Bücher 21- Mai

Die letzten Monate stand an dieser Stelle ein Überblick über alle gelesenen (und abgebrochenen) Bücher des Monats. Ich habe auch diesen Monat damit begonnen, diesen zu schreiben, kam über die Tage und Wochen doch auf 12 gelesene Bücher und drei abgebrochene – dann hörte ich auf, weiterzuschreiben. Im Laufe dieses Monats hat sich meine Leseverhalten stark verändert, da zunehmend neue Projekte dazukamen, die viel Fach- und spezifische Literatur erfordern. Die Zeit für vollständige Rezensionen und viele Bücher nebenher fehlt dadurch leider und das effektiv gelesene ist wohl wenig spannend für andere.

Nun möchte ich diese Bücherrückblicke doch nicht ganz streichen und habe mir überlegt, wie ich das machen könnte. Hier die Lösung:

Ich werde weiter ein paar Bücher vorstellen, die ich gelesen habe, diese auch kurz beschreiben und die bibliographischen Angaben hinterlassen, so dass sie für Interessierte schnell auffindbar sind. Dieser kleine Rückblick wird grossenteils ausführliche Rezensionen ersetzen. Zudem möchte ich fortan ab und zu Bücherempfehlungen reinstellen von Büchern, die mir aus irgendwelchen Gründen in die Hände oder in den Sinn kamen. Und ab und an gibt es sicher auch mal wieder eine Rezension.

Ich hoffe, das wird ein für mich und euch schöner Weg sein, denn ganz ohne Bücher und Gespräche über Bücher soll und kann es hier nicht weitergehen für mich. Der heutige Rückblick ist noch ziemlich ähnlich wie die letzten, es fehlen einfach die zu spezifischen Bücher drauf.

Gelesene Bücher

  • Ingeborg Bachmann: Undine geht (Erzählung)
    Undine sinniert über die Welt, welche eine Welt von Ungeheuern ist, eine Welt von Männern namens Hans, die die Welt und auch sie beherrschen. Doch einige sind anders, einen Hans liebt sie sogar. Und doch wird sie nicht glücklich mit dieser Liebe.
  • Doris Dörrie: Die Welt auf dem Teller
    In ihrem Buch „Die Welt auf dem Teller“ nimmt uns Doris Dörrie mit auf eine Reise durch die Welt des Essens. Wir haben auf unserem Leseteller ein Arrangement von kurzweiligen Lesehäppchen für den kleinen Lesehunger zwischendurch.
  • Irmgard Keun: Nach Mitternacht
  • Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein
    Ein wunderbares kleines Buch. Was sie hier im politischen Raum aufzeichnet, lässt sich auch gut auf das Miteinander im engen Rahmen runterbrechen. Was also ist Freiheit für Hannah Arendt?

„Diese öffentliche Freiheit ist eine handfeste lebensweltliche Realität, geschaffen, von Menschen, um in der Öffentlichkeit gemeinsam Freude zu haben – um von anderen gesehen, gehört, erkannt und erinnert zu werden. Und diese Art von Freiheit erfordert Gleichheit, sie ist nur unter seinesgleichen möglich.“

«Er war meine grosse Liebe» – Das sagte Ingeborg Bachmann über Paul Celan. Und doch war die Liebe nicht lebbar auf Dauer, kam es immer wieder zu Brüchen und auch Abbrüchen. Helmut Böttiger beleuchtet die Geschichte der beiden Königskinder, die nicht zueinander finden konnten, er zeigt auf die gegenseitigen Verweise in Leben und Werk und verortet die Beziehung im Lebensumfeld der beiden Literaten.

  • Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biografie in Bruchstücken
    Wer war Ingeborg Bachmann? Dieser Frage geht Ina Hartwig nach und zeigt das Leben dieser faszinierenden Frau in kleinen Puzzlestücken, die sich irgendwie zu keinem ganzen Bild zusammenfügen, aber trotzdem tief blicken lassen. Wir werden mit einer Frau voller Geheimnisse konfrontiert, einer Frau, die verschiedene Seiten in sich trug und diese je nach Bedarf ans Licht holte. Und bei all dem bleibt das Gefühl zurück, dass tief drin ganz viel dunkel war und auch im Dunkeln bleiben sollte. Bachmann war eine Meisterin des Vertuschens, des Versteckens, des Geheimhaltens. 
  • Peter von Matt: Liebesverrat
    Wo gelebt wird, wird geliebt und oft auch verraten. Peter von Matt streift auf die ihm eigene, kompetente, humorvolle und scharfsichtige Art durch die Bücher von Antike bis heute und Erzählt von den Liebenden und den Gehörnten, von den Verrätern und den Enttäuschten.
  • Stephen Fry Feigen, die fusseln. Entfessle den Dichter in dir
    Stephen Fry ist hier ein sehr unterhaltsames Buch gelungen, das einerseits fundiert in die Theorie der Gedichtanalyse einleitet, andererseits dazu auffordert, selber zu Papier und Stift zu greifen und das Gelernte umzusetzen.
  • Hilde Domin: Dichterin des Dennoch
    Das Porträt einer Dichterin, die im Leben viel erlebt hat und in der grössten Not das Schreiben angefangen hat. Ilka Scheidgen beleuchtet das Leben und Schaffen der unermüdlich für die Lyrik einstehenden Hilde Domin auf eine persönliche Weise. Ab und an wird die Geschichte etwas verklärt, aber das tut dem Buch keinen Abbruch, zumal nicht ersichtlich ist, ob das nicht sogar Hilde Domins Wunsch gewesen ist.

Abgebrochene Bücher

  • Ingrid Noll: Kein Feuer kann brennen so heiss
    Die Geschichte handelt von der nicht wirklich attraktiven, aber doch sehr patenten Altenpflegerin Lorina, welche bei einer alten Dame ihre Dienste verrichtet. Mit im Spiel sind auch noch ein am Erbe interessierter Grossneffe der Arbeitgeberin, ein Techtelmechteln gegenüber nicht abgeneigter Masseur und ein kleiner Pudel. Es wird sicher wieder ein paar beiläufige Todesfälle geben, wie das bei Ingrid Noll so üblich ist, allerdings zieht sich das Buch unglaublich in die Länge mit ganz viel Anfangsgeplauder. Irgendwann ging mir der Leseatem aus…
  • Kent Haruf: Kostbare Tage
    Nachdem ich Unsere Seelen bei Nacht sehr liebte, freute ich mich sehr auf das Buch, doch es hat mich nicht gepackt. Der Anfang versprach noch eine menschlich warme Geschichte, doch dann wurde es zu einer Aneinanderreihung einzelner Episoden, bei der es mir nicht möglich war, in die Geschichte hineinzufinden.
  • Max Küng: Fremde Freunde
    Drei Paare, die sich nur von den Elternabenden ihrer Kinder kennen, verbringen gemeinsame Ferien in einem Haus in Frankreich. Der Roman fängt locker, flockig an mit vielen geplauderten Oberflächlichkeiten, die Sprache ist leicht und flapsig, die Sprüche teilweise ebenso. Und: Es passiert nichts, was man als Handlung bezeichnen könnte. Mir fehlte der Atem, bis zu den versprochenen tieferen Stellen vorzudringen, zumal willkürlich aufgeschlagene Textpassagen den Eingangston weiterführten.

#abcdeslesens – A wie Ilse Aichinger (1.11.1921 – 11.11.2016)

In einem Interview sagte Ilse Aichinger mal, dass die glücklichste Zeit ihres Lebens die im Krieg gewesen sei. Da hätte man immerhin gewusst, woran man sei, wer Freund und wer Feind sei. Zudem wäre es eine Zeit voller Hoffnung gewesen. Diese Worte aus dem Mund einer Kriegsüberlebenden, einer Frau, die als jüdisches Mädchen nur mit Glück den zweiten Weltkrieg überlebte, da einen grossen Teil der eigenen Familie verloren hat, machen nachdenklich.

Ilse Aichinger begann schon 1945 mit dem Schreiben gesellschafts- und politikkritischer Werke. 1951 wurde sie in die Gruppe 47 eingeladen, deren Preis sie bereits 1952 gewann. Gefragt, wieso sie schreibe, sagte sie einst:

„Ich schreibe, weil ich keine bessere Form des Schweigens finde.“

Sieht man Fotos von damals, lacht Ilse Aichinger immer. Man sieht eine schöne junge fröhliche Frau. Leise rührt sich die Frage, wo die oft tieftraurigen, verbitterten Aussagen ihren Anfang nahmen, die man in späteren Interviews von ihr hörte. Hat sie diese damals überspielt? Sind sie dem Leben geschuldet, welches ihr 1972 den Mann nahm, 1998 den Sohn? Oder wirkte die Kriegszeit zeitlebens nach? Worauf bezieht sie sich, wenn sie sagt:

„Man überlebt nicht alles, was man überlebt.“

Ihr grösster Erfolg war wohl der 1948 erschienene Roman «Die grösste Hoffnung», es folgten verschiedene Erzählungen auch Gedichtbände. Es fällt auf, dass ihre Sprache sich immer mehr verdichtet – in allen Formen. Das hatte seinen Grund auch darin, dass Ilse Aichinger Sprache immer mehr auch als Ausdrucksmittel unbrauchbar empfand, da diese zu sehr der Konvention, dem fraglosen Bezeichnen anheimfiel. Ihre Konsequenz war eine «Poetik des Schweigens», etwas, mit dem sie übrigens nicht alleine war, auch bei Paul Celan finden sich solche Ansätze.

Das folgende Gedicht spricht in meinen Augen von all dem:

Ortsanfang

Ich traue dem Frieden nicht,
den Nachbarn, den Rosenhecken,
dem geflüsterten Wort.
Ich hörte,
daß sie die Häute an die Schlinge legen,
daß sie die Bänke kippen vor dem Winter,
ihre Jauchzer flogen
zum Schlaf gerüstet
durch Schul- und Kirchenhäuser
auf und fort.
Wer erwartet noch die Vögel,
die bleiben,
den Rauch übers kurze Gras?
(aus Verschenkter Rat, 1978)

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#abcdeslesens ist eine Aktion, die ich auf Instagram durchführe. Ich lese mich anhand des Alphabets durch mein Bücherregal und stelle einzelne Autoren vor.

Ingeborg Bachmann: Alles

«Wenn wir uns, wie zwei Versteinte, zum Essen setzen oder abends an der Wohnungstür zusammentreffen, weil wir beide gleichzeitig daran denken, abzusperren, fühle ich unsere Trauer wie einen Bogen, der von einem Ende der Welt zum anderen reicht – also von Hanna zu mir….»

Ein namenloser Icherzähler schaut zurück im Leben, denkt an seine Hochzeit mit Hanna, an die Schwangerschaft und an seine Gedanken während der Schwangerschaft. Er denkt an sich, daran, was er dem Kind alles beibringen und zeigen wollte – und steht dann bei dessen Geburt vor dem Nichts, da nichts anwendbar scheint. Wieso Fipps, so heisst das Kind, eine Welt erklären, wieso sie ihm nicht überlassen, in der Hoffnung, dass er nicht eintritt, sondern eine neue findet? Der Vater zieht sich mehr und mehr zurück, spricht weniger, rät nichts, tut alles, um Fipps nicht zu sehr in der Welt zu verhaften. Und er wird immer mehr enttäuscht, weil Fipps die Welt, wie sie ist, immer besser versteht, sich doch in diese eingliedert.

«Ich war mit dem Kind gefangen und verurteilt von vornherein, die alte Welt mitzumachen. Darum liess ich das Kind fallen. Ich liess es aus meiner Liebe fallen. Dieses Kind war ja zu allem fähig, nur dazu nicht, auszutreten, den Teufelskreis zu durchbrechen.»

Die Mutter hingegen geht einen anderen Weg: Sie zeigt dem Kind voller Liebe und mit Geduld alles, was es auf dieser Welt gibt. Alles will sie für dieses Kind haben:

«…mehr Liebe, die ganze Liebe, einen Liebesspeicher wollte sie anlegen, der reichen sollte ein Leben lang, wegen draussen, wegen der Menschen…»

Sie glaubt an das Gute in Fipps, sie will ihn beschützen vor dem Bösen in der Welt. Doch auch Fipps wird zum Menschen, auch in ihm steckt das Böse. Und er trägt es in die Welt. Bis zu dem Tag, an dem er stirbt durch einen Unfall. Nach seinem Tod kann der Vater plötzlich all das tun und sagen, was er sich vorher versagt hat.

«Alles» ist die dritte Erzählung in Ingeborg Bachmanns Erzählband «Das dreissigste Jahr», einem Zyklus von sieben Erzählungen, welcher 1961 erschien. Es ist die Geschichte eines namenlosen Vaters, welcher seine Beziehung zu seinem verstorbenen Kind reflektiert, welcher die Unterschiede des Verhaltens von Vätern und Müttern zu ihren Kindern analysiert. Wie verändert ein Kind das Leben zweier Menschen? Wie unterschiedlich gehen diese mit einem Kind um, weil sie eine jeweils unterschiedliche Sicht auf die Welt haben? Die liebende Mutter umsorgt, herzt und fördert das Kind, der ängstliche Vater hofft aus immer mehr Distanz, dass dieses Kind nicht zu einem gewöhnlichen Menschen heranwächst, damit er nicht Teil dieser kranken Welt wird, sondern eine neue für sich findet. Und doch weiss er insgeheim, dass genau das passieren wird. Und durch all diese Gedanken und Rückblicke des namenlosen Erzählers dringt die Ahnung eines drohenden Unglücks.  

Obwohl die Geschichte einigermassen linear erzählt wird, ist es nicht im herkömmlichen Sinne eine chronologische Abfolge von Ereignissen, sondern eher ein Blick auf die sich verändernde Gefühlswelt eines Vaters zu seinem Sohn.

Wie so oft bei Ingeborg Bachmann hat die Sprache auch in dieser Erzählung eine spezielle Funktion. In ihr vermittelt sich die Welt. Die Sprache der normalen Welt ist keine, mit der sich in die Zukunft gehen lässt. Es bräuchte eine neue Sprache dafür, der Vater findet für diese neue Sprache Namen wie Schattensprache oder Wassersprache. Er hofft, dass Fipps diese neue Sprache finden und sprechen wird, um so nicht Teil der alten Sprachwelt zu werden. Die Hoffnung platzt, als Fipps mit zunehmendem Alter die Sprache seiner Umgebung sprechen lernt.

«Er äusserte schon Wünsche, sprach Bitten aus, befahl oder redete um des Redens willen.»

Das Misstrauen des Vaters gegen den Sohn wächst mit dem Erkennen von dessen Menschwerdung. Dass er diesen zudem bei Handlungen wie beim Abreissen von Grashalmen oder sinnlosen Töten von Käfern und Würmern beobachtet (die Untaten werden mit wachsendem Alter grösser), trägt mit dazu bei, dass er Fipps die Unschuld abspricht, ihn gar einen Teufel sieht. Sich selber spricht er von der Schuld an dieser Entwicklung frei, indem er konstatiert, Kinder kämen schon schuldig zur Welt. Darin steckt die philosophische Frage nach dem Ursprung des Bösen. Die Erzählung bleibt die Auflösung dieser Frage in der konkreten Geschichte von Fipps schuldig.

Fazit:
Eine Geschichte über die unterschiedlichen Beziehung eines Vaters und einer Mutter zu ihrem Kind, über das Heranwachsen in einer kranken Welt, und die – schliesslich sterbende – Hoffnung auf eine bessere Welt. Ganz grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Andrea Stoll: Ingeborg Bachmann. Der dunkle Glanz der Freiheit

„Wer sich heute Person und Werk der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann zu nähern versucht, wird mit einem widersprüchlichen Bild konfrontiert. Eine moderne, selbständige Frau scheint uns da anzuschauen, weltgewandt und voller Lebensfreude. Doch die glanzvolle Erscheinung der österreichischen Autorin…war nur eine Seite ihrer Existenz. Die andere, von unauslöschlicher Angst und immer wiederkehrender Verzweiflung geprägte Seite gehörte ebenso dazu.“

1929 in Kärnten geboren, wird Ingeborg Bachmann schon bald mit dem Krieg und seinen Schrecken konfrontiert. Dieses Trauma wird sie ein Leben lang begleiten, immer wieder Thema ihres Werks sein. Andrea Stoll präsentiert uns in ihrer Biografie ein stimmiges Bild dieser spannenden Frau und ihres Schaffens. Sie zeigt die vielen Gesichter Ingeborg Bachmanns, beleuchtet die Hintergründe ihres Seins und Tuns.  

Es ist kein leichtes Unterfangen, eine Biografie von Ingeborg Bachmann zu schreiben, hielt sich diese doch zeitlebens eher bedeckt, was Privates anbelangte. Sie gab nicht nur nach aussen wenig preis, sie wusste sogar die einzelnen Bereiche ihres Lebens voneinander so abzugrenzen, dass die verschiedenen Kreise, in denen sie verkehrte, wenig bis nichts voneinander wussten und vor allem auch nie durchmischt wurden.

„Seit frühester Jugend hatte Ingeborg Bachmann davon geträumt, als freie Schriftstellerin leben und arbeiten zu dürfen, und mit dem ihr eigenen Ehrgeiz und unbedingten Willen alles darangesetzt, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Doch der Preis für ihre Freiheit war hoch, ja, er überstieg im Laufe der Jahre ihre Kraft – und doch hielt sie daran fest, auch dann, als sie längst krank und von den Anstrengungen ihrer freien Autorenexistenz körperlich und seelisch gezeichnet war.“

Leben und Schreiben ist bei Ingeborg Bachmann nicht zu trennen, da Schreiben für sie lebenswichtig, lebensfüllend war. Diesem ordnete sie alles unter. Auch ihre Sehnsucht nach Liebe, nach einer Familie. Sie selber war es oft, die auf Distanz ging, ihre Unabhängigkeit verteidigte, und somit Beziehungen schwierig bis unmöglich machte. Andrea Stoll ist ein offener Blick gelungen, der von offensichtlichem Verständnis für Ingeborg Bachmann geprägt ist. Insofern brauchte sie wohl einen anderen Schuldigen für deren Zerbrechen an einer gescheiterten Liebe. In Max Frisch hatte sie diesen gefunden (das ist nur ein Beispiel, es gäbe andere, da war es am deutlichsten). Dass er da sein wollte, ein Miteinander wollte, drang zwar ab und zu durch die Zeilen, aber dann war er doch der, welcher so viel Leid über Bachmann brachte. Was die Trennung durchaus tat. Aber nicht Frisch allein. Und doch bleibt die Sicht nachvollziehbar. Aus dem, was draus resultierte.

Es ist schlussendlich wohl schwierig, ein wirklich objektives Bild einer so diffusen und komplexen Persönlichkeit zu zeichnen. Andrea Stoll ist mit dieser Biografie eine grösstmögliche Annäherung gelungen. Ich möchte dieses Buch wirklich jedem ans Herz legen, der sich für Ingeborg Bachmann interessiert, der sich für Frauenexistenzen in einer von Männern gemachten Welt interessiert, der sich für Lyrik, Literatur, Geschichte und was sie mit Menschen macht interessiert. Ach, ein Buch, das man lesen sollte.

Fazit:
Eine echte, wirkliche Leseempfehlung für alle, die an Ingeborg Bachmann interessiert sind, die am Literaturbetrieb (gerade auch für Frauen) nach der Kriegszeit interessiert sind. Eine absolute Leseempfehlung.

Über die Autorin
Dr. phil. Andrea Stoll hat als Autorin und Dramaturgin zahlreiche Essays, Bücher und Filme geschrieben und war über fünfzehn Jahre als Dozentin für Literatur an der Salzburger Universität tätig. Sie gilt als ausgewiesene Bachmann-Kennerin und hat seit ihrer Dissertation „Erinnerung als ästhetische Kategorie des Widerstandes im Werk Ingeborg Bachmanns“ (1992) zum Werk der österreichischen Autorin mehrere Essays und Bücher vorgelegt, u.a. als Mitherausgeberin des zum internationalen Beststeller avancierten Ingeborg Bachmann–Paul Celan-Briefwechsels „Herzzeit“ (2008).

Angaben zum Buch:
Kindleversion, da leider vergriffen: 11809 KB
Seitenzahl der Printversion: 382 Seiten
Verlag: C. Bertelsmann Verlag (9. September 2013)
ASIN : B00E7PVO4K
Preis: EUR  9.49 / CHF 12.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Ingeborg Bachmann: Undine geht

«Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!

Ihr Ungeheuer mit dem Namen Hans! Mit diesem Namen, den ich nie vergessen kann.»

Undine sinniert über die Welt, welche eine Welt von Ungeheuern ist, eine Welt von Männern namens Hans, die die Welt und auch sie beherrschen. Doch einige sind anders, einen Hans liebt sie sogar. Und doch wird sie nicht glücklich mit dieser Liebe.

«Mein Gedächtnis ist unmenschlich. An alles habe ich denken müssen, an jeden Verrat und jede Niedrigkeit.»

Sie erinnert sich an all das Leid, das ihr passiert ist, all die Schmach. Und geht schliesslich ins Wasser. Und damit aus der Welt der Männer, aus der Welt überhaupt.

«Beinah verstummt,
beinahe noch
den Ruf
hörend.

Komm. Nur einmal.
Komm.»

Doch: Ist sie wirklich ganz gegangen? Ist da nicht noch ein Blick zurück, eine Hoffnung, die Möglichkeit eines neuen Versuchs?

«Verräter! Wenn euch nichts mehr half, dann half die Schmähung. Dann wusstet ihr plötzlich, was euch an mir verdächtig war, Wasser und Schleier und was sich nicht festlegen lässt. Dann war ich plötzlich eine Gefahr, die ihr noch rechtzeitig erkanntet, und verwünscht war ich und bereut war alles im Handumdrehen.»

«Undine geht» ist die letzte Erzählung in Ingeborg Bachmanns Erzählband «Das dreissigste Jahr», einem Zyklus von sieben Erzählungen, welcher im Jahr 1961 erschienen ist. Thema der Erzählung ist das herrschende Patriarchat, eine Männerwelt, welche sowohl Frauen wie Männern klare Rollen zuteilt. Während die Frau domestiziert wird, verkörpert der Mann das rationale Prinzip, steht mit diesem der Natur gegenüber und damit auch Undine, diesem nicht fassbaren Wasserwesen, welches für den nach Erklärungen und Sicherheit strebenden Mann eine Gefahr darstellt.

Bachmann greift mit Undine auf einen der (halbgöttlichen) Elementargeister (Bewohner der vier Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft) der mittelalterlichen Welt zurück. Dort besitzt das Wasserwesen ein menschliches Aussehen, sie ist ein jungfräulicher Wassergeist. Um eine unsterbliche Seele zu erlangen bedarf es der Vermählung mit einem Mann (so will es der christliche Glaube damaliger Zeit). Ingeborg Bachmann holt dieses Wesen in die Gegenwart und lässt es mit der bürgerlichen Welt abrechnen, mit dem gestörten Verhältnis zwischen den Geschlechtern, bei dem die Frau durch monsterhafte Männer unterdrückt werden («Ihr Monster mit den festen und unruhigen Händen»).

«Alles hast du mit den Worten und Sätzen gemacht, hast dich verständigt mit ihnen oder hast sie gewandelt, hast etwas neu benannt…»

Auch die Sprache, eines von Ingeborg Bachmanns immer wiederkehrenden Themen, ist zentral. Sprache, die den Menschen als solchen eigentlich ausmacht, verkümmert mehr und mehr, es bleiben Belanglosigkeiten, Floskeln im Privaten, im Politischen, im öffentlichen Raum wird sie instrumentalisiert um Macht und Herrschaft (des Manns) zu zementieren. Durch das Spiel mit der Wahrheit, das Spiel mit Worten und ihren Doppeldeutigkeiten zementiert sich die Vorherschafft der Einen, Eingeweihten, gegenüber den Andern. Ingeborg Bachmann hinterfragt allgemein die Kommunikation zwischen den Menschen, und sieht ein Verkümmern, sowohl in der Sprache wie auch im Sein.  

Immer wieder wurde Ingeborg Bachmann darauf angesprochen, ob Undine eine autobiographische Darstellung sei. Sie antwortete darauf in einem Interview:

„Sie ist meinetwegen ein Selbstbekenntnis. Nur glaube ich, dass es darüber schon genug Missverständnisse gibt. Denn die Leser und auch die Hörer identifizieren ja sofort – die Erzählung ist ja in der Ich-Form geschrieben – dieses Ich mit dem Autor. Das ist keineswegs so. Die Undine ist keine Frau, auch kein Lebewesen, sondern, um es mit Büchner zu sagen, ‚die Kunst, ach die Kunst‘. Und der Autor, in dem Fall ich, ist auf der anderen Seite zu suchen, also unter denen, die Hans genannt werden.“ (Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden)

Wie so oft in Ingeborg Bachmanns ist das Werk nicht vom Leben zu trennen. Die Verletzungen der Frau durch den Mann sind erlebt, die Enttäuschung und ab und an auch Verzweiflung an unglücklichen Beziehungen ist tief gefühlt, die Hoffnung, doch noch Liebe zu finden, stirbt nie. Undine ist zerrissen zwischen dem Zwang, zu lieben, und der Flucht vor der Liebe, in welcher sie doch nur Verletzungen sieht. Und Einsamkeit.

Fazit:
Eine Abrechnung mit dem Patriarchat in Ingeborg Bachmanns ganz eigenem, prägnanten und doch lyrischen und sinnlichen Ton. Ganz grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Bücher 21- April

Gelesene Bücher

  1. Ingeborg Bachmann: Der gute Gott von Manhatten
    Jennifer und Jan treffen sich zufällig am Bahnhof, aus einer als Affäre gedachten Nacht wird Liebe, was dem guten Gott von Manhattan nicht gefällt, da diese mit der bürgerlichen Ordnung nicht vereinbar ist. Vor Gericht muss er sich für den Mord an Jennifer verantworten.
  2. Thommy Bayer: Das Glück meiner Mutter
    Der Drehbuchautor Philip Dorn, ein alleinstehender Mann in den mittleren Jahren, der sich nach dem Scheitern seiner letzten Beziehung in seinem Leben allein eingerichtet hat, beschliesst, sich sein Traumauto, einen Mini, zu kaufen und damit in die Toskana zu fahren. Beim Dahingleiten auf den Strassen, erinnert er sich an seine Kindheit, an seine Beziehung zu seinen Eltern, vor allem die zu seiner Mutter, und an seine gescheiterte Beziehung zu Bettina. Ein Buch mit leisen Tönen, das berührt und bewegt.
  3. Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds
    Klara Jahn erzählt zwei Lebensgeschichten in zwei unterschiedlichen Zeiten, einerseits die von Ellen, welche nach vielen Jahren auf die Halligen zurückkehrt und da ihre Heimat sucht, andererseits die von Arjen, einem Waisen, der nach einer Ausbildung ausserhalb ebenfalls zurückkehrt auf die Halligen, um die Kinder dort zu unterrichten. Mehr als das aber erzählt sie die Geschichte der Halligen, beschreibt die Natur und die Landschaft mit all ihren Eigenheiten, Schönheiten, mit den Menschen, die da leben und welche durch die Natur geprägt sind. Neben diesem wunderschön beschriebenen Landschaftsbild bleiben die Figuren des Romans eher blass, sind schwer fassbar. Zwar widerspiegelt das durchaus ihr Naturell, doch bleibt man als Leser dadurch immer aussen vor, fällt es nicht leicht, wirklich in die Geschichten einzutauchen.
  4. Dr. Mirriam Priess: Die Kraft des Dialogs
    Mirriam Prieß erläutert auf fundierte und gut lesbare Weise das Dialogprinzip, welches sie als grundlegend für ein erfülltes Beziehungsleben und damit für ein gelingendes Leben erachtet. Sie gibt dem Leser immer wieder Übungen an die Hand, mit denen dieser prüfen kann, wo er im Moment steht und wie er an einzelnen Punkten arbeiten kann. Zusätzlich führt Mirriam Prieß Beispiele aus der Praxis an, um an konkreten Fällen zu demonstrieren, wie sich eine fehlende Dialogstruktur auswirken kann und womit Verbesserungen herbeigeführt werden können.
  5. Marietheres Wagner: Epikurs Bibliothek
    Marie Theres Wagner stellt anhand von Büchern aus verschiedenen Genres Epikurs Philosophie vor.
  6. Ingeborg Bachmann: Malina
    Eine Liebesgeschichte, ein Roman um Themen wie Tod, Angst, Mord, ein Gesellschaftsroman, eine Zeitkritik, eine Sozialkritik, eine Suche nach der richtigen Sprache – und vieles mehr. Das ist Malina, die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern, einer Frau, auf der Suche nach Leben, ihrem Leben, eine Frau, die lieben will und durch die Traumata der Vergangenheit zu unsicher ist, sich wirklich einlassen zu können – ohne sich selber zu vergessen.
  7. Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews
    Obwohl Ingeborg Bachmann Interviews, generell Fragen zu ihrer Person als eher unangenehm empfand, existieren mehr als 50 davon. Dieser Band enthält dreissig davon in chronologischer Reihenfolge. Man erfährt einiges über Bachmanns eigene Ansichten zu ihrem Schreiben und zu den Absichten hinter einzelnen Büchern.
  8. Ingeborg Bachmann: Alles (Erzählung)
    Wie ein Kind das Leben von zwei Menschen verändern kann, wie Menschen unterschiedlich mit Kindern umgehen aus ihrer Sicht der Welt heraus: Die liebende Mutter, welche das Kind umsorgt und herzt und fördert, der ängstliche Vater, welcher distanziert hofft, dass das Kind nicht zu einem gewöhnlichen Menschen heranwächst, wie sie in dieser kranken Welt alle sind – und weiss, dass es doch passieren wird. Und hinter allem liegt ein drohendes Unglück.
  9. Volker Weidermann: Lichtjahre
    In vielen kleinen Kapiteln, von welchen jedes zwischen zwei und fünf Schriftstellern behandelt führt uns Volker Weidermann auf eine humorvolle, pointiert geschriebene und neben dem sehr hohen Unterhaltungsfaktor auch sehr fundierte, aus grossem Wissen schöpfende Reise durch die Literaturgeschichte nach 1945.
  10. Ingeborg Bachmann: Unter Mördern und Irren (Erzählung)
    Männer unter sich in einer von Männern und für Männer gemachten. Während die Ehefrauen sich zu Hause ihrem Leben als Opfer einer so ausgerichteten Gesellschaft ausgeliefert sehen, tauschen die Männer in Wirtshäusern Meinungen aus, suchen sich dabei selber und stehen immer wieder vor der einen Frage: Wie lebt man weiter nach dem Krieg, wenn plötzlich vorherige Opfer und Täter wieder in einer Gesellschaft zusammenleben müssen?

Abgebrochene Bücher

  1. Anna Brüggemann: Trennungsroman
    «Trennungsroman» handelt von den letzten Tagen einer Beziehung, davon, was wichtig ist in einer solchen und wann es Zeit ist zu gehen. Das Thema klang erst spannend, war dann aber nur ein alltägliches Dahinfliessen der Zeit mit einigen Gedanken und Zweifeln, umgeben von den Anforderungen des Alltags. Die Kapitel sind die verbleibenden Tage rückwärts gezählt, der Countdown läuft, leider fehlt die Spannung, das Ziel zu erreichen.

Ingeborg Bachmann: Unter Mördern und Irren

«Die Männer sind unterwegs zu sich, wenn sie abends beieinander sind, trinken und reden und meinen. Wenn sie zwecklos reden, sind sie auf ihrer eigenen Spur, wenn sie meinen und ihre Meinungen mit dem Rauch aus Pfeifen, Zigaretten und Zigarren aufsteigen und wenn die Welt Rauch und Wahn wird in den Wirtshäusern auf den Dörfern, in den Extrastuben, in den Hinterzimmern der grossen Restaurants und in den Weinkellern der grossen Städte.»

Männer unter sich in einer von Männern und für Männer gemachten Welt. Während die Ehefrauen sich zu Hause ihrem Leben als Opfer einer so ausgerichteten Gesellschaft ausgeliefert sehen, tauschen die Männer in Wirtshäusern Meinungen aus, suchen sich dabei selber und stehen immer wieder vor der einen Frage: Wie lebt man weiter nach dem Krieg, wenn plötzlich vorherige Opfer und Täter wieder in einer Gesellschaft zusammenleben müssen?

«Nach dem Krieg – dies ist die neue Zeitrechnung.»

Das zentrale Thema dieser kurzen Erzählung ist der Umgang mit dem Kriegstrauma, die (Un-?)Möglichkeit seiner Überwindung. Es ist ein Thema, das bei Ingeborg Bachmann immer wieder präsent ist, da es sie auch selber betrifft und ein Leben lang begleiten wird. Wie lebt man in einer Welt nach dem Krieg zusammen, wenn die vormaligen Täter noch immer in Machtpositionen stehen, wenn die ehemaligen Opfer einen Umgang finden müssen mit den Menschen, die ihnen vorher alles genommen haben?

«Mit den Gefühlen des Opfers lagen die Frauen da, mit aufgerissenen Augen in der Dunkelheit, voll Verzweiflung und Bosheit. Sie machten ihre Rechnungen mit der Ehe, den Jahren und dem Wirtschaftsgeld, manipulierten, verfälschten und unterschlugen. Schliesslich schlossen sie die Augen, hängten sich an einen Wachtraum….Und im ersten Traum ermordeten sie ihre Männer, liessen sie sterben.»

Es sind die Männer, die sich diese Fragen stellen, die Frauen liegen zu Hause und sehen sich ebenfalls als Opfer. Sie sind die Opfer in einer Männerwelt, ein Opferdasein, das sich in die Nachkriegszeit hineingeschmuggelt hat und nun in den Köpfen ihr Unwesen treibt. Sie sind die Vergessenen, die Gefangenen zu Hause, während die Männer die Welt diskutieren. Wurden sie oft schon im Krieg verlassen, weil der Mann in den diesen zog und viele davon nicht wiederkamen, sind sie es nun wieder, weil die Männer in den Meinungskrieg ins Wirtshaus ziehen.

«Viel später erst, gegen Morgen, würden wir den Frauen über die feuchten Gesichter streichen im Dunkeln und sie noch einmal beleidigen mit unserem Atem, dem sauren starken Weindunst und Bierdunst, oder hoffen, inständig, dass sie schon schliefen und kein Wort mehr fallen müsse in der Schlafzimmergruft, unserem Gefängnis, in das wir doch jedesmal erschöpft und friedfertig zurückkehrten, als hätten wir ein Ehrenwort gegeben.»

Was für eine traurige Welt, was für eine abgelöschte Sicht auf Beziehungen und das Leben. Und doch wohl nicht so weit von der Wirklichkeit vieler Menschen in der Nachkriegszeit. Der Frieden war trügerisch insofern, als nichts aufgearbeitet wurde. Der Krieg war vor allem in den ersten Jahren kein Thema, es herrschte Schweigen, es wurden sowohl die Untaten der Täter verschwiegen wie auch das oft traumatisierte Weiterleben ohne eine Aufarbeitung von Schuld und Opferstatus. Und in den Menschen schwelte etwas, das nicht raus konnte. Hass, Wut, Unsicherheit, Trauer.

«Sie weinten um ihre ausgefahrenen, ausgerittenen, nie nach Hause kommenden Männer und beweinten endlich sich selber. Sie waren angekommen bei ihren wahrhaftigsten Tränen.»

«Unter Mördern und Irren» erschien 1961 in Ingeborg Bachmanns Erzählband «Das dreissigste Jahr», einem Zyklus von sieben Erzählungen, welche das Leben in der Nachkriegszeit, den Umgang mit den aktuellen Gegebenheiten und den aus dem Krieg resultierenden Traumata behandeln. Der Erzählband wurde eher verhalten aufgenommen bei der Erscheinung, stiess auch auf Kritik, was wohl einerseits dem Umstand geschuldet war, dass man Ingeborg Bachmann in der Poesie verortet hatte und da ihr Talent sah (Marcel Reich-Ranicki sagte im Rahmen seiner Reihe «Lauter schwierige Patienten» über Ingeborg Bachmann, ihr Gesamtwerk bestehe aus zwei Gedichtbänden, sie hätte nie anfangen sollen, Prosa zu schreiben – dem kann hier überhaupt nicht zugestimmt werden), andererseits der Tatsache, dass die Gesprächsbereitschaft über diese Themen noch lange nicht wirklich da war.

Fazit:

Eine gnadenlose Erzählung über den Versuch, mit den traumatischen Kriegserlebnissen nach dem Krieg weiterzuleben – als Mann, als Frau, als Paar und als Gesellschaft. Ganz grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin

Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Ingeborg Bachmann: Malina – eine erste Annährerung

«Seit ich diese Nummer wählen kann, nimmt mein Leben endlich keinen Verlauf mehr, ich gerate nicht mehr unter die Räder, ich komme in keine ausweglosen Schwierigkeiten, nicht mehr vorwärts und nicht vom Weg ab, da ich den Atem anhalte, die Zeit aufhalte und telefoniere und rauche und warte.»

Eine Frau lebt mit einem Mann zusammen, Malina, sie braucht ihn, da er ihr immer wieder den Boden unter die Füsse gibt, sie von der zu leidenschaftlichen, zu gefühlverlorenen, zu selbstvergessenden Ebene in die rationale Lebenswelt zurückholt. Die Frau liebt einen anderen Mann, Ivan, den sie als ihr Leben, als ihren Mittelpunkt, als Sonne ihres Seins begreift. Ohne ihn ist sie nicht, ihr Leben ist ein Warten auf seinen Anruf, ein Hoffen auf seine Zeit, ein Wissen um das Lebensende, wäre er nicht mehr.

«Es ist unmöglich, Ivan etwas von mir zu erzählen. Aber weitermachen, ohne mich ins Spiel zu bringen?»

Die Frau ist ein verwundetes Wesen, viel hat sie erlebt, viel hat sie geprägt. Sie lebt in ihren Ängsten und Unsicherheiten, sucht nach Worten, findet sie nicht, verliert sich in Gefühlen, und sucht den Halt im Aussen, bei Malina, welcher sie ins Leben holt, bei Ivan, welcher sie aus diesem Leben in einen diesem enthobenen Raum führt, wo die eigenen Unzulänglichkeiten durch die Ausrichtung auf ihn in den Hintergrund geraten. Und doch stehen sie immer wieder zwischen ihnen, lassen sich aber nicht in Worte fassen. Die Frau ist ein schreibender Mensch, einer der Worte. Damit etwas ist, muss es dafür Worte geben.

«Kopfsätze haben wir viele, haufenweise, wie die Telefonsätze, die Schachsätze, wie die Sätze über das ganze Leben. Es fehlen uns noch viele Satzgruppen, über Gefühle haben wir noch keinen einzigen Satz, weil Ivan keinen ausspricht, weil ich es nicht wage, den ersten Satz dieser Art zu machen, doch ich denke nach über diese ferne fehlende Satzgruppe, trotz aller guten Sätze, die wir schon machen können.»

Ingeborg Bachmann ist ihren Themen treu geblieben: Liebe, Tod, Angst, Mord – alles kommt vor. Bei „Malina“ handelt es sich um einen Liebesroman, wenn auch keinen im traditionellen Sinn. Generell ist nichts an diesem Roman traditionell. Das fängt bei der Dreierbeziehung an und hört bei der Sprache noch lange nicht auf. Diese ist, wie man es bei Bachmann gewohnt ist aus ihrer Lyrik, einer Suche nach einer neuen Sprache geschuldet, die mit dem bricht, was nicht mehr brauchbar ist durch die Benutzung für das grösste Grauen der Menschengeschichte, welches auf Bachmann einen tiefen und nie verschwindenden, traumatischen Einfluss hatte. Das Unsagbare liegt offen da, indem die Worte einfach ausgespart sind, sich nur aus dem Vorhandenen erahnen lassen – oder aber schlicht nicht greifbar sind, weder für den Autor noch für den Leser.

«Die Gesellschaft ist der allergrösste Mordschauplatz. In der leichtesten Art sind in ihr seit jeher die Keime zu den unglaublichsten Verbrechen gelegt worden, die den Gerichten dieser Welt für immer unbekannt bleiben.»

„Malina“ ist auch ein Buch, welches von Unsicherheiten, Angst und vor allem vom Tod handelt. Bachmanns Bild der Welt als Kriegsschauplatz, als Mörder am Menschen, dringt durch alle Zeilen, spricht aus der ganzen Geschichte heraus, zumal die Frau an sich ein durch diese Welt verletztes Wesen ist.

«Es gibt Worte, es gibt Blicke, die töten können, niemand bemerkt es, alle halten sich an die Fassade, an eine gefärbte Darstellung.»

Die Welt besteht aus viel Schein, aus einer Fassade, hinter der das Wahre verborgen bleibt. Die Frau leidet daran und hält sich aber zum Schutz auch selber verborgen, kann nicht preisgeben, was mit ihr ist, was mit ihr geschehen ist, dass sie wurde, wer sie ist.

Ingeborg Bachmann wurde oft darauf angesprochen, ob «Malina» eine Autobiografie sei. Sie verneinte dies nicht, stellte allerdings klar, dass es sich dabei nicht um eine erzählte Geschichte, sondern um einen geistigen Prozess handle. Dies zeigt sich deutlich in der Bruchstückhaftigkeit des Buches, welches aus einzelnen Szenen und gesuchten Wörtern bestehen. Ingeborg Bachmann ist es gelungen, die individuellen Erfahrungen in paradigmatisch und symbolisch erdichtete Konstellationen zu übertragen.

Während im ersten Kapitel des Buches Ivan eine tragende Rolle spielt, indem sich alles auf ihn ausrichtet, zeigt sich im zweiten Kapitel das erzählende Ich durch seine Träume klar in seiner Verletztheit. Nur durch das Mittel des Traumes war es Ingeborg Bachmann möglich, das noch nachhallende Trauma des Krieges zu thematisieren, die Träume wurden zum Schauplatz der ihr und dem erzählenden Ich innewohnenden Angst.

Im letzten Kapitel übernimmt Malina nach und nach die Oberhand, er steuert das Kapitel durch die Gespräche. Das Ich weicht nach und nach zurück, bis es in der Wand verschwindet.

«Es war Mord.»

Mit diesem Satz endet ein Roman, der eigentlich viel mehr als ein Roman ist, der so viele Ebenen hat, dass sich bei jedem erneuten Lesen eine neue offenbart, der so viele Lücken hat, dass man als Leser in sie fallen, sich in ihnen verlieren, den Anschluss wieder neu suchen muss. Er hat so viel Offenes, das man als Leser füllt. «Malina» ist geprägt durch eine poetische, durch eine mystische Sprache, die nichts einfach klar darlegt, sondern in einer fast lyrischen Form mit den Worten spielt. Worte, Symbole – alles hat eine Bedeutung und danach noch viele über die erste hinausgreifende. Es entsteht ein Netz aus Bezügen innerhalb des Werkes und darüber hinaus ins Leben der Autorin, in andere literarische Werke, zu Aussagen von Philosophen, zu geschichtlichen Ereignissen und gesellschaftsprägenden Mechanismen.

«Malina» ist kein einfacher Roman, es empfielt sich, ihn langsam zu lesen, in Bruchstücken, wie er auch geschrieben steht. Es empfiehlt sich, Pausen zu machen, nachzudenken, nochmals zu lesen. Nur so wird man als Leser wohl dem Roman gerecht. Er ist keine leichte Lektüre für nebenbei, aber eine lohnende.

Fazit:
Ein vielschichtiges, tiefgründiges, weit verzweigtes Werk, welches seine vielen Ebenen erst nach und nach preisgibt. Durch die verschiedenen möglichen Lesarten ein Buch, das man sicher mehrfach lesen kann und sogar sollte. Ganz grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Matthias Jügler: Die Verlassenen

«Schliesslich kam Grossmutter aus dem Wohnzimmer. Sie verlor kein Wort über Vaters Abwesenheit, stattdessen hielt sie eine Tüte Bonbons in der Hand…zum Trost, wie sie sagte. Als ich sie nun sah, die Tüte in der Hand, mitleidig ihr Blick, da begriff ich, dass Vater nicht wiederkommen würde. Ich fing an zu weinen. Viel lieber wollte ich wütend sein, auf Vater, so wütend, wie ich es am Vormittag gewesen war. Aber es klappte nicht.»

Johannes hat schon früh seine Mutter verloren. Als auch noch sein Vater von einem Tag verschwindet, bleibt er bei der Grossmutter zurück. Mit ihm bleiben viele offene Fragen, über die aber nie gesprochen werden kann. Auf diesem unsicheren Boden wächst er zu einem melancholischen, an vielem zweifelnden Mann heran, sucht seinen Platz im Leben und kann sich doch nicht frei einlassen.

„Dann entdeckte ich den Brief, und kaum dass ich ihn gelesen hatte, wusste ich, dass dies der eine Moment war, der alles änderte, nicht nur meine Zukunft, sondern vor allem meine Vergangenheit, beziehungsweise das, was ich dafür gehalten hatte.“

Als er eine Kiste mit Briefen findet, in welcher auch einer an seinen Vater adressiert ist, sieht er plötzlich einen Weg, doch noch zu Antworten zu kommen. Dazu macht er sich auf nach Norwegen, wo er immer tiefere Einsichten in seine Kindheit in der DDR und das, was damals ablief bekommt.

Matthias Jügler erzählt die Geschichte eines Jungen, Johannes, aus dessen Sicht und es gelingt ihm dabei, das Erzählte in Sprache und Denken authentisch und dem Alter entsprechend zu halten. Trotz der tragischen und Johannes erschütternden Umstände verfällt die Erzählung nie in eine zu melancholische Stimmung, das Beibehalten einer Sachlichkeit und Distanz sind die dem Verhalten von Johannes entsprechend Form. Sie bringen es aber auch mit sich, dass es nicht möglich ist, dem Protagonisten und seinem Fühlen wirklich nahe zu kommen. Man bleibt als Leser der Betrachter von aussen, so wie es wohl im wirklichen Leben bei einem Treffen mit Johannes auch gewesen wäre.

So begleitet man Johannes durch seine Kindheit, Jugend hinein ins Erwachsenenalter, sieht ihn eine Familie gründen, doch etwas bleibt immer präsent: Die Erinnerung an die Vergangenheit, die Ungewissheit, was wirklich war damals und die Unsicherheit im Leben und in seinem Sein, die daraus entstanden ist. Das Finden des Briefes erscheint da wie ein Weckruf aus einem Schlafzustand. Endlich schreitet er zur Tat, endlich zeigt er den Willen, den Dingen auf den Grund zu gehen.

„Die Verlassenen“ ist ein Buch ohne grosse Ereignisse, ohne laute Töne, ohne eindringliche Bilder. Leise und sanft fliesst die Erzählung dahin und nimmt den Leser mit auf eine Reise ins Ungewisse. Was dann ans Licht kommt, hätte man zwar bei dem Setting erahnen können, und doch liegt es nicht so offen da, dass das Weiterlesen sich erübrigen würde.

Eine durch und durch gelungene Erzählung, in welcher der Autor es versteht, Inhalt und Form in ein stimmiges Ganzes zu verweben und den Leser durch eine unterschwellige Melancholie zu berühren, die nie zu abgrundtief wird, dass sie bedrückt.

Fazit:
Ein Buch der leisen Töne, die Lebensgeschichte eines Jungen, der zu früh von den nächsten Menschen verlassen wird, dabei das Vertrauen verliert, und erst zu sich selber findet, als er sein Leben selber in die Hand nimmt und Antworten auf seine offenen Fragen sucht. Grosse Empfehlung!

Bewertung:
4***/5 – vier von fünf Sternen

Zum Autor
Matthias Jügler, geboren 1984 in Halle/Saale, studierte Skandinavistik und Kunstgeschichte in Greifswald sowie Oslo und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für seinen Debütroman »Raubfischen« (2015) erhielt er eine Reihe von Auszeichnungen. Er lebt mit seiner Familie in Leipzig, wo er auch als freier Lektor arbeitet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 176
Verlag: Penguin Verlag; Originalausgabe Edition (1. März 2021)
ISBN: 978-3328601616
Preis: EUR 18 / CHF 27.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Robert Walser (15. April 1878 – 25. Dez. 1956)

Robert Otto Walser wird am 15. April 1878 in Biel geboren, wo er auch die Schule besucht, bis er diese wegen Geldnot der Familie abbrechen muss. Er hängt sehr an seiner Mutter, so dass ihr Tod 1894 ein schwerer Schlag für ihn ist. Nach einer Banklehre verlässt der theaterbegeisterte Walser die Schweiz und zieht (wie vor ihm schon sein Bruder Karl) nach Stuttgart, wo er sich neben seinem Brotjob erfolglos als Schauspieler versucht. Schon ein Jahr später bricht er auch in Stuttgart wieder seine Zelte ab und wandert zu Fuss zurück in die Schweiz, wo er sich in Zürich niederlässt. Er hält sich da mit verschiedenen Bürostellen über Wasser, was er später in seiner Literatur immer wieder als Motiv verwendet.

1898 erscheinen die ersten Gedichte in der Zeitung, welche Aufmerksamkeit auf sich ziehen und ihm weitere Publikationsmöglichkeiten eröffnen. 1904 erscheint mit «Fritz Kochers Aufsätze» Walsers erstes Buch, 1908 der Roman «Der Gehülf», 1909 «Jakob von Gunten. In seinen Werken verarbeitet er immer wieder Stationen seines Lebens, so ist die Figur des Dieners, welche in vielen seiner Bücher eine Rolle spielt, auf seine eigene Ausbildung zum Diener zurückzuführen.

1906 zieht Walser nach Berlin, wo er 1907 «Geschwister Tanner» veröffentlicht, einen Roman, den er in gerade mal sechs Wochen geschrieben hatte. Durch seine Romane und die parallel dazu erscheinenden Prosastücke, welche in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften publiziert werden, etabliert sich Walser bald schon im Literaturbetrieb der damaligen Zeit, namhafte Schriftsteller wie Hesse oder Kafka nennen ihn ihren Lieblingsschriftsteller und auch andere grosse Namen preisen sein Werk. Trotzdem bleibt er zu Lebzeiten dem breiten Publikum unbekannt, obwohl schon zu Lebzeiten eine dreibändige Werkausgabe erscheint, etwas, das vielen Schriftstellern zu Lebzeiten nicht zuteil wird.

Wie immer

Die Lampe ist noch da,
der Tisch ist auch noch da,
und ich bin noch im Zimmer,
und meine Sehnsucht, ah,
seufzt noch wie immer.

Feigheit, bist du noch da?
und, Lüge, auch du?
Ich hör’ ein dunkles Ja:
das Unglück ist noch da,
und ich bin noch im Zimmer
wie immer.
(1909)

1913 zieht Robert Walser in die Schweiz zurück. Trotz vieler Erfolge reicht das Geld kaum zum Leben. Es folgen viele Umzüge, aus der finanziellen Not heraus muss er auch eine Anstellung annehmen. Daneben schreibt er unentwegt weiter und unternimmt zudem ausgedehnte Fussmärsche.

„Der Mensch ist ein feinfühliges Wesen. Er hat nur zwei Beine, aber ein Herz, worin sich ein Heer von Gedanken und Empfindungen wohlgefällt. Man könnte den Menschen mit einem wohlangelegten Lustgarten vergleichen.“

Es fällt auf, dass in Robert Walsers Familie psychische Krankheiten gehäuft auftreten. Schon die Mutter ist an einer gestorben, ebenso stirbt sein Bruder Ernst 1916 in einer Heilanstalt, der Bruder Hermann nimmt sich das Leben. Der Krieg tut das Seine dazu, Robert Walser lebt mehr und mehr isoliert und wird zudem von Angstzuständen und Halluzinationen heimgesucht. Das alles führt schliesslich zu einem psychischen Zusammenbruch und in der Folge 1929 zur Einweisung in eine Heilanstalt in Bern.  

Nach einer zeitweiligen Verbesserung seines Zustandes beginnt Walser wieder mit dem Schreiben, allerdings in viel geringerem Ausmass als früher. Auffällig ist dabei seine Methode: Mit Bleistift und in immer kleiner werdenden Buchstaben füllt er Unmengen von Blättern mit Gedichten und Prosawerken. Am Schluss messen die einzelnen Buchstaben kaum mehr als einen Millimeter.

„Die Erfolglosigkeit ist eine bitterböse, gefährliche Schlange. Sie versucht, unbarmherzig das Echte und Originelle im Künstler abzuwürgen.“

Der Schreibfluss endet 1933 nach seiner gegen seinen Willen erfolgten Verlegung in eine andere Heilanstalt nach Herisau. Ein weiterer Grund für das Versiegen desselben dürfte auch der durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht mehr vorhandene Absatzmarkt sein. Robert Walser verbringt im Folgenden die Zeit mit den üblichen Arbeiten im Heim sowie mit Lesen und ausgedehnten Spaziergängen.

«Spazieren muss ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten.»

Auch als er eigentlich als gesund gilt, will er die Anstalt nicht verlassen, es scheint, er hat hier ein Zuhause gefunden, wie er es lange nicht gekannt hat.

Der Schnee

Der Schnee fällt nicht hinauf
sondern nimmt seinen Lauf
hinab und bleibt hier liegen,
noch nie ist er gestiegen.

Er ist in jeder Weise
in seinem Wesen leise,
von Lautheit nicht die kleinste Spur.
Glichest doch du ihm nur.

Das Ruhen und das Warten
sind seiner üb’raus zarten
Eigenheit eigen,
er lebt im Sichhinunterneigen.

Nie kehrt er je dorthin zurück,
von wo er niederfiel,
er geht nicht, hat kein Ziel,
das Stillsein ist sein Glück.

Robert Walser stirbt 1956 auf einer Wanderung an einem Herzschlag. Es existieren Fotos vom Verstorbenen, wie er im Schnee liegt, welche in einer fast unheimlich zu nennenden Weise an den toten Dichter Sebastian aus Walsers erstem Roman «Geschwister Tanner» erinnern. Als Schriftsteller ist Robert Walser aber schon etwa 30 Jahre vorher verstummt, so lange liegt sein letztes Werk zurück.

Zu philosophisch

Wie geisterhaft im Sinken
Und Steigen ist mein Leben.
Stets seh‘ ich mich mir winken,
dem Winkendem entschweben.

Ich seh‘ mich als Gelächter,
als tiefe Trauer wieder,
als wilden Redeflechter;
doch alles dies sinkt nieder.

Und ist zu allen Zeiten
wohl niemals recht gewesen.
Ich bin vergessne Weiten
Zu wandern auserlesen.

Ein früher erschienenes Porträt findet sich HIER

Robert-Walser-Pfad

Wer sich Robert Walsers Lebensweg sprichwörtlich erlaufen möchte, kann dies auf dem Robert-Walser-Pfad in Herisau tun. Auf einer Strecke von 7.9 km finden sich immer wieder Tafeln mit Zitaten und Einblicken in sein Werk.

Link zum Robert-Walser-Pfad

Ausgewählte Werke

  • 1904 Fritz Kochers Aufsätze
  • 1907 Geschwister Tanner
  • 1908 Der Gehülfe
  • 1909 Jakob von Gunten
  • 1915 Kleine Dichtungen
  • 1917 Kleine Prosa
  • 1917 Der Spaziergang
  • 1917 Poetenleben

Ingeborg Bachmann: Der gute Gott von Manhattan

Jan und Jennifer treffen sich zufällig am Bahnhof von New York. Nach anfänglichem Desinteresse von Jan beschliessen die beiden, essen zu gehen und beziehen später ein schäbiges Zimmer in einem Stundenhotel. Da Jan am nächsten Tag mit dem Schiff nach Europa fahren will, ist klar, dass diese Begegnung sich auf eine Nacht beschränken wird.

Als Jan am nächsten Morgen erfährt, dass sein Platz auf dem Schiff nicht sicher ist, beschliesst er, länger zu bleiben. War Jan am Abend zuvor noch eher kalt und abweisend zu Jennifer, entwickeln sich nun Gefühle, eine Liebe wächst heran.

«Sie gaben einem Verlangen, das von der Schöpfung nicht so gedacht sein kann, mit einer Laune nach, die ernsthafter war als jeder Ernst, und schwuren sich Gegenwart und sonst nichts, mit jedem Blick, jedem heftigen Atemzug und jedem Griff in das hinfälligste Material der Welt, dieses Fleisch, das vor Traurigkeit bitter schmeckte und in dem sie gefangen lagen, verurteilt zu lebenslänglich.»

Damit passiert genau das, was der gute Gott von Manhattan vermeiden will: Romantische Liebe hat in einer bürgerlichen Gesellschaft keinen Platz, sie bringt höchstens Unruhe und Verderben mit sich. Deswegen hat er es sich zur Aufgabe gemacht, diese Liebe auszulöschen, indem er die davon Betroffenen in die Luft sprengt.

„Jetzt war die Gefahr in Verzug, ich witterte, dass es wieder einmal angefangen hatte. Von diesem Augenblick an erst machte ich mich an die Verfolgung.“

Auch Jennifer wird dieses Schicksal erreichen, weswegen sich der gute Gott von Manhattan vor einem Richter verantworten muss.

«Ich glaube, dass die Liebe auf der Nachtseite der Welt ist, verderblicher als jedes Verbrechen, als alle Ketzereien.»

„Der gute Gott von Manhattan“ war Ingeborg Bachmanns fünftes veröffentlichtes Hörspiel, eine damals noch junge Gattung. Es ist ihr damit gelungen, die bürgerliche Ordnung als Gegenspieler menschlicher Figuren zu präsentieren, wobei die Ordnung durch den guten Gott von Manhattan als moralische Instanz verkörpert wird. Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, in dieser Stadt für Ordnung zu sorgen, indem er die lauernden Gefahren sieht und auslöscht.

Die Moral findet sich im Gespräch mit dem Gesetz, verkörpert durch den Richter. Beide beleuchten die Geschichte zwischen Jennifer und Jan, welche einerseits eine sich entwickelnde Liebesgeschichte darstellt, andererseits aber auch verschiedene weitere Ebenen in sich trägt wie die Geschlechterverhältnisse zwischen Mann und Frau allgemein als auch die persönlichen Erfahrungen Ingeborg Bachmanns mit Männern einschliesslich ihrer Haltung diesen gegenüber, indem sie sich einerseits als ehrgeizige Künstlerin in einer damals noch männlich dominierten Welt behaupten will, andererseits sich aber Männern durchaus auch unterordnet und diese durch ihre fast schon Unterwerfung zu nennende Haltung zum Vorbild nimmt.

Das Thema der utopischen Liebe ist zudem gerade in ihrem Frühwerk oft zu finden. Neben „Briefe an Felician“, in welchen die Briefeschreiberin einen fiktiven Geliebten von ihrer euphorischen Liebe schreibt, behandeln auch viele von Bachmanns Gedichten diesen Topos.

Es finden sich in dem Stück die verschiedensten Bezüge, sowohl auf zeitgenössische Verbrechen, als auch auf die nordische Mythologie sowie die Welt der Märchen. Durch diverse literarische Verweise wird das Stück zudem in der Literaturgeschichte verankert und vernetzt.

Rezeption
Als das Hörspiel am 29. Mai 1958 gesendet wurde, stiess es bei den Kritikern mehrheitlich auf Unverständnis. Man bemängelte die teilweise unverständliche, zu lyrische Sprache, empfand die Figuren der Eichhörnchen als zu weit hergeholt, den guten Gott in seiner Argumentation zu wenig nachvollziehbar. Trotzdem wurde das Hörspiel 1959 mit dem rennomierten Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet, auch wenn sogar bei dieser Vergabe Zweifel im Raum standen, ob das doch sehr komplexe Werk, welches erst nach mehrfachem Hören – wenn überhaupt – verständlich sei, überhaupt noch zur Kategorie „Hörspiel“ zu zählen sei.

Die Diskussionen um das Werk rissen auch über die Jahre nicht ab, 1983 betitelte es der Österreichische Rundfunk als „bestes Hörspiel der Welt“, während andere Stimmen noch immer eine zu pessimistische Weltsicht und zu grosse Verzweiflung in einer zu komplexen Form und Struktur bemängelten. Bei der Sprache war man sich zwar mehrheitlich einig, dass diese Ausdruck von „Reichtum und Magie“ sei, was aber gerade bei einem Hörspiel auch zu Schwierigkeiten führen kann. Klar war aber das Eine: Ingeborg Bachmann war mit diesem Hörspiel etwas Neues gelungen, das sich vom bisher Dagewesenen abhebt.

„Der gute Gott von Manhattan“ wurde 1977 fürs Fernsehen verfilmt.

Fazit:
Ein vielschichtiges, tiefgründiges, weit verzweigtes Werk, welches seine vielen Ebenen erst nach und nach preisgibt. Durch die verschiedenen möglichen Lesarten ein Buch, das man sicher mehrfach lesen kann und sogar sollte. Sehr empfehlenswert!

Zur Autorin
Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

5 Inspirationen – Woche 14

Es war eine kurze Woche durch das Osterwochenende. Ich war sehr vertieft in mein neues Projekt und merkte, wie viel Spass es mir macht, mich endlich mal wieder in die Tiefe zu begeben, zu wühlen, zu forschen. Einmal Wissenschaftler, immer Wissenschaftler wohl… die Leidenschaft am Stöbern ist ungebrochen und sie hat diese Woche mit viel Energie befeuert. Es bleibt nicht aus, dass dabei so einiges auf der Strecke blieb – aber ich habe schlussendlich alles noch reingepackt. Auch reingepackt habe ich die erste von zwei Impfungen gegen (für/wegen?) Corona… der Arm schmerzte am ersten Tag doch ziemlich, ein Ponstan später war besser, der zweite Tag war noch spürbar, aber ich bin ja hart im Nehmen. Oder so. Oder aber der Zahnarzttermin gleich am nächsten Tag hat die Aufmerksamkeit schlicht abgezogen.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ich hörte den FAZ Bücher-Podcast mit Helga Schubert. Mit 80 Jahren gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis und hat nach nun 60 Jahren des Schreibens noch mehr Mut gefasst, Neues zu versuchen. Was sicher bleibt, so Schubert, ist das Schreiben an sich, sei es doch ihre Art des Ausdrucks. Die Frau hat mich in ihrer Lebensfreude, in ihrer Erzählenergie, in ihrem Mut und Witz, ihrem Umgang auch mit schwierigen Themen sehr beeindruckt.
  • Eine eMail von brainpickings in meiner Inbox hat mich dazu gebracht, wieder einmal meinen Gedichtband von Emily Dickinsen hervorzuholen und darin zu lesen. Sie hat es wohl wie keine andere geschafft, die Natur in klingende Bilder zu verpacken. In fast immer gleichem Rhythmus singt sie ihre kleinen Lieder. Hier das Gedicht:

A Light exists in Spring
Not present on the Year
At any other period —
When March is scarcely here

A Color stands abroad
On Solitary Fields
That Science cannot overtake
But Human Nature feels.

It waits upon the Lawn,
It shows the furthest Tree
Upon the furthest Slope you know
It almost speaks to you.

Then as Horizons step
Or Noons report away
Without the Formula of sound
It passes and we stay —

A quality of loss
Affecting our Content
As Trade had suddenly encroached
Upon a Sacrament.

  • Ich schaute im Fernsehen die Verfilmung von Ferdinand Schirachs «Schuld». Schirach zeigt auf eindrückliche Weise, wie schwer es ab und an ist, Schuld von Unschuld zu trennen, ein Urteil zu fällen. Die Verfilmung wie das Buch kann ich nur ans Herz legen, beide laden – wie bei Ferdinand von Schirach üblich – zum Nachdenken ein.
  •  Es gab Zeiten, da hatte ich einen hohen Anspruch an mein Zeichnen und Malen. Und ich setzte mich selber unter Druck. Als Kind spielte ich Klavier und hörte ständig, ich müsste mehr üben. Und verlor die Freude. Irgendwann kaufte ich mir ein Keyboard, das machte unsinnig Spass, doch es erfüllte keinen Anspruch. Ich verkaufte es und ersetzte es durch ein Klavier. Der Spass war raus und es stand bis zum Wiederverkauf rum. Kürzlich setzte ich mich hin und fing an, Mandalas zu zeichnen. Grund? Mir war grad danach. Dann setzte ich mich an mein Keyboard (ich hatte mir in Erinnerung an die frühere Freude eines angeschafft, ohne Anspruch auf irgendwas). Und ich sass da und spielte und freute mich. Wohl länger als gezwungen je geschafft. Und ich merkte: Es gibt im Leben sicher Dinge, die man muss. Wo es aber keinen Grund für einen Zwang gibt, bringt ein solcher gar nichts ausser den Verlust an jeglicher Lust und Freude. Ich geniesse es, einen Ausgleich zu haben beim Zeichnen und beim Klimpern (Musik möchte ich das gar nicht nennen). Ein freudvoller Ausgleich tut gut – und was ich lange vernachlässigte: Er raubt keine Zeit, er bringt neue Energie. Nicht alles muss einem Anspruch genügen.
  • Und irgendwie in Anlehnung daran, hier mein fünfter Punkt: Ich lass mal fünfe grad sein. Es könnten auch mal vier Punkte sein, wieso müssen es fünf sein? Zwar habe ich damit nun einen fünften und sogar einen, den ich für ganz wichtig erachte… aber die Botschaft dahinter liegt mir am Herzen: Wie oft setzen wir uns selber unter Druck? Wie oft wollen wir etwas/jemandem genügen? Wie oft gehen wir sogar über unsere Grenzen, um dies zu tun? Wozu?

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds

«Zu oft hatte sie nur Urlaub im Leben anderer Menschen gemacht, zu oft waren sie gegangen, als es schwierig wurde, zu oft hatte sich Ellen wie ein Kugelschreiber aus einem Hotelzimmer gefühlt, den man irrtümlich einsteckt. […] Ellens Herz lechzte nach Heimat.»

In ihrer Kindheit zieht Ellen mit ihrer Mutter einige Male um, irgendwann auch auf die Halligen, wo sie von Anfang an das Gefühl hat, angekommen, zu Hause zu sein. Leider bleiben sie und ihre Mutter auch da nicht lange. Als Ellen nach über 20 Jahren auf die Halligen zurückkehrt, hofft sie, die Heimat wieder zu finden, die sie als Kind verlassen musste. Sie hofft ebenfalls, mit Liske, welche damals für ein paar Monate wie eine Schwester war, wieder an dem Punkt weiter zu machen, an dem sie damals aufhörten. Liske ist wenig erfreut über ihr Kommen, und auch die Integration in die Gemeinde ist nicht einfach. Doch Ellen will an ihrem Traum festhalten.

„Was, wenn mir das Leben eines Halligbauern nicht genügte? Was, wenn die Hallig zu klein für einen wie mich war? Der Tod des Vaters war gleichsam der erste Schritt auf dem Weg in ein anderes Leben, mit dem Tod der Mutter kam ein zweiter hinzu, und am Ende dieses Weges stand Pastor Danjel. Ein Mann, der mein Lehrer sein wollte, mein Wissen mehren, einen Menschen aus mir machen. Ich wer gerne auf ihn zugelaufen. Doch da war noch Hendrik.“

Arjen Martenson wächst mit seinem Bruder Hendrik auf den Halligen auf, bis zuerst der Vater, dann die Mutter stirbt. Ein Pfarrer kümmert sich um ihn, will ihn mitnehmen nach Husum und ihm eine Ausbildung ermöglichen. Arjen zweifelt, sieht sich in der Verantwortung für seinen Bruder. Schliesslich stimmt er zu. Später kehrt Arjen mit seiner Frau, der Pastorentochter, als Lehrer zurück nach Halligen, um die Kinder dort zu unterrichten. Er muss erleben, dass sein Bruder ihm übel nimmt, dass er ihn als Kind zurückgelassen hat, nichts mit ihm zu tun haben will.

Klara Jahn erzählt zwei Lebensgeschichten in zwei unterschiedlichen Zeiten. Mehr noch aber erzählt sie die Geschichte der Halligen, beschreibt die Natur und die Landschaft mit all ihren Eigenheiten, Schönheiten, mit den Menschen, die da leben und welche durch die Natur geprägt sind. Neben diesem wunderschön beschriebenen Landschaftsbild bleiben die Figuren des Romans eher blass, sind schwer fassbar. Zwar widerspiegelt das durchaus ihr Naturell, doch bleibt man als Leser dadurch immer aussen vor, fällt es nicht leicht, wirklich in die Geschichten einzutauchen.

Zwar gibt es durchaus eine Verbindung zwischen den Erzählsträngen, doch käme jede der beiden Geschichten auch unabhängig von der anderen aus, so dass sich der Zweck dieses Vorgehens mit der Verknüpfung zweier Erzählebenen nicht ganz erschliesst. Die beiden Geschichten wechseln sich kapitelweise ab, es ist immer klar ersichtlich, in welcher Geschichte man sich gerade befindet, was das Lesen einfach macht. Dadurch, dass man nie wirklich tief in einen Strang hineinkommt, fällt auch der Wechsel nicht schwer. Doch bleibt ein unbefriedigendes Gefühl zurück.

Unterm Strich lässt sich sagen, dass es Klara Jahn gelungen ist, die Stimmung eines Ortes einzufangen und bildhaft zu beschrieben. Menschen, die einen Zugang zu dieser Landschaft haben, werden sich im Buch sicher heimisch fühlen. Die Figuren lassen es leider nicht zu, sich mit ihnen in einer Weise zu identifizieren, um auf diese Weise in die Geschichten hineinzufinden. So bleiben beide auch eher Beschreibungen von Lebensumständen, denen man als Leser von aussen zuschaut.

Fazit:
Das Leben auf den Halligen anhand von zwei Lebensgeschichten erzählt – Bildhaft beschriebenes Setting mit eher blassen Figuren. Für Leser, welche die Gegend mögen, eine gut lesbare und sicher interessante Geschichte!

Bewertung:
3***/5 – drei von fünf Sternen

Zur Autorin
Klara Jahn ist das Pseudonym einer bekannten Bestsellerautorin. Die Historikerin liebt es, große Geschichten zu erzählen und dabei tief in die Geschichte der Orte und Menschen einzutauchen. Dabei lässt sie sich von ihrer Liebe zur Natur und ihrer Faszination für raue Landschaften leiten. Bei Heyne wagt sie sich zum ersten Mal in den deutschen Norden vor, dessen herbe Schönheit sie seit Jahren begeistert. Die gebürtige Österreicherin und Mutter einer Tochter lebt seit 2001 in Frankfurt am Main.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400
Verlag: Heyne Verlag (8. März 2021)
ISBN: 978-3453273139
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Thommie Bayer: Das Glück meiner Mutter

«Ich wollte nicht mehr. Das immer gleiche Spiel von Anziehung und Abwehr, Verschmelzung und Selbsterhalt schien mir aus der neu gewonnenen Distanz auf einmal öde und vorhersehbar, alles lief auf Abnutzung und Missverstehen hinaus, als könne es Liebe zwischen zwei Menschen nur in Phasen geben, nach deren Ablauf man sich die eigene Ernüchterung so lange nicht eingestand, bis ein äusseres Ereignis, eine neue Verliebtheit, ein Job in einer anderen Stadt oder ein irreversibel verletzender Streit für klare Verhältnisse sorgte.“

Der Drehbuchautor Philip Dorn, ein alleinstehender Mann in den mittleren Jahren, der sich nach dem Scheitern seiner letzten Beziehung in seinem Leben allein eingerichtet hat, beschliesst, sich sein Traumauto, einen Mini, zu kaufen und damit in die Toskana zu fahren. Beim Dahingleiten auf den Strassen, erinnert er sich an seine Kindheit, an seine Beziehung zu seinen Eltern, vor allem die zu seiner Mutter, und an seine gescheiterte Beziehung zu Bettina.

„Wenn das Auge immer neue Bilder erfasst, kommt Luft ins Gehirn und die inneren Regale werden abgestaubt.“

Italien erscheint ihm als Paradies, das Freisein von Verpflichtungen und die Abgeschiedenheit von anderen Menschen eröffnet ihm die Möglichkeit, sein bisheriges Leben und seine eigene Rolle darin zu beleuchten – bis eines Nachts eine nackte Frau in seinem Pool schwimmt, die seine Aufmerksamkeit weckt. Zuerst beobachtet er sie nur fasziniert aus dem Versteckten, in bald darauf folgenden Gesprächen findet Philip Dorn weitere Antworten auf seine höchstpersönlichen Fragen.

Thommie Bayer legt uns eine warmherzige Geschichte vor, welche ohne grosse Höhen und Tiefen in ihren Bann zieht und das Herz erwärmt. Der Protagonist eröffnet durch sein eigenes Nachdenken – erzählt in einem inneren Monolog – Denkräume, in welche auch der Leser eintreten kann. Er lässt die verschiedenen Etappen seines Lebens Revue passieren, sinniert über seine Beziehung zu seinen Eltern, vor allem seiner Mutter, über verpasste Gelegenheiten, Hoffnungen, Erwartungen und auch das Glück.

„Das muss das Alter sein, dachte ich, wenn dir auf einmal klar wird, dass das Beste, was dir passieren kann, die Aussicht ist, dass alles so bleibt, wie es ist, dass dich keine Krankheit niederwirft, niemand an dir ein Verbrechen verübt, Siechtum und Tod dich möglichst lange nicht erwischen – wird Zeit, zu begreifen, dass du glücklich bist.“

„Das Glück meiner Mutter“ ist ein Buch mit leisen Tönen, das berührt und bewegt, ein Buch mit Spuren von Wehmut, aber auch Hoffnung, Einsicht und Dankbarkeit. Es ist der Versuch, herauszufinden, was Glück ist und die Frage danach, ob die anderen Menschen im eigenen Umfeld glücklich gewesen sind – und ob und wie man selber dazu beitragen oder im Weg stehen kann.

Die Geschichte ist vielleicht etwas einfach gestrickt, gewisse Dinge, liegen, wenn auch nicht ausgesprochen, in greifbarer Nähe, sind eventuell auch etwas zu konstruiert, doch tut dies dem Gefühl, das dieses Buch beim Lesen hinterlässt, keinen Abbruch. Es ist ein wunderbares Buch, das leider viel zu schnell endet, einen aber auch dann noch nicht gleich loslässt.

Fazit:
Lebenserinnerungen in eine Reise verpackt, ein Buch mit leisen Tönen, das berührt und bewegt, ein Buch mit Spuren von Wehmut, aber auch Hoffnung, Einsicht und Dankbarkeit. Ein wunderbares Buch und eine grosse Empfehlung!

Bewertung:
5****/5 – fünf von fünf Sternen

Zum Autor
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er begann, Drehbücher und später Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück, Die kurzen und die langen Jahre sowie Weisser Zug nach Süden.

Ein Interview mit dem Autoren findet sich HIER

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224
Verlag: Piper; 1. Edition (15. März 2021)
ISBN: 978-3492057264
Preis: EUR 22 / CHF 29.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Bücher 2021 – März

Gelesene Bücher

  1. Patricia Highsmith: Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt
    Patricia Highsmith beschreibt auf eine sehr offene und persönliche Art ihre Herangehensweise ans Schreiben. Sie beleuchtet den Schreibprozess mit allen Höhen und Tiefen, mit den wichtigen Zutaten wie Disziplin, Emotion, Freude und Spass am Schreiben. Sie zeigt die Schwierigkeiten des Daseins als Schriftsteller sowie auch dessen schönen Seiten. Ein Buch, das genauso viel über Patricia Highsmith selber aussagt wie über ihr Schreiben und ein Bild von einer am Boden gebliebenen, authentischen und äusserst sympathischen Frau zeichnet.
  2. Ilka Piepgras (Hrsg.): Schreibtisch mit Aussicht
    Das Buch umfasst 24 Texte von Schriftstellerinnen, in welchen diese offenlegen, was Schreiben für sie bedeutet, wie ihr Schreiballtag aussieht, womit sie kämpfen, worüber sie sich freuen und wo sie ihre Kraft herholen. Entstanden ist ein offenes und ehrliches Buch, das von Ängsten und Nöten spricht, vom Spagat zwischen Familie und Schreibtisch, von Schuldgefühlen und Zweifeln.
  3. Bernhard Schlink: Sommerlügen
    Bernhard Schlink geht den menschlichen Beziehungen nach, erzählt sieben Geschichten von Menschen, die lieben, geliebt werden, geliebt haben, mit der Liebe hadern oder sich mit ihr arrangiert haben. Er erzählt von den Schwierigkeiten des Anfangens mit all seinen Ängsten und Zweifeln, von den Herausforderungen des Beziehungsalltags und auch von den Komplikationen, wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Wünschen und Zielen aufeinandertreffen.
  4. Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker
    Richard David Precht zeichnet ein sehr realistisches Bild der aktuellen Situation, der vierten industriellen Revolution, welche in vollem Gange mit noch offenem Ausgang ist. Er ruft dazu auf, sich nicht hinter Fortschrittglauben und Ängsten zu verstecken, sondern aktiv die Idee einer wünschenswerten Welt zu schaffen, in welcher Maschinen nicht zur Optimierung oder zum Ersatz von Menschen werden, sondern diese unterstützen.
  5. Lily King: Writers & Lovers
    Lily King schreibt mit viel Feingefühl, aber auch mit der nötigen Leichtigkeit und Humor die Geschichte einer verletzlichen und doch mutigen jungen Frau, die sich ihrer Vergangenheit, ihren Ängsten und Selbstzweifeln stellen muss, um den eigenen Weg als Schriftstellerin zu gehen. Obwohl die Lebensgeschichte von Casey durchaus mit vielen Tiefen und Schwierigkeiten gepflastert ist, wird das Buch nie schwermütig, nie erdrückend, sondern schafft es, immer wieder auch eine Spur Hoffnung zu bewahren. Entstanden ist ein wunderbar menschliches Buch über eine junge Frau, die trotz allen Hindernissen an ihre Träume glaubt und diese verfolgt.
  6. Ingrid Noll: Hab und Gier
    Ein reicher Witwer bittet seine ehemalige Arbeitskollegin Karla um Hilfe bei seinem eigenen Tod, im Gegenzug soll sie sein Vermögen erben. Da Karla nicht alles alleine regeln kann, sucht sie sich eine Komplizin, welche wiederum einen Kleinkriminellen mit ins Boot holt. Eine WG, bei der nächste Tote nur eine Frage der Zeit ist. Eine rabenschwarze Komödie, die von der ersten bis zur letzten Seite Lesespass bietet.
  7. Peter Bieri: Wie wollen wir leben?
    Peter Bieri gelingt in diesem dünnen Band ein Bogen von der Frage nach dem Ich aus sich selber heraus, dessen Auseinandersetzung mit dem Du hin zur Identitätsbildung in Abhängigkeit von der umgebenden Kultur. Dabei arbeitet er mit einer klar verständlichen Sprache, einer logischen Abfolge von Begriffen, die sich schlüssig auseinander entwickeln, und zeichnet so einen Weg auf, das Ich als der, der man sein möchte, zu erkennen, zu verstehen, umzusetzen.
  8. Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten
    Ferdinand von Schirach hat mit „Kaffee und Zigaretten“ sein wohl persönlichstes Buch geschrieben. In 48 Kapiteln, jedes eine knappe Zigarette oder einen Kaffee lang, erinnert er sich an Geschichten aus seinem Leben, wirft dem Leser kleine Informationshäppchen zu, die dieser zur Kenntnis nehmen oder zum Anstoss weiteren Nachdenkens machen kann, oder er lässt uns an den unterschiedlichsten Beobachtungen und Gedanken teilhaben.
  9. Katja Kulin: Der andere Mann
    Anlässlich einer Reise nach Amerika lernt Simone de Beauvoir den Schriftsteller Nelson Algren kennen, der sie ein wenig durch die Stadt führen soll. Die gegenseitige Anziehung lässt die Stadtbesichtigung in Algrens Wohnung enden, nach einer leidenschaftlichen Nacht heisst es jedoch schon wieder Abschied nehmen. Doch es sollte keine Affäre bleiben.
  10. Ferdinand von Schirach: Gott: Ein Theaterstück
    Ferdinand von Schirach beleuchtet in seinem Buch „Gott“ die Frage, wem das Leben gehört, von verschiedenen Standpunkten, wobei er für jeden davon überzeugende Argumente liefert. Verschiedene Sachverständige werden nach ihrer Meinung befragt und diese wird in der Folge hinterfragt. Als Leser tritt man automatisch in diesen Dialog ein.
  11. Volker Hage: Kritik für Leser
    Ein Überblick über die verschiedenen Arten, sich als Journalist/Autor mit Literatur zu beschäftigen mit Beispielen aus der jahrzehntelangen eigenen Praxis von Volker Hage.
  12. Marcel Reich-Ranicki: Über Literaturkritik
    Deutschland blickt auf eine lange Tradition der Literaturkritik zurück, schon 1750 versuchte sich Lessing daran. Ebenso lang hält die Diskussion um die Literaturkritik an, darüber, ob sie überhaupt nötig und ob nicht jeder Kritiker ein frustrierter Scheiterer im eigenen Schreiben sei, der es nun den Erfolgreichen Schriftstellern heimzahlen möchte. Was soll Kritik, welche Aufgabe hat sie? Dieser Frage geht Marcel Reich-Ranicki in diesem kleinen Bändchen nach.
  13. Isabel Bogdan: Laufen
    Durch den Verlust ihres Lebenspartners aus der Bahn des Lebens geworfen, fängt sie zu laufen an und lässt neben den Füssen auch die Gedanken laufen. In einem endlosen inneren Monolog erzählt sie sich von ihrem Verlust, von ihren Gefühlen, von ihrer Verzweiflungen, immer wieder unterbrochen durch die eigene Aufforderung, die Gedanken zu stoppen, im Körper zu bleiben, auf das eigene Atmen zu achten – und um dann wieder weiter in den Fluss der Gedanken einzutauchen.
  14. Felix Kucher: Sie haben mich nicht gekriegt
    Der Roman verbindet zwei Frauenschicksale, welche sich eigenständig und mit grossem Willen gegen die politische Unterdrückung damaliger Zeit auflehnen. Im schnellen Wechsel blendet Felix Kucher zwischen den beiden Erzählsträngen hin und her, verbunden werden die Übergänge oft durch ähnliche Worte, welche eine sprachliche Verbindung zwischen den einzelnen Lebenswegen symbolisieren. „Sie haben mich nicht gekriegt“ ist ein Zeugnis davon, dass man auch unter den widrigsten Umständen für seine Überzeugungen und Wünsche einstehen muss und kann, dass man auch gegen Widerstände ankommen und für sich Wege finden kann.
  15. Charles Lewinsky: Sind Sie das?
    Charles Lewinsky hangelt sich entlang seiner Bücher anhand von Zitaten durch sein Leben, erzählt von den Inspirationsquellen, die Einzug hielten in sein Schreiben. Er geht dabei nicht zimperlich mit sich selber um, erzählt auch von den eigenen Verfehlungen und Missgeschicken. Aber er weist auch nochmals in aller Deutlichkeit Absichten und Gründe für einzelne Werke. Entstanden ist so ein Buch voller Erinnerungen, das sowohl durch das Erzählte wie auch die Sprache das Bild eines Menschen voller Humor, Ironie, Selbstreflexion und klarem Blick lebendig werden lässt.
  16. Joachim Höll: Ingeborg Bachmann (Hörbuch)
    Joachim Höll schafft es in einer Art Montagetechnik aus Zitaten und Beziehungs- Lebensbeschreibungen, ein stimmiges Bild einer grossartigen Schriftstellerin zu zeichnen, welches er immer wieder mit deren Werk verknüpft. Entstanden ist ein Buch über eine in sich zerrissene, tiefgründige, nachdenkliche, verletzliche Frau, die immer wieder auf Beziehungen hoffte, sich von diesen oft verraten fühlte im Nachhinein, und sich tief drin allein gefühlt haben muss. Gelesen wird das Hörbuch von der österreichischen Schauspielerin Sophie Rois, welche es neben dem authentisch klingenden Akzent schafft, dem Buch das nötige Gefühl, die passende Stimmung zu verleihen. Ein wirklicher Hörgenuss!

Abgebrochene Bücher

  1. Lukas Linder: Der Unvollendete
    Ein Roman über die menschlichen Schwächen und die Suche nach einem besseren Leben sollte es sein, angefangen hat es mit Sex, der dann doch doch keiner war für den Protagonisten, haben sich doch zwei Frauen ohne ihn vergnügt, und die Festmachung des eigenen Erfolgs und Werts an solchen Misserfolgen. Nun mag das eventuell eine männliche Sicht auf Glück sein, mich hat es (lesend) abgeturnt.