#abcdeslesens – F wie Mascha Kaléko: Die frühen Jahre

Ausgesetzt
In einer Barke von Nacht
Trieb ich
Und trieb an ein Ufer.
An Wolken lehnte ich gegen den Regen.
An Sandhügel gegen den wütenden Wind.
Auf nichts war Verlaß.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren Jahre.
Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.*

Ein trauriges Gedicht, das von der Vertriebenheit, von der Fremdheit spricht. Das lyrische Ich befindet sich an einem Ort, an dem es nicht zu Hause ist, an einem Ort, den es nicht selber gewählt, sondern an welchem es ausgesetzt wurde. Es ist ein düsterer Ort, ein Ort der Dunkelheit, dafür spricht die Nacht. Die Barke deutet darauf hin, dass nicht wirklich auf ein Ziel hin treibt, mastlos, antriebslos liegt sie im Wasser, bis dieses sie an einem Ort an Land spült.

Die Welt selber zeigt sich von ihrer harten Seite mit Regen und Wind. Alle Orte, wo das Ich Zuflucht erhofft, zeigen sich als wenig vertrauenswürdig. Sie geben nach, sie geben nicht den gewünschten Schutz. Es gibt nur eines, was noch hilft: Ein Wunder.

Die Sehnsucht nach diesem Wunder ist gross, und es besteht Hoffnung. Beides wird geschürt, denn es ist alles, was ist in dieser Fremde, in diesem unbekannten Land. Die Fremdheit und die Einsamkeit lassen Kälte aufkommen, nichts ist da, was wärmt.

In dieser Kälte, Dunkelheit und Fremdheit gibt es nur eines, das Zuflucht verspricht: Die Liebe. Sie ist der Hort, sie ist, worauf sich bauen lässt. In der Liebe liegt ein Gefühl von Heimat, von Aufgehoben-Sein.

Erst noch ohne Punkt und Komma gleitet das Gedicht dahin gleich dem Treiben der Barke auf dem Wasser. Dann die Versuche, Schutz zu finden, die Orte als einzelne Zeilen durch Punkte getrennt. Das Fazit, dass es vergebens ist, ebenso abgesetzt. Man spürt förmlich, wie bei jedem Ich eine Stagnation, eine Resignation steht. Es folgen neue, hoffnungsvolle Versuche, fast atemlos über zwei Zeilen hinweg. Und wieder ein Punkt, an dem die Hoffnung stockt, gefolgt von der Bilanz und wohl auch Hoffnungslosigkeit, das Gesuchte, Erhoffte im Aussen zu finden.

Was bleibt, ist die Liebe.

Zur Autorin
Mascha Kaleko war eineVertriebene und Heimatlose. Am 7. Juni 1907 als Tochter eines russischen Vaters und einer österreichischen Mutter in Chrzanow geboren, floh die Familie 1914 vor den Pogromen nach Westen. 1918, der Vater war grad aus Gefangenschaft (in die er wegen seiner russischen Staatsbürgerschaft gekommen war) freigekommen, zog Mascha mit ihren Eltern nach Berlin, wo sich Mascha endlich zu Hause fühlte. Nach der Schule begann sie eine Arbeit im Büro, belegte daneben Abendkurse an der Universität (das gewünschte Studium versagte ihr der Vater) las daneben viel und schrieb Gedichte. Sie heiratete 1928 den Philologen Saul Kaléko, veröffentlichte ein Jahr später erste Gedichte, 1933 ihren ersten Gedichtband und feierte grosse Erfolge, die 1935 ein jähes Ende nahmen, als das Regime ihre jüdische Identität bemerkte.

1935 lernte sie den Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver kennen. Als bald darauf das gemeinsame Kind unterwegs war, wollte sich Mascha scheiden lassen, erst ohne Erfolg, ihr Mann willigte nicht ein. Erst 1938 kam es zur Scheidung, die zweite Hochzeit und die Emigration in die USA. Mascha fühlt sich entwurzelt, vermisst die Sprache. Erst 1955 besucht Mascha erstmals Deutschland. 1960 der nächste Ortswechsel, Mascha und Chemjo ziehen nach Palästine, wieder eine Fremde für Mascha, die ewig Heimatlose. Der Tod des Sohnes 1968 stürzt die beiden Eltern in ein tiefes Loch, Chemjo stirbt nach schwerer Krankheit 1973, lässt Mascha einsam und noch melancholischer zurück. Sie rafft sich nochmals auf, geht auf Reisen nach Deutschland, in die Schweiz, wo sie 1975 stirbt.


*

[1] Zit. nach „Die paar leuchtenden Jahre“ © 2003 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München Suchergebnis | dtv

#abcdeslesens – E wie Ein alter Tibetteppich (Else Lasker-Schüler)

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange bunt geknüpfte Zeiten schon.

Dieses Gedicht (geschrieben 1906, erschienen 1910) ist wohl eines der schönsten von Else Lasker-Schüler und es trägt in sich all das, was ihre Poesie so herausragend, so einzigartig macht. Schon die ersten beiden Zeilen sind sinnbildlich für ihr Schreiben und ihre Fähigkeit, durch Worterfindungen neue Bedeutungsebenen zu machen, welche in einem Bild daherkommen, das die Sprache übersteigt. Ebenfalls typisch ist das orientalisch-exotisch Anmutende und die Symbolsprache.

Formal haben wir vier Verse, dreimal zwei Zeilen, einmal drei, alles im Trochäus mit ansteigender Zahl der Hebungen. Der Reim ist paarweise, bis auf den letzten Vers, da ist quasi ein Störfaktor durch die mittlere Zeile, welche sich nicht wirklich reimt, man könnte höchstens eine Assonanz anbringen. Zufall? Nein, da wusste eine Dichterin ganz genau, was sie tut, dazu später mehr. Das soll auch genügen als Formanalyse.  

Zwei liebende Seelen, die miteinander verbunden sind. Schon das Bild des Tibetteppichs mit den Seelen als Fäden wäre grossartig, durch die Umstellung des Worts wurde aus dem Teppich ein ganzes Land, quasi eine neue Welt nur für die beiden Liebenden. Damit verlässt Else Lasker-Schüler das Bild des Teppichs, sucht neue Metaphern und Symbole, um die Liebe auszudrücken. Aus Fäden werden Strahlen, Farben bringen sich ein, der Sternenhimmel wird dazu genommen, alles, um immer wieder das gleiche Bild zu beschwören: Zwei Seelen, die miteinander verbunden sind. Die Sprache kann es allein nicht ausdrücken, es braucht Bilder.

Im nächsten Vers kehrt Else Lasker-Schüler zum Teppich zurück, nun ist er die Grundlage, auf welcher die Liebenden stehen. Nicht nur im Moment, sondern «maschentausendabertausendweit» – ein Bild der Unendlichkeit. Daraus spricht der Wunsch, dass die Liebe halten möge, ein Wunsch, den Else Lasker-Schüler zeitlebens hatte, der ihr aber nie erfüllt werden sollte. Sie war eine ewig nach Liebe suchende, sie sich Ersehnende, aber sie nie wirklich auf Dauer Findende.

Der vierte Vers bringt nochmals eine neue Symbolsprache. Mit dem Lamasohn wird quasi ein Prinz angesprochen – landläufig gilt der Lama als Oberhaupt einer buddhistischen Schule, was nicht stimmt, aber dem Bild keinen Abbruch tut. Da die Erbfolge durch Wiedergeburt funktioniert, könnte man den Nachkommen als Sohn bezeichnen. Moschus wiederum wurde früher als Sexuallockstoff eingesetzt. Hier kommt zur seelischen Ebene die körperliche dazu. Und dann der oben erwähnte Reim-Bruch. Die mittlere Zeile des vierten Verses stört das Reimmass. Hier schweift Else Lasker-Schüler ab, sie geht vom Beschrieben der Verbundenheit hin zur Hoffnung und auch Angst: Wie lange wird das dauern? Und wie lange hält das schon an?

Man hätte sich diese Interpretation wahrlich leicht machen können: Da schreibt eine über ein lyrisches Ich, das durchaus autobiographisch zu werten ist, wie so vieles in Lasker-Schülers Lyrik, das sich Liebe wünscht, sie sucht, sie findet, und zu verlieren befürchtet. Aber die Bilder, welche sie zum Aufzeigen dieser Verbundenheit durch die Liebe wählt, sie sind grossartig. Und drum sind Analysen teilweise so toll: Man geht nicht einfach mit dem Gefühl «Ist das schön» über ein Gedicht hinweg. Man schaut hin und merkt, wieso es so schön ist. Ab und an hilft das, zu erkennen, was man selber gerne hätte. Und wieso. Man lernt, hinzuschauen. Dafür danke ich der Lyrik und dafür mag ich so grossartige Dichterinnen wie Else Lasker-Schüler. Sie lehren einen das Sehen.

Zur Autorin
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in ELbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor.  Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.


#abcdeslesens – D wie Du bist wie eine Blume (Heinrich Heine)

Du bist wie eine Blume,
So hold und schön und rein;
Ich schau dich an, und Wehmut
Schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände
Aufs Haupt dir legen sollt,
Betend, dass Gott dich erhalte
So rein und schön und hold.

Da ist dieses lyrische Ich, das ein Du gefunden hat und es schön findet – schön wie eine Blume. Und nicht nur das: Schön und hold und rein. In damaliger Zeit sind das alle gewünschten Tugenden einer anzubetenden Frau. Man würde denken, das wäre Glück pur für dieses Ich – aber weit gefehlt. Er (ich gehe hier von der Zeit und dem Leben des Dichters aus und möchte keine anderen Möglichkeiten aus irgendwelchen anderen Gründen ausschliessen) schaut sie an und spürt nicht Glück, sondern Wehmut.

War da noch erst dieses Schwärmen ob der Vollkommenheit, schleicht – quasi durch die Hintertür – ein Pfeil ein und dringt mitten ins Herz. Ihm wird die Vergänglichkeit bewusst. Und er möchte sie schützen. Ihr die Hände aufs Haupt legen und zu beten anfangen. Im Wissen, dass die Welt ist, wie sie ist, und es schafft, fast jeden zu verderben. Das, dies der Wunsch des lyrischen Ich, soll nicht das Schicksal dieser schönen Blume sein. Er möchte das abwenden.

Nun sind das in der Tat keine wirklich neuen Erkenntnisse, dass Lieben enden können, wusste man schon vor Heine, dass Menschen auf Abwege geraten können, ebenfalls, dass die Welt nicht einfach schön, sondern eher grausam ist, war auch kein Novum. Und: Heine wurde nie müde, all das Schwarze, Schwere, Hässliche zu benennen. Dies meist in derben, klaren, harten Worten. Dieses Gedicht mutet dagegen harmlos und sanft an. Und es besticht in einer Zartheit, die eigentlich nicht typisch für Heine ist. Egal! Es ist schön, es ist tief, es ist wahr, es besteht auch nach mehrfachem Wiederlesen immer wieder.

Zum Autor
Harry Heine, wie er mit Geburtsname hiess, wurde am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und dessen Frau geboren. Nach einem Ausflug in die Bankenwelt beginnt er ein Studium der Rechtswissenschaft, publiziert schon da Gedichte, promoviert, konvertiert zum Christentum für bessere Berufschancen – vergeblich. Er wender sich dann der Literatur zu, schreibt zwar auch Feuilletons, politische Betrachtungen und Reiseberichte, bis heute bekannt ist er aber für seine Gedichte. Auch in diesen ist seine Kritik an den sozialen und politischen Verhältnisse immer wieder präsent, überhaupt göänzt er oft durch Scharfzüngigkeit, welche bis zur Bösartigkeit werden kann. Zu seinen bekanntesten Werken zählen wohl «Das Buch der Lieder» und «Deutschland. Ein Wintermärchen». Heine stirbt am 17. Februar 1856 in Paris.

Mascha Kaléko: Blatt im Wind

Lass mich das Pochen deines Herzens spüren,
Daß ich nicht höre, wie das meine schlägt.
Tu vor mir auf all die geheimen Türen,
Da sich ein Riegel vor die meinen legt.

Ich kann es, Liebster, nicht im Wort bekennen,
Und meine Tränen bleiben ungeweint,
Die Macht, die uns von Anbeginn vereint,
Wird uns am letzten aller Tage trennen.

All meinen Schmerz ertränke ich in Küssen.
All mein Geheimnis trag ich wie ein Kind.
Ich bin ein Blatt, zu früh vom Baum gerissen.

Ob alle Liebenden so einsam sind?

Schon der Titel weist darauf hin, dass hier jemand ist, der herumgeworfen wird durch eine grössere Macht, durch etwas, das dieses Ich bewegen kann. Es folgt gleich in der ersten Zeile eine Bitte: «Lass mich das Pochen deines Herzens spüren.» Dieses Pochen soll vom eigenen ablenken, welches sich gerade in Angst befindet. Man kennt das ja, wenn die Angst das Herz bis zum Hals schlagen lässt, es schlägt schneller, lauter, treibt die Angst gerade nochmals an.

Das Ich vermisst die Offenheit der Welt, des Blicks, da es selber Riegel vorgelegt hat. Wohl aus Angst, dass die eigenen Gedanken überborden, vielleicht auch in der Hoffnung, so bewahren zu können, was ist. Nun aber bittet es das Du, die Türen aufzutun, da es vermutlich auf die Türen des Du mehr vertraut als auf die eigenen.

Das Ich kann nicht sagen, was genau in ihm vor sich geht, es unterdrückt die Tränen, um sich nicht in seiner Angst mitzuteilen. Doch dann wird die Angst formuliert: Das Schicksal kann tun und lassen, was es will. Zwar hat es dem Ich eine Liebe geschenkt, doch kann es diese auch sofort wieder nehmen. Der Schmerz über diesen Gedanken ist gross, das Ich versucht, sich mit Küssen davon abzulenken – es gelingt wohl nicht, sonst gäbe es dieses Gedicht nicht. Das Geheimnis wird tief drin verschlossen, es soll nicht nach aussen dringen.

Nun kommt ein neues Bild, in nur einer Zeile, doch dieses Bild erklärt die ganze Angst und ihren Boden: Das Ich ist ein Blatt, das zu früh vom Baum gerissen wurde. Es fehlen ihm noch die letzten Tage Kraft, die es am Baum hätte tanken können. Dem Ich (und man darf es hier wohl mit der Autorin gleichsetzen, da Mascha Kaléko immer wieder ihr eigenes Leben in ihre Gedichte verwob) fehlt wohl das Urvertrauen in das eigene Sein, in die Beständigkeit, weil es nicht lange genug in Ruhe wachsen konnte, sondern immer auf der Flucht war – schon von Kindesbeinen an.

Trotz allem fand dieses Ich ein Du, eine Liebe, vom Schicksal geschenkt, ängstigt sich nun vor dessen erneutem Zuschlagen, indem es diese wieder nimmt. Und das Ich verschliesst sich, nimmt sich so also schon während der noch dauernden Zweisamkeit in die Einsamkeit zurück. Und fragt sich: Kennen andere das auch?

Ein melancholisches Gedicht, ein Liebesgedicht, aus dem viel Angst, Trauer und Einsamkeit spricht. Und doch auch ein tröstliches Gedicht für all die, welche genau das auch kennen und beim Lesen merken, dass sie nicht allein sind damit. Und oft braucht es auch einen Anstoss von aussen – zum Beispiel dieses Gedicht -, um das eigene Verhalten zu erkennen und es vielleicht auch ändern zu können. Man kann die Gedanken vielleicht nicht immer ganz ausschalten, aber gerade dann kann ein Mitteilen etwas (noch mehr) Verbindendes haben, das dann wiederum die Liebe zusätzlich stützt – und vielleicht dadurch auch die bösen Gedanken ausräumt. 

#abcdeslesens – Else Lasker-Schüler: Chaos

Die Sterne fliehen schreckensbleich
Vom Himmel meiner Einsamkeit,
Und das schwarze Auge der Mitternacht
Starrt näher und näher.

Ich finde mich nicht wieder
In dieser Todverlassenheit!
Mir ist: ich lieg’ von mir weltenweit
Zwischen grauer Nacht der Urangst…

Ich wollte, ein Schmerzen rege sich
Und stürze mich grausam nieder
Und riss mich jäh an mich!
Und es lege eine Schöpferlust
Mich wieder in meine Heimat
Unter der Mutterbrust.

Meine Mutterheimat ist seelenleer,
Es blühen dort keine Rosen
Im warmen Odem mehr. –
…Möchte einen Herzallerliebsten haben!
Und mich in sein Fleisch vergraben.

Die ersten zwei Zeilen offenbaren eigentlich alles. Die Einsamkeit tropft förmlich aus ihnen. Nicht nur ist keiner da, auch die Sterne ziehen sich zurück. In den nächsten Zeilen senkt sich das Dunkel. Es kommt näher und näher, erdrückt förmlich.

Als wäre das nicht genug, doppelt die nächste Strophe nach: Nicht nur ist da keiner, sich selber hat sich die Einsame auch verloren. Was für eine schöne Wortschöpfung: Todverlassenheit. Wo wäre man mehr allein als im Tod? Man ist gegangen, während die anderen bleiben. Und so sitzt sie nun in der sternengeflohenen dunklen Nacht. Und findet nicht mal mehr sich selber. Als ob das nicht genug wäre, kommt nun auch noch die Angst dazu. Die Urangst ist immer die vor dem Tod. Auf sie greifen alle anderen Ängste zurück.

Was kann da noch helfen? Man findet sich selber nicht mehr, man hat keinen Menschen mehr… der eigene Schmerz. Er führt einen immer zu sich zurück. Wenn man gar nichts mehr fühlt, hilft der Schmerz zu zeigen, dass man noch lebt. Heute würde man das Borderline nennen, Else Lasker-Schüler machte aus diesem Gefühl ein Gedicht. Sie möchte den aufweckenden Schmerz spüren, der sie sich wieder näher brächte. Egal wie grausam, die Gefühllosigkeit, das sich selber nicht mehr Spüren scheint grausamer. Der Wunsch, zurückzukehren in den Mutterschoss, als sie noch geborgen und nichts ausgeliefert war, folgt sogleich. Hier spielt ein autobiographischer Teil mit: Der Tod der Mutter bedeutete für Else Lasker-Schüler das Ende einer Welt, die sie bislang die ihre fand. Haltlosigkeit bieb zurück. Der Garten ist quasi verdorrt, keine Rose blüht mehr, das Leben ist ausgehaucht.

Aus diesem Gefühl heraus kommt die Sehnsucht nach Liebe. Wenn es nur einen Herzallerliebsten gäbe, in den man sich – dem Mutterschoss gleich -eingraben könnte. Geborgen wäre, aufgehoben. Leider hat Else Lasker-Schüler eine solche Liebe nie kennenlernen dürfen. Sie war eine ewig nach Liebe suchende, eine verzweifelt lieben und geliebt werden Wollende. Wäre es anders gewesen, wären uns wohl ganz viele Gedichte entgangen. Aber der Preis war hoch. Für sie selber wohl zu hoch. Sie starb schliesslich auch an einem Herzanfall. Ob dieser auf ein gebrochenes Herz zurückzuführen sei, wäre Spekulation, vielleicht ein wenig an plakativ klingend, aber wohl durchaus in ihrem Sinne.

Was aber hat es nun mit dem Titel auf sich? Wo ist das Chaos? Es ist die verkehrte Welt, in welcher Schmerz plötzlich gewünscht ist, weil das Gefühl nicht mehr da ist. Damit haben die Lebensum- und zustände veränderte Vorzeichen erhalten, man steht als Mensch da und versteht quasi die Welt nicht mehr, sieht aber nur noch den Schritt aus dem Gewöhnten hinein ins Verkehrte, da das andere nicht mehr greift.

Das Gedicht erschien 1919. Else Lasker-Schüler war gerade mal 50 Jahre alt. Die Hoffnung, den Geliebten noch zu finden, könnte also durchaus noch intakt gewesen sein. Man möchte es ihr wünschen, dass sie diese noch nicht aufgegeben hat. Der Lebenslauf spricht diese Sprache.  

Zur Autorin
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in ELbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor.  Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.

Rainer Maria Rilke: Wenn es nur einmal so ganz stille wäre…

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre 
Verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte im Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.*

Das lyrische Ich sehnt sich nach Stille, möchte fast die Welt anhalten, dass alles, was so reinkommt in die eigene Welt, ruhig wäre und auch die Geräusche rundherum verstummen. Und dann, wenn all das weg wäre, wären da noch die Geräusche der Sinne, alles, was es so landläufig hört, sieht, fühlt, riecht und auch denkt, alles sind mehrheitlich automatische Abläufe, welche mehr einnebeln als wirklich wach und sehend machen. Wie oft laufen wir doch durch die Welt und sehen so wenig wirklich mit neuen Augen, sehen wirklich hin, sondern nehmen alles einfach als gegeben, lassen es an uns vorbeiziehen? All das, möchte das lyrische Ich beenden, um wach zu sein. Um zu sehen.

Hier schwingt das mit, was Rilke das «neue Sehen» nannte, und das ihm ein grosses Anliegen war. Er wollte die Welt wirklich wahrnehmen, wie sie ist, er wollte sie mit allen Sinnen erkunden und geniessen.

Dann wendet sich das lyrische Ich dem Du zu. Es will ganz zu ihm durchdringen, es mit allen Facetten vor dem geistigen Auge sehen, an alles, was dieses Du ausmacht, möchte das Ich denken. Und nur dann, wenn alles gesehen, gefühlt, bedacht ist, gehört es für einen kleinen Augenblick ihm, weil es ganz in ihn überging – in einem Lächeln. Und dann wäre es ein Geschenk fürs Leben, ein Geschenk, das dankbar macht.

Was für eine schöne Art, einem Menschen zu sagen, dass man sich ganz auf ihn einlassen möchte. Und was für eine Hingabe an dieses Einlassen. Doch dieses Einlassen, dieses wirkliche Sehen, dieses Wahrnehmen dessen, was wirklich ist, mit wachen Sinnen bedarf der Stille. Nur wenn die äusseren und inneren Ablenkungen zum Schweigen kommen, sind wir in der Lage, zum Kern der Dinge durchzudringen. Dann fangen wir an, nicht einfach alles schnell zu benennen und abzuhaken: Haus, Baum, Mensch. Erst dann, wenn wir uns die Zeit nehmen (können), wirklich hinzuschauen, werden wir das Wesen der Dinge und das Wesen der Welt erkennen. Wir werden nicht mehr blind durchs Leben gehen, sondern als Sehende. Und das wird dem eigenen Leben eine ganz neue Tiefe geben. Weil wir dann auch in unserem eigenen Wesen ruhen.

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*erschienen im „Stundenbuch. Vom Mönchischen Leben“, zit. nach Rainer Maria Rilke: Gesammelte Gedichte, Goldmann Verlag, München 2006.

#abcdeslesens – B wie Beherzigung (Johann Wolfgang von Goethe)

Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?
Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.
Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie ers treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, dass er nicht falle!

Da haben wir ihn schon ein wenig, den Faust. So viele Fragen und so wenig Antworten. Faust studierte alles denkbar mögliche und fand keine Antworten, in diesem Gedicht findet sich zumindest ein Schluss. Aber der Reihe nach:

Da wird ein Mensch ins Leben geworfen und ist fortan diesem ausgesetzt. Was nun? Goethe formuliert präzise: Nicht: Was kann er verlangen, sondern was soll er verlangen. Können tut man ja grundsätzlich viel, nur: Ist es sinnvoll? Das «soll» ist also wichtig. Und dann fängt das Fragen an:

Soll er ruhig bleiben, auch wenn alles anders läuft als gewünscht? Oder soll er an seinen Wünschen festhalten? Soll er sich treiben lassen, schauen, wohin das Leben ihn schlägt? Oder doch ein Haus bauen, sich niederlassen? Der Punkt scheint wichtig, er wird in anderen Worten wiederholt: Zelte bricht man schnell mal ab, Felsen stehen gefühlt für die Ewigkeit.

Und dann findet er einen vorläufigen Schluss: Es sind nicht alle Menschen gleich, was dem einen Not tut, ist für den anderen falsch. Wie auch Voltaire kommt Goethe zum Schluss: Jeder kann nur für sich entscheiden, was für ihn stimmt, wie das Leben für ihn ein glückliches ist. Und dann soll er dafür sorgen, dass es so kommt, wie er es braucht und will und haben muss.

Goethe wäre nicht Goethe, schickte er nicht noch eine Warnung hinterher: Nachdem du nun also gesehen hast, dass das Leben für jeden selber zu leben ist, du dich für deinen Weg entschieden hast, schau, dass du darauf aufrecht gehst und nicht doch noch irgendwo in eine Grube fällst.

Ich mag keine Moralkeulen. Ich mag auch nicht, wenn man mir sagt, was ich tun oder lassen soll. Das tut Goethe hier nicht. Ich mag dieses Gedicht. Es wirkt auf mich nicht wie eine dogmatische Handlungsanweisung, eher wie eine Bestandsaufnahme, was wir im Leben vorfinden und wie wir damit umgehen könnten – zu unserem Wohl. Goethe hat das nicht erfunden, vor ihm waren die Stoiker da.

Epiktet sagte in seinem «Handbüchlein zur Moral», dass es im Leben Dinge gäbe, die man selber in der Hand hätte, und solche, auf die man keinen Einfluss hätte. Kämpft man gegen die der zweiten Sparte, kann man nur verlieren. Es ist nicht im eigenen Einflussgebiet. Bei den anderen allerdings sollte man sich ranhalten: Was will ich, was kann ich dafür tun? Und dann das Ganze umsetzen.

Das Gleicche gibt es auch in der östlichen Philosophie, bei Shantideva:

„Wenn Du Dein Problem lösen kannst, wozu dann Sorgen machen? Und wenn Du es nicht lösen kannst, wozu dann Sorgen machen?“

Wir haben im Leben nicht alles in der Hand, in der Hand haben wir einzig (und das nicht mal immer bewusst), wie wir auf die Dinge reagieren. Daran können wir arbeiten. In der Hoffnung, dass wir so dem Glück auf die Spur kommen.

Zum Autor
Johann Wolfgang von Goethe wird am 28 .August 1749 in Frankfurt als Spross einer reichen Familie geboren. Er wird von verschiedenen Hauslehrern unterrichtet, studiert später Jura, besucht andere Vorlesung zwecks eigener Abhärtung und Vervollkommnung, und beginnt Mitte 20 ernsthaft mit dem Schreiben. Wenige Wochen nur braucht er für «Die Leiden des jungen Werthers». Er schrieb in den verschiedensten Gebieten, hatte zudem viele Ämter inne, arbeitete als Jurist, Minister und Naturforscher – ein richtiger Allrounder oder Tausendsassa. Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar. Er hinterliess wohl eines der umfassendsten, vielfältigsten und umfangreichsten Werk überhaupt.

Ingeborg Bachmann: Die große Fracht

Die große Fracht des Sommers ist verladen,
das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.
Die grosse Fracht des Sommers ist verladen.

Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
und auf die Lippen der Gallionsfiguren
tritt unverhüllt das Lächeln der Lemuren.
Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit.

Wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit,
kommt aus dem Westen der Befehl zu sinken;
doch offnen Augs wirst du im Licht ertrinken,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.

Ingeborg Bachmann hat gerade in Wien ihr Studium abgeschlossen, als sie dieses Gedicht 1952 geschrieben hat. Ingeborg Bachmann war eine intellektuelle Schriftstellerin, was man ihren Gedichten anmerkte. Bachmanns Gedichte sind komponiert, durchdacht, an ihnen wurde gefeilt bis zum letzten Wort. Sinnzusammenhänge finden sich zu den verschiedensten Gebieten. Ingeborg Bachmann war mit ihren hermetischen Gedichten eine typische Vertreterin der Nachkriegszeit. Sie versuchte, durch ein neues Sprachverständnis eine neue Wirklichkeit zu schaffen, was zuweilen zu einer schwierigen Verständlichkeit führt. Doch ist es den Aufwand wert, hinter die Bilder und Sprachchiffren zu dringen, um den Sinn eines Gedichts herauszuschälen.

Auch das vorliegende Gedicht ist beladen (überfrachtet?) mit symbolischen Bedeutungen und Anspielungen. Das grosse Thema des Gedichts ist die Vergänglichkeit, der Tod. Der Tod ist oft ein Thema, das wir meiden, weil der Tod vielen Menschen Angst macht. Wir wollen uns nicht damit auseinandersetzen, wir sehen ihn als Bedrohung, als etwas, das dunkel und düster über uns schwebt wie ein Damoklesschwert. Ingeborg Bachmann hat den Tod in vielen ihrer Gedichte thematisiert, in diesem aber auf eine wunderschöne, tröstliche Weise. Für diese Wirkung sorgt auch die von ihr gewählte Form des durchgängigen 5-hebigen Jambus, welche das Gedicht ruhig fliessen lässt. Der umarmende Reim, es sind alles reine Reime, führt zu einer Geschlossenheit der einzelnen Strophen, was einen Halt gibt, trotzdem ist eine Verbindung zwischen den einzelnen Strophen da durch die Wiederholungen der einzelnen Zeilen der ersten Strophe.

Es ist Herbst, die Blütezeit ist vorbei und die Früchte des Sommers werden als Fracht verladen. Das Sonnenschiff steht im Hafen (der steht symbolisiert den Anfang und das Ende von etwas) für diese Ladung bereit. In der ägyptischen Mythologie (sowie auch in anderen Mythologien des Mittelmeerraums) ist das Sonnenschiff das Schiff, auf welchem der Sonnengott mit den Seelen der Toten übers Meer fährt, um in der Nacht in die dunkle Unterwelt einzutauchen und den Toten das Licht zu bringen. Auf dieses Schiff wird also die Fracht des Sommers verladen, welche als Metapher für das Leben des Menschen steht. Er steht am Übergang von Leben und Tod.

Es ist kein grausamer Übergang, es ist kein Leiden in diesem Gedicht. Auf den Gesichtern der Lemuren, also den Geistern der Verstorbenen, liegt ein Lächeln. Sie sind die Gallionsfiguren des Schiffs und deuten somit auf einen friedlichen Weg hin.

Das Ernten der Früchte und das Verladen kann man als Herbst des Lebens lesen, in welchem irgendwann der Zeitpunkt des Aufbruchs auf die letzte Reise kommt. Hier wird dieser durch die Möwe als Todesvogel verkündet, welche hinter dem lyrischen Ich, welches hier als zweite Person vorkommt, stürzt und schreit. Nun ist es also Zeit, den letzten Weg zu gehen, den in den Tod, in die Unterwelt. Dass dieser Zeitpunkt kommt, ist unausweichlich, es ist quasi der Befehl aus dem Westen, welchen man mit dem Sonnenuntergang übersetzen könnte. Der Gedanke, dass es ein lichtvoller Weg ist, kein dunkler, düsterer, nimmt diesem Weg die Schwere, lässt ihn hell erscheinen.

Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote.
– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatur.
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür,
Auch wider dem Verbote.

Das Gedicht «Mein blaues Klavier» ist das titelgebende Gedicht für den letzten veröffentlichten Gedichtband Else Lasker-Schülers. Die 32 enthaltenen Gedichte thematisieren noch mehr als die vorhergehenden Einsamkeit, Schmerz und Trauer über den Verlust der Heimat, so auch dieses Gedicht, welches Else Lasker-Schüler 1937 geschrieben hat. Man kann es von der Form her als Elegie bezeichnen, es ist ein Klagegedicht, ein Gedicht, in welchem die Melancholie und das Leid aus jeder Zeile drängt.

Das Gedicht handelt vom Verlust nicht nur der Heimat, sondern auch der Kindheit und dem verlorenen Ideal der Kunst. Das Instrument der Kindheit ist verloren, ins Dunkel des Kellers entschwunden, es lässt sich nicht mehr bespielen. Geblieben ist nur die Erinnerung an das schöne Spiel, mehr als das ist, da es das Zuhause in sich trägt. Wo vorher Sternenhände spielten, sogar vier, so dass sie nicht alleine war, und die Mondfrau sang, tanzen heute nur noch klirrend Ratten. Was war, ist zerbrochen, geblieben sind die Tränen der Trauer und die Einsamkeit.

Das Klavier steht gleichzeitig synonym für die deutsche Sprache, welche Else Lasker-Schüler Mittel der Kunst ist, die aber durch die grausame Geschichte entweiht wurde und ihr auszugehen droht im Exil. Zurück bleiben die Trauer über das Zerbrochene, unwiderbringlich Verlorene, und der Wunsch, schon lebend dieser Welt, in welcher ihr die Publikation verboten, sie also nicht nur aus dem Zuhause, sondern auch aus der Sprache vertrieben worden war, in eine bessere Welt, das Jenseits, zu entfliehen.

Bei all der Klage, bei all dem thematisierten Leid liegt doch eine Schönheit in dem Gedicht und damit ein Trost. Die Schönheit überlebt auch die grössten Schrecken, sie ist nicht auszurotten, nicht aus der Welt zu verdammen, nicht zum Schweigen zu bringen. In diesem Sinne schrieb auch der Arzt und Schriftsteller Paul Goldschneider am 12. Juni 1944 in einem Brief aus London an Else Lasker-Schüler:

«Vor mir liegt Ihr Blaues Klavier, und ich trinke seine sternenhellen Akkorde gierig wie ein Verdurstender. Es ist gut zu wissen, daß, was immer Häßliches geschehen mag, Schönheit ist und bleibt. Mir wurde es Trost und Offenbarung und dafür wollte ich Ihnen danken.»

Rainer Maria Rilke: Nennt ihr das Seele…

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
um Beifall bettelt und um Würde wirbt,
und endlich arm ein armes Sterben stirbt
im Weihrauchabend gotischer Kapellen, –
nennt ihr das Seele?

Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
in der die Welten weite Wege reisen,
mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit
in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
und will hinauf und will mit ihnen kreisen …
Und das ist Seele.

Die Grundfrage hinter vielen von Rilkes Gedichten ist eine anthropologische: Was/Wie ist der Mensch? Oft verortet er ihn ganz explizit zwischen Engel (reines Geisteswesen, spirituelles Bewusstsein) und Tier (pure körperlichkeit, Instinktwesen). Zwischen diesen Polen sitzt der Mensch und er ist in diesem Dazwischensein ein Mängelwesen. Hier spricht er nur noch den Mangel an: Was der Mensch Seele nennt, deckt nie das volle, mögliche Bewusstsein ab, es ist ein begrenztes, kleines Etwas, das noch dazu auf das Falsche ausgerichtet ist.

«Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt in euch?»

Es finden sich Worte wie Narr, betteln, arm, alles ist nur gewollt, es wird nur um Würde geworben, sie wird nie erreicht, selbst das Sterben ist würdelos, es ist nur arm. Eine Seele, die den Namen verdiente, wäre grösser, sie würde über die Begrenzungen des irdischen Lebens hinausreichen:

«ich trage ein Stück Ewigkeit / in meiner Brust»

«und will hinauf und will mit ihnen kreisen…
Und das ist Seele.»

Rilke stellt eine grosse Frage, nämlich die, was wirklich ein gutes Leben ist, eines, das mit den richtigen Werten und Ansprüchen gelebt wird. Setzen wir nicht viel zu oft auf das falsche Pferd, indem wir uns von Beifall und Aufmerksamkeiten anderer abhängig machen, anstatt auf unseren eigenen Wert zu vertrauen und in uns zu ruhen?

Das Problem dabei ist doch oft, dass wir uns beweisen wollen, dass wir uns für die Anerkennung auch mal so verbiegen, dass wir selber gar nicht mehr wirklich durchscheinen, sondern nur noch als Erfüllung einer gefühlten Erwartung durchs Leben gehen: Nur: Wer kriegt dann den Beifall? Doch nicht wirklich wir, sondern nur das, was wir, um anderen zu entsprechen, vorgeben, zu sein. Das ist kein Leben aus vollem Herzen, das wir führen, das ist Bemühen darum, in fremdbestimmte Schubladen zu passen.

Ein Leben aus eigenem Antrieb, ein Leben aus vollem Herzen wäre ein Leben, in welchem wir für uns selber einstehen, an uns selber glauben, zu uns selber schauen. Damit nicht gegen andere, aber für uns. Nur so können wir Selbstwirksamkeit erfahren, nur so können wir authentisch leben, nur so können wir als der, der wir sind, geliebt werden. Und nur so ist es möglich, Eigenverantwortung zu übernehmen, da wir das, was wir tun, aus vollem Herzen tun, und dann auch dahinter stehen.

«Und das ist Seele»

Mascha Kaléko: Der Eremit

Der Eremit

Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er lächelte mitten im Schmerz.
Er wollte nur sein, nicht scheinen.
Es sah ihm keiner ins Herz.

Es hörte ihn keiner weinen,
Er zog in die Wüste hinaus.
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er baute aus ihnen sein Haus.[1]

In diesem Gedicht finden sich die typischen Themen Mascha Kalékos: Einsamkeit, Fremdsein, Vertriebensein. Wie oft musste sie den Ort wechseln, konnte nicht bleiben, wo sie war, und fühlte sich am neuen Ort nicht zu Hause. Sie litt zeitlebens unter einem tiefen Gefühl der Heimatlosigkeit.

Ein Mann wird mit Steinen beworfen, er leidet und lächelt trotzdem. Es wird kein frohes Lächeln sein, wohl eher ein resigniertes, ein schmerzvolles, vielleicht aber auch ein Erkennendes. Er wollte authentisch sein, sich geben, wie er war. Gefragt war wohl der Schein, angepasst zu sein. Dem hatte er nicht gehorcht und sah sich nun den Steinen ausgesetzt. Was in ihm vorging, was er dachte, wer er war, interessierte keinen. Die warfen nur Steine und verurteilten sein Anders-Sein.

Keinen kümmerte, wie er sich fühlte, wie er unter ihrer Verurteilung litt. Er zog sich zurück in die Wüste. Sie warfen ihm die Steine hinterher, doch er baute sich ein Haus daraus.

Hier wird eine Welt gezeichnet, in welcher der schöne Schein zählt und in welcher man sich diesem anpassen muss. Tut man dies nicht, wird man beschossen – vielleicht nicht mit Steinen, aber doch mit Unverständnis, Beschimpfungen und Ablehnung. Es kümmert kaum, was im Herzen eines Andersdenkenden vorgeht, sein Leiden wird oft ignoriert. Es gibt zwei Möglichkeiten in dieser Situation: Resignieren oder eine Lösung suchen, wie man mit den Widrigkeiten umgehen, wie man das Beste draus machen kann. Oft einfacher gesagt als getan, zumal der Schmerz des nicht Dazu-Gehörens doch nagt, ist Zugehörigkeit doch ein zutiefst menschliches Bedürfnis.

Der Rückzug in die Wüste ist hier die Suche nach Schutz, nach Sicherheit. Wo keiner mehr ist, kann keiner mehr Steine werfen. Die einen gehen ins äussere Exil, die anderen ins innere. Beiden gemeinsam ist die Einsamkeit, die sie da vorfinden.

Das Gedicht ist traurig in seiner Offenlegung menschlicher Leiden, und doch irgendwie kraftvoll, zeigt es doch einen Weg auf und damit die Hoffnung, dass man zumindest einen Teil auch selber in der Hand hat – nämlich: Was man mit dem, was man vorfindet, macht. Was für eine grossartige Kraft, wenn es gelingt aus den Steinen, die auf einen geworfen werden, ein Haus zu bauen. Diese Kraft muss aus dem Herzen kommen, in das keiner sieht, aus dem unhörbaren Weinen und dem lächelnden Schmerz. Ein Gedicht, das Mut macht.


[1] Zit. nach „In meinen Träumen läutet es Sturm“ © 1977 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München (https://www.dtv.de/search/result?search=kaleko)

Rainer Maria Rilke: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort


Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heisst Hund und jenes heisst Haus
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mir bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, 
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rainer Maria Rilke schrieb einmal: „Ich habe mich, seit ich denken kann, als Anfänger gefühlt.“ Im Buddhismus gibt es das auch, den Anfängergeist. Es bedeutet, dass man die Dinge immer wieder mit neuem Blick sehen, sie nicht einfach in gewohnte Schubladen stecken, sondern in ihrem So-Sein wahrnehmen soll. Wie viel Neues bietet die Welt da plötzlich? Dieses Anfänger-Sein steckt auch in diesem Gedicht. Es ruft dazu auf, nicht einfach gleich für alles Namen zu finden und die Dinge so in Schubladen abzulegen. Es ruft dazu auf, demütig zu bleiben, nicht alles zu wissen meinen, sondern hinzuschauen, um Neues zu sehen und lernen.

Indem wir durch die Welt gehen und die Dinge mit den Augen der Gewohnheit betrachten, sehen wir nicht, was wirklich ist. Wir sind in einem Schleier gefangen, der die wahre Sicht verschliesst. Wir nehmen nicht mehr wirklich wahr, sondern bewegen uns eigentlich schlafend durch die Welt. Und wir töten diese förmlich ab, da wir ihr die Lebendigkeit absprechen durch das schlichte benennen. Wir nehmen damit auch der Sprache ihre Kraft, da dieses Benennen ein oberflächliches ist. Es geht nicht mehr in die Tiefe, es lässt alle Nuancen vermissen, sondern handelt die Dinge mit einem Wort ab. Es ist wohl kein Ding so flach, als es mit einem einzelnen Wort hinreichend beschrieben wäre.

Denken wir an einen Baum. Wir laufen durch die Strasse, sehen diesen, denken Baum und gehen weiter. Wir sehen nicht das kräftige Grün der Blätter, sehen nicht die kleinen, feinen Blüten, die in ihrer Mitte einen feinen Stempel haben. Wir sehen nicht die Maserung der kleinen Blätter, die wie Landschaften ganze Welten darstellen. Wir sehen nicht die Maserung der Rinde, in denen sich wunderschön natürliche Muster zeigen. Wir sagen Baum und sind an diesem vorbei. Sähen wir genauer hin, eröffnete sich uns eine Schönheit, die dann in unser Leben einzöge.

Aus diesem Grund ruft Rilke dazu auf, den Dingen fern zu bleiben mit einfachen Worten. Lass die Dinge zu dir sprechen, lass sie singen und höre zu. Wenn ihr sie benennt, sagen sie nichts mehr, dann sind sie tot. Und damit ist deine Welt um dich tot. In einer toten Welt lebt es sich nicht froh. Ein Leben, das ein wirkliches solches sein soll, das lebendig und reich sein soll, bedarf eines ebensolchen Blicks, eines aufgeschlossenen, nicht wertenden, offenen, der wirklich wahrnimmt.



Kleine Deutung – Heinrich Heine: Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Es holpert und poltert, mal sind die Reime gesucht, mal wird um das Metrum gerungen. Ein Gedicht, in dem nichts passt. Und doch alles. Da steht eine Frau am Meer und schaut hinaus, angetan vom Spektakel, das die Sonne vollführt. Sie seufzt, ist hin und weg, da kommt Herr Heine und sagt pragmatisch: Mein Gott… das kennen wir doch schon, das war immer so, das wird weiter so sein. Und er hat recht!

Wie oft gingen wir in die Ferien, zückten die Kamera und knipsten. Hatten oft wenig mehr als ein Farbenspiel, würde man all die Bilder vermischen, könnte man sie kaum mehr Orten zuordnen. Und doch… wir sind immer wieder gerührt. Und immer wieder bewegt. Und das erkennen wir im Gedicht wieder. Die pragmatische Stimme überhören wir ebenso pragmatisch. Wir lesen von der Rührung des Fräuleins und sind selber in unseren Bildern gefangen. Zwar lesen wir noch weiter, doch wir hängen an den Bildern.

Heine versucht dann noch mit Holterdipolter quasi die Aufmerksamkeit zu wecken – es gelingt nicht. Und wie ich Heine einschätze so aus der Ferne, denke ich, dass es genau das ist, was er zeigen will: Wenn wir mal berührt sind, kann es noch so ruckeln und es können Argumente angeführt werden – es hilft nichts. Wir sind gefangen. Und da kommen wir so schnell nicht mehr raus.

Das ist natürlich in der Rührung, im Schönen, im Positiven wunderbar. Doch leider macht es auch vor dem Rest nicht halt. Und ab und an ruckelt es da auch und wir hören schlicht nicht hin… Vielleicht täte ab und an ein klarer Blick Not? Und er täte gut? So im Wissen: He, heute ist nicht alles verloren, es gibt morgen eine neue Chance?

Aber ja… wenn dann die Sonne wieder untergeht, kümmert es nicht, ob sie das morgen wieder tut. Das Geniessen im Hier und Jetzt tut gut und darf sein. Gegebenenfalls morgen wieder.

Kleine Deutung – Paul Fleming: An sich

Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wider dich Glück Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut.
Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
Ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

Und eh du förder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.

Schon am Anfang zeigt sich das Programm des Gedichtes. In einem kleinen Wort steckt schon so viel drin: Dennoch. Sei dennoch unverzagt. Selbst wenn alles nicht so läuft, wie das willst, wenn das Leben schwer ist, selbst dann sei unverzagt. Und gib dennoch nicht alles schon verloren, denn das ist es nicht. Hüte dich vor Neid dem Glücke anderer gegenüber und schau es nicht als Leid an, wenn dir selbst das Glück gerade nicht hold ist.

Was aber ist Glück und wie kommt man dahin? Wie kommt man mit einer Welt klar, in der die Dinge nicht immer so laufen, wie man sich das wünscht? Mit Gelassenheit, sagt Paul Fleming. Indem wir davon ausgehen, dass alles seine Bestimmung und seine Gründe hat, dass wir annehmen müssen, was ist. Und bei all dem sollen wir die Hoffnung nie verlieren, dass nach einem Unglück auch wieder bessere Zeiten kommen.

All die Klagen sind schlussendlich unnötig. Auch das Loben des Glücks ist es. Statt das Glück im Aussen zu suchen, solle man in sich gehen, denn: Alles ist schon da. Es liegt allein an mir selber, ob ich das Glück finde oder nicht, denn es liegt genau darin, was oben schon beschrieben ist: Annehmen was ist und sich nicht in Neid und Wehklagen zu verstricken. Dann ist man Herr seiner Gefühle, dann ist man Herr seiner selbst und steht damit über allem, was bedrücken könnte.

Paul Fleming hat dieses Gedicht 1641, also vor 380 Jahren geschrieben, in einer Zeit, die durch den 30-jährigen Krieg und die Pest stark gebeutelt war. Das Leben war kein sicherer Wert, es war jederzeit in Gefahr. Mit seiner Form (Sonett mit 14 Versen, aufgeteilt in zwei Quartette und zwei Terzette, mit sechshebigem Jambus (Alexandriner), abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen sowie dem umarmenden, in den Terzetten durch zwei Paarreime unterbrochenen, Reim)  ist das Gedicht typisch für seine Entstehungszeit, den Barock. In der Lebensauffassung dieser Zeit bildeten sich Gegensätze wie «Carpe diem – Memento mori», «Diesseits – Jenseits» heraus, Gegensätze, denen immer die Vergänglichkeit des Lebens eingeschrieben war. Ebenfalls präsent war der Glaube an die Vorbestimmung eines Lebens, daran, dass dieses dem Menschen quasi vorgezeichnet ist und es kein Entrinnen gibt.

Diese Lebensauffassungen mögen heute nicht mehr gelten, dennoch hat das Gedicht nichts von seiner Aktualität und Wahrheit eingebüsst. Noch heute ist der Mensch in seinem Streben nach Glück gleich, noch heute wird er aber einsehen müssen, dass er nur eines selber in Händen hat: Wie er auf die Dinge reagiert, welche das Leben bereit hält. Wenn es da gelingt, aus einem Gleichmut und einer Gelassenheit heraus anzunehmen, was ist, dann stellt sich eine Ruhe ein und damit auch eine Art Glück.

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Paul Fleming, geboren am 5. Oktober 1609 in Hartenstein (Sachsen) und gestorben am 2. April 1640 in Hamburg, war Arzt und Schriftsteller und gilt als einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Barockliteratur. Er schrieb sowohl lateinische wie auch deutsche Gedichte, wobei nur wenige lateinische Gedichte schon zu Lebzeiten veröffentlicht wurden.

Kleine Deutung – Mascha Kaléko: Das Ende vom Lied

Ich säh dich gern noch einmal wie vor Jahren
Zum erstenmal. Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh dich gern noch einmal wie vorher,
Als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.

Ich hört dich gern noch einmal wieder fragen,
Wie jung ich sei, was ich des Abends tu.
Und später dann im kaum gebornen Du
Mir jene tausend Worte Liebe sagen.

Ich würde mich so gerne wieder sehnen,
Dich lange ansehn stumm und so verliebt.
Und wieder weinen, wenn du mich betrübt,
Die viel zu oft geweinten dummen Tränen.

Das alles ist vorbei. Es ist zum Lachen!
Bist du ein andrer, oder liegts an mir?
Vielleicht kann keiner von uns zwein dafür. 
Man glaubt oft nicht, was ein paar Jahre machen.

Ich möchte wieder deine Briefe lesen,
Die Worte, die man liebend nur versteht.
Jedoch mir scheint, heut ist es schon zu spät.
Wie unbarmherzig ist das Wort: Gewesen!*

Doch: Das alles ist vorbei. Zum Lachen sei das. Mit Ausrufezeichen. Und schon beim Lesen werden die Worte Lügen gestraft. Zum Weinen ist es wohl, weil es nicht mehr ist. Es ist wohl also ein Lachen, das im Halse stecken bleibt, ein sarkastisches Lachen, ein leicht verzweifeltes Lachen. Und auf das Lachen folgen die Fragen nach dem Warum. Wieso ging das, was mal so schön war, auseinander? An wem lag’s? War’s schlicht der Lauf der Zeit?

Und dann versiegt das kurze Fragen und Hadern, die Sehnsucht drückt wieder durch. Wie gerne würde man all das nochmals erleben, wie gerne würde man wieder lieben. Und mit der Sehnsucht kommt die Einsicht: Das wird nie mehr sein.

Trotz des eigentlich traurigen Themas wohnt dem Gedicht etwas Versöhnliches, gar Tröstliches inne. Die Dankbarkeit über das Schöne, das Erinnern an das Gute bringt dies mit sich. Und in diesen Erinnerungen und in der Dankbarkeit lebt das Gute auch weiter. Wer weiss: Hätte man vielleicht früher schon, bei Streit, wenn das Schwere überwog, an die schönen Anfänge und das Gute und Schöne gedacht, wäre es gar nicht zum Ende gekommen, weil im Innern etwas Versöhnliches aufgetaucht wäre? So bleiben nur das «Gewesen!» und das sehnsüchtige Erinnern.

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* zitiert nach „Das lyrische Stenogrammheft“. Erstveröffentlichung dieser Ausgabe: 1956 Rowohlt Verlag, Hamburg © 2015 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München – zu kaufen direkt beim Verlag: HIER