Lyrische Helfer: Theodor Fontane – Lass ab von diesem Zweifeln

Theodor Fontane (1819 – 1898)

Lass ab von diesem Zweifeln
Laß ab von diesem Zweifeln, Klauben,
Vor dem das Beste selbst zerfällt,
Und wahre dir den vollen Glauben
An diese Welt trotz dieser Welt.

Schau hin auf eines Weibes Züge,
Das lächelnd auf den Säugling blickt,
Und fühl’s: es ist nicht alles Lüge,
Was uns das Leben bringt und schickt.

Und, Herze, willst du ganz genesen,
Sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
Ist nur der eigne Wiederschein.
(1895)
___

Projekt „Lyrische Helfer“  – Weil es für jede Lebenslage ein Gedicht gibt. Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man zweifelt

Peter Jenny: Kreative Interventionen

Kreativität erschafft. Creare, schaffen. Etwas zu erschaffen heisst aber nicht, dass vorher nicht schon etwas da ist. Schliesslich leben wir nicht im luftleeren Raum, sind selten die Ersten irgendwo.

Peter Jenny KreativePeter Jenny bringt mit „Kreative Interventionen“ bereits das zehnte Buch in seiner Reihe „Schule des Sehens“ auf den Markt. Die Botschaft lautet: Nichts ist je fertig, nichts beginnt je bei null. Er will anregen, weiterzudenken, will anregen, zu erforschen. Nicht einfach bei der Wahrnehmung stehen bleiben, sondern neue Wege gehen. Eigene Visionen entwickeln, eigene Botschaften verkünden aufbauend auf dem, was da ist.

Peter Jenny plädiert für Neugier und Motivation, zu lernen. Er wendet sich an Autodidakten, die selber die Bildwelt erkunden wollen, ohne Lehrer, ohne vorgefertigte Meinungen, sondern mit offenem Blick.

Den Blick auf Altbekanntes wagen, mit der Absicht, Unbekanntes dabei zu entdecken, ist ein wichtiger Ansporn…

Schon bestehende Bilder zu übermalen oder überkritzeln sei, so Jenny, schon immer gemacht worden. Es zeuge nicht von Respektlosigkeit, sondern vom Weiterdenken und auch oft von Humor. Er fordert darum auf, schon Bestehendes genau anzusehen, darin Neues zu entdecken und diesem Ausdruck zu geben.

Das Geniale ist ja, dass wir nicht immer alles selbst erfinden müssen, um unseren Einfallsreichtum anzustacheln. Auch das bereits Gedachte ist Kreditwürdig für Neues.

Auch in diesem Buch setzt sich Peter Jenny wieder ein für den Mut. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es gibt nur einen Weg des Ausdrucks, den man für sich finden kann. Dabei helfen ein offener Blick und die Bereitschaft, drauflos zu kritzeln. Wir sind alle (an)schauende Wesen, Bilder sind Tag und Nacht präsent. Peter Jenny möchte dazu einladen, mit den Bildern zu spielen, neue Welten zu entdecken, indem man alte erkundet, anschaut, weiterentwickelt, Neues kreiert.

Wie sagte schon Schiller:

Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Mit seinem Buch „Kreative Interventionen“ liefert er einen wunderbaren Spielplatz. verschiedene Übungen laden dazu ein, die eigene Kreativität zu leben, Zusammenhänge zu finden, die vorher so nicht da waren, Neues in bereits Bestehendes zu zeichnen.

Fazit

Ein wunderbar lebendiges Buch, ein wunderbar anregendes Buch, eine Spielwiese für alle die, welche sich und der Welt wieder neu und kreativ begegnen wollen, ausgerüstet mit Stift und Papier. Absolut empfehlenswert.

Der Autor
peter-jenny-300x300Peter Jenny hat in 30 Jahren als Professor an der renommierten ETH Zürich Generationen von Gestaltern geprägt. Seine »Schule des Sehens« ist die ideale Grundlage gestalterischer Tätigkeit und künstlerischer Aktivität und umfasst inzwischen 10 handliche Büchlein, die weltweit auf begeisterte Resonanz treffen.

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Verlag Hermann Schmidt (24. September 2019)
ISBN: 978-3874399357
Preis: EUR: 12.80 ; CHF 19.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Lächeln

Lächeln
Mein Grundbedürfnis geht nach Liebe.
Ich wünschte sehr, daß man mich liebt
Und daß mein Lächeln leben bliebe,
Wenn es mich einmal nicht mehr gibt.

Das Höchste, was man hat, ist Bindung
Durch Liebe. Ich ertrage nicht
Die mir verweigerte Empfindung.
Ich öffne allen mein Gesicht

Mit einem Lächeln. Magisch scheinen
In mich die anderen hinein.
Und ich kann sie in mir vereinen,
Und sie vervielfachen mein Sein.
Eva Strittmatter

Wenn ich Bus oder Zug fahre, fallen mir immer wieder die vielen unzufriedenen Gesichter auf. Mit starrem Blick und runtergezogenen Mundwinkeln starren sie entweder in die Luft oder aber auf den Bildschirm eines Handys. Es werden selten Blicke getauscht, geschweige denn kommen Menschen ins Gespräch. Und: Kaum ein Lächeln zeigt sich. Eigentlich traurig, denn ein Lächeln kann so viel bewirken. Bei sich und bei anderen.

Lächle einen Menschen an und er fühlt sich wahrgenommen, auf eine positive Weise. Stell dir nur mal vor, wie dich jemand anlächelt. Kommt nicht gleich ein warmes Gefühl ums Herz auf? Und spüre mal in dein Gesicht, hat sich dein Mund nicht auch gleich zu einem Lächeln bewegt nur schon beim Gedanken an ein Lächeln?

Ein Lächeln kann die Welt eines Menschen für einen Moment erhellen – und oft bleibt es dann weiter hell. Lächeln bringt Liebe ins Leben. Liebe, die wir alle so sehr brauchen. Wieso nicht einfach den Menschen um uns ein Lächeln schenken? Und wieso nicht mal in den Spiegel schauen und uns selber anlächeln? Gerade dann, wenn uns vielleicht nicht so sehr zum lachen zumute ist?

dunkles im licht

des nachts in den strassen
im dunkel ein licht
aus fenstern geschienen
das dunkel durchbricht

ein jedes ein leben
geschichte für sich
doch keines der fenster
steht für sich allein

sie bilden hoch reihen
und bilden sie quer
und jedes der fenster
gebiert eine Welt

ein jedes allein
verwoben im netz
in reih und in glied
scheint jedes am platz

vermeintlich selbst ganz
und doch nur ein teil
vermeintlich selbst ganz
und doch schlicht allein

©Sandra Matteotti

Lebenselixir

Du bist mir Farbe,
bist mir Licht,
du bist mir Ton
und ein Gedicht.

Du bist die Kunst,
die Lieben heisst,
du bist mir Sinn,
der Leben bringt.

Ich lach mit dir,
ich wein mit dir,
ich bin mit dir,
so wer ich bin.

Wenn Liebe
einen Namen hätt’,
so hiesse sie
wie du.

Wenn Fühlen
sich in Formen göss’,
ergäbe sie
dein Bild.

Wenn Spüren
dann in Noten flöss’,
es wäre ein
Gesang.

Es bleibt bei mir
die Dankbarkeit
für das was ist
und das was bleibt.

Ich liebe dich,
ich brauche dich,
sonst fehlte schlicht:
der Sinn.

©Sandra Matteotti

Seelenherbst

Blätter fallen,
fallen leise,
rieseln sanft
dem Boden zu.

Lassen leere,
starre Äste,
nackt und kahl
zum Himmel stehn.

Dunkle Töne,
Nebelschwaden,
alles hüllt sich
langsam ein.

Was mal war,
rückt in die Ferne,
was mal licht,
löscht langsam aus.

Töne werden
leiser und
die Farben
blassen aus.

Was ich sehe,
prägt mein Fühlen,
was ich fühle,
prägt mein Sein.

Sitze hier und
seh das Dunkel,
leg mich hin und
deck mich zu.

Wie oft suchte ich
im Aussen,
wie oft hoffte ich
auf Glück?

Bin mir selbst nun
Hort der Wärme,
bin mir selbst
mein eignes Licht.

©Sandra Matteotti

Lebensritt

Bin kein Engel,
und kein Teufel,
bin schlicht ich,
ein Sammelstück.

Häufe an,
was sich so findet
an Gedanken,
an Gefühl.

Lasse raus,
auch ungehindert,
denke nach,
oft viel zu viel.

Bin ein Buch
mit sieben Sigeln,
liege auch mal
offen da.

Bin ganz ernst und
auch oft lustig
bin mal hart und
doch zu weich.

Manchmal Kuh und
manchmal Ziege,
manchmal Huhn
und auch verrückt.

Bin mal Bettler
und mal König,
singe laut und
schweige still.

Und bei all dem
hoff ich innig,
dass ein jemand
teilt den Ritt.

©Sandra Matteotti

Wer bin ich?

Wenn mich jemand fragt, wer ich bin, liegt die Antwort meist auf der Hand. Es ist nicht immer die gleiche, sie passt sich ein wenig dem Fragenden und seiner Intention an, aber doch: Ich bin…

  • Sandra
  • Philosophin
  • Malerin
  • Zeichnerin
  • Mutter
  • Frau
  • Schweizerin
  • Schreibende
  • Fotografin
  • Liebende
  • ….

und vieles mehr. Und nein, die Reihenfolge ist keine Rangliste, sie ist rein beliebig.

Doch: Stimmt das? Was ist es, was ich preisgebe, wenn ich sage, wer ich bin? Und was verdecke ich? Würde ich alles sagen oder gibt es Tabus? Ist eine Beschreibung überhaupt ausreichend oder reicht das, was ich bin, nicht über alle Worte hinaus? Und wenn nicht, hätte das Gegenüber Zeit, all die Worte, die ich zu sagen hätte, anzuhören? Interessieren sie überhaupt?

Wer bin ich? Oft hilft es einem selber, sich in Schubladen zu sehen, da diese auch gefordert sind. Wohin man auch kommt, gibt es Formulare, in denen man ausfüllen muss, wer man ist – vieles vom oben Genannten kommt da vor. Nur: Bin ich das wirklich? Nur eines? Die Kombination?

Schubladen sind hilfreich, aber sie sind auch einengend. Wenn ich mich für eine entscheide, passe ich in die anderen nicht mehr rein. Und: In einer sitzend, lässt es sich oft schlecht rausschauen, was es noch alles gäbe. Und oft versagt man sich das andere bewusst, da es in der Schublade so komfortabel ist, das Draussen Gefahren bieten könnte.

Aber: Im Wissen, dass die Frage kommt, suche ich immer wieder nach Schubladen. Und keine passt auf Dauer. Weil eine einzige schlicht zu wenig ist. Denn: ich bin nicht nur eines, ich bin ganz viel. Und all die Facetten gehören zu mir – die hellen und dunkeln, die griffigen und die schwammigen, die emotionalen und die sachlichen, die genehmen und die unangenehmen. Ich bin ich. Schlussendlich. Mit allem, was dazu gehört.

Nur schon das zu sehen, ist nicht immer einfach. Es zu leben erfordert oft auch Mut. Zu sagen: Ich bin ich und eben keine einzelne Schublade, kann auf Unverständnis treffen. Die Angst, nicht akzeptiert zu sein, wenn man nicht in der richtigen Schublade sitzt, lässt oft zurückschrecken, verdecken, verstecken. Und gerade damit wohl auch anecken – wenn ich sofort bei anderen, so doch irgendwann bei einem selber. Und dann bald auch bei anderen. Weil man selten auf Dauer Teile versteckt. Und Verstecktes oft irgendwann, ganz unvermittelt, in ungemeiner Wucht ans Licht tritt.

Ich bin ich. Und ich bin viel. Und das ist gut so.

Luftleer

Steh am Rand und blick hinunter
in den Abgrund der Gefühle,
über Klippen ohne Brücken,
über Hänge, schroff und steil.

Suche Weite und verliere
mich alsbald in ihrer Ferne,
durch die Lüfte ohne Boden,
in dem öd und leeren Einerlei.

Steh am Abgrund und ich fühle
wie die Leere aus dem Aussen
in mich eindringt, dann ausfüllend
mich so ganz und gar verschlingt.

Stürze runter und im Fallen
seh ich alles nochmals ziehen,
sehe Schönes, sehe Leiden,
und versöhne mich mit ihm.

©Sandra Matteotti

 

Hermann Hesse: Bücher

Bücher

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.

Dort ist alles, was du brauchst,
Sonne, Stern und Mond,
Denn das Licht, danach du frugst,
In dir selber wohnt.

Weisheit, die du lang gesucht
In den Bücherein,
Leuchtet jetzt aus jedem Blatt –
Denn nun ist sie dein.
(Hermann Hesse, 1918)

______________
Für das Projekt „Lyrische Helfer“ – Gedichte für glückliche Zeiten oder wenn man das Glück sucht

Wir alle wollen glücklich sein und tun auch sehr viel, das Glück zu finden. Wir denken, wir müssen etwas bestimmtes haben, leisten oder erreichen, damit das Glück in unser Leben kommt, suchen es bei Menschen, in Büchern, gar in Therapien. Wir sind wie der Bauer, der aufbricht, um einen Schatz zu finden und nicht merkt, dass dieser im eigenen Garten schon da gewesen wäre, er hätte ihn nur sehen und giessen müssen.

Wir sind wie ein Garten, in uns ist alles Gute (und auch anderes) angelegt. Wir entscheiden, was davon wir giessen und zum Wachsen bringen. Wenn wir in uns die guten Anlagen wie Liebe, Mitgefühl und Güte giessen, wird sich das Glück von selber einstellen. Glück findet sich nicht im Aussen, wir können es nicht erreichen. Es ist schon da, wir müssen es nur sehen und wachsen lassen.

Erich Kästner: Kleines Solo

Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine.
Kennst das Leben. Weißt Bescheid.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Mußt erfahren,
daß es nicht die Liebe ist …
Bist sogar im Kuß alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

_____

Einfach, weil man mehr Gedichte lesen sollte

Erich Mühsam: Angst packt mich an

Erich Mühsam ( 1878 – 1934)

Angst packt mich an.
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll grosser Klage.
Komm du, komm her zu mir! –
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben
Dann komm, du, komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Fass meine Hand an.
Hilf mir lieben!

___

Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedichte, wenn man von Angst geplagt ist

Es ist nicht immer leicht, um Hilfe zu bitten, aber man kann und muss im Leben nicht alles alleine tragen. Oft fühlen wir uns klein und schämen uns unserer Nöte, aber: Hilfe anzunehmen hat nichts mit Schwäche zu tun, im Gegenteil.