Eine Geschichte: Heile Familie (XIX)

Lieber Papa

„Du hattest es schön! Du hattest eine heile Familie.“

Das hörte ich mal. Es war nicht positiv gemeint, sondern als Vorwurf. Von jemandem, der fand, er selbst hätte das nicht gehabt. Diese heile Familie. Und schön wäre es drum bei ihm nicht gewesen. Ich sei privilegiert. Das wollte er mir sagen. Und ja, ich habe das lange auch so gesehen. Als ich die Augen verschloss vor all dem, was nicht in dieses Bild passte. Das Bild, das von aussen sichtbar war.

„Eigentlich hatte ich eine Scheisskindheit.“

Das sagte ich kürzlich zu Mama. Sie schaute mich an. Nickte.

„Du hast recht.“

Das sagte sie. Kannst du dir das vorstellen, Papa? Von dir hörte ich immer nur eines:

„Wir hatten es schön. Es war alles gut.“

Ich habe dir geglaubt. Selbst wenn es sich nicht so anfühlte. Ich stellte nicht dich und deine Aussage in Frage. Ich stellte mich und mein Gefühl in Frage. Schalt mich all das, was du immer sagtest, wenn ich nicht war, wie ich sein sollte.

Die Abgründe hielten wir gut verborgen. Es war wie beim Film: Vorne die schöne Kulisse, hinten der Kabelsalat und das Chaos. Manchmal sah einer hinter die Kulissen. Sagte etwas. Keiner wollte es hören. Auch ich nicht. Ich schützte dich und gefühlt auch mich. Ich wollte nicht die sein, welche aus einer schrägen Familie kommt. Ich wollte das Bild bewahren. Damit keiner die Nase rümpft. Über uns. Über mich.  Ich wollte glücklich wirken.

„Sonst mag dich keiner!“

Sagtest du mir immer wieder. Weil man nur die glücklichen möge.

Ich bin zerrissen. Was war und was nicht? Was war real und was nur Kulisse? Es heisst, die Zukunft sei ungewiss, die Vergangenheit könne einem keiner nehmen. Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Ich merke, dass ich vieles nicht fassen kann. Auch dich nicht. Wer bist du? Was wolltest du von mir? Was für mich?

Jedes Nach- und Überdenken unserer Beziehung führt zu einem anderen Bild. Mal ist es düster. Voller Schmerz, Wut und Trauer. Dann wieder ist eine Stimme mir, die sagt, ich übertreibe. Es sei doch alles gut gewesen. Ich schreibe darüber. Und schreibe um. Und glaube dem Geschriebenen. Bis ich es wieder umschreibe. Weil es sich nicht richtig anfühlt. Und dann sind da diese Löcher. Die ich nicht füllen kann. Und die, in die ich zu fallen drohe.

Kürzlich sagte mir jemand, ich solle das lassen mit dem Schreiben. Das bringe nichts ausser Licht auf Dinge, die besser im Dunkeln bleiben, damit sie keiner sieht. Und manchmal denke ich, er hat recht.

(„Alles aus Liebe“, XXI)

Ein Leben wie im Pilcher-Roman

Ich hatte kürzlich auf einer Social Media-Plattform mehr spasseshalber denn wirklich ernst gemeint die Statusmeldung reingestellt, dass ich mir ein Leben wie in einem Pilcherroman wünsche. Zwar finden sich sogar da Irrungen und Wirrungen, das sich findende Paar durchläuft einige Schwierigkeiten, findet schlussendlich sich aber und die schönen Momente und guten Gefühle überwiegen bei weitem. Die Reaktion auf diese Meldung war ziemlich eindeutig. Das sei langweilig, hiess es, das könne ich mir nicht wirklich wünschen. Rosamunde Pilcher wurde als absolutes „No Go“ gesehen, zu voraussehbar, zu schön, zu süss, zu romantisch, zu kitschig, zu problemlos. Dass man es nur schon schaut (ans Lesen wollen wir gar nicht denken), schien eine Schande und bedürfte wohl vieler Momente versunken in Scham; so leben zu wollen schien an absolute Undenkbarkeit zu grenzen. Wieso? Heile Welt ist langweilig.

Schaut man in die Zeitungen, stechen einem Meldungen von Krieg, Selbstmord und anderem Leid und Übel ins Gesicht. Schaut und hört man sich um, sieht man sich mit Klagen über eine grausame, brutale, menschenverachtende, Menschen kaputt und krank machende Welt konfrontiert. Stimmen werden laut, man müsse sich mehr auf ein Miteinander besinnen, die Liebe hoch halten, den Krieg eindämmen. Es werden Parolen von Kehrtwende und Besinnung auf wesentliche Werte propagiert. Doch wenn man sich genau das wünscht, eine Welt in Liebe, in Harmonie, mit einem Happy End und gutem Gefühl, dann wird das vehement bekämpft, belächelt und verspottet.

Wieso ist eine harmonische, heile Welt langweilig? Wieso brauchen wir Ärger, Zwist, Kampf und Krieg, um ein spannendes Leben zu haben? Und selbst wenn das spannend wäre, wieso sehnen wir uns danach, da es uns ja offensichtlich krank macht? Immer mehr Menschen leiden an psychosomatischen Störungen, immer mehr Menschen kommen mit dem immer mehr fordernden, immer kälter und härter werdenden Alltag nicht klar. Immer mehr Menschen gehen unter in den Fluten von Druck, Leistungszwang, Rigorosität, Menschenunwürdigkeit und Ausrichtung an Profit, Macht und Sieg. Sich dem entziehen zu wollen wird aber als langweilig, nicht erstrebenswert und schon fast zu verachten abgetan.

Man fühlt sich bemüht, zu rufen: „Ja, was wollt ihr denn?“ Wovor fürchtet man sich, wenn man sich nicht auf die heile Welt einer Pilcher einlassen will, Mord und Totschlag von all den blutrünstigen Krimiserien (die ich durchaus sehr liebe und regelmässig schaue) gut heisst? Wieso ist Blut, Kampf und Gewalt cool, Liebe und Happy End langweilig und öd? Dass der Mensch sich eigentlich nur nach Liebe sehnt, scheint ein alter Hut und biologisch, soziologisch und psychologisch gut belegt, was hindert den Menschen also daran, dazu zu stehen?