Schon wieder so ein Tag. Einer gleicht dem anderen. Das Frühstück kommt um sieben, also zu einer Zeit, zu der kein normaler Mensch Hunger hat. Zwei Scheiben Brot, Butter, Marmelade. Hans nimmt immer zwei Tassen Kaffee mit viel Milch dazu. Das erzählt er jedem, der es hören will. Den anderen auch. Nach dem ersten Tag mit zwei Scheiben hat er allerdings gesagt, eine Scheibe reiche auch. Schliesslich esse er zu Hause auch nur eine und hier mache er ja nichts als rumzuliegen.

Hans liegt nicht alleine hier, er teilt das Spitalzimmer mit drei Männern in seinem Alter. Also eigentlich dachte er, als er eintrat, das seien alles alte Männer, bis er merkte, dass er der Älteste in der Runde ist. Wenn man aber die anderen sähe, würde man das nicht glauben. Sagt Hans. Und er muss es ja wissen, er liegt hier täglich.

Die Tage sind lang, schon der Morgen zieht sich hin. Irgendwann kommt die Visite. Heute sind sie zu fünft. Der leitende Arzt – den hat er noch nie gesehen, bislang kam eine junge Assistenzärztin, eine sehr nette – mit vier angehenden Ärztinnen. Die waren auch schon dabei, alle jung, sehr jung. Am Anfang hätte er gedacht, das seien Schwestern, so jung hätten die ausgesehen. Aber nein, das seien alles schon angehende Ärztinnen. Aber alle sehr nett, beeilt er sich zu sagen. Der Arzt redet dann auch von diesem und jenem, vornehmlich um den heissen Brei. Hans findet, das hätte ihm die nette Ärztin am Vortag alles schon erklärt und da hätte er es auch verstanden. Er hört drum gar nicht mehr richtig zu. Dann sind der Redner und seine Entourage auch schon weg und beim nächsten Bett.

Hans seufzt schon innerlich. Der da Liegende hat immer zu jammern. Ständig läutet er nach dem Personal, ständig tut was weh, fehlt was – und dann ist doch nichts. Ausserdem beklagt der sich über alles. Klingelt nach den Schwestern, weil die Bauarbeiter vor dem Spital zu laut sind. Reklamiert, weil sonst zu viel Lärm herrscht. Aber kürzlich, da liess der doch Musik laufen in einer Lautstärke, da kriegte man Kopfschmerzen von. Hans hat ihm dann gesagt, er solle die Musik runterschrauben. Es war zwar gute Musik, aber laut war sie. Zu laut. Und das von dem, dem sonst alles zu laut ist. Denkt Hans. Und erzählt es, wenn er jemanden hat, dem er es erzählen kann.

Schon bald kommt das Mittagessen. Er mag die Krankenhausküche nicht. Sie sähe immer schön angerichtet aus, aber nach dem ersten Bissen sei fertig. Alles hat so einen komischen Beigeschmack, findet Hans. Er kann sich das nicht erklären. Schliesslich kochen da Köche. Er zwingt sich immer, eine oder zwei Gabeln zu essen von allem. Immerhin sei es gut für die Figur, erzählt Hans seinem Besuch. Er hätte schon zwei Kilo abgenommen. Der Schalk sitzt ihm im Nacken beim Erzählen. Wenn man Hans kennt, weiss man wohl, an welche Leckereien er denkt, mit denen er die Gewichtsverluste wieder beheben will.

Aber nun kommt erst mal das Mittagessen, dann ein lang(weilig)er Nachmittag, dann das Abendessen mit gleichem Nicht-Ess-Ritual und dann die Nacht. Und morgen startet alles wieder neu. Und Hans wird alle Gedanken wieder neu denken. Und wenn Besuch kommt, erzählt er davon.

Und jeden Tag kommt Sabine vorbei, setzt sich zu Hans, hört sich alles an und nickt. Und sie ist froh, ihn hier reden zu hören, denn zu Hause ist der Platz auf dem Sofa plötzlich leer. Und im Bett schnarcht niemand mehr und hält sie vom schlafen ab. Fast glaubt sie nun, ohne das nicht mehr schlafen zu können.

Da sitze ich nun also und habe mir was eingebrockt. 100 Wörter sollen es sein, Drabble. Nie vorher gehört. Aber ich sollte anfangen, denn 100 Wörter sind wenig. Ist eine Zahl eigentlich auch ein Wort? Muss ich also die 100 zählen? Oder nur, wenn ich hundert schreibe?

Ich mach erst mal Kaffee. Dabei überlegt es sich besser. Ich könnte einen Schokokeks dazu essen, dann wäre auch gleich ein Wort verbraucht. Oder reicht nur essen nicht, müsste ich dazu noch schreiben, dass ich den Keks esse? Aber das interessiert doch keinen? Zudem mag ich eigentlich gar keine Kekse. Schon gar keine mit Schokolade. Wobei: Auf Facebook könnte ich für Likes ein Bild mit einer Tasse Kaffee und dem säuberlich drapierten Keks posten. Zu spät, der Keks ist gegessen. Gibt es halt keine Likes.

Das mit den 100 Worten wird eng. Ich muss mal zählen, wie viele es schon sind – am Computer wäre das einfacher gewesen als hier auf dem Papier. Technik hat schon was für sich, nur: Es sollte ja eine Flaschenpost werden – wie wäre der Computer in die Flasche gekommen? Flaschenpost – Ideen haben die Leute… Wo soll ich die Flasche eigentlich hinwerfen? Zwar ist die Schweiz eine Insel, wie an sagt, aber weit und breit kein Meer. Wir haben nur Nachbars Bioteich. Frustrierend ist das, zum Trübsal blasen.

Aber nun losgeschrieben: Ich schreibe ein Märchen von einem Prinzen, der einer Prinzessin eine Sonnenblume schenkt, die sich dann an den Dornen sticht. Heldenhaft verbindet sie der Prinz mit einem Pflaster.

Wer sagt da, Sonnenblumen haben keine Stacheln? Ihr habt doch alle keine Ahnung von künstlerischer Freiheit.

Ich glaube, ich mache ein Tripple-Drabble. Sind verbundene Worte eigentlich ein Wort oder sind es zwei Wörter? Was man alles wissen muss!? So kann ich ja nie anfangen mit dem Schreiben. Das wird nix.

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Geschrieben für das Etüdensommerpausenintermezzo 2 (HIER )

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Aufgabe war es, ein Drabble, ein Double-Drabble oder ein Trippel-Drabble zu schreiben, wobei ein Drabble 100, ein Double-Drabble 200 und ein Trippel-Drabble 300 Wörter haben darf.

Beim Drabble wären drei Wörter gefragt gewesen: Flaschenpost, Trübsal, Sonnenblume,
Beim Double-Drabble 4: Flaschenpost, Trübsal, Sonnenblume, Schokokeks
Beim Trippel-Drabble 5: Flaschenpost, Trübsal, Sonnenblume, Schokokeks, Pflaster

Klaus hob mit einem Greifarm leere Bierbüchsen vom Boden. Das machte er jeden Morgen, schliesslich sollte die Stadt wieder sauber aussehen. Er dachte nicht darüber nach, wer die Büchsen einfach auf den Boden geworfen hatte. Er hörte oft Menschen sich beklagen, dass die Menschheit heute rücksichtslos sei, einfach alles wegwerfe. Keinen Anstand gäbe es mehr, sagten die Leute dann. Es waren meist ältere Leute. Sie sagten es nie zu ihm. Mit ihm redeten sie nicht. Sie sagten es neben ihm zueinander, so dass er es hörte. Er reagierte nie. Das würden sie nicht wollen. Vermutlich ging es ihnen gar nicht um den Abfall. Auch nicht um ihn. Sie mussten ja was sagen. Klaus selber redete nicht viel.

Klaus hatte nicht immer Büchsen aufgehoben. Es gab eine Zeit, da lebte Klaus auf der Strasse. Die Wege, die dahin geführt hatten, ging er in einem anderen Leben, darüber sprach er nicht. Er dachte auch nicht drüber nach. Das war vorbei, das gehörte nicht mehr zu seinem Leben. An das Leben auf der Strasse konnte er sich aber noch gut erinnern. Hart war es. Und kalt. Und das einzige, was half, war Alkohol. Viel Alkohol. Er wärmte. Und er liess vergessen. Und beides war dringend nötig. Heute hatte Klaus wieder eine Wohnung.

Die Stadt hatte ihm die Aufgabe mit dem Müll übertragen und so konnte er übers Sozialamt eine Wohnung bekommen. Dafür war er sehr dankbar. Er war stolz, diese Aufgabe machen zu können. Er nahm sie ernst. Es gab nur zwei Tage seit dem Beginn, an denen er seinen Dienst nicht antreten konnte. Einer war nach seinem Geburtstag gewesen, ein anderer, als es ihm mal nicht gut ging. An beiden hatte er tags zuvor zuviel getrunken. Er konnte nicht aufstehen. Früher war das die Regel gewesen, heute war es die Ausnahme. Und er war stolz, waren es nur zwei Ausnahmen, denn er wollte nicht dahin zurück, wo er herkam.

Klaus wusste, dass er in den Augen all derer, die ihn Büchsen auflesen sahen, einer war, der es im Leben zu nichts gebracht hatte. Darum sprachen sie nicht mit ihm, sondern neben ihm. Er wusste auch, dass es die Welt halt so funktionierte. Die einen schafften es, die anderen nicht. Er hatte es nicht ganz geschafft. Aber er hatte es zumindest geschafft, es nicht gar nicht geschafft zu haben. Er trank noch immer. Die Büchse Bier zum Frühstück musste sein. Auch in den Pausen gönnte er sich eine. Abends das Feierabendbier – wer könnte es ihm verübeln, nachdem er den ganzen Tag den Dreck anderer Leute weggeputzt hatte. Ab und an auch Dreck, den ihm die Leute unachtsam quasi vor die Füsse kippten. Zigarettenstummel aus manikürten Händen – einfach weggeworfen. „Da ist ja einer, der kümmert sich“, dachten sie wohl.

Und Klaus kümmerte sich. Und er war stolz, denn: Von ihm lag nie eine Bierbüchse oder ein Zigarettenstummel rum. Er hinterliess alles immer sauber. Das war schliesslich seine Aufgabe und die nahm er ernst.

Es war einer dieser heissen, schwülen Tage, an denen du, kaum aus der Dusche gestiegen reif für die nächste wärst. Die Luft hing drückend und schwer über mir, das Atmen fiel schwer, ich stand an der Bushaltestelle. Ich fühlte, wie sich Schweisstropfen auf meiner Stirn lösten und langsam ihren Weg nach unten fanden. Heute hatten sie es leichter als früher, sie fanden extra für sie angelegte, gefurchte Bahnen vor.

Neben mir stand eine Frau, Marke Zürichberg mit entsprechender LV-Tasche, Foulard um den Hals, ondulierten Goldlocken, die sie mit feinmanikürten Fingern immer mal wieder hinter die goldknopfbesetzten Ohren strich. Aus ihrem roten Mund kam ein Schwall von Worten. Auf den ersten Blick hätte man denken können, sie spräche mit sich selber, denn sie war keinem zugewandt und es stand auch keiner da, welcher zu ihr zu passen schien – aber dem war nicht so. Schräg hinter ihr stand in bekannt lässiger Haltung ein Jüngling: die Mütze ins Gesicht gezogen, die weissen Drähte der Kopfhöher schlängelten sich darunter hervor und zu den Hosensäcken runter, in denen auch die Hände steckten. Der Rücken war leicht gebogen, so als ducke er sich noch zusätzlich vor den auf ihn einprallenden Worten, denen er sich so gut wie möglich zu entziehen suchte.

„Deine Noten waren dieses Jahr enttäuschend. Das, nachdem wir dir doch die teure Anlage bezahlt haben, in der Hoffnung, dir eine Freude zu machen. Ich finde – dein Vater findet das auch -, du könntest dir mehr Mühe geben. Du musst nicht denken, dass dir alles zufliegt, man muss auch was tun. Zudem vergiss nicht, dass wir morgen Besuch haben. Zieh dann bitte etwas Ordentliches an, nicht wie heute diese unsägliche Mütze und diese kaputten Hosen. Ich werde das ja nie verstehen, wie man mit solchen Hosen rumlaufen kann. Zu meiner Zeit war man froh, wenn man es nicht musste. Eine Schande wäre das gewesen, ausgelacht hätten sie uns.“

Ich bewunderte die Frau ein wenig für ihre Energie bei dieser Hitze. Die meine reichte knapp dazu, immer mal wieder eine sich verirrende Schweisstropfe daran zu hindern, mir in die Augen zu tropfen. Ansonsten bevorzugte ich die Tote-Fliegen-Taktik: Nicht bewegen, nicht reden, nichts tun – schon denken wäre eine unglaubliche Überanstrengung gewesen.

„Kannst du dich noch an Goldmanns erinnern? Die sind ja nun weggezogen nach dem Skandal mit ihrer Tochter. Dass dir nie in den Sinn kommt, so etwas Dummes zu tun. Was in euch jungen Menschen heute vorgeht, ist mir ein Rätsel. Ihr habt alles, es geht euch gut, dann sowas. Aber die lief auch immer in diesen kaputten Hosen durch die Gegend. Das konnte ja nicht gut gehen. Ich dachte das immer, wenn ich sie sah. Arme Frau Goldmann, die hatte ja nichts anderes als ihre Tochter, keine Hobbies, keine gemeinnützigen Projekte.

Ich löste mich ein wenig aus meiner Erstarrung, um zu sehen, ob der Bus nicht endlich käme. Diese ganzen Worte hatten mich müde gemacht. Ich schaute den Jungen genauer an und blickte plötzlich in tiefe braune Augen. Ihm ging es gleich. Wir wussten in dem Moment, dass wir uns verstanden.

©Sandra Matteotti

Ich hatte schon immer die Tendenz, mich zu Menschen hingezogen zu fühlen, die von der Gesellschaft und der herrschenden Politik an den Rand gedrängt, diskriminiert, fallen gelassen wurden. Ob es dieser Zug war, der mich schlussendlich dahin führte, wo ich heute bin? Ich weiss es nicht.

Als ich mein Studium begann, war das noch sehr unbedarft. Ich las gerne, las viel. Germanistik und Philosophie lagen nahe. Geschichte brauchte ich noch als zweites Nebenfach. Dass ich mich in allen Fächer immer mehr auf die Facetten eines Themas einschoss – war es Zufall? Ich kann es nicht sagen. Schlussendlich waren Themen wie Nationalismus, Gerechtigkeit, Antisemitismus überall präsent. Alle Fächer wurden auf diese Themen hin zugespitzt, in der Promotion wurde es nochmals deutlich gezeigt. Ich habe in den fünf Jahren, die diese Promotion mit all den Anträgen, Verfahren, Recherchen, Finanzierungsnebenprojekten insgesamt dauerte, jede Minute damit verbracht, mich in die Zeit der Judenverfolgung im zweiten Weltkrieg einzulesen, einzufühlen, darin einzutauchen.

Ich bin oft gefragt worden, was mich treibt. Ich habe keine jüdischen Wurzeln. Ich habe nie auch nur etwas diskriminierendes erlebt – ausser dass mich mein Mittelstufelehrer auslachte, weil ich absolut unsportlich war. Er stellte mich förmlich an den Pranger und ich litt. Es hat mich bis heute nie losgelassen und ich weiss aber trotzdem, dass es nichts ist gegen die Leiden der Menschen damals. Das ist unverständlich für jeden, der es nicht durchmachte. Und die, die es durchmachten, können heute kaum mehr darüber berichten.

Was treibt mich immer wieder? Gerade heute schaute ich einen Film. Es ging um eine Jüdin, die in den Kriegsjahren geflüchtet war und alles zurück liess: Ihre Familie, ihre Heimat, ihr Leben. Sie war die Nichte des wohl bekanntesten Models damals: Klimts goldener Frau. Das Bild ging in Nazihände über und endete in einem österreichischen Museum. Es war ein langer Kampf zum Recht, sie hat ihn gewonnen. Und ich habe geweint. Und der Film hat mich einmal mehr darin bestätigt: Es darf nicht vorbei sein. Es darf nie vergessen werden.

Es gibt noch so viel Unrecht, das aufzudecken wäre. So viele Bilder hängen noch irgendwo, die jemandem gehören. Sie werden nicht zurückgegeben, obwohl sie unrechtmässig in den Besitz des heutigen Besitzers kamen. Und ja, die ehrliche Rückgabe würde die heutige Museenlandschaft wohl ziemlich über den Haufen werfen. Worauf müssen wir Rücksicht nehmen?

Man wird nie an einen guten Punkt kommen, wenn man für den eigenen Profit über Leichen geht. Man gewinnt vielleicht den einen so geführten Kampf, aber man verliert fürs Leben. Die im Film porträtierte Frau hatte dem österreichischen Museum immer wieder angeboten, das Bild da zu belassen, wenn man nur einfach mal anerkenne, dass ein Unrecht geschehen sei. Es fehlte die Bereitschaft. Am Schluss war alles verloren. Sie hat gewonnen. Und alles gespendet. Für gute Zwecke. Es ist nicht Geld, das zählt. Man kann mit Geld unglaublich viel Gutes tun. Wenn man es richtig tut.

Ich hoffe, dass es immer wieder Zeichen gibt, die das bestätigen. Und ich hoffe, dass wir nie vergessen, was war. Und dass es sich nie wiederholt. Ich bin kein Jude. Ich habe keinerlei Beziehungen zu dem Glauben. Aber: Es kann nicht sein, dass Menschen, die Juden sind – ob auf dem Papier oder wirklich so lebend – aufgrund dieses Umstandes in irgend einer Form ausgegrenzt und angegangen werden können.

Und: Man kann nun für „Juden“ jedes x-beliebige Wort einsetzen. Da gilt das genauso. Das ist meine Haltung, so funktioniere ich und dafür stehe ich ein. Immer. Ich hörte oft: Mach das nicht, ist grad gefährlich. Du kannst dann nicht mehr dahin und dorthin reisen. Ja, in die Türkei kann ich schon lange nicht mehr reisen. Ich habe mich in meiner Dissertation explizit gegen die Politik da ausgesprochen. Es kann nicht angehen, dass ein Land nicht zu seinen Vergehen steht. Wobei das aktuell nicht wirklich erstaunt, da der aktuelle Anführer in etwa in dieselbe Richtung marschiert. (hätte ich türkische Verwandte, hätte ich mich das wohl nicht zu schreiben gewagt….).

Aber: Nun kommt das grosse Aber: Protest kann (politisch in einem Land) nur von innen kommen. Wir können nicht von aussen hingehen und sagen: Wir sehen das so, das ist so richtig, drum müsst ihr auch. Wir können damit unten anfangen und Menschen erreichen, die das dann finden und weitergeben, weiterleben. Das führt dann zu was. Und könnte was werden. Was was werden soll, muss von innen wachsen, das stülpt man nicht einfach so drüber. Auch das sieht man bei WW2 – in Israel. Und vielleicht finden mehr Menschen, es wäre besser, wie es ist – wer möchte richten? Die von aussen überstülpen? Keiner hat die Wahrheit gepachtet. Man kann nur für die eigene einstehen. Sollte aber fremde gelten lassen können. Ich glaube, dann wäre eine Basis für Frieden geschaffen.

Immer wieder lese oder höre ich in Diskussionen:

Hätte man mal unter Hitler… dann….

Man kann hier nun einsetzen, was man will, unterm Strich bleibt immer nur:

Das Argument „Hitler“ macht nicht das, was man sagt, stärker, sondern es relativiert, was unter Hitler passiert ist…

In Diskussionen geht es um konkrete Situationen mit konkreten Umständen. Sind beide schlimm, sucht man – weil wohl die Vergleiche und plakativen Argumente ausgehen – nach Worten… und findet immer nur: Hitler. Schlimmer geht nimmer und drum müsste DAS das totschlagende Argument sein. Und man klopft sich innerlich auf die Schulter, weil man es brachte. Das kann schliesslich keiner verneinen, das war schlimm.

  • Ja, es ist doof, wenn man heute wegschaut. Und es ist doof, wenn man nicht Stellung bezieht, wenn Unrecht geschieht.
  • Und es ist doof, wenn man Demonstrationen in Hamburg ausarten lässt, wenn man Politker machen lässt, wenn sie nicht so entscheiden oder handeln, wie man es möchte.
  • Es ist doof, wenn man nicht wählen geht.
  • Es ist doof, wenn man nicht hin steht und sagt: Was in der Türkei abgeht, ist gefährlich, und nicht hinschaut, was Donald Trump macht.
  • Es ist doof, wenn man Putin nicht hinterfragt und auch doof, wenn man von brennenden Flüchtlingsheimen einfach so liest und zur Tagesordnung übergeht. ABER:

Hitler hat damit nichts, aber auch GAR NICHTS zu tun. Weil:

Das Argument „Hitler“ macht nicht das, was man sagt, stärker, sondern es relativiert, was unter Hitler passiert ist…

Und das darf nicht sein!

Endlich war Frühling, die Vögel sangen, die Bienen summten, alles war Idylle pur – wenn nur die Blumen nicht getan hätten, was sie taten, denn die waren auf Krawall gebürstet. In täglichem Wettkampf streckten sie sich der Sonne entgegen, eine wollte schöner sein als die andere, jede besser gesehen werden als ihre Nachbarin. Kein Wunder, kam es dabei immer wieder zu einem Knospenkollisionskurs, bei dem die eine oder andere ein Blatt lassen musste. Das war es dann mit der eingebildeten Schönheit, zurück blieb nur ein gerupftes Blütengestrüpp.

Irgendwann merkten die Blüten selber, was sie sich gegenseitig antaten und wollten sich versöhnen. Sie hauchten sich durch die Luft Küsse zu, ganze Safranstaubkussspuren zogen von Blüte zu Blüte. Und da geschah das Wunder: Die besonders zerrupfte Iris erblühte plötzlich wieder in vollem Glanz. Als die Vögel das sahen, stimmten sie ihr Irisreinkarnationslied an.

Endlich war Frühling, die Vögel sangen, die Bienen summten, alles war Idylle pur.

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Illustration: ludwigzeidler.de

Dies ist eine neue Geschichte aus der Reihe „ABC.Etüden“ – dieses Mal für die Textwoche 17/17. Hier geht es zum Originalbeitrag: LINK

Regeln für die abc.etüden, Woche 17.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Frau Käthe (bittemito) und lauten:

Safranstaubkussspuren
Knospenkollisionskurs
Irisreinkarnationslied.