle Dialoge und Zwischenbemerkungen.
H.S.Palladino: Die den Schnee fürchten – abgebrochenEine Profilerin, die durch ein Fehlurteil ihre Stelle verloren hat und nun mit Drogenkranken und Wutgesteuerten arbeitet, hat Albträume und wird Zeugin eines Selbstmords, bei dem bald nicht mehr sicher ist, ob es wirklich einer war. Die Figuren bleiben blass, die Geschichte entwickelt sich nicht, sondern tritt an Ort, ich komme in keinen Lesefluss rein.

Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter

Inhalt
Ronja, die Tochter des grossen Räuberhäuptlings Mattis, kann sich nichts Schöneres vorstellen, als im Wald herumzutoben. Sie kennt die Gefahren und stellt sich ihnen mutig entgegen. Eines Tages trifft sie auf Birk, den Sohn der gegnerischen Räuberbande. Das Verbot, einander sehen zu dürfen, wollen die beiden Räuberkinder nicht hinnehmen. Gemeinsam brechen sie in ein eigenes Leben auf. Damit stellen sie nicht nur ihr eigenes Leben auf den Kopf, sondern auch das der beiden Räuberbanden. Und: So ein Leben allein in der Wildnis ist gar nicht so einfach.

Gedanken zum Buch

„Ronja Räubertochter“ ist die wundervolle Geschichte über ein kleines Mädchen, das sich den Gefahren und dem Ernst des Lebens mit Mut und Zuversicht stellt. Es ist eine Geschichte über die Kraft der Liebe:

«Und obwohl keiner von beiden auch nur ein Wort verstehen konnte, sprachen sie miteinander. Über Dinge, die gesagt werden mussten, ehe es zu spät war. Darüber, wie gut es war, jemanden so zu lieben, dass man selbst das Schwerste nicht zu fürchten brauchte.»

Wie oft lebt man mit seinen Liebsten und verpasst, ihnen zu sagen, dass sie genau das sind? Selbst wenn man es voneinander weiss, stossen die Worte immer auf ein offenes Ohr und ein offenes Herz. Ronja und Birk realisieren ihr Versäumnis, als sie um ihr Leben kämpfen. Im letzten Moment können sie sich noch mitteilen, was sie einander bedeuten. Und wer weiss: Vielleicht hat genau das nochmals mehr Kraft gegeben, die Gefahr zu meistern.

Es ist aber auch eine Geschichte über Grossmut und Verzeihen:

«Weisst du, woran ich denke? Ich denke daran, wie leicht man alles ganz unnötig zerstören kann.»… «Und weisst du, woran ich denke? Ich denke daran, dass du mehr wert bist als tausend Messer.»

Wie bei allen Menschen kommt es auch bei Ronja und Birk zu Streit. Als zwei wilde und stolze Räuberkinder lassen sie sich ungern die Butter vom Brot nehmen und bestehen trotzig auf ihrem je eigenen Standpunkt. Zum Glück sehen sie bald ein, dass das blöd ist und nichts mehr zählt als der Mensch, der einem eigentlich das Wichtigste ist.

Und nicht zuletzt ist es eine Geschichte, die zeigt, dass Leid nur halb so schwer wiegt, wenn man es mit einem lieben Menschen teilen:

«Lange sassen sie dort und hatten es schwer. Aber sie hatten es gemeinsam schwer, und das war ein Trost. Leicht war es trotzdem nicht.»

«Ronja Räubertochter» zeigt, was Familie, Zusammenhalt und Freundschaft bedeuten. Astrid Lindgren hat hier ein Buch geschrieben, das zu Herzen geht und einen mit einem warmen Gefühl zurücklässt. Ronja selbst lässt einen nicht so schnell los, der Gedanke an dieses wunderbare Mädchen zaubert immer wieder neu ein Lächeln aufs Gesicht.

Fazit
Ein wunderbares, warmherziges und zum Nachdenken und Mitfühlen anregendes Buch für kleine und grosse Leser.

Text, Illustration und Übersetzung
Astrid Lindgren (1907 – 2002) hat so unvergessliche Figuren wie Pippi Langstrumpf oder Michel aus Lönneberga geschaffen. Sie wurde u.a. mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Anna-Liese Kornitzky (*1909; †2000) war eine deutsche Übersetzerin schwedisch- und englischsprachiger Literatur. Sie wurde vor allem durch ihre Übersetzungen von 20 Astrid-Lindgren-Büchern bekannt.

Peter Bergting, geboren 1970, ist Autor und Illustrator. Er ist Mitglied der Schwedischen Kinderbuchakademie und lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in der Nähe von Stockholm.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber‏: ‎ Oetinger; 1. Edition (11. September 2023)
  • Sprache‏: ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe‏: ‎ 240 Seiten
  • ISBN-13‏: ‎ 978-3751204460
  • Lesealter‏: ‎ 9–11 Jahre

Lesemonat November

Was für ein trüber Monat das war. Konnte ich das Grau in Grau der Welt anfangs noch leichtnehmen, schlug es mir mehr und mehr auf die Seele. Ich merke, wie es mich runterzieht, ich immer mehr kämpfen muss, um etwas Leichtigkeit im Alltag zu spüren. Dinge gehen mir näher, belasten mich mehr. Ich dachte, dieses Jahr verschont er mich, der Winterblues, doch er zeigt sich unerbittlich.

Ich habe diesen Monat eine Weile wenig gelesen, mit vielen Büchern (wie mit dem Winter) gekämpft. Dann kam wieder mehr Lesefreude auf, ich hoffe, ich kann sie in den Dezember mitnehmen. Das Genre wird sich mehrheitlich ändern, ich habe mich wieder Krimis zugewandt und tauche immer mal wieder mit Freude in Kinderbücher ein. Ich freue mich, wenn ihr mich auch auf dieser Lesereise weiterbegleitet. Nun aber erst mal zu meinen Novemberbüchern:

Ich bin mit Homeira Qaderi nach Afghanistan gereist und blieb erschüttert zurück nach dieser Lektüre, die mir die Augen öffnete über Zustände, die ich zwar geahnt, aber nie in dem Ausmass gekannt habe. Ich bin mit Lizzie Doron in die Welt von Rivi eingetaucht, habe Paul Austers Baumgartner beim Weiterleben nach dem Tod seiner Frau beigewohnt. Ich las, wie man auch nach einer schwierigen Kindheit die Möglichkeit hat, sein Leben in die Hand zu nehmen (Levithan/Niven) und schwelgte mit Ronja im Leseglück (was für eine wunder-wunder-wundervolle Geschichte). Mit Kwiatowski fing ich den Kaugummidieb und fuhr mit dem Zug nach Malma, um eine Familiengeschichte zu ergründen. Mit Milo habe ich das Zimmer aufgeräumt und daneben gelesen, wie man solche wunderbaren Bücher macht.

Hier die vollständige Liste:

Natalie Goldberg: Schreiben in Cafés. Kreatives SchreibtrainingEin Buch für alle, die schreiben wollen. Es geht mehr darum, ins Schreiben zu kommen, als eine technische Anleitung. Es ist ein motivierendes, persönliches, inspirierendes Buch mit vielen kleinen Tipps, die dazu führen, loszuschreiben, denn: Das wichtigste, um schreiben zu lernen, ist schreiben. – Eine Relektüre. Das erste Mal hat es mich mehr überzeugt, nun fand ich vieles zu esoterisch und «geplaudert». Trotzdem lesenswert.4
Homeira Qaderi: Dich zu verlieren oder michHomeira wächst in Herat, Afghanistan auf. Als Mädchen in einem rückständigen, konservativen, Frauen diskriminierenden Patriarchat lernt sie schnell, dass sie als Mädchen keine Rechte hat, dass sie als Mädchen nicht zählt. Als die Taliban ihr auch noch das Liebste nehmen, die Bücher und die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, zeigt sich endgültig ihr Kampfgeist. Sie will sich diesem System nicht unterordnen. Dieser Widerstand führt zu einigen gefährlichen Situationen für sie und ihre Familie. Schlussendlich kann sie sich nicht mehr widersetzen, das Leben der ganzen Familie steht auf dem Spiel. Homeira wird verheiratet. Kurz scheint doch alles einen guten Lauf zu nehmen, doch dann wird alles noch schlimmer.4
Terézia Mora: Muna – abgebrochenDie Geschichte klang vielversprechend, eigentlich war der Anfang auch interessant, aber die endlosen Beschreibungen von Abschmink-, Massage- und anderen Programmen, zusammen mit anderen eher langweiligen Ausführungen haben mich gleich verloren. 
Jesse Falzoi: Creative Writing. Texte und Bücher schreiben16 Lektionen hin zum Schreiben eines Textes oder gar eines Buches. Es geht über die Entwicklung eines Plots über die des Protagonisten bis hin zum stimmigen Aufbau, alles mit Übungen zur praktischen Umsetzung sowie Ideen, wie man ins Schreiben kommt. 4
Lizzie Doron: Nur nicht zu den LöwenRivis Haus, in dem sie ihr Leben lang wohnte, wird abgerissen, sie muss raus. Sie fängt an zu schreiben. Sie schreibt Briefe an Menschen, die ihr Unrecht taten, schreibt über ihre Erinnerungen, ihre Herkunft, ihr Leiden, ihre Einsamkeit. Und sie kämpft. Gegen den Abbruch, dagegen, Opfer zu sein. Und immer liegt über allem die Möglichkeit, dass alles viel schöner war, als sie sich erinnert, und vielleicht kommt es auch schöner, als sie befürchtet.
Nach anfänglichem Kampf und Fast-Abbruch nahm das Buch Fahrt auf und zog mich in seinen Bann. 
4
Paul Auster: BaumgartnerFast zehn Jahre ist es her, dass Baumgartners Frau Anna gestorben ist. Zehn Jahre, in denen er scheinbar wie früher weiterlebte, und doch war nichts mehr wie früher. Baumgartner stürzt sich in die Arbeit, in immer neue Buchprojekte. Er liest alte Dokumente von Anna, erinnert sich an sie, ihre gemeinsame Geschichte, an das Leben, als es noch seines war. Eines Tages träumt er von Anna. Fast scheint ihm, der Traum wäre Wirklichkeit. Nach diesem Traum ist alles anders. Nun fühlt er sich frei, sein eigenes Leben wieder in die Hand zu nehmen. 4
David Levithan, Jennifer Niven: Nimm mich mit dir, wenn du gehstBea und Ezra wachsen bei ihrer Mutter und dem gewalttätigen Stiefvater Darren auf. Gewalt und Abwertungen sind an der Tagesordnung. Eines Tages ist Bea verschwunden. Keiner weiss wohin. Bis sie via Mail mit Ezra Kontakt aufnimmt. Im Mailaustausch kommen mehr und mehr die Schrecken des Aufwachsens zur Sprache, das Schreiben dient dem Erinnern, der Erkenntnis, dem Herausfinden, wer Bea und Ezra sind und was sie vom Leben erwarten (können und wollen). Und über allem steht immer die Frage: Wie geht es nun weiter? Wohin führt der Weg in Freiheit?4
Astrid Lindgren: Ronja RäubertochterRonja, die Tochter des grossen Räuberhäuptlings Mattis, kann sich nichts schöneres vorstellen, als im Wald herumzutoben. Sie kennt die Gefahren und stellt sich ihnen mutig entgegen. Eines Tages trifft sie auf Birk, den Sohn der gegenerischen Räuberbande. Das Verbot, einander sehen zu dürfen, wollen die beiden Räuberkinder nicht hinnehmen. Gemeinsam brechen sie in ein eigenes Leben auf. Damit stellen sie nicht nur ihr eigenes Leben auf den Kopf, sondern auch das der beiden Räuberbanden. Und: So ein Leben allein in der Wildnis ist gar nicht so einfach. 5
Kathleen Glasgow: How to make friends with the dark – abgebrochenTiger wächst bei ihrer Mutter auf. Obwohl die finanziellen Verhältnisse prekär sind, kommen sie immer klar, sie sind ein eingeschworenes Team. Als Tiger in einer Schublade versteckt Mahnungen findet, wird sie unsicher. Zudem ärgert sie sich immer mehr über deren Kontrollwahn, bis es zu einem Streit kommt. Und dann ist die Mutter tot. Tiger fühlt sich allein in dieser Welt.
Die Sprache zog mich nicht ins Buch, zudem ist es zu episch, zu langatmig, und müsste verdichtet werden. 
Michael Wrede, Annabelle von Sperber: …und dann? Wie Kinderbücher Gestalt annehmenWie entsteht eigentlich ein Kinderbuch? Welche Arten gibt es, was zeichnet sie aus? Wie sieht der Schreib- und Gestaltungsprozess aus und wie wird aus einer Geschichte schlussendlich ein Buch? Diese und weitere Fragen werden in diesem wunderschön gestalteten Buch behandelt. 5
Jürgen Banscherus: Ein Fall für Kwiatkowski. Die KaugummiverschwörungOhne Milch und seine Lieblingskaugummis geht gar nichts bei Kwiatkoski. Als diese plötzlich regelmässig aus dem nahegelegenen Kiosk gestohlen werden, kann er das nicht auf sich beruhen lassen: Er hat einen neuen Fall.
Kurzweilig, witzig und liebenswert.
5
Alex Schulman: Endstation Malma (r)Ein Mädchen fährt mit seinem Papa im Zug nach Malma. Ebenso tut es ein Ehepaar, welches Glück nur noch im Präteritum kennt, und eine junge Frau, die Antworten auf ihre Fragen sucht. *Endstation Malma», das sind drei Geschichten, die sich wie drei Stränge zu einem Zopf verbinden. Dreimal fahren wir als Leser mit den Protagonisten nach Malma, dreimal werden Zeugen von Beziehungen, ihren Tiefen und Abgründen und ihren Dynamiken. Wir nehmen Teil am Leben einzelner Menschen und machen uns mit ihnen auf die Suche nach den Antworten auf ihre brennenden Lebens-Fragen.4
Ole & Paul: UnfairMilo muss sein Zimmer aufräumen und er findet das unfair. Er steigert sich förmlich in dieses Gefühl hinein. Ein Spielzeugritter will ihn mit Tadel und guten Argumenten belehren und zur Vernunft bringen. Damit kommt er bei Milo nicht weit. Da mischt sich das Schlaf-Schaf ein. Es zeigt Milo, dass jeder einen anderen Blick auf die Welt hat und jeder seine eigenen Schwierigkeiten mit sich trägt. Es ist manchmal gar nicht einfach, zu sagen, was fair und was unfair ist. Und gibt es schlussendlich nicht etwas, das über allem steht und viel wichtiger ist?4

Vigdis Hjorth: Die Wahrheiten meiner Mutter

Inhalt

„Ich schäme mich, weil ich Mutter angerufen hatte. Es war gegen die Regeln, aber ich hatte es trotzdem getan. Ich hatte gegen ein Verbot, das ich mir selbst auferlegt hatte, und gegen ein Verbot, das mir auferlegt worden war, verstossen.“

Die Künstlerin Johanna verlässt den frischgebackenen, angemessen Ehemann und die gutbürgerliche Familie, um in Amerika mit ihrer grossen Liebe, einem Künstler, ein neues Leben aufzubauen. Nach 30 Jahren ohne Kontakt zu ihrer Familie kehrt sie wegen einer Ausstellung ihrer Bilder in ihre Heimat zurück und möchte die Vergangenheit mit ihrer Mutter aufarbeiten. Sie ruft an, doch Mutter drückt sie weg. Sie verweigert den Kontakt. Ein Versteckspiel beginnt.

Ein Roman aus der Tiefe des Ichs einer verletzten Tochter, die von vielen offenen Fragen geplagt wird und nach Antworten sucht. Eine Erzählung aus der Sicht einer Tochter, die sich in inneren Monologen klarzuwerden versucht, wer diese Mutter wirklich war und heute noch ist. Ein Roman ums Mutter- und Tochtersein, um Schuld und Verpflichtung, um Familie und Eigenständigkeit. Packend, einnehmend, grossartig.

Gedanken zum Buch

«Ich fahre schweissnass aus dem Schlaf hoch und begreife, dass unsere frühere Beziehung in mir überlebt hat, dass die Abhängigkeit, in der ich einmal zu ihr stand und die ich gleichzeitig geliebt und verabscheut habe, in mir lebt.»

Beziehungen, gerade solche, die schwierig waren, würden wir oft gerne hinter uns lassen. Wir möchten das Schwere vergessen, die Vergangenheit abhaken, nach vorne schauen, unbeschwert. Meist ist das nicht so leicht, schon gar nicht, wenn es sich bei der Beziehung um die zur eigenen Mutter handelt. Sie hängt einem nach, meist ein Leben lang, egal, ob man real Kontakt zu ihr hat oder nicht, egal, ob man die Beziehung als störend, verstörend gar, vielleicht auch verletzend empfand. Sie ist und wird es immer bleiben: Die Mutter. Schon in dem Wort stecken Bilder, Hoffnungen, (erfüllte und noch mehr unerfüllte) Sehnsüchte – und mit allem muss man sich irgendwie zurechtfinden.

«Mutter hat sich längst mit dem Tochterverlust abgefunden. Sie will das Beste aus ihrem Leben machen. Warum finde ich mich nicht mit dem Mutterverlust ab? Ich finde mich mit dem Mutterverlust ab, aber ich finde mich nicht damit ab, dass Mutter sich mit dem Tochterverlust abgefunden hat?»

Ist es für eine Mutter möglich, zu sagen, sie habe kein Kind mehr? Kann eine Mutter ihr Kind einfach vergessen, ihr Leben weiterführen, als hätte es dieses Kind nie gegeben? Wie geht man als Kind mit einem solchen Gedanken um? Wie fühlt es sich als Kind an, von der eigenen Mutter vergessen worden zu sein, der Mutter, die man im Gegenzug nicht aus den eigenen Gedanken bringt, egal, wie sehr man es möchte? Wünscht man sich, dass sie sich genauso quält wie man selbst? Weil man denkt, so wenigstens einen Stellenwert bei ihr zu haben, wie sie ihn bei einem selbst hat? Oder ist es eine Form der Rache? Sie soll keine Ruhe haben, weil sie mir keine lässt?

«Sie kann es nicht geschafft haben, mich so in sich zu töten, dass sie nicht mehr wissen will, wie es mir geht. Aber ich weiss, dass sie nicht ans Telefon kommen wird, ich habe es ja probiert, und trotzdem rufe ich an.»

Es ist kaum zu glauben, dass es einer Mutter gelingen sollte, das eigene Kind in sich abzutöten, indem sie es so weit verdrängt hat, dass es de facto nicht mehr existiert. Der Gedanke, von dem Menschen vergessen worden zu sein, dem die bedingungslose Liebe in die Rolle geschrieben ist, schmerzt. Die Verzweiflung, die aus dieser Verleugnung, dieser Verdrängung wächst, hat etwas Monumentales, denn sie ist nicht vorgesehen in unserem Bild vom Leben, vom Muttersein, vom Kindsein.

«…ich bin die verlorene Tochter, die heimgekehrt ist, aber niemand nimmt sie in Empfang, das ist meine Schuld.»

Die biblische Geschichte vom heimgekehrten Sohn hält dieses Bild aufrecht. Der Sohn, der ging, der alles hinter sich liess. Als er wiederkommt, wird er mit einem Fest und mit Freude empfangen. Was, wenn dieses Bild falsch ist? Wenn dieses Bild nicht auf einen selbst und die Mutterbeziehung passt? Was, wenn man die Tochter ist, die nicht mehr heimkehren kann, weil die Tür zubleibt? Wie viel gerät da ins Wanken?

«Mutter, ich erdichte dich mit Wörtern, um ein Bild von dir zu haben.»

Das Buch «Wahrheiten meiner Mutter» stellt die Mutter-Tochter-Beziehung in Frage. Es wirft Fragen auf und zeigt die innere Auseinandersetzung einer Tochter mit ihrer Mutter, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, ihn aber wieder aufnehmen möchte. Die Vergangenheit hat offene Fragen zurückgelassen, doch die Antworten bleiben aus, weil die einzige Person, die sie geben könnte, sich verweigert. Die Mutter schweigt. Der Tochter bleibt nur, sich ihr eigenes Bild der Mutter zu zeichnen. Ob sie dabei die Wirklichkeit trifft oder nicht, bleibt offen.

Persönliches Fazit

Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Es regte mich zum Nachdenken, zum Nachfühlen an, als ich zum Ende kam, wollte ich einerseits wissen, wie alles aufgelöst wird – glaubend, dass es kein wirkliches Ende geben konnte –, aber ich wollte es auch herauszögern, weil ich nicht aus dieser Welt auftauchen wollte, in der ich mich so tief drin fühlte. Grossartig!

Lesemonat Oktober 23

Der Oktober hat warm und sonnig in Spanien begonnen, wurde dann in der grauen, nasskalten Schweiz fortgeführt und endete da, mit ein paar Sonneninseln zwischendurch, auch eher unwirtlich. Als Mensch, der mit Veränderungen eher Mühe hat, kämpfte ich dieses Mal besonders stark mit dem Ortswechsel. Ich kam lange nicht in meinen gewohnten Arbeitsrhythmus, was immer viel mit sich zieht: Wenn es mit dem Schreiben nicht läuft, steht vieles im Zweifel, ich hadere mit mir und den Umständen. Das Gefühl, zu wenig getan zu haben, nagt an Nerven und Laune. Und doch war es auch ein schöner Monat, einer mit vielen schönen Momenten, einer, der Hoffnungen weckte, einer, der bereicherte. Und: Einer mit viel grossartiger Lektüre.

Ich habe mit Edouard Louis seinen Ausbruch aus dem Milieu der Kindheit und das Leben seiner Mutter erforscht, bin mit Herta Müller nach Rumänien und Annie Ernaux nach Frankreich gereist. Ich habe mit Joan Didion über die Liebe, den Tod und das Leben nachgedacht und bin mit Vigdis Hjorth in eine Mutter-Tochter-(Nicht-)Beziehung eingetaucht – mein absolutes Highlight. Daneben habe ich übers Lesen und Schreiben gelesen und es selbst getan.

«Sie sollten nicht alles glauben, was sie denken.» Heinz Erhard

Im Nachhinein betrachtet war ich um einiges produktiver als ich gedacht hatte. Und so bleibt ein grosses Danke an einen Monat, der es doch gut mit mir gemeint hat.

Die ganze Leseliste:

Edouard Louis: Anleitung ein anderer zu werdenNach einer Kindheit, die von Armut, Spott und Gewalt geprägt war, zieht Edouard nach Amiens, um da das Gymnasium zu besuchen. Er kommt in neue Kreise, steigt in die bürgerliche Gesellschaft auf, fühlt sich endlich frei und zugehörig. Er lebt das Leben, das er immer haben wollte und wovon er kaum zu träumen wagte. Doch bald merkt er: Es reicht noch nicht, er will noch weiter aufsteigen, er will die Distanz zu seiner Herkunft noch mehr vergrössern, als Rache an allen, die ihn vorher verspottet haben. Mit voller Kraft und viel Ehrgeiz stürzt er sich in das Projekt, ein anderer zu werden.    Eine berührende und aufwühlende Autobiografie. 6/5
Camille Laurens: Es ist ein Mädchen – abgebrochenEine Geschichte davon, dass Mädchen nichts zählen, dass Jungen die Wunschkinder sind. Ich fand nicht in den Erzählstil rein, die Sprache war mir zu künstlich, zu gesucht, so dass die Geschichte auf mich nicht wirkte, weil sie mich zu sehr auf Distanz hielt.  
Herta Müller: Mein Vaterland war ein ApfelkernIn einem ausführlichen Gespräch mit Angelika Klammer erzählt Herta Müller von ihrem Aufwachsen in Rumänien, von ihren Phantasien und Ängsten als Kind. Sie erzählt von der Bespitzelung, von der Unterdrückung, von der Auswanderung, erzählt von Leid und dem Erbe eines solchen Aufwachsens. Und immer wieder erzählt sie auch von ihrem Schreiben, vor allem an der „Atemschaukel“, sowie vom Kleben ihrer Collagen. 5
Joan Didion: Blaue StundenJoan Didion erinnert sich. Sie erzählt die Geschichte ihrer Tochter. von dem Tag ihrer Adoption bis zu ihrem Tod. Sie erzählt eine Geschichte von Liebe, Tod, Abschied, Freude und Angst. Sie erzählt von ihren Zweifeln, hinterfragt sich und das Leben. Ein persönliches Buch, ein tiefgründiges und bewegendes Buch. In einzelnen Sätzen und Textfragmenten, fast staccatoartig entwickelt sich ein Gefühlsbild, stellt sich die Trauer um den Verlust und der Kampf ums eigene Weiterleben dar. 4
Annie Ernaux: Die JahrePorträt einer Zeit und eines Lebens, eine Mischung aus Erinnerungen an das Zeitgeschehen, soziale wie politische Gegebenheiten, Redewendungen, Gesinnungen, Sitten und Gebräuche, so wie das eigene Leben inmitten von all dem. Annie Ernaux zeichnet das Bild einer Generation, erzählt von den sich verändernden Umständen und den eigenen Gefühlen, Erfahrungen und Lebensentwürfen. Und immer wieder erzählt sie von ihrem Vorhaben, dieses Buch zu schreiben, von den Gedanken dazu und den Absichten, die sie damit hat. 5
Franz Hohler: Das Jahr, das bis heute andauert. Ein Gespräch mit Klaus SiblewskiFranz Hohler spricht mit Klaus Siblewski über seine Kindheit, seine Familie und sein Aufwachsen. Er erzählt von seinem Weg hin zum Schriftsteller, von seinen einzelnen Stationen und verschiedenen Projekten. Er lässt den Leser teilhaben an seinem Schreibprozess, an Gedanken hinter und zu seinen Büchern, bietet Einblicke in sein Leben und Schaffen. Ein sehr persönliches Buch das sich mit den verschiedensten Themen beschäftigt, das von Hunden und Spaziergängen, von Fussball und Herkunft, von Ideen und deren Weiterentwicklung, und immer auch vom Schreiben handelt. 4
Herta Müller: Niederungen – abgebrochenHerta Müller beschreibt das Leben der Banater Schwaben, erzählt von einer Welt voller Kälte, Düsterheit, Gewalt. Sie erzählt in einer sehr eindrücklichen Weise und mit sprachlicher Brillanz von einer Heimat, der all das fehlt, was einen Ort zu einer Heimat macht. Und doch hat mich das Buch nicht erreicht, kam ich nicht in den Erzählfluss rein. 
Annemarie Stoltenberg: Magie des Lesens. Die schönsten Geschichten über die Liebe zum BuchEine literarische Sammlung von beschriebener Bücherliebe. Urs Widmer, Johann Wolfgang von Goethe, Hans Fallada, Marcel Proust und viele mehr schreiben in ihren Büchern und anderen Texten vom Lesen und von Büchern. 3
Joan Didion: Das Jahr magischen Denkens Joan Didions Mann stirbt bei einem Nachtessen an einem Herzinfarkt, ein Tod aus dem Nichts, den sie lange nicht fassen kann, nicht wahrhaben will. In diesem Buch erzählt sie vom Tod und seinen Hinterlassenschaften, von ihren Gefühlen, von ihrem Erleben, von all den Dingen und Begebenheiten, die sich mit und nach ihm eingestellt haben. Ein wunderbares, tiefgründiges, anregendes Buch, nur für mich zur falschen Zeit. 5
Uwe Timm: Erzählen und kein EndeUwe Timm erzählt vom Erzählen, er zeigt dieses als Verbindung zwischen Menschen und zu sich selbst. Er erzählt vom Aufschreiben dieser Erzählungen, vom Ort des Schreibens, den Mitteln dazu und den Inhalten, die sich im Alltäglichen finden und von da ihren Weg in die Sprache suchen. Er zeigt keine Methoden und Techniken auf, sondern macht Mut, die eigene Stimme zu finden und sie dem passenden Text mit Blick aus der nötigen Distanz zu widmen.4
Martin Suter: Alles im Griff. Eine Business SoapKurzgeschichten aus der Businesswelt, Rangkämpfe, Ellbögeleien, Neidgeschichten. Etwas schwach begonnen, sich gesteigert, amüsant geworden, um am Schluss wieder nachzulassen. Unterhaltsame und kurzweilige Lektüre für zwischendurch. 3
Christa Wolf: Voraussetzungen einer Erzählung: KassandraIch hatte mehr Schreibprozess und wirkliche Arbeitsbeschreibung erhofft, erhalten habe ich Christa Wolfs Erinnerungen an die Zeit der Entstehung, an die politischen Ereignisse, ihre Auseinandersetzung mit der griechischen Mythologie und immer wieder tiefgründige Gedanken zum Leben, zum Menschsein und zum Menschsein in dieser Welt. Vor allem diese Gedanken waren sehr lesenswert und regten zum Nachdenken an. 3
Vigdis Hjorth: Die Wahrheiten meiner MutterDie Künstlerin Johanna verlässt den frischgebackenen, angemessen Ehemann und die gutbürgerliche Familie, um in Amerika mit einem Künstler ihr neues Leben aufzubauen. Nach 30 Jahren ohne Kontakt kehrt sie wegen einer Ausstellung in ihre Heimat zurück und versucht, die Geschichte mit ihrer Mutter aufzuarbeiten. Sie verweigert den Kontakt. Ein Versteckspiel beginnt. Ein Roman aus der Tiefe des Ichs einer verletzten Tochter, die ihre offenen Fragen beantwortet haben will. Ein Roman ums Mutter- und Tochersein, um Schuld und Verpflichtung, um Familie und Eigenständigkeit. Packend, einnehmend, grossartig. 6/5
Max Frisch: Das schwarze QuadratMax Frischs Poetikvolesungen, die er 1981 in New York gehalten hat. Eine Einschätzung, was Literatur kann und was nicht, wozu Sprache gut ist und wo ihre Grenzen liegen.5
Wilfried Meichtry: Nach oben sinken – abgebrochenVom Aufwachsen eines Jungen in einem kleinen Wallisser-Dorf, vom Schweigen der Erwachsenen, von der fehlenden Zugehörigkeit, vom Sein am falschen Ort. Das Thema wäre gut, der Stil hat mich nicht gepackt, es erinnerte mich zu sehr an einen zu lang geratenen Aufsatz, die kurzen amüsanten Zeilen mochten die Längen nicht abzufedern.
Edouard Louis: Die Freiheit einer FrauEdouard Louis zeichnet das Bild seiner Mutter, er erzählt aus seiner Kindheit, was es hieß für sie (und die Frauen aus dem Dorf), Frau zu sein, mit welcher Gewalt und Unterdrückung Frauen zu leben hatten. Er beschreibt die gegenseitige Fremdheit zwischen Mutter und Sohn zu der Zeit, die Distanz zwischen ihnen, die sich erst auflöst, als er weggeht. Und er zeigt, wie es die Mutter schafft, sich irgendwann aus all dem zu lösen und ebenfalls zu gehen, um sich neu zu erfinden, sich zu befreien und endlich frei zu leben.5

Lesemonat September

Die Zeit rast. Vor knapp drei Wochen bin ich nach Spanien geflogen, zu meinem zweiten Arbeitsplatz. Vor dem Fenster rauscht das Meer, der Wind lässt die Oberfläche kräuseln, die Palmen wiegen sich im Wind – und ich lese und schreibe. Ich habe mir für diesen Aufenthalt viel vorgenommen, bislang läuft es gut. Und wenn es gut läuft, geht es mir gut. Ich geniesse die Ruhe hier, das ungestörte Arbeiten. Und das Lesen, was immer dazugehört. Im September ist viel an Lektüre zusammengekommen.

Ich habe mit bell hooks geschaut, was Heimat ist und wo man hingehört, und das Thema mit Daniel Schreiber weiter vertieft. Das Thema ist auch bei Annie Ernaux (ich liebe sie) und Herta Müller (eine ganz spannende Frau) präsent. Ich habe lesend an verschiedenen Leben teilgenommen (unter anderem bei Deborah Levy, die mir so oft aus dem Herzen schrieb) und mich intensiv mit dem Schreiben und verschiedenen Schreibprozessen auseinandergesetzt.

Es war ein bereichernder Monat, ein Monat, in dem ich mich in meiner Lektüre sehr oft wiederfand, ein Monat, der inspiriert war und mir gut tat. Das absolute Lesehighlight war Edouard Louis mit «Abschied von Eddy» – eine wunderbare Entdeckung für mich. Auf ihn kam ich durch Didier Eribon, der mich auch dazu inspirierte, Annie Ernaux nochmals eine Chance zu geben, nachdem ich beim ersten Versuch wenig angetan war – dieses Mal hat sie mich gepackt (es scheint für Bücher eine richtige Zeit zu geben, sie passen nicht immer ins eigene Leben). Sie gehört also zu den Lesehighlights dazu, ebenso Deborah Levy und Daniel Schreiber.

Ich bin auch heute noch dankbar für Didier Eribons Buch «Rückkehr nach Reims», es hat in mir viel zum Klingen gebracht, es hat viel angestossen. Was für eine Wirkung doch Bücher haben können. Ich liebe es!

Was waren eure Lesehighlights im September?

Die ganze Liste:

bell hooks; dazu gehören. Über eine Kultur der Verortungbell hooks wächst in Kentucky auf, verlässt den ländlichen Staat, um in der Stadt ihr Leben weg von der Arbeiterklasse und im universitären Umfeld zu führen. Sie schreibt vom Wunsch, dazuzugehören, von Rassismus, der auf dem Papier abgeschafft, doch im Leben präsent wie eh und je ist. Sie schreibt vom Trost der Natur, vom Wert der Familie, der Kunst und des sorgsamen Umgangs mit Menschen und der Welt. Sie träumt von einer Welt des Miteinanders, einer Welt der Zugehörigkeit ohne Rassismus und Segregation. Und sie schreibt von ihrer Rückkehr nach Kentucky, den Ort, den sie überall hin mitgenommen hat durch die verinnerlichten Werte und Muster, und wo sie sich nun niederlassen will. 4
Noam Chomsky im Gespräch mit Emran Feroz: Kampf oder Untergang. Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssenDer grosse Denker unserer Zeit über die Gefahren der Klimakrise und eines Atomkrieges, über die manipulative Macht von Massen- und sozialen Medien, über die selbstgemachte Zerstörung unserer Welt. Er behandelt die Notwendigkeiten einer neuen Form von Bildung, die zu mündigen, kritischen Menschen führen ebenso wie die Hoffnung, die im Menschsein und dessen Fähigkeiten begründet ist. Wir tragen gute und schlechte Seiten in uns, wir haben die Wahl, welche wir stärken und wie wir sie einsetzen. 4
Daniel Schreiber: ZuhauseIst Zuhause nur eine romantische Verklärung, eine Illusion, oder können wir es finden? Ist es ein Ort oder einer Gefühl? Ist ein Zuhause eine Einschränkung und damit Feind der Freiheit, oder doch erstrebenswert? Was braucht ein Ort, um zu einem Zuhause zu werden, und was tragen wir dazu bei? Wie wirken sich Orte auf uns aus, und wie bringen wir uns in sie ein? Diese und weitere Fragen über das Leben, das Ankommen, das Wohnen, das Sein behandelt Daniel Schreiber in diesem wunderbaren Essay.5
Annie Ernaux: Erinnerung eines MädchensDie Geschichte eines Mädchens und einer jungen Frau auf der Suche nach dem richtigen Platz im Leben, ihr Heranwachsen mit Wünschen, Träumen, Verletzungen und Scham. Der Blick von Heute auf das Gestern, der Versuch, sich selbst in der eigenen Vergangenheit zu finden und zu durchleuchten, schreibend, und dabei dieses Schreiben selbst immer wieder zu hinterfragen. Ein Herzensbuch!5
Annie Ernaux: Die SchamEin Erlebnis 1952, das die Welt in ein Davor und ein Danach einteilt. Die Erfahrung, dass es zwei Welten gibt, eine unten und eine oben, zu der sie, als eine von unten, nie gehören wird. Die Scham dieser Erkenntnis, die Scham, die sich im Leben festsetzt, die sich in den Zellen des Körpers speichert und immer wieder hervorbricht. All das sind die Themen dieses Buches, das aus Erinnerungen und Reflexionen des schreibenden Erinnerns besteht – Erinnerungen an die Schulzeit, an das Leben zu Hause, an die Eltern, an sich selbst.4
Carolin Emcke: Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und GerechtigkeitWas lässt sich erzählen und wer kann es tun? Für wen erzählen wir und wem wollen wir erzählen? Für wen können wir sprechen und wieso sollen wir es tun? Carolin Emcke fragt nach den Geschichten des Lebens, beleuchtet das Sprechen von Schrecken und Leid. Sie zeigt den Wert der geteilten Geschichten für das Leben und das Überleben, denkt über die Sprache als Verbindung zwischen den Menschen nach. Es sind die Geschichten, die uns als Menschen ausmachen, wir sollten sie teilen. Ein persönliches, ein tiefgründiges, ein zum Nachdenken und Selbst-Erinnern anregendes Buch. 5
Herta Müller: Lebensangst und WorthungerHerta Müller über ihr Schreiben, wie dieses vom Leben und ihrer Herkunft geprägt ist, und über ihre Zusammenarbeit mit Oskar Pastior für das Buch «Atemschaukel».4
Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts1913 – ein Jahr des Aufbruchs und doch zeichnet sich auch ein ein Untergang an. Oswald Spengler prognostiziert ihn. Doch nicht nur das: Karl Kraus verliebt sich, Rilke leidet, Kafkas Heiratsantrag geht in die Hose und vieles mehr passiert in der Welt der Musiker, Literaten, Denker. Florian Illies zeichnet ein wunderbares Panorama des Jahres 1913.5
Gabriele von Arnim: Der Trost der SchönheitEin Buch vom Sehen und vom Fühlen, von der Milde des Alters, von der Gelassenheit, die sich einstellt und doch immer wieder mit Affekten durchbrochen wird. Vom Sich-Einrichten im Leben und seinen Umständen, vom Geniessen der kleinen Dinge, vom Sich-Freuen an den Blumen am Wegesrand, den Wolken am Himmel, dem Buch auf dem Tisch und der Zeit, die bleibt. Und vom Atmen. Und Fühlen. Vom Allem. Und nichts. 3
Uwe Timm: Von Anfang und Ende. Über die Lesbarkeit der WeltWo fängt ein Schriftsteller an, wo hört er auf, wie schuf Gott die Welt und wann war sie wirklich gut? Wann ist ein Buch gut und womit hadert der Schriftsteller bis zum schlussendlichen Gefühl, dass es nun gut sei? Von der Idee zum Schreiben, vom Hadern mit dem Text, vom Neuschreiben und Umschreiben, von all dem erzählt Uwe Timm in diesem Buch und gibt Einblicke in die Schreibprozesse seiner Bücher.4
Robert Menasse: Die Zerstörung der Welt als Wille und VorstellungIm Rahmen der Frankfuter Poetikvorlesungen erzählt Robert Menasse von seinem Schreiben – so dachte ich, wurde aber eines Besseren belehrt. Menasse zeichnet ein Zeitbild, ein Bild der politischen Gesinnung der Gesellschaft, ein Bild von Kapitalismus, Globalisierung und Demokratie, vom falschen Verständnis der Menschen und Polarisierung der Moral. 2
Heinz Bachmann: Ingeborg Bachmann, meine Schwester. Erinnerungen und BilderHeinz Bachmann erzählt aus dem Familienleben, erzählt über das Aufwachsen mit Ingeborg, über seine Beziehung zu ihr, über ihr Leben, ihre Beziehungen. Die Erinnerungen führen nach Wien, Paris, Rom, Zürich und immer wieder auch nach Klagenfurt. Das Buch ist eine Liebeserklärung an die verstorbene Schwester, man spürt die Verbindung der beiden. Wirklich neu ist kaum etwas davon, trotzdem berührt das Buch durch die persönliche Note des Bruders. 5
Alexander Mäder: Journalistisches SchreibenEinführung in die Praxis des journalistischen Schreibens, von der Recherche über die Absicherung der Fakten hin zu Stilfragen ist alles mit Beispielen aus der Praxis anschaulich gemacht und theoretisch erläutert. Alexander stellt die verschiedenen Formen journalistischer Texte vor und gewährt Einblicke in die tägliche Arbeit von Journalisten in Redaktionen wie auch als freie Mitarbeiter. Kompetent, sachlich, auf den Punkt.  5
Edouard Louis: Das Ende von EddyEddy wächst in einem kleinen Dorf im Norden Frankreichs auf, in welchem männliche und weibliche Rollen klar definiert werden. Als schwuler kleiner Junge aus einer armen Familie sieht er sich schon früh Spott, Abwertung und Gewalt ausgesetzt. Er versucht all das wegzulächeln, versucht sich bis zur Selbstverleugnung anzupassen, bis er merkt, dass es eine andere Lösung geben muss. Ein grossartiges Buch!6 von 5
Beate Rössler: Autonomie. Ein Versuch über das gelungene LebenBeate Drössler analysiert, was Autonomie mit einem gelungenen Leben zu tun hat, wieso ein glückliches Leben nicht immer ein gelingendes ist. Sie beleuchtet den Sinn von Tagebüchern für die Selbsterkenntnis sowie deren Beziehung zur Autonomie, ebenso zeigt sie auf, wie Freiheit und Ambivalenzen mit Autonomie zusammenhängen. Welche Voraussetzungen müssen für ein autonomes Leben gegeben sein, und: Gibt es sie wirklich oder ist sie eine Illusion?4
Deborah Levy: Was das Leben kostetDie Ehe ist zerbrochen, das alte Leben ist vorbei. Es gilt, ein neues aufzubauen, in einem neuen Zuhause und im neuen Leben anzukommen und sich da einzurichten. Deborah Levy erzählt aus dieser Zeit des Umbruchs, erzählt von den Gedanken, Gefühlen, Herausforderungen und immer wieder auch vom Schreiben. Ein wunderbares Buch, ein tiefgründiges Buch, ein Buch zum mitfühlen, mitleben, mitdenken. 5
Hans-Ulrich Treichel: Der Entwurf des Autors. Frankfurter PoetikvorlesungHans-Ulrich Treichel erzählt in fünf Vorlesungen im Rahmen der Frankfurter Poetikvorlesungen von seinem Werden als Schriftsteller. Er nimmt den Zuhörer/Leser mit auf eine Reise aus der Kindheit ins Erwachsensein, von der Lyrik in die Prosa, durch Stationen wie Berlin, Kreta, Rom und immer auch wieder zurück in den Osten, nach Ostwestfalen. Ein persönliches Buch voller Einblicke in das Werden, Schreiben und Leben.  5

Lesemonat August

Der Monat glich eher einem April als einem August. Nach einer unsäglichen Hitze in strahlendem Sonnenschein, tobten bald schon Unwetter und das Grau in Grau der verregneten Umwelt verschleierte den Blick aus dem Fenster. Immerhin war es das passende Wetter, mich in die Bücher zu versenken, so dass ich teilweise wenig davon mitkriegte. Der Monat war – im Gegensatz zu den meisten anderen – thematisch konzentriert, die gelesenen Bücher behandelten Themen der Politik und der Gesellschaft, sie handelten von Herkunft und deren prägendem Charakter für den Menschen und die Gesellschaft, von Macht und Herrschaft und damit einhergehender Diskriminierung derer, welche nicht den Normen des dominanten Herrschaftsmehrs entsprechen.

Das erste Buch war ein Abgesang an die romantische Liebe, im zweiten sollten wütend Wände eingerissen werden. Danach ging es sachlicher zu und her, Mittel und Wege gegen Klassismus wurden aufgezeigt, die Fremde und ihre Grenzen wurden beleuchtet, das Gefühl der Entfremdung in der Gesellschaft erforscht. Ich befasste mich mit dem Liberalismus, um dann wieder zum Klassismus zurückzukehren. Ich beschäftigte mich mit Bildung und Ungerechtigkeit und der Frage, was das Gute ist. Und dann….

Dann kam das Highlight wohl nicht nur des Augusts, sondern einer langen Lesegeschichte – und es wird nachhallen: Didier Eribons «Rückkehr nach Reims» und dessen Fortsetzung «Gesellschaft als Urteil». Selten, dass mich ein Buch so gepackt hat. Selten, dass ich aus einem Buch so viel mitgenommen, so viel für mich erkannt habe. Selten, dass mich ein Buch so begeistert hat und ich daraus so viel Inspiration für eigene Projekte gewann.

Was waren eure Highlights im August?

Die ganze Liste:

Andrea Newerla: Das Ende des Romantikdiktats. Warum wir Nähe, Beziehungen und Liebe neu denken solltenUnsere Liebesbeziehungen sind nicht Privatsache, sondern soziale Konstrukte, die wir verinnerlicht haben. Die Herausstellung der romantischen Liebesbeziehung ist eine neue, konventionelle Errungenschaft und sie unterliegt patriarchalischen und gesellschaftsrelevanten Normen. Dieses Bewusstsein sollte dazu führen, unsere Beziehungen neu zu denken, Freundschaft einen anderen Stellenwert einzuräumen, Sexualität aus der romantischen Beziehung zu nehmen und Intimität vielfältiger lebbar zu machen, um zu neuen Formen des Miteinanders zu kommen, die Individualität, Autonomie und Gemeinsamkeit besser vereinbaren lassen. Viele Wiederholungen, viele Gemeinplätze und Altbekanntes, wobei ein Aufruf zur Anerkennung vielfältiger Lebensformen und -gestaltungen durchaus wichtig ist. 3
Pia Klemp: Wutschrift. Wände einreissen, anstatt sie hochzugehenEin wichtiges, ein dringendes Thema (soziale, strukturelle und systematische politische Entscheidungen, die Flucht und Migration zu einem menschenunwürdigen und oft tödlichen Unterfangen machen), doch ich musste das Buch abbrechen. Die Sprache ist dermassen mündlich, fast vulgär, dass ich das so nicht lesen möchte. Es ist vielleicht des wirklich brennenden Themas wegen in Wut und Rage geschrieben, was zum Titel passen würde, doch hier verleidet mir die Form den Inhalt und wende mich lieber anderen Büchern zu dem Thema zu. 
Francis Seek, Brigitte Theißl: Solidarisch gegen Klassismus. organisieren, intervenieren, umverteilenKlassismus ist überall, und doch kaum ein Thema. Klassismus grenzt Menschen aus, führt in die Isolation, macht krank. Klassismus muss diskutiert werden, muss sichtbar werden, muss als Problem mit all seinen vielen Ausprägungen bewusst werden. Und wir brauchen Lösungen. 26 Texte, teils sachlich, teils Interviews, teils persönlich aus der Betroffenheit heraus zeigen die verschiedenen Aspekte von Klassismus. Das Ziel ist, das Problem sichtbar zu machen, Projekte vorzustellen, die Lösungen anstreben, Strategien zu erläutern, die wir ergreifen können, um etwas zu verändern.

Ein wichtiges Buch, ein Buch, das Pflichtlektüre werden sollte. 
5
Elisabeth Wellershaus: Wo die Fremde beginntGedankenräume über erfahrenen Rassismus, Nachdenken über blinde Flecken bei sich und in der Gesellschaft, eine persönliche Lebensreise durch verschiedene Stationen der eigenen Biografie, pendelnd zwischen Spanien und Deutschland, zwischen verschiedenen Identitäten und Zuschreibungen. Ein persönliches, ein augenöffnendes Buch, ein Buch über systemische, strukturelle und individuelle Diskriminierung. 5
Peter v. Zima: Entfremdung. Pathologien der postmodernen GesellschaftEine Untersuchung der verschiedenen Bereiche der Entfremdung wie Arbeit, Familie, Konsum, Psyche, Medien, etc. sowie das Aufzeigen der Verbindung derselben untereinander. Der Mensch in seinem Fremdsein im Umfeld wird beleuchtet, die Rolle von Geld, Tauschwirtschaft und immer grösser Partikularisierung aufgezeigt, welche den Menschen unter einen Leistungsdruck in zunehmender Anonymisierung der Umwelt treiben, so dass er versucht, ein Image aufrechtzuerhalten, um wenigstens auf Bewunderung zu stossen, so dass er (vermeintlich) seinen Selbstwert bewahren kann. Das Kranken der Gesellschaft an immer grösserer Indifferenz, in welcher sich der Einzelne, auf sich selbst zurückgeworfen und als dieser nicht wirklich anerkannt, von sich und der Welt entfremdet.  5
Elif Özem: Was ist Liberalismus?Was macht den Liberalismus aus, auf welchen Grundsätzen beruht er und wie lassen sich die in der Praxis durchsetzen, so dass eine Gesellschaftsform aus freien, gleichen und individuell pluralistischen Bürgern entsteht? Elif Özem diskutiert fundiert und tiefgründig vor dem Hintergrund von Rawls Gerechtigkeitstheorie, Hannah Arendts Ansätzen zum Pluralismus und anderen philosophischen Wegbereitern bis zurück in die Antike die Idee des Liberalismus und zeigt, wieso die liberale Demokratie «die schlechteste Regierungs- und Lebensform – abgesehen von allen anderen» ist. 5
Andreas Kemper, Heike Weinbach: Klassismus. Eine EinführungKlassismus als Begriff für individuelle, institutionelle und kulturelle Diskriminierung und Unterdrückung ist kaum bekannt als Form der Diskriminierung, dabei wirkt sie auf dieselbe Weise auf Menschen und Menschengruppen wie die besser erforschten Formen des Sexismus, Rassismus und anderer. Das Buch will die verschiedenen Formen des Klassismus aufzeigen, will die Stereotypen offenlegen, mit denen Menschen konfrontiert wird und den Blick auf das Unrecht lenken, das zu oft ignoriert wird sowohl von der Politik wie auch von der Gesellschaft. 5
Maria do Mar Castro Vaerla & Bahar Oghalai: Freund*innenschaft. Dreiklang einer politischen PraxisEs soll eine Vermittlung zwischen rechten Strömungen und linker Identitätspolitik sein, doch ich fand sie nicht. Das Thema der Fraundschaft in seiner Abhandlung bei anderen Philosophen, Begriffe wie Allyship und Solidarität oder Sisterhood wurden behandelt und es fehlte schlicht der rote Faden oder das Ziel, wohin das alles führen soll. 2
Meike Sophia Baader, Tatjana Freytag (Hrsg.): Bildung und Ungleichheit in DeutschlandArtikel zum Thema, welche eine Vielzahl an Studien kommentieren und zusammenfassen, Soziologen zitieren, Artikel nennen. Oft bleibt ein wirkliches Fazit aus, die Aussage, dass gewisse Bereiche noch zu wenig erforscht seien, findet sich nicht selten, und wirkliche Umsetzungsvorschläge sucht man vergeblich. So bleibt man mit vielen Fragezeichen zurück und hat keine Ahnung, wozu das Buch nun wirklich gut war. Vielleicht für angehende Bildungssoziologen, die den Stand der aktuellen Forschung kennenlernen wollen, wobei das Buch dazu wohl einen Anhaltspunkt, aber sicher keine abschliessende Antwort liefern kann. 3
Didier Eribon: Rückkehr nach ReimsDie autobiografische Erzählung von Didier Eribon, welcher zu seinen Wurzeln im Arbeitermilieu zurückkehrt, aus dem er für lange Zeit geflohen war – körperlich und geistig. Eribon verwebt autobiografische Erlebnisse mit politischen, soziologischen und psychologischen Erklärungen, er zeichnet das Bild einer Zeit und einer Gesellschaft, erläutert politische Gesinnungen und Gesinnungswechsel, legt eigene Gedanken und Verhaltensmuster offen. Ein kluges, ein tiefes, ein bewegendes, ein wichtiges Buch. Ein Herzensbuch.6 von 5
Iris Murdoch: Die Souveränität des GutenIris Murdoch geht der Frage nach, was das Gute wirklich ist. Sie beruft sich auf Kant, Platon, Kierkegaard, setzt sich von den Existenzialisten ab, indem sie deren Ansatz als zu wenig weit reichend darlegt. Das Gute ist in sich nicht fassbar, doch liegt es allem sonst zugrunde, ist es das, wonach alles strebt, allen voran die Liebe. Das Buch lässt einen roten Faden vermissen, es hat keine abschliessende Antwort, es ist ein Suchen und sich Annähern, dessen letzter Schritt offen bleiben muss. 4
Didier Eribon: Gesellschaft als UrteilDie Fortsetzung zu «Rückkehr nach Reims», eine weitere Innenschau und Analyse der äusseren Verhältnisse, der Klassenkämpfe und anderer Herrschaftskämpfe in der Gesellschaft. Die Aufschlüsselung verschiedener Macht- und Unterdrückungsstrukturen, die Beschreibung der eigenen verinnerlichten Muster und Zwiespältigkeiten, vor allem auch nach Klassenwechseln. Ein weiteres grossartiges Buch, das neben den Bezügen auf das eigene Leben auch vielfältige Verweise zu soziologischen, philosophischen und literarischen Werken macht. 5

Ein Rückblick in Büchern: Juni

Der Juni war ein … Monat. Ich habe mit dem Satz begonnen und merke, ich kann kein Adjektiv finden. Ich weiss nicht, wie er war, weil irgendwie so viel durcheinander lief in mir und ausserhalb von mir. Es war ein Monat voller Ambivalenzen in meiner Gefühlswelt, Vorfreude paarte sich mit Wehmut, vieles war zu viel oder zu wenig, zu voll oder zu leer. Es war ein Monat mit schönen Begegnungen aber auch mit dem Gefühl der Verlassenheit dann und wann. Und lesetechnisch war es ein suchender Monat – ein Suchen nach Themen, nach passenden Inhalten, nach Büchern, die weder zu populärwissenschaftlich noch zu akademisch, weder zu oberflächlich noch zu akribisch analysierend sind. Was habe ich gefunden?

Ich habe mich der menschlichen Würde, der Wertschätzung und der Moral auseinandergesetzt, habe den Menschen als Gemeinwesen erforscht, begleitete eine Liebe und beschäftigte mich mit dem Thema der Flucht. Es interessierte mich, was das Gute ist und wieso es so oft verloren geht, wenn Ungleichheiten herrschen, liess mich vom Streiten faszinieren und vieles mehr.

Die Lesehighlights für mich waren sicher Michel Friedmans «Streiten» und Hanno Sauers «Moral». Nun sind wir schon im Juli angelangt, ich bin gespannt, was er bringen wird, einiges ist schon gesetzt, anderes noch in der Schwebe.

Was waren eure Lesehighlights im Juni?

Hier die ganze Leseliste:

Klaus Feldmann: Soziologie kompakt. Eine EinführungEinzelne Theorien und Systeme werden vorgestellt, unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft beleuchtet und Ansätze der Betrachtung derselben diskutiert. Sehr informativ, kompetent und gut lesbar. 5
Hanno Sauer: Moral. Die Erfindung von Gut und BöseEine Geschichte unserer Moral über die Jahrtausende hinweg. Wie haben sich Gesellschaften entwickelt, wie ihre Werte, ihre moralischen Haltungen? Erst wenn wir erkennen, woher unsere Moral kommt und die damit verbundenen Probleme in der heutigen Zeit, können wir dahin gehen, diese Probleme zu lösen und gangbare Wege hin zu einer Gesellschaft gehen, die unseren Werten wirklich entspricht. Ein grossartiges Buch, das eigentlich 7 Punkte verdient hätte. 5
Martin Hartmann: Vertrauen – abgebrochenWas sind Lügen, was ist Wahrheit, wie beeinflussen sie das Vertrauen und worauf baut dieses überhaupt? Martin Hartmann plaudert so vor sich hin und hat mich dabei verloren…
Habbo Knoch: Im Namen der Würde. Eine deutsche GeschichteHabbo Knoch erzählt die Geschichte der Würde, ihrer Einbettung in die historischen Gegebenheiten der einzelnen Jahrhunderte, die gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Veränderungen, welche einen Wandel des Würde-Begriffs mit sich brachten. Was ist Würde, wem steht sie weswegen zu und wie können wir sie schützen? Das Buch ist fundiert, mir aber – was nahelag durch den Untertitel – zu historisch und zu wenig ideengeschichtlich.3
Helga Schubert: Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe – abgebrochenDie Geschichte einer Liebe zwischen damals und heute. Erinnerungen inmitten des täglichen Pflegens. Der Alltag inmitten von Ängsten, Ohnmacht, Müdigkeit, und immer wieder Liebe. Ein persönliches, warmherziges, ehrliches Buch – einfach für mich zur falschen Zeit. 4
Heinz Bude: Die Gesellschaft der Angst – abgebrochenWir sind eine Gesellschaft, die von Angst getrieben ist. Die Haltlosigkeit im System, das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen, und die Sehnsucht nach Anerkennung kumulieren im Gefühl der Angst, das uns anfällig macht für Abhängigkeiten und Obrigkeiten. Mir fehlte allerdings die stringente Argumentation, es war eher ein Herummäandern, bei dem ich verloren ging. 
Corine Pelluchon: Ethik der Wertschätzung: Tugenden für eine ungewisse WeltAnschliessend an die antike Tugendlehre entwickelt Pelluchon eine Ethik, die den Mensch mit seiner Verwundbarkeit und Körperlichkeit im Blick hat mit all seinen Mängeln und Prägungen, und darauf aufbauend Tugenden entwickelt, die in der Welt von heute dazu führen, die Wertschätzung seiner selbst, aller lebenden Wesen und der Umwelt zu leben und damit ein Zusammenleben zu ermöglichen.4
Philosophie der Moral. Texte von der Antike bis zur Gegenwart, herausgegeben von Robin Celikates und Stefan GosepathEinzelne zentrale Texte zur Philosophie der Moral, jeder mit einer kleinen Einleitung, die den Philosophen und dessen Verständnis von Moral vorstellt. Ein guter Überblick über die historische Entwicklung eines schwer zu fassenden Begriffs. 5
Michael J. Sandel: Das Unbehagen in der DemokratieWie kam es dazu, dass die demokratische Gesellschaft gespalten ist, die Bürger sich nicht mehr einbringen, sich nicht mal mehr identifizieren? Ein Blick auf die amerikanische Wirtschafts- und Politikgeschichte, um einzelne Strömungen zu. verfolgen und die heutige Problematik in ihrem Gewachsein sein zu präsentieren. Für mich zu geschichtslastig und zu wenig philosophisch. 4
Hannah Arendt: Wir FlüchtlingeHannah Arendt beleuchtet in diesem Essay, was es bedeutet, Flüchtling zu sein. Sie zeigt auf, wie Menschen alles verlieren und aus der Welt fallen, wie sie nur noch auf Wohlwollen angewiesen sind und keine eigenen Rechte oder Möglichkeit der Teilnahme am Gemeinwesen haben. Abgerundet durch einen fundierten Essay von Thomas Meyer, der sowohl die zentralen Punkte Arendts nochmals aufgreift und sie auf die heutige Situation bezieht. 5
Michael Lüders: Moral über alles? Warum sich Werte und nationale Interessen selten vertragenEine Analyse der gegenwärtigen (hauptsächlich Anti-Russland-)Politik und der herrschenden Ideologien (Identitätspolitik und Moralismus). Das Buch zeigt eine andere Sichtweise gegenüber dem Mainstream, ist dabei durchaus ab und zu interessant und durchaus überzeugend, es überwiegen aber Populismus und plakative Aussagen, was das Lesen sehr bemühend macht.2
Philipppa Foot: Die Natur des GutenDreiteilige Abhandlung darüber, was den Menschen zu guten Taten motiviert: Kritik am der humeanischen praktischen Vernunft zugunsten einer werthaften, Verbindung derselben mit dem Speziesgedanken und Tugendgewinnung aus dieser meschlich-werthaften Vernunft heraus. Wenig Neues, etwas zu verworren und wenig stringent – und wenig überzeugend, da mehr Ablehnung als wirklich eigene Ideen. 2
Maria Barankow, Christian Baron: Kampf und Klasse14 Autoren erzählen ihre Geschichte, sie erzählen davon, wie es ist, in einem Land aufzuwachsen, in dem die Schere zwischen arm und reich immer weiter wird, sie erzählen von der Scham, von der Diskriminierung, vom Gefühl, nicht dazuzugehören als Armer. Ein persönliches Buch, das Einblicke gibt in die gravierenden strukturellen Ungleichheiten, teils sachlich, teils sehr erzählerisch. 3
Norbert Bolz: Keine Macht der MoralEin historischer Abriss des STaatsvertrags mit Blick auf Machiavelli, Hobbes, Weber, Schmitt und Rousseau, sehr viel Redundanz, keine klare Argumentationskette. Das Fazit ist schwammig, wenn es denn eines gibt, ein paar wenige klärende Sätze, vielleicht der Schluss: Zu viel moralische Empörung verhindert eine argumentativ gestützte Sachpolitik.2
Michel Friedmann: Streiten? UnbedingtEin kurzes, gut zu lesendes Buch über die Qualität des Streits und den Wert einer Streitkultur. Die Frage ist, wo die Grenze zwischen Diskurs und Streit ist, aber das ist reine Begrifflichkeit. Streiten bedingt Respekt und Zuhören, es ist ein Miteinander auf der Suche nach der Wahrheit. 4
Thomas Piketty: Eine kurze Geschichte der GleichheitWie hat sich unser System in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhundert verändert im Hinblick auf mehr Gleichheit und wie müssen wir uns weiter bewegen, um diese zu verbessern? Das der Weg hin zu mehr Gleichheit immer ein Prozess mit offenem Ausgang ist, liegt auf der Hand, es gibt aber Möglichkeiten, wie wir das Ziel erreichen können: Souveräne staatliche Entscheidungen im Hinblick auf universale Ziele, ein demokratischer, föderalistischer, partizipativer, ökologischer und multikultureller Sozialismus. 5

Lesemonat Mai 2023

Nachdem im April ein Lesehighlight dem anderen folgte, war der Mai etwas durchzogener. Ich hatte teilweise Mühe, überhaupt zu lesen, fand in viele Bücher nicht rein, unwissend, ob es an mir, an den Büchern, an beiden gelegen hat. Zum Glück besteht das Leben nicht nur aus Lesen, auch wenn das eine wunderbare Sache ist, denn: Ansonsten war es ein grossartiger Monat, der mir unter anderem ein wunderbares Fest mit Musik und Tanz (nur schon beim Drandenken juckt es wieder in den Beinen) auf einem Schiff beschert hat, von dem ich sicher noch lange zehren werde.

Lesend bin ich mit einigen Frauen in deren Vergangenheit gereist, habe mir mit anderen Gedanken über unsere Gesellschaft und die Demokratie gemacht. Ich habe überlegt, was es heisst, am eigenen Platz zu sein und welche Freiheit es ist, da auch bleiben zu dürfen. Ich studierte über soziale Schichten und deren verfügbaren Räume nach, wurde mir einmal mehr darüber bewusst, was es heisst, arm zu sein, und wieso wir als Gesellschaft vor Armut nicht die Augen verschliessen dürfen.

Hier die komplette Leseliste:

Ulrike Draesner: Die Verwandelten – abgebrochenEine tote Mutter, ein adoptiertes Kind, eine Grossmutter, ein Heim der Nazis, viele Namen, manchmal mehrere für eine Person – die Geschichte springt von Person zu Person, von einer Situation zu einer anderen, durch Orte und Zeiten, so dass man kaum einen Zusammenhang findet, geschweige denn einen roten Faden. 
Annika Büsing: Nordstadt – abgebrochenIch-Erzählung einer jungen Frau, flapsig, naiv, mündliche Sprache, spätpubertär-trotzig klingend – es ging mir schlicht auf die Nerven. 
Bruno Heidlberger: Mit Hannah Arendt Freiheit neu denken. Gefahren der Selbstzerstörung von DemokratienEine Darlegung des politischen Denkens Hannah Arendt, die Kritik daran sowie die Gedanken, die auch heute noch aktuell und wichtig sind. Es fehlt ein wenig der rote Faden, doch es ist ein guter und interessanter Überblick, der zeigt, dass diese Denkerin noch wichtig ist.4
Birgit Birnbacher: Wovon wir lebenEine junge Frau aus einem kleinen Dorf geht in die Stadt, um Krankenschwester zu werden. Sie geht in dem Beruf auf, bis ihr ein Fehler unterläuft und sie entlassen wird. Sie geht zurück in ihr Elternhaus, hofft, von ihren Eltern aufgefangen zu werden, doch die Mutter ist nach Sizilien weg und der Vater hofft, von ihr betreut zu werden. Sie ringt körperlich und seelisch nach Luft, sieht sie sich doch all dem, was sie hinter sich gelassen zu haben glaubte, erneut ausgesetzt. Sie ist gefordert, ihren Platz im Leben zu finden. 5
Ulrike Guérot: Wer schweigt, stimmt zu. Über den Zustand unserer Zeit und darüber, wie wir leben wollenEin Aufruf zu mehr Offenheit für andere Meinungen, ein Aufruf für mehr Dialogbereitschaft und Schaffung öffentlicher Räume, um die Demokratie und damit auch unsere Freiheit zu bewahren, statt autoritären Systemen die Hand zu reichen. Im Grundsatz ein guter Ansatz, oft zu populistisch und plakativ, sowie mit fragwürdigen Thesen, welche nirgends abgestützt werden. 3
Bruno S. Frey/Oliver Zimmer: mehr demokratie wagen. für eine teilhabe allerAufbauend auf einer Rede Willy Brandts legen die Autoren ihre Sicht auf die aktuelle Demokratie dar, erklären, wieso Repräsentation und Demokratie nicht gleichzusetzen sind und zeigen Lösungen auf, wie Bürger und Bürgerinnen wieder zu mehr Teilhabe an der Demokratie motiviert werden können. Gute Ansätze, aber mich haben die endlosen Ausführungen historischer Beispiele immer wieder abgehängt. Ein klarerer roter Faden und eine stringentere Argumentation wäre mehr gewesen. 3
Sophie Schönberger: Zumutung DemokratieEin Essay darüber, dass Demokratie auf Gemeinschaft beruht, die dann entsteht, wenn der Einzelne bereit ist, sich mit anderen in diese zu integrieren, die Pluralität anzunehmen und auch auszuhalten. Demokratie ist dann eine Zumutung, wenn der andere nicht verstanden wird, die gemeinsame Basis und das gemeinsame Verbundensein im Staat fehlt. Abhilfe schafft die persönliche Begegnung, die Möglichkeit von sozialen (Kommunikations-)Räumen, die den anderen erfahrbar und dadurch vertrauter machen. 5
Doris Knecht: Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habeEine alleinerziehende Schriftstellerin mit Zwillingen, die bald ausziehen, erinnert sich an ihr Leben. Sie erinnert in kleinen Episoden an Zeiten aus ihrer Kindheit, aus der Jugend, an ihre Beziehungen. Sie ist sich nie ganz sicher, was davon wirklich erinnert und was vergessen und neu erfunden ist. Und manches ist wirklich vergessen. Es ist eine Zeit des Umbruchs: Die Kinder ziehen aus, ihr Leben allein beginnt – nur wo soll es stattfinden?5
Eva von Redecker: BleibefreiheitWas, wenn Freiheit nicht mehr als Bewegungsfreiheit räumlich, sondern als örtliches Bleiben zeitlich gedacht würde? Wie muss diese Zeit gefasst und gefüllt, wie erfüllt sein, damit sie die Freiheit erlebbar macht, sie überhaupt gewährt? Was, wenn wir das Leben nicht mehr vom Tod her denken, sondern von der Geburt? Wenn in jeder Geburt ein neuer Anfang und damit eine Freiheit des sich neu Erschaffens läge? Wenn wir immer wieder neu geboren und damit frei in der eigenen Gestaltung wären? Das sind die Fragen, denen Eva von Redecker in diesem Buch nachgeht. Es ist ein Sammelsurium an Gedankengängen und Ausflügen, irgendwie fehlt die praktische Relevanz und wirkliche Antwort, aber es ist eine Fundgrube an weiterzudenkenden Ideen und Konzepten.4
Claire Marin: An seinem Platz sein. Wie wir unser Leben und unseren Körper bewohnen.Welchen Platz nehme ich ein auf dieser Welt? Wie stehe ich in der Zeit und im Raum, im Gefüge von Gesellschaft, Familie, Umfeld? Welche Prägungen hinterlassen Räume in uns und gibt es diesen einen, sicheren Platz, der unserer ist? Ein Nachdenken über die Räume unseres Lebens, ausserhalb und in uns selbst. 5
Stine Volkmann: Das Schweigen meiner MutterVier Schwestern treffen sich für die Beisetzung der Urne ihrer Mutter auf Langeoog, der Insel, welche in der Kindheit die schönsten Erlebnisse beheimatete, bis zu einem Sommer, in dem ein Erlebnis alles mit einem Schlag verändert. Waren die vier vorher ein eingeschworenes Team, gingen sie danach innerlich und mehr und mehr auch äusserlich getrennte Wege.Bei diesem Zusammentreffen brechen alte Wunden auf, Vorwürfe, die im Raum stehen, werden ausgesprochen, die Erinnerung wird wieder lebendig. Doch: Hat sie sich in den einzelnen Köpfen wirklich richtig eingenistet? Ein mitreissender Roman mit authentischen Charakteren, einem guten Spannungsbogen in einer flüssig lesbaren Sprache, der gegen Ende etwas an Tempo verliert 4
Franz Xaver Baier: Der Raum. Prolegomena zu eienr Architektur des gelebten RaumsEin tiefer Blick auf die Architektur verstanden nicht als blosse Konstruktion von Häusern, sondern als Schlüssel zur Wirklichkeit. Was macht einen Raum zum Raum, aus welchen Gesichtspunkten heraus ist er wahrzunehmen und was macht diese Wahrnehmung aus dem Raum? Zum Nachdenken anregend, komplex, teilweise verwirrend, originell und Augen öffnend.4
Dieter Lamping: Hannah Arendt. Leben für die FreundschaftDas Porträt von Hannah Arendt aufgrund der von ihr gepflegten Freundschaften. Ihre wichtigsten Freundinnen und Freunde werden vorgestellt und das, was die jeweilige Freundschaft ausmachte anhand von Zitaten und beleuchtet. 3
Brigitte Reimann: Die Geschwister – abgebrochenDie Geschichte einer kleinbürgerlichen Familie in der DDR, von den drei Geschwistern fliehen zwei wegen mangelnder Zukunftsaussichten in den Westen. Ein Bild der gesellschaftlichen Zustände der ehemaligen DDR sowie des Lebens mit Mauern – real und in den Köpfen. Mich hat es zu wenig angesprochen, die verschiedenen Zeitwechsel machten das Lesen zeitweise schwierig. 
Helmuth Plessner: Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen RadikalismusPlessner thematisiert verschiedene Formen menschlichen Zusammenlebens, stellt dabei Gemeinschaft und Gesellschaft gegenüber, indem er der Gesellschaft als offenes System verbundener Menschen, die das Zusammenleben immer wieder neu entwerfen den Vorzug gibt. Es plädiert im Umgang miteinander für Diplomatie und Takt, da dieser zu einem wohlwollenden und feinfühligen Miteinander führt. 4
Esther Schüttelpelz: Ohne mich – abgebrochenEine junge Frau richtet sich nach der Trennung von ihrem Mann wieder neu ein – in ihrer Wohnung und in ihrem Leben. Diese schnoddrige, mit Flüchen und Kakophonien durchsetzte mündlich anmutende Sprache war für mich nicht lesbar. Abbruch nach wenigen Seiten (zweimal versucht mit demselben Ergebnis)
Daniela Brodesser: ArmutDie persönliche Geschichte der Autorin, wie sie und ihre Familie in die Armut gerieten. Zahlen und Fakten zur Armut in Österreich und Deutschland, die Beschreibung, womit betroffene zu kämpfen haben und was Armut aus Menschen und mit Menschen macht. Das Buch versucht, Aufmerksamkeit für ein Thema zu gewinnen, das noch zu sehr als Tabu behandelt und mit Vorurteilen belastet ist. Es fehlt ein wenig die praktische Hilfe, so bleibt es hauptsächlich das Zeugnis einer Betroffenen, das betroffen macht. 3
Pierre Bourdieu: Sozialer Raum und KlassenBourdieu untersucht den sozialen Raum, analysiert, durch welche Kriterien sich Gruppen bilden und was sie zusammenhält. Er thematisiert die verschiedenen Kapitalsorten, welche für die Klassenzuteilung ausschlaggebend sind, und wie sich Repräsentation einer Klasse legitimiert. Die Materie wäre nicht so komplex, wie sie durch die unglaublich unverständliche Sprache dargestellt wird. 3
Katharina Mevissen: Mutters Stimmbruch – abgebrochenEine älterwerdende Frau, deren Mann und Kinder ausgezogen sind, die aber doch als einzige Identität die der Mutter der Erzählerin hat. Herbst ist im Leben und im eigenen Körper, mit beidem kämpft sie und das auf eine so schräge, komische Art, dass es nach einem kurzen Amüsement den Reiz verloren hatte, zumal kein Bezug herzustellen war aus dem eigenen Erleben, Empfinden, aus eigenen Erfahrungen. 
Heinz Bude: Das Gefühl der WeltWorauf gründen Stimmungen in der Welt und wie wirken sie sich aus? Heinz Bude geht diesen Fragen in sehr loser und wenig analytischer Weise eher plaudernd nach, es fehlt ein roter Faden und auch ein Ergebnis. Nett zu lesen, aber es bleibt wenig haften.3