Ingeborg Bachmann: Unter Mördern und Irren

«Die Männer sind unterwegs zu sich, wenn sie abends beieinander sind, trinken und reden und meinen. Wenn sie zwecklos reden, sind sie auf ihrer eigenen Spur, wenn sie meinen und ihre Meinungen mit dem Rauch aus Pfeifen, Zigaretten und Zigarren aufsteigen und wenn die Welt Rauch und Wahn wird in den Wirtshäusern auf den Dörfern, in den Extrastuben, in den Hinterzimmern der grossen Restaurants und in den Weinkellern der grossen Städte.»

Männer unter sich in einer von Männern und für Männer gemachten Welt. Während die Ehefrauen sich zu Hause ihrem Leben als Opfer einer so ausgerichteten Gesellschaft ausgeliefert sehen, tauschen die Männer in Wirtshäusern Meinungen aus, suchen sich dabei selber und stehen immer wieder vor der einen Frage: Wie lebt man weiter nach dem Krieg, wenn plötzlich vorherige Opfer und Täter wieder in einer Gesellschaft zusammenleben müssen?

«Nach dem Krieg – dies ist die neue Zeitrechnung.»

Das zentrale Thema dieser kurzen Erzählung ist der Umgang mit dem Kriegstrauma, die (Un-?)Möglichkeit seiner Überwindung. Es ist ein Thema, das bei Ingeborg Bachmann immer wieder präsent ist, da es sie auch selber betrifft und ein Leben lang begleiten wird. Wie lebt man in einer Welt nach dem Krieg zusammen, wenn die vormaligen Täter noch immer in Machtpositionen stehen, wenn die ehemaligen Opfer einen Umgang finden müssen mit den Menschen, die ihnen vorher alles genommen haben?

«Mit den Gefühlen des Opfers lagen die Frauen da, mit aufgerissenen Augen in der Dunkelheit, voll Verzweiflung und Bosheit. Sie machten ihre Rechnungen mit der Ehe, den Jahren und dem Wirtschaftsgeld, manipulierten, verfälschten und unterschlugen. Schliesslich schlossen sie die Augen, hängten sich an einen Wachtraum….Und im ersten Traum ermordeten sie ihre Männer, liessen sie sterben.»

Es sind die Männer, die sich diese Fragen stellen, die Frauen liegen zu Hause und sehen sich ebenfalls als Opfer. Sie sind die Opfer in einer Männerwelt, ein Opferdasein, das sich in die Nachkriegszeit hineingeschmuggelt hat und nun in den Köpfen ihr Unwesen treibt. Sie sind die Vergessenen, die Gefangenen zu Hause, während die Männer die Welt diskutieren. Wurden sie oft schon im Krieg verlassen, weil der Mann in den diesen zog und viele davon nicht wiederkamen, sind sie es nun wieder, weil die Männer in den Meinungskrieg ins Wirtshaus ziehen.

«Viel später erst, gegen Morgen, würden wir den Frauen über die feuchten Gesichter streichen im Dunkeln und sie noch einmal beleidigen mit unserem Atem, dem sauren starken Weindunst und Bierdunst, oder hoffen, inständig, dass sie schon schliefen und kein Wort mehr fallen müsse in der Schlafzimmergruft, unserem Gefängnis, in das wir doch jedesmal erschöpft und friedfertig zurückkehrten, als hätten wir ein Ehrenwort gegeben.»

Was für eine traurige Welt, was für eine abgelöschte Sicht auf Beziehungen und das Leben. Und doch wohl nicht so weit von der Wirklichkeit vieler Menschen in der Nachkriegszeit. Der Frieden war trügerisch insofern, als nichts aufgearbeitet wurde. Der Krieg war vor allem in den ersten Jahren kein Thema, es herrschte Schweigen, es wurden sowohl die Untaten der Täter verschwiegen wie auch das oft traumatisierte Weiterleben ohne eine Aufarbeitung von Schuld und Opferstatus. Und in den Menschen schwelte etwas, das nicht raus konnte. Hass, Wut, Unsicherheit, Trauer.

«Sie weinten um ihre ausgefahrenen, ausgerittenen, nie nach Hause kommenden Männer und beweinten endlich sich selber. Sie waren angekommen bei ihren wahrhaftigsten Tränen.»

«Unter Mördern und Irren» erschien 1961 in Ingeborg Bachmanns Erzählband «Das dreissigste Jahr», einem Zyklus von sieben Erzählungen, welche das Leben in der Nachkriegszeit, den Umgang mit den aktuellen Gegebenheiten und den aus dem Krieg resultierenden Traumata behandeln. Der Erzählband wurde eher verhalten aufgenommen bei der Erscheinung, stiess auch auf Kritik, was wohl einerseits dem Umstand geschuldet war, dass man Ingeborg Bachmann in der Poesie verortet hatte und da ihr Talent sah (Marcel Reich-Ranicki sagte im Rahmen seiner Reihe «Lauter schwierige Patienten» über Ingeborg Bachmann, ihr Gesamtwerk bestehe aus zwei Gedichtbänden, sie hätte nie anfangen sollen, Prosa zu schreiben – dem kann hier überhaupt nicht zugestimmt werden), andererseits der Tatsache, dass die Gesprächsbereitschaft über diese Themen noch lange nicht wirklich da war.

Fazit:

Eine gnadenlose Erzählung über den Versuch, mit den traumatischen Kriegserlebnissen nach dem Krieg weiterzuleben – als Mann, als Frau, als Paar und als Gesellschaft. Ganz grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin

Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Volker Weidermann: Lichtjahre

«Es ist das subjektive Begeisterungsbuch eines echten Lesers, der Zusammenhänge entdeckt, dringend empfiehlt, einteilt, urteilt und verurteilt, wie es ihm gefällt. Keinen Professoren verpflichtet, keiner Schule und keiner Wissenschaft. Nur sich selbst.»

Das schreibt Volker Weidermann über das Buch „Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde“ des Dichters Klabund. Nach dem Lesen dieses Buches hat er sich gefragt, wieso es so etwas nicht auch für die Zeit nach 1945 gibt, eine Zeit, die politisch wie literarisch so interessant war. Eine Literaturgeschichte, die sich von den sonst üblichen germanistisch-trockenen Ausführungen abhebt, die Literatur wieder mit Leidenschaft und Freude behandelt statt mit ausufernden Analysen im Fachjargon. Und er beschloss, das selber zu schreiben. Das Resultat ist sein wunderbares Buch „Lichtjahre“.

«…es umfasst auch eine besonders interessante und aufregende Epoche, eine besonders vielfältige Zeit, in der in Deutschland, im Wesen wie im Osten, in Österreich und in der Schweiz so viele disparate Schreibstile, so viele interessante Lebens- und Schreibentwürfe nebeneinander existieren wie kaum in einer Epoche zuvor. Schreiben gegen die Zensur und auf dem Bitterfelder Weg. Schreiben als Neuerfindung, als politischer Akt, als Selbstbefreiung und Kampf und Wahn und Glück. Und Leben.»

In vielen kleinen Kapiteln, von welchen jedes zwischen zwei und fünf Schriftstellern behandelt, führt uns Volker Weidermann auf eine humorvolle, pointiert geschriebene und neben dem sehr hohen Unterhaltungsfaktor auch sehr fundierte, aus grossem Wissen schöpfende Reise durch die Literaturgeschichte nach 1945.

«Das Leben und das Schreiben. Wo kommt einer her? Wie entstehen die guten und also notwendigen Bücher? In welchen persönlichen, politischen, gesellschaftlichen Zusammenhängen? Was ging da für ein Kampf voraus? Was ist das für ein Mensch, der dieses Buch geschrieben hat?»

Nicht nur die Auswahl der behandelten Schriftsteller ist sehr persönlich, auch die Bewertung ihres Schaffens ist es. Eingebettet in eine kurze Beschreibung der Lebensumstände der einzelnen Autoren behandelt er deren Werke, lobt die einen, findet andere langweilig. Er gibt Anekdoten aus dem Leben zum Besten, urteilt in einer prägnanten und immer begründenden Weise, ist bei negativen Aussagen nie abwertend, aber ehrlich.

Volker Weidermann ist hier ein Buch gelungen, das bei einem an Literatur interessierten Leser keine Wünsche offen lässt. Die Leidenschaft dieses kompetenten Literaturliebhabers dringt aus allen Seiten, die Freude am Lesen, das Interesse an den Menschen hinter dem Schreiben ist ansteckend und inspiriert. Die einzige Gefahr, die von diesem Buch ausgeht, ist wohl die, dass die Wunschliste der Bücher, die man unbedingt lesen will, ins Unermessliche steigt.  

Fazit:
Ein grossartiges Buch über die Geschichte der deutschen Literatur nach 1945, humorvoll, unterhaltsam, kurzweilig, informativ, fundiert und inspirierend geschrieben.  Ganz grosse Leseempfehlung!

Zum Autor
Volker Weidermann, geboren 1969 in Darmstadt, Studium der Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Autor beim Spiegel und Leiter des »Literarischen Quartetts« im ZDF. Seine Bücher »Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen«, »Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft«, »Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher«, »Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute« und »Das Buch der verbrannten Bücher« begeisterten Leser und Kritiker.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: btb Verlag (6. August 2007)
ISBN: 978-3442736423
Preis: EUR 9.99 / CHF14.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Ingeborg Bachmann: Malina – eine erste Annährerung

«Seit ich diese Nummer wählen kann, nimmt mein Leben endlich keinen Verlauf mehr, ich gerate nicht mehr unter die Räder, ich komme in keine ausweglosen Schwierigkeiten, nicht mehr vorwärts und nicht vom Weg ab, da ich den Atem anhalte, die Zeit aufhalte und telefoniere und rauche und warte.»

Eine Frau lebt mit einem Mann zusammen, Malina, sie braucht ihn, da er ihr immer wieder den Boden unter die Füsse gibt, sie von der zu leidenschaftlichen, zu gefühlverlorenen, zu selbstvergessenden Ebene in die rationale Lebenswelt zurückholt. Die Frau liebt einen anderen Mann, Ivan, den sie als ihr Leben, als ihren Mittelpunkt, als Sonne ihres Seins begreift. Ohne ihn ist sie nicht, ihr Leben ist ein Warten auf seinen Anruf, ein Hoffen auf seine Zeit, ein Wissen um das Lebensende, wäre er nicht mehr.

«Es ist unmöglich, Ivan etwas von mir zu erzählen. Aber weitermachen, ohne mich ins Spiel zu bringen?»

Die Frau ist ein verwundetes Wesen, viel hat sie erlebt, viel hat sie geprägt. Sie lebt in ihren Ängsten und Unsicherheiten, sucht nach Worten, findet sie nicht, verliert sich in Gefühlen, und sucht den Halt im Aussen, bei Malina, welcher sie ins Leben holt, bei Ivan, welcher sie aus diesem Leben in einen diesem enthobenen Raum führt, wo die eigenen Unzulänglichkeiten durch die Ausrichtung auf ihn in den Hintergrund geraten. Und doch stehen sie immer wieder zwischen ihnen, lassen sich aber nicht in Worte fassen. Die Frau ist ein schreibender Mensch, einer der Worte. Damit etwas ist, muss es dafür Worte geben.

«Kopfsätze haben wir viele, haufenweise, wie die Telefonsätze, die Schachsätze, wie die Sätze über das ganze Leben. Es fehlen uns noch viele Satzgruppen, über Gefühle haben wir noch keinen einzigen Satz, weil Ivan keinen ausspricht, weil ich es nicht wage, den ersten Satz dieser Art zu machen, doch ich denke nach über diese ferne fehlende Satzgruppe, trotz aller guten Sätze, die wir schon machen können.»

Ingeborg Bachmann ist ihren Themen treu geblieben: Liebe, Tod, Angst, Mord – alles kommt vor. Bei „Malina“ handelt es sich um einen Liebesroman, wenn auch keinen im traditionellen Sinn. Generell ist nichts an diesem Roman traditionell. Das fängt bei der Dreierbeziehung an und hört bei der Sprache noch lange nicht auf. Diese ist, wie man es bei Bachmann gewohnt ist aus ihrer Lyrik, einer Suche nach einer neuen Sprache geschuldet, die mit dem bricht, was nicht mehr brauchbar ist durch die Benutzung für das grösste Grauen der Menschengeschichte, welches auf Bachmann einen tiefen und nie verschwindenden, traumatischen Einfluss hatte. Das Unsagbare liegt offen da, indem die Worte einfach ausgespart sind, sich nur aus dem Vorhandenen erahnen lassen – oder aber schlicht nicht greifbar sind, weder für den Autor noch für den Leser.

«Die Gesellschaft ist der allergrösste Mordschauplatz. In der leichtesten Art sind in ihr seit jeher die Keime zu den unglaublichsten Verbrechen gelegt worden, die den Gerichten dieser Welt für immer unbekannt bleiben.»

„Malina“ ist auch ein Buch, welches von Unsicherheiten, Angst und vor allem vom Tod handelt. Bachmanns Bild der Welt als Kriegsschauplatz, als Mörder am Menschen, dringt durch alle Zeilen, spricht aus der ganzen Geschichte heraus, zumal die Frau an sich ein durch diese Welt verletztes Wesen ist.

«Es gibt Worte, es gibt Blicke, die töten können, niemand bemerkt es, alle halten sich an die Fassade, an eine gefärbte Darstellung.»

Die Welt besteht aus viel Schein, aus einer Fassade, hinter der das Wahre verborgen bleibt. Die Frau leidet daran und hält sich aber zum Schutz auch selber verborgen, kann nicht preisgeben, was mit ihr ist, was mit ihr geschehen ist, dass sie wurde, wer sie ist.

Ingeborg Bachmann wurde oft darauf angesprochen, ob «Malina» eine Autobiografie sei. Sie verneinte dies nicht, stellte allerdings klar, dass es sich dabei nicht um eine erzählte Geschichte, sondern um einen geistigen Prozess handle. Dies zeigt sich deutlich in der Bruchstückhaftigkeit des Buches, welches aus einzelnen Szenen und gesuchten Wörtern bestehen. Ingeborg Bachmann ist es gelungen, die individuellen Erfahrungen in paradigmatisch und symbolisch erdichtete Konstellationen zu übertragen.

Während im ersten Kapitel des Buches Ivan eine tragende Rolle spielt, indem sich alles auf ihn ausrichtet, zeigt sich im zweiten Kapitel das erzählende Ich durch seine Träume klar in seiner Verletztheit. Nur durch das Mittel des Traumes war es Ingeborg Bachmann möglich, das noch nachhallende Trauma des Krieges zu thematisieren, die Träume wurden zum Schauplatz der ihr und dem erzählenden Ich innewohnenden Angst.

Im letzten Kapitel übernimmt Malina nach und nach die Oberhand, er steuert das Kapitel durch die Gespräche. Das Ich weicht nach und nach zurück, bis es in der Wand verschwindet.

«Es war Mord.»

Mit diesem Satz endet ein Roman, der eigentlich viel mehr als ein Roman ist, der so viele Ebenen hat, dass sich bei jedem erneuten Lesen eine neue offenbart, der so viele Lücken hat, dass man als Leser in sie fallen, sich in ihnen verlieren, den Anschluss wieder neu suchen muss. Er hat so viel Offenes, das man als Leser füllt. «Malina» ist geprägt durch eine poetische, durch eine mystische Sprache, die nichts einfach klar darlegt, sondern in einer fast lyrischen Form mit den Worten spielt. Worte, Symbole – alles hat eine Bedeutung und danach noch viele über die erste hinausgreifende. Es entsteht ein Netz aus Bezügen innerhalb des Werkes und darüber hinaus ins Leben der Autorin, in andere literarische Werke, zu Aussagen von Philosophen, zu geschichtlichen Ereignissen und gesellschaftsprägenden Mechanismen.

«Malina» ist kein einfacher Roman, es empfielt sich, ihn langsam zu lesen, in Bruchstücken, wie er auch geschrieben steht. Es empfiehlt sich, Pausen zu machen, nachzudenken, nochmals zu lesen. Nur so wird man als Leser wohl dem Roman gerecht. Er ist keine leichte Lektüre für nebenbei, aber eine lohnende.

Fazit:
Ein vielschichtiges, tiefgründiges, weit verzweigtes Werk, welches seine vielen Ebenen erst nach und nach preisgibt. Durch die verschiedenen möglichen Lesarten ein Buch, das man sicher mehrfach lesen kann und sogar sollte. Ganz grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Matthias Jügler: Die Verlassenen

«Schliesslich kam Grossmutter aus dem Wohnzimmer. Sie verlor kein Wort über Vaters Abwesenheit, stattdessen hielt sie eine Tüte Bonbons in der Hand…zum Trost, wie sie sagte. Als ich sie nun sah, die Tüte in der Hand, mitleidig ihr Blick, da begriff ich, dass Vater nicht wiederkommen würde. Ich fing an zu weinen. Viel lieber wollte ich wütend sein, auf Vater, so wütend, wie ich es am Vormittag gewesen war. Aber es klappte nicht.»

Johannes hat schon früh seine Mutter verloren. Als auch noch sein Vater von einem Tag verschwindet, bleibt er bei der Grossmutter zurück. Mit ihm bleiben viele offene Fragen, über die aber nie gesprochen werden kann. Auf diesem unsicheren Boden wächst er zu einem melancholischen, an vielem zweifelnden Mann heran, sucht seinen Platz im Leben und kann sich doch nicht frei einlassen.

„Dann entdeckte ich den Brief, und kaum dass ich ihn gelesen hatte, wusste ich, dass dies der eine Moment war, der alles änderte, nicht nur meine Zukunft, sondern vor allem meine Vergangenheit, beziehungsweise das, was ich dafür gehalten hatte.“

Als er eine Kiste mit Briefen findet, in welcher auch einer an seinen Vater adressiert ist, sieht er plötzlich einen Weg, doch noch zu Antworten zu kommen. Dazu macht er sich auf nach Norwegen, wo er immer tiefere Einsichten in seine Kindheit in der DDR und das, was damals ablief bekommt.

Matthias Jügler erzählt die Geschichte eines Jungen, Johannes, aus dessen Sicht und es gelingt ihm dabei, das Erzählte in Sprache und Denken authentisch und dem Alter entsprechend zu halten. Trotz der tragischen und Johannes erschütternden Umstände verfällt die Erzählung nie in eine zu melancholische Stimmung, das Beibehalten einer Sachlichkeit und Distanz sind die dem Verhalten von Johannes entsprechend Form. Sie bringen es aber auch mit sich, dass es nicht möglich ist, dem Protagonisten und seinem Fühlen wirklich nahe zu kommen. Man bleibt als Leser der Betrachter von aussen, so wie es wohl im wirklichen Leben bei einem Treffen mit Johannes auch gewesen wäre.

So begleitet man Johannes durch seine Kindheit, Jugend hinein ins Erwachsenenalter, sieht ihn eine Familie gründen, doch etwas bleibt immer präsent: Die Erinnerung an die Vergangenheit, die Ungewissheit, was wirklich war damals und die Unsicherheit im Leben und in seinem Sein, die daraus entstanden ist. Das Finden des Briefes erscheint da wie ein Weckruf aus einem Schlafzustand. Endlich schreitet er zur Tat, endlich zeigt er den Willen, den Dingen auf den Grund zu gehen.

„Die Verlassenen“ ist ein Buch ohne grosse Ereignisse, ohne laute Töne, ohne eindringliche Bilder. Leise und sanft fliesst die Erzählung dahin und nimmt den Leser mit auf eine Reise ins Ungewisse. Was dann ans Licht kommt, hätte man zwar bei dem Setting erahnen können, und doch liegt es nicht so offen da, dass das Weiterlesen sich erübrigen würde.

Eine durch und durch gelungene Erzählung, in welcher der Autor es versteht, Inhalt und Form in ein stimmiges Ganzes zu verweben und den Leser durch eine unterschwellige Melancholie zu berühren, die nie zu abgrundtief wird, dass sie bedrückt.

Fazit:
Ein Buch der leisen Töne, die Lebensgeschichte eines Jungen, der zu früh von den nächsten Menschen verlassen wird, dabei das Vertrauen verliert, und erst zu sich selber findet, als er sein Leben selber in die Hand nimmt und Antworten auf seine offenen Fragen sucht. Grosse Empfehlung!

Bewertung:
4***/5 – vier von fünf Sternen

Zum Autor
Matthias Jügler, geboren 1984 in Halle/Saale, studierte Skandinavistik und Kunstgeschichte in Greifswald sowie Oslo und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für seinen Debütroman »Raubfischen« (2015) erhielt er eine Reihe von Auszeichnungen. Er lebt mit seiner Familie in Leipzig, wo er auch als freier Lektor arbeitet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 176
Verlag: Penguin Verlag; Originalausgabe Edition (1. März 2021)
ISBN: 978-3328601616
Preis: EUR 18 / CHF 27.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Paul Celan (23. November 1920 – 20. April 1970)

Paul Celan wird am 23. November 1920 in Czernowitz, Grossrumänien als Paul Antschel geboren. Celan lernt schon als Kind Gedichte auswendig, er liebt die deutsche Literatur, allen voran Hölderlin, Heine und Kafka. Es dauert nicht lange, dass eigene Gedichte aus seiner Feder fliessen.

Nach seiner Schulzeit studiert er zuerst Medizin, später Romanistik, was er aber wegen der Massnahmen des Nazi-Regimes abbrechen muss. 1941 wird Czernowitz von den Deutschen besetzt, die jüdische Bevölkerung wird in Ghettos gezwungen, von wo Paul Celans Eltern deportiert werden. Kurz nach der Deportation stirbt sein Vater an Typhus und seine Mutter wird erschossen. Daraus entsteht für Paul Celan ein Schmerz, der ihn nie mehr loslässt. Zudem quält ihn die Überlebensschuld, wie sie viele Überlebende des Zweiten Weltkriegs fühlen. Paul Celan verarbeitet dies immer wieder in seinen Gedichten.

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau“
(aus der Todesfuge)

1944 kann Celan sein Studium wieder aufnehmen, für den Lebensunterhalt arbeitet er als Lektor und Übersetzer. 1947 verlässt er seine Heimat und reist über Wien schliesslich 1948 nach Paris (er erhält 1950 die französische Staatsbürgerschaft). 1948 lernt Paul Celan Ingeborg Bachmann kennen, mit der ihn eine tiefe Liebe verbindet, die dreimal kurz gelebt werden kann, ansonsten nur in Briefen stattfindet. Das Band der beiden ist tief, gegenseitige Bezüge durchziehen beider Werk.

Dieses Gedicht widmet Paul Celan Ingeborg Bachmann im Mai 1948:

Ägypten

Du sollst zum Aug der Fremden sagen: Sei das Wasser.
Du sollst, die du im Wasser weißt, im Aug der Fremden suchen. 
Du sollst sie rufen aus dem Wasser: Ruth! Noemi! Mirjam!
Du sollst sie schmücken, wenn du bei der Fremden liegst. 
Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der Fremden.
Du sollst zu Ruth und Mirjam und Noemi sagen: 
Seht, ich schlaf bei ihr!
Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.
Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi.

Du sollst zur Fremden sagen: 
Sieh, ich schlief bei diesen!“ 

1951 lernt er Gisèle Lestrange kennen, die er ein Jahr später auch heiratet, 1955 kommt der gemeinsame Sohn Eric zur Welt. 1952 kann Paul Celan durch die Vermittlung von Ingeborg Bachmann bei der Tagung der Gruppe 47 lesen, was allerdings kein Erfolg wird, da die Art von Celans Vortrag bei den Anwesenden auf wenig Verständnis stösst, was diesen wiederum verletzt. Zwar hält sich der Kontakt zu einigen der Mitglieder, doch es fehlt ihm das wirkliche Vertrauen zu ihnen mehrheitlich.

Nicht leicht zu verstehen ist sicher Celans Interesse an und seine freundschaftliche Beziehung zu Martin Heidegger, den in der Tat herausragenden und tiefgründigen Denker mit NS-Vergangenheit. An Ingeborg Bachmann schreibt Paul Celan, dass er der Letzte sei, welcher über die «Freiburger Rektoratsrede und einiges andere hinwegsehen» könne. Trotzdem bevorzuge er einen, welcher «an seinen Verfehlungen würgt» als «patentierte Antinazis». Heideggers Würgen scheint allerdings sehr versteckt zu sein, da er sich nie von seinen Aussagen distanziert .

Ausschlaggebend für diese Beziehung ist für Celan wohl Heideggers Hochachtung der Dichtung, welche in seinem philosophischen Werk einen hohen Stellenwert hat. Zudem steht Heidegger neben Jünger, Hölderlin, Rilke und anderen für einen Ausdruck des Deutschen im Guten (als Gegensatz zur Tätersprache), welcher sich Celan verbunden und wodurch er eine Art Geistesverwandtschaft fühlt. Mit dem Land Deutschland und den Deutschen sonst gelingt ihm das nie, er fühlt sich nie wohl oder zuhause da.

Die dramatischen Erlebnisse durch den Krieg haben Paul Celans psychische Stabilität schon früh angegriffen, eine innere Zerrissenheit macht ihm zeitlebens zu schaffen. In den 60er-Jahren kommen mehrfache Depressionsschübe dazu, die oft auch von aggressiven Ausbrüchen begleitet sind. Dies führt zu mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken. Am 20. April 1970 nimmt sich Paul Celan das Leben, indem er sich am Pont Mirabeau in Paris in die Seine stürzt. Zwar findet sich nie ein Abschiedsbrief, doch Celan war ein guter Schwimmer, so dass ein Unfall fast auszuschliessen ist. Auf seinem Schreibtisch findet sich zudem eine aufgeschlagene Hölderlin-Biografie mit folgender unterstrichener Stelle:

«Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bitteren Brunnen seines Herzens.»

Werk
Paul Celans Werk zeigt eine deutliche Entwicklung von den frühen zu den späten Gedichten. Während die frühen noch eher traditionell erscheinen, verändert sich die Sprache immer stärker. Er steht damit nicht alleine, da viele Autoren der Nachkriegsliteratur damit befasst waren, die durch das Unrechtsregime und die damit einhergehenden Gräueltaten korrumpierte deutsche Sprache zu verlassen und eine neue Form zu finden. Paul Celans Weg war der, dass er die Worte zwar verwendete, sie aber in einer Weise setzte, dass sie sich dem Leser quasi wieder entziehen durch ihre kryptische Verwendung. So klingen die Verse zwar beim Lesen, verschliessen sich aber dem einfach zu erfassenden Sinn. Damit will Celan den Wörtern ihre Gewalt nehmen, die dadurch entsteht, dass sie den Leser durch den Akt des Verstehens unterwerfen. Daraus resultiert aber keine dem Sinn enthobene Sprache, denn dieser erschliesst sich durchaus beim näheren Betrachten, dies allerdings erst durch die eigene Auseinandersetzung mit den Wörtern, was den Leser zu einem Eroberer macht.

Eines der bekanntesten Gedichte Paul Celans ist wohl die Todesfuge:

Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus  Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland  
 
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Kleine Deutungen – Erich Fried: Nachtgedicht

Erich Fried (1921 – 1988)

Das Gedicht musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Liebesgedichte“

Wenn man an Erich Fried denkt, fällt einem wohl zuerst seine politische Lyrik ein, welche im Einklang steht mit seinem politischen Engagement. Er war kein einfacher Zeitgenosse, er sagte seine Meinung und er tat dies klar und pointiert. Dass man ihn – vor allem in rechten und konservativen Kreisen – auch gerne als «Stören-Fried» bezeichnete, zollt dem Rechnung. Doch dies ist nur eine der vielen Seiten von Erich Fried.

Fried war auch ein Sprachakrobat, er wusste, die Sprache einzusetzen, damit zu spielen. Mit dieser Fähigkeit gelang es ihm, die Werke Shakespeare in einer diesen gebührenden Weise zu übersetzen, etwas, das vor ihm so noch keinem gelungen ist. Auch andere Dichter hatten das Glück, im deutschen Sprachraum durch seine Feder bekannt zu werden: Sylvia Plath, T. S. Eliot, Dylan Thomas, um nur einige zu nennen.

Und nicht zuletzt schrieb er Liebesgedichte. Er tat dies in der ihm eigenen Art:

  • Was ist Liebe? Ganze Regale könnten gefüllt werden mit Romanen und Abhandlungen zu dem Thema, es beschäftigt die Menschen wohl seit es sie gibt. Erich Fried braucht in diesem Gedicht nicht viele Worte, und doch ist alles da.
  • Liebe ist ein Ich, das ein Du hat. Sie ist ein Zusammensein, das Teilen von Tisch und Bett.
  • Liebe ist das Hinschauen, wie es dem anderen geht und das Hineinfühlen, was er braucht, was ihm gut tut. Liebe ist die Sorge um den anderen, der Wunsch, es möge ihm gut gehen. Und sie ist der Wunsch, das Mögliche dazu beizutragen.
  • Liebe ist, dem anderen den Raum zu geben, den er braucht, und doch dazusein. Liebe ist die Nähe, die man den anderen immer wieder spüren lässt, und ihm damit zu zeigen, er ist nicht allein.
  • Liebe ist Zärtlichkeit, sind die lieben Worte und Gesten, in welchen sie sich ausdrückt.
  • Liebe ist der immer wieder neue Wunsch, den anderen zu sehen, zu entdecken, ihn kennenzulernen.
  • Liebe ist die Lust, die sich am anderen entzündet.

Erich Fried gelingt es wie kaum einem anderen, Worte für eigentlich nicht Sagbares zu finden, durch die das Gefühl hindurch scheint. Man liest die Zeilen und findet zwischen ihnen ganze Geschichten. In kurzen Versen erschliesst sich so eine ganze Welt, die über sich hinausweist, die Gefühle sprechen lässt. Und als Leser sitzt man da, liest die Worte, erlebt die Geschichte und fühlt sie tief in sich mit.   

Ingeborg Bachmann: Der gute Gott von Manhattan

Jan und Jennifer treffen sich zufällig am Bahnhof von New York. Nach anfänglichem Desinteresse von Jan beschliessen die beiden, essen zu gehen und beziehen später ein schäbiges Zimmer in einem Stundenhotel. Da Jan am nächsten Tag mit dem Schiff nach Europa fahren will, ist klar, dass diese Begegnung sich auf eine Nacht beschränken wird.

Als Jan am nächsten Morgen erfährt, dass sein Platz auf dem Schiff nicht sicher ist, beschliesst er, länger zu bleiben. War Jan am Abend zuvor noch eher kalt und abweisend zu Jennifer, entwickeln sich nun Gefühle, eine Liebe wächst heran.

«Sie gaben einem Verlangen, das von der Schöpfung nicht so gedacht sein kann, mit einer Laune nach, die ernsthafter war als jeder Ernst, und schwuren sich Gegenwart und sonst nichts, mit jedem Blick, jedem heftigen Atemzug und jedem Griff in das hinfälligste Material der Welt, dieses Fleisch, das vor Traurigkeit bitter schmeckte und in dem sie gefangen lagen, verurteilt zu lebenslänglich.»

Damit passiert genau das, was der gute Gott von Manhattan vermeiden will: Romantische Liebe hat in einer bürgerlichen Gesellschaft keinen Platz, sie bringt höchstens Unruhe und Verderben mit sich. Deswegen hat er es sich zur Aufgabe gemacht, diese Liebe auszulöschen, indem er die davon Betroffenen in die Luft sprengt.

„Jetzt war die Gefahr in Verzug, ich witterte, dass es wieder einmal angefangen hatte. Von diesem Augenblick an erst machte ich mich an die Verfolgung.“

Auch Jennifer wird dieses Schicksal erreichen, weswegen sich der gute Gott von Manhattan vor einem Richter verantworten muss.

«Ich glaube, dass die Liebe auf der Nachtseite der Welt ist, verderblicher als jedes Verbrechen, als alle Ketzereien.»

„Der gute Gott von Manhattan“ war Ingeborg Bachmanns fünftes veröffentlichtes Hörspiel, eine damals noch junge Gattung. Es ist ihr damit gelungen, die bürgerliche Ordnung als Gegenspieler menschlicher Figuren zu präsentieren, wobei die Ordnung durch den guten Gott von Manhattan als moralische Instanz verkörpert wird. Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, in dieser Stadt für Ordnung zu sorgen, indem er die lauernden Gefahren sieht und auslöscht.

Die Moral findet sich im Gespräch mit dem Gesetz, verkörpert durch den Richter. Beide beleuchten die Geschichte zwischen Jennifer und Jan, welche einerseits eine sich entwickelnde Liebesgeschichte darstellt, andererseits aber auch verschiedene weitere Ebenen in sich trägt wie die Geschlechterverhältnisse zwischen Mann und Frau allgemein als auch die persönlichen Erfahrungen Ingeborg Bachmanns mit Männern einschliesslich ihrer Haltung diesen gegenüber, indem sie sich einerseits als ehrgeizige Künstlerin in einer damals noch männlich dominierten Welt behaupten will, andererseits sich aber Männern durchaus auch unterordnet und diese durch ihre fast schon Unterwerfung zu nennende Haltung zum Vorbild nimmt.

Das Thema der utopischen Liebe ist zudem gerade in ihrem Frühwerk oft zu finden. Neben „Briefe an Felician“, in welchen die Briefeschreiberin einen fiktiven Geliebten von ihrer euphorischen Liebe schreibt, behandeln auch viele von Bachmanns Gedichten diesen Topos.

Es finden sich in dem Stück die verschiedensten Bezüge, sowohl auf zeitgenössische Verbrechen, als auch auf die nordische Mythologie sowie die Welt der Märchen. Durch diverse literarische Verweise wird das Stück zudem in der Literaturgeschichte verankert und vernetzt.

Rezeption
Als das Hörspiel am 29. Mai 1958 gesendet wurde, stiess es bei den Kritikern mehrheitlich auf Unverständnis. Man bemängelte die teilweise unverständliche, zu lyrische Sprache, empfand die Figuren der Eichhörnchen als zu weit hergeholt, den guten Gott in seiner Argumentation zu wenig nachvollziehbar. Trotzdem wurde das Hörspiel 1959 mit dem rennomierten Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet, auch wenn sogar bei dieser Vergabe Zweifel im Raum standen, ob das doch sehr komplexe Werk, welches erst nach mehrfachem Hören – wenn überhaupt – verständlich sei, überhaupt noch zur Kategorie „Hörspiel“ zu zählen sei.

Die Diskussionen um das Werk rissen auch über die Jahre nicht ab, 1983 betitelte es der Österreichische Rundfunk als „bestes Hörspiel der Welt“, während andere Stimmen noch immer eine zu pessimistische Weltsicht und zu grosse Verzweiflung in einer zu komplexen Form und Struktur bemängelten. Bei der Sprache war man sich zwar mehrheitlich einig, dass diese Ausdruck von „Reichtum und Magie“ sei, was aber gerade bei einem Hörspiel auch zu Schwierigkeiten führen kann. Klar war aber das Eine: Ingeborg Bachmann war mit diesem Hörspiel etwas Neues gelungen, das sich vom bisher Dagewesenen abhebt.

„Der gute Gott von Manhattan“ wurde 1977 fürs Fernsehen verfilmt.

Fazit:
Ein vielschichtiges, tiefgründiges, weit verzweigtes Werk, welches seine vielen Ebenen erst nach und nach preisgibt. Durch die verschiedenen möglichen Lesarten ein Buch, das man sicher mehrfach lesen kann und sogar sollte. Sehr empfehlenswert!

Zur Autorin
Ingeborg Bachmann wird am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg endete nach Bachmanns Aussagen die Kindheit jä – ein Ereignis, das ihr späteres Schreiben immer wieder prägen wird. Erste Gedichte finden sich schon bei der 12-jährigen Ingeborg Bachmann. 1945 beginnt Ingeborg Bachmann ihr Studium in Literatur, Kunst und Jura in Insbruck, wechselt später nach Graz und dann nach Wien, wo sie mit Philosophie und Psychologie abschloss und 1950 eine Dissertation über Martin Heidegger schrieb. Es folgten journalistische Arbeiten, welche aber neben dem schon da dringenden Wunsch, Schriftstellerin zu sein, mehrheitlich eher als ungeliebter Brotjob anzusehen waren. Nach einer Einladung in die Gruppe 47 im Jahr 1952 konnte sie im Jahr 1953 deren Preis gewinnen, im gleichen Jahr erschien ihr erster Gedichtband «Die gestundete Zeit», 1956 der zweite mit dem Titel «Anrufung des Grossen Bären». Damit stand ihr Ruhm als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der literarischen Moderne fest, was aber leider finanziell zu wenig einträglich war, um davon zu überleben.

Es folgten mehrere Stellen, dem finanziellen Überleben geschuldet, sowie diverse Umzüge, welche wohl finanzielle und andere, der persönlichen Unrast und privatem Unglück geschuldete Gründe hatten. Über die Jahre finden sich verschiedene Liebschaften, denen allesamt wenig (und vor allem kein anhaltendes) Glück beschieden war. Irgendwann versiegten bei Ingeborg Bachmann die Gedichte, sie widmete sich Prosawerken, später einem gross gedachten Romanprojekt, von welchem aber nur ein Roman wirklich fertiggestellt wurde: 1971 erschien Malina.

Die zunehmenden psychischen Probleme, die sie immer wieder plagten, gepaart mit Alkoholexzessen und Tablettenabhängigkeiten verdüsterten das Leben der Dichterin zunehmend. Bei einem einem Feuer in ihrer Wohnung in Rom erlitt Ingeborg Bachmann starke Verbrennungen, weswegen sie ins Krankenhaus kam. Gestorben ist sie aber mutmasslich an den Entzugserscheinungen eines Medikaments, bei welchem bis zu spät nicht klar war, welches es ist. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Dr. med. Mirriam Prieß: Die Kraft des Dialogs

«Leben ist Beziehung. […] Gelingen unsere Beziehungen, gelingt unser Leben.»

Wir alle streben nach Glück, wir alle wollen ein Leben führen, das wir als gelungenes Leben, als Leben, das für uns selber lebenswert erscheint, bezeichnen können. Nach Mirriam Prieß ist ein Leben dann ein gelingendes Leben, wenn wir erfüllte Beziehungen führen können, sei das in der Familie, in der Partnerschaft, bei der Arbeit und vor allem auch zu uns selber.

„Jede Beziehung, die wir führen, verlangt eine aktive Gestaltung und Zutun durch uns selbst. Vertrauen oder das Gefühl des Zuhauseseins – beides „fällt nicht vom Himmel“. Damit beides entstehen und wachsen kann und unsere Beziehungen gelingen, brauchen wir den Dialog.

Grundlegend für eine gelingende Beziehung sieht Mirriam Prieß den Dialog. Damit dieser gelingen kann, ist es wichtig, dass im sogenannten Dialogdreieck aus Du, Ich und Wir ein Gleichgewicht herrscht, keine der drei Partien dominiert, sondern alle den gleichen Stellenwert haben. Nur wenn mein Ich auf einem sicheren Fundament steht, kann ich dieses einem Du entgegenhalten. Nur wenn das Du seinen Platz hat, steht es dem Ich auf Augenhöhe gegenüber. Und nur wenn sowohl Ich als auch Du das Wir gleichermassen schätzen und beachten wie sowohl sich selber als auch das Gegenüber, entsteht ein Gleichgewicht, aus diesem heraus ein gelingender Dialog möglich ist und damit die Basis für eine gelingende Beziehung gelegt werden kann.

Wichtige Eigenschaften, die es braucht für einen gelingenden Dialog sind Interesse am anderen, Offenheit für dessen Ansichten und Meinungen, Empathie als ein Mit- und Hineinfühlen, Augenhöhe und Respekt, sowie Wertschätzung und Liebe.

Mirriam Prieß erläutert auf fundierte und gut lesbare Weise das Dialogprinzip, welches sie als grundlegend für ein erfülltes Beziehungsleben und damit für ein gelingendes Leben erachtet. Sie gibt dem Leser immer wieder Übungen an die Hand, mit denen dieser prüfen kann, wo er im Moment steht und wie er an einzelnen Punkten arbeiten kann. Zusätzlich führt Mirriam Prieß Beispiele aus der Praxis an, um an konkreten Fällen zu demonstrieren, wie sich eine fehlende Dialogstruktur auswirken kann und womit Verbesserungen herbeigeführt werden können.

Würde man die vielen Beispiele weglassen, schmölze das Buch wohl auf einen Drittel. Nun mag es durchaus Leser geben, die gerade die Beispiele wichtig finden für ein besseres Verständnis und das Gefühl, nicht blosser Theorie gegenüberzusitzen. Die Menge an Beispielen kann aber auch langatmig und eher den Informationsfluss behindernd wirken.

Das Thema ist alles andere als neu, alle von Mirriam Prieß vorgebrachten Theorien und Argumente finden sich in einer ganzen Flut von Literatur (ganz prominent sicher Martin Buber), auch auf Denkzeiten erschienen schon Artikel (Echte Dialoge, Achtsame Kommunikation: Was ist ein philosophischer Dialog, etc.), aber es ist gut lesbar aufbereitet und für jemanden, der noch nie etwas zu dem Thema gelesen hat, durchaus informativ.

Fazit:
Ein gut lesbares und fundiert geschriebenes Buch zur Praxis des Dialogs, welcher, so die Hypothese des Buches, Voraussetzung für eine gelingende Beziehung und damit für ein erfülltes Leben ist. Empfehlenswert!

Bewertung:
3***/5 – drei von fünf Sternen

Zur Autorin
Dr. med. Mirriam Prieß hat an der Universität Hamburg Medizin mit anschließender Promotion im Fachbereich Psychosomatik studiert. Sie war als Ärztin 8 Jahre in einer psychosomatischen Fachklinik tätig und unter anderem für die Behandlungsschwerpunkte Ängste, Depressionen und Burnout verantwortlich. Seit 2005 übernimmt sie beratende Tätigkeiten in der Wirtschaft mit Einzelcoaching von Führungskräften im Bereich Konflikt- und Stressmanagement. Ihre 2019 gegründete Stiftung „Dialogstark!“ hat sich dem Ziel verpflichtet, die Dialogfähigkeit von jungen Menschen zwischen 17 und 25 zu fördern.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240
Verlag: Südwest Verlag (1. März 2021)
ISBN: 978-3517099620
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

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William Wordsworth (7. April 1770 – 23. April 1850)

William Wordsworth wurde am 7. April 1770 in Grossbritannien geboren. Er war einer der bekanntesten englischen Dichter der Romantik und vor allem durch seine an der Natur orientierten Gedichte bekannt. Allerdings verschloss er sich auch nicht der Schönheit anderer Orte, unter anderem jener der Stadt London. In seinem Gedicht Composed upon Westminster Bridge glänzt diese in voller Pracht:

Composed upon Westminster Bridge, September 3, 1802
Earth has not anything to show more fair:
Dull would he be of soul who could pass by
A sight so touching in its majesty:
This City now doth, like a garment, wear
The beauty of the morning; silent, bare,
Ships, towers, domes, theatres, and temples lie
Open unto the fields, and to the sky;
All bright and glittering in the smokeless air.
Never did sun more beautifully steep
In his first splendour, valley, rock, or hill;
Ne’er saw I, never felt, a calm so deep!
The river glideth at his own sweet will:
Dear God! the very houses seem asleep;
And all that mighty heart is lying still!”

Schönheit zu sehen braucht Zeit, die man sich nehmen soll. Wenn man einfach blind durch die Strassen rast, wird man zu viel übersehen. Das Gleiche gilt für Gedichte: Wordsworth verschafft dem Leser durch die Setzung der Interpunktionen immer wieder Atempausen, er lenkt den Fluss unter der Brücke des Blickes durch. Aus jeder Zeile steigt die Schönheit auf, erstreckt sich zwischen Erde und Himmel. Die Stille des Anblicks und der noch schlafenden Stadt spiegelt sich im ruhigen Fluss der Sprache.

Es fällt auf, dass die Stadt menschenleer ist, wodurch sie aber durch sich selber lebend erscheint. Sie trägt des Morgens Schönheit, wie ein Mensch Kleider trägt. Die Häuser, Schiffe, Tempel, Kuppeln, sie alle tragen zum Bild und zum Leben bei. Nicht mal als Schöpfer tritt der Mensch ins Bild, an seiner Stelle wird Gott angerufen, fast, als hätte er durch den Menschen hindurch eine Stadt erschaffen, welche nun, einem Naturschauspiel gleich, in ganzer Schönheit vor unseren Augen liegt.

Hier noch eine deutsche Übersetzung:

Verfaßt auf der Westminster-Brücke,
3. September 1802

Die Erde hat nicht Schöneres zu zeigen:
Stumpf wär’ ein Mensch, der hier vorübergeht
und nicht erlebt des Anblicks Majestät:
Die große Stadt hat heute sich gekleidet
in des Morgens Schönheit! Still da liegen
Dom, Theater, Türme, Schiffe, Kran,
frei gehn die Blicke zu der Wolken Bahn.
Niemals sah ich, fühlt’ ich solchen Frieden,
und niemals hat der frühen Sonne Scheinen
vergoldet reicher Hügel, Fels und Tal.
Der Fluß, wie sanft er will, dahin kann gleiten:
Mein Gott! die Häuser liegen all’ im Schlaf,
die Stadt hält an, so möcht’ man meinen,
des großen, mächt’gen Herzens Schlag!“

Klara Jahn: Die Farbe des Nordwinds

«Zu oft hatte sie nur Urlaub im Leben anderer Menschen gemacht, zu oft waren sie gegangen, als es schwierig wurde, zu oft hatte sich Ellen wie ein Kugelschreiber aus einem Hotelzimmer gefühlt, den man irrtümlich einsteckt. […] Ellens Herz lechzte nach Heimat.»

In ihrer Kindheit zieht Ellen mit ihrer Mutter einige Male um, irgendwann auch auf die Halligen, wo sie von Anfang an das Gefühl hat, angekommen, zu Hause zu sein. Leider bleiben sie und ihre Mutter auch da nicht lange. Als Ellen nach über 20 Jahren auf die Halligen zurückkehrt, hofft sie, die Heimat wieder zu finden, die sie als Kind verlassen musste. Sie hofft ebenfalls, mit Liske, welche damals für ein paar Monate wie eine Schwester war, wieder an dem Punkt weiter zu machen, an dem sie damals aufhörten. Liske ist wenig erfreut über ihr Kommen, und auch die Integration in die Gemeinde ist nicht einfach. Doch Ellen will an ihrem Traum festhalten.

„Was, wenn mir das Leben eines Halligbauern nicht genügte? Was, wenn die Hallig zu klein für einen wie mich war? Der Tod des Vaters war gleichsam der erste Schritt auf dem Weg in ein anderes Leben, mit dem Tod der Mutter kam ein zweiter hinzu, und am Ende dieses Weges stand Pastor Danjel. Ein Mann, der mein Lehrer sein wollte, mein Wissen mehren, einen Menschen aus mir machen. Ich wer gerne auf ihn zugelaufen. Doch da war noch Hendrik.“

Arjen Martenson wächst mit seinem Bruder Hendrik auf den Halligen auf, bis zuerst der Vater, dann die Mutter stirbt. Ein Pfarrer kümmert sich um ihn, will ihn mitnehmen nach Husum und ihm eine Ausbildung ermöglichen. Arjen zweifelt, sieht sich in der Verantwortung für seinen Bruder. Schliesslich stimmt er zu. Später kehrt Arjen mit seiner Frau, der Pastorentochter, als Lehrer zurück nach Halligen, um die Kinder dort zu unterrichten. Er muss erleben, dass sein Bruder ihm übel nimmt, dass er ihn als Kind zurückgelassen hat, nichts mit ihm zu tun haben will.

Klara Jahn erzählt zwei Lebensgeschichten in zwei unterschiedlichen Zeiten. Mehr noch aber erzählt sie die Geschichte der Halligen, beschreibt die Natur und die Landschaft mit all ihren Eigenheiten, Schönheiten, mit den Menschen, die da leben und welche durch die Natur geprägt sind. Neben diesem wunderschön beschriebenen Landschaftsbild bleiben die Figuren des Romans eher blass, sind schwer fassbar. Zwar widerspiegelt das durchaus ihr Naturell, doch bleibt man als Leser dadurch immer aussen vor, fällt es nicht leicht, wirklich in die Geschichten einzutauchen.

Zwar gibt es durchaus eine Verbindung zwischen den Erzählsträngen, doch käme jede der beiden Geschichten auch unabhängig von der anderen aus, so dass sich der Zweck dieses Vorgehens mit der Verknüpfung zweier Erzählebenen nicht ganz erschliesst. Die beiden Geschichten wechseln sich kapitelweise ab, es ist immer klar ersichtlich, in welcher Geschichte man sich gerade befindet, was das Lesen einfach macht. Dadurch, dass man nie wirklich tief in einen Strang hineinkommt, fällt auch der Wechsel nicht schwer. Doch bleibt ein unbefriedigendes Gefühl zurück.

Unterm Strich lässt sich sagen, dass es Klara Jahn gelungen ist, die Stimmung eines Ortes einzufangen und bildhaft zu beschrieben. Menschen, die einen Zugang zu dieser Landschaft haben, werden sich im Buch sicher heimisch fühlen. Die Figuren lassen es leider nicht zu, sich mit ihnen in einer Weise zu identifizieren, um auf diese Weise in die Geschichten hineinzufinden. So bleiben beide auch eher Beschreibungen von Lebensumständen, denen man als Leser von aussen zuschaut.

Fazit:
Das Leben auf den Halligen anhand von zwei Lebensgeschichten erzählt – Bildhaft beschriebenes Setting mit eher blassen Figuren. Für Leser, welche die Gegend mögen, eine gut lesbare und sicher interessante Geschichte!

Bewertung:
3***/5 – drei von fünf Sternen

Zur Autorin
Klara Jahn ist das Pseudonym einer bekannten Bestsellerautorin. Die Historikerin liebt es, große Geschichten zu erzählen und dabei tief in die Geschichte der Orte und Menschen einzutauchen. Dabei lässt sie sich von ihrer Liebe zur Natur und ihrer Faszination für raue Landschaften leiten. Bei Heyne wagt sie sich zum ersten Mal in den deutschen Norden vor, dessen herbe Schönheit sie seit Jahren begeistert. Die gebürtige Österreicherin und Mutter einer Tochter lebt seit 2001 in Frankfurt am Main.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400
Verlag: Heyne Verlag (8. März 2021)
ISBN: 978-3453273139
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

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Thommie Bayer: Das Glück meiner Mutter

«Ich wollte nicht mehr. Das immer gleiche Spiel von Anziehung und Abwehr, Verschmelzung und Selbsterhalt schien mir aus der neu gewonnenen Distanz auf einmal öde und vorhersehbar, alles lief auf Abnutzung und Missverstehen hinaus, als könne es Liebe zwischen zwei Menschen nur in Phasen geben, nach deren Ablauf man sich die eigene Ernüchterung so lange nicht eingestand, bis ein äusseres Ereignis, eine neue Verliebtheit, ein Job in einer anderen Stadt oder ein irreversibel verletzender Streit für klare Verhältnisse sorgte.“

Der Drehbuchautor Philip Dorn, ein alleinstehender Mann in den mittleren Jahren, der sich nach dem Scheitern seiner letzten Beziehung in seinem Leben allein eingerichtet hat, beschliesst, sich sein Traumauto, einen Mini, zu kaufen und damit in die Toskana zu fahren. Beim Dahingleiten auf den Strassen, erinnert er sich an seine Kindheit, an seine Beziehung zu seinen Eltern, vor allem die zu seiner Mutter, und an seine gescheiterte Beziehung zu Bettina.

„Wenn das Auge immer neue Bilder erfasst, kommt Luft ins Gehirn und die inneren Regale werden abgestaubt.“

Italien erscheint ihm als Paradies, das Freisein von Verpflichtungen und die Abgeschiedenheit von anderen Menschen eröffnet ihm die Möglichkeit, sein bisheriges Leben und seine eigene Rolle darin zu beleuchten – bis eines Nachts eine nackte Frau in seinem Pool schwimmt, die seine Aufmerksamkeit weckt. Zuerst beobachtet er sie nur fasziniert aus dem Versteckten, in bald darauf folgenden Gesprächen findet Philip Dorn weitere Antworten auf seine höchstpersönlichen Fragen.

Thommie Bayer legt uns eine warmherzige Geschichte vor, welche ohne grosse Höhen und Tiefen in ihren Bann zieht und das Herz erwärmt. Der Protagonist eröffnet durch sein eigenes Nachdenken – erzählt in einem inneren Monolog – Denkräume, in welche auch der Leser eintreten kann. Er lässt die verschiedenen Etappen seines Lebens Revue passieren, sinniert über seine Beziehung zu seinen Eltern, vor allem seiner Mutter, über verpasste Gelegenheiten, Hoffnungen, Erwartungen und auch das Glück.

„Das muss das Alter sein, dachte ich, wenn dir auf einmal klar wird, dass das Beste, was dir passieren kann, die Aussicht ist, dass alles so bleibt, wie es ist, dass dich keine Krankheit niederwirft, niemand an dir ein Verbrechen verübt, Siechtum und Tod dich möglichst lange nicht erwischen – wird Zeit, zu begreifen, dass du glücklich bist.“

„Das Glück meiner Mutter“ ist ein Buch mit leisen Tönen, das berührt und bewegt, ein Buch mit Spuren von Wehmut, aber auch Hoffnung, Einsicht und Dankbarkeit. Es ist der Versuch, herauszufinden, was Glück ist und die Frage danach, ob die anderen Menschen im eigenen Umfeld glücklich gewesen sind – und ob und wie man selber dazu beitragen oder im Weg stehen kann.

Die Geschichte ist vielleicht etwas einfach gestrickt, gewisse Dinge, liegen, wenn auch nicht ausgesprochen, in greifbarer Nähe, sind eventuell auch etwas zu konstruiert, doch tut dies dem Gefühl, das dieses Buch beim Lesen hinterlässt, keinen Abbruch. Es ist ein wunderbares Buch, das leider viel zu schnell endet, einen aber auch dann noch nicht gleich loslässt.

Fazit:
Lebenserinnerungen in eine Reise verpackt, ein Buch mit leisen Tönen, das berührt und bewegt, ein Buch mit Spuren von Wehmut, aber auch Hoffnung, Einsicht und Dankbarkeit. Ein wunderbares Buch und eine grosse Empfehlung!

Bewertung:
5****/5 – fünf von fünf Sternen

Zum Autor
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er begann, Drehbücher und später Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück, Die kurzen und die langen Jahre sowie Weisser Zug nach Süden.

Ein Interview mit dem Autoren findet sich HIER

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224
Verlag: Piper; 1. Edition (15. März 2021)
ISBN: 978-3492057264
Preis: EUR 22 / CHF 29.90

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Bücher 2021 – März

Gelesene Bücher

  1. Patricia Highsmith: Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt
    Patricia Highsmith beschreibt auf eine sehr offene und persönliche Art ihre Herangehensweise ans Schreiben. Sie beleuchtet den Schreibprozess mit allen Höhen und Tiefen, mit den wichtigen Zutaten wie Disziplin, Emotion, Freude und Spass am Schreiben. Sie zeigt die Schwierigkeiten des Daseins als Schriftsteller sowie auch dessen schönen Seiten. Ein Buch, das genauso viel über Patricia Highsmith selber aussagt wie über ihr Schreiben und ein Bild von einer am Boden gebliebenen, authentischen und äusserst sympathischen Frau zeichnet.
  2. Ilka Piepgras (Hrsg.): Schreibtisch mit Aussicht
    Das Buch umfasst 24 Texte von Schriftstellerinnen, in welchen diese offenlegen, was Schreiben für sie bedeutet, wie ihr Schreiballtag aussieht, womit sie kämpfen, worüber sie sich freuen und wo sie ihre Kraft herholen. Entstanden ist ein offenes und ehrliches Buch, das von Ängsten und Nöten spricht, vom Spagat zwischen Familie und Schreibtisch, von Schuldgefühlen und Zweifeln.
  3. Bernhard Schlink: Sommerlügen
    Bernhard Schlink geht den menschlichen Beziehungen nach, erzählt sieben Geschichten von Menschen, die lieben, geliebt werden, geliebt haben, mit der Liebe hadern oder sich mit ihr arrangiert haben. Er erzählt von den Schwierigkeiten des Anfangens mit all seinen Ängsten und Zweifeln, von den Herausforderungen des Beziehungsalltags und auch von den Komplikationen, wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Wünschen und Zielen aufeinandertreffen.
  4. Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker
    Richard David Precht zeichnet ein sehr realistisches Bild der aktuellen Situation, der vierten industriellen Revolution, welche in vollem Gange mit noch offenem Ausgang ist. Er ruft dazu auf, sich nicht hinter Fortschrittglauben und Ängsten zu verstecken, sondern aktiv die Idee einer wünschenswerten Welt zu schaffen, in welcher Maschinen nicht zur Optimierung oder zum Ersatz von Menschen werden, sondern diese unterstützen.
  5. Lily King: Writers & Lovers
    Lily King schreibt mit viel Feingefühl, aber auch mit der nötigen Leichtigkeit und Humor die Geschichte einer verletzlichen und doch mutigen jungen Frau, die sich ihrer Vergangenheit, ihren Ängsten und Selbstzweifeln stellen muss, um den eigenen Weg als Schriftstellerin zu gehen. Obwohl die Lebensgeschichte von Casey durchaus mit vielen Tiefen und Schwierigkeiten gepflastert ist, wird das Buch nie schwermütig, nie erdrückend, sondern schafft es, immer wieder auch eine Spur Hoffnung zu bewahren. Entstanden ist ein wunderbar menschliches Buch über eine junge Frau, die trotz allen Hindernissen an ihre Träume glaubt und diese verfolgt.
  6. Ingrid Noll: Hab und Gier
    Ein reicher Witwer bittet seine ehemalige Arbeitskollegin Karla um Hilfe bei seinem eigenen Tod, im Gegenzug soll sie sein Vermögen erben. Da Karla nicht alles alleine regeln kann, sucht sie sich eine Komplizin, welche wiederum einen Kleinkriminellen mit ins Boot holt. Eine WG, bei der nächste Tote nur eine Frage der Zeit ist. Eine rabenschwarze Komödie, die von der ersten bis zur letzten Seite Lesespass bietet.
  7. Peter Bieri: Wie wollen wir leben?
    Peter Bieri gelingt in diesem dünnen Band ein Bogen von der Frage nach dem Ich aus sich selber heraus, dessen Auseinandersetzung mit dem Du hin zur Identitätsbildung in Abhängigkeit von der umgebenden Kultur. Dabei arbeitet er mit einer klar verständlichen Sprache, einer logischen Abfolge von Begriffen, die sich schlüssig auseinander entwickeln, und zeichnet so einen Weg auf, das Ich als der, der man sein möchte, zu erkennen, zu verstehen, umzusetzen.
  8. Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten
    Ferdinand von Schirach hat mit „Kaffee und Zigaretten“ sein wohl persönlichstes Buch geschrieben. In 48 Kapiteln, jedes eine knappe Zigarette oder einen Kaffee lang, erinnert er sich an Geschichten aus seinem Leben, wirft dem Leser kleine Informationshäppchen zu, die dieser zur Kenntnis nehmen oder zum Anstoss weiteren Nachdenkens machen kann, oder er lässt uns an den unterschiedlichsten Beobachtungen und Gedanken teilhaben.
  9. Katja Kulin: Der andere Mann
    Anlässlich einer Reise nach Amerika lernt Simone de Beauvoir den Schriftsteller Nelson Algren kennen, der sie ein wenig durch die Stadt führen soll. Die gegenseitige Anziehung lässt die Stadtbesichtigung in Algrens Wohnung enden, nach einer leidenschaftlichen Nacht heisst es jedoch schon wieder Abschied nehmen. Doch es sollte keine Affäre bleiben.
  10. Ferdinand von Schirach: Gott: Ein Theaterstück
    Ferdinand von Schirach beleuchtet in seinem Buch „Gott“ die Frage, wem das Leben gehört, von verschiedenen Standpunkten, wobei er für jeden davon überzeugende Argumente liefert. Verschiedene Sachverständige werden nach ihrer Meinung befragt und diese wird in der Folge hinterfragt. Als Leser tritt man automatisch in diesen Dialog ein.
  11. Volker Hage: Kritik für Leser
    Ein Überblick über die verschiedenen Arten, sich als Journalist/Autor mit Literatur zu beschäftigen mit Beispielen aus der jahrzehntelangen eigenen Praxis von Volker Hage.
  12. Marcel Reich-Ranicki: Über Literaturkritik
    Deutschland blickt auf eine lange Tradition der Literaturkritik zurück, schon 1750 versuchte sich Lessing daran. Ebenso lang hält die Diskussion um die Literaturkritik an, darüber, ob sie überhaupt nötig und ob nicht jeder Kritiker ein frustrierter Scheiterer im eigenen Schreiben sei, der es nun den Erfolgreichen Schriftstellern heimzahlen möchte. Was soll Kritik, welche Aufgabe hat sie? Dieser Frage geht Marcel Reich-Ranicki in diesem kleinen Bändchen nach.
  13. Isabel Bogdan: Laufen
    Durch den Verlust ihres Lebenspartners aus der Bahn des Lebens geworfen, fängt sie zu laufen an und lässt neben den Füssen auch die Gedanken laufen. In einem endlosen inneren Monolog erzählt sie sich von ihrem Verlust, von ihren Gefühlen, von ihrer Verzweiflungen, immer wieder unterbrochen durch die eigene Aufforderung, die Gedanken zu stoppen, im Körper zu bleiben, auf das eigene Atmen zu achten – und um dann wieder weiter in den Fluss der Gedanken einzutauchen.
  14. Felix Kucher: Sie haben mich nicht gekriegt
    Der Roman verbindet zwei Frauenschicksale, welche sich eigenständig und mit grossem Willen gegen die politische Unterdrückung damaliger Zeit auflehnen. Im schnellen Wechsel blendet Felix Kucher zwischen den beiden Erzählsträngen hin und her, verbunden werden die Übergänge oft durch ähnliche Worte, welche eine sprachliche Verbindung zwischen den einzelnen Lebenswegen symbolisieren. „Sie haben mich nicht gekriegt“ ist ein Zeugnis davon, dass man auch unter den widrigsten Umständen für seine Überzeugungen und Wünsche einstehen muss und kann, dass man auch gegen Widerstände ankommen und für sich Wege finden kann.
  15. Charles Lewinsky: Sind Sie das?
    Charles Lewinsky hangelt sich entlang seiner Bücher anhand von Zitaten durch sein Leben, erzählt von den Inspirationsquellen, die Einzug hielten in sein Schreiben. Er geht dabei nicht zimperlich mit sich selber um, erzählt auch von den eigenen Verfehlungen und Missgeschicken. Aber er weist auch nochmals in aller Deutlichkeit Absichten und Gründe für einzelne Werke. Entstanden ist so ein Buch voller Erinnerungen, das sowohl durch das Erzählte wie auch die Sprache das Bild eines Menschen voller Humor, Ironie, Selbstreflexion und klarem Blick lebendig werden lässt.
  16. Joachim Höll: Ingeborg Bachmann (Hörbuch)
    Joachim Höll schafft es in einer Art Montagetechnik aus Zitaten und Beziehungs- Lebensbeschreibungen, ein stimmiges Bild einer grossartigen Schriftstellerin zu zeichnen, welches er immer wieder mit deren Werk verknüpft. Entstanden ist ein Buch über eine in sich zerrissene, tiefgründige, nachdenkliche, verletzliche Frau, die immer wieder auf Beziehungen hoffte, sich von diesen oft verraten fühlte im Nachhinein, und sich tief drin allein gefühlt haben muss. Gelesen wird das Hörbuch von der österreichischen Schauspielerin Sophie Rois, welche es neben dem authentisch klingenden Akzent schafft, dem Buch das nötige Gefühl, die passende Stimmung zu verleihen. Ein wirklicher Hörgenuss!

Abgebrochene Bücher

  1. Lukas Linder: Der Unvollendete
    Ein Roman über die menschlichen Schwächen und die Suche nach einem besseren Leben sollte es sein, angefangen hat es mit Sex, der dann doch doch keiner war für den Protagonisten, haben sich doch zwei Frauen ohne ihn vergnügt, und die Festmachung des eigenen Erfolgs und Werts an solchen Misserfolgen. Nun mag das eventuell eine männliche Sicht auf Glück sein, mich hat es (lesend) abgeturnt.

Joachim Höll: Ingeborg Bachmann (Hörbuch)

„Angaben zur Person sind immer das, was mit der Person am wenigsten zu tun hat.“

Diese Überzeugung Ingeborg Bachmanns und das damit einhergehende vornehmliche Schweigen über die privaten Hintergründe machen es für einen Biografen nicht leicht, ein Leben zu erkunden und zu präsentieren. Die über die Jahre erschienen Briefwechsel mögen das ein wenig erleichtert haben (die waren bei Erscheinen dieser Biografie aber noch nicht öffentlich bekannt), doch bleibt ein Rest Distanz immer da, weil Ingeborg Bachmann diese auch zu den sogar engen Freunden oft wahrte. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Person Ingrid Bachmann mit vielen Mythen umgeben und schwer fassbar erscheint. Joachim Höll hat sich dieser Aufgabe trotzdem angenommen und gut gemeistert.

Die vorliegende Biografie beleuchtet Ingeborg Bachmanns Kindheit und Jahre des Aufwachsens, ihre Verbundenheiten und Beziehungen dieser Jahre. Diese sind es auch, welche in ihr Werk immer wieder einziehen, dieses ausfüllen. Die späten Jahre sind im Werk praktisch inexistent, sie werden gelebt, in ihnen wird auf eine Weise auch ums (Über-)Leben gekämpft, aber sie werden nicht zum Stoff, und wenn, dann nur durch die Prägung der frühen Jahre.

Joachim Höll schafft es in einer Art Montagetechnik aus Zitaten und Beziehungs-  Lebensbeschreibungen, ein stimmiges Bild einer grossartigen Schriftstellerin zu zeichnen, welches er immer wieder mit deren Werk verknüpft. Entstanden ist ein Buch über eine in sich zerrissene, tiefgründige, nachdenkliche, verletzliche Frau, die immer wieder auf Beziehungen hoffte, sich von diesen oft verraten fühlte im Nachhinein, und sich tief drin allein gefühlt haben muss.

Gelesen wird das Hörbuch von der österreichischen Schauspielerin Sophie Rois, welche es neben dem authentisch klingenden Akzent schafft, dem Buch das nötige Gefühl, die passende Stimmung zu verleihen. Ein wirklicher Hörgenuss!

Fazit:
Ein Blick auf das Leben und Schaffen der grossartigen Ingeborg Bachmann, mit viel Hintergrundwissen und Gespür für die verschlossene Autorin geschrieben und auf wunderbare Weise gelesen. Grosse Empfehlung!

Bewertung:
5****/5 – fünf von fünf Sternen

Zum Autor
Joachim Höll (1966) studierte an der Freien Universität Berlin Germanistik und Lateinamerikanistik und promovierte über Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann. Schon während des Studiums verfasste er Essays, Kritiken und literaturwissenschaftliche Bücher. Von ihm erschienen sind Biografien zu Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann und Oskar Lafontaine. Er lebt in Berlin und arbeitet aktuell an einem grossen Romanprojekt.

Angaben zum Buch:
Hörbuch: 2 Stunden und 25 Minuten
Verlag: Random House Audio, Deutschland
Sprecher: Sophie Rois

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Charles Lewinsky: Sind Sie das? Eine Spurensuche

„Es wäre schön, wenn sich aus der gesammelten Konterbande ein Selbstbild zusammensetzte, in dem ich Dinge über mich entdecken kann, die mir vorher gar nicht bewusst waren. […] Nur eines soll es auf keinen Fall werden: eine Autobiographie.“

Den Auslöser zu diesem Buch stammt aus einer Lesung, als ein Zuhörer Charles Lewinsky fragte, ob er selber der pädophile Protagonist aus einer Geschichte sei. Diese Frage konnte er verneinen, doch in ihm wirkte die Frage weiter, wie viel von ihm selber in all seinen Büchern steckt. Eine Autobiografie sollte es aber nicht werden – aus guten Gründen:

„Das eine oder andere meiner Bücher mag vielleicht interessant sein – mein Leben ist es nicht […] Mit der bahnbrechenden Erkenntnis: „Am liebsten sass er abends neben seiner Frau auf dem Sofa“ stürmt kein Biograph die Bestsellerlisten.“

Das Stürmen der Bestsellerlisten war aber auch kein Grund für dieses Buch, denn es gab keine anvisierte Leserschaft ausser seinen drei Enkeln, denen er das Buch als Erinnerung an ihren Grossvater hinterlassen wollte.

„Mir scheint bei der Neubegegnung mit den eigenen Büchern, dass solche Zitate aus dem eigenen Leben mir immer wieder unbewusst dazu gedient haben, Erlebnisse, die ich lieber vergessen hätte, in die Quarantäne eines literarischen Textes einzusperren und damit zu neutralisieren.“

Charles Lewinsky hangelt sich entlang seiner Bücher anhand von Zitaten durch sein Leben, erzählt von den Inspirationsquellen, die Einzug hielten in sein Schreiben. Er geht dabei nicht zimperlich mit sich selber um, erzählt auch von den eigenen Verfehlungen und Missgeschicken. Aber er weist auch nochmals in aller Deutlichkeit Absichten und Gründe für einzelne Werke.

Mattscheibe war meine persönliche Abrechnung mit der Welt der Fernsehunterhaltung. Ich wollte die Dinge, die ich dort erlebt und beobachtet hatte, übertreiben und verzerren, um damit die ganze Lächerlichkeit dieses Gewerbes in parodistischer Weise sichtbar werden zu lassen. Ich fürchte, es ist mir nicht gelungen. Es gibt Dinge im Fernsehprogramm, die kann man nicht parodieren, weil sie es selber schon tun.“

Entstanden ist so ein Buch voller Erinnerungen, das sowohl durch das Erzählte wie auch die Sprache das Bild eines Menschen voller Humor, Ironie, Selbstreflexion und klarem Blick lebendig werden lässt.

Fazit:
Ein Schriftsteller sucht anhand seiner Bücher nach seinem eigenen Leben und erzählt auf humorvolle und lebendige Weise in Erinnerungen davon. Sehr empfehlenswert!

Bewertung:
4****/5 – vier von fünf Sternen

Zum Autor
Charles Lewinsky, 1946 in Zürich geboren, ist seit 1980 freier Schriftsteller. International berühmt wurde er mit seinem Roman ›Melnitz‹. Er gewann zahlreiche Preise, darunter den französischen Prix du meilleur livre étranger. Sein jüngster Roman ›Der Halbbart‹ stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Sein Werk erscheint in 14 Sprachen. Charles Lewinsky lebt im Sommer in Vereux (Frankreich) und im Winter in Zürich.

Angaben zum Buch:
Gebundenes Buch: 284 Seiten
Verlag: Diogenes; 1. Edition (24. März 2021)
ISBN-Nr.: 978-3257071115
Preis: EUR  24 / CHF 36.90

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Felix Kucher: Sie haben mich nicht gekriegt

„Du bist die Älteste, die die Familie erhalten muss. Du bist schuld, wenn wir hungern müssen. Du hast mit zwölf Jahren die Schule abbrechen müssen, um uns sechs zu erhalten: mich, dich, Valentina, Yolanda, Gioconda und den kleinen Benvenuto.“

Tina wächst als zweitältestes Kind einer armen Familie in Undine heran. Als ihr Vater mit der ältesten Tochter nach Amerika auswandert, ist es an ihr, die Familie zu ernähren. Das Geld ist knapp, in Tina wächst die Hoffnung, bald auch nach Amerika gehen und mehr aus ihrem Lebe machen zu können.

„Jedes Mal, wenn ich ein Buch lese, werde ich ein anderer Mensch. Nicht ganz, sondern ein wenig. Ich weiss, das klingt banal für deine Ohren. Aber wenn ich lese, verändere ich mich. Nach jedem Buch habe ich etwas dazugewonnen. Und jeder, der liest, tut das.“

Marie wächst behütet in Fürth auf als Tochter eines jüdischen Buchhändlers. Schon früh ist klar, dass ihre Geschwister studieren können, sie die Buchhandlung übernehmen muss. Marie möchte lieber studieren, sie möchte Ärztin werden und in die Welt reisen, um Menschen zu helfen. Auch wenn es nicht ihr Wunschweg ist, gibt sie sich mit vollem Einsatz in ihre Aufgabe, und über die Jahre werden Bücher immer wichtiger in ihrem Leben, je schwieriger die Zeiten werden, desto wichtiger.

„Als sie das Buch zuklappt, fragt sie sich, ob es nicht vernünftig ist, in die Welt der Bücher zu fliehen? Ist denn die Welt da draussen wirklicher als die Welt der Bücher? Wertvoller? Erhaltenswerter? Ist die Welt der Bücher nicht eine notwendige, ja lebensrettende Zuflucht in diesen Zeiten?“

Diese beiden unterschiedlichen Frauen landen schliesslich beide in Amerika, ihre Wege kreuzen sich immer mal wieder, wenn auch nicht bewusst. Es sind zwei Frauenleben, welche verschiedener nicht sein könnten, und die doch viele Parallelen aufweisen. Beiden Frauen ist Mut und Kampfgeist gegeben, für ihre Sache einzustehen, einen Weg zu finden, weiter zu machen. Beide Frauen müssen kämpfen und geben nicht auf. Tina wird zur kommunistischen Revolutionärin, setzt sich für ihre Mission mit dem Einsatz ihres Lebens ein, Marie setzt sich für ihre Überzeugung, dass Kunst wichtiger als Politik sein soll und darum bewahrenswert ist, ein, gegen das feindliche Naziregime, trotz finanzieller Nöte und Steinen im Weg.

Felix Kucher verbindet in seinem Buch „Sie haben mich nicht gekriegt“ zwei Frauenschicksale, welche sich eigenständig und mit grossem Willen gegen die politische Unterdrückung damaliger Zeit auflehnen. Im schnellen Wechsel blendet er zwischen den beiden Erzählsträngen hin und her, verbunden werden die Übergänge oft durch ähnliche Worte, welche eine sprachliche Verbindung zwischen den einzelnen Lebenswegen symbolisieren.

Die gewählte Form ist einerseits geschickt, da sich auf diese Weise die Lebensentwürfe nebeneinander entwickeln, Parallelen und Unterschiede offen da liegen. Auf der anderen Seite erschweren die schnellen Wechsel ein wirkliches Eintauchen in das je einzelne Schicksal. Manchmal ist auch nicht gleich ersichtlich, in welchem Leben man sich gerade lesend befindet, so dass der Lesefluss unterbrochen wird. Ein wirkliches hineinlesen und hineinleben wird darum immer wieder gestört, so dass die Figuren, obwohl sie authentisch gezeichnet sind, doch auf Distanz bleiben.

Der Roman weist viele Längen auf, welche der dem Fortgang der Geschichte nicht dienen, sondern diesen eher unterbrechen und langatmig werden lassen werden. Zwar mögen die vielen Liebschaften von Tina Modotti durchaus ihre Gesinnung in Sachen freier Liebe sowie ihre Suche nach Bestätigung wiederspiegeln, doch wären ein paar ausgewählte Beispiele im Sinne von pars pro toto nicht nur genügend, sondern gar der Geschichte zuträglich gewesen.  

Trotzdem ist Felix Kucher ein guter Roman gelungen, der anhand von zwei unterschiedlichen Lebenswegen die Stimmung einer Zeit wiedergibt. „Sie haben mich nicht gekriegt“ ist einerseits Zeugnis davon, dass man auch unter den widrigsten Umständen für seine Überzeugungen und Wünsche einstehen muss und kann, dass man auch gegen Widerstände ankommen und für sich Wege finden kann. Durch die vielen politischen Hintergrundinformationen, welche gut recherchiert und auf eine stimmige und nicht zu dominierende oder gar belehrende Weise eingebaut sind, wird der Roman aber auch zu einem Abbild einer Zeit, welche ihrer Grausamkeit wegen nie vergessen werden sollte. Dazu trägt der Roman bei.  

Fazit:
Zwei Biografien auf geschickte Weise miteinander verknüpft, ein Zeitzeugnis erzählt durch die Lebensentwürfe zweier mutiger und kämpferischer Frauen. Empfehlenswert!

Bewertung:
3***/5 – drei von fünf Sternen

Zum Autor
Felix Kucher, geboren 1965 in Klagenfurt, studierte Klassische Philologie, Theologie und Philosophie in Graz, Bologna und Klagenfurt. Er lebt und arbeitet in Klagenfurt und Wien. Im Picus Verlag erschienen seine Romane »Malcontenta« und »Kamnik« (2018). 2021 erschien sein neuer Roman »Sie haben mich nicht gekriegt«.

Angaben zum Buch:
Gebundenes Buch: 512 Seiten
Verlag: Picus Verlag; 1. Edition (24. Februar 2021)
ISBN-Nr.: 978-3711721044
Preis: EUR  26 / CHF 36.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE oder ORELLFUESSLI.CH