Eduard Mörike: Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen. 

Der Titel «Septembermorgen» trägt die Jahreszeit schon in sich: Es ist früher Herbst. In den ersten beiden Zielen steht zweimal das Wort «noch». Das deutet darauf hin, dass etwas bald nicht mehr sein wird, aber noch ruht die Welt im Nebel, noch träumt die Natur. Die Nacht hängt noch in den Bäumen, bald wird die Sonne den Himmel erhellen und die Nebelschleier zum Verschwinden bringen. Dann zeigt sich das, was ist: Der Herbst mit seinen kräftigen und doch gedämpften Farben, die Sonne, die nicht mehr ganz so hell scheint, sondern einen Goldschimmer trägt, der sich über die Welt legt.

Auch der Herbst trägt den Abschied in sich. Das Jahr geht langsam zu Ende, es kommt die Zeit des Erntens, um dann die Bäume leer zu lassen. Die Tage werden kürzer, die Temperaturen fallen langsam. Das Leben verschiebt sich mehr und mehr von draussen ins Haus hinein, was für viele auch eine Zeit der grösseren Einsamkeit bedeuten kann. Rilke hat das in seinem Gedicht «Herbsttag» angedeutet, als er schrieb:

«Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.»

Abschied wird häufig mit negativen Gefühlen verbunden, was aber gar nicht sein muss. In östlichen Philosophien ist Abschied eine Chance für einen Neuanfang. Im Hinduismus gibt es die drei Götter Shiva, Brahma und Vishnu – sie stehen für Zerstörung, Neuaufbau und Erhalt. So lange etwas nicht untergeht, können die anderen beiden nicht wirken. Und nur so ist Leben möglich, das immer auch Bewegung heisst, Neues mit sich bringt.

In meinem Leben gab es immer wieder verschiedene Phasen, in denen ich etwas ganz intensiv machte und dann dachte, das wäre das wirklich Eine, das nun bliebe. Doch jede Phase wurde wieder von einer anderen abgelöst, die der vergangenen an Intensität in nichts nachstand. So floss ich von einem zum nächsten, kam zwar zu allem immer wieder zurück, aber auch nur, um dann wieder weiter zu gehen.

Ich habe diese Art an mir oft verflucht, mir gewünscht, dass ich „eindimensionaler“ wäre, fokussierter, auf eine Sache ausgerichteter und nicht mit diesen vielen Interessen bestückt. Ich habe dann irgendwann gemerkt, dass dies mein Wesen ist, dem ich mich nicht entgegenstellen kann. Und es gab ja durchaus Konstanten: Ich habe immer gelesen und immer geschrieben. Die Inhalte mögen sich verändert haben, aber das Tun blieb das gleiche. Und: Ich habe aus allen Phasen was für die nächste mitgebracht. Vielleicht ist es ja im Leben so, dass alles seine Zeit hat, dass man aus jeder Zeit etwas für die nächste lernt. Und immer muss man auch bereit sein, Altes loszulassen, dass wieder Platz für Neues kommt.

Erich Maria Remarque: Drei Kameraden

«Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl von Heimat, als ich das so sah, und ich dachte daran, daß nun jemand da war und da sein würde, daß ich nur wenige Schritte zu machen brauchte, um ihn zu sehen und bei ihm zu sein, heute, morgen, auf lange Zeit vielleicht –«

Inhalt
Drei Kameraden aus dem Krieg, Robert, Gottfried und Otto, eröffnen im Berlin der zwanziger Jahre eine Autowerkstatt, die sie mehr schlecht als recht finanziell über die Runden bringt. Als sie bei einer Autoausfahrt auf Pat treffen, wächst zwischen ihr und Robert eine erst feine, dann immer stärker werdende Liebe heran, welche. Robert führt Pat in seine Welt ein, die aus viel Alkohol, Salons mit Prostituierten und vor allem tiefen und echten Freundschaften besteht. In diese gelebte Liebe und Lebensfreude schlägt das Schicksal hinein, Pat wird schwer krank, muss sogar ins Sanatorium. Es bleibt nur noch die Hoffnung und damit immer wieder neue Zuversicht, dass alles noch ein gutes Ende nehmen wird.  

Bedeutung

«Theater, Konzerte, Bücher, – alle diese bürgerlichen Gewohnheiten hatte ich fast verloren. Es war nicht die Zeit danach. Die Politik machte genug Theater.»

«Drei Kameraden» ist ein Zeitzeugnis. Es durchleuchtet das Berlin der zwanziger Jahre mit klarem Blick, welcher in die Tiefe führt. Das Buch zeigt die Lebensfreude nach dem Krieg, aber auch die Versehrtheit der Kriegsrückkehrer. Es zeigt das Leiden an der Zeit und die seelischen Wunden, die vom Krieg übrigblieben, das Nicht-vergessen-Können, das Misstrauen in die Zeit. Es zeigt die schwierige wirtschaftliche Lage, in welcher eine ganze Schicht von Menschen ums Überleben kämpft, in welcher die Möglichkeiten immer weniger und die Nöte immer vielfältiger werden.

«Drei Kameraden ist aber auch ein Buch über die Freundschaft, über den Zusammenhalt von drei Menschen, die füreinander einstehen und hinstehen. Es sind aber nicht nur die drei Menschen, die freundschaftlich verbunden sind, sie bilden nur den engsten Kreis. Es ist eine ganze Gruppe von Menschen, die zu einem Freundeskreis gehören, bestehend aus den untersten Schichten des Milieus, bestehend aus Alkoholikern, Prostituierten und sonst Randständigen, bestehend aus ganz viel Mitmenschlichkeit – trotzdem.

««Liebst du mich eigentlich?» fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf. «Du mich?»
Nein, ein Glück, was?»
«Ein grosses Glück.»
«Dann kann uns ja nichts passieren, wie?»
«Gar nichts –« erwiderte sie und faßte unter den Mänteln nach meiner Hand.»

«Drei Kameraden» ist aber auch ein Buch über die Liebe, ein Buch über die Verbindung zweier Menschen in schwierigen Zeiten, in welchen das Vertrauen in das Gute durch die Herausforderungen des Lebens schwer geworden ist.

«Drei Kameraden» besticht durch einen feinen Witz, eine unglaublich tolle Sprache voller Poesie und eine grosse Menschlichkeit. Es ist ein sehr berührendes Buch, ein einnehmendes Buch, ein zum Nachdenken anregendes Buch. Es ist ein Buch, welches zeigt, dass auch in schweren Zeiten (oder gerade da) Werte wie Freundschaft, Verlässlichkeit und Mitmenschlichkeit wichtig sind. Es ist ein Buch, das zu jeder Zeit aktuell ist, weil jede Zeit ihre Herausforderungen kennt und Menschen damit umgehen müssen.

Persönlicher Bezug
Natürlich war mir das Buch «Im Westen nichts Neues» ein Begriff, der Name Erich Maria Remarque bekannt, und doch hatte ich weder dieses noch ein anderes Buch je gelesen, geschweige denn mich mit der Person Remarque auseinandergesetzt. Dann las ich den Roman «Ascona» von Edgar Rai (HIER die Rezension) und es gab quasi kein Halten mehr: Ich wollte mehr über Erich Maria Remarque erfahren und ich wollte vor allem das Buch lesen, welches er in dem gelesenen Roman geschrieben hat. Und ja, es wird nicht bei dem einen Buch bleiben.

Erich Maria Remarque
Erich Maria Remarque (eigentlich Erich Paul Remark, den Mittelnamen «Maria» legte er sich aus Verehrung für Rainer Maria Rilke zu) wurde am 22. Juni 1898 in Osnabrück geboren. Er besuchte ein katholisches Lehrerseminar und wurde 1916 in die Armee eingezogen, wo er nach sechs Monaten Ausbildung an die Front berufen wird. Wegen einer Verletzung verbringt er die Zeit bis 1918 im Lazaret. Die Armeezeit wird ihn das ganze Leben prägen, seine pazifistische Sicht begründen. Es folgen die verschiedensten Berufe, Händler, Agent für Grabsteine, Lehrer oder Organist sind nur ein paar. Daneben veröffentlicht er Gedichte und Kurzprosa, 1920 folgt der erste Roman «Traumbude». Die Jahre drauf reist er als Journalist durch Europa, wird Sportredaktor und veröffentlicht schliesslich 1929 den Roman «Im Westen nichts Neues», mit welchem er berühmt werden sollte. 1932 folgt die Reise in die Schweiz, nach Porto Ronco (in der Nähe von Ascona) ins Exil. 1933 werden seine Bücher verbrannt, 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, 1939 die Emigration nach Amerika. Nach dem Krieg lebt Remarque abwechselnd in New York und Porto Ronco (CH). 1946 gelingt ihm mit dem Roman «Arch of Triumph» ein weiterer Erfolg, an welchen er mit den folgenden Romanen nicht mehr anschliessen kann. Erich Maria Remarque stirbt am 25. September 1970 in Locarno.


Angaben zum Buch
Verlag: KiWi-Taschenbuch; 4. Edition (8. März 2014)
Umfang: 592 Seiten
ISBN: 978-3462046311
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Joke J. Hermsen: Rosa und Hannah: Das Blatt wenden

Sie waren zwei Vordenkerinnen, zwei, die für ihre Gedanken einstanden, nie müde wurden, für die richtige und wichtige Sache zu kämpfen. Rosa Luxemburg bezahlte das mit ihrem Leben, Hannah Arendt musste oft Kritik einstecken, einmal so viel, dass sich Freunde abwandten und sie sogar Morddrohungen bekam (nach ihrem Buch über Eichmann). Und doch liessen sie nicht ab von dem, was Hannah Arendt einst «Denken ohne Geländer» nannte.

Beide kritisierten sie die Konsumgesellschaft, das gedankenlose Partizipieren am Leben ohne wirklich politisch relevant zu werden. Joke J. Hermsen verbindet die Gedanken der beiden Denkerinnen immer wieder mit der politischen Lage in Frankreich und den Niederlanden, zeigt daran auf, wie zeitgemäss diese auch heute noch sind. Die hier so zusammengetragenen Gedanken sind sicher nicht neu, die Passagen über die aktuelle Situation etwas gar umfassend für dieses schmale Büchlein, und doch ist es die Lektüre durchaus wert, sei es nur schon, sich gewisse Gedanken wieder zu vergegenwärtigen und dadurch bewusst zu werden.

So stellte Hannah Arendt zum Beispiel fest, dass die Welt finster werde, wenn die Menschen keine gemeinsame Verantwortlichkeit mehr spüren, jeder nur noch seine eigenen Belange sähe und der Politik so misstraue, dass er sich abwendet. Sie hatte das 1968 in ihrem Buch «Menschen in finsteren Zeiten» geschrieben). Oder aber Rosa Luxemburg befand in Anbetracht der Schieflage der Welt, dass es vor allem wichtig sei, Mensch zu bleiben, was heisse: fest, klar und heiter – heiter trotz allem. Die Welt mag ab und an undurchsichtig sein, das Leben beschwerlich – die Heiterkeit kann vieles besser machen. Trotzdem. Da haben wir dieses „Trotzdem“, das wir bei Viktor Frankl finden oder das „Dennoch“ bei Hilde Domin.

Bei Rosa Luxemburg dominierte immer die Hoffnung über alles, auf sie setzte sie. Hannah Arendt setzte auf die Liebe und auf die Verantwortung, denn nur Kraft der beiden, davon war sie überzeugt, könne man die Selbstsucht, das oberste Primat des Kapitalismus, überwinden, und frei, das heisst, wirklich Mensch werden.

Abgerundet wird das schmale Bändchen mit Briefen von Rosa Luxemburg, die durch ihre Poetik, ihre grosse Liebe zur Literatur, Musik und auch Natur beeindrucken.

Zum Autor
Joke J. Hermsen, geboren 1961 in Middenmeer, studierte Literatur und Philosophie in Amsterdam und Paris. In ihrer Doktorarbeit befasste sie sich mit Lou Andreas-Salomé und Ingeborg Bachmann. Für ihre Romane und Essays erhielt sie viele Preise. Ihr Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Fazit
Ein wunderbares, wichtige Gedanken grosser Denkerinnen aufgreifendes Büchlein, das zum Nachdenken anregt. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch
Herausgeber: Wagenbach, K (4. März 2021)
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
ISBN-13: 978-3803113580

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Volker Weidermann: Ostende

1936, Sommer einer Freundschaft

«Er war 53 und weltberühmt. Ja, berühmt, aber auch scheu und in neuen Lebenssituationen und unter vielen Menschen seltsam ungelenk, nie wirklich selbstsicher. Stefan Zweig war ein suchender Mensch, immer auch auf der Suche nach dem ruhenden Pol in sich selbst, nach Selbstgewissheit.»

 Im Sommer 1936 zieht es Stefan Zweig nach Ostende. Er will arbeiten, in Ruhe, Ruhe haben von seiner Frau, mit der er schon lange nicht mehr glücklich ist, Ruhe haben von dem, was zu Hause abgeht politisch. Er schreibt an seine Sekretärin und Geliebte, Lotte Altmann nach London, sie solle mitsamt ihrer Schreibmaschine nach Ostende kommen. Sie würden da einfach leben. Es ist nicht das erste Mal, dass Stefan Zweig in Ostende ist, es ist ein sicherer Wert, er weiss, wer und was ihn da erwartet: Viele seiner Schriftstellerkollegen und Freunde, die wie er auf der Flucht sind vor einem Regime in einem Land, das das ihre nicht mehr sein kann, weil ihre Bücher da nicht mehr erscheinen dürfen: Joseph Roth, Irmgard Keun, Hermann Kesten, Ernst Toller, Egon Erwin Kisch.

«Jetzt sind sie Menschen auf der Flucht in einer Urlaubswelt.»

Besonders mit Joseph Roth verbindet Stefan Zweig eine enge Freundschaft – eigentlich mehr als das. Es ist eine grosse Bewunderung für dessen Schaffen, das er aber am Alkohol zugrunde gehen sieht; und Roth damit. Der jüngere Freund, dem Alkohol durchaus zugetan, steht finanziell und gesundheitlich immer am Abgrund, ist auf die Hilfe seines brüderlichen Freundes angewiesen, kann sie aber doch nicht ganz annehmen, da er sich für die Abhängigkeit schämt und sich nicht unterlegen zeigen will.

Roth trifft in Ostende auf Irmgard Keun, es ist der Beginn einer zweijährigen Beziehung, welche neben der grossen Liebe (Roth ist wohl Keuns grösste Liebe in ihrem Leben) aus Schreiben und Trinken besteht, die beiden sind in beidem sehr fleissig.

Volker Weidermann ist ein wunderbares Porträt der Schriftsteller auf der Flucht gelungen. Mit feinem Blick, zielsicherer Sprache und genügend Wissen, die Inhalte auf leichte Art zu erzählen malt er ein Bild einer Oase in der Zeit, welche einerseits die Wunden durchscheinen lässt, andererseits die Kompensationsstrategien der Einzelnen aufzeigt – und dies ohne moralinsaure Stimme, ohne abschätzigen Ton, ohne zu stark zu Psychologisieren.

Persönlicher Bezug
Stefan Zweig war meine erste grosse Liebe in der Welt der grossen Literatur. Liebte ich ihn in der Jugend vorbehaltslos, kam im Zuge meines Studiums durchaus ein kritischer Blick auf ihn, die Überfülle des Adjektivgebrauchs, die teilweise doch sehr überschwängliche, blumige, sentimentale Herangehensweise an seine Stoffe, entsprachen durchwegs nicht ganz dem, was ich als grosse Literatur im strengen Sinne bezeichnen wollte, und doch war da etwas eigentümlich Packendes in seinen Darstellungen sowohl von Menschen als auch von Zeiten. Es gelang Stefan Zweig immer wieder, sowohl die Menschen authentisch und erfahrbar zu präsentieren, und die Zeiten plastisch werden zu lassen. Und durch Zeit und Mensch schien immer etwas durch: Stefan Zweig selber.

Als ich dann auch noch auf seine Gedichte stiess, die mich sehr berührten und einnahmen, war die Liebe wieder intakt. Es war schon von daher ein Muss, dieses Buch zu lesen. Aber es gab noch mehr Gründe:

Irmgard Keun ist eine in meinen Augen viel zu wenig beachtete Schriftstellerin. Die kecke Art, auf eine vordergründig naive Weise von den Zuständen im Dritten Reich zu schreiben, dabei aber tief in die Abgründe zu stossen und diese sichtbar zu machen, beläufig und doch nicht als Nebenschauplatz, ist grossartig. Und nicht zuletzt schätze ich Volker Weidermann für sein Wissen, für seine Art, dieses auf gut nachvollziehbare und unterhaltsame Weise zu Papier zu bringen, so dass jedes Buch nicht nur informativ, sondern auch eine grosse Lesefreude ist.

Fazit
Ein grossartiges Buch über die Geschichte einiger Schriftsteller auf der Flucht, das mit viel Hintergrundwissen, Menschlichkeit und einem gut lesbaren Erzählfluss aufwartet. Eine ganz grosse Leseempfehlung.

Zum Autor
Volker Weidermann, geboren 1969 in Darmstadt, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er war Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ist seit 2015 Autor beim SPIEGEL und war Gastgeber des »Literarischen Quartetts« im ZDF. Zuletzt erschien von ihm »Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft«, »Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen« und »Das Duell. Die Geschichte von Günther Grass und Marcel Reich-Ranicki«.

Angaben zum Buch
Taschenbuch: 160 Seiten
Verlag: btb Verlag (10. August 2015)
ISBN: 978-3442748914
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Edgar Rai: Ascona

Inhalt
Anfang der 1930er-Jahre flieht Erich Maria Remarque aus Berlin in sein Haus in Ascona. Der Autor, der mit seinem Buch «Im Westen nichts Neues» grosse Erfolge feierte, fühlt sich in Deutschland nicht mehr sicher und hatte ein gutes Timing: Am Tag nach seiner Flucht wird Hitler zum Reichskanzler ernannt und wenig später landen Remarques Bücher im Feuer.

«Hier saßen sie, am Lago Maggiore, während ihr Land in einem Strudel aus Willkür und Gewalt versank. Ohnmacht war ein quälender Zustand.»

Erich Maria Remarque ist nicht der einzige in Ascona, mit ihm finden sich 1933 eine ganze Reihe in Deutschland nicht mehr gewünschter Künstler ein, unter anderem Else Lasker-Schüler, Marianne von Werefkin, Ernst Toller oder Emil Ludwig.

Er selbst würde immer ein Hineingeworfener bleiben, trotz seines Erfolgs, seiner Villa, des Autos und der Kaschmirschals. So teuer konnten die Zigarren und der Wein nicht sein, dass die Thomas Manns und Bertold Brechts dieser Welt ihn nicht dahinter erkannt hätten. Alles Staffage.

Remarque leidet an der Zeit, an Selbstzweifeln und unter seinem blockierten Schreiben, er ertränkt sein Leiden im Alkohol, treibt Raubbau mit seinem Körper, flüchtet sich in Liebschaften, die ihm dann doch wieder zu eng werden. Als auch noch seine Exfrau in Ascona auftaucht, wird alles noch komplizierter. Dann trifft er die eine Frau, in die er seine Hoffnungen setzt, obwohl sie teilweise innerlich wie äußerlich viel zu weit weg scheint. Als die Lage sich in ganz Europa zuspitzt, ist sie es, die ihn aus seinem Schweizer Exil holt.

Zum Buch
Anhand von Erich Maria Remarques Biografie wird in «Ascona» das Bild einer Zeit wieder lebendig, die wohl als die schwärzeste unserer hiesigen Welt bezeichnet werden darf. Wir treffen zusammen mit Remarque auf eine ganze Reihe namhafter Persönlichkeiten, die alle ihre Heimat verloren haben und im Exil zwischen Verzweiflung, Ohnmacht und Hoffnung schwanken, wobei jeder für sich anders damit umgeht.

Edgar Rai ist es gelungen, sowohl Remarque als auch das Leben im Exil auf anschauliche, authentische, eindrückliche Weise zu schildern, die sowohl kompetent recherchiert und doch flüssig zu lesen ist. Es ist ihm gelungen, das Zeitzeugnis als unterhaltsame, mitreißende, betroffen machende und einnehmende Weise zu erzählen. Zudem weckt das Buch den großen Wunsch, mehr über die Zeit und die in der Geschichte spielenden Figuren zu erfahren.

«Er liebte seine Künstlereinsamkeit, doch sobald er sich in sie hineingab, krochen die Dämonen aus den Ecken. Aber nur dann war er gut. Er musste in Gefahr schweben, wenn er verstehen wollte, worum es ihm bei Schreiben wirklich ging.»

«Ascona» ist aber nicht nur die Geschichte einer Zeit, es ist auch die Geschichte von Remarques Schreiben, mit allen Kämpfen, die damit zusammenhingen. Es ist die Geschichte der Entstehung seines Romans «Drei Kameraden», die Geschichte um das Ringen mit der Geschichte und mit sich selbst.

„Arbeiten, das sollte er! Das Schaffen im Exil war ja auch immer ein Akt der Selbstbehauptung.“

Persönliche Einschätzung
Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Wollte ich es erst noch neben anderen Büchern und in kleinen Etappen lesen, musste ich alles andere bald zur Seite legen und mich nur noch diesem Buch widmen. Einerseits liegt das sicher daran, dass mich diese Zeit und alles damit Zusammenhängende interessiert und ich generell Künstlerbiographien, vor allem solche von Schriftstellern, liebe. Andererseits liegt es aber auch an der wirklich großartigen Erzählleistung von Edgar Rai.

Es finden sich in diesem Buch immer wieder wunderbare Sätze, die fast poetisch anmuten. Dabei wirken diese aber nie deplatziert, gekünstelt oder irgendwie unpassend, sondern sie machen das Buch zu einer noch größeren Freude für den Leser. Hier nur ein Beispiel:

„…der See flirrte als blaue Ahnung durch das Grün.“

Fazit
Eine sehr intensive Geschichte um einen in Depressionen und Alkohol versunkenen Schriftsteller, die das Leiden an der Zeit sowie das Kämpfen ums eigene Überleben in derselben auf plastische, sprachlich hochstehende und trotzdem lesbare Weise erzählt. Ganz große Leseempfehlung.

Zum Autor
Edgar Rai, geboren 1967 in Hessen, studierte Musikwissenschaften und Anglistik. Von 2003 bis 2008 war er Dozent für Kreatives Schreiben an der FU-Berlin. Seit 2012 ist er Mitinhaber der literarischen Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin. Mit seinem Bestseller »Nächsten Sommer« (2010) gelang ihm der Durchbruch als Autor. Außerdem erschienen »Die fetten Jahre sind vorbei« (Roman zum Film von Hans Weingartner 2004) ), »Vaterliebe« (Roman, 2008), »Salto Rückwärts« (Roman, 2010), »88 Dinge, die Sie mit Ihrem Kind gemacht haben sollten, bevor es auszieht« (Sachbuch zus. mit Hans Rath, 2011), »Sonnenwende« (Roman, 2011), »Wenn nicht, dann jetzt« (Roman, 2012) sowie zuletzt »Die Gottespartitur« (2014) und »Halbschwergewicht« (2018). Als Autorenduo zusammen mit Hans Rath entwickelte er die Kriminalromanreihe »Bullenbrüder«, zu denen die beiden auch die Drehbücher verfasst haben. Außerdem legte Edgar Rai unter dem Pseudonym Leon Morell den Bestseller »Der sixtinische Himmel« vor. Er lebt mit seiner Frau, der Übersetzerin Amelie Thoma, und den gemeinsamen Kindern in Berlin.

Ein Interview mit dem Autor findet sich HIER

Angaben zum Buch
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Herausgeber: ‎ Piper; 2. Edition (29. Juli 2021)
Übersetzung: Sabine Leopold
ISBN: 978-3492070683

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Felicity Ward: Sag mir, wer ich bin

Ihre ersten Worte waren: „Ich wusste, dass ich in Paris sterben würde. Ich wusste es schon, als ich herkam.“
„Aber sie sind nicht gestorben“, erwiderte der Arzt. „Sie sind am Leben und werden wieder ganz gesund.“

Inhalt
Mehr tot als lebendig in ein Pariser Krankenhaus eingeliefert, weiss Sally, als sie aufwacht, nichts mehr: Nicht, wer sie ist, nicht, wo sie wohnt, nicht, was ihr passiert ist. Langsam kehren die wichtigsten Erinnerungen zurück, so erinnert sie sich bald an ihren Namen, ihre Herkunft, dass sie ein Mann im Cafe angesprochen, belästigt, danach verfolgt und zu sich nach Hause gebracht hat, wo es zu den grausamen Misshandlungen gekommen ist. Andere Lücken bleiben hartnäckig: Wie sah der Mann aus, wie kam sie in sein Auto, wie ins Spital?

Sally kehrt nach Hause, nach Montreal zurück und richtet sich langsam in einem Leben ein, welches von vielen Ängsten geprägt ist: Sally kann nicht in kleinen Räumen sein, allein ins Cafe gehen, meidet Männer mehrheitlich, kann nicht allein auf die Strasse – und vieles mehr. Ihr Patenonkel Carson nimmt sich schliesslich ihr an, setzt alles daran, ihre Blockaden zu überwinden, was teilweise auch gelingt. Die beiden heiraten und man könnte Sally fast als glücklich bezeichnen – bis eine schicksalshafte Begegnung dieses Glück und Sally als Menschen ins Wanken bringt. Das kann kein gutes Ende nehmen.

Zum Buch
«Sag mir, wer ich bin» ist die Geschichte einer Frau, die durch ein Erlebnis in jungen Jahren tief traumatisiert ist und die es kaum schafft, in ein normales Leben zurückzufinden. Es ist eine Geschichte über Angst, Hass und Rache, eine Geschichte über die Prägungen im Leben und unser Ausgeliefertsein.

«Weil dies eine Geschichte ist, möchte ich sie nicht mit einem Vorwort belasten, doch irgendetwas in der Art scheint mir nötig zu sein, denn es handelt sich um einen Roman über Kanada.»

Felicity Ward hat der Geschichte ein sehr ausführliches Vorwort zur Lage Kanadas und dem schwierigen Verhältnis der französischsprachigen und englischsprachigen Bevölkerung vorangestellt, welches politisch interessierte Menschen sicher interessiert, der Geschichte aber keinen Mehrwert gibt. Zwar spielt das Thema am Rande mit, ist aber auch in der Geschichte nicht wirklich relevant.

Persönliche Einschätzung
Ein Buch, das mich sehr ambivalent zurückgelassen hat. Einerseits behandelt es ein wichtiges Thema, welches viel zu sehr als Tabu behandelt und mit Schweigen bedacht wird. Es ist wichtig, zu zeigen, dass ein Übergriff auf eine (junge) Frau nicht einfach mit dem Vorfall beendet ist, sondern seine Spuren im Leben hinterlässt und mitunter zu einem lebenslangen Leiden führen kann. Auch ist es Felicity Ward gelungen, zu zeigen, dass die Folgen oft nicht nur für die betroffene Person, sondern für deren ganzes Umfeld zu einem das Leben immer wieder prägenden Thema wird.

Auf der anderen Seite wurde ich mit der Protagonistin nicht warm. Obwohl diese in der Geschichte viele Jahre begleitet wurde, war keine Entwicklung feststellbar, sie blieb immer ein junges Mädchen in ihrem Verhalten. In einer fast schon als pubertär zu bezeichnenden Trotzigkeit brachte sich Sally so immer wieder in Situationen, mit denen sie nicht umgehen konnte, die sie in durchaus vermeidbare Schwierigkeiten brachten, in welche sie dann ihr Umfeld involvierte und gleich darauf auch wieder vor den Kopf stiess.

Dass sie auch jegliche professionelle Hilfe ausschlug, sich in ihrem Opferdasein des Lebens praktisch einrichtete, wirkte auf die Dauer wenig nachvollziehbar, selbst wenn man zugesteht, dass verschiedene Menschen unterschiedlich mit einer solchen Geschichte umgehen, das also ein Weise sein könnte.

Die schicksalshafte Begegnung und deren Folgen könnte man als spannendes Katz- und Maus-Spiel bezeichnen, was es auch wurde, allerdings kam bei mir keine Spannung, sondern nur noch mehr Unverständnis auf. Vermutlich auch aus diesem Grund zog sich das Buch für mich nur noch in die Länge.

Das Buch hat mich trotz einiger guter Ansätze und einem wichtigen Thema nicht wirklich überzeugen können, was aber ein anderer Leser durchaus anders empfinden kann.

Fazit
Die Geschichte einer misshandelten und schwer traumatisierten Frau, die versucht, sich wieder im Leben einzurichten. Ein wichtiges Thema, leider auf eine mich nicht überzeugende Weise erzählt.

Zur Autorin
Felicity Ward, geb. 1945, verbrachte die ersten zehn Jahre ihres Lebens in Montreal, wo sie noch heute Verwandtschaft hat. Sie lebte an vielen verschiedenen Orten der Welt, bevor sie sich endgültig in Frankreich niederließ. Bis heute kehrt sie in regelmäßigen Abständen in ihre Heimat Montreal zurück. Sie war zweimal verheiratet und hat Kinder aus beiden Ehen.

Angaben zum Buch
Gebundene Ausgabe: 328 Seiten
Herausgeber: Europa Verlag; 1. Edition (29. Juli 2021)
Übersetzung: Sabine Leopold
ISBN: 978-3958904057

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Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz

„Was ist guter Stil? Und was hat guter Stil mit grosser Literatur zu tun? Alles, oder fast alles.

Inhalt
Michal Maar geht in diesem Buch auf die ihm eigene Art wieder einmal ins Detail. Schon im Klappentext steht, dass in diesem Buch vierzig Lesejahre verarbeitet worden sind, was sich dann auch so zeigt: Eine Fülle an Literaturverweisen pflastern den Weg hin zur Antwort auf die Frage, was denn nun grosse Literatur ausmache, was man unter gutem Stil verstehe und wieso dieser relevant ist, um aus Geschichten gute Literatur zu machen. Dabei achtet er – dafür ist er schon aus seinen früheren Werken bekannt – auf die kleinen Details der Sprache und der Geschichte, zeigt auf, wieso das Eine funktioniert, anderes nicht. Er beleuchtet Essays, Gedichte, Romane, Erzählungen und Novellen, hinterfragt den gängigen Kanon und setzt ihm seine persönliche Meinung entgegen. Dabei begründet er seine eigenen Urteile sorgfältig, so dass der Leser diese gut nachvollziehen und sich auf dieser Basis auch eine eigene Meinung bilden kann.

Klar ist: Es ist einfacher, schlechten Stil zu definieren als guten, und DEN einen guten Stil gibt es nicht. Eine generelle Regel lässt sich nicht finden, der passende Stil hängt immer vom Inhalt, vom Autor und von der literarischen Form ab.

Michael Maar verweist auf viele Bücher, der Vielleser wird sicherlich einige davon kennen, aber es bleibt sicher nicht aus, dass er neue entdeckt bei der Fülle, die präsentiert wird. Maar gelingt es dabei, den spontanen Kaufwunsch seiner gelobten Bücher auszulösen, indem er durch seine Präsentation die Lust am Lesen des ganzen Werks auszulösen vermag.

Persönliche Einschätzung
Ich liebe Bücher über Literatur, ab und an denke ich, ich liebe die Bücher über Bücher fast mehr als die Bücher selber, da ich es immer wieder spannend finde, was andere Menschen in Büchern entdecken, worauf sie achten, was sie finden und wie sie es dann übermitteln. Ein neues solches Buch ist Michael Maars „Die Schlange im Wolfspelz“. Es wurde verdient für den Deutschen Sachbuchpreis 2021 nominiert und hat ihn unverdient nicht gewonnen (wobei der Sieger, Jürgen Kaube mit „Hegels Welt“ durchaus verdient gewonnen hat).

Was mir natürlich persönlich gefällt, ist, dass Michael Maar meine Sicht teilt, dass man Bücher nie von ihrem Autor und dessen Biographie trennen kann. Zu der Zeit, in welcher ich studierte, kam die Tendenz auf, gerade dies zu tun und ich habe es nie verstanden. Zwar denke ich durchaus, dass ein Text auch etwas über das bewusst hineingefügte enthalten kann, dass ihm erst der Leser mit seiner Biographie und daraus resultierenden Lesart zufügt, und doch ist in meinen Augen – um es mit Goethe zu sagen – alles Schreiben autobiographisch. Das heisst nicht, dass jeder Roman eine Wiedergabe der Lebenseckdaten des Autors ist, aber er entsteht schlicht aus einem Menschen heraus und trägt diesen dann auch in sich.

Etwas bitter ist natürlich, dass der Lyrik nur ein Kürzestausflug gewidmet ist, aber auch dieser zeugt, wie der Rest des Buches, von viel Wissen, Belesenheit und Tiefgang. Es sei also verziehen. Es ist eine wahre Freude, mit Michael Maar auf der Suche nach dem guten Stil durch die Literatur zu streifen. Ich kann das Buch nur empfehlen!

Fazit:
Ein gut lesbares und fundiert geschriebenes Buch darüber, was gute Literatur ausmacht und was der Stil dazu beiträgt. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Michael Maar, geboren 1960, ist Germanist, Schriftsteller und Literaturkritiker. Bekannt wurde er durch „Geister und Kunst. Neuigkeiten aus dem Zauberberg“ (1995), für das er den Johann-Heinrich-Merck-Preis erhielt. 2002 wurde er in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen, 2008 in die Bayerische Akademie der Schönen Künste, 2010 bekam er den Heinrich-Mann-Preis verliehen. Zuletzt sind von ihm erschienen: „Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf“ (2013) und „Tamburinis Buckel. Meister von heute“ (2014). Er hat zwei Kinder und lebt in Berlin. 

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 656
Verlag: Rowohlt Buchverlag; 8. Edition (13. Oktober 2020)
ISBN: 978-3498001407

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#abcdeslesens – B wie Beherzigung (Johann Wolfgang von Goethe)

Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?
Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.
Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie ers treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, dass er nicht falle!

Da haben wir ihn schon ein wenig, den Faust. So viele Fragen und so wenig Antworten. Faust studierte alles denkbar mögliche und fand keine Antworten, in diesem Gedicht findet sich zumindest ein Schluss. Aber der Reihe nach:

Da wird ein Mensch ins Leben geworfen und ist fortan diesem ausgesetzt. Was nun? Goethe formuliert präzise: Nicht: Was kann er verlangen, sondern was soll er verlangen. Können tut man ja grundsätzlich viel, nur: Ist es sinnvoll? Das «soll» ist also wichtig. Und dann fängt das Fragen an:

Soll er ruhig bleiben, auch wenn alles anders läuft als gewünscht? Oder soll er an seinen Wünschen festhalten? Soll er sich treiben lassen, schauen, wohin das Leben ihn schlägt? Oder doch ein Haus bauen, sich niederlassen? Der Punkt scheint wichtig, er wird in anderen Worten wiederholt: Zelte bricht man schnell mal ab, Felsen stehen gefühlt für die Ewigkeit.

Und dann findet er einen vorläufigen Schluss: Es sind nicht alle Menschen gleich, was dem einen Not tut, ist für den anderen falsch. Wie auch Voltaire kommt Goethe zum Schluss: Jeder kann nur für sich entscheiden, was für ihn stimmt, wie das Leben für ihn ein glückliches ist. Und dann soll er dafür sorgen, dass es so kommt, wie er es braucht und will und haben muss.

Goethe wäre nicht Goethe, schickte er nicht noch eine Warnung hinterher: Nachdem du nun also gesehen hast, dass das Leben für jeden selber zu leben ist, du dich für deinen Weg entschieden hast, schau, dass du darauf aufrecht gehst und nicht doch noch irgendwo in eine Grube fällst.

Ich mag keine Moralkeulen. Ich mag auch nicht, wenn man mir sagt, was ich tun oder lassen soll. Das tut Goethe hier nicht. Ich mag dieses Gedicht. Es wirkt auf mich nicht wie eine dogmatische Handlungsanweisung, eher wie eine Bestandsaufnahme, was wir im Leben vorfinden und wie wir damit umgehen könnten – zu unserem Wohl. Goethe hat das nicht erfunden, vor ihm waren die Stoiker da.

Epiktet sagte in seinem «Handbüchlein zur Moral», dass es im Leben Dinge gäbe, die man selber in der Hand hätte, und solche, auf die man keinen Einfluss hätte. Kämpft man gegen die der zweiten Sparte, kann man nur verlieren. Es ist nicht im eigenen Einflussgebiet. Bei den anderen allerdings sollte man sich ranhalten: Was will ich, was kann ich dafür tun? Und dann das Ganze umsetzen.

Das Gleicche gibt es auch in der östlichen Philosophie, bei Shantideva:

„Wenn Du Dein Problem lösen kannst, wozu dann Sorgen machen? Und wenn Du es nicht lösen kannst, wozu dann Sorgen machen?“

Wir haben im Leben nicht alles in der Hand, in der Hand haben wir einzig (und das nicht mal immer bewusst), wie wir auf die Dinge reagieren. Daran können wir arbeiten. In der Hoffnung, dass wir so dem Glück auf die Spur kommen.

Zum Autor
Johann Wolfgang von Goethe wird am 28 .August 1749 in Frankfurt als Spross einer reichen Familie geboren. Er wird von verschiedenen Hauslehrern unterrichtet, studiert später Jura, besucht andere Vorlesung zwecks eigener Abhärtung und Vervollkommnung, und beginnt Mitte 20 ernsthaft mit dem Schreiben. Wenige Wochen nur braucht er für «Die Leiden des jungen Werthers». Er schrieb in den verschiedensten Gebieten, hatte zudem viele Ämter inne, arbeitete als Jurist, Minister und Naturforscher – ein richtiger Allrounder oder Tausendsassa. Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar. Er hinterliess wohl eines der umfassendsten, vielfältigsten und umfangreichsten Werk überhaupt.

#abcdeslesens – A wie An sich (Paul Fleming)

Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wider dich Glück Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut.
Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
Ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

Und eh du förder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.

Schon am Anfang zeigt sich das Programm des Gedichtes. In einem kleinen Wort steckt schon so viel drin: Dennoch. Sei dennoch unverzagt. Selbst wenn alles nicht so läuft, wie das willst, wenn das Leben schwer ist, selbst dann sei unverzagt. Und gib dennoch nicht alles schon verloren, denn das ist es nicht. Hüte dich vor Neid dem Glücke anderer gegenüber und schau es nicht als Leid an, wenn dir selbst das Glück gerade nicht hold ist.

Was aber ist Glück und wie kommt man dahin? Wie kommt man mit einer Welt klar, in der die Dinge nicht immer so laufen, wie man sich das wünscht? Mit Gelassenheit, sagt Paul Fleming. Indem wir davon ausgehen, dass alles seine Bestimmung und seine Gründe hat, dass wir annehmen müssen, was ist. Und bei all dem sollen wir die Hoffnung nie verlieren, dass nach einem Unglück auch wieder bessere Zeiten kommen.

All die Klagen sind schlussendlich unnötig. Auch das Loben des Glücks ist es. Statt das Glück im Aussen zu suchen, solle man in sich gehen, denn: Alles ist schon da. Es liegt allein an mir selber, ob ich das Glück finde oder nicht, denn es liegt genau darin, was oben schon beschrieben ist: Annehmen was ist und sich nicht in Neid und Wehklagen zu verstricken. Dann ist man Herr seiner Gefühle, dann ist man Herr seiner selbst und steht damit über allem, was bedrücken könnte.

Paul Fleming hat dieses Gedicht 1641, also vor 380 Jahren geschrieben, in einer Zeit, die durch den 30-jährigen Krieg und die Pest stark gebeutelt war. Das Leben war kein sicherer Wert, es war jederzeit in Gefahr. Mit seiner Form (Sonett mit 14 Versen, aufgeteilt in zwei Quartette und zwei Terzette, mit sechshebigem Jambus (Alexandriner), abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen sowie dem umarmenden, in den Terzetten durch zwei Paarreime unterbrochenen, Reim)  ist das Gedicht typisch für seine Entstehungszeit, den Barock. In der Lebensauffassung dieser Zeit bildeten sich Gegensätze wie «Carpe diem – Memento mori», «Diesseits – Jenseits» heraus, Gegensätze, denen immer die Vergänglichkeit des Lebens eingeschrieben war. Ebenfalls präsent war der Glaube an die Vorbestimmung eines Lebens, daran, dass dieses dem Menschen quasi vorgezeichnet ist und es kein Entrinnen gibt.

Diese Lebensauffassungen mögen heute nicht mehr gelten, dennoch hat das Gedicht nichts von seiner Aktualität und Wahrheit eingebüsst. Noch heute ist der Mensch in seinem Streben nach Glück gleich, noch heute wird er aber einsehen müssen, dass er nur eines selber in Händen hat: Wie er auf die Dinge reagiert, welche das Leben bereit hält. Wenn es da gelingt, aus einem Gleichmut und einer Gelassenheit heraus anzunehmen, was ist, dann stellt sich eine Ruhe ein und damit auch eine Art Glück.

Zum Autor
Paul Fleming, geboren am 5. Oktober 1609 in Hartenstein (Sachsen) und gestorben am 2. April 1640 in Hamburg, war Arzt und Schriftsteller und gilt als einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Barockliteratur. Er schrieb sowohl lateinische wie auch deutsche Gedichte, wobei nur wenige lateinische Gedichte schon zu Lebzeiten veröffentlicht wurden.

Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter

Im Wallstein Verlag ist eine neue Ausgabe des wunderbaren Buches «Briefe an einen jungen Dichter» von Rainer Maria Rilke erschienen. Rilke ist in der Lyrik einer meiner Lieblinge, in diesen Briefen gibt er tiefe Einblicke in sein Schaffen, in sein Fühlen, in sein Verständnis von Kunst und vom Leben. Was treibt ihn um, was bedeutet Dichtung für ihn? Wo finden sich die Ideen, Inspirationen? Worauf kommt es an? Wann ist ein Kunstwerk gut? Zu dieser Frage meint Rilke:


„Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand. In dieser Art seines Ursprungs, liegt sein Urteil, es gibt kein anderes.“

Die Notwendigkeit kann nur aus dem Schaffenden selber kommen, er muss ein „ich muss schreiben“ in sich spüren und merken, dass ein Leben ohne dieses nicht möglich wäre für ihn. Und weiter:

„Der Schaffende muss eine Welt für sich sein und alles in sich finden und in der Natur, an die er sich angeschlossen hat.“

Es bedarf also keines Suchens im Aussen, keiner Anleitungen, Urteile und Kritiken, sondern der Einkehr, des genauen Hinschauens, was im Schaffenden selber angelegt ist.

Entstanden sind diese 10 Briefe in den Jahren 1903 – 1908. Sie richteten sich an Franz Kappus, ein junger Dichter, welcher sich vom Meister Rat erhoffte. Mit diesem Ansinnen war Kappus nicht allein, Rilke erhielt viele Briefe mit Fragen zur Kunst, zum Schreiben oder zum Leben allgemein. Er hat diese alle sehr sorgfältig beantwortet, so dass er in seinem Leben auf ein Briefwerk von um 15’000 Briefen kam – es gibt viele Stimmen, die seine Briefe dem literarischen Werk zurechnen wollen und sie diesem auch ebenbürtig sehen. Diese zehn Briefe sprechen dafür.

Die Briefe an den jungen Dichter wurden zum ersten Mal erst nach Rilkes Tod veröffentlicht, im Jahr 1929. Sie wurden in der Folge ein Ratgeber für viele Künstler und Kreative. In dieser Neuerscheinung sind zum ersten Mal auch die Briefe von Franz Kappus abgedruckt (ausser dem ersten, mit dem alles begann). Damit ist der ganze Austausch noch klarer ersichtlich, Rilkes Antworten haben nun einen klareren Kontext erhalten.

Das Buch ist wunderschön gestaltet, das Cover allein ist ein kleines Kunstwerk. Der fundierte Kommentar und das Nachwort von Erich Unglaub rundet alles ab und es ist ein Buch entstanden, das auf der ganzen Linie eine wahre Freude ist.

Zu diesen Briefen über das Dichten und Dichtersein passt ein Gedicht Rilkes wunderbar:

Der Dichter
Du entfernst dich von mir, du Stunde.
Wunden schlägt mir dein Flügelschlag.
Allein: was soll ich mit meinem Munde?
mit meiner Nacht? mit meinem Tag?

Ich habe keine Geliebte, kein Haus,
keine Stelle, auf der ich lebe.
Alle Dinge, an die ich mich gebe,
werden reich und geben mich aus.

Angaben zum Buch:
Verlag: Wallstein; 1. Edition (8. März 2021)
Gebundene Ausgabe: 148 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3835339323
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE oder beim WALLSTEIN VERLAG

#abcdeslesens – Z wie Stefan Zweig

«Nur wer Helles und Dunkles, Aufstieg und Niedergang erfahren hat, nur der hat wahrhaftig gelebt.»

Dieser Spruch kommt von einem, der immer wieder Depressionen gehabt hat, der also dunkle Stunden gut gekannt hat. Ob er dies wirklich so gemeint hat? Zumal: Er setzte irgendwann seinem Leben ein Ende, weil er all das Dunkle nicht mehr ertrug. Seine Frau folgte ihm auf diesem Weg. Man fand die beiden mit einer Überdosis im Blut eng beieinander liegend im Bett im brasilianischen Exil, wohin sie wegen des Zweiten Weltkrieges geflohen waren. Vielleicht war irgendwann das Dunkle doch zu viel und nicht mehr tragbar. Aber: Vorher hat er viel geschaffen, das ihn überlebt hat und weiter überleben wird.

Nur am Rande erwähnt sei das, womit er wirklich bekannt wurde:  Seine psychologischen Novellen – man denke nur an die Schachnovelle neben vielen anderen -, Erzählungen und auch die biographischen Schriften – Hölderlin, Nietzsche, Freud, Magellan, Tolstoi und Dostojewski sind nur einige. Kaum einer schaffte es wie er, die Porträtierten so lebendig werden zu lassen, ihr Innerstes so ans Licht zu bringen. Und immer brachte er damit auch Seiten von sich an selbiges. Ein glückliches Ende sucht man in seinen Werken aber meist vergeblich – Stefan Zweigs Werke sind meist geprägt von Melancholie und sie enden grundsätzlich tragisch.

Gar nicht eingehen möchte ich auf seine sexuelle Ausrichtung – ihm wurde oft ein latenter Exhibitionismus vorgeworfen, für den Aussagen aus dem Freundeskreis, Briefe und daraufhin folgende Auslegungen seiner Werke deuten.

Ich möchte hier einige von Stefan Zweigs Gedichten vorstellen. Dass er auch solche geschrieben hat, ist leider viel zu wenigen bekannt. Bereits im Jahr 1901, Stefan Zweig war da 20 Jahre alt, erschien sein Gedichtband «Silberne Saiten», Rilke und Hugo von Hofmannsthal waren die Vorbilder für diese Gedichte. Sie warten mit klassischen Reimen auf, sind von Sehnsucht durchdrungen, blumig. Auch in späteren Bänden scheint Rilkes Einfluss durch, allerdings ändert sich der Stil. Die Gedichte sind noch immer sehr feinfühlig, sie werden aber länger und wenden sich dem Symbolismus zu – auch Ding-Gedichte finden sich.

In den Gedichten zeigt sich Stefan Zweigs Sensibilität, seine Fähigkeit zu Empathie und sein typischer Umgang mit der Sprache, welche wo immer nötig mit Adjektiven die gewünschte Stimmung zu erschaffen versucht deutlich – alles, was auch seine Prosa prägt.

Träume

Du mußt dich ganz deinen Träumen vertrauen
Und ihr heimlichstes Wesen erlernen,
Wie sie sich hoch in den flutenden blauen
Fernen verlieren gleich wehenden Sternen.
Und wenn sie in deine Nächte glänzen
Und Wunsch und Wille, Geschenk und Gefahr
Lächelnd verknüpfen zu flüchtigen Kränzen,
So nimm sie wie milde Blüten ins Haar.
Und schenke dich ganz ihrem leuchtenden Spiele:
In ihnen ist Wahrheit des ewigen Scheins,
Schöne Schatten all deiner Ziele
Rinnen sie einst mit den Taten in Eins.

Stefan Zweig hatte Träume. Er träumte vom Frieden, er war überzeugter Pazifist. Er träumte von einem geeinten Europa und musste im Krieg dessen Zerstückelung erleben. Er musste miterleben, wie alle Mitmenschlichkeit dem Grössenwahn eines Verrückten anheimfiel. Und das ertrug er nicht.

Verträumte Tage

Tage, die ich voll verträumte –
Oh, du von Erinnerung
Zart beschwingte, sanft umsäumte
Schar der frühen Dämmerung! –

Warum schwebt ihr wieder gleitend
Nahe an mein Leben hin,
Meine Stunden neu verleitend
Wolkig mit euch hinzuziehn?

Ist denn wirklich Traum das Leben,
Sinnen süßer als das Schaun?
Soll ich wieder mich dem Schweben
Eurer Schwingen anvertraun?

Dunkel sich zu Bildern bauschend
Kreisen mich die Träume ein,
Blind betörend, süß berauschend
Lockt ihr dämmernd Nahesein.

Und ich fühle: ein Ermatten
Macht mich ihrem Mahnen schwach;
Willenlos, ein dumpfer Schatten
Irrt mein Tag den Träumen nach.

Ich möchte mein Porträt nicht mit trüben Gedanken beenden, sondern noch ein feinfühliges, anrührendes Liebesgedicht anfügen:

Hand in Hand
Lass Deine Hand in meinen Händen,
Dort ruht sie weich und mild und gut,
Und leise rinnt ein Gabenspenden
Von meiner Glut in Deine Glut,

Bis sie nicht von einander scheiden
Was jede noch ihr eigen nennt.
Und dann verzehrend in den beiden
Ein einziger Gedanke brennt. –

Schön, wenn man Hand in Hand durchs Leben gehen kann, wenn aus einem Ich und Du ein Wir wird, welches zwar das Ich und Du bestehen lässt, es aber eint in einem gemeinsamen Wollen und Fühlen und in einem gemeinsamen Weg. Und ganz am Schluss soll noch das Gedicht stehen, das auch das letzte von ihm geschriebene ist – er schrieb es an seinem 60. Geburtstag:

“Linder schwebt der Stunden Reigen
Über schon ergrautem Haar
Denn erst an des Bechers Neige
Wird der Grund, der gold’ne klar.

Vorgefühl des nahen Nachtens
Es verstört nicht – es entschwert!
Reine Lust des Weltbetrachtens
Kennt nur, wer nicht mehr begehrt.

Nicht mehr fragt, was er erreichte,
Nicht mehr klagt, was er gemisst
Und dem Altern nur der leichte
Anfang seines Abschieds ist.

Niemals glänzt der Ausblick freier
Als im Glast des Scheidelichts,
Nie liebt man das Leben treuer
Als im Schatten des Verzichts.”

Ich muss zugestehen, dass Stefan Zweig ein Meister der Prosa war, dass seine Novellen und anderen Werke den höheren literarischen Rang haben als die Gedichte. Und doch möchte ich sie jedem, der Lyrik liebt, ans Herz legen. Es sind Gedichte in noch klassischer Dichtkunst, feinfühlige Gedichte, die von Herzen kommen und zum Herzen sprechen.

#abcdeslesens – Y wie William Butler Yeats

“Die Welt ist aus den Fugen, wie kann ich mit meiner Kunst angemessen darauf reagieren?”

Wollte man einen Antrieb für Yeats Sein und Schaffen finden, wäre es wohl diese Frage. Dass man bei der Ausgangslage nicht einfach stehen bleiben kann, sondern sich dem Wandel der Welt auch immer wieder neu stellen muss, liegt auf der Hand. So unterscheidet sich das Frühwerk von den späteren Gedichten Yeats auch deutlich. War er anfänglich noch der englischen – excuse me, irischen Romantik zuzurechnen, verfasste er später auch durchaus moderne Gedichte – und mit denen konnte er sich auch behaupten.

Mein Schwerpunkt hier liegt oft auf der Lyrik, ich werde also nicht darauf eingehen, dass Yeats auch Dramatiker und Essayist war. Ebenso wird kein Thema sein, dass er das irische Nationaltheater gegründet hat und nebenher Volksmärchen sammelte. Auch dem Umstand, dass er als Poet bei der Staatsgründung mitwirkte, wird hier kein Tribut gezollt. Erwähnt wird das alles nur, um zu zeigen, wie breit und weit denkend dieser Lyriker war. Leben und Lyrik war ihm eines, das Eine vom Andern nicht zu trennen.

Yeats war der erste Ire, der einen Literaturnobelpreis erhalten hat. Dass es heisst, seine wirklich grössten Werke hätte er erst nachher verfasst, sei nur erwähnt, den Beweis bleibe ich hier schuldig, zumal ich der Meinung bin, dass vieles Geschmacksache ist und Literatur sich nicht am Metermass messen lässt.

Sucht man nach Einflüssen für die Yeats’sche Dichtung, findet sich einiges. Angefangen von der keltischen Mystik über Shakespeare, Blake reichen Spuren bis nach Frankreich, zu Charles Baudelaire und Paul Verlaine.

Yeats war alles andere als ein weltabgewandter Dichter. Bewegten sich die frühen Gedichte noch in mystischen und Geisterwelten, wurde er mehr und mehr sachlich und lebensnah. Vor allem sah er es als Aufgabe der Kunst – und damit auch der Dichtung – den “politischen Kampf” zu unterstützen. Mit diesem Ansinnen änderte auch seine lyrische Sprache, da diese zu dem Zweck klar und deutlich sein müsse.

“Ohne uns gibt es weder Freund noch Feind.”

Wir haben alles selber in der Hand und müssen dafür einstehen. Die Welt ist nicht einfach, wie sie ist, sie ist, wie wir sie sehen. Vorbei die romantische Trauer und das abgehobene Heldentum, konkrete Sachlichkeit war gefragt. Dies war nicht nur ästhetisches Prinzip, sondern Lebensphilosophie. Und er war rigoros:

“Wir dürfen nie die Verantwortung für einen Kompromiss übernehmen.”

Was nicht passte, wollte er benennen, dafür einstehen mit seinen Mitteln. Es waren die der Dichtung. Und er hat sie beherrscht! Man sieht es an diesem wunderbaren Gedicht:

«Hätt ich des Himmels reichbestickte Tücher,
bestickt aus Golden- und aus Silberlicht,
die dunklen, die blauen und die hellen Tücher,
aus Nacht, aus Tag und aus der Dämmerung,
legt ich die Tücher dir zu Füßen.
Doch ich bin arm und habe nichts als Träume,
so leg ich meine Träume dir zu Füßen.
Tritt leise, denn du trittst auf meine Träume.»

Müsste ein Dichter Liebe beschreiben, er wäre in der engeren Auswahl. Es zählt nicht der äussere Schein, es ist das Gefühl, das kommt, wenn der Geliebte den Raum betritt. Weil er einem ist, was er ist:

„There is grey in your hair.
Young men no longer catch their breath
When you are passing;
But maybe some old gaffer mutters a blessing
Because it was your prayer
Recovered him upon the bed of death“
„Burdensome beauty – for your sole sake
Heaven has put away the stroke of her doom,
So great her portion in that peace you make
By merely walking into a room“

«Das Haar ist langsam grau,
jungen Männern stockt der Atem kaum,
wenn du vorüber gehst;
Vielleicht murmelt noch ein Alter ein Lob
Weil du’s so beschwörst in deinem Gebet,
er mög’ aus dem Totenbett steigen»
Belastende Schönheit – zu deinem Profit
Nahm der Himmel den Untergang mit,
weil du, wenn du den Raum betrittst,
immer auch den Frieden bringst mit.»
(Übersetzung SVS)

Und damit beende ich dieses Porträt. In der Hoffnung, Yeats bleibt nicht nur ein Buchstabe im Alphabet, sondern ein Lyriker, den man gerne nochmals lesen möchte.

#abcdeslesens – W wie William Wordsworth

William Wordsworth wurde am 7. April 1770 in Grossbritannien geboren. Er war einer der bekanntesten englischen Dichter der englischen Romantik und vor allem durch seine an der Natur orientierten Gedichte bekannt. William Wordsworth liebte es, zu wandern, sei es in Schottland, Irland, im Süden Englands, oder aber auch in Italien, Frankreich oder der Schweiz: Der englische Dichter durchstreifte die Natur und nahm diese mit allen Sinnen in sich auf. Dies alles floss dann in seine Gedichte, welche meistens draussen verfasst wurden.

‘A whirl-blast from behind the hill’

A whirl-blast from behind the hill
Rushed o’er the wood with startling sound;
Then – all at once the air was still,
And showers of hailstones pattered round.
Where leafless oaks towered high above,
I sat within an undergrove
of tallest hollies, tall and green;
A fairer bower was never seen.
From year to year the spacious floor
With withered leaves is covered o’er,
And all the year the bower is green.
But see! wher’er the hailstones drop
The withered leaves all skip and hop;
There’s not a breeze – no breath of air –
Yet here, and there, and every where
Along the floor, beneath the shade
By those embowering hollies made
The leaves in myriads jump and spring,
As if with pipes and music rare
Some Robin Good-fellow where there,
And all those leaves in festive glee
Were dancing to the minstrelsy.[1]

Wordsworth sah in der Natur einen Ort, in welcher der Mensch in sich hineinhorchen kann, wo er dem Lärm der immer weiter anwachsenden Städten entgehen kann. Er selber genoss die Abwesenheit anderer Menschen, die Abwesenheit von Lärm und Hektik.

In Wordsworths Zeit kam gerade der Blankvers (fünfhebiger Jambus mit weiblicher oder männlicher Kadenz, reimlos) auf, welchen der englische Dichter oft benutzte. Der Rhythmus desselben nahm den des Gehens auf und liess darin die Gedanken entstehen, die dann in Verse gegossen wurden.

Allerdings verschloss er sich auch nicht der Schönheit anderer Orte, unter anderem jener der Stadt London. In seinem Gedicht Composed upon Westminster Bridge glänzt diese in voller Pracht:

“Composed upon Westminster Bridge, September 3, 1802

Earth has not anything to show more fair:
Dull would he be of soul who could pass by
A sight so touching in its majesty:
This City now doth, like a garment, wear
The beauty of the morning; silent, bare,
Ships, towers, domes, theatres, and temples lie
Open unto the fields, and to the sky;
All bright and glittering in the smokeless air.
Never did sun more beautifully steep
In his first splendour, valley, rock, or hill;
Ne’er saw I, never felt, a calm so deep!
The river glideth at his own sweet will:
Dear God! the very houses seem asleep;
And all that mighty heart is lying still!”[2]

Schönheit zu sehen braucht Zeit, die man sich nehmen soll. Wenn man einfach blind durch die Strassen rast, wird man zu viel übersehen. Das Gleiche gilt für Gedichte: Wordsworth verschafft dem Leser durch die Setzung der Interpunktionen immer wieder Atempausen, er lenkt den Fluss unter der Brücke des Blickes durch. Aus jeder Zeile steigt die Schönheit auf, erstreckt sich zwischen Erde und Himmel. Die Stille des Anblicks und der noch schlafenden Stadt spiegelt sich im ruhigen Fluss der Sprache.

Es fällt auf, dass die Stadt menschenleer ist, wodurch sie aber durch sich selber lebend erscheint. Sie trägt des Morgens Schönheit, wie ein Mensch Kleider trägt. Die Häuser, Schiffe, Tempel, Kuppeln, sie alle tragen zum Bild und zum Leben bei. Nicht mal als Schöpfer tritt der Mensch ins Bild, an seiner Stelle wird Gott angerufen, fast, als hätte er durch den Menschen hindurch eine Stadt erschaffen, welche nun, einem Naturschauspiel gleich, in ganzer Schönheit vor unseren Augen liegt.


[1] Deutsche Übersetzung:

‘Ein Windstoß wirbelnd übern Hügel sprang’

Ein Windstoß wirbelnd übern Hügel sprang,
daß es ein Brausen in den Wipfeln gab,
doch dann hielt plötzlich er den Atem an,
es folgt ein Prasseln von des Hagels Schlag.

Dort, wo die Eichen kahl vorm Himmel stehn,
im Unterholz ich ließ mir’s wohlergehn:
Stechpalmen, hoch gewachsen, grün und dicht,
dort bildeten ein Dach, zu schützen mich,
und weit im Umkreis liegen da die toten
braunen Stachelblätter auf dem Boden,
denn auch der Hülsen Immergrün erneuert sich.

Doch schau! Wohin auch falln des Schauers eis’ge Tropfen,
nicht nur die Hagelkörner, auch die dürren Blätter hopsen!
Im Schattenraum der Hülsen weht kein einz’ges Lüftchen,
doch in Myriaden rings die welken Blätter hüpfen,
als ob ein schelmisch guter Geist spielt’ auf dem Dudelsack
und allesamt sie mit Musik zum Tanz verzaubert hat.

[2] Eine deutsche Übersetzung:

«Verfaßt auf der Westminster-Brücke,
3. September 1802

Die Erde hat nicht Schöneres zu zeigen:
Stumpf wär’ ein Mensch, der hier vorübergeht
und nicht erlebt des Anblicks Majestät:
Die große Stadt hat heute sich gekleidet
in des Morgens Schönheit! Still da liegen
Dom, Theater, Türme, Schiffe, Kran,
frei gehn die Blicke zu der Wolken Bahn.
Niemals sah ich, fühlt’ ich solchen Frieden,
und niemals hat der frühen Sonne Scheinen
vergoldet reicher Hügel, Fels und Tal.
Der Fluß, wie sanft er will, dahin kann gleiten:
Mein Gott! die Häuser liegen all’ im Schlaf,
die Stadt hält an, so möcht’ man meinen,
des großen, mächt’gen Herzens Schlag!»

#abcdeslesens – V wie Hugo von Hofmannsthal

Hugo von Hofmannsthal war ein intellektuell interessiertes Kind, ein Kind, das viele Sprachen lernte, viel las und auch sonst lerneifrig war. Schon zu Schulzeiten schrieb er erste Gedichte, die er aber, da er noch Schüler war, nur unter einem Pseudonym veröffentlichen konnte. Und er hatte Erfolg. Hugo von Hofmannsthal zählte schon bald zum literarischen Jung-Wien, verkehrte mit Schriftstellern wie Arthur Schnitzler, Hermann Bahr und anderen und wurde auch über die österreichischen Grenzen hinaus bekannt. Stefan Zweig schrieb über ihn:

„Die Erscheinung des jungen Hofmannsthal ist und bleibt denkwürdig als eines der großen Wunder früher Vollendung; in der Weltliteratur kenne ich bei solcher Jugend außer bei Keats und Rimbaud kein Beispiel ähnlicher Unfehlbarkeit in der Bemeisterung der Sprache, keine solche Weite der ideellen Beschwingtheit, kein solches Durchdrungensein mit poetischer Substanz bis in die zufälligste Zeile, wie in diesem großartigen Genius, der schon in seinem sechzehnten und siebzehnten Jahr sich mit unverlöschbaren Versen und einer noch heute nicht überbotenen Prosa in die ewigen Annalen der deutschen Sprache eingeschrieben hat. Sein persönliches Beginnen und zugleich schon Vollendetsein war ein Phänomen, wie es sich innerhalb einer Generation kaum ein zweites Mal ereignet.“

Der Erfolg dieser frühen Gedichte war nicht nur Segen, Hofmannsthal beklagte später, dass er immer wieder an diesen gemessen würde, sie seinen Ruf quasi schon bestimmt hätten und er kaum mehr was daran ändern oder dazu tun könnte.

Immer wiederkehrende Themen der frühen Dichtung sind die Einsamkeit – Hofmannsthal gefiel sich in der Rolle des Einsamen, sah dies als seine wahre Daseinsform an -, das Leben und der Tod. In der Vergänglichkeit, so die Überzeugung Hofmannsthals, lag die Möglichkeit des Neuen und auch die Schönheit.

Was ist die Welt?

Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht,
Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht,
Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht,
Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht

Und jedes Menschen wechselndes Gemüt,
Ein Strahl ists, der aus dieser Sonne bricht,
Ein Vers, der sich an tausend andre flicht,
Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.

Und doch auch eine Welt für sich allein,
Voll süß-geheimer, nievernommner Töne,
Begabt mit eigner, unentweihter Schöne,

Und keines Andern Nachhall, Widerschein.
Und wenn du gar zu lesen drin verstündest,
Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.

Immer wieder kommentierte Hofmannsthal seine eigene Dichtung, stellte er poetologische Reflexionen an. Zwar hat er nicht ein theoretisches Werk im Sinne einer systematischen Literaturtheorie geschrieben, seine Gedanken zu dem Thema aber immer wieder in Essays ausgeführt. Gerade in diesen Essays kommt auch der Wandel von den frühen zu den späten Dichtungen gut zum Ausdruck: Waren die frühen Gedichte noch dem literarischen Jugendstil oder Impressionismus zuzuordnen (geprägt vom französischen Symbolismus, wie viele seiner Generation damals), zeigt sich in den späteren Werken eine sich verstärkende Sprachskepsis.

Rechtfertigung

So wie der Wandrer, der durch manch Verhau,
Manch blühend Dickicht seinen Weg gefunden:
Zerrißne Ranken haben ihn umwunden,
Auf Haar und Schläfen glänzt der frische Tau,

Und um ihn webt ein Duft noch viele Stunden
Wie Frühlingsgären und wie Ätherblau –:
So trägt der Dichter unbewußt zur Schau
Was schweigsam oft ein Freundesherz empfunden.

Er raubt es nicht, es kommt ihm zugeflogen
Wie Tau aus Blütenkelchen sich ergießt;
Der Blumen Zutraun hat er nicht betrogen,

Weil sichs ihm selber, unbegehrt, erschließt:
Den Tropfen hat ein Sehnen hingezogen,
Wo Bach zum Strom, und Strom zum Meere fließt.

Wie Stefan George, den er 1891 kennenlernte und der sein Werk sehr geprägt hat, war Hofmannsthal der Überzeugung, dass die Sprache der Dichtung sich von der Alltagssprache unterscheiden muss. Die Sprache der Dichtung, so Hofmannsthal, soll eigenen Gesetzen folgen und damit in sich geschlossen sein, eine Kunst-Welt, die zu keinem Zweck erstellt wird: L’art pour l’art.

Sonett der Seele

Willensdrang von tausend Wesen
Wogt in uns vereint, verklärt:
Feuer loht und Rebe gärt
Und sie locken uns zum Bösen.

Tiergewalten, kampfbewährt,
Herrengaben, auserlesen,
Eignen uns und wir verwesen
Einer Welt ererbten Wert.

Wenn wir unsrer Seele lauschen,
Hören wirs wie Eisen klirren,
Rätselhafte Quellen rauschen,

Stille Vögelflüge schwirren …
Und wir fühlen uns verwandt
Weltenkräften unerkannt.

Was die Sprache der Dichtung von der Alltagssprache unterscheidet, ist aber nicht ihr Inhalt oder ihre Form, sondern der ihr innewohnende Rhythmus, der Klang.

Einem, der vorübergeht

Du hast mich an Dinge gemahnet,
Die heimlich in mir sind,
Du warst für die Saiten der Seele
Der nächtige flüsternde Wind

Und wie das rätselhafte,
Das Rufen der atmenden Nacht,
Wenn draußen die Wolken gleiten
Und man aus dem Traum erwacht,

Zu blauer weicher Weite
Die enge Nähe schwillt,
Durch Zweige vor dem Monde
Ein leises Zittern quillt.

Bekannt worden ist Hofmannsthal auch durch seinen Chandos-Brief, welcher zudem einen Bruch in seinem dichterischen Schaffen markiert. Während vorher die Sprache das zentrale Element des Ausdrucks ist, rücken später Dinge in den Vordergrund, in welchen sich das Leben quasi präsentiert. Hofmannsthal sah Leben und Dichtung eng verbunden, dies sowohl durch die Metapher als auch durch das Symbol. Durch beide sei es möglich, Zusammenhänge in der Welt sichtbar zu machen, die sich sonst oft der Sprache entzögen.