Peter Sloterdijk: Stress und Freiheit

Eine Zivilisation wie die unsere, die auf der Integration individualistischer Populationen in riesenhaften politischen Grosskörpern beruht, ist eine real existierende Höchstunwahrscheinlichkeit.

Dieser Satz ist in sich schwierig, da etwas als Unwahrscheinlichkeit bezeichnet wird (noch als eine höchste), was real ist. Das ist zwar grundsätzlich möglich, da unwahrscheinlich nicht ganz undenkbar ist, trotzdem stellt sich die Frage, wieso es diesen Satz wirklich braucht, was er streng genommen besagen will. Es soll wohl eine sehr plakative Heraushebung der Schwierigkeit des Status quo unserer politischen Realität sein. Die Frage ist, inwieweit Populationen wirklich individualistisch sind und was genau damit gemeint ist.

Sloterdijk geht weiter, die Stabilität von grossen Gebilden als nicht garantiert zu bezeichnen. Stabilität ist nie garantiert, keine Staatsform hat eine Garantie auf Dauer. Dessen ungeachtet fährt der Autor fort, dass die Gesellschaft ob dieser instabilen Situation in einen Selbsterhaltungsstress gerate, der sie zu ungewöhnlichen Leistungen anhalte. Das Kollektiv befinde sich in einem Unruhe-Tonus, der wiederum als Kitt des Kollektivs fungiere. Damit ist Peter Sloterdijk bei seiner Kernthese angelangt:

Die heutige Gesellschaft ist eine Sorgen- und Erregungsgemeinschaft. Dieser Umstand halte die Gesellschaft auch zusammen, die synchrone Erregung sei ein „Äther der Gemeinsamkeit“ und sorge somit für sozialen Zusammenhalt.  Der benötigte Stressfaktor, welcher für den Zusammenhalt ausreiche, wachse mit zunehmender Grösse des Kollektivs.

Nach einem Exkurs in den römischen Gründungsmythos bei Livius, bei welchem die republikanische Freiheit aus einer kollektiven Empörung resultiert, welche aus einzelnen Bürgern eine verbundene Stressgruppe werden lässt, und einem Blick nach Griechenland und der Freiheitssuche vor Tyrannei in der Besinnung auf die eigenen Traditionen,  werden auch diese Wege in die Freiheit als illusionär abgestempelt.

Ein weiterer Weg in die Freiheit findet sich aber bei Rousseau: die Träumerei und damit die Loslösung von Leistung und Gesellschaft.

Das Existenzgefühl als solches, von allen anderen Affekten entkleidet, ist durch sich selbst ein wertvolles Empfinden von Frieden und Zufriedenheit.

Beschrieben hat Rousseau das in seinem Fünften Spaziergang der Träumereien. Sloterdijk beklagt nur, dass er in der Folge nicht seine Idee des volonté générale revidiert hat, welcher – so Sloterdijk – Wurzel für den jakobinischen Terror, die Taten der Roten Khmer sowie Gaddafis libyschen Sozialismus war.

Die von Rousseau beschriebene Loslösung findet sich auch in östlichen Philosophien, im Westen zudem bei Schopenhauer, Sartre und Becket. Durch diese Freiheit soll man der Unfreiheit entgehen, die durch die politische Unterdrückung einerseits und durch die Realität andererseits, bedroht ist. Da diese Loslösung aber einer Auflösung der Gemeinschaft gleich käme, gilt es, so die Meinung Sloterdijks, das Subjekt der Träumerei immer wieder in die Realität zurückzuholen und es mit objektiven Sorgen in die Stressgemeinschaft zu integrieren.

Wer von der Freiheit etwas erfahren hat, weiss, dass es weiterhin darum geht, die beiden Tyranneien zurückzudrängen: diejenige, die das Gesicht eines Despoten trägt, und die anonyme, die sich als jeweils herrschende Form des Notwendigen aufzwingen möchte. Wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, dass uns die Wirklichkeit zumeist als ein umfassendes Stress-Konstrukt umgibt.

Der Text gibt eine Rede aus dem Jahre 2011 wieder, welche im Rahmen der Berliner Reden zur Freiheit gehalten wurde. Als Rede mag sie gut sein, studiert man über das einzelne gesagte nicht so lange nach, weil schon das nächste kommt.  Klingen tut sie sehr belesen, eloquent, es fallen griffige Begriffe wie Nachhaltigkeit, Krise, Unfreiheit, Tyrannei, Stress und Freiheit. Für jeden etwas dabei, man kennt die Begriffe von überall, sie sind in aller Munde. Das macht sie nicht wahrer und erlaubt auch keine willkürliche Zusammensetzung.  Dass Stress verbindet und als (einziger) Kitt eines gesellschaftlichen Kollektivs fungiert, welches zerbräche, würden sich die Individuen auf sich besinnen, ist eine Hypothese, die nirgends begründet wird. Zwar kann man sich ein Wir-Gefühl aufgrund verbindenden Leids denken, dieses aber als ausreichend für ein Staatsgebilde zu sehen, welches ohne diesen Kollektivstress zerbräche, ist insofern fragwürdig, als man weiss, dass gerade in wirklichen Stresssituationen wie Wirtschaftseinbrüchen, Kriegsgefahren, drängender Armut und Unterdrückung durch herrschende Tyrannen die Unzufriedenheit wächst und Revolutionen drohen.

Fazit:

Das dünne Büchlein zeigt sich eloquent, kreativ argumentierend. Es greift die Schlagwörter der Gegenwart auf und mischt sie neu zusammen. Was fehlt ist eine fundierte Analyse und die Begründung von Behauptungen, die so haltlos im Raum stehen und damit eher unglaubwürdig erscheinen. Kurzweilig zu lesende Gedankenspielerei, der die philosophische Tiefe fehlt.

(Peter Sloterdijk: Stress und Freiheit, Sonderdruck edition suhrkamp, Suhrkamp Verlag, Berlin 2011.)

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 61 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag (2011)

Preis: EUR: 8.00

Wenn Profitgier die Schere zwischen arm und reich weiter macht

Die NZZ und auch „Le Temps“ wollen ihre Onlineportale kostenpflichtig machen. Das ist sicher ihr gutes Recht, jeder kann für das Produkt, das er anbietet die Verteilungsstrategie wählen, die ihm beliebt. Dass kaum mehr was umsonst ist, ist in dieser Welt nichts Neues. Ein Experte meinte denn auch, dass die Strategie wohl aufgehen werde, die NZZ damit eine Vorreiterrolle übernähme, der andere folgen könnten. Dazu käme, so der Experte, dass die NZZ eher ein Blatt für die höhere Schicht sei, die dadurch auch zahlungskräftiger sei und damit wohl bereit, die Gebühr zur Nutzung aufzubringen. 

Legitim ist das sicher alles. Trotzdem stossen mir gewisse Dinge auf:

In der heutigen Zeit hat nicht jeder mit einer hohen Ausbildung auch eine gut bezahlte Stelle hat. Der Arbeitslosenmarkt macht auch vor Uniabgängern nicht halt. Des Weiteren ist zu bemerken, dass nicht jeder nicht Studierte gleich ungebildet und vor allem desinteressiert ist. Die Gleichung: Interessiert = zahlungskräftig ist eine, die nicht aufgeht. Wenn man nun den Interessierten jeglichen Zugang verunmöglicht, ist das zwar wirtschaftlich legitim, doch auch irgendwo traurig. Die volle Version war schon bisher zahlungspflichtig, wenn die abgespeckte Variante nun folgt, sind die Türen dicht. Klar gibt es andere Zeitungen, keine Frage, wenn die aber wirklich nachziehen?

Es gibt noch ein weiteres Problem: In einer Demokratie gilt der Mehrheitsentscheid. Entscheide sind dann vernünftig und durch Argumente und Wissen abgedeckt, wenn man sich informieren konnte, wenn man die Möglichkeit hat, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich eine Meinung zu bilden. Woher soll die Meinung kommen, wenn die Informationen nicht mehr zugänglich sind? Wie soll man sich weiter bilden, wenn am Schluss nur noch 20 Minuten Und Blick gratis sind? Die Demokratie ist in der Krise. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Krise ist ein Wort, das heute in aller Munde ist, damit nicht sympathischer wird. Man kann aber sagen, dass die Beteiligung an demokratischen Mitteln abnimmt und die Entscheide oft eine Richtung annehmen, die mehr als ungeheuer ist. Die Einschränkung des Zugangs zu Informationen, die über Boulevardniveau hinausgehen, wird das nicht verbessern. 

Schon die Vorreiter der Demokratie, zu nennen sind neben anderen  Rousseau und Tocqueville, haben alle dasselbe gesagt: Eine Todesursache für eine funktionierende Demokratie (wie sie damals gesehen wurde) ist ein zu grosser Wohlstandsunterschied. Die Stütze dieses Staatsmodells wäre ein gesunder Mittelstand. Dass dieser heute schon lange krankt, ist eine traurige Tatsache, doch die Schere tut sich immer mehr auf. Ob dem entgegenzuwirken ist, sei dahingestellt, wie das geschehen könnte oder sollte braucht mehr Platz und Zeit und bräuchte vor allem den Willen derer, die in Positionen sind, welche es erlauben, an den Zuständen zu schrauben. Wenn die Wohlstandsschere aber immer mehr auch Bildung und Informationszugang betrifft, dann nimmt das Ganze Züge an, die mehr als bedenklich sind. Und das wäre spätestens der Zeitpunkt, an dem man sich fragen müsste, ob man damit wirklich etwas Gutes tut oder ob diese Profitgier, die sich bei der Erhebung von Gebühren für die Onlineplattform zeigt, nicht schlussendlich – wenn diese Tendenz um sich greift und sich mehr und mehr vertieft, weil einer dem anderen nachfolgt – das Fundament zerstört, auf dem die ganze Wirtschaft überhaupt steht. 

Wenn diese Tendenzen um sich greifen, wird irgendwann die Basis einer gerechten Demokratie völlig unterlaufen sein. Dann werden sich arme Information nicht mehr leisten können, sie werden dadurch entweder der Chance beraubt, wirklich am Entscheiden teilzuhaben oder aber man läuft Gefahr, dass sie sich auf die Informationen stützen müssen, die ihnen noch gratis geboten werden. Das wäre ein gefundenes Fressen für all die, welche durch manipulative Informationsstreuung ihre eigenen Interessen stärken wollen. Am Schluss wundert sich dann jeder, wieso Volksentscheide ausfallen, wie sie es tun, wieso gewisse Parteien Zulauf haben, andere Treten an Ort praktizieren. 

Es ist mir klar, dass die Gebühren für eine oder zwei Onlinezeitungen noch nicht den Untergang der Welt bedeuten und es durchaus andere Missstände gibt. Trotzdem denke ich, dass sie Auswüchse dessen sind, was an den Grundfesten heutiger Gesellschaftsordnungen rüttelt: Die Kurzfristigkeit des Denkens und die Ausrichtung auf den eigenen Profit ohne Rücksicht auf mittel- und langfristige Folgen, ohne Rücksicht auf ein gewisses Mass an Fairness.