Wie wir uns von destruktiven Gewohnheiten und Ängsten befreien

„Sich mit sich selbst anfreunden“

Wir finden Frieden nur, indem wir ihn auf dem Fundament der bedingungslosen Offenheit gegenüber allem gründen, was auch kommen mag. Frieden ist keine Erfahrung frei von Herausforderungen, frei von Höhen und Tiefen, er ist eine Erfahrung, die umfassend genug ist, um alles einzuschliessen, was kommt, ohne dass wir uns bedroht fühlen.

Wir Menschen leben oft in Gewohnheiten und Strukturen. Erfahrungen prägen unser Verhalten, wenn uns Menschen oder Situationen treffen, die uns herausfordern, reagieren wir auf eine Weise, die uns das Leid verdrängen lässt. Oft sind diese Reaktionen nicht dazu gut, uns wirklich besser zu fühlen, sie verhaften uns im Gegenteil im negativen Gefühl – dem ursprünglichen und einem, das in unseren Erfahrungen gründet.

Wenn wir Furcht, Besorgnis oder irgendein Gefühl von Haltlosigkeit empfinden oder merken, wie die Furcht uns bereits in den Gedanken verstrickt: „Dafür werde ich mich rächen“ oder „Ich muss zu meiner Sucht greifen, um dem zu entrinnen“, können wir diesen Augenblick neutral betrachten: als einen Augenblick, in dem wir eine von zwei Richtungen einschlagen können.

Wenn wir diesen Mechanismus erst einmal wahrnehmen, können wir bewusst damit umgehen. Das, was uns passiert, begegnet, ist nicht das wirkliche Übel. Das kommt erst, wenn wir uns darauf stürzen und daraus eine Geschichte spinnen, die sich aus unseren Gewohnheiten und eingeübten Reaktionen speist. Pema Chödrön spricht hier von Shenpa, was so viel wie „anhaften, einrasten“ bedeutet. Erst durch dieses Anhaften kommt wirkliches Leid und wir sind nicht mehr frei, sondern gefangen in den negativen Gefühlen. Ein Schritt zurück, innehalten, kann helfen, das wahrgenommene Übel in seiner Relation und wirklichen Tragweite zu sehen.

Dann wird uns vielleicht deutlich, dass unsere Notlage nur ein winziger Augenblick in der Zeit ist und wir die Wahl haben, alte gewohnte Reaktionen zu stärken oder frei zu sein.

Pema Chödrön spricht in diesem Buch ein Thema an, das wohl jeden Menschen – mehr oder weniger – beschäftigt: Wie gehe ich mit eigenen negativen Gefühlen um, wie kann ich mich aus Spiralen von Leid befreien. Manche Lehren und Übungen mögen für einen sehr westlich eingestellten Menschen mit wenig buddhistischem Hintergrund gar weit gehen, im Grossen und Ganzen sind es aber einfach zu praktizierende und durchaus nachvollziehbare Übungen, die Pema Chödrön in diesem dünnen, leicht verständlichen, trotzdem aber tiefgehenden Büchlein präsentiert. Statt einfach unbewusst auf Herausforderungen zu reagieren, ist es sinnvoller, achtsam zu sein, innezuhalten, auch mal auszuhalten. Denn:

Nichts bleibt, wie es ist, nichts ist von Dauer.

Jedes Leid wird wieder vergehen. Es vergeht schneller, wenn wir es nicht künstlich verlängern.

Fazit
Ein tiefgründiges Buch, ein lehrreiches Buch mit einfachen und nachvollziehbaren Übungen; eines der Bücher, die man liest und viel für sich mitnimmt. Prädikat: Absolut empfehlenswert.

Pema Chödrön
Pema Chödrön ist US-Amerikanerin und buddhistische Nonne in der Tradition des tibetischen Meditationsmeisters Chögyam Trungpa. Sie ist Leiterin des tibetischen Klosters Gampo Abbey auf der kanadischen Insel Cape Breton. Neben Ayya Khema gehört Pema Chödrön heute zu den bekanntesten buddhistischen Lehrerinnen der Welt. Wie diese wurde sie Mutter, bevor sie ihre Gelübde als Nonne ablegte und ist somit bestens sowohl mit dem weltlichen als auch dem geistlichen Leben vertraut.

Angaben zum Buch:
Chödrönden_sprung_wagenTaschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (17. Dezember 2012)
Übersetzung: Margarethe Randow-Tesch
ISBN: 978-3442220120
Preis: EUR: 7.99 ; CHF 12.90

Zu kaufen in einer Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Wir sind vernetzt. Wir sehen das Leid der ganzen Welt. Sehen Elefantenbabies sterben bei der Geburt, sehen Menschen, die geköpft werden am anderen Ende der Welt. Wir hören von Menschen, die irgendwo sterben, an einem Ort, von dem wir noch nie gehört haben, den wir erst auf dem Globus suchen müssen. Und wir sind betroffen. Weinen. Wir möchten das nicht sehen, hören aber, wir dürfen nicht wegschauen. Wer wegschaut, ist feige. Der verschliesst seine Augen vor dem Leid der Welt. Ist ignorant. Fast schon arrogant.

So lesen wir Zeitungen, stöbern im Internet, schauen auf Facebook das Leid der Menschen an, wünschen uns eigentlich unbekannten Leuten alles Gute zum Geburtstag und kondolieren ebensolchen beim Tod ihrer Katze.

Wie heisst eigentlich die Katze der Nachbarin? Oder hat sie einen Hund? Oder einen Vogel? Im Käfig? Keine Ahnung. Dafür reicht die Zeit nicht. Vom Interesse ganz zu schweigen. Wir müssen uns mit dem Leid der ganzen Welt beschäftigen. Man muss schliesslich Anteil nehmen. Darf nicht ignorant sein und schon gar nicht arrogant scheinen.

Vom Verlust eines Bruders oder einer Schwester durch Suizid

Das Leben geht weiter – aber wie?

„Ich nehme mir jedes Jahr an ihrem Todestag frei, das weiss mittlerweile auch mein Arbeitgeber. Das ist mein Ritual, es ist mein Tag, es ist ihr Tag. Dann setze ich sie wieder auf den Olymp.“

Wenn sich jemand das Leben nimmt, bleiben Menschen zurück. Familie, Freunde, Bekannte. Vor allem auf Familien hat Suizid eine enorme Wirkung, er reisst eine Lücke in ein System, das sich nachher neu organisieren muss. Eltern und Geschwister müssen mit dem Verlust, ihrer Trauer und der Frage nach dem Warum, die oft von Schuldgefühlen begleitet ist, umgehen.

Samira Zingaro befasst sich in ihrem Buch „Sorge dich nicht!“ mit der Situation der Geschwister nach einem Suizid. Wie trauern sie, was geht in ihnen vor, wie geht ihr Leben nach so einem Verlust weiter?

„Hinterher ertrage ich es manchmal fast nicht, dass ich so naiv war und annahm, dass er einen Weg aus seiner Krise finden würde. Ich hätte nicht gedacht, dass er so weit gehen würde.“

Das Buch vereint verschiedene Porträts von Geschwistern, die nach den Suizid ihres Bruders oder ihrer Schwester ihr Leben weiter führen mussten. Zingaro traf diese Geschwister teilweise über einen längeren Zeitraum, sprach mit ihnen, hörte ihnen zu. Entstanden sind sieben Geschichten, die sich alle voneinander unterscheiden. Sie zeigen, dass Trauer unterschiedlich ist und der Umgang mit dem Tod ebenso. Sie zeigen auch, dass Suizid auch heute noch ein Tabuthema ist, mit dem sich die Menschen schwer tun.
Abgerundet wird das Buch durch ein Interview mit Ebo Aebischer-Crettol, dem Pionier der Internet-Seelsorge, und dem Psychiater Thomas Reisch, seit Jahren zum Thema Suizid forschend, welche ihre Erfahrung mit dem Thema Suizid darlegen.

Fazit:
Sachlich, auf den Punkt gebracht. mit dem nötigen Feingefühl und viel Offenheit geht Zingaro ein sensibles Thema an. Empfehlenswerte Lektüre.

Zum Autor
Samira Zingaro (1980) studierte Medien- und Religionswissenschaften an der Universität Fribourg. Sie war als Journalistin für verschiedene Printmedien tätig und arbeitet seit 2011 fürs Schweizer Fernsehen.

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier

ZingaroSorgeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 172 Seiten
Verlag: rüffer & rub Sachbuchverlag (11. Oktober 2013)
Preis: EUR 28.80 ; CHF 38.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Das impliziert, dass man lacht, obwohl es einem nicht gut geht. Trotzdem. Es klingt, als ob das gut ist so, gewollt.

„Niemand will dich weinen sehen, also lache, sonst stehst du alleine da. „

Diesen Rat erhielt ich als kleines Mädchen. Menschen wollen keine Probleme, die hätten sie schon selber, sie wollten Menschen, die feiern, fröhlich sind, positiv. Und wahrlich: Tauchen Probleme auf, reduzieren sich die Freunde oft. Man hört und sieht es überall.

Spass muss sein.

Muss er? Immer? Ist Ernst überholt? Antiquiert? Langweilig? Borniert? Sicher wohl abgelehnt.

Heute kann man alles durch den Kakao ziehen. Wer nicht lacht, hat den Witz nicht begriffen oder ist einfach zu steif. Humor kennt keine Grenzen und wo sie doch sind, werden sie gebrochen und die Brechenden fühlen sich als grosse Pioniere. Alle düsteren Themen werden plötzlich der Spasskultur anheim gegeben.

Szenenwechsel

Krieg, Unfrieden, Streitereien, Anonymität, Skrupellosigkeit, Unmenschlichkeit, Intoleranz. Ein paar Stichworte, die in der heutigen Gesellschaft häufig zu hören sind. Es gäbe derselben noch viele mehr. Keiner hört hin, keiner fühlt mit, jeder ist sich selbst der nächste, jeder schaut auf seinen Profit. Die Stimmen werden laut, man müsse wieder mehr für ein Miteinander einstehen, müsse wieder mehr am Leid der anderen teilnehmen, könne sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.

Kinder sterben, Alte verhungern, Kranke serbeln dahin. Nahrung fehlt, Geld fehlt, Würde fehlt. Wir sehen im Internet, TV und in Magazinen Bildern von Zerstörung, von Leid, von Tod. Wir blättern um, zappen weiter, klicken uns zur nächsten Seite. Unbeirrt,  nicht betroffen.

Wir seien abgebrüht, heisst es, wir seien abgestumpft durch die Überflutung durch Informationen. Unser Hirn müsse sich schützen, um nicht unterzugehen, es könne nur noch die wirklich wichtigen Dinge annehmen und darauf reagieren. Die Hürden werden höher gesetzt, es braucht immer noch mehr Blut, noch mehr Leid, noch mehr Gewalt, um etwas auszulösen.

Szenenwechsel

Ein Unglück passiert und man hört davon. Was nun?

Humor ist, wenn man trotzdem lacht?

Einfach mal einen Witz machen, wer nicht lacht ist selber doof? Oder war das Unglück nur ein Witz? Man war ja nicht dabei… Würde man nun in Tränen ausbrechen, stünde man schön blöd da… Augen zu und durch, als hätte man nichts gesehen. Damit wahrt man das Gesicht und sollte was sein, kümmert sich sicher ein anderer… und war es was, macht sicher bald jemand einen Witz darüber und man kann noch zünftig lachen, um zu zeigen, dass man voll up to date und mit Humor gesegnet ist.

Ich könnte nun schreiben, dass es dieser Welt gut tun würde, wenn die Menschen wieder achtsamer mit sich umgehen, dass sie sich überlegen, wem gewisse Witze wirklich etwas bringen und ob sie nicht nur einfach deplatziert, weil auf dem Leid vieler Menschen aufgebaut sind. Ich könnte mir wünschen, dass Worte bewusster gewählt und Gefühle tiefer gespürt würden, könnte hoffen, dass das Mitgefühl wieder vermehrt Einzug hielte und man auch nach all den grässlichen Bildern überall nicht aufhören könnte, zu trauern, wenn Unrecht und Leid passieren. Ob das jemand lesen wollte?

Das Leben ist nie eine gerade Linie, es ist wohl nicht mal kausal, so gerne man das glauben möchte. Das Weltbild, dass B aus A erwächst, man mit A den Grundstein für B legt und sich B immer aus A erklären lässt, ist ein beruhigendes für unseren Geist, weswegen der selbständig Kausalketten bildet und dadurch Sinn in die Geschehnisse und Erlebnisse legt. Würde man das Leben als lose Aneinanderreihung von Momenten sehen, würde man sich haltlos fühlen. Man hätte keine Möglichkeit mehr, einzugreifen, sähe sich hilflos den Eventualitäten des Lebens ausgesetzt. Dass es in Tat und Wahrheit eigentlich so ist, ahnt man zwar irgendwo, doch der Mechanismus des Gründe Suchens, des Ketten Knüpfens ist so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir uns dieser oft unbewusst ablaufenden Tätigkeit nicht entziehen. Sie gibt uns das Gefühl, unser Leben im Griff zu haben und sie liefert Erklärungen für das Warum.

 

Im Leben fasst man gerne Ziele. Diese sollen möglichst positiv sein, möglichst viel Glück bringen und Leid vermeiden. Um die Ziele zu erreichen, planen wir Wege, die wir beschreiten wollen. Auch hier sehen wir die Kausalität vor uns. Das Ziel einmal erreicht, wollen wir es nicht mehr loslassen. Je schöner es ist, je besser es sich anfühlt, desto fester wollen wir es halten. Aufgeben, loslassen – keine Option. Schlägt das Schicksal dann doch zu oder schlägt der Zufall böswillig drein, das vormalige Ziel und momentane Gute geht dahin, stehen wir vor den Scherben, hadern mit dem Leben und suchen schnell Gründe, wieso das wohl gut sein könnte, was dazu geführt hat und wie wir daraus etwas machen können.

 

Das Leben hat seine eigenen Gesetze, der Mensch kann diese nicht erfassen. Was immer und überall durchschimmert ist eine Dualität von Polen, von Erschaffung und Zerfall, von gut und böse, von Leid und Glück. Schatten und Licht. Diese gegensätzlichen Pole ziehen sich rund um den Erdball, sie finden sich in allen Philosophien und Religionen, zu allen Zeiten. Das deutet darauf hin, dass dahinter ein universales und allgemeingültiges Prinzip liegt. Man muss es nicht beweisen können, da es ausserhalb unserer Macht und unseres Geistes liegt. Man kann es wohl nicht mal ganz erfassen und beschreiben, es ist da und es ist erlebbar. In vielen tagtäglichen Beispielen und Erlebnissen erfahren wir es. Es hilft nichts, sich auf eine Seite zu stürzen, die andere gehört unweigerlich dazu.

 

Was man einmal bildet, geht auch wieder zu Grunde, um etwas Neuem Platz zu machen. Das macht Angst, denn das Neue ist ungewiss, unbekannt und damit ungeheuer. Das Bekannte kann man erfassen und sich damit arrangieren, beim Neuen muss man erst einen Weg dahin finden. Hat man ihm, möchte man ungern wieder loslassen, um wieder weiter zu gehen. Genau das macht aber das Leben aus. Es ist kein Tag wie der andere, keine Beziehung heute, wie sie morgen sein wird. Kein Mensch ist heute derselbe, wie er gestern war und er hat heute die Chance, sich für morgen neu zu erfinden. So erschreckend der Gedanke sein kann, dass alles im stetigen Fluss ist und immerwährender Veränderung unterliegt, so gross kann die darin liegende Chance sein.

 

Nichts ist ewig. Man kann etwas erschaffen, es geniessen, weiter gehen. Man kann es ausbauen, neu definieren, umstürzen, neue Wege gehen. Man kann daran arbeiten, dass es besser wird, wenn es heute nicht gefällt. Wichtig dabei ist wohl immer, ehrlich zu sich selber zu sein, genau hinzuhören, was man wirklich will und wirklich kann und dann den Weg zu gehen. Und vielleicht führt der Weg nicht zielgerichtet dahin, wohin man will, vielleicht liegen Steine auf dem Weg, tun sich Abgründe auf. Vielleicht muss man auch mal einen Umweg gehen, um den wirklich richtigen Weg zu erkennen. Wirklich planen kann man nie alles. Am Schluss bleibt wohl immer nur das Vertrauen darauf, dass es kommt, wie es kommen muss. Das ist weder gut noch schlecht, es ist, wie es ist. Und vermutlich ist genau das gut daran.

Und als sie so da sass, erschien  ihr plötzlich ein Engel und sagte ihr, er sei hier, um sie zu holen. Sie schaute ihn ungläubig an, konnte zwar hören, was er sagte, verstehen, was er meinte, aber nicht glauben, dass es real sei.

„Was meinst du damit: Mich holen?“

Der Engel blickte sie an und sagte: „Du wolltest doch hier weg. Also komm mit mir, ich hole dich hier raus und bringe dich an einen schöneren Ort.“

Sie überlegte kurz. Er hatte recht, es gab nichts, was sie lieber wollte als raus. Raus aus all den Mauern, raus aus all den Zwängen, den Ängsten und raus aus all den Nöten. Aber sollte es wirklich möglich sein, dies alles hinter sich zu lassen? Gab es eine Welt, in der diese Mauern, Zwänge, Ängste und Nöte nicht mehr da wären? Eine Welt, die besser wäre als die, welche sie kannte? Sie hatte in der Vergangenheit Stück für Stück den Glauben an eine solche Möglichkeit verloren.

„Wo bringst du mich hin? Was wird mich da erwarten? Ist das nicht alles ein Luftschloss und am Schluss sitze ich einfach an einem anderen Ort und alles ist genau gleich, wie es hier auch war? Vielleicht noch schlimmer?“

Der Engel schaute sie traurig an: „Du musst mir schon vertrauen. Ich weiss, was du willst und ich will es dir ermöglichen. Ich will, dass du glücklich bist, endlich leben kannst, was du leben willst. Ich möchte, dass du frei bist und ich werde dir diese Freiheit schenken. Weit ab von all den Mauern, Zwängen, Ängsten und Nöten.

Sie schaute ihn staunend an. Woher kannte er ihre Gedanken? Woher wusste er, was sie hier und jetzt als  so ermüdend, so zermürbend, so niederschlagend empfand?

„Du fragst dich wohl, wieso ich weiss, was in dir vorgeht, wieso ich deine Gedanken kenne. Ich kann fühlen, was du fühlst und ich weiss, was du willst. Darum weiss ich auch, dass der Ort, an den ich dich bringen will, dir das bringst, was du dir wünschst.“

Sie hatte nun genau zwei Chancen. Sie konnte bleiben, wo sie war. Zwar war sie nicht glücklich und wollte eigentlich weg, hatte aber bislang nie gedacht, dass es einen Weg gäbe und dass er gangbar wäre. Sie hatte sich fast schon damit abgefunden, dass dies ihr Leben sein würde, kein glückliches, aber ein vorhersehbares – mit seinen Nöten, Zwängen und allen Mauern. Trotzdem war es das, was sie kannte und diese Kenntnis verlieh diesem Leben ein Stück Sicherheit. Die andere Möglichkeit war, sie packte die Hand des Engels, vertraute auf ihn und liesse sich leiten.

Und da sitzt sie noch heute und weiss nicht, was sie machen soll. Mittlerweile fiel dem Engel der Arm ab vom ewigen ausstrecken, die Stimme wurde heiser, vom ständigen überzeugen wollen und sie hatte Kopfweh vom Abwägen der Argumente dafür und dagegen. Ein Happy End sähe wohl anders aus, aber das ist schliesslich die Realität.

Fühlte ich mich nur nicht geliebt, weil ich dachte, nicht liebenswert zu sein? Dachte ich, du wendest dich von mir ab, weil ich dachte, es sei unmöglich, dass man sich mir voll und ganz zuwenden kann? Sah ich mich selber als schlecht und verstand drum nicht, wie du mich gut finden könntest?

Ich sitze hinter Mauern und sehe nur grau. Ich möchte hinüber, doch es gibt keine Leiter. Ich möchte hindurch, aber es fehlt eine Lücke. Es ist diese Mauer, die mich immer und immer blockiert. Ich stehe davor und sehe kein Ende, denn drehe ich mich, wäre sie auch da. Sie geht rundherum und ich habe sie gebaut. Ich suchte den Schutz und bildete ein Gefängnis. Nun sitze ich drin und fühle mich nicht sicher, sondern klein und ohnmächtig.

Ich könnte sie einreissen, doch mir fehlt die Kraft. Ich könnte Löcher hineinaschlagen, finde aber kein Werkzeug. In mir wächst der Unmut und Wut macht sich breit. Trauer umspült mich und Einsamkeit frisst mich auf. Ich suche nach Mitteln und suche nach Wegen. Ich möchte hier raus und suche die Welt. Und wenn ich ein Licht sehe, will ich ihm folgen. Ich stürze mich drauf und gehe ihm nach. Ich suche nach Werkzeug, will den Mauern entfliehen. Und dann finde ich es. Der Ausweg scheint nah.

Dann frage ich mich, was wohl hinter der Mauer ist und wie es sich anfühlt. Ich denke an alles, was war und nie mehr sein sollte. Ich sehe Gefahren und male sie aus. Sie sind in meinem Kopf und nehmen allen Raum ein. Sie weiten sich aus und sprengen mich fast. Die Angst wächst heran, meine Kraft geht dahin. Der Weg scheint unbegehbar, das  Werkzeug untauglich. Ich lege es weg und setze mich hin. Die Gefahr ist gebannt.

©Rainer Bald
©Rainer Bald

Für kurze Zeit fühle ich mich sicher und gut. Aufgehoben in meinen Mauern, gebildet als Schutz vor allem, was mich erwarten könnte, brächen sie ein. Als Schutz vor all den Schmerzen, die ich schon erfahren habe und nie mehr erleben möchte. Langsam kehrt Ruhe ein, das Leben ist so, wie ich es mag. Das Leben ist ruhig und ich kenne meinen Platz. Und ich sitze da und starre auf die Mauern. Und sie kommen näher und näher, bald drohen sie, mich zu erdrücken. Und ich fühle mich wieder eingeengt und ungeliebt. Niemand hat Platz in diesen Mauern, ich bin ganz alleine. Niemand kann mich lieben.  Niemand tut mir weh, niemand kann mir was anhaben. Nur ich mir selber. Und ich tue es durch diese Mauer.