DSCF0036Heute führte die Wanderung in meine Heimat, verbrachte ich doch die schönste Zeit meiner Kindheit im wunderbaren Berner Oberland, genauer im Diemtigtal – mit Ausflügen ins Simmental. Seit ich denken kann, habe ich einen Kraftberg, einen Berg, der mir was bedeutet, an den ich Erinnerungen habe, der mir Mut macht, wenn ich ihn sehe, den ich lange vom Wohnzimmerfenster her sah und den ich als Kind jährlich mindestens einmal bestieg.

DSCF0041DSCF0043Um 10 Uhr landeten wir am Bahnhof Erlenbach und liefen zur Talstation der Stockhornbahn hoch. Nicht mehr ganz früh dran, waren wir nicht alleine. Aus Zeitgründen fuhren wir mit der Seilbahn bis zur Mittelstation. Sehr willkommen war die Gepäckannahme der Bahn, so dass wir nicht mit Rollkoffer den Berg hinauf kraxeln mussten. Da der Gepäckraum nicht wirklich bewacht (eigentlich gar nicht) war, blieb der Kitzel, ob wir unten angekommen unser Gepäck wiederfinden würden. Die Fahrt hinauf war wunderbar und eng – wie wohl immer an schönen Tagen. Bald schon sah ich auf der gegenüberliegenden Hangseite das Diemtigbergli, in dem ich einen Grossteil meiner Kindheit verbracht habe, wo ich Ski fahren lernte und einfach zu Hause war. Die Seilbahn landete im Chrindi, der Mittelstation. Aus dem Gebäude getreten eröffnete sich schon der Blick auf den Hinterstockensee – wunderbar zum Fischen und einfach malerisch gelegen. Vor uns steil empor das Stockhorn – des Berges zweiter Teil. Wir marschierten los, leider war der eine Weg noch geschlossen wegen Schnee, so dass wir den Touristenweg wählen mussten. Schnell war ein rhythmischer Tritt gefunden und so ging der Aufstieg flott, er floss förmlich. Heute waren die Gedanken frei, einer Meditation gleich flogen sie dahin, ohne irgendwo anzustehen, einfach im Fluss.

Mit jedem Schritt erweiterte sich auch hier das Panorama. Kindheitserinnerungen kamen auf, wie oft war ich diesen Weg gegangen, teilweise vom Diemtigbergli runter, Stockhorn rauf, runter, wieder zum Bergli rauf. Eine Kindheitsepisode kam mir in den Sinn. Ich war schon den ganzen Hang vom Bergli runtergelaufen, nun wieder auf halbem Weg bis zur Mittelstation rauf, da zog über unserm Kopf die Seilbahn durch, Kinder winkten runter. Empört sagte ich zu meinem Vater: „Wenn ich mal Kinder habe, frage ich die, ob sie fahren oder laufen wollen.“ Mein Vater, der nun nicht wirklich ein Unmensch war ( alles andere) sagte bei der Ankunft an der Mittelstation zu mir: „Schau, hier können wir noch bis zum Gipfel fahren. Magst du?“ Trotzig sagte das Kind (also ich): „Nun bin ich bis dahin gelaufen, nun lauf ich auch noch den Rest.“ Sagte es und lief hoch, wieder runter und die andere Seite wieder hoch. Der Trotz, gemischt mit Ehrgeiz, geht mir wohl heute noch nach.

DSCF0060Nach kurzer Zeit schon war es leider mit der Stille der Berge vorbei. War ich bislang sehr happy, einen Wandergenossen gefunden zu haben, der genauso wie ich schweigend Berge hoch läuft, trafen wir alle paar Meter auf Turnschuhtouristen, die den Berg mit der Bahn hochgefahren waren und nun eifrig plappernd runterliefen. Das trübte das Bergerlebnis ein wenig, hatte ich es doch aus der Zeit vor 30 Jahren (Zahl bitte sofort wieder vergessen) ruhiger in Erinnerung. Nichts desto trotz entschädigte  das Panorama von Meter zu Meter. Eiger, Mönch und Jungfrau, Blüemlisalp, Finsterarhorn – alle zeigten sie sich immer mehr. Erlenbach weit unten im Tal wurde zur Spielzeugeisenbahnlandschaft.

DSCF0063Vorbei an der Oberstockenalp, welche übrigens im Sommer wunderbare Wanderbauernplatten mit leckerem Käse und Hobelfleisch serviert, die kühlenden Getränke nicht zu vergessen, ging der Weg weiter bis zum Gipfel, welcher um die Mittagszeit an einem Sonntag natürlich gut bevölkert war.

 

 

DSCF0076Schnell ein Gipfelfoto geschossen, den Blick in die Weite über Thun bis nach Bern (dieses Mal im Dunst, sonst gut sichtbar) genossen, machten wir uns an den Abstieg, um ein ruhiges Plätzchen für die Mittagspause zu finden. Wir fanden es am Vorderstockensee, wo nicht alle Turnschuhtouristen hinkamen. Von da führte unser Weg über sehr steile Bergwanderwege zuerst nochmals hinauf, dann hinunter, die Knie begannen zu schlottern, aber die Ruhe war herrlich.

DSCF0084Anfangs noch ein wenig grummlig, weil meine Kindheitserinnerung nicht mehr ganz so idyllisch war, wie gedacht, weil ich an einer noch nicht ganz abgeheilten Verletzung litt, der Zeitdruck spürbar wurde, ich musste nach Hause, und Selbstzweifel dem Ganzen die Krone aufsetzten, kehrte schon bald ein wohliges Gefühl zurück: Der Weg war gut ausgeschildert, menschenleer, die Gedanken und der Schritt flossen wieder dahin und die Welt war in Ordnung. Nach 5 Stunden und 45 Minuten Wanderzeit kamen wir bei der Talstation an, wo wir unser noch vorhandenes Gepäck aufgriffen, zum Bahnhof pilgerten und die Heimreise antraten. Im Kopf schon beim Fahren das Lied im Kopf „Ich han Heimweh nach de Berge…..“. Einmal Bergkind, immer Bergkind. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei meinem wunderbaren Wanderbegleiter, der sich als Einzelbergwanderer in dieses Tourigewimmel stürzte für mich und mich aus meinen zeitweilig trüben Gedanken riss. Es war wunderbar.

 

Fazit:

Von unten hoch und wieder runter ist das Stockhorn eine Herausforderung für die Ausdauer, da es mitunter sehr steil ist, was beim Weg hinunter (vor allem ab dem Chrindi) in die Knie geht. Wer andere Leute beim Wandern liebt, kann getrost hinaufsteigen, wer die Stille der Berge sucht, sollte den „üblichen“ Weg meiden und andere Routen wählen oder aber unter der Woche hinaufsteigen, wenn es deutlich ruhiger ist. Der Ausblick vom Gipfel ist wundervoll, den kann ich jedem nur ans Herz legen.

 

 

Ich bin von Natur und von Beruf Philosoph. Was das ist, werde ich oft gefragt. Ich sage immer: Ich denke. Immer. Über alles nach. Über mich, andere, das Leben, Umstände des Lebens. Ich hinterfrage alles. Mich, andere, das Leben, Umstände des Lebens. Und ich hadere durch das Denken oft. Mit mir, anderen, dem Leben und dessen Umständen.

Du denkst zuviel.

Das ist wohl der Satz, den ich am meisten hörte. Und ich sagte mir denselben auch oft. Ich wünschte mir manchmal, weniger denken zu können, die Dinge einfach hinzunehmen, danach zu handeln, wie die Dinge erscheinen, und so locker flockig durchs Leben zu gleiten. Es gelang nicht. „Déformation professionelle“ oder Natur – oder eine Mischung aus beiden.

Ich denke, also bin ich.

Der Satz ist nicht meine Erfindung, offensichtlich. Ihn zuzuordnen ist fast obsolet, da er mit dem Namen Descartes verbunden ist wie das Ei mit dem Huhn. Das Gefühl dahinter ist aber ganz meines. Würde ich nicht denken, würde mir etwas Grundlegendes fehlen. Es wäre nicht mehr mein Leben. Selbst wenn ich ganz klar weiss, dass das Leben wohl einfacher wäre, träte das Denken ein wenig zurück, möchte ich es nicht missen, da es mich ausmacht, ich mich ohne dieses gar nicht kenne, mich mir gar nicht vorstellen könnte.

Und so dachte ich in all’ den vergangenen Jahren immer wieder über ein Thema nach:

Was ist Heimat? Wo bin ich zuhause?

Und ich wälzte Theorien, fühlte mich zerrissen. Ich schwankte zwischen dem Ort, an dem ich geboren wurde und die Schule besuchte, dem Ort, den ich später für Studium und Beruf wählte, dem Ort, an dem ich die glücklichsten Momente der Kindheit verlebte und an dem meine Eltern heute wohnen und verschiedenen Orten, in die ich aus irgendwelchen Gründen gezogen bin. Die Zerrissenheit in dieser Frage brachte eine innere Unruhe mit sich, ich fühlte mich immer da fremd, wo ich war und sah da Heimat, wo ich sie mir hindachte. Das Verbindende der Gedankenwelt war immer stärker als das gerade Erfahrene, da ich als denkender Mensch viel tiefer in den Gedanken verhaftet war als in der Realität. Denken ist einsam. Es passiert im Stillen und für sich. Das Leben spielt sich draussen ab. Das ist irgendwie offensichtlich und das unterschreibe ich und unterschrieb ich immer.

Ich bin oft umgezogen. Immer aus Überzeugung, immer aus Gründen. Das Gefühl, zu Hause zu sein, kam selten auf, und wenn, blieb es nicht lange. Die Vorzüge eines anderen Ortes überwogen schnell. Die Einsamkeit des Denkens und des Berufs, der sich darum bildet, hatten sicher ihren Anteil daran. Im Moment wohne ich so lange an dem Ort hier, wie noch kaum je an einem anderen Ort der letzten Jahre. Umzugsphantasien kamen oft. Wurden ausgemalt, geplant, Wohnungen gesucht, Energie in Begründungen investiert, wieso das besser wäre als der Ort hier. Sie wurden alle verworfen. Denn eigentlich gefällt es mir hier ganz gut. Es ist nicht perfekt. Vieles fehlt. Vieles ist nicht so, wie ich es möchte. Und doch ist mein Leben gut. Ich kann es drehen und wenden. Ich kenne hier noch niemanden wirklich. Aber das kann ich ändern. Das habe ich geändert, indem ich mich gerade heute in der Schule meines Sohnes engagiert und für ein Jahr verpflichtet habe. Das hätte ich früher nie getan. Ein ganzes Jahr. Ich kann nicht weg. Ich muss hier bleiben. Und es fühlt sich verdammt gut an. Komischerweise.

Es gibt viele tolle Orte. Jeder hat etwas für sich. Und alle haben sie etwas, das fehlt. Mal sind es Menschen, mal Plätze, mal Erinnerungen, mal Atmosphäre. Was wirklich zählt ist aber, was man draus macht. Man kann sich seine Heimat selber schaffen. Das passiert einerseits in Gedanken, das passiert aber hauptsächlich real durch Taten. Durch ein Sich-Einlassen. Durch den Entscheid:

Hier bin ich Mensch, hier will ich sein.

Bei Herrn Goethe hiess es, er dürfe da sein, ich wandle ab  hin zu „hier will ich sein“. Was andere denken, dass ich es dürfe oder soll, ist irrelevant. Ich hörte oft, ich sei zu oft umgezogen, das hätte ich nicht fürfen, schon meines Sohnes wegen. Wir haben das gut gepackt, weil wir es gemeinsam wollten. Nun bleiben wir. Weil wir es wollen. Wir lassen uns ein und bauen was auf. Vielleicht wird es irgendwann wieder ändern. Für heute stimmt es so. Was das Leben bringt, werden wir sehen. Mein Fazit für heute?

Heimat ist, wo man sein will, weil es sich gut anfühlt.

Dass das so ist, braucht es mehr als nur Gedanken, es braucht Taten und ein sich drauf einlassen. Immer wieder, immer von Neuem. Und wenn es sich gut anfühlt, dann ist es gut. Denken kann man dann wieder, wenn das ändert. Und nicht immer stimmt der Ort nicht.

Fanny Liane Wilhelmine Sophie Adrienne Auguste Comtesse zu Reventlow wurde am 18. Mai 1871 in Husum geboren. Ihr Lebensweg führte über Lübeck, München bis hinab nach Ascona, wo sie am 26. Juni 1918 starb. Es war ein bewegter Weg, ein Weg voller Brüche, voller Kampf um die eigenen Ideale und eine ständige Suche nach Freiheit, Unabhängigkeit.

Ich will überhaupt lauter Unmögliches, aber lieber will ich das wollen, als mich im Möglichen schön zurechtzulegen.

Aufgewachsen in einem sehr konservativen Elternhaus, unterdrückt von einer Mutter, die aus ihr eine der Zeit und dem Stand angepasste junge Frau machen wollte, brach sie alsbald aus diesem Leben aus und brach damit mit ihrem Elternhaus. Sie wollte sich nicht abfinden mit den mangelnden Möglichkeiten als Frau, sah sich zur Künstlerin, zur Malerin geboren.

Franziska zu Reventlow widersetzte sich den Konventionen ihrer Zeit. Sie setzte sich für sexuelle Freizügigkeit ein, war allein erziehende Mutter eines Sohnes, den sie über alles liebte, dessen Vater sie aber zeitlebens nicht bekannt gab. Sie unterhielt wechselnde und teilweise überschneidende Männerbekanntschaften und verkehrte in Münchens Künstlerkreisen, ständig mit Geldsorgen kämpfend. Ihr Job als Übersetzerin reichte kaum je für den Lebensunterhalt, die gelegentlichen Geldbeschaffungsmassnahmen machten auch vor Körpereinsatz nicht Halt. Zwar hätte sie einige Male die Möglichkeit gehabt, in den Ehehafen einzulaufen und damit auch eine sicherere Lebensgrundlage zu haben, doch konnte sie sich nicht dazu entschliessen, ihre Freiheit aufzugeben.

[…] es liegt nun einmal tief in meiner Natur, dieses masslose Streben, Sehnen nach Freiheit. Die kleinste Fessel, die andere gar nicht als solche ansehen, drückt mich unerträglich, unaushaltbar und ich muss gegen alle Fesseln, alle Schranken ankämpfen, anrennen.

Gab sich Franziska von Reventlow nach aussen lebenslustig und kämpferisch, kämpfte sie im Innern oft mit Depressionen und auch Einsamkeit. Die angeschlagene Gesundheit machte ihr auch oft zu schaffen. Trotz allem liess sie sich nicht von ihrem eigenen Weg abbringen, begann, als sie merkte, dass es mit der Malerei nicht klappte, zu schreiben und veröffentlichte Erzählungen in Zeitschriften wie der Neuen Rundschau oder Zürcher Diskussionen.

1900 beginnt sie mit ihrem autobiographischen Roman Ellen Olestjerne, welchen sie 1903 publiziert. Es folgen noch weitere Romane, doch aus ihren finanziellen Nöten kommt sie nicht heraus. 1910 zieht sie mit ihrem Sohn nach Ascona, wo sie 1918 bei einer Operation stirbt.

 Ich finde, dass das Leben [der Reventlow] eins von denen ist, die erzählt werden müssen, dass man es vor allem jungen Mädchen und jungen Männern erzählen muss, die das Leben anfangen wollen und nicht wissen wie. (Rainer Maria Rilke in „Die Zukunft“, 1904)

Ulla Egbringhoff hat dieses Leben dargestellt und dies auf eine sanfte, menschliche und fundierte Weise. Sie hat ein klares Bild der Lebensumstände und der damaligen Gesellschaft gezeichnet und die eigenwillige und kämpferische Künstlerin hinein gebettet. Die konventionellen Geschlechterrollen sind dabei ebenso Thema wie künstlerische Strömungen und gesellschaftliche Erwartungen.

Franziska von Reventlow wird in diesem Buch lebendig, man fühlt sich ihr verbunden, erkennt in ihr eine Frau, die ihren Weg gehen will und dafür einen hohen Preis zahlt. Das Buch handelt vom Leben einer Künstlerin, die in sich einen enormen Lebenswillen und Freiheitsdrang spürt, dem sie nicht entkommen kann. Sie muss diese ausleben, verzweifelt dabei aber innerlich ab und an, fühlt sich unzulänglich und allein.

Fazit:
Das Portrait einer unkonventionellen, freiheitsliebenden, kreativen Frau, welche sich ihre eigene Welt schaffte und doch nie zu Hause schien. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Ulla Egbringhoff
1965 in Metelen/Westfalen geboren, studierte Ulla Egbringhoff in München und Köln Literatur, Theaterwissenschaften und Philosophie. Es folgten verschiedene Tätigkeiten als Regieassistentin, Mitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung, Rundfunkbeitrräge für den WDR sowie Aufsätze zu Autorinnen der Jahrhundertwende.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 158 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (August 2000)
Preis: EUR 7.90 / CHF 12.50

Zu kaufen bei: AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

Auf dem Foto sieht man den Vater als sechsundreissigjährigen Mann an der Seite einer blonden Frau, die ein buntes, eng geschnittenes Sommerkleid trägt. Sie legt ihren Arm um seine Hüfte, er schaut seitlich zu Boden. Sie posiert. […] Der Körperhaltung nach passt ihm die Situation nicht, aber das kann täuschen.

Elisabeth lebt ein Leben, das sich im Alltag erprobt hat. Sie ist Schauspielerin an einem renommierten Theater und lebt mit Holger, einem Arzt zusammen. Die Ruhe und Beschaulichkeit wird mit einem Telefonanruf jäh durchbrochen. Ihr Bruder, von dessen Existenz sie bis dahin nichts wusste, bittet um ein Treffen.

Du lächelst verlegen. Du versuchst, Deine Hände vor mir zu verbergen. Ich höre meine Stimme: Eine Affäre. Weiter nichts. Das sieht ihm ähnlich. Deine Augen werden feucht.
Ehrlich gesagt, das Foto spricht eine andere Sprache. Das sieht nach Doppelleben aus, nach Liebe, nach grossem Kino.

Elisabeth bittet um Zeit, weiss nicht, was mit all dem anfangen. Sie hat ihre Vergangenheit und vor allem ihren Vater aus ihrem Leben verdrängt. Nun bricht alles auf, Bild für Bild kehrt es zurück und Elisabeth merkt, dass sie sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss. Zuerst noch denkend, dass sie das nur für ihren Bruder macht, um diesem ein Bild seines Vaters aufschreiben zu können, macht sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Es ist eine Reise zurück zu den Plätzen seiner wie auch ihrer Vergangenheit. Erinnerungen tauchen auf an seinen Alkoholkonsum, ihre Angst vor ihm, seine Wut und ihre Flucht.

Je mehr Elisabeth über ihren Vater erfährt, desto weiter entfernt sie sich von ihrem gewohnten Leben, vom Mann an ihrer Seite. Sie verstrickt sich immer tiefer in ihre eigene Herkunft und will von allem, was bis vor kurzem noch Alltag war, weg, hinein in eine neue Zukunft, die ihr echter und wahrer erscheint als alles, was bislang ihr Leben ausmachte.

Gesucht hat sie ihren Vater, gefunden hat sie sich selber. Björn Biker erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die aus der sorgsam aufgebauten Welt in ihre eigenen Abgründe taucht und dabei viel über sich selber herausfindet, sich erst selber kennen lernt. Der schonungslose Blick eröffnet ihr eine neue Sicht auf ihr eigenes Leben und sie realisiert am Schluss, was wirklich zählt im Leben.

Der Roman ist ein Buch über Wahrheit, Heimat, Liebe und Hass, es ist ein Buch über das Vergessen und das Erinnern, über Sucht und Verdrängen, ein Buch darüber, dass man die eigene Vergangenheit immer in sich trägt und doch jederzeit die Möglichkeit hat, sein Leben selber zu gestalten, indem man es in die Hand nimmt. Es ist ein Buch über das Erwachsenwerden.

Was wir erben besticht durch einen klaren Realismus, in welchem doch nie ganz klar ist, was Spiel, was wirkliches Leben ist und war. Es erzählt Geschichten des Lebens und erfundene, zeigt die Menschen im Leben und im Spiel desselben. Björn Biker schreibt in einer schnörkellosen und direkten Sprache. Er verzichtet auf Sentimentalität und Pathos, sondern erzählt, was ist oder zu sein scheint. Er legt die Gedanken seiner Figuren offen, stellt sie dar in ihrem Schein und Sein, ohne sie blosszustellen. Er zeigt die menschlichen Schwäche und was sie anrichten können, wenn es die von Eltern sind, ohne dabei zu sehr auf Opfer-Täter-Konstruktionen zu verfallen.

Fazit:
Eine Reise durch die Vergangenheit, um ganz in der Gegenwart anzukommen. Eine Geschichte, die etwas von jedem in sich trägt, ohne psychologisierend den Spiegel vorzuhalten. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Björn Bicker
Björn Bicker ist 1972 geboren und studierte in Tübingen und Wien Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Rhetorik. Er arbeitete nach dem Studium an diversen Theatern und versuchte in verschiedenen Projekten, eine Brücke zwischen Kunst und politischer Praxis zu schlage. Seit 2009 arbeitet er als freier Autor, Projektentwickler und Kurator, schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Essays und ist Dozent für Dramaturgie und Szenisches Schreibe an diversen Hochschulen. Er lebt in München. Auch von ihm erschienen ist ILLEGAL (2009).

BickerErbenAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 285 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (6. März 2013)
Preis: EUR 19.95 / CHF 29.90

Zu kaufen bei: BOOKS.CH und AMAZON.DE

Jede 2. Ehe wird geschieden. Dabei verlieren viele Kinder ihre Ursprungsfamilie. Neue Menschen dringen ein, wenn die Mutter sich neu bindet, der Vater zu neuen Ufern aufbricht. Was ist heute noch normal? Was ist eine Familie? Wie definiert man sie? Und wo bleibt das Kind in dem ganzen Schlamassel?

2 Minuten Spass, die Folgen sind frappant: eine Lebensaufgabe. Solch weitreichenden Konsequenzen sind kaum je zu erwarten, nur bei einem – der schönsten Nebensache der Welt. Kurz die Zweisamkeit genossen, kann daraus etwas entstehen, das alles Gedachte übersteigt. Neues Leben entsteht. Und damit fangen die Probleme an.

Im besten Fall träumt man von Familie, Kindern, dem ganzen schönen Leben, wie es im Bilderbuch erscheint. Die Realität heute sieht anders aus. Dass es ungewollte Kinder gibt, lassen wir mal aussen vor, traurig genug. Aber auch die gewollten kommen nicht mehr immer in den Genuss einer heilen Familie, wie sie in Heimatfilmen vorkommt. Man hätte den Märchen glauben sollen, denn schon diese sind nicht eitel Sonnenschein, sondern strotzen von bösen Stiefmüttern, mörderischen Vätern und dergleichen mehr.

Wenn ich zurück denke, an meine Kindheit: Woran erinnere ich mich? An gemeinsame Zeit, an Dasein, an das Taschentuch, das Tränen trocknete, die Hand, die Hustensirup reichte. Ich erinnere mich an gebaute Legostädte, an starke Schultern und kitzelnde Hände. Ich erinnere mich an Schokoladenkuchen zum Geburtstag und an gemeinsame Ausflüge. Ich erinnere mich an gemeinsame Zeit. Samen und Zellen? Blut? Davon wusste ich nichts. Ich hatte das Glück, Blutsverwandte als Eltern zu haben. War das relevant?

Es gibt Beispiele von Kindern, die bei Grosseltern aufwachsen. Es gibt Beispiele von Kindern, deren Eltern starben, die ihre Pflegeeltern lieben, wie eigene – ob es genau so ist, weiss man nie, jeder fühlt nur, was er fühlt. In den Anderen hineinschauen und –fühlen, um zu vergleichen, geht schlecht.

Meine These in dem Ganzen ist: Die gemeinsame Zeit, gemeinsame Erinnerungen, der sichere Hafen, der Halt in der Not – das sind die Dinge, die binden, die Familie ausmachen. Was kümmern da zwei Minuten Spass am Anfang, was kümmert Blut? Es ist die Herkunft, bringt vielleicht ein paar Veranlagungen mit sich (wie viele ist noch umstritten, die Wissenschaftler arbeiten dran). Doch lebendige Verbindungen sind anderswo zu suchen.  Sie entstehen da, wo ein Miteinander stattfindet. Wo Vertrauen aufgebaut wird. Wo ein Austausch ist. Das alltägliche Umfeld ist das, was prägt. Was das Zuhause ausmacht.

Familie wächst, sie ist nicht durch einen quasi Urknall geschaffen. Familie entsteht mit der Zeit und mit der Bereitschaft, sich einzulassen, sich einzusetzen. Man kann sich nicht durchschmuggeln. Man kann sich nicht einkaufen. Das funktioniert kurzfristig, aber nie auf Dauer. Am Schluss siegen Gefühle. Und die entstehen, wenn das Kind sich aufgehoben fühlt und sich ernstgenommen wähnt. Das hat jeder in der Hand, dazu braucht es keine Gesetze, die an alten Mustern festhalten wollen.

Nimmt man das und schaut auf die heutige Welt, ergeben sich neue Modelle: Kinder können viele Bezugspersonen haben.  Jeder kann sich seine Rolle selber zuschreiben. Und wenn man das im Kopf hat, niemand denkt, ein anderer nimmt einem was weg, sondern sieht, dass der dem Kind was gibt, dann wäre ein Miteinander möglich, das im Sinne des Kindes wäre. Und damit mittel- und langfristig im Sinne der Gesellschaft.

Anker setzen

Wie ein Schiff
auf hoher See –
ohne Ziel,
und Horizont.

Uferlos –
so fühl‘ ich mich.
Ohne Hafen,
ohne Anker.

Ein Pirat
im Wellengang –
ohne Zuflucht,
nie daheim.

Wogen schaukeln
meinen Bug,
bringen mich
ins Schwanken.

Winde rütteln
an den Masten,
lenken ab
und treiben weg.

Nebel schweben
auf dem Meer
verhüllen mir
den Blick.

Land in Sicht,
ersehn‘ ich mir –
Segel und dann
Anker setzen.

Anker setzen – das ist die Sehnsucht. Ankommen, zu Hause sein, wissen, wo man hingehört. Nur: wo gehört man hin? Was heisst Zuhause? Wo ist der Hafen, wo kann, wo will ich bleiben? Diese Fragen beschäftigen mich seit Jahren, weniger als Fragen, mehr als Gefühle. Gefühle des nirgends Dazugehören. Gefühle der Einsamkeit. Auch Gefühle der Zerrissenheit. Ich erlebte schon meine Kindheit an zwei Orten. Die Schulzeit im einen Kanton, die Freizeit im anderen. Die Berge wurden Heimat, die Schule war der Alltag.

Später wurde das verstärkt, da meine Eltern in dem Freizeitkanton ihr Zuhause aufschlugen, mein Familienheim zog also um. Ich blieb alleine zurück. Alleine war ich auch sonst. Weitere Familie als meine Eltern habe ich keine. Auf alle Fälle keine, zu der Kontakt bestünde. Ich weiss nicht, an welchem Punkt der versandete und wieso. Er war wohl nie tief und damit auch nicht stabil. Die früheren einmaligen Jahrestreffen blieben aus, man gehörte quasi nicht mehr dazu. Die Zerrissenheit einerseits, berufliche und private Umbrüche andererseits führten zu Umzügen kreuz und quer durchs Land. Schön war es überall auf eine Art, überall fand ich etwas, überall vermisste ich etwas. Ein Ankommen war es nie. Wenn der Ort passte, stimmten die Umstände nicht, wenn die Umstände passten, gefiel der Ort nicht oder die Umstände änderten. Eine innere Unruhe wuchs, mit ihr die Suche nach dem, was so dringend ersehnt war: Der Hafen. Wo gehöre ich hin? Ist es ein Ort? Und welcher könnte es sein? Ist es ein Mensch? Wer wäre das? Fängt mich wer auf? Muss ich das nicht selber tun? Gibt mir wer Halt? Aber ich fiel immer, wenn ich vertraute. Nochmals von vorne? Wage ich das? Ertrage ich den erneuten Fall?

Mein Leben heute ist gut. Es hat viele guten Seiten, für die ich dankbar bin. Es gibt auch die anderen. Das nennt sich wohl Realität. Der Ort, an dem ich wohne, gefällt mir, ich kenne mich aus, fühle mich dadurch „vertraut“. Er bietet viel an Möglichkeiten, an Dingen, die mir gefallen, mir was bedeuten. Dinge von anderen Orten fehlen mir, in schlechten Momenten traure ich ihnen nach. In noch schlechteren Momenten würde ich am liebsten packen und der Sehnsucht folgen. Mit etwas Abstand wissend, dass am andern Ort die Sehnsucht nach den nun hier guten Dingen aufkäme.

Genau so ist es wohl mit den anderen Bereichen des Lebens: Alles hat immer zwei Seiten. Bei keiner hat man alles. WIchtig ist, herauszufinden, was man lieber will und den Entscheid dafür zu fällen. Entscheide danach nicht immer und immer wieder zu hinterfragen, sondern sie mal als gesetzt zu sehen. Damit würde schon viel an Zerrissenheit abfallen. Das fällt mir wohl ab und an schwer. Gerade weil es für nichts einen wirklichen Grund gibt, nur meine eigenen Wünsche und Entscheidungen. Es gibt keinen Heimathafen, den ich unbedingt ansteuern muss, weil da das Heimatsgefühl ist. Es gibt nichts, das zieht, zwingt, drückt. Drum irre ich umher, getrieben von Sehnsüchten und Wünschen.

Und auch dieses Getriebensein hat zwei Seiten. So wenig es einen Halt gibt, so sehr lässt es die Freiheit. Die Freiheit, selber zu entscheiden. Und dabei merkt man, dass Freiheit nicht immer nur ein grosses Gut ist, sondern ab und an auch eine Last sein kann. Rousseau beklagte den freigeborenen Menschen als in Ketten gelegt durch den Staat. Und meist wird er noch durch viele andere Dinge angekettet. Ketten können aber auch Halt geben. Das ist wohl der Grund, wieso Menschen sich in Gemeinschaften begeben, weil sie da in den Strukturen Halt finden. Religionen leben davon: Sie stützen den Menschen in seiner Schwäche, geben ihm die Leitplanken für sein Leben und Handeln. Ketzer nennen das Hirten für unmündige Schafe, freundlicher ausgedrückt wären es wohl einfach Lebenshilfen. Wer braucht sie nicht, wer will entscheiden, welche besser ist als die andere.

Ich mag keine Ketten. Ich schüttle sie ab, löse mich draus und renne weit weg. Sind sie da, dreht sich mein ganzes Denken darum, sie aufzulösen. Und doch sehne ich mich ab und an nach Banden. Nach dem Hafen. Nach dem Gefühl: Hier gehöre ich hin, hier bin ich Zuhause. Hier ist mein Halt, das hält mich.