Und dann sind da noch die, welche dir privat schreiben auf Facebook. Die dir ja nicht sagen wollen, was du tun sollst, aber es doch ganz anders tun würden. Und das müssen sie dir nun schreiben, ohne damit zu sagen, dass sie richtig und du falsch liegst. Es brennt ihnen wohl nur auf der Seele. Und muss raus. Nur kann man ja nicht alles einfach so sagen, wie es grad brennt. Drum schiesst man voraus, dass man eigentlich nichts zu sagen hat und es einen auch nichts angeht, man aber doch mal schreiben will, weil man sich so dachte, es müsste doch mal gesagt sein.

Damit alles auch ja nicht in den falschen Hals kommt, schiebt man noch ein „Versteh mich nun bitte nicht falsch“ vor. Sollte alles also so ankommen, wie man es vielleicht sogar zwar dachte, aber nicht wollte, dass es Reaktionen mit sich bringt, hat man schon mal vorgesorgt. Man kann einfach nur noch sagen: „Das hast du gaaaaaanz falsch verstanden. Das war so niiiiiiiiie gemeint.“

Die Frage, die sich mir stellt, ist: Wenn man schon denkt, etwas könnte falsch verstanden werden, wieso formuliert man es nicht so lange um, bis es unmissverständlich ist? Wer bestimmt, was falsch verstanden und was richtig ist? Ein kluger Geist sagte mal:

Eine Aussage gehört zur Hälfte dem, der sie ausspricht, und zur Hälfte dem, der sie hört.

Dessen sollte man sich im Klaren sein, wenn man etwas sagt. Damit sind falsch oder richtig obsolet, es bleibt individuell. Wenn man also etwas sagt, muss man sich im Klaren sein, dass der andere etwas daraus macht beim Hören. Das Resultat ist vielleicht nicht gewollt, aber damit nicht falsch.

Die nächste Frage, die sich mir stellt, ist: Wieso denken ganz viele Menschen, sie wüssten besser, wie die Welt dreht, als andere das tun? Und wenn jemand denkt, dass ihn die Welt des anderen nichts angeht, wieso sagt er dann was? Und wenn er was sagen will, wieso schiebt er den ganzen Vorbau davor? Wäre die Welt nicht wunderbar, würden sich die Menschen zuerst überlegen, was sie sagen oder tun wollen, sich dann der Konsequenzen bewusst werden, um dann zu handeln (wobei auch Nicht-Handeln ein Handeln ist)?

Bildschirmfoto 2013-06-17 um 17.08.20

Ich wurde aufgefordert, über Bewusstsein zu schreiben. Ein Thema, das mich in den letzten Jahren sehr beschäftigt hat und das mir auch am Herzen liegt. Man könnte es meine tägliche Lebensschule nennen. Natürlich waren die Begriffe „Bewusstsein“ und „Unterbewusstsein“ schon lange bekannt. Im Studium war Freud an allen Ecken und Enden Thema, er hat Wenden in allen möglichen Bereichen herbeigeführt und war in vielen literarischen Werken Thema – selten explizit, sehr oft aber implizit oder thematisch. Darüber hinaus habe ich mich wenig mit diesem Begriff befasst, er war rein theoretisches Gebilde, wissenschaftliche Definition. Alles weit davon entfernt, verinnerlicht zu werden.

Als ich begann, mich mit Yoga zu befassen, war Bewusstsein plötzlich in aller Munde. Alles sollte bewusst sein, das Atmen, das Essen, die Bewegungen, das Sprechen… Zum ersten Mal spürte ich damals ganz bewusst, wie Luft durch meine Nase einströmt, die Luftröhre runter bis in den Bauch, wie der Bauch sich hebt, wieder senkt, die Luft wieder den Weg zurücknimmt und zur Nase ausströmt. Ich wurde gewahr, dass meistens nur ein Nasenloch aktiv ist, die Nasenlöcher nach einer Zeit wechseln. Das war eine sehr spannende Erfahrung.[1] Das Bewusstsein war für mich auf der Matte angekommen. Ab und an nahm ich es ins Leben hinüber, atmete bewusst, wenn mir langweilig war, ich mich beruhigen wollte, ich Angst hatte und mich zu besänftigen versuchte. Es hat oft funktioniert, ich hatte dadurch ein Mittel gewonnen, mein Leben zur Ruhe zu bringen, indem ich bewusst atmete, mich ganz bewusst auf die Luft, die mir Leben und auch Ruhe einflössen kann, konzentrierte. Ich konzentrierte mich dabei auf mich und mein Sein. Eine ganz neue Erfahrung.

Durch diese kleine Übung lernte ich langsam zu sehen, was es heisst, mit Momenten bewusst umzugehen. Wie oft rasen wir durchs Leben, urteilen vorschnell über Dinge, lassen uns zu etwas hinreissen, das bei Lichte betrachtet weder gut noch sinnvoll ist. Wir sehen in dem Moment nur das, was wir gerade sehen wollen in unserer momentanen Stimmung, achten nicht in uns hinein, ob das, was da ist, in und um uns, wirklich den Tatsachen entspricht oder vielleicht doch nur eine Illusion ist. Wer kennt nicht Auseinandersetzungen mit lieben Menschen, in denen der eine ein Wort sagt, welches dem anderen schräg einfährt, dieser darauf reagiert – verteidigend oder gar schon angriffig – und schon bald ist man im schönsten Streit, ohne dass man hinterher noch weiss, wer wirklich angefangen hat und was die Ursache war. Man merkt nur, dass alles ein ganz grosses Missverständnis gewesen ist. Wie kann es dazu kommen?

Wir alle gehen durchs Leben und machen Erfahrungen. Aus diesen lernen wir und verinnerlichen Muster, wie wir in der Zukunft mit gleichen oder ähnlichen Situationen umgehen wollen. Wir legen quasi ein Raster aus Punkten und Strichen an (alles unbewusst), wie wir solche Situationen zukünftig erkennen können. Oft sind es Worte, Gesten oder Blicke, die als Auslöser für die verinnerlichten Muster genügen. Ob die so aufgegriffenen Worte wirklich der Intention entspringen, die wir dahinter sehen, sei dahingestellt. Wir haben nicht auf die momentane Situation reagiert, sondern aufgrund unserer vergangenen Muster. Dieses Verhalten hat seinen Sinn, vor allem evolutionstechnisch. Wenn der Hase immer erst überprüfen würde, ob der Fuchs ihn auch wirklich fressen will, wären Hasen ausgestorben auf dieser Welt. Deswegen ist es sinnvoll, wenn der Hase präventiv die Flucht ergreift, sobald er einen Fuchs sieht. Allerdings sind wir nicht immer Hasen im Angesicht von Füchsen und nicht immer geht es um Leben und Tod.

Ab und an täten wir gut daran, wirklich hinzusehen, was im Hier und Jetzt geschieht, bevor wir unsere innerlichen Muster ablaufen lassen. Dazu hilft es, sich die eigenen Gefühle ins Bewusstsein zu rufen und genau hinzusehen, wie sie ausgelöst wurden, was wirklich gerade passiert ist und ob wir mit unseren Gefühlen tatsächlich auf das aktuelle Geschehen reagiert haben oder aber einem alten Muster folgten. Auf diese Weise könnten wir einige Missverständnisse und auch Verletzungen – eigene und auch die anderer – vermeiden. Zudem würden wir wohl sehr viel über uns selber erfahren und darüber, was uns leitet, was uns geprägt hat, wie wir funktionieren und welchen Mechanismen wir ausgeliefert sind.

Manchmal läuft man mehrmals in dieselbe Falle alter Muster, bis man sie durchschaut. Trotzdem ist es nie zu spät, etwas dazuzulernen und sich vorzunehmen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Wir haben das grosse Glück, jeden Tag eine neue Chance zu haben, unser Leben neu anzupacken.

 


[1] Ich habe diese Übung in praktisch alle meine Yogastunden eingebaut und kann sie jedem nur ans Herz legen. Sich einfach mal entspannt auf den Rücken legen, atmen und dem Atem nachspüren. Versuchen, ihn in allen Bereichen, die er durchfliesst, zu spüren. Auch schön ist in einem weiteren Schritt der Versuch, ihn zu lenken wohin man ihn haben will.

Die Welt ist schlecht und sie ist laut. Alle denken, je lauter sie schreien, desto besser werden sie gehört. Die leisen Töne sichern ungehört ins Nirgendwo, fast als wären sie nie gesprochen worden. Pessimisten unken, dass das immer so war und immer so sein würde. Der Mensch ist träge und faul, er geht lieber mit der Masse, folgt dem, der am lautesten die Parolen verkündet, weil den die meisten hören und ihm auch folgen. So geht die Masse im Gleichschritt, unhinterfragt, unbedacht, unbewusst – wie Marionetten.

Dass die Welt so sein mag, die Geschichte das belegt, die Gegenwart es bestätigt, mag stimmen. Dahinzugehen und die ganze Welt und alle Menschen ändern zu wollen, wäre ein Anspruch, der mit dem Kampf gegen Windmühlen vergleichbar wäre. Was aber immer in unserer Macht liegt, ist im Kleinen anzufangen, bei sich selber und in seinem Umfeld. Es ist nie zu spät, hinzuhören, wie man selber agiert und hinzuhören, was andere sagen. Man kann auch genauer hinhören, wenn man nur leise Töne hört, sie annehmen, aufnehmen, hinterfragen. Man kann mit einem neuen Bewusstsein ans Leben und ans Miteinander gehen und damit den leisen Tönen und ihren Verkündern wieder eine Plattform bieten. Und dabei entwickelt man vielleicht auch ein Bewusstsein für sich selber und dafür, was man im Leben will, wie man dieses gestalten will und wem oder was man wirklich Platz einräumen will, was draussen bleiben soll.

Nicht immer hat der recht, der am lautesten ruft, oft ist er nur am besten gehört. Wenn man im Kleinen anfängt, auf den Inhalt zu hören statt sich der Bequemlichkeit anheimzugeben, kann man im eigenen Leben sicher einige Weichen umstellen – für sie und seine Nächsten. Glaubt man der Yogaphilosophie, dann wird sich dieses Verhalten auch verbreiten. Vielleicht nicht im Sauseschritt, aber in kleinen nachhaltigen Schritten. Bewusstsein zieht Bewusstsein nach sich, das Erfahren von Dingen im Umfeld setzt sich im Inneren nieder und verändert da die Strukturen des eigenen Denkens, Handelns und Fühlens. Dass die Welt von heute auf morgen revolutioniert ist, wäre utopisch, aber wieso will man immer gleich die Welt ändern?

Meist ist der Anspruch, das Grosse anpacken zu wollen und alles zu lassen, wenn das nicht geht, eine Flucht vor der eigenen Verantwortlichkeit. Das unmögliche Grosse gibt einem die Rechtfertigung, das Kleine zu lassen. Man muss sich nicht drum kümmern, weil man belegen kann, dass es eh nichts bringen wird, die Welt dieselbe bleibt. Für die ganze Welt mag das (sicher kurz- und mittelfristig) so sein, für die kleine Welt stimmt das in meinen Augen nicht. Wir haben sehr viel in der Hand, wir müssen es nur wahrnehmen und uns dessen bewusst werden. Oft sind die vielen kleinen Schritte für das eigene Sein unendlich heilsam, weil sie eine neue Qualität bringen. Wo vorher Geschrei und Gleichschritt herrschte, könnten plötzlich leise Klänge und Eigenverantwortung stehen. Und damit könnte ein Weg sich öffnen, den man selber gewählt hat, statt ihn nur blind mitzugehen. Man muss nur den ersten Schritt machen.

Glückliche Menschen leben in einer Welt, in der ständig etwas Gutes passiert. Liebevolle Menschen sehen überall Güte und Freundlichkeit. […] Verärgerte Menschen leben in einer durch und durch ungerechten Welt. Neidische Menschen leben in einer Welt, in der alle mehr haben als sie.

Thomas Bien zeigt in seinem Buch Buddhas Glücksgeheimnis auf, dass wir selber dafür verantwortlich sind, wie wir unsere Welt wahrnehmen und wie wir uns in ihr fühlen. Durch Beispiele aus buddhistischen Schriften, Geschichten über Buddhas Weg hin zur Erleuchtung sowie anhand von einfachen Übungen zeigt Thomas Bien, was wir selber verändern können, um glücklicher im Leben zu sein.

Thomas Bien beleuchtet dabei die illusionäre Sicht auf das eigene Ich, aus welcher Leid erst entsteht. Das Ich gibt es nicht, so seine Devise. Er beruft sich dabei einerseits auf buddhistische Lehren der umfassenden Einheit, andererseits auf eine neurowissenschaftliche Studie. Der neurowissenschaftlichen Forschung und der darum herrschenden Diskussion wird er damit nicht gerecht.

Fazit ist, dass wir die Identifikation mit dem Ich und allem, was wir dazu zählen, loslassen müssen, um wirkliche Freiheit zu erlangen. Erst wenn wir uns nicht mehr identifizieren, hängen wir an nichts und müssen nicht leiden, wenn Dinge vergehen. Denn das, so Bien, ist ein weiterer Punkt auf dem Weg zum Glück: Das Akzeptieren der Vergänglichkeit von allem. Nichts ist beständig, alles entsteht, um auch wieder zu vergehen. Hängen wir uns an die Dinge, werden wir jeder Veränderung mit Schrecken entgegen sehen. Lassen wir los, können wir das Kommen und Gehen gelassen betrachten und uns daran freuen.

Nur durch ein bewusstes und achtsames Leben werden wir wirklich den vollen Genuss dieses Lebens erfassen und darin besteht das Glück. Glück ist kein andauernder Zustand, sondern es sind die vielen kleinen Momente, die achtsam und ganz präsent genossen Glücksgefühle in uns auslösen.

Das Buch bietet eine schöne und leicht lesbare Wegbeschreibung hin zum eigenen Glück. Alle Wegweiser sind dabei nicht neu, sie finden sich in vielen Büchern zu Themen rund ums Glück, den Buddhismus und die Achtsamkeit. Insofern ist dieses Buch einfach eines mehr im jetzt schon vielfältigen Angebot. Durch die Vielfalt von eingängigen Geschichten, Übungen, die leicht zu praktizieren sind und psychologischen Hintergründen ist es aber sicher eines der lesenswerteren Bücher in der Glücksliteratur und damit sehr zu empfehlen.

Fazit:

Unterhaltsam geschriebene Wegbeschreibung hin zu einem bewussteren und damit glücklicheren Leben. Gehen muss man den Weg selber, wirklich neu ist auch die Beschreibung nicht, trotzdem ist das Buch empfehlenswert und lesenswert.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 316 Seiten
Verlag: Lotos Verlag (2012)
Übersetzung: Jochen Lehner
Preis: EUR 19.99 ; CHF 31.90

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Erschienen im Yoga Magazin Schweiz

RifkinZivilisation

Jeremy Rifkin schöpft aus der ganzen Menschengeschichte, um seine These des von Natur auf Empathie angelegten Menschen zu stützen. Dabei bedarf es zur Entwicklung dieser Anlage immer das Bewusstsein des Selbst sowie die Wahrnehmung der anderen als ebensolche Individuen. Im Miteinander können die Anlagen zur Empathie entwickelt werden.

 

 

Unsere empathische Prädisposition ist kein fehlersicherer Mechanismus, der es uns erlaubt, unsere Menschlichkeit zu vervollkommnen. Sie stellt vielmehr eine Chance dar, die Menschheit zu einer Grossfamilie zu machen. Allerdings muss die Empathie ständig trainiert werden.

Rifkin besticht durch sehr fundierte und genaue Abläufe der Menschheitsgeschichte, verortet verstärktes Aufkommen von Empathie nach Krisen und Revolutionen, welche er sehr detailliert und dadurch auch oft zu ausschweifend und langatmig präsentiert. Ob all der Geschichtsflut geht die Argumentationskette oft unter. Überzeugen seine Geschichtskenntnisse mit Fakten, erscheinen seine Fazits in Bezug auf die Empathie mehr als Spekulation und wenn auch sinnvoll klingende, doch nicht wirklich belegte Gedankenexperimente. Dass Rifkin ob all der Geschichtsflut die Jahre der beiden Weltkriege völlig ignoriert, bei 1920 aufhört und 1947 wieder einsetzt, mutet merkwürdig an. Auch verwundert es, dass er über die gelebte Empathie der Jungsteinzeit besser informiert scheint als über heute, wo er alles in der Schwebe empfindet. Wie genau die gelebte Empathie der Jungsteinzeit fundiert gewusst werden kann, ist mir auch nach dem Lesen des Buches ein Rätsel.

Trotz dieser Kritikpunkte finden sich in dem Buch einige sehr zutreffende Analysen der menschlichen Psyche und ausführliche Beschreibungen der Entwicklungen der Menschlichen Identität und deren Erforschung durch die Wissenschaft. Rifkin erkennt die Problematik der heutigen auf Materialismus eingestellten Welt deutlich und benennt die damit einhergehende Tendenz zur Selbstsucht, welche der Empathie im Wege steht.

Je materialistischer der Mensch eingestellt ist, desto weniger grosszügig ist er im Umgang mit anderen, desto weniger versetzt er sich in sie hinein, desto geringer ist seine Achtung von deren Standpunkten. Die Selbstlosigkeit weicht der Selbstsucht.

Die Untersuchungen zum Glückssyndrom lassen vermuten, dass eine Gesellschaft mit einem gewissen behaglichen Lebensstandard und relativ geringen Unterschieden im Vermögen und Einkommen wahrscheinlich die glücklichsten Bürger hervorbringt.

Wie realisierbar er die Lösung eines auf gleichem Einkommen und gleichem Vermögen basierenden Staates wäre, lässt er offen, ebenso zeigt sich an der Verwendung des Wortes „wahrscheinlich“, dass es auch reine Spekulation ist, dass dann alles besser und der Mensch glücklich wäre.

Fazit
Ein sehr informatives, detailliertes Geschichtsbuch, das in Bezug aufs Hauptthema der Empathie oft falsche Schlüsse zieht und zu Spekulationen neigt. Lesenswert als Ganzes, streng thematisch eher enttäuschend.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag; Auflage (15. Dezember 2011)
Übersetzung: Ulrike Bischoff, Waltraut Götting, Xenia Osthelder
Preis: EUR: 11.99 ; CHF 19.90

BildKant kam doch aus Königsberg heraus und nimmt im Berlin unserer Tage an einer Tagung von Neurowissenschaftlern teil. Begleitet wird er von einem jungen Studenten, welcher zwar angetan von Kant ist, diesen aber im Namen der Neurowissenschaft widerlegen will. Dies ist die Rahmenhandlung von Georg Northoffs Buch über die Suche nach dem Bewusstsein. Auf amüsante und gut lesbare Art stellt Northoff die heutigen Erkenntnisse der Hirnforschung dar, zeigt auf, was durch Experimente beobachtet werden kann und wo diese Experimente ihre Grenzen haben. Diese  Erkenntnisse werden quasi durch Kants Augen kritisch beäugt, indem die Begrifflichkeiten genau geprüft werden und darauf geachtet wird, dass es zu keinen falschen Zuordnungen kommt. Es soll ja alles seine Ordnung haben.

Wo aber findet sich nun das Bewusstsein? Im Gehirn? Im Verstand?

Unser Student würde jetzt wohl sagen: „Dann müssen wir im Gehirn selbst schauen, und das können wir am besten durch Beobachtung.“

„Da werden Sie nicht viel sehen“, würde Kant erwidern. „Nichts als Neuronen und Aktivität. Weder Einheit noch Bewusstsein.“

„Nein“, kontert der Student, „das lasse ich so nicht stehen. […]“

Northoff führt uns in seinem Buch in die moderne Neurowissenschaft ein, geht dabei auf Erkenntnisse durch Experimente von anerkannten Forschern ein und zeigt – vermittelt durch Kants kritischen Blick – deren Ergebnisse und auch deren Grenzen auf. Der Leser gewinnt so auf spielerische Weise Einblick sowohl in die Empirie des Gehirns wie auch in die transzendentale Philosophie Kants. Während man im Vorbeigehen noch einiges über die Lebensumstände und die Biographie des Königsbergers Philosophen erfährt, Gedanken seiner geistigen Vorgänger und Nachkommen kennenlernt, nähert man sich Schritt für Schritt dem Bewusstsein.

Anhand von anschaulichen Beispielen wird deutlich gemacht, wie das Gehirn funktioniert, was im Gehirn abläuft, wenn wir etwas wahrnehmen, etwas in unser Bewusstsein dringt oder eben nicht. Man sieht das Gehirn als Teil einer Einheit mit der Umwelt, mit welcher es interagiert. Diese statische Umwelt-Gehirn-Einheit macht denn auch deutlich, dass es nicht nur Hirn oder Umwelt ist, sondern beide, dass es nicht nur Neurowissenschaften oder Philosophie braucht, sondern eine Verbindung der beiden, wenn man dem Bewusstsein auf die Schliche kommen will. Empirie und Erkenntnis in Verbindung und nicht im erbitterten Kampf um den Thron und die Herrschaft über die andere Wissenschaft.

Negativ aufgefallen an dem Buch sind mir einzig die vielen Wiederholungen, teilweise innerhalb eines Absatzes fast derselbe Satz zweimal. Auch hat der Übersetzer oder Korrektor nicht immer ganz sauber gearbeitet, da teilweise Wörter fehlen, wodurch der Sinn gerade umgedreht wird, sprich, das Falsche ausgesagt. Dass es das Falsche ist, ergibt sich aus der Logik des Textes, dazu müsste man nicht mal Kenntnis der Materie haben. Aus dieser heraus ist es aber offenkundig. Dies nur ein kleiner Makel an einem sonst herausragenden Buch.

Fazit:

Eine fundierte Einführung in ein komplexes Thema auf amüsante und lesbare Art. Wissenschaft kann unterhaltsam und muss gar nicht trocken sein. Absolut empfehlenswert.

Angaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 312 Seiten

Verlag: Irisiana Verlag 2012

Preis: EUR: 22.99 ; CHF 36.90

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