Rezension – Pema Chödrön: Wie wir leben, so sterben wir

«Jede positive Energie, die wir uns oder aneren zufliessen lassen, schafft eine Atmosphäre der Liebe und des Mitgefühls, die immer Weitere Kreise zieht – wer weiss, wie weit?»

Nur schon wegen Sätzen wie diesem, lohnt es sich, dieses Buch zu lesen. Aber da ist noch mehr: Pema Chödrön behandelt das Thema, dem keiner von uns entfliehen kann, und das doch selten eines ist, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Dieses Ausblenden des Todes im Alltags ist erstaunlich, weil er doch zu den wenigen Gewissheiten unseres Lebens gehört. Die buddhistische Lehrerin Pema Chödrön stellt sich dieser Verdrängung bewusst entgegen. Ihr Buch Wie wir leben, so sterben wir lädt dazu ein, den Tod nicht als bedrohlichen Endpunkt zu betrachten, sondern als Teil eines fortwährenden Wandels, der das ganze Leben durchzieht.

«Nicht die Vergänglichkeit bewirkt, dass wir leiden. Wir leiden, weil wir wollen, dass die Dinge dauerhaft sind, obwohl sie es nicht sind.»

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist eine zentrale Einsicht buddhistischer Praxis: Alles ist vergänglich. Nichts bleibt, wie es ist – weder Freude noch Schmerz, weder Begegnungen noch Lebensumstände. Statt diese „grundlegende Bodenlosigkeit“ zu fürchten, schlägt Chödrön vor, sie als Einladung zu verstehen, das Leben wacher und offener zu führen. Wer akzeptiert, dass alles im Fluss ist, kann lernen, sich auch den Übergängen des Lebens – bis hin zum Sterben – ohne Abwehr zuzuwenden.

Das Buch ist in 25 kurze Lektionen gegliedert, die praktische und meditative Zugänge zu dieser Haltung eröffnen. Ein zentraler Gedanke dabei ist, dass der Umgang mit schwierigen Emotionen Teil des Weges ist. Trauer, Wut oder Hoffnungslosigkeit werden nicht als Hindernisse verstanden, sondern als Erfahrungen, die bewusst wahrgenommen und mit Mitgefühl gehalten werden können. In Übungen wie dem „mitfühlenden Verweilen“ zeigt Chödrön Wege auf, wie wir lernen können, unsere Gefühle auszuhalten, statt vor ihnen zu fliehen – eine Haltung, die nach ihrer Auffassung nicht nur zu mehr innerer Verbundenheit führt, sondern auch auf das Sterben vorbereitet.

Im zweiten Teil des Buches wendet sich Chödrön den sogenannten Bardo-Lehren des tibetischen Buddhismus zu – jenen Übergangszuständen zwischen Leben, Tod und Wiedergeburt, wie sie etwa im Tibetischen Totenbuch beschrieben werden. Dabei interpretiert sie diese Lehren nicht nur kosmologisch, sondern auch psychologisch: Die verschiedenen Daseinsbereiche können ebenso als innere Zustände verstanden werden, die wir im Leben immer wieder durchlaufen. Auf diese Weise bleiben ihre Überlegungen auch für Leserinnen und Leser zugänglich, die mit der buddhistischen Vorstellung von Wiedergeburt wenig anfangen können.
Besonders hilfreich sind die konkreten Hinweise zum Umgang mit dem eigenen Sterben und zur Begleitung Sterbender. Ergänzt werden sie durch einen umfangreichen Anhang mit Meditationsanleitungen und übersichtlichen Darstellungen zentraler buddhistischer Konzepte.

Pema Chödrön gelingt es, ein existenziell schweres Thema in einer ruhigen und zugleich ermutigenden Sprache zu behandeln. Ihr Buch ist keine theoretische Abhandlung über Tod und Jenseits, sondern vielmehr eine Einladung zu einer veränderten Haltung gegenüber dem Leben selbst. Wer lernt, die vielen kleinen Abschiede des Alltags anzunehmen, so ihre Botschaft, wird dem großen Abschied eines Tages mit weniger Angst begegnen können.

Wie wir leben, so sterben wir ist damit vor allem ein Buch über das Leben: über die Kunst, Wandel zu akzeptieren, Unsicherheit auszuhalten und dem, was geschieht, mit Offenheit und Mitgefühl zu begegnen. Gerade darin liegt seine stille, aber nachhaltige Kraft.

Aus dem Bücherregal – Niklaus Brantschen: Du bist die Welt

«Religionen sind nicht vom Himmel gefallen. Sie sind menschengemacht. Und da sie in der Zeit des sogenannten Patriarchats entstanden sind, also männerzentriert und hierarchisch strukturiert sind, fallen sie aus der Zeit – buchstäblich.»

Niklaus Brantschens Buch Du bist die Welt beginnt unspektakulär – mit einem Besuch bei seiner Nichte. Sie pflegt einen Kräutergarten, arbeitet naturverbunden und bezeichnet sich unter anderem als Schamanin. Für Brantschen, Jesuit und Zen-Meister, ist das zunächst ein Feld von Projektionen. Schamanismus verbindet er mit gängigen Klischees: Exotik, Trommeln, Ekstase, vielleicht etwas esoterischer Unschärfe.
Gerade von dieser Skepsis aus setzt das Buch an.

«…offen zu sein bedeutet für mich vor allem dies: Ich muss nicht verteidigen, muss nicht rechtfertigen.»

Brantschen unternimmt keine analytische Klärung des Begriffs „Schamanismus“. Er liefert weder eine systematische Definition noch eine historische Einordnung. Sein Zugang ist ein existenzieller: Er will verstehen, was seine Nichte tut. Dafür hinterfragt er immer wieder sich und sein Leben, untersucht Begegnungen, in denen schon angelegt ist, was er nun zu ergründen sucht, nämlich das Leben in und mit der Natur und anderen Menschen in ihrer Vielfalt.

«Wie lebe ich so auf diesem schönen Planeten, dass auch unsere Kinder und Kindeskinder einst stolz den Namen Mensch tragen? Wer bin ich, wenn ich ein Teil der Welt bin und die Welt ein Teil von mir? Wenn ich die Welt bin?
Erst war ich Mensch, jetzt bin ich Welt.“

Im Zentrum seines Forschens steht nicht die Frage „Was ist Schamanismus?“, sondern: Was haben wir verlernt? Dabei stellt er eine Entfremdung von der Natur – und damit von uns selbst – fest. Vor diesem Hintergrund erscheint ihm der Schamanismus als eine Praxis, die den Menschen wieder in ein Beziehungsgeflecht stellt: mit Pflanzen, Tieren, Elementen, mit anderen Menschen. „Du bist die Welt“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Du stehst ihr nicht gegenüber, du bist Teil ihres lebendigen Zusammenhangs.

Es ist ein gewisses »Etwas«, das man bodenständige, weltoffene Spiritualität nennen kann. Oder interreligiöse Spiritualität. Oder schamanische Lebensweise. Oder man kann es einfach »Leben« nennen. Leben, das alles ein- und nichts ausschließt, das mir als Individuum Sinn gibt, das mich trägt und zu dessen Gelingen ich beitragen darf
Dieses Buch ist eher eine Spurensuche als eine Lehre. Schamanismus wird zu einer Chiffre für eine Lebensweise, die die Natur achtet, ihre Eigenwürde anerkennt und sie gerade deshalb schützen will. In Zeiten ökologischer Krisen gewinnt diese Haltung für Niklaus Brantschen normative Kraft.

Das Buch ist getragen von einer ruhigen, menschlichen Stimme. Nachdem ich Niklaus Brantschen aus vielen Interviews und Gesprächen kenne, sah ich ihn beim Lesen förmlich vor mir. So kam mir das Buch manchmal wie eine Erzählung vor, der ich nur zu gerne folgte.

Fazit
Wer eine Einführung in schamanische Praktiken oder eine ethnologische Abhandlung erwartet, wird enttäuscht sein. Brantschen schreibt als Suchender. Er tastet sich vor, reflektiert eigene Vorurteile, lässt Erfahrungen wirken. Der Text lebt vom Perspektivenwechsel: vom anfänglichen Befremden zur Anerkennung einer spirituellen Intelligenz, die im Umgang mit Natur gründet.

Gerade diese persönliche Anlage macht die Stärke – und zugleich die Begrenzung – des Buches aus. Es argumentiert nicht streng, sondern erzählend. Es überzeugt weniger durch Belege als durch Nachdenklichkeit.
Getragen wird das Ganze durch eine ruhige, schlichte Sprache, welche erzählendes und reflektierendes Beobachten mit spiritueller Einsicht verbindet. Ein wahrlich menschliches Buch, das berührt und zum Nachdenken anregt.

Zitat: Einfach mal verrückt sein

Ist das so? Und wenn ja, wieso? Vielleicht, weil man dann, wenn man verrückt ist, sich nicht mehr anpasst, nicht mehr Normen zu entsprechen und Erwartungen zu erfüllen versucht. Und vielleicht ist man dann, wenn man verrückt ist (was ja meist eine Zuschreibung von aussen ist, weil man eben genau all das vorher Gesagte aufgegeben hat) im Wahrsten Sinne eben nicht ver-rückt, sondern bei sich. Quasi im ureigenen Sein.

Habt einen schönen Tag!

Gedankensplitter: Das Leben als Fest

«Ich weiss, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist? Und mein Leben ist ein Fest, ein kurzes, intensives Fest.» Paula Becker

Das schreibt Paula Becker mit gerade mal zwanzig Jahren. Ist es eine Ahnung auf ein wirklich kurzes Leben? Anzeichen dafür kann sie keine gehabt haben. Oder ist es eine Lebensphilosophie? Ähnlich wie Rilke, sie ist mit ihm befreundet, sagt:

«Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.»

Was machte Paulas Leben zu diesem Fest? Ich denke, es war ihr unbeirrtes Einstehen für sich und ihre Kunst. Es war ihre Leidenschaft und die Bereitschaft, alles in Kauf zu nehmen, wenn sie dieser nur Raum geben konnte.

«Ich sehe, dass meine Ziele sich mehr und mehr von den Euren entfernen werden, dass Ihr sie weniger und weniger billigen werdet. Und trotz alledem muss ich ihnen folgen… Ich strebe vorwärts, gerade so gut als ihr, aber in meinem Geist und in meiner Haut und nach meinem Dafürhalten.» Paula Becker

Sich freimachen vom Gefallen-Wollen. Das war wohl schon immer ein Thema, vor allem für Frauen, es ist es aber in der heutigen Zeit wohl noch mehr mit all den Sozialen Medien, in denen es auf Klicks ankommt, die darüber bestimmen, ob man akzeptiert und dazugehörend sei oder eben nicht. Vielleicht ist es da aber wie bei der Lebensdauer: Nicht die Zahl der Klicks zählt, sondern die Menschen dahinter und das Miteinander im Tun und gegenseitigen Sehen und gesehen Werden – gesehen werden als Mensch, der man ist.

Zum 51. Todestag von Ingeborg Bachmann


«Ständig bewohnt von Gefühlen

Gespinst voll von Gespinsten
wehenden,
flatternden, zerrissenen

veränderlichen, denen ich ein

mangelhaftes Haus aus Fleisch und Wasser und Muskel

und Haut gebaut hab.»

Heute vor 51 Jahren starb Ingeborg Bachmann. Ich hebe mein Glas auf diese wunderbare, tiefgründige Frau und Schriftstellerin, die so viele verschiedene Facetten in sich trug, dass wohl nie alle ans Licht kommen werden. Das macht sie einerseits zum Mysterium, andererseits aber zutiefst menschlich, sind wir doch alle mit unterschiedlichen Sehnsüchten, Anlagen und Facetten bestückt.

Selbst gab sie kaum Informationen über sich preis, und wenn, dann widersprachen sich die einzelnen in einer Weise, dass man nie sicher sein konnte, was denn nun stimmte. Diese Mehrdeutigkeit war nicht nur in ihren Selbstaussagen zu finden, auch ihr Verhalten sprach eine ähnliche Sprache. Mal ungeschickt, schüchtern flüsternd, dann wieder ganz Ikone und Grand Dame der Deutschen Lyrik. Dass vieles davon nur Selbstinszenierung war, liegt auf der Hand, gedacht als Schutzschild, was auf eine unsichere Person hinter diesem deuten lässt. Liest man die Lebensgeschichte, lässt sich dieses Bild leicht bestätigen. Und doch wusste Bachmann schon früh, was sie will im Leben: Schreiben.

In diesem kommt man Ingeborg Bachmann wohl auch am nächsten. Dabei finden sich darin keine chronologischen Lebenserzählungen, sondern eher Bilder von Gefühlswelten. Oft schreibt sie von Frauen als verwundetes Wesen, von grausamen Männern, von nicht gelebter Liebe, von Tod, Angst, Mord, Unsicherheiten? Wäre es bloss eine Geschichte mit diesen Themen, könnte man an schöpferische Freiheit und phantasievolle Vorstellung glauben, doch in der Dichte? Glaubt man Goethes Aussage, dass alles Schreiben autobiographisch ist, so muss man zum Schluss kommen, dass ganz viel Ingeborg im Bachmannschen Werk steckt

«Der Krieg wird nicht mehr erklärt,

sondern fortgesetzt. Das Unerhörte

ist alltäglich geworden. Der Held

bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache

Ist in die Feuerzone gerückt.

Die Uniform des Tages ist die Geduld,

die Auszeichnung der armselige Stern

der Hoffnung über dem Herzen.»

Ingeborg Bachmann fühlte sich lange, wenn nicht zeitlebens schuldig für ihre Herkunft als Tätertochter. Sie hat es als Pflicht gesehen, ihren Teil dazu beizutragen, dass nicht einfach weiter geht, was so viel Unheil angerichtet hat. Dies tat sie unter anderen mit ihren Gedichten, später auch in der Prosa, indem sie die Geschichte und die durch diese aufgeladene Schuld immer wieder thematisierte, den (eigentlichen Nicht-) Umgang damit durch ihre Beschreibung der Kritik zugänglich machte.

Hinschauen wollte sie, nicht schweigen – zumindest im öffentlichen Raum, denn über das Private, vor allem die Vergangenheit ihres Vaters, schwieg auch sie.

«Allein sein. Frei sein.»

Sucht man einen einzigen Ausdruck, der Ingeborg Bachmann beschreiben soll, so könnte man sie wohl eine «unglücklich Liebende» nennen. Zeitlebens auf der Suche nach Liebe, wollte sich doch keine wirklich lebbare einstellen. Das mag teilweise an den Männern gelegen haben, hatte aber sicher auch einen grossen Anteil bei Bachmann selber. Sie konnte und wollte sich nicht anpassen, unterordnen, abhängig sein, sie kämpfte für ihre Freiheit, ihre Autonomie. Und: Sie stellte ihr Schreiben über alles. Sie war nicht bereit, dafür Zugeständnisse zu machen. So scheiterte ihre grosse Liebe zu Paul Celan, die Beziehung mit Max Frisch, und auch jede Liebelei zwischendurch. Zurück blieb eine einsame Frau, die am Leben und der fehlenden Liebe krankte. Und irgendwann blieben auch die Worte aus, um die sie sowieso zeitlebens kämpfte, da sie ihr selten einfach zuflogen.

„Meine Gedichte sind mir abhanden gekommen.

Ich suche sie in allen Zimmerwinkeln.

Weiss vor Schmerz nicht, wie man einen Schmerz

aufschreibt, weiss überhaupt nichts mehr.

Weiss, dass man so nicht daherreden kann,

es muss würziger sein, eine gepfefferte Metapher.

müsste einem einfallen. Aber mit dem Messer im Rücken.

Parlo e tacio, flüchte ich mich in ein Idion,

in dem sogar Spanisches vorkommt, los toros y

las planetas, auf einer alten gestohlenen Platte

vielleicht noch zu hören. Mit ezwas Französischem

geht es auch, tu es mon amour depuis si longtemps.

Adieu, ihr schönen Worte, mit euren Verheissungen.

Warum habt ihr mich verlassen. War euch nicht wohl?

Ich habe euch hinterlegt bei einem Herzen, aus Stein.

Tut dort für mich, Haltet dort aus, tut dort für mich ein Werk.“

Mit nur 47 Jahren ist Ingeborg Bachmann gestorben. Ihr Tod war genauso mysteriös wie ihr Leben. Ein Kreis schloss sic

„Wir halten. Beenden den Trott.

Sonst ist auch das Ende verdorben.

Und richten die Augen auf Gott:

wir haben den Abschied erworben!“

Leseerlebnisse – Benedict Wells: Die Geschichten in uns

Vom Schreiben und vom Leben

«Denn Erzählen, ob mündlich oder schriftlich, holt uns vielmehr erst in die Welt. Es macht uns greifbar und gibt uns die Möglichkeit, das Erlebte zu teilen.»

Nicht nur der Untertitel erinnert an Stephen Kings Buch «Das Leben und das Schreiben», das ganze Buch tut es. Trotzdem ist es nicht einfach eine Kopie. Benedict Wells schreibt offen wie nie über sein Aufwachsen, über seinen Weg hin zum Schriftsteller, der er heute ist. Er schreibt von seinen Plänen, von der Umsetzung, schreibt davon, wie ein Roman entsteht bei ihm und woran er anfangs scheiterte. Ein ehrliches, ein tiefgründiges, ein persönliches Buch.

«Ich habe Geschichten erfunden, weil ich meine eigene lange nicht erzählen konnte.»

Wenn die eigene Geschichte keine leichte ist, fällt es oft schwer, genauer hinzuschauen. Es braucht eine Distanz, die den Schmerz mildert, der zu befürchten ist, wenn man noch in das Vergangene hineinsticht. Und das muss man, will man davon erzählen. Benedict Wells hat Zeit gebraucht, seine eigene Geschichte zu erzählen. Er hat sie hinter sich gelassen und doch immer wieder an ihr entlang geschrieben, indem die Themen seiner Bücher immer um die Themen kreisten, die auch ihn über all die Jahre seines Aufwachsens geprägt haben.

«Wenn ich keine Worte für meine tieferen Gefühle habe, empfinde ich sie überhaupt? Weiss ich dann wirklich, wer ich bin, oder bleibe ich mir am Ende ein Schatten?»

Dass das so ist, hat er nicht selbst gemerkt. Erst als ihn Leser und Freunde darauf hinwiesen, dass in allen seinen Büchern die Einsamkeit ein zentrales Thema war, fiel es auch ihm auf. Irgendwann beschloss er, nun eine Weile keinen Roman mehr zu schreiben. Das war der Moment, an dem er sich für seine eigene Geschichte öffnete. Die Zeit war wohl reif dafür. Entstanden ist dieses wunderbare Buch, in welchem er einen wirklich offenen Blick gewährt auf seine Kindheit, auf sein Aufwachsen, auf seine Hintergründe, die ihn zu dem Schriftsteller werden liessen, der er ist.

«Ich habe Schreiben gelernt, um Gefühlen nicht mehr ausgeliefert zu sein, sondern sie ins Bewusstsein zu holen und mit Menschen zu teilen, die mir wichtig sind.»

Neben dem Blick auf sein Leben gewährt er auch einen auf sein Schaffen. Er schreibt über seinen Prozess von der Idee hin zum fertigen Buch, schreibt von seinen Schwierigkeiten, Niederlagen, von seinem Scheitern und auch vom Erfolg. Entstanden ist ein wunderbar tiefes, ehrliches und authentisches Buch.

«Und so haben wir alle unsere charakterlichen Defizite und Stärken, die sich auf unseren Arbeitsprozess auswirken. Es bringt nichts, sich zu vergleichen und von Hand zu schreiben, nur weil die Lieblingsautorin das macht.»

Wer hofft, mit diesem Buch nun den ultimativen Ratgeber für das Schreiben eines eigenen Buches zu haben, den wird das Buch enttäuschen. Zwar legt es den Schreibprozess von Wells offen, zeigt seinen Werkzeugkasten, zeigt, wie er arbeitet und was auf dem Weg vom ersten Gedanken hin zum fertigen Buch alles zum Einsatz kommt, doch ist es eben genau das: Der Schreibprozess von Benedict Wells. Es gibt wohl so viele Möglichkeiten, ein Buch zu schreiben, wie es Schriftsteller gibt. Jeder muss für sich herausfinden, was am besten passt.

«Es gibt keine todsicheren Tipps für das Schreiben, nur Übung und das Sammeln von Erfahrung.»

(Benedict Wells: Die Geschichten in uns. Vom Leben und vom Schreiben, Diogenes Verlag 2024.)

Eine neue Liebe: Paul Auster

„Ich glaube, der Ewigkeit kommt man am nächsten, wenn man in der Gegenwart lebt.“ Paul Auster

Wie viele Jahre dachte ich immer, etwas von Auster lesen zu wollen – und habe es nicht getan. Immer wieder war der Name präsent, aus den unterschiedlichsten Gründen. Ich schaute Interviews, war begeistert von dem, was ich hörte und von der Art, wie er es formulierte. Wie schön müsste dann erst seine Literatur sein, dachte ich. Und las sie nicht. Bis «Baumgartner» erschien und ich es gelesen habe. Ich bedauerte mein Versäumnis und wollte alles nachholen – und tat es nicht. Nun ist er gestorben und ich habe zu lesen begonnen. 

Ich habe mir überlegt, wie oft das sonst vorkommt: Ich mir Dinge vornehme und sie dann doch liegen bleiben, weil ich immer mit anderem beschäftigt bin und aufschiebe. (So wie gestern mein Vorhaben, intensiv zu schreiben – ich musste lesen). Bei Paul Auster habe ich das Glück, dass er mir die Bücher zurückgelassen hat, doch das ist nicht immer so. Ich nehme mir vor, künftig bewusster hinzuschauen, ob das Aufschieben wirklich gut ist oder nicht. (…)

Was von Paul Auster habt ihr gelesen? Welches war euer Lieblings-Auster?

Gedankensplitter: Der sichere Ort

„In der Trostlosigkeit der Provinz muss man sich etwas schaffen, das wir… ‘Querencia’ nannten, einen Ort, an dem man sich gegen alles gesichert fühlt.» Simone de Beauvoir («In den besten Jahren)

Im Spanischen gibt es den Begriff „querencia“. Er bedeutet, sich einen Ort zu schaffen, an dem man sich geborgen und sicher fühlt, ein Zuhause für die eigene Seele quasi. Ich mag dieses Bild. Es trägt in sich die Sehnsucht nach der Geborgenheit und auch die Möglichkeit, die für sich selbst zu schaffen, selbst – und gerade, wenn – es im Aussen unangenehm, gefährlich, betrüblich scheint. Das kann das eigene Bett sein, das Sofa, ein Stuhl am Küchentisch, ein Baum im Wald – es ist ein Ort, den man für sich dazu bestimmt, dieser Zufluchtsort zu sein. Manchmal baut man ihn sich auch im Innern. Man bildet Mauern, hinter denen man sich verschanzt, so dass nichts von all dem, was einen traurig macht, stört, verunsichert, mehr durchdringt. Leider dringt dann auch viel Schönes nicht mehr durch, wir werden verschlossen, undurchdringlich, sind abgekapselt vom wirklichen Empfinden dessen, was ist und was gut ist, guttun könnte. 

„Auch der grösste Marsch beginnt mit dem ersten Schritt.“ Laotse

Wo ist die Grenze? Wo kann ich Mauern einreissen, wo brauche ich sie? Welche Mauern haben ihre Funktion erfüllt und ich brauche sie nicht mehr, welche sind noch immer dringend nötig? Manchmal hilft es vielleicht, zuerst ein Fenster in die Mauer zu schlagen, aus dem man rausschauen kann. Vielleicht ist es manchmal der erste kleine Schritt, der hilft, weitere zu gehen. Es muss nicht alles aufs Mal sein, nicht immer von jetzt auf gleich. Auch kleine Schritte führen zum Ziel. Manchmal sogar nur die. 

Anekdoten: Gute Vorsätze

Es geht ja nichts über gute Vorsätze. In klugen Momenten, in denen man weiss, wie die Welt richtig lauft, fasst man sie und sieht die Zukunft in trockenen Tüchern, denn man weiss ja nun, wie es geht. Einer meiner guten Vorsätze war:

«Ich kaufe erst ein neues Buch, wenn ich die vorhandenen Bücher gelesen habe.»

Ein einfacher Satz (also nicht ganz, immerhin zusammengesetzt), gut verständlich, es kann also nichts mehr schief gehen. Bis ich merkte: Das ist verdammt schwer. ALs Literatur liebender Mensch beschäftige ich mich auch neben dem eigentlichen Lesen mit Büchern, höre Podcasts, lese Artikel, schaue mir Rezensionen und Bücherportale an und stosse dabei immer wieder auf Bücher, die man unbedingt gelesen haben muss. Oder ich höre ein Interview mit einem Schriftsteller, der so intelligent, so sympathisch, so humorvoll, so… toll ist, dass ich unbedingt etwas lesen will. Wenn er dann auch noch von seinen liebsten Büchern schwärmt, ist es schon fast um mich geschehen: Die müssen ja gut sein, wenn er sie gut findet. 

Und ich finde mich kurz darauf vor dem Computer wieder, nach den so gefundenen Büchern suchend, voller Elan und Tatendrang – und vor allem: Voller Vergessen der einmal gefassten Vorsätze. Die versuchen sich dann manchmal, einen Weg zu meinem Bewusstsein freizuschaufeln, was sogar kurz gelingen will, in einem inneren Kampf weiter geht und doch häufig in der Niederlage der Vorsätze. 

Es ist und bleibt schwierig mit Vorsätzen…

Habt einen schönen Tag!

Gedankensplitter: Die Würde der eigenen Wahl

«Die Würde des Menschen liegt in seiner Wahl» Max Frisch.»

Man meint es ja immer nur gut. Man verschweigt was, weil man denkt, der andere könnte damit nicht umgehen. Man handelt hinter seinem Rücken und fühlt sich gut, weil man das Richtige tut. Aus der eigenen Sicht und für den anderen. Man merkt oft nicht, welche Überheblichkeit in dem «gut meinen» steckt, zu sehr ist man vom eigenen Urteil, von der eigenen Einschätzung überzeugt. Und genau darin liegt sie, die Überheblichkeit. Man nimmt damit dem anderen die Wahl, selbst zu entscheiden, wie er mit etwas umgehen will und kann, da er gar nicht weiss, dass er eine hatte. Er wusste nichts. Von allem. Er wurde übergangen, aussenvorgelassen. Man traute ihm nicht zu, selbst einen Weg zu finden. Man traute ihm zu wenig zu, hielt ihn damit klein. So klein, wie er vielleicht gar nicht wäre, würde man ihn einbeziehen.

Wie oft habe ich schon selbst erlebt, dass ich in Situationen kam, von denen ich vorher dachte, sie nicht bewältigen zu können. Und dann traf etwas ein, ich war mittendrin und ich musste. Und es ging. Emmy Hennings sagte so schön:

«Es geht ja immer, wenn auch manchmal schief.»

Auch das darf sein. Würdevoll einen Irrweg zu beschreiten ist immer noch besser, als entwürdigt zu sein. Das ist auch ein Aufruf an einen selbst: Nicht das Ruder aus der Hand geben. Irrwege heissen nicht, dass man gescheitert ist. Ein Fehler ist kein Niedergang. Das Leben hat Höhen und Tiefen. Und wir bewältigen sie. Nicht dass wir sie uns wünschen. Aber: Wie bewältigen sie. Wenn man uns lässt.

Anekdoten: Verbrecher aufgepasst

Als Kind wollte ich Detektiv werden. Ich wollte für Recht und Ordnung sorgen, wollte Gerechtigkeit siegen lassen. Und: Ich wollte es nicht irgendwann, sondern gleich.

Ich erklärte also mein Kinderzimmer zu meinem Büro und begann, es entsprechend zu gestalten. Ich malte ein Schild mit der Aufschrift: «Detektei Dan Tanner». Ich muss den Namen aus einem der Krimis abgeleitet haben, den ich gerade schaute, auf alle Fälle war klar, dass es ein Mann sein musste. Da ich damals Jungs eh cooler fand als Mädchen, kam mir das gelegen – oder war vielleicht auch darum gewollt.

Auf alle Fälle hing nun also dieses Schild an der Tür mit dem Vermerk: «Klopfen vor dem Eintreten». Was mir sowieso immer wichtig war, konnte ich so explizit einfordern und damit an den Mann, die Frau, die potenziellen Klienten bringen. Mit dem Schild war es noch nicht getan. Als nächstes kam mein Pult dran. Zuerst musste ich es verschieben, damit das Ganze auch einen professionellen Anschein macht: Stirnseite zur Tür, so dass ich die Eintretenden gleich im Blick hatte. So sassen sie auch immer in den Filmen und die mussten es ja wissen. Danach musste es entsprechend eingerichtet werden: Karteikasten, Notizblock, säuberlich aufgereihte Stifte. Ich besorgte mir einen Detektivkoffer mit Fingerabdruckpulver, Lupe und einigem mehr und ordnete auch das schön auf dem Tisch an. Ich entwarf auch ein Tischschild, auf dem nochmals mein Name mit Funktion standen. Sah das alles toll und professionell aus, ich war stolz!

Leider kam ich ob all dieser zeitaufwendigen Vorbereitungen nie dazu, einen Fall zu lösen. Den Verbrechern wäre ein Stein vom Herzen gefallen, hätten sie es gewusst.

Joan Didion: Das Jahr magischen Denkens

Inhalt

«Das Leben ändert sich schnell
Das Leben ändert sich in einem Augenblick.
Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben,
das man kennt, hört auf.
Die Frage des Selbstmitleids»

Joan Didions Mann stirbt bei einem Nachtessen an einem Herzinfarkt, ein Tod aus dem Nichts, den sie lange nicht fassen kann, nicht wahrhaben will. In diesem Buch erzählt sie vom Tod und seinen Hinterlassenschaften, von ihren Gefühlen, von ihrem Erleben, von all den Dingen und Begebenheiten, die sich mit und nach dem Tod eingestellt haben.

«Leid kommt, wenn es eintrifft, in nichts dem gleich, was wir erwarten.»

Sie schreibt dicht aus dem Leben, dem Denken und Fühlen entlang. Sie entlarvt ihre eigenen Gedanken und Gefühle schreibend, versucht, sie so selbst zu verstehen. Sie erklärt, wieso sie in Situationen handelte, wie sie es tat, sie hatte Gründe, die erst im Nachhinein klar wurden. Sie erkennt die Mechanismen und Ängste, die in allem stecken, sie ordnet ihre Reaktionen ein.

«Dies ist ein Fall, in dem ich mehr als Worte brauche, um den Sinn zu finden. Dies ist ein Fall, in dem ich alles brauche, was die Fassade durchdringt oder durchdringen könnte, wenigstens für mich.»

Entstanden ist ein feines, stilles, zum Nachdenken anregendes Buch, das ohne Pathos oder Selbstmitleid vom persönlichen Umgang mit dem Tod spricht. Ein Buch, das zu Herzen geht, weil es von Herzen kommt.

Gedanken zum Buch

«Leid ist anders. Leid kennt keinen Abstand. Leid kommt in Wellen, in Anfällen, in plötzlichen Befürchtungen, die die Knie weich machen und die Augen blind und den Alltag auslöschen.»

Leid lässt sich nicht planen. Es lässt sich auch nicht steuern. Leid kommt und ist dann unmittelbar da, trifft den Menschen mit ganzer Wucht, durchdringt all seine Zellen. Leid ist kein Zustand, es ist ein Aufwallen und langsames Abebben – bis zum nächsten Mal. Im Leid prägt dieses alles, was passiert, es ist überall Teil, ein bestimmender, alles übrige einfärbender.

«Natürlich wusste ich, dass John tot war… Trotzdem war ich keineswegs darauf vorbereitet, diese Nachricht als eine endgültige zu akzeptieren: Es gab eine Ebene, auf der ich glaubte, dass das, was passiert war, rückgängig gemacht werden konnte. Deshalb musste ich allein sein… Ich musste allein sein, damit er zurückkommen konnte. So begann mein Jahr des magischen Denkens.»

Joan Didion zögert, Johns Schuhe und anderen Dinge wegzugeben. Er würde sie brauchen, wenn er zurückkäme. Sie zögert mit allem, was den Tod offensichtlich, unwiderruflich macht. Die Logik des Verstands ist ausgeschaltet, die diffuse Hoffnung, jegliche Wahrscheinlichkeit entbehrend, behält die Oberhand.

«Hatte er mich nicht immer ermahnt, wenn ich mein Notizbuch vergessen hatte, dass die Möglichkeit, einen Gedanken sofort zu notieren, ausschlaggebend war für den Unterschied zwischen Schreiben-können und Nicht-schreiben-können?»

Schreiben ist für Joan Didion das, was sie ausmacht. Von Kind an steht diese Berufung fest, sie ist die Konstante das ganze Leben hindurch. Mit John Dunne hat sie einen Mann an ihrer Seite gehabt, der sein Leben ebenso dem Schreiben widmete wie sie selbst. Neben gemeinsamen Projekten gab es auch die je eigenen, bei denen der jeweils andere aber immer Anteil hatte. Das Schreiben bleibt auch nach dem Tod von John Dunne zentral. Es ist Halt, es ist Mittel, zu verdrängen, aber auch Mittel, um sich dem Verstehen anzunähern.  

«Ich war mein Leben lang Schriftstellerin. Als Schriftstellerin sogar als Kind und lange bevor das, was ich schrieb, überhaupt veröffentlicht wurde, entwickelte ich ein Gefühl dafür, dass der eigentliche Sinn bereits im Rhythmus der Worte und Sätze und Abschnitte angelegt ist; eine Technik, um genau das zu verschweigen, was sich, wie ich vermutete, hinter der immer undurchdringlicheren Fassade befand. Die Art, wie ich schreibe, ist das, was ich bin oder geworden bin.»

Fazit
Ein stilles, ruhiges, persönliches, nachdenkliches und zum mitfühlen und -denken anregendes Buch.

Gedankensplitter: Träume leben lassen

«Es ist unheimlich schwer, die eigenen Wünsche durchzusetzen, und so viel unanstrengender, sich darüber lustig zu machen.» Deborah Levy

Als Simone de Beauvoir ein Mädchen war, wusste sie genau, was sie vom Leben wollte: Sie wollte schreiben, wollte lesen, wollte frei sein. Sie hat alles darangesetzt, dieses Ziel zu erreichen, nichts und niemandem wollte sie sich unterordnen. Sie hat ihr Leben genau so gelebt, wie sie sich dies erträumte. Ganz nach dem Motto:

«Ich möchte vom Leben alles.»

Ich glaube, jeder hat im Leben Träume, jeder wünscht sich eine Zukunft nach seiner Vorstellung. Er (sie) träumt vom Schreiben, Malen, vom Leben in der Ferne, als Zugchauffeur, Stewardesse, Pilot oder Model. Meist wird einem die Erfüllung dieser Träume nicht auf dem Silbertablett serviert, es braucht viel Anstrengung – und Mut. Eierseits ist da all die Arbeit, die in die Erfüllung investiert werden muss, andererseits der Kampf gegen Widerstände. Und nicht selten wiegt der fast schwerer.

Beschwingt von den eigenen Träumen und Plänen erzählt man anderen und stösst auf Reaktionen, die auf einer Skala von skeptisch bis erheitert reichen. Sich davon nicht verunsichern zu lassen, an den eigenen Träumen festzuhalten und an ihrer Erfüllung zu arbeiten, fällt schwer. Umso schwerer, weil wir vieles, was uns von aussen entgegenschlägt, schon von unseren inneren Stimmen kennen, die gegen die (wie wir uns sagen) hochtrabenden Wünsche wettern. Die Reaktionen von aussen fallen also auf einen fruchtbaren Boden, sie können sich da festsetzen und wachsen, stärker werden und so unsere Träume im Keim ersticken. Und wenn sie dann wieder einmal lachen über uns und unsere Ambitionen, lachen wir mit ihnen mit. Wir wollen unser Gesicht  wahren und bestätigen, dass wir natürlich wissen, dass das alles Flausen sind, dass wir natürlich nicht so vermessen oder gar dumm sind, an sowas zu glauben.

Und tief in uns drin stirbt leise ein Traum – und damit ein Stück von uns selbst.

Gedankensplitter: «Memento mori»

«Der Tod ist groß
Wir sind die Seinen
Lachenden Munds
Wenn wir uns mitten im Leben meinen
Wagt er zu weinen
Mitten in uns»
Rainer Maria Rilke

Kaum ein Thema meiden wir wohl so wie den Tod. Viele fürchten ihn, die meisten ignorieren ihn, indem sie ihn aus dem Bewusstsein streichen, manche tun alles, um ihn möglichst zu vermeiden – ganze Forschungszweige beschäftigen sich damit, ewige Jugend, Vermeidung des Alterns, Hinauszögern des Sterbens zu ermöglichen. 

«Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell unendlichen Leids – und ein Quell unendlichen Trostes.»
Marie von Ebner-Eschenbach

Was macht uns Angst am Tod? Das eigene Nicht-Sein? Das Aufhören von etwas, das für uns so zentral ist, nämlich das Sein des eigenen Selbst? Der Tod nimmt uns was. Er nimmt uns die Möglichkeit, all das noch zu erleben, was wir, sind wir erst tot, nicht mehr erleben können. Dabei ist der Tod an sich weder gut noch schlecht, da nicht nur das Freudvolle nicht mehr sein wird, sondern auch das Leidvolle. Und doch denken wir beim Tod mehrheitlich an all das, was wir noch wollten, was wegfällt. 

Irvin D. Yalom sagte in diesem Sinne, dass sich die Angst vor dem Tod aus der Fülle der ungelebten Wünsche speist. All das, was wir gerne tun wollen und in die Zukunft schieben, trägt zur Angst bei. Und wenn wir dann irgendwann auf dem Sterbebett liegen, denken wir: Hätte ich doch… ich wollte doch noch. 

«Nicht der Mensch hat am meisten gelebt, welcher die höchsten Jahre zählt, sondern derjenige, welcher sein Leben am meisten empfunden hat.»
Jean-Jacques Rousseau

Wieso nicht einfach mal tun? Wieso nicht Wünsche leben, statt sie für später zu notieren? Wieso statt einer Bucking List einen konkreten Umsetzungsplan erstellen und umsetzen? Was hält uns zurück? Sind es wirkliche Hindernisse oder nur Dinge, von denen wir glauben, sie zu müssen, die wir aber in Tat und Wahrheit auch ändern könnten – natürlich mit Einbussen, bei denen sich dann die Frage stellt: Was ist mir mehr wert?

Hast du Angst vor dem Tod? Und: Was willst du unbedingt mal noch machen und schiebst es hinaus? Und wieso?


Grenzen einreissen

«In den Zwischenräumen finden die interessantesten Gespräche statt.» James Bridle

So lange wir in Gegensätzen denken, wird es nie ein Miteinander geben. So lange wir Fronten bauen, gibt es keine Beziehungen. So lange jeder denkt, seine Meinung sei dir richtige, seine Sicht entspräche der einzig möglichen Wahrheit, werden wir nie ein umfassendes Bild erhalten, denn dazu bedürfte es einer Öffnung hin zum anderen. 

Wir müssen die Demut wiederentdecken, mit der wir sehen, dass wir alle verwundbare Wesen sind, welche weit davon entfernt sind, über allem zu stehen. Wir müssen aufhören, die Macht an uns reissen zu wollen, auch die Deutungsmacht ist kein Privatbesitz. Im Wissen, dass wir alle Organismen in einem grösseren Organismus sind, die alle miteinander in Beziehung stehen und dabei jeder den anderen auch stückweise in sich trägt, weil die Grenzen diffus sind, zeigt sich, dass unsere krampfhafte Suche nach Abgrenzung und Ausstossung zu nichts Gutem führen kann, weil sie uns von der Welt, zu der wir gehören und ohne die wir selbst nicht leben können, trennt. 

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Vom Verfasser des Zitats oben, James Bridle, ist ein spannendes Buch erschienen, das ich nur empfehlen kann:

James Bridle: Die unfassbare Vielfalt des Seins.
James Bridle löst darin die Grenzen zwischen Natur und Technik auf und zeigt auf, wie wir alles zusammen denken können und müssen.