Walter Kappacher: Rosina

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Als junge Frau vom Land wünscht sich Rosina nichts sehnlicher als in die Stadt zu gehen. Ohne ihre Mutter zu informieren, bewirbt sie sich auf Stellen in der Grossstadt und ergreift die sich ihr bietende Chance, in die grosse weite Welt hinauszugehen. Ihre Mutter nimmt ihr das übel, was einen Bruch in ihrer Mutter-Tochter-Beziehung bedeutet.

Jetzt war sie beinahe schon zwölf Jahre von Saalfelden fort. Das Gesicht der Mutter war zum ersten Mal eingefroren, als ihr Rosina freudestrahlend den Brief der Firma Fiedler gezeigt hatte, […] Monatelang hatte sie die Stellenanzeigen gelesen und sich auch einige Male beworben. Vor lauter Überschwang hatte sie vergessen gehabt, dass sie mit Mama noch gar nicht über ihre Pläne gesprochen hatte.

Das Leben meint es gut mit Rosina, sie kann mit viel Einsatz und Ehrgeiz die Karriereleiter hinaufklettern. Dass sie einmal andere Träume hatte für ihr Leben, geht dabei fast vergessen. Sie lebt ihr Leben auf der Überholspur, lässt sich auf ihren Chef ein, dessen Aufmerksamkeit bald weniger wird. Der grosse Bruch im Leben Rosinas kommt mit einem Unfall, der sie auf sich selbst zurückwirft und ihr zeigt, worauf sie alles verzichtet hat im Leben. Tapfer geht sie in ein neues Leben zurück, fängt nochmals neu an, schickt sich in ihr Schicksal.

Das Buch ist in der dritten Person doch aus der Sicht Rosinas erzählt. Als Leser erfährt man in kurzen, teils sehr kurzen Sequenzen, was in ihr vorgeht, was sie bedauert, womit sie hadert, was sie über ihr Leben denkt. Das Buch wirkt durch diese kurzen Sequenzen sehr unruhig, es flippt teilweise wild hin und her, lässt den Leser atemlos hinterherkommen, sich ab und an fragen, wo er gerade steht, was nun passiert, wie er alles einordnen soll. Der Autor zeichnet das Bild einer Frau, die sich irgendwo selber verloren hat und erst wieder findet, als es sie alles verloren hat, was ihr vorher wichtig zu sein schien.

Sie war keine Chefin mehr, hatte nichts mehr zu sagen. Wenn sie heute ihre Stellung bei der Allianz aufgab, würde ein paar Tage später eine andere Frau vor der Olivetti sitzen. Sie war austauschbar wie eine Schreibmaschine. Austauschbar, das war sie auch als Sekretärin gewesen, nur hatte sie nie an so etwas gedacht. Waren sie nicht alle austauschbar?

Fazit:

Ein unruhiges, bewegtes, nachdenkliches und emotionslos emotionales Buch. In einer schlichten Sprache wird die Geschichte einer Frau erzählt, die hoch fliegt, tief fällt und daraus viel über sich erkennt. Lesenswert.

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: dtv 2013
Preis: EUR: 8.90 ; CHF 12.90

Zu kaufen bei: BOOKS.CH

Innensicht /Aussensicht

Oft geben wir den anderen und ihren Gedanken über uns mehr Gewicht als unserem eigenen Glauben an uns.

Ich bin, wie ich bin. Wer das nicht hinnehmen will, soll es lassen und gehen. Ein starker und selbstbewusster Vorsatz. So gemeint, sicherlich, doch in der Umsetzung hapert es oft. Tief drin will man doch gefallen. Tief drin meldet sich das Kind in uns mit der Angst, alleine da zu stehen, wenn die anderen schlecht über einen denken. Man fürchtet, verlacht, verspottet, ausgestossen zu werden.

Früher hat man aus diesen Ängsten hinaus versucht, sich anzupassen. Man verhielt sich, wie man dachte, die anderen erwarten es von einem, man sagte oft, was gehört werden wollte. Man wurde oft auch so erzogen, wenn nicht explizit, so doch implizit. Irgendwann durchschaut man dieses Verhalten, sieht, dass man dabei selber oft auf der Strecke bleibt und die damit erhofften Vorteile nicht erzielt werden. Zumindest nicht zu einem Preis, den man zahlen will. Der Preis ist das eigene Selbst.

Man trifft den folgenschweren Entschluss: So nicht mehr. Ab heute bin ich ich. Und bleibe ich. Und gehe den Weg, den ICH gehen will. Nicht rücksichtslos, nicht über Leichen, aber auch nicht über mich selbst hinweg. Und man glaubt daran und will es auch, weil man die Mängel des zu sehr angepassten Wegs erkannt und für unpassend befunden hat. Eigentlich ist nun alles gut.

Eigentlich. Tief drin sitzt noch die Stimme, die ab und an ermahnt, dass man vielleicht doch nicht ganz so könnte, wie man gerade wollte. Da sitzt die Stimme, die bei einer Kritik einer anderen Person nicht erst hinterfragt, ob sie wirklich recht hat mit dem, was sie sagt und noch wichtiger, ob uns der Punkt überhaupt kümmert. Wir hören die Kritik, fühlen uns angegriffen und oft auch klein. Wir geben dieser Kritik eine Macht und eine Kraft, die uns bei genauerem Hinsehen selber stutzig macht. Umso stutziger, wenn die Kritik offensichtlich ins Leere greift, Unwahrheiten trifft oder schlicht daneben liegt. Irgendetwas nagt an uns. Was ist es?

Oft sind es die Muster von früher, die wir im Verstand zwar als überholt bewertet haben, die aber tief drin noch nachwirken. Wir wollen gefallen. Wir fürchten, alleine zu stehen. Fürchten, die Kritik der einen Person könnte auf andere übergreifen oder an die portiert werden und von da auf uns zurück fallen. Ohne dass diese die (fehlende) Wahrheit dahinter kennen. Oder vielleicht fühlen wir uns einfach auch nur ungerecht behandelt, ungerecht gesehen. Und das nagt. Trotz aller Vorsätze und allen Besserwissens.

Sich für die Sicht von aussen zu verschliessen wäre sicher kein guter Weg. Wahrheiten zeigen sich immer im Austausch, auch die Wahrheit über sich selber. Ein altes Sprichwort sagt: Vier Augen sehen mehr als zwei. Wie bei den meisten ist auch daran etwas dran. Oft verstricken wir uns in unseren eigenen Gedanken, sehen quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Die Sicht von aussen kann helfen, wieder den Wald zu sehen, nebst all den Bäumen, die uns vorher verwirrten. Dabei ist aber nie sicher, ob sie wirklich auch den Wald im Blick hat, in dem wir stehen und ob der Wald zu dem Zeitpunkt überhaupt zählt und nicht doch nur ein Baum. Das können wir nur selber herausfinden, indem wir in uns hinein hören und ehrlich zu uns selber sind:

Wer bin ich?

Wie bin ich?

Hat der andere recht mit dem, was er sagt, auch wenn es schmerzt oder ist es eine Fehleinschätzung?

Wie will ich sein?

Kann ich das?

Was fehlt?

Hilft mir die Sicht des anderen, so zu werden?

Wenn uns die erst verletzende Sicht des anderen zu diesen Fragen leitet, haben wir für uns selber schon etwas gewonnen: Ein Blick ganz nach innen und ein Stück Bewusstsein für den Menschen, der wir sind. Und aus diesen Erkenntnissen formt sich ein Selbstbewusstsein, das von innen heraus zu sich zu stehen lehrt.

Wer sich nun am Ende glaubt und den Märchenschluss des „und so lebte sie fröhlich und glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ erhofft, der wird leider enttäuscht. Das ist erst der Anfang. Die Zeiten ändern sich, man selber ändert sich. Die Fragen bleiben immer aktuell. Das Selbstbewusstsein bleibt nur bestehen, wenn man mit sich selber in Beziehung bleibt, ab und an mal wieder nachfragt, achtsam hinschaut. Und wenn nötig von Neuem an sich arbeitet.

Eigentlich wäre es so einfach…

Das Leben könnte so einfach sein, merkte man, wie sehr man jemanden liebt, wenn er da ist, schätzte man, was er tut, so lange er es tut, lobte man, was gut ist, so lange es noch gut ist und wäre dankbar für das, was ist, so lange es ist, statt zu zürnen, was nicht ist. 

Irgendwann ist der nicht mehr, den man gering achtete, tut er nicht mehr, was einem gut tat, ist nicht mehr gut, was mal war und ist überhaupt alles ganz anders. Und man denkt plötzlich zurück und sieht, was man eigentlich hatte, aber zu wenig schätzte. Und man bedauert, nicht früher hingeschaut zu haben, denn oft ist es zu spät, es gibt keine zweite Chance. 

Das Leben ist kein Ponyhof und selten kriegt man alles, was man sich so sehr wünschen würde. Man sieht es immer deutlicher vor sich, denkt, wie schön es wäre, es zu haben. Man malt sich aus, wie das Leben wäre, wenn die Umstände rosiger, das Licht heller, der Erfolg grösser wäre. Man sieht die vielen positiven Aspekte des so sehr gewünschten und sehnlichst vermissten Abwesenden. Wie klein wirkt dagegen das, was da ist, wie langweilig, profan.

Und man fängt an zu zürnen, zu hadern, schimpft auf das, was ist, weil man es als Grund dafür sieht, nicht zu haben, was sein könnte. Man misst das Sein am Sollen und sieht es gleichzeitig als Hindernis hin zu diesem. Und verstrickt sich so selber in den Netzen der unendlichen Unzufriedenheit. Auf Dauer helfen da auch Zigaretten, Alkohol und Essen nicht mehr, der Schmerz des Nichterreichten nagt. 

Und plötzlich ist alles anders. Man hat sich vom Hindernis getrennt oder aber es fiel einfach weg. Und mit ihm das alte Leben. Alles neu. Alles frisch. Man fühlt sich frei, man fühlt sich… leer. Das vorher Gewünschte ist noch immer nicht da, das gering geschätzte aber weg. Und plötzlich merkt man, was es alles war. Viel mehr als man gesehen hatte. Viel mehr, als man in Worte fassen konnte. Es war nicht nur öde Langweiligkeit und fader Alltag. Es war das eigene Leben. All die kleinen Dinge, all die Puzzleteile des funktionierenden Lebens – sie sind weg. Und nun fehlt viel mehr als das, was man so erstrebenswert fand, weil es Luxus bedeutete. Nun fehlt die Basis. Das, auf dem das Leben fusste, das, aus dem man Kraft schöpfte. 

Zu spät….

Es ist nie zu spät. Nie zu spät, hinzuschauen, was ist, was man wirklich braucht im Leben, was wirklich zählt im Leben. Es ist nie zu spät, zu schätzen, was gut ist und gut tut. Und es zu sagen. Es ist nie zu spät für Dankbarkeit. Und jeder, der hier denkt, das sei gar kitschig und abgehoben, darf sich fragen, wieso er das so sieht. Und ja, vielleicht ist es auch klitschig, aber es ist, was momentan grad wahr und wichtig scheint. Manchmal ist Loslassen wichtig. Weil man sonst das wirklich Wichtige verpasst. Manchmal verkennt man das Wichtige, weil man vielen Kleinigkeiten nachtrauert. 

Bewusstsein ist das Zauberwort. Für das, was war, ist und sein soll. Aus diesem Grund habe ich das Wochenfazit eingeführt. Was war gut die Woche, was schlecht, was wünsche ich mir für die nächste. Und selbst wenn es keine hochtrabenden Dinge sind, sie lassen mich hinschauen zu den Wünschen, Träumen und Dankbarkeiten sie lassen mich hinsehen, was ich denke, fühle, will.

Mein Fazit für heute?

Schlecht war ein Abschied.

Gut ist das Wissen, dass Liebe existiert und so unendlich tief und schön ist, dass es fast weh tut – nein, dass es weh tut.

Wünschen tue ich mir nur, dass ich immer weiter schätzen kann, was ich habe und mich nicht in den Unendlichkeiten der eigentlich nichtigen Wünschen verliere. 

 

Wert des Lebens

Was wirklich zählt in dieser Welt,
lässt sich ganz leicht erzählen.
Wie oft ist uns der Blick verstellt,
verirren wir in Wünschen, Plänen.
Seh’n, was fehlt und wollen hin,
schätzen nicht, was da schon steht,
in den Augen, aus dem Sinn,
wir wollen das, was wirklich geht..

Doch eines Tages, knüppeldicke,
holt uns schon das Schicksal ein,
reisst unser Sein in viele Stücke,
hinterlässt bloss Wut und Pein.
So langsam dämmert’s, wir seh’n ein,
dass was wir suchten und begehrt,
war nichtig und auch blosser Schein,
denn wo dein Herz sitzt, liegt nur Wert.

Auf und Ab

Getobt, geschrien, aufgestampft,

die Welt verflucht – gar laut und stark.

Gezürnt, zerfleischt und auch geweint,

das Sein gehasst und mich damit.

Sah alles grau, verflixt und öd,

fand and’res gut, nicht das, was war.

Wollte sein am andern Ort,

sann über Flucht und Neubeginn.

Hört‘ Argumente, nichts war gut,

wollt‘ mich verschliessen, trotzte gar.

Kopf in den Sand und weiter geh’n

und tun, wonach der Sinn mir stand.

Das Blut, das wogte hoch und höher,

die Ratio – sank tiefer stets.

Doch irgendwann, an Tales Sohle,

macht‘ sie Halt und ich damit.

So wie es war, konnt‘ es nicht bleiben,

irgendwas musste gescheh’n.

Sollte ich den Wünschen folgen

oder bleiben da, wo ich nun war?

Wo war mein Weg, wo war mein Glück,

sollt‘ ich nach vorn, musst‘ ich zurück?

Und mit der Zeit kam etwas Ruh‘,

kam Einsicht gar und auch Verstand.

Ich sah, was war und fand es gut,

sah all die Träume, die nur Schaum.

Dieser glänzt zwar, nie erprobt,

drum umso heller, umso greller.

Sah das Ist mit Fundament,

das gar schwer und bleiern wirkt,

so dass es hält und mich oft stützt.

Und endlich sank das Blut darnieder,

Stille kehrte langsam ein,

mit grossem Dank für diesen Grund,

der mir erlaubt solch‘ Quängelei’n.

Vertrauen ist gut…

…Kontrolle besser.

Nur wenn man kontrolliert, ist das Vertrauen meist dahin, denn würde man vertrauen, bräuchte man die Kontrolle nicht, man sässe da in seiner Sicherheit, dass alles so ist, wie es sein sollte, wie man denkt, dass es sei.

In einer Welt ohne Lügen gäbe es keine Zweifel. Leider ist eine solche Welt eine Utopie, wir begegnen wo wir gehen und stehen Lügen, belügen uns gar ab und an selber. Oft sogar unbewusst. Wenn wir also uns selber schon nicht immer und in allen Belangen trauen können, wem denn dann?

Beziehungen bauen auf Vertrauen. Fehlt es, obsiegt ein anderes Gefühl: Eifersucht. Ein Blick des anderen, ein Anruf, ein neues After Shake – alles könnte Anzeichen sein. Doch man will ja vertrauen. Könnte man lieben, wäre nicht wenigstens ein wenig Grund zu glauben, dass der andere ehrlich ist, dass er es ehrlich meint, sich an die gemeinsamen Regeln hält. Doch wenn das alle glauben, wo sind denn die vielen Fremdgänger? Sicher 50% müssen sich täuschen in ihrem Vertrauen.

Ist man im Wissen darum nicht naiv, wenn man denkt, dass ausgerechnet man selber verschont bleibt? Ist man nicht dumm, wenn man sich in Sicherheit wähnend zu Hause sitzt und den anderen tun lässt, was er nicht lassen kann, im Vertrauen darauf, dass es nichts ist, das er lassen sollte? Doch besser Kontrolle? Damit kommen wir zum nächsten Zitat:

Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.

Kann man sich den Betrug auch herbeireden? Quasi eine selbsterfüllende Prophezeiung daraus machen, indem man so lange misstraut, bis es begründet ist, oft aus einer Frustration heraus, doch kein Vertrauen geschenkt zu kriegen? Was war zuerst? Das Huhn oder das Ei? Der Fremdgeher oder das fehlende Vertrauen in ihn?

Oft war zuerst ein Fremdgeher, dem man auf den Leim kroch. Das machte vorsichtig. Der nächste sollte das nicht mehr schaffen, er sollte einen nicht mehr auf dem falschen Fuss erwischen, man will die Augen offen halten. Zwar lässt man diesen dann unter den Taten des letzten leiden, doch das ist wohl ein Stück Weit der Evolution geschuldet: Man erkennt Gefahren, lernt daraus und versucht, sie in Zukunft zu vermeiden. In der Natur kann man nur so überleben. Würde man jedes Mal in die gleiche Falle laufen, wäre man schneller tot als man das Wort denken könnte.

Was also tun? Immer wieder auf 0 Stellen, neu vertrauen? Die vergangenen Wunden vergessen, neu starten? Kann man das? Haben wir Menschen einen Reset-Knopf, mit dem man sein System neu aufsetzen kann und all die guten Dinge wie Vertrauen, Liebe, Gelassenheit, Selbstsicherheit, Unversehrtheit neu installieren? Der Knopf ging wohl bei der Erfindung der menschlichen Maschine vergessen. Und so ist man dazu verdammt, Altes mitzuschleppen und den eigenen Rucksack zu füllen.

Das Leben wird damit nicht leichter, vieles auch ab und an als Ballast empfunden, den man gerne los würde. Gewisse Dinge kann man über die Zeit wieder abwerfen, gewisse begleiten einen durchs Leben. Damit muss man wohl leben und das Umfeld mit. Dieses hat immer die Möglichkeit, zu gehen, was dem eigenen Misstrauen Wasser auf die Mühlen werfen würde. Doch die Mühle betreibt man selber. Dessen sollte man sich immer bewusst sein. Man selber bleibt immer da. Entkommen ist nicht.

Das Leben ist kein Wunschkonzert

Clara. Ledig, Single, Anfang 50. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als einen Mann. Jeder ihr ins Blickfeld kommende Mann wird als potentielles Objekt der Begierde abgecheckt. Das Zusammensein mit dem Mr. Right wird in schillernden Farben ausgemalt, sie lechzt förmlich danach. Selbst wenn sie ihn nur schnell im Supermarkt an der Kasse sah, weiss sie, dass er der Mann ihrer Träume sein könnte, mit dem sie gemeinsame Schaumbäder einlassen, in die Sterne schauen, den neusten Tatort diskutieren und die gemeinsame Zeit geniessen könnte. Sie sieht das Bild, wie sie zusammen durch die grüne Natur schlendern, an Konzerten abrocken, im Kino Taschentücher austauschen und auf der Parkbank Händchen halten vor sich. Jede freie Minute möchte sie mit ihm verbringen.

Doch er zahlt und geht. Aus den Augen, aus dem Sinn, denn in der Garage steht der nächste Anwärter, kurze braune Haare, blaue Augen, ein umwerfendes Lächeln. Mit dem würde das alles noch viel besser gehen. Die einsamen Abende wären Geschichte, die nutzlosen Sonntage ebenso. Das Leben wäre lebenswerter, angeregter, ausgefüllter, denn da wäre jemand, mit dem man es teilen könnte. Und alle Sehnsüchte werden in die potentiellen, immer wieder wechselnden, Objekte gepackt. Leider sind sie alle genauso schnell weg, wie sie kamen.

Damit sich Clara keine Blösse geben muss, propagiert sie das tolle Singleleben, schwärmt von interessanten Kontakten, hält hoch, keine Socken waschen und Hemden bügeln zu müssen. Und überhaupt, sie möchte gar keinen Mann, sicher in der nächsten Zeit. Bis – ja bis… der nächste auftaucht.

Susanne, Anfang 40, verheiratet, zwei Kinder. Es gab Zeiten, da genoss sie ihre Freiheit, flippte rum, war im Ausgang, verdrehte den Männern die Köpfe. Dann wieder Zeiten, da war sie in Beziehung. Nie ganz einfach, nie wirklich schlimm. Und dann waren da die Zeiten, da war sie alleine und hatte sich mit dem Alleinsein arrangiert, weil es ganz ok war. Sie tat, was ihr lag, meistens nicht viel Spektakuläres, sondern einfach nur das, was ihr und ihrem Rhythmus entsprach. Dieses völlige auf sich gestellt sein gefiel ihr gut. Es hätte ewig so weiter gehen können. Ab und an sah sie am Wochenende Paare gemeinsam einkaufen. Dachte, das wäre schön. Wünschte sich das kurzzeitig auch, um dann wieder die ruhigen Abende für sich zu geniessen. Und just da tauchte der Mann auf. Sie heirateten, kriegten Kinder. Der langgehegte Traum ging in Erfüllung. Was Susanne fehlte, waren die Momente für sich. Einfach mal nur sein, ohne Erklärung, ohne Rechenschaft. Mal alleine, sie für sich. Susanne hörte von Singlefreundinnen, die  Mädelsabend hatten, hörte von Abenden im Schaumbad mit Sekt und Buch, malte sich einen Abend im Gammellook vor dem TV aus. Sie schickte ihren Mann ab und an mit Kinderwagen auf Erkundungstour in die Stadt und stiess bei ihren Singlefreundinnen auf Unverständnis: Du bist nicht bei deinen Liebsten? Wieso das denn? Ich gäbe die Welt dafür. Susanne gab in dem Moment grad die Welt für ein paar Minuten durchatmen. Freiheit. Wenn auch auf Zeit.

Und immer scheinen die Trauben in Nachbars Garten süsser. Vermisst man im Singleleben die gemeinsamen Stunden, fehlen im gemeinsamen Leben die einsamen. Man neigt dazu, das Leben des anderen zu glorifizieren. Sieht in Einsamkeitsphasen nur, was einem fehlt, sieht ihn Zweisamkeitsphasen, was man mal hatte, damals nicht schätzte.

Das Leben ist nie perfekt. Man selber ist es nicht. Irgendwas fehlt immer und irgendwas ist immer zuviel. Vermutlich ist die Kunst, zu sehen, was man hat, dies zu schätzen, um dann das Zuviel und das Zuwenig zu ertragen. Ideal wäre ein Singleleben, in dem immer dann jemand da wäre, wenn man sich einsam fühlte, oder eine Beziehung, in welcher immer genau dann Abstand herrschte, wenn man diesen brauchte. Nur sind Menschen keine Batteriewesen und jeder hat seinen eigenen Rhythmus. Und so kommt es, dass man in Beziehungen oft dann alleine ist, wenn man es nicht möchte, dann zu zweit, wenn man Zeit für sich sucht. Alleine ist man oft dann einsam, wenn einem nach anderen Menschen ist, in Massen, wenn man sich verkriechen wollte.

Das mag nach einer pessimistischen Sicht aussehen. Ist es bei Weitem nicht. Zu sehen, was man Gutes hat, hilft, sich bewusst zu werden, was man braucht und sucht. Und wenn man das weiss, kann man sein Leben im Miteinander und im Alleinsein so einrichten, dass es genau das Leben ist, das einem gut tut. Geniessend, was ist, wissend, was fehlt, daran nicht verzweifelnd, sondern dankbar, dass es noch Ziele und Wünsche gibt, die das Leben vorantreiben. Im Wissen, dass man schon sehr viel hat, das gut ist. Und gewollt. Und gebraucht.

Es geht mir gut

Das Leben ist nicht einfach, überall lauern Gefahren, überall stösst man auf Dinge, die man lieber anders hätte, die schwierig sind, die Freude trüben, Probleme aufwerfen. Man verliebt sich, verlobt sich, heiratet, kriegt Kinder und wumms, ist alles dahin. Das alleine wäre schon schwer genug, aber damit fängt der Ärger erst an. Von nun an ist man damit beschäftigt, das Kind hin und her zu schieben und die Schieberei zu organisieren. Man kämpft mit Verlustängsten des Kindes wegen und mit Neidgefühlen dem Ex gegenüber, der es immer irgendwie besser hat, als man selber. Das gilt für beide Partien, denn jeder sieht die Trauben beim anderen süsser. Dass mittendrin noch ein Kind steht, macht es nicht einfacher, sondern potenziert die Qual. 

Man muss nicht mal so weit gehen. Es gibt schon früher Ärger. In der Arbeitswelt, von der Schwiegermutter, in der Nachbarschaft, überall kann er lauern und einen anspringen. Nichts ahnend geht man durchs Leben und trifft ihn an. Und zahlt dann den Preis dafür, obwohl man ihn nicht suchte (die wenigen streitsüchtigen und Ärger suchenden Exemplare der menschlichen Spezies lassen wir hier mal aussen vor). Und weil man diese Erfahrung immer wieder macht, programmiert sich das menschliche System so, dass es mögliche Gefahren schon erkennt, wenn diese noch nicht mal wirklich greifbar sind. Wie ein Radar werden potentielle Gefahrenherde erkannt, die Alarmglocken springen an und die Phantasierstube beginnt, die schlimmsten Möglichkeiten auszumalen. Die Laune sinkt. 

Was mir an Talent auf der Leinwand fehlt, das schafft meine Phantasierstube: In den buntesten Farben zeichnet sie. Sie erkennt alles, was nur irgendwo problematisch sein könnte. Um keine Farbe verlegen, wird alles bis in die letzte Ecke ausgemalt. Man sieht die Gefahr, zeichnet die Folgen, fühlt förmlich die daraus resultierenden Gefühle. Und weil es damit nicht getan ist, hinterfrage ich mich, die Gefühle, die Situation, die Gefahr und schreibe. Und durch das Schreiben ergibt sich ein Ventil, der Dampf geht ab und eine Zufriedenheit stellt sich ein. Was vorher brodelte, kommt zur Ruhe, es ist verarbeitet und damit ist die Welt wieder im Lot. Bis zum Nächsten.

Schaut man auf Künstlerbiographien, sieht man viele Strudel, viele Krisen, viele Gefahren. Stimmt das alte Klischee des leidenden Künstlers? Bringt Leiden Kreativität mit sich? Ich weiss es nicht, ich bezweifle es. Ich denke eher, es ist das zartfühlende Wesen, das offen ist für die leisen Töne, für die Tasten des Lebens, die oft erst angeschlagen werden müssen. Doch führt diese Sensibilität wohl oft auch zum Leid. Man hört die Melodien zu vieler unangeschlagener Tasten und verzweifelt daran. Man schmilzt zu ungespielter Musik dahin. Etwas ist wohl dran. So lange ich hadere, zweifle, fürchte, fliessen die Buchstaben.

Heute geht es mir gut. Das Leben hat mich überrascht. Ein stilles Einzelkind ohne grosse Familie wurde in ein Familienfest der grossen Art geworfen. Es haderte vorher, vermisste schon im Vorfeld seine Ruhe, seinen Trott, seinen Alltag, sah sich Gefahren ausgesetzt und wollte ihnen bis zu letzt entgehen – ohne Erfolg. Und kam aus der Geschichte mit viel Freude, Zufriedenheit und einem ruhigen Geist. Und mit viel Liebe.

Und ich merkte, dass mir meine Ruhe, mein Trott, meine kleine Welt keinen Augenblick gefehlt hat. Und ich spürte, dass alle Ängste vergebens waren, weil sie unbegründet waren. Und ich merkte, dass es ab und an gut ist, ins kalte Wasser geworfen zu werden. Ich muss sagen: Es geht mir gut. So gut, wie kaum je. Und das ist schön so und es soll so bleiben. Das Leben birgt wohl Gefahren, ich habe einige davon erlebt. Noch viel mehr habe ich sie mir ausgemalt und sie schon ungeschehen gefürchtet. Reichen nicht die tatsächlichen aus? 

Der Mensch und das Leben

Heute blätterte ich in meinem Gedichtebuch und schlug spontan die Seite mit folgendem Gedicht auf:

Der Mensch

Empfangen und genähret
vom Weibe wunderbar,
kömmt er und sieht und höret
und nimmt des Trugs nicht wahr;
gelüstet und begehret
und bringt sein Tränlein dar;
verachtet und verehret;
hat Freude und Gefahr;
glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
hält nichts und alles wahr;
erbauet und zerstöret
und quält sich immerdar;
schläft, wachet, wächst und zehret;
trägt braun und graues Haar,
und alles dieses währet,
wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
und er kömmt nimmer wieder.

Matthias Claudius hat dieses Gedicht 1783 verfasst. Er war zu diesem Zeitpunkt 43, hangelte sich von Stelle zu Stelle, jede sah anfangs vielversprechend aus, endete aber im Nichts. Der finanzielle Erfolg blieb aus. Das Leben als Hamsterrad, ständiger Neuanfang, Aufbau und jäher Absturz. Kein Wunder kam er zu einer solch pessimistischen Sicht. Oder ist sie realistisch?

Das Bild vom Aufbau, Erhalt und von der Zerstörung, dieser Kreislauf des Lebens taucht auch in der östlichen Philosophie auf. Der Hinduismus ordnet den drei Prinzipien die Götter Brahman, Vishnu und Shakti zu. Es scheint sich dabei um eine universale Erfahrung zu handeln. Damit könnte man sich abfinden, sich denken: So ist es halt, das ist das Leben.

Der Mensch strebt aber nach mehr. Er möchte Glück, möchte Erfolg. Er kann mit Zerstörung nicht umgehen, sie bedeutet für ihn Verlust, Versagen und das will er nicht annehmen, das möchte er weit aus seinem Leben streichen. Der Wunsch kann noch so gross sein, schlussendlich nehmen die Dinge immer ihren Lauf. So wie das Leben selber ein Kommen und Gehen ist, so passiert das auch im Kleinen. Alles, was ist, kam irgendwann und geht folgerichtig irgendwann wieder. Das hat man nicht in der Hand. Man kann hadern, Theorien erfinden, Strategien ausdenken, den Lauf der Dinge wird man nicht ändern. 

Was man in der Hand hat, ist die eigene Haltung dazu und auch, wie man diesen Lauf für sich prägt, gestaltet. Mann kann entscheiden, was man aufbauen will, kann seine Kraft in den Erhalt der positiven Werte geben und am Schluss schauen, dass die Zerstörung kein Untergang, sondern Platz für etwas Neues ist. Das Leben steht nie still und so wenig tun wir Menschen es. Zu denken, was mal erbaut ist, steht ewig, wäre gleichzusetzen mit einem Todeswunsch. So lange die Dinge leben, bewegen sie sich. Das erfahren wir oft als Bedrohung, weil wir den Verlust fürchten. Sähen wir es als Chance, könnten wir mit Freude darauf zu gehen. Oder ist die Welt wirklich perfekt, wie sie ist?

Max Frisch: Antwort aus der Stille

Er weiss nur, dass es kein Wiedergutmachen gibt, wenn man sein Leben verpfuscht hat, kein Zurückgreifen in vergangene Zeit, kein Nachholen und Verbessern, keine Gnade; er weiss es wie noch nie, dass alles endgültig ist, was man tut oder nicht tut, jeder Irrtum, jedes Versäumnis […]

Die Geschichte eines Mannes, der den Tod riskiert, um das Leben zu finden. Ein Mann, der sich nicht mit dem zufrieden geben will und kann, was gemeinhin als Leben erscheint. Für ihn ist es nur sinnloses Dasein. Er will mehr, sucht den Sinn des Lebens, sucht sich selber. Er kann sich nicht abfinden mit dem Belanglosen, will ganz hoch hinauf – im wahrsten Sinne des Wortes, in der Hoffnung, da Antworten auf seine Fragen zu finden, Antworten, die über dem Leben stehen, die von weiter oben, von ausserhalb all dessen kommen, das man auf der Erde findet.

 […] immer bleibt diese einsame Stille zurück, die um alles Leben ist und jeden Aufschrei verschluckt, als sei er nie gewesen, diese namenlose Stille, die vielleicht Gott oder das Nichts ist.

Es ist eine metaphysische Suche, getrieben vom fast fieberhaften Pessimismus und Wahn eines Mannes kurz vor der Hochzeit. Er steht an einem Punkt im Leben, an dem er nie sein wollte. Vor ihm scheint die gefürchtete Langeweile des Daseins zu liegen, die den Entschluss reifen lässt: Tat oder Tod. Entschlossen zur Tat macht er sich auf den Weg, den unbezwingbaren Nordgrat zu erklimmen, bereit, alles zu geben, da ohne die Antworten alles nichts ist. Nur indem er den Tod versucht, glaubt er, erfahren zu können, was Leben heisst.

Dass es ein unsagbares Glück ist, leben zu dürfen, und dass wohl nirgends die Leere sein kann, wo dies Gefühl auch nur einmal wirklich errungen worden ist, dies Gefühl der Gnade und des Dankes.

Ein frühes Werk, das schon alles in sich trägt, was den späteren Frisch ausmacht. Es ist ein Buch über die Liebe, ein Buch über Selbstfindung und innere Konflikte. Es ist ein Buch über den Sinn des eigenen Lebens und den Wert anderer in demselben. Es ist ein autobiographisches Werk, wobei die Autobiographie im Inhalt liegt und nicht in den Personen.

Das dünne Büchlein wird beschlossen durch ein Nachwort von Peter von Matt, den ich als Literaturwissenschaftler sehr schätze, der mein eigenes Studium bereichert hat und von dem ich viel lernen durfte. In präzisen Worten zeigt er den roten Faden der Geschichte auf, legt ihren Kern frei und zeigt ihre Berührungspunkte mit dem Leben des Autors auf.

Fazit:

Ein wahrer Lesegenuss. Diese frühe Erzählung wird in meinen Augen zu unrecht als Heimatroman belächelt, sie ist in meinen Augen grosse Literatur.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 172 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag (2011)

Preis: EUR: 7.95 ; CHF 12.90

Max Frisch: Antwort aus der Stille, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2011.

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Aus Fehlern lernen

Man geht durchs Leben und möchte eigentlich alles richtig machen. Ich denke, niemand sagt sich, ich mache es mal genau falsch. Vielleicht macht man ab und an Dinge, von denen man denkt, sie seien auf die eine Seite vielleicht nicht ganz sauber, aber auf einer anderen eben doch. Das nennt sich dann Interessenkonflikt und den muss man irgendwie lösen – meist auf die Weise, dass die höher gestellte Option in der eigenen Wertung zum Zug kommt.

Nicht selten zeigt sich im Nachhinein, dass etwas, das man vorher gut und richtig fand, der Weg, den man vorher wert fand, zu gehen, in einer Sackgasse mündet oder zu einem Ziel führte, das man so nicht wollte. Umdrehen ist selten möglich und wenn, hat man mindestens Zeit verloren. Doch was hat man gewonnen?

Es heisst, aus Fehlern werde man klug. Man sieht, dass das, was man beschlossenerweise tat, nicht das Richtige war. Man lernt daraus, dass a) die Beweggründe falsch gewesen sein müssen, b) man etwas übersehen haben muss, c) man vielleicht gar nicht dahin wollte, es sich nur einbildete oder d) was weiss ich der Fall war. Auf alle Fälle: Es war FALSCH.

Was nun? Die Vergangenheit wird man nicht ändern können. Man kann nur in die Zukunft nehmen, was man aus ihr lernte. Ab und an kann man gewisse Dinge zurecht biegen, manchmal ist es verloren, man muss damit leben und das Ergebnis als Lehrgeld nehmen. Nach dem Motto: Shit happens.

Ich kriegte kürzlich den Rat: Vergiss es. Kann man das? Einfach drüber gehen, vergessen, was war, weiter gehen? Würde man damit nicht einen Teil der eigenen Geschichte verneinen und die Möglichkeit, eine Lehre zu ziehen? Es gibt wohl Menschen, die einfach vergessen können. Die weiter gehen, als ob nichts gewesen wäre, auf zu neuen Taten, auf zu neuen Ufern. Das ist sicher eine Möglichkeit. Und vermutlich die einfachste, da man nie in sich hinein schauen muss, nie sich hinterfragen muss, was man selber falsch machte. Im besten Fall schiebt man beim Vergessen den Schwarzen Peter dem anderen zu und vergisst dann mit triumphierendem Gefühl. Verlockend eigentlich.

Was ist dabei gewonnen? Wohl wenig. Die Situation wird nicht anders, man schaut nur nicht mehr hin. Das ist zwar für den aktuellen Fall erlösend, allerdings liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, dass es einen nächsten, ähnlich gelagerten geben wird. Das Leben richtet es so ein, dass man gewisse Lehren ziehen muss. Es führt einen so lange in ähnliche Situationen, bis man sie bewältigt hat. Der Buddhismus richtet dazu die Wiedergeburt ein, weil er nicht glaubt, dass man es in einem Leben schaffen kann. So oder so: Wir sind wohl da, um zu lernen. Lernen heisst, dem Leben standzuhalten, es zu überleben – bis zum Tod. Der ist unvermeidbar. Ob er einmal oder gar zweimal geschieht, wie James Bond sagt, weiss man nicht so genau. Aus den eigenen Fehlern zu lernen kann dabei aber sicher nicht schaden.

Und damit danke ich all meinen Lehrern, die mein Leben um viele Gedanken bereicherten, danke den Gedanken, die mich ab und an im Kreis drehen, immer aber auch weiter kommen liessen und danke den Kräften, die dazu beitrugen, dass ich alles aushielt und den Weg weiter ging.

Womit habe ich das verdient?

Oft fragt man sich im Leben, wenn einem Schlechtes widerfährt, womit man das verdient hat. Was hat man getan, um so bestraft zu werden? Wieso trifft es einen und keinen anderen – wobei man es niemandem wünschen würde, nur nicht selber haben möchte. Ab und an fragt man sich auch in schönen Momenten, wie man sie verdient habe. Womit den tollen Mann, womit die Glücksmomente. Und nie kriegt man eine Antwort.

Man ist wohl eher bereit, das Gute als verdient anzusehen als das Schlechte, denkt wohl eher, dass dieses angebracht ist. Das Schlechte würde man lieber von sich weisen, sieht es als Irrtum, als ungerecht, als Fehler im (Lebens-)System. 

Die Frage nach dem Warum entspringt der menschlichen Suche nach Sinn im Leben. Alles muss einen Sinn ergeben, denn nur so ist es logisch nachvollziehbar. Mit dem Verstand nicht Erfassbares ist schwer einzuordnen, es kann auch Angst machen, da man es nicht unter Kontrolle hat. Man weiss nicht, wie einem geschieht, kann nichts dagegen tun, wenig dafür. Doch wer sagt, dass die Dinge wirklich Sinn ergeben müssen? Wer sagt, dass das Leben sinnvoll ist, hinter dem Leben ein tieferer Sinn steht? 

Haben wir das Leben verdient? Wir sind quasi reingeworfen worden. Ein kurzer Moment des Spasses, eine zufällige siegreiche Vereinigung von Zellen und daraus entstand das, was wir „Ich“ nennen, was wir als unseren Körper, unser Sein begreifen. Wenn wir das Leben an sich nicht verdient haben, wie sollen wir das, was in ihm passiert verdienen? Ist es nicht genauso Zufall wie alles andere? Sinn des Lebens an sich ist allgemein das Überleben. Evolutionär kommt es zu einer natürlichen Selektion aufgrund verschiedener Kriterien. Das, was bleibt, überlebt, der Rest geht unter. 

Der Mensch will mehr als bloss zu überleben. Er will Glück, will alles, was gut ist, was richtig ist. Den Rest möchte er ausklammern, da er ihm sinnlos erscheint. Und was sinnlos ist, scheint wertlos. Und wenn man nicht mal einen Grund dafür erkennen kann, wieso man sich damit rumschlagen soll, dann hat man es schlicht nicht verdient. Trotzdem ist es da und man muss sich wohl damit abfinden, dass das Leben nie eigener Verdienst ist. Einiges hat man in der Hand (oder glaubt das zumindest), anderes fällt einen aus heiterem Himmel an, ob gut oder schlecht. Aufgabe im Leben ist es, damit umzugehen, Dankbarkeit für all das Gute zu empfinden und Gelassenheit und Mut, das Schlechte zu tragen. 

Elke Schmitter: Frau Sartoris

Wir brauchten keine Beschäftigung, und ich weiss nicht mehr, wie die Zeit verging; ich erinnere mich an das Glück, aber ich weiss nicht mehr, wie es aussah.

Das Geschichte von Margarethe Sartoris ist die Geschichte einer einfachen Frau. Von der grossen Liebe enttäuscht begibt sie sich in eine bequeme Ehe, die im Grunde gut ist, innerlich aber nicht bewegt. Das Leben plätschert dahin, ein Kind wird geboren, kein geliebtes, aber für die Liebe ist die im Haus wohnende Schwiegermutter zuständig. Sie ist es überhaupt, die das Herz der Familie zu sein scheint.

Die Begenung mit Michael erweckt Margarethes eigenes Herz wieder zum Leben. Sie ist bereit, für diesen Mann alles hinter sich zu lassen, ein neues Leben zu beginnen. Dafür setzt sie alles auf eine Karte.

 […] ich wollte mich ihm so unentbehrlich machen, wie er längst für mich war.

Das Schicksal meint es wieder nicht gut, sie wird versetzt.

Ein gefühlvolles Buch ohne moralischen Zeigefinger, ohne Verurteilung. Die Geschichte einer Frau, die den Zugang zu ihren Gefühlen verloren hat und als sie ihn wieder findet, innerlich ganz stirbt. Erst die Wut und die Angst dringen wieder in ihre Gefühlswelt hinein und bringen sie zu einer Tat, welche sie selber wohl nicht für möglich gehalten hätte.

Elke Schnitter wechselt in teilweise sehr schnellem Tempo zwischen verschiedenen Zeiten und Handlungssträngen hin und her. Ab und an muss man zurück lesen, um zu merken, wo man sich gerade befindet. Durch den Wechsel von einer Geschichte zur nächsten bleiben immer wieder Fragen offen, die einen Spannungsbogen bilden, welcher das Buch überzieht. Man mag es kaum aus der Hand legen, möchte die Geheimnisse lüften, wird dabei auch mal überrascht.

Fazit:

Sprachlich schlicht und klar, inhaltlich tief und doch nicht abgründig, erzähltechnisch schön komponiert. Die Geschichte eines Lebens mit all seinen Schwierigkeiten und Entscheidungen. Prädikat absolut lesenswert.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 159 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (November 2012)

Preis: EUR: 8.90 ; CHF 14.90

Elke Schmitter: Frau Sartoris, Deutscher Taschenbuchverlag, München 2012.

 

Zu kaufen bei: Bild und Bild

Das ganz normale Leben

Es gibt  Tage, da fehlen einem irgendwie die Worte. Man erlebt und erfährt Dinge, die man nicht für möglich hielt, muss sie irgendwie im Hirn sortieren, ohne dass wirklich Ordnung resultiert. Man fühlt die ganze Bandbreite der Gefühle, die je fühlbarer sie werden, desto unbenennbarer scheinen.

Mein Weg, mit solchen Dingen umzugehen, ist, darüber zu schreiben. Irgendwann, wenn alles zur Ruhe gekommen ist, der Tag still wird, beginnt meine Zeit der Verarbeitung. Und so sitze ich nun hier. Es ist Nacht, alles schläft, die Eindrücke eines Konzerts wirken noch nach und langsam kommen all die Fragezeichen des Tages wieder hoch.

Mehrmals am Tag hätte ich gerne rausgeschrien. Mein Unverständnis, meine Hilflosigkeit, meine Trauer, meine Wut. Und nun, da alles in die Tasten soll, ist es nicht schreibbar. Nicht, weil es keine Worte gäbe. Aber es betrifft nicht nur mich. Es sind andere Menschen involviert. Kann ich einfach Dinge breittreten, die andere Menschen betreffen? Verletze ich damit nicht ihre Grenzen, ihre Gefühle? Klar würde sie niemand erkennen, der sie nicht kennt oder mich nicht kennt. Wenn mich jemand kennt, gut kennt, könnte er es herausfinden. Und wenn derjenige, der gemeint ist, es liest, wird er sich wiedererkennen. Und es könnte ihm nicht recht sein. Trotz der eigentlichen Anonymität. Irgendwie fühlt es sich falsch an, diese Grenze so bewusst zu überschreiten.

Zurück bleiben die Fragen. Die drehen in meinem Kopf und kommen nicht raus. Ich könnte alles in ein geheimes Tagebuch schreiben, dieses im Safe verschliessen und gut ist. Nur hilft das nicht. Irgendwie. Ich habe mittlerweile ganze Seiten gefüllt, wieder gelöscht. Über selbstgerechte Männer, die Frauen betrügen, über Frauen, die sich an verheiratete Männer heranmachen, deren Familien den Familienvater ausspannen und ihn dann drangsalieren – und damit dem Kind nochmals einen Schaden zufügen. Über Egoisten, die die Macht nutzen, die sie sehen, egal, wie unfair, unverhältnismässig und vermessen sie ist. Über den Menschen allgemein, wie er sich immer selber der Nächste ist, egal, was das für das Umfeld bedeutet.

Ich habe meinem Unmut darüber Luft gemacht, meine Wut in die Tasten gehauen. Und alles wieder gelöscht. Es scheint keine Worte zu geben, es scheint, als ob alles die öffentlich mögliche Sprache überschreitet. Doch im Innern brodelt es. Und es findet kein Ende. Findet keine Lösung, keine ER-Lösung.

Ab und an wünsche ich mich auf eine einsame Insel, auf der niemand ist. Auf der ich mit meinem Hund über die Wiesen laufen könnte, frei, unbeschwert, ohne all diesen Mist, der mein Hirn zermartert. Udo Jürgen singt in einem Lied, dass die Seele voller Narben sind, man Angst hätte, sie brechen auf und sich drum nicht auf das Leben, die Menschen, Beziehungen einlassen möchte. Wie recht er hat.

„Beziehungen sind schwierig.“ Das schrieb mir heute ein Mensch, der mir mal nahe war. Er liess mich damals durch die Hölle gehen. Im Moment scheint er da zu sein. Wieso kann ich mich nicht freuen, denken „geschieht ihm recht“? Er tut mir leid. Von Herzen. Und er hat recht. Sie sind verdammt schwierig. Weil sie in einem Spannungsfeld von Wünschen, Hoffnungen, Gefühlen, Erwartungen und Überforderungen stehen. Schaut man die Sache wissenschaftlich an, weiss man, dass komplexe Systeme mit mehr als zwei Komponenten unvorhersehbar sind. Wie also soll man wissen, wie Beziehungen herauskommen, wenn so viele Punkte drin stecken? Wie kann man sich auf ein solches Risikospiel einlassen?

Weil man wohl ohne nicht leben kann. Nur sollte man sich dann vielleicht einmal darum bemühen, realistische Erwartungen daran zu setzen. Nicht ständig die rosa Wolke zu erwarten und gleich Gewitterwolken aufziehen lassen, wenn mal die Sonne fehlt. Nicht gleich den Bettel hinwerfen, wenn verlockendere Bagage an der Gepäckausgabe steht. Aber das scheint in einer Zeit, in der nichts unmöglich und die Welt so, wie man sie sich denkt, werden kann, überholt.. Komisch nur, dass immer mehr Menschen krank werden, zerbrechen gar. Vielleicht sollte man die Möglichkeiten halt doch mal endlich und das Leben nicht als Wunschkonzert, sondern als harte Realität sehen, in der es wunderbar tragend ist, eine Beziehung zu haben, die hält, nicht eine, die grad rosarot sexy in Dessous und mit drei freien Wünschen daherkommt.