Aus dem Atelier: Quo vadis?

„Manchmal muss man Wege erst gehen, um zu sehen, dass sie nicht passen.“

Ich probiere gerne Neues aus, bin anfangs meist auch Feuer und Flamme und denke schnell: Das ist es, das mache ich nun weiter. Mit der Flut des Geschafften nimmt oft das Mass an Enthusiasmus ab, bis ich an einem Punkt bin, an dem ich merke: Nein, das ist es doch nicht. Und oft kehre ich dann zu Bewährtem zurück und merke, dass ich von meinem Ausflug in neue Gefilde etwas mitgebracht habe, das sich nun auf eine gute Weise eingebracht hat.

Vermutlich ist es das, was Rilke meint, wenn er vom Leben in wachsenden Ringen spricht. Wir gehen ständig weiter, nehmen Dinge weg, andere bleiben zurück. Und so durchschreiten wir Ring für Ring unser Leben. Oft sehen wir das als Weiterentwicklung. So, als ob wir im Aussen etwas aufgenommen und verinnerlicht haben. Max Frisch sah es andersrum. Er sagte, wir entwickeln uns nicht, sondern entfalten uns. Nach dem Bild ist alles in uns angelegt, wir müssen es nur entdecken und zur Entfaltung bringen. Vielleicht ist dann das, was bleibt von den Ausflügen, das, was in meinem Innern eine Resonanz findet, weil es da schon im Verborgenen angelegt war.

Und wenn ich solche Dinge schreibe und darüber nachdenke, was wer gesagt und gedacht hat, kommt mir manchmal der Gedanke: Ist das überhaupt wichtig? Entfalten, entwickeln? Vielleicht kommt es nur darauf an, den Weg zu gehen und darauf zu achten, was wir auf ihm entdecken und wie es sich für uns anfühlt. Weniger denken. Tun.

Habt einen schönen Tag!

Aus dem Atelier: Scham

«Das Schöne, auch in der Kunst, ist ohne Scham nicht denkbar.» Hugo von Hofmannsthal

Als ich nach Zitaten über die Scham suchte, hatte ich natürlich etwas im Sinn. Allerdings entsprach das in keiner Weise dem, was ich gefunden habe. Scham, so landläufig die Ansicht, sei es bei Philosophen, Literaten oder in Religionsbüchern, wird als Zier und gebührliches Empfinden gesehen. Sie ist quasi der Hüter der Moral, der Wächter über Zucht und Ordnung.

Nun kann ich dieser Sicht durchaus etwas abgewinnen, doch mir ging es um etwas anderes: Um die Scham, die wir oft verspüren, wenn es um unsere Unzulänglichkeiten und vermeintlichen Unperfektheiten geht. Wir verstecken sie so gut wie möglich, verstecken damit uns selbst auch, denn indem wir diesen Teil verbergen, dringt nur noch eine halbherzige Version unserer selbst nach draussen. Wir vermitteln ein Bild, das nur in Teilen uns entspricht.

Das ist sicher gut und sinnvoll als Selbstschutz in gewissen Momenten, doch oft kann einem dieses Verhalten auch behindern. Wir stehen uns damit selbst im Weg, weil wir uns nicht trauen. Wir fürchten uns vor unseren Fehlern, fürchten uns vor den Reaktionen darauf, und wagen nicht, was wir eigentlich gerne tun und sein würden.

Das liegt sicher mit daran, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Fehler und Scheitern verteufelt werden, etwas, das es nicht geben darf. Wie schade. Wie oft zeigen sich gerade in Fehlern oder Dingen, die nicht gelingen neue Wege und Möglichkeiten? Kreativität entsteht da, wo dem freien Ausprobieren nichts im Wege steht. Und meiner Meinung nach entsteht dann das Schöne. In der Kunst und im Leben.

Habt einen schönen Tag!

Tagesbild: Im Moment sein

„Jeder Tag ist ein guter Tag.“ (aus Japan)

Oft wachen wir auf und sehen das schlechte Wetter, ärgern uns über bevorstehende Aufgaben, denken über die Probleme vom Vortag nach und verpassen ganz die Chance, den neuen Tag willkommen zu heissen und ihm mit gebührender Zuversicht zu begegnen.

Einfach nur hinsitzen. Da sein. Im Moment. Etwas, das uns in der heutigen Zeit (war es früher wirklich anders?) schwer fällt. Wir pendeln zwischen gestern und morgen und verpassen den einzigen Moment, in dem wir wirklich leben könnten: Jetzt.

Habt einen schönen Tag!

Tagesbild: Sich zeigen

„Geliebt wirst du einzig, wo du dich schwach zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ Theodor Adorno

Sich zu zeigen, erfordert Mut. Man macht sich verletzbar. Was, wenn der andere das ausnutzt? Was, wenn die Reaktion auf die eigene Offenheit eine Wunde schlägt? Wie oft verstecken wir uns deswegen hinter Masken und Floskeln, tarnen Schwächen mit Humor oder vordergründiger Stärke. Indem wir das tun, bestätigen wir uns immer wieder selbst, dass Schwächen nicht gezeigt werden dürfen. Wir zementieren die Erwartungshaltung, immer stark sein zu müssen, und hadern mit uns selbst, weil wir es nicht immer sind.

Wie wohltuend, wenn man einen Ort gefunden hat, an dem man sich zeigen darf, einen Ort, an dem man weiss, dass einem nichts passiert, auch wenn man nicht stark ist. Ich vermute aber, dass man diesen nur findet, wenn man sich selbst zugestehen kann, dass die Schwächen ein Teil von einem sind, und man diesen Teil akzeptiert wie alle anderen Teile. Erst alle Teile machen das Ganze aus, machen uns zu dem Menschen, der wir sind.

Habt einen schönen Tag!

Tagesbild: Raus aus der Gefallensfalle

Rousseau sagte einst, der Mensch sei frei geboren, doch er liege in Ketten. Er sah den Staat als Gefängnis, ich denke, oft sind wir selbst der Wärter desselben. Wir streben nach Anerkennung und wollen gefallen. Dafür opfern wir oft viel, manchmal wohl zu viel. Wir passen uns an, unterdrücken Eigenheiten, verbiegen uns in verschiedenste Richtungen und verlieren uns dabei mehr und mehr selbst aus dem Blick. In uns ist eine Stimme, die uns ständig sagt, was wir tun und was besser unterlassen sollten. Sie kommt aus dem Inneren, doch ist sie im Ursprung nicht unsere, sondern die derer, welche die ungeschriebenen Gesetze dessen, was richtig und was falsch ist, will man gefallen, geschrieben haben.

Der Mensch ist frei geboren. Wir schreiben diese Freiheit auf unsere Fahnen, fordern sie vom Staat, kämpfen gegen Unterdrückung, nur um uns dann selbst in die Schranken zu weisen. Wir verhüllen unsere wahre Natur, halten uns zurück, bleiben in den gesetzten Mauern und blicken nur ab und zu sehnsüchtig durch einen Spalt hinaus.

Was, wenn wir einfach mutig wären? Wenn wir die Schleier fallen liessen, uns zeigten? Was, wenn wir wirklich frei wären?

Habt einen schönen Tag!

Tagesbild: Blösse

„Wenn wir es recht überdenken, so stecken wir doch alle nackt in unseren Kleidern.“ Heinrich Heine

Wenn es um die Blösse geht, kommt eine Hemmung mit auf. Wir wollen sie vermeiden, wir fürchten, von anderen in sie hineingedrängt zu werden oder aber sie selbst zu zeigen. Das zeigt sich schon in verschiedenen Redewendungen.

„Sich keine Blösse geben.“
„Jemanden blossstellen.“

Der Blösse liegt nicht nur die blosse Nacktheit zugrunde, sondern auch die Scham. Wann im Leben lernen wir die? Wann ist der eigene Körper plötzlich nicht mehr das Natürlichste der Welt, sondern etwas, mit dem wir nicht zufrieden sind, das wir verändern und gar verbergen wollen?

Kann man wieder verlernen, was man mal gelernt hat? Wie viel Freiheit wäre plötzlich im Leben, könnte man sich zeigen? In seiner ganzen Blösse. Innerlich wie äusserlich.

„Wer nackt Würde zeigt, gibt sich keine Blösse.“ Klaus Ender, Fotograf

Habt einen schönen Tag!

(Skizzen im Skizzenbuch)uch)