Keri Smith: Mach dieses Buch fertig

Destruktives zwischen Buchdeckeln

Als ich das Buch im Katalog sah, stellte ich mir vor, ich fände in diesem Buch Gedankenanregungen, die mich zum Handeln, zum Schreiben anregen. Ich erhoffte mir kreative Herausforderungen, aus einem Buch ein ganz persönliches Buch machen zu können. Der Untertitel, der nicht auf der Umschlagseite, sondern nur im Innern steht, hätte mich stutzig gemacht:

Erschaffen ist zerstören.

Nur schon der Satz ist purer Nonsens. Aus dem Hinduismus kennt man die Trinität, welche sich in den Eigenschaften Aufbau, Erhalten, Zerstörung widerspiegelt. Und natürlich resultiert daraus, dass Dinge untergehen müssen, damit neue entstehen. Was allerdings entstehen soll, wenn ich ein Buch zerstöre, bleibt dahingestellt.

Die erste Aufgabe ist merkwürdig genug: Ich soll meinen Namen in unterschiedlichen Lettern (meist eher unlesbar und grässlich) in das Buch hineinschreiben. Damit drücke ich keine persönliche Note aus, das ist pure Verwüstung. Danach kommen so sinnvolle Aufgaben wie:

  • Reisse diese Seite aus dem Buch und verbrenne sie
  • Breche den Rücken des Buches
  • Steche diese Seite mit dem Bleistift ein
  • Kleckere mit allem, was eklig ist, in das Buch
  • Zerkratze diese Seite mit einem scharfen Gegenstand
  • Ziehe Linien mit viel Kraft, so dass die Seiten einreissen

Ich habe kapituliert. Den Rücken brach ich noch mit viel Widerwillen, da das auch beim Lesen mal passieren kann, zum Rest war ich nicht fähig. Ich habe mit meiner Kapitulation vor diesem Buch verpasst, Fuseln aus Hosensäcken in das Buch zu kleben, ein wirklich ganz schreckliches Bild zu zeichnen oder das Buch unter die Dusche zu nehmen. Ich denke, ich kann damit leben. Das Buch wird nun mit gebrochenem Rücken und hässlich geschriebenen Namenszügen in meinem Regal stehen und ein Sinnbild dafür sein, dass man nicht jeden Mist mitmachen muss – auch wenn er hochgelobt und ach so kreativ neu ist.

Fazit:

Das wohl erste Buch, das mich überfordert hat. Nichts für Buchliebhaber.

MachmichfertigAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 192 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (1. März 2010)
Übersetzung: Heike Bräutigam, Julia Stolz
ISBN-Nr.: 978-3888976414
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

 

Bettina Plecher – Nachgefragt

bettina-plecherBettina Plecher wurde 1969 in Pasing (München) geboren, studierte nach dem Abitur Germanistik und Klassische Philologie. Nach dem Studium unterrichtete sie zuerst in Yorkshire, danach an verschiedenen bayrischen Gymnasien. Es folgte eine Kinderpause, der anschliessende Wiedereinstieg ins Lehreramt wurde durch das Projekt um ihren Erstlingsroman, Giftgrün (2013), vereitelt. Bettina Plecher lebt mit ihrer Familie in München.

Bettina Plecher hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten, worüber ich mich sehr freue:

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

 

Hätte mir jemand vor zehn Jahren gesagt, dass ich einen Unterhaltungsroman schreiben würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt.
Ich hatte ja immer das Privileg, mich beruflich mit Literatur auseinanderzusetzen zu dürfen und wusste recht genau, wie hoch die Latte liegt.
Solange ich mich fast ausschließlich mit der sogenannten Hochliteratur beschäftigt habe, hätte ich es mir deshalb niemals angemaßt, selbst zu schreiben.

In der Zeit, als meine Kinder klein waren, hatte ich eine Weile nicht mehr den langen Atem, mich mit wirklich ernsthaften Texten auseinander zusetzen und entdeckte die Unterhaltungsliteratur für mich. Es war aber gar nicht leicht, Romane zu finden, die ich richtig gut fand. So entstand die Idee, etwas zu schreiben, das auch Lesern wie mir Spaß machen könnte.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich glaube, viel lesen, hilft beim Schreiben. Darüber hinaus sollte man wohl kreativ und vielleicht auch ein bisschen mutig sein.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Einen Kriminalroman muss man planen. Das Genre setzt einen rationalen Prozess voraus. Während des Schreibens aber geschieht oft Unvorhergesehenes. Figuren entwickeln ein Eigenleben, tun auf einmal Dinge, die man ihnen zunächst gar nicht zugetraut hätte. Das ist manchmal fast unheimlich.

Ich schreibe, wenn es die Temperaturen zulassen (d.h. ab 10° Celsius), in meinem Wintergarten. Wenn es zu kalt ist, am Küchentisch.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ideen finde ich überall. Ich beobachte, höre zu, lese Zeitung. Das Entwickeln einer Geschichte aus den Ideen aber ist für mich harte Arbeit. Gespräche mit Freunden erleichtern mir diese Arbeit, aber es bleibt schwer.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Es gibt Phasen, in denen ich vollkommen absorbiert bin, und meiner Umwelt gehörig auf die Nerven falle. In anderen Phasen muss ich mich zwingen, jeden Tag einige Stunden an den Schreibtisch zu gehen – dann habe ich Feierabend, sobald ich das Laptop zuklappe.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Sind Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich bin ich in jeder meiner Figuren. In manchen mehr, in manchen weniger. Am meisten Persönliches liegt in den Figuren, aus deren Perspektive ich erzähle.

Wieso haben Sie einen Krimi geschrieben? Ist es das, was sie auch am liebsten lesen oder ist es die Freude, die bösen Seiten ausleben zu können, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Ich finde es zum einen reizvoll, in einem Genre zu schreiben, das zwar sehr klare Strukturen vorgibt, zugleich aber auch viel Spielraum lässt.

Auf der anderen Seite interessieren mich Grauzonen. Die Grauzone zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch, Gesund und Krank. Mich interessiert, was passieren muss, damit jemand, der bisher ein Ausbund an Tugend war, auf einmal die Grenze zum Verbrechen überschreitet.

Sie haben Geisteswissenschaften studiert, auch in dem Bereich (wie überall in der Wissenschaft) gibt es Protegés und Kampf mit Ellbogen. Wieso verlegten Sie Ihren Roman in die Medizin?

Vielleicht ist es leichter, über etwas zu schreiben, zu dem man eine gewisse Distanz hat. Außerdem bin ich mit vielen Ärzten befreundet und fand das Spannungsfeld zwischen Menschenliebe und Ehrgeiz, Leistungswillen und Ohnmachtsgefühl.  Erfüllung und Frustration, in dem sich gerade Klinikärzte bewegen, immer schon spannend. Ich habe mich gefragt, was geschehen muss, damit eine normale Klinik, mit relativ normalen Strukturen und Bedingungen zum Nährboden für ein Verbrechen wird.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Eine sehr schwere Frage, die in diesem Rahmen kaum beantwortet werden kann. Nur so viel: Ich liebe Geschichte, ja ich bin gierig nach Geschichten. Die deutsche Gegenwartsliteratur ist mir deshalb manchmal etwas zu handlungsarm.

Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Leider ziemlich kompliziert.

Herzlichen Dank für diese Antworten und den Einblick in den Schreiballtag!

Andreas Izquierdo – Nachgefragt

IzquierdoAndreasAndreas Izquierdo wurde 1968 in Euskirchen geboren, ist in Iversheim aufgewachsen und in Bad Münstereifel zur Schule gegangen. Nach dem Abitur sammelte er erste Erfahrungen in den Massenmedien – bei Zeitungen und Rundfunk -, welche ihm einen Preis bei einem bundesweiten Wettbewerb für Nachwuchsjournalisten einbrachten. Neben einer Krimireihe um den Protagonisten Jupp Schmitz schrieb Andreas Izquierdo verschiedene Drehbücher für Sitcoms und Serien und veröffentlichte im Internet eine Kriminalpersiflage. Von ihm erschienen sind unter anderem Dartpilots (2007), König von Albanien (2007), Apocalypsia (2010), Das Glücksbüro (2013).

Andreas Izquierdo hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten, worüber ich mich sehr gefreut habe:

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

 Ich wollte immer was mit Schreiben machen – Schriftsteller ist mir dabei aber nie in den Sinn gekommen. Ich komme vom Land, da hält man so was für ziemlich abgehoben. Ich damals auch. Also, Journalist, aber das war es auch nicht ganz. Eines Tages, nach einer durchzechten Nacht, sagte mein damaliger Nachbar bei einem Spaziergang zu mir: „Hörmal, du kommst doch aus der Eifel. Schreib doch mal was über ne tote Sau …“
Das habe ich dann gemacht: so entstand „Der Saumord“. Mein erstes Buch. Und für mich der Startschuss, dass ich doch so was wie „Schriftsteller“ werden wollte …

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder wie bei dir bei Schriftstellern. Ist Schreiben wirklich hauptsächlich Handwerk, kann das jeder lernen oder sitzt es in einem? Wie hast du gelernt zu schreiben?

Ja, ganz viel davon ist Handwerk. Vergleich es mit einem Sprinter: der muss auch trainieren, jeden Tag, sehr hart, um vielleicht einmal in seinem Leben unter zehn Sekunden zu laufen. Also, trainiert er: Laufen. Er übt ein Handwerk aus, bis er merkt: mehr geht nicht. Und jetzt kommt etwas, was es auch beim Schreiben gibt: 90 % sind Handwerk, 10 % etwas, was du NICHT lernen kannst. Und so kommt es, dass es Sprinter gibt, die können 11 Sekunden auf hundert Meter laufen, und solche, die können 10 Sekunden laufen. Einer ist sehr gut, der andere Weltklasse. Aber beide arbeiten gleich hart.

Ich habe einiges autodidaktisch, das meiste als Drehbuchautor gelernt und tue es immer noch. Schreiben ist wirklich sehr kompliziert: du schaffst es endlich, eine Sache in den Griff zu bekommen, schon versagst du bei einer anderen.

Ich habe von einigen Autoren eine sehr negative Sicht ihres Schreibens und auch vom Umgang mit Verlagen gehört. Sie bezeichnen sich als Schreibmaschinen, Schreibsklaven, fühlen sich menschenunwürdig behandelt und dergleichen mehr. Wie siehst du die Situation heute?

 

Das Buchgeschäft hat sich in den letzten 10, 15 Jahren vollständig geändert – leider nicht zum Guten. Dank Media Control können sich die Verlage wechselseitig quasi in die Bücher sehen, wissen, was Titel verkaufen und was nicht. Das hat dazu geführt, dass es eine immer größer werdende Verschiebung zu den Topsellern gegeben hat und eine immer größer werden Nichtbeachtung von Texten, die aufgrund ihrer Eigenart niemals Topseller werden können, literarisch aber sehr oft viel höherwertiger als Topseller sind.

Das ist Winner-Takes-it-all, das einigen wenigen alles, vielen andern wenig bis gar nichts beschert. Und ich werde den Eindruck nicht los: je größer der Verlag desto mehr wirst du danach bemessen, was du so einbringst an Kohle. Und wenn das nicht stimmt, dann bist du weg. Beziehungsweise du spürst eben sehr schnell, wie viel du dem Verlag wert bist: nämlich wenig bis nichts.

An dir klebt im wahrsten Sinne des Wortes ein Preisschild. Das ist nicht überall so, aber es hat sich leider durchgesetzt. Das ist eben unsere Zeit.

Wie sieht dein Schreibprozess aus? Schreibst du einfach drauf los oder recherchierst du erst, planst, legst Notizen an, bevor du zu schreiben beginnst? Wann und wo schreibst du?

Nur ein Idiot schreibt einfach drauf los. Oder jemand, der überhaupt keinen Respekt vor der eigenen Arbeit hat, womit wir gleich wieder bei der Eingangsbehauptung wären. Ich recherchiere, ich arbeite lange an einem belastbaren Exposé, an das ich mich später halte. Es ist der Bauplan, die Blaupause. Ich weiche davon nicht ab. Es mag Erzählbögen geben, die nicht vorhergesehen waren, Figuren kommen dazu, andere verschwinden, aber es passt immer in den Plan. IMMER.

Während der Arbeit bespreche ich mich mit anderen, lasse mitlesen, auch von mir völlig fremden Personen. Ich bin da nicht empfindlich. Wenn es eines Tages auf den Markt kommt, muss es eh bestehen. Nur dann ist es gedruckt und zu spät. Ich höre mir das lieber vorher an.

Und ich versuche immer, das Beste herauszuholen, was ich leisten kann. IMMER. Egal für wen, egal wie gut oder schlecht es bezahlt ist. Ich hadere oft, frage mich immer: Ist das schon das Beste? Oder bist du bloß zu faul nachzudenken.

Woher holst du die Ideen für deine Bücher? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert dich?

Konzentration. Ich warte nicht auf die Muse, ich fahnde nach ihr. Und wenn ich sie finde, zwinge ich sie, für mich da zu sein. Das ist nicht nett, aber ich muss vom Schreiben leben, das geht leider nicht anders. Ich sitze manchmal stundenlang vor einem geöffneten Dokument und starre auf das weiße „Papier“. Manchmal tippe ich wirr vor mich hin, Sätze entstehen, verschwinden, aber irgendwann hab ich ein Fädchen und ziehe daran … immer wieder spannend zu sehen, was dann hochkommt.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schaltest du ab?

Ja. Ich kann sehr gut in den Urlaub fahren und an gar nichts denken.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Bist du auch in deinen Figuren? Wieviel Albert Glück steckt zum Beispiel in dir?

Ja, ich bin im wahrsten Sinne des Wortes in meinen Figuren drin. Sehe die Welt so, wie sie sie sehen. Ich durchleide alles mit ihnen zusammen. Erst wenn ich ihnen ganz nahe bin, kann ich über sie schreiben. Autobiographisch ist das nicht, aber es hat viel mit mir zu tun.

Albert Glück fand in Anna seine erste Liebe. Der Weg dahin war steinig und am Schluss lauerte der Tod. Wie empfindest du Albert Glücks Leben? War es ein glückliches?

Ja, ich glaube,  er war glücklich. Er hat alles riskiert und alles gewonnen, auch wenn er es teuer bezahlt hat. Ich glaube, die meisten von uns wagen zu wenig – ich schließe mich da gar nicht aus. Und viele spüren, dass ihr Weg nicht richtig ist, trotzdem wagen sie es nicht, umzudrehen oder abzubiegen, weil das Ungewisse schlimmer zu sein scheint, als die Gewissheit, unglücklich zu sein. Es verlangt Mut und Verstand, sein Leben zu ändern: Du musst erkennen, dass dein Weg falsch ist und du brauchst einen (guten) Plan, es zu ändern. Mut und Verstand. Beides.

Was bedeutet Glück für dich?

In einem Land zu leben, das sich jemanden wie mich leisten kann.

 

Albert Glück muss nach 35 Jahren Gleichschritt aus seinen Gewohnheiten ausbrechen. Sind Gewohnheiten für dich eher Halt oder Stillstand?

Gewohnheiten geben Sicherheit. Nur die wenigsten Menschen sind für ständiges Chaos gemacht. Irgendwann will doch jeder zur Ruhe kommen. Allerdings verführt diese Ruhe, je länger sie anhält, dazu, nichts mehr ändern zu wollen. Oder – im Endstadium – nichts mehr ändern zu können. Wie Muskeln, die man nicht mehr bewegt. Sie verkümmern, bis sie zu nichts mehr zu gebrauchen sind.

Was muss ein Buch haben, dass es dich anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die du speziell magst?

Sie müssen in aller erster Linie unterhalten. Sie sollten emotional sein, Figuren haben, die mich bewegen – ganz gleich ob positiv oder negativ. Ich will eine neue Welt sehen, eine neue Sichtweise. Und ich will nicht belehrt werden, sondern daraus lernen.

Wenn du dich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Nur zufällig da.

Ich möchte mich herzlich für diese ausführlichen und tiefgründigen Antworten bedanken!

Bettina Plecher: Giftgrün

Gift und bayrische Gemütlichkeit

„Ich laufe nicht davon. Ich will mein Leben ändern.“
„Und da wirfst du einfach alles fort, was du dir aufgebaut hast?“ Nader lächelte nicht, als der das sagte. „Entwciklungshilfe. Ich bitte dich. Das sind Perlen vor die Säue, wenn du den Ausdruck entschuldgist. Jemand wie du kann der Menschheit auf anderem Wege weit effektiver nützen.

Frieda May hat gerade ihre Dissertation beendet, ihr Doktorvater, Gabor Nader, will sie an die Klinik mitnehmen, in der er in Kürze eine Chefarztposition innehat. Zwar möchte Frieda lieber Entwicklungshilfe leisten statt die Karriereleiter weiter hochkraxeln, doch kann sie ihrem Doktorvater, mit dem sie mehr als nur Wissenschaft verbindet, nicht widerstehen – sie geht nach München, wo ihr Gabor Nader eine Unterkunft bei seinem alten Freund Quiril Quast, urchiger Bayer und nicht nur karrieretechnisch pures Gegenteil von Nader, vermittelt.

Kurz nach dem Klinikeintritt stirbt Gabor Nader an einer Vergiftung. Quast und May sind überzeugt, dass das kein natürlicher Tod war und gehen dem Ganzen auf eigene Faust nach. Immer tiefer tauchen sie in den Sumpf von Vetternwirtschaft, Plagiat und Intrigen im Klinikalltag ein. Dass auch Quast selber eine mysteriöse Vergangenheit mit Nader hat, lässt Frieda May vorsichtig werden.

Frieda wurde es heiss. Jetzt war der Moment, um nachzuhaken. Diesmal durfte sie ihn nicht verpassen. Krampfhaft suchte sie nach den Worten, die Quast aus der Reserve locken würden. Schliesslich sagte sie: Und was ist mit der Vergangenheit? Gab es da nicht irgendetwas zwischen Gabor und dir?“ Sie liess die Worte im Raum stehen und beobachtete Qusst: Er schien ungerührt, nur die Falte zwischen seinen Augen wurde um ein weniges Tiefer, das Grübchen in seiner Wange verschwand.

Mit Giftgrün ist Bettina Plecher ein amüsanter und spannender Erstling gelungen. Sie nimmt den Münchner Lokalkolorit genauso auf wie die Abläufe des Klinikalltags, spinnt inmitten dieser Schauplätze eine Geschichte, die trotz Themen wie Mord, Gift, Intrigen und Betrug leicht und spritzig daher kommt. Dass die einzelnen Figuren etwas gar klischeehaft erscheinen, kann man ihr verzeihen, da der Lesespass nicht darunter leidet, sondern eher dadurch gesteigert wird

Fazit:
Ein leichte und lockere Lektüre für zwischendurch. Absolut empfehlenswert!

Zur Autorin
Bettina Plecher
Bettina Plecher wurde 1969 in Pasing (München) geboren, studierte nach dem Abitur Germanistik und Klassische Philologie. Nach dem Studium unterrichtete sie zuerst in Yorkshire, danach an verschiedenen bayrischen Gymnasien. Es folgte eine Kinderpause, der anschliessende Wiedereinstieg ins Lehreramt wurde durch das Projekt um ihren Erstlingsroman, Giftgrün (2013), vereitelt. Bettina Plecher lebt mit ihrer Familie in München.

PlecherGiftgrünAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (2. Mai 2013)
ISBN: 978-3499235627
Preis: EUR  9.99/ CHF 15.90

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Andreas Franz: Teufelsleib. Ein neuer Fall für Peter Brandt

Kindheitstrauma und Serienmord

„…Hey, komm, lass mich am Leben, bitte!…“
[…]
„Tja“, sagte er mit gespieltem Bedauern, „es gibt da nur ein klitzekleines Problem – ich habe die Entscheidung schon getroffen, heute eine Hure zu töten, bevor ich dich gesehen habe. Sagen wir’s mal so, du warst einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Offenbach wird erschüttert durch einen Serienmörder, welcher auf brutale Weise Prostituierte umbringt. Peter Brandt, sonst schon sehr belastet durch seine aktuellen Fälle, muss dieses Mal bei seinen Ermittlungen auf seine Partnerin, Nicole Eberl verzichten, welche wegen einer aggressiven Form von MS den Dienst quittieren musste und nun auf den baldigen Tod wartet. Zum Glück steht  ihm seine Freundin, die Staatsanwältin Elvira Klein zur Seite. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem bestialischen Täter.

Teufelsleib ist ein solide gestrickter Krimi mit einem sauber aufgebauten Plot bestehend aus dem Hauptstrang der Serienmorde und den Nebensträngen bestehend aus Brandts Privatleben und allem, was dazu gehört, den Lebensgeschichten der Opfer, der Krankheit von Brandts Partnerin bei der Polizei. Das Mordmotiv ist vielleicht ein wenig sehr klischeehaft, dadurch aber nicht weniger glaubwürdig. Der Krimi hätte eine Überarbeitung gut vertragen, da sich einige Redundanzen darin befinden, die schade sind und dem Buch einen Anschein von Rohfassung verleihen. Dazu kommt eine etwas zu gesuchte Schlusswendung. Trotz alledem ist es ein guter Krimi und ein würdiger Abschluss der Peter Brandt-Reihe.

Fazit:
Ein kurzweiliger Krimi mit einigen stilistischen Mängeln, die aber den Lesegenuss nicht schmälern. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Andreas Franz
Andras Franz wurde am 12. Januar 1954 in Quedlinburg/Sachsen-Anhalt, geboren und zog danach mit seinen Eltern nach Helmbrechts. Nach der Trennung der Eltern folgte 1967 der Umzug nach Frankfurt a.M., wo er das Gymnasium besuchte, dann beschloss, „etwas Ordentliches“ aus seinem Leben zu machen und die Sprachschule besuchte, welche er mit einem Abschluss in Wirtschaftsenglisch und –französisch verliess. Danach frönte Andreas Franz seinem Hobby, der Musik, welche er zum Beruf machen wollte. Es folgten Jobs als LKW-Fahrer oder Mädchen für Alles in einer Werbeagentur, danach eine Kaufmännische Ausbildung, da die mittlerweile 7köpfige Familie ernährt sein wollte. 1990 eröffnete Frank ein Übersetzungsbüro.

Nach einigen Manuskripten, die bei den Verlagen abblitzten, wurde Jung, blond, tot vom Droemer Knaur Verlag angenommen. Es folgten 20 weitere Romane, Teufelsleib war der letzte. In der Schublade warteten noch viele Ideen, umgesetzt zu werden, leider machte ein plötzliches Herzversagen am 13.März 2011 diese Pläne zunichte. Von ihm erschienen sind unter anderem die Julia Durant-Reihe [Jung, blond, tot (2000), Das Verlies (2004), Mörderische Tage (2009), etc.], die Peter Brandt-Reihe [Tod eines Lehrers (2004), Schrei der Nachtigall (2006), Teufelsleib (2010), etc.] sowie die Kieler Reihe Sören Henning und Lisa Santos.

FranzTeufelsleibAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 252 Seiten
Verlag: Knaur Taschenbuch Verlag (10. November 2010)
ISBN: 978-3426639436
Preis: EUR  9.99/ CHF 17.90

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Vladimir Nabokov (*22. April 1899)

Vladimir_NabokovVladimir Nabokov wird am 22. April 1899 in St. Petersburg als Kind einer russischen Adelsfamilie geboren. Er kommt wegen seines westlich orientierten Vaters schon als Kind in Kontakt mit der Weltliteratur, spricht französisch und englisch. Bereits mit 17 Jahren veröffentlicht er seinen ersten Gedichtband.   Das politische Engagement des Vaters bringt diesem verschiedene Inhaftierungen und führt schliesslich zur Flucht nach London. Nabokov studiert an der Universität Cambridge Romanistik und Russische Literatur und zieht nach dem Studium nach Berlin.

Er publiziert unter dem Pseudonym V. Sirin, kann aber nicht leben von der Literatur und hält sich mit Tennis- und Boxunterricht über Wasser. 1937 folgt die Emigration nach Paris, 1940 die Flucht in die USA, wo er als Kurator des zoologischen Museums an der Harvard University arbeitet und wissenschaftlich schreibt. 1948-1958 hat er eine Professur für russische und europäische Literatur an der Cornell Universität inne. 1955 erscheint sein Roman Lolita, der für Aufruhr sorgte, aber  grosse Erfolge einfuhr. In der Folge kann er von seinem Schreiben leben. 1961 folgt die Übersiedlung in die Schweiz, nach Montreux, wo er 1977 stirbt. Werke Nabokovs sind unter anderem Die Mutprobe (1932), Verzweiflung (1934), Lolita (1955),   Ada oder das Verlangen (1969), Die Kunst des Lesens (1984).

Jojo Moyes – Nachgefragt

©Phyllis CHristopher
©Phyllis CHristopher

Jojo Moyes wurde 1969 geboren und wuchs in London auf. Nach verschiedenen Jobs studierte sie Journalismus und arbeitete danach für The Independent und ein Jahr für die Morning Post in Hongkong. Seit 2002 konzentriert sie sich beruflich aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern auf einer Farm in Essex.  Auch von ihr erschienen sind Ein ganzes halbes Jahr (2013), Der Klang des Herzens (2010), Dem Himmel so nah (2008), Suzannas Coffee-Shop (2007), Das Haus der Wiederkehr (2005), Die Frauen von Kilcarrion (2003).

Jojo Moyes hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu Ihrem Schreiben zu beantworten, worüber ich mich sehr freue.

Wieso schreiben Sie? Gibt es einen speziellen Grund, einen Auslöser dafür?

Ich habe schon als Kind geschrieben, trotzdem dachte ich nie, dass ich Schriftstellerin werden könnte – dieser Beruf schien irgendwie nichts mit mir zu tun zu haben. Ich habe zehn Jahre für Zeitungen geschrieben und sah rund um mich Leute Bücher schreiben, bis ich eines Tages dachte: Wieso ich nicht?

Es gibt diverse Angebote, Kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich habe mir das Schreiben selber beigebracht. Ich habe drei Romane geschrieben, die nie publiziert wurden. Sie haben mich gelehrt, wie ich an Charaktere herangehen und sie aufbauen kann, wie ich einen Plot gestalten muss. Ich hätte sehr gerne einen Kurs in Kreativem Schreiben besucht, hatte aber nie die Zeit dazu, da ich voll arbeitete, ein Baby hatte und daneben noch versuchte, in der spärlichen Freizeit meinen eigenen Roman zu schreiben. Ich denke, solche Kurse können einem viel beibringen, doch es muss ein gewisses Talent vorhanden sein, um wirklich mit dem Schreiben zu beginnen. Ich glaube nicht, dass jeder ein Buch in sich hat, wie es ein Sprichwort sagt. Vielleicht hat jeder eine Geschichte in sich, ab und an ist es aber vielleicht besser, diese einen anderen schreiben zu lassen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Meist werde ich durch eine Idee inspiriert – ein Zeitungsartikel, jemandem, den ich kenne, passiert etwas – ,welche sich mit anderen Dingen vermischt, die in meinem Kopf rumschwirren. Langsam, meist noch unbewusst, fange ich dann an, daraus einen Plot zu konstruieren. Wenn ich dann wirklich zu schreiben beginne, bin ich strukturierter. Ich schreibe einen ungefähren Plan meines Plots, schreibe die einzelnen Geschichten meiner Hauptcharaktere, so dass ich eine Idee davon habe, wie diese sind, bevor es losgeht.

Ich schreibe an den verschiedensten Orten – zu Hause, in einem kleinen Büro, das ich gemietet habe, im Zug, in einem kleinen Apartment, das ich in Paris teile. Alles, was ich brauche, sind ein paar freie Stunden ohne Unterbrechungen und meinen Computer.

Was waren die Inspirationsquellen Ihrer letzten Bücher?

Meine letzten beiden Bücher – The Girl Left Behind und Me Before You (Ein ganzes halbes Jahr) – sind beide durch Zeitungsartikel inspiriert worden. Oft passiert es, dass ich etwas höre oder lese und ein Bild oder eine Frage bleibt hängen, lässt mich nicht mehr los. Im Falle von Ein ganzes halbes Jahr(EGHJ) fragte ich mich immer wieder: Was braucht es, um Eltern davon zu überzeugen, ihr Kind in eine Klinik für begleiteten Selbstmord zu bringen. Und: Wie würdest du leben, wenn dir alles, was dich ausmacht, genommen würde.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

 Ich habe gerade dieses Wochenende festgestellt, dass ich meine letzten zwei freien Tage am Stück im Januar hatte. Ich habe wenig freie Zeit im Moment, weil ich versuche, ein Buch fertigzustellen, zwei weitere in verschiedenen Ländern promote und daneben noch ein Drehbuch von EGHJ für MGM schreibe. Um mich zu entspannen unternehme ich Ausflüge mit meinen Kindern oder reite mit meinem Pferd übers Land. Aber ich muss gestehen, ich denke eigentlich immer übers Schreiben nach, selbst wenn ich es nicht tue, vor allem, wen ich ein neues Buch entwickle. Manchmal denke ich, es muss mühsam sein, mit mir zu leben.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Sind Aspekte von Ihnen in Ihrem Roman EGHJ?

Ich denke, alle erschaffenen Charaktere sind auf eine Art Erweiterungen des Schriftstellers, seiner Person. Bezogen auf EGHJ sind da einige Themen, mit denen meine Familie konfrontiert war, so dass das bestimmt in meinem Kopf war, als ich diese Geschichte schrieb.

Es gibt einige Gemeinsamkeiten Ihres Romans mit dem Film Intouchable. War das je ein Problem für Sie? Haben Sie Philippe Pozzo di Borgos Geschichte gekannt, als Sie zu schreiben begannen?

Ich wusste nichts von Intouchables bis ich mein Buch beendet hatte. Ich war vor allem sehr verärgert, als ein Filmdirektor, der sich zuerst für das Buch interessiert hatte, sich zurückzog, als er von Intouchables hörte. Eines Tages sah ich den Film selber im Flugzeug und ich fand ihn wundervoll. Ich denke, die beiden Geschichten sind unterschiedlich genug, so dass die Leute beide geniessen können (auf alle Fälle hoffe ich das!).

[Achtung: Die nächste Frage nimmt das Ende von EGHJ vorweg – wer das Buch noch nicht gelesen hat, sollte sie vielleicht überspringen]

Liebe hat viel Kraft. Wieso ist sie in Ihrem Roman unterlegen? Wieso ist der Tod mächtiger?

Ich wollte zeigen, dass Liebe manchmal nicht genug ist. Und manchmal sind auch Happy Ends, die wir als solche sehen, in Tat und Wahrheit keine. Ich hätte ein Ende schreiben können, bei dem Will und Lou zusammen geblieben wären, aber das hätte nicht zu seinem Charakter gepasst, das hätte Will nicht entsprochen.

Was muss ein Buch mit sich bringen, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

 Ich habe viele Lieblingsautoren – Barbara Kingsolver, Michael Chabon, Nora Ephron, Marian Keyes, Stieg Larsson. Bei sehr literarischen Büchern bin ich oft frustriert, weil sie für mich zu wenig Plot haben. Ich habe gemerkt, dass ich immer weniger tolerant mit Büchern bin. Wenn Sie mich nach 50 Seiten nicht gepackt haben, neige ich dazu, mich etwas anderem zuzuwenden.

Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Hartnäckig, loyal, glücklich!

Ganz herzlichen Dank für diese offenen Antworten, die einen schönen & persönlichen Einblick gewähren.

Horst Eckert: Schwarzer Schwan

Hinter Lügen und Intrigen in Politik und Wirtschaft lauert der Tod

Die Investmentbankerin Hanna Kaul steht kurz vor dem Abschluss eines grossen Geschäfts, von dem sie sich einen Karrieresprung erhofft. Dass genau in dieser Zeit ihre Nichte Leonie zu Besuch kommt, passt nicht in ihr Konzept. Aus unersichtlichen Gründen platzt der Milliardendeal und Hanna merkt, dass sie seit längerer Zeit ausspioniert wurde. Als dann auch noch Leonie verschwindet, liegt ihre Welt in Trümmern. Hilfe findet sie bei Dominik Roth, welcher nicht nur aus beruflichen Gründen helfen will – erstens hat er ein schlechtes Gewissen Hanna gegenüber, weil er an ihrer Beobachtung beteiligt war, zudem gefällt sie ihm zunehmend. Bald schon sieht er sich inmitten eines Falles, der viel grösser ist, als man vorerst ahnen konnte. Hochfinanz und Politik haben die Hände im Spiel, ihre Methoden sind durchtrieben, voller Betrug, und Lügen und sie schrecken auch vor Mord nicht zurück.

Horst Eckerts Thriller bewegt sich im Milieu der Banken und der Politik. Er legt detailliert unsaubere Bankgeschäfte und geschäftspolitische Intrigen offen, zeigt die Politik von ihrer bestechlichen Seite und verwebt diese Wirtschaftsaspekte mit der Entführung einer jungen Frau, der Ermordung einer Aussteigerin aus der Finanzszene, Kleinkriminalität und Burschenschaft.

Die ersten Kapitel sowie diverse Zwischenkapitel sind sehr den Machenschaften aus Politik und Wirtschaft gewidmet, wenn man sich dafür nicht interessiert, ist der ganze Roman sehr schwierig zu lesen und das Dranbleiben mühsam. Die darunter liegende Geschichte ist spannend, man möchte wissen, wie sie ausgeht und das hat geholfen, durchzuhalten, wobei die Geschichte nicht litt, wenn man einige Teile überblätterte beim Lesen. Ab der zweiten Hälfte gewinnt die Geschichte an Spannung und es ist wirklicher Lesegenuss.

Fazit:
Langatmiger Anfang mit spannendem Abgang. Für Wirtschafts- und Politikinteressierte sicher spannender als für andere.

Zum Autor
Horst Eckert
Horst Eckert wurde am 7. Mai 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren und wuchs in Pressrath auf. Er studierte in Erlangen und Berlin Soziologie und Politische Wissenschaften, jobte als Bierschlepper und Fahrstuhlführer, später als Hospitant im Berliner ZDF-Studio. Nach einem Umzug nach Düsseldorf 1987, die Liebe war Schuld, arbeitete er 15 Jahre lang als Fernsehreporter, seitdem ist er hauptberuflich als freier Schriftsteller tätig. Von ihm erschienen sind unter anderem Annas Erbe (1995), Finstere Seelen (1999), Ausgezählt (2002), Der Abrsprung (2006), Sprengkraft (2009), Schwarzer Schwan (2011).

Porträt der Frankfurter Rundschau

 

EckertSchwanAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 383 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (7. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3894254131
Preis: EUR  10.99 / CHF 17.90

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Håkan Nesser: Die Einsamen

Wenn die Zeit keine Wunden heilt

Letztes Mal. Wie viele Jahre war das jetzt her? 1975. Mit anderen Worten: fünfunddreissig Jahre. Ein Menschenalter, wie man so sagte. […]

Ich träume, dachte Elis Bengtsson. Es ist nicht möglich, dass die gleiche Geschichte noch einmal passiert.

Eines Morgens findet ein Hundebesitzer am Fusse eines Abhangs eine Leiche. Das wäre schon beunruhigend genug, aber noch beunruhigender ist der Umstand, dass an derselben Stelle vor 35 Jahren schon einmal eine Leiche lag. Wie hängen die beiden Fälle zusammen?

Die zweite Leiche war der Lebensgefährte der 35 Jahre früher zu Tode gestürzten Frau. Schon damals war der Ermittler der Meinung, es stecke mehr als ein Unfall oder Selbstmord dahinter, fand aber keine Beweise, so dass er den Fall einstellen musste. Auch dieses Mal deutet alles darauf hin, dass es wieder genau so enden wird. Und doch bleibt bei den Ermittlern, Gunnar Barbotti und Eva Backman ein Gefühl, dass mehr dahinter stecken muss. Sie tauchen ein in eine Geschichte, die in die 70er Jahre zurückreicht und noch weiter. Sie treffen auf eine Gruppe von sechs (oder sieben) Menschen, die irgend ein Geheimnis zu hegen scheinen, eines mit tödlichen Folgen.

Håkan Nesser beginnt langsam, man findet sich oft in neuen Zeiten und an neuen Plätzen, weiss nicht, mit wem man es zu tun hat, wie alles zusammen hängt. Die Einsamen erzählt die Geschichte von sechs Studenten aus Uppsala und überbrückt dabei einen Zeitrahmen von über 40 Jahren. In einem ständigen Wechsel zwischen den Zeiten verweben sich die verschiedenen Handlungsstränge des Buches immer weiter. Immer tiefer taucht man als Leser ein und will nur eines: herausfinden, was wirklich passiert ist – vor 35 Jahren, wie es dazu gekommen ist und wie es zu dieser neuen Leiche kam.

Steigt anfangs die Spannung immer mehr an, so dass man sich für jeden einzelnen Handlungsstrang interessiert, weil in jedem ein neues Puzzleteil zu Tage tritt, so wird das Buch in der zweiten Hälfte etwas zu ausführlich, weil man kaum schnell genug zur Lösung durchdringen kann. Man kann dies dem Buch nicht mal wirklich anlasten, denn wäre es nicht so spannend, hätte man mehr Geduld beim lesen.

Håkan Nesser gelingt es, eine Geschichte auf mehreren Ebenen zu konstruieren, die Ebenen wild zu durchmischen und dabei die Cliffhanger so zu setzen, dass man schnell die Fortsetzung der entsprechenden Ebene erreichen will. Dafür muss man durch die nächste Erzählebene durch, welche sich als genauso packend erweist wie die letzte. Ein Buch, das einen packt und nicht mehr loslässt. Bis zum Ende.

Fazit:
Ein packender, spannender Roman, den man nicht mehr aus den Händen legen mag, bis man weiss, was hinter der Geschichte steckt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Håkan Nesser
Håkan Nesser wurde am 21. Februar 1950 in Kumla geboren, machte 1968 Abitur  und studierte ab 1969 an der Universität Uppsala Soziologie, Englisch, Literaturgeschichte, Skandinavistik, Geschichte und Philosophie . Nach einem Lehramtsstudium in den Fächern Schwedisch und Englisch arbeitete er als Gymnasiallehrer und begann daneben, Romane zu schreiben. Seit 1998 lebt Håkan Nesser als freier Autor in London und auf Gotland. Von ihm erschienen sind unter anderem die Krimi-Reihen um Kommissar Van Veeteren und Inspektor Barbotti sowie Romane wie Barins Dreieck (2003), Die Fliege und die Ewigkeit (2006), In Liebe (2006), Die Perspektive des Gärtners (2010).

Ein Einblick in Håkan Nessers Schreiben

NesserEinsamenAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 608 Seiten
Verlag: btb Verlag (9. April 2013)
Übersetzung: Christel Hildebrandt
ISBN-Nr.: 978-3442743797
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

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Andreas Izquierdo: Das Glücksbüro

Die Suche nach dem kleinen Glück

Das Amt ist Albert Glücks Zuhause. Nicht nur arbeitet er dort, er wohnt da auch. Albert Glück ist ein grauer, unscheinbarer Mann der Ordnung, der Strukturen, der geregelten Abläufe, sein kleines Glück sind Formulare jeglicher Art, die in ihrer Aufteilung, Funktion und Bearbeitung genauen Vorschriften folgen. So zieht sein Leben durch die Jahre, Tag für Tag die gleichen Abläufe.

Das Amt war wie eine Familie, nur ohne störende Verwandtschaft. Eine Burg, wehrhaft besetzt von Tausenden, in der man ganz geschützt ganz alleine sein konnte. Während die Welt draussen immer grösser, komplizierter und chaotischer geworden war, war sie hier drinnen immer noch überschaubar, ordentlich und sehr gemütlich. Ein Ort der Geborgenheit, den Albert sehr schätzte, weil er im Umgang mit Menschen zuweilen ziemlich ratlos war.

Ab und an wagt Albert einen kleinen Ausbruch aus der täglichen Routine. Er spielt den Mitarbeitern kleine Streiche, zwar mit Hintergrund, aber ohne Gedanken an die Folgen. Danach geht er zurück in sein Muster. Bis eines Tages alles anders ist. Alles beginnt mit einem Formular, einem sehr schönen Formular, dessen einziger Fehler die Nummer ist: E45. Alberts Leben gerät aus dem Takt. Nicht nur weiss er nicht, was mit dem Formular machen, er wird es auch nicht los. Egal, was er anstellt, am nächsten Tag liegt es wieder auf seinem Pult. Die einzige Lösung scheint ein Besuch bei der Antragsstellerin und diese Aufgabe führt ihn das erste Mal nach über 30 Jahren aus dem Amt heraus.

Einen Moment lang stand Albert völlig erstarrt da. Raus? Vor die Türe? In die Welt, die sich weitergedreht hatte? Die er nicht kannte? Die voller Feinde war? Albert hatte das Amt seit mehr als dreissig Jahren nicht verlassen, aber jetzt musste er.

Der erste Besuch bei Anna Sugus – ein wunderbar ordentlicher Name, wie Albert Glück findet – endet mit einer vor der Nase zugeschlagenen Tür, der zweite ist erfolgreicher. Vor ihm steht eine kleine Frau, Künstlerin, die wilde, bunte, unorganisierte, farbenfrohe, lebendige Bilder malt.

„Ist das Kunst?“, fragte er neugierig.
„Natürlich ist das Kunst!“
„Dann verstehe ich nichts von Kunst.“

Durch Anna kommt Farbe auch in Alberts Leben. Sie zeigt ihm, dass hinter den Formularen Menschen stehen (das war ihm bislang entgangen) und dass er diesen Menschen helfen kann, ihnen zu ihrem kleinen Glück verhelfen kann. Die Menschen kommen in Scharen, Glück boomt. Doch das gefällt nicht allen.

Andreas Izquierdo ist mit Das Glücksbüro eine humorvolle, leicht erzählte, trotzdem tiefgründige Geschichte gelungen. Es ist die Geschichte von Amtsschimmel und menschenfernen Formularen, die Geschichte von Menschen und dass ihr Schein ab und an trügt, die Geschichte einer Liebe, die Geschichte auch des kleinen Glücks, das jedem zugänglich ist, wenn er es nur sieht und ergreift.

Wenn man dem Buch etwas anlasten möchte, so ist das sein etwas langatmiger und wenig packender Anfang. Auch in der Mitte des Buches gibt es nochmals einen kurzen Teil, in dem alle verschiedenen existierenden Ämter aufgezählt werden, was eher wie eine Schreibübung anmutet denn literarisch wichtig zu sein, so dass man ihn besser gestrichen hätte. Das alles ist aber zu vernachlässigen, sieht man all das Positive des Buches wie die sich entwickelnden Figuren, den scharfen Blick für Details des Amtsalltags, die leisen Töne, die Gefühle, die das Buch im Leser weckt.

Fazit:
Ein vielschichtiger, kritischer, trotzdem leichter, menschlicher, tiefgründiger, herzerwärmender Roman. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Andreas Izquierdo
Andreas Izquierdo wurde 1968 in Euskirchen geboren, ist in Iversheim aufgewachsen und in Bad Münstereifel zur Schule gegangen. Nach dem Abitur sammelte er erste Erfahrungen in den Massenmedien – bei Zeitungen und Rundfunk -, welche ihm einen Preis bei einem bundesweiten Wettbewerb für Nachwuchsjournalisten einbrachten. Neben einer Krimireihe um den Protagonisten Jupp Schmitz schrieb Andreas Izquierdo verschiedene Drehbücher für Sitcoms und Serien und veröffentlichte im Internet eine Kriminalpersiflage. Von ihm erschienen sind unter anderem Dartpilots (2007), König von Albanien (2007), Apocalypsia (2010), Das Glücksbüro (2013).

IzquierdoGlücksbüroAngaben zum Buch:
Broschiert: 268 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag (25. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3832162252
Preis: EUR  9.99 / CHF 16.90

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Thornton Wilder (*17. April 1897)

Am 17. April 1897 kam Thornton Wilder in Madison (Wisconsin) auf die Welt. Da sein Vater Diplomat war, zog die Familie öfters um, einen Teil seiner Kindheit verbrachte Wilder so in China. In der Schule wurde Thornton Wilder oft gehänselt und suchte Zuflucht in der Bibliothek. Schon als Schüler verfasste er erste Theaterstücke.

Nach einem Bachelor in Arts der Universität Yale besuchte er die American Academy in Rome und machte seinen Master in Französisch. Nach ersten Romanveröffentlichungen (1926 Cabala, 1927 The Bridge of San Luis Rey – Wilders erster Pulitzer-Preis) unterrichtete Thronton Wilder an der Universität von Chicago von 1930 bis 1937, danach verlegte er sich wieder aufs Schreiben und so erschien 1938 sein Stück Our Town, welches ihm den zweiten Pulitzer-Preis einbrachte. 1943 folgte der dritte für The Skin of our Teeth. 1950/51 war Wilder Professor für Poetry in Harvard.

Neben Erzählungen und Theaterstücken schrieb Thronton Wilder vor allem kleinere Werke wie Essays, Einakter und wissenschaftliche Artikel. 1957 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Thornton Wilder starb am 7. Dezember 1975 in Hamden (Connecticut).

Thornton Wilders Schreiben
Thornton Wilders Werk befasst sich hauptsächlich mit den existentiellen Problemen der Menschen wie Krieg, ökonomische Krisen, Feuer, Krankheit. Zeit seines Lebens beschäftigt er sich mit den Fragen nach dem Verhältnis des Menschen zu Gott und nach dem Sinn des Lebens.  Die zweite Frage rückt er vor der Uraufführung seines Schauspiels Our Town ins Zentrum, indem er in der New York Times ein Vorwort drucken lässt, in dem er betont, dass es in seinem Stück um das alltägliche Leben alltäglicher Menschen gehe, die bei aller Durchschnittlichkeit mit Leidenschaft den Sinn des Lebens suchten. Wilder erachtet das Drama als einzige Form, die Wirklichkeit adäquat darzustellen, wobei er dieses von allem befreit, was die Unmittelbarkeit der Wirkung beeinträchtigen könnte und damit auf Kulissen und Requisiten weitestgehend verzichtet, um dem Zuschauer echtes Miterleben zu ermöglichen. In Wilders eigenen Worten beschäftigte er sich mit dem

Abgrund, der sich auftut zwischen der allerkleinsten Begebenheit des täglichen Lebens und den ungeheuren Spannen von Raum und Zeit, in denen jeder einzelne Mensch seine Rolle zu spielen hat.

Wilder sieht den Menschen vor die Aufgabe gestellt

in der Trivialität unseres täglichen Daseins jene Würde zu finden, die ihm gerade angesichts jener absurd grossen Zeitspanne genommen zu werden scheint.

Werke
The Cabala (1926, dt. Die Kabala, 1929)
The Bridge of San Luis Rey (1927, dt. Die Brücke von San Luis Rey, 1929)
The Woman of Andros (1930, dt. Die Frau aus Andros, 1931)
Heavend’s my Destination (1935, Dem Himmel bin ich auserkoren, 1951)
Our Town (1938, dt. Unsere kleine Stadt, 1945)
The Skin of Our Teeth (1943, dt. Wir sind noch einmal davongekommen, 1944)
The Matchmaker (1954)
Childhood (1960)
u.a.m.

Barbara Constantine: Und dann kam Paulette

Miteinander durchs Leben gehen

Als Ferdinand eines Tages nach Hause fährt, läuft der Hund seiner Nachbarin Marceline vor seinem Auto auf die Strasse. Ferdinand bringt ihn heim, findet Marceline in einem besorgniserregenden Zustand. Marceline lebt in einem baufälligen kleinen Haus, der nächste Regen bringt das deutlich ans Tageslicht, denn das Dach ist undicht und setzt die Wohnstube unter Wasser. Kurzerhand nimmt Ferdinand Marceline mit ihren Tieren bei sich auf. Platz genug hat er ja.

„Ich kann keine Miete zahlen, das wissen Sie genau.“
„Ich habe nichts von Ihnen verlangt.“
„Warum tun Sie das?“
„Weil es normal ist.“
„Was ist normal?“
„Sich gegenseitig zu helfen.“

Die kleine Wohngemeinschaft funktioniert wunderbar, Hund, Katzen, Esel, Hühner und die beiden Menschen leben einträchtig beieinander. Ab und an kriegen sie Besuch von Ferdinands Enkeln, die frischen Wind ins Haus bringen. Und schon bald wächst die Wohngemeinschaft an, da noch mehr Menschen Hilfe brauchen können und es schliesslich normal ist, sich gegenseitig zu helfen. Die Bewohner des ehemals viel zu grossen Bauernhofs wachsen zusammen und bauen sich miteinander ein Leben auf, bei dem für alle gesorgt ist. Selbst vor neuen Herausforderungen schrecken sie nicht zurück, nehmen sie gelassen und mit Freude.

Hortense [sie ist 95, S.M.] ist ganz aufgeregt, sie will so gern im Web surfen! Einer Maus auf dem Rücken rumklicken! Ein Fässbuch-Profil anlegen! Sie liebt ihre zwei neuen Freunde, vor allem den jungen Mann findet sie witzig, interessant und gutaussehend…oh, là, là!

Barbara Constantine gelingt es, in einer einfachen Sprache eine warmherzige Geschichte von Menschen zu erzählen, die das Schicksal zusammen gewürfelt hat, die sich zusammentun und ihr Leben in die Hand nehmen. Es ist die Geschichte von älteren Menschen, von denen jeder eine traurige Geschichte hinter sich hat, die durch die Gemeinschaft wieder an eine Zukunft glauben und beherzt in diese schreiten. Es ist eine Geschichte voller Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Zuneigung.

Und dann kam Paulette lässt einen lächeln, mitfühlen, sich freuen, hoffen und enttäuscht einen in keiner Art und Weise. Es ist eine unglaublich berührende Geschichte, die durch die Leichtigkeit des Erzählens, die direkte Sprache, welche die jeweiligen Charaktere widerspiegelt und beschreibt sehr nahe geht. Lesegenuss pur. Der einzige Haken: Viel zu schnell ist das Buch gelesen und man wäre so gerne noch länger in der Welt von Ferdinand, Marceline und den anderen geblieben.

Fazit:
Ein berührender, herzlicher, menschlicher, liebenswürdiger Roman. Unbedingt lesen!

Zur Autorin
Barbara Constantine
Barbara Constantine ist 1955 in Nizza geboren. Heute pendelt sie zwischen Berry (weil sie das Landleben liebt), Biarritz (der Familie wegen) und Paris (weil auch das Stadtleben ganz nett sein kann – manchmal jedenfalls) hin und her. Sie ist Drehbuchautorin, Töpferin und Schriftstellerin. Daneben liebt sie es, Bäume zu pflanzen, Scheunen wiederherzurichten und Zeit mit ihren beiden Katzen Alcide Pétochard (ein freundlicher Chamallow) und Pétunia Trouduc (eine kleine Zicke) zu verbringen. Von Barbara Constantine erschienen sind unter anderem Drei Wünsche an den Sommer (2010), Kleiner Tom, was nun? (2012), Und dann kam Paulette (2013).

ConstantinePauletteAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Kindler Verlag (8. März 2013)
Übersetzung von: Ina Kronenberger
ISBN-Nr.: 978-3463406411
Preis: EUR  19.95 / CHF 29.90

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Robert Walser (*15. April 1878)

Am 15. April 1878 kommt Robert Walser in Biel zur Welt, besucht ebenda die Schule und macht später eine Banklehre. Nach einer kurzen Anstellung in Basel zieht Robert Walser 1895 nach Stuttgart, wo er sich als Schauspieler versuchen will, was allerdings ohne Erfolg bleibt. Schon damals ein guter Wanderer läuft er zurück in die Schweiz und landet schliesslich 1896 in Zürich. Es folgen diverse Anstellungen als Schreibkraft.

1898 erscheinen erste Gedichte Walsers in der Berner Zeitung Der Bund. Durch sie wird man ausserhalb der Schweizer Grenzen auf ihn aufmerksam und er wird auch in der Zeitschrift Die Insel publiziert mit seinen Gedichten. Obwohl er durch diese Publikationen in Kontakt mit den literarischen Kreisen Münchens kommt, bleibt er vorerst in Zürich wohnen, wo er Militärdienst leistet 1905, danach zunächst als Gehilfe bei einem Ingeneur arbeitet, schliesslich eine Ausbildung zum Diener macht und eine kurze Zeit als ebensolcher arbeitet auf Schloss Dambrau in Oberschlesien. Auch diese Karriere ist nicht von Dauer, 1906 verschlägt es ihn nach Berlin, sein Bruder Karl lebt da und macht ihn mit den ansässigen Literaten- und Künstlerkreisen bekannt.

In dieser Berliner Zeit entstehen Walsers Romane Geschwister Tanner, Der Gehülfe und Jakob von Gunten. Diese wie auch kürzere Prosatexte kommen in der Literaturszene bei Autoren wie Hesse, Kafka oder Tucholsky ausnehmend gut an, der Zugang zu einem breiteren Publikum blieb ihm aber verwehrt. Leben kann er von seiner Schreiberei kaum. 1913 zieht Walser in die Schweiz nach Biel zurück, es entstehen weitere kleine Prosastücke, die sowohl in Zeitungen wie auch in kleinen Bänden erscheinen. Neben dem Schreiben ist es vor allem das Wandern, das Robert Walser begeistert. Ganze Tage und auch Nächste wandert er durch die Gegend, verarbeitet diese Eindrücke auch in seinem literarischen Werk. 1921 zieht Walser nach Bern, in dieser Zeit entstehen viele Entwürfe zu Gedichten, Prosastücken  und sogar ein Roman. Alles in millimeterkleiner Schrift, die nur selten mit Tinte ins Reine geschrieben wird und so lange nicht zu entziffern ist.

1929 verstärken sich Robert Walsers gesundheitlichen Probleme, er leidet zunehmend an Angstzuständen und Halluzinationen, hört Stimmen. Er kommt in die Heilanstalt Waldau bei Bern, wo er weiter schreibt, immer noch Miniaturen, wie er seine Entwürfe in Millimeterschrift nennt. 1933 wird Robert Walser gegen seinen Willen nach Herisau in die dortige Heil- und Pflegeanstalt übersiedelt. Er hört auf zu schreiben, behält nur noch die Liebe zu ausgedehnten Spaziergängen bei. Auf einem solchen stirbt er am 25. Dezember 1956 an einem Herzschlag.

Werk und Wirkung

Robert Walsers literarisches Werk greift sehr stark seine beruflichen Erfahrungen auf. Das Angestelltentum sowie auch das Dienen sind Motive, die sich in verschiedenen seiner Werke aufgreifen lassen. Auch die ausgedehnten Spaziergänge finden ihren Niederschlag in der Literatur.  In einer ab und an naiven Sprache und auf spielerische Art greift Robert Walser zudem die Umstände seiner Zeit auf und unterlegt den oberflächlich heiter wirkenden Werken eine zweite Ebene, die von den existentiellen Ängsten der damaligen Zeit spricht und auch auf eine sehr feine Beobachtungsgabe der Gesellschaft schliessen lässt.

Obwohl Robert Walser in literarischen Kreisen hoch geschätzt wird, kann er beim breiten Publikum nicht Fuss fassen. Er fühlt sich als Versager, was seine von Natur schon zu Depressionen neigende Verfassung unterstützt.

Erst in neuerer Zeit wird Walser wieder entdeckt und die Grossartigkeit seines literarischen Werkes auch von einem grösseren Kreis erkannt. Leider sind einige seiner Werke verschollen, darunter mindestens drei Romane sowie auch Prosastücke und Gedichte. 1960 erscheint die von Jochen Greven editierte Gesamtausgabe, welche die vorher verstreut publizierten Werke vereint. Noch heute kommen immer wieder neue Funde ans Tageslicht.

Gelassenheit
Seit ich mich der Zeit ergeben,
fühl’ ich etwas in mir leben,
warme, wundervolle Ruh!

Seit ich scherze unumwunden
mit den Tagen, mit den Stunden,
schliessen meine Klagen zu.

Und ich bin der Bürd entladen,
meiner Schulden, die mir schaden,
durch ein unverblümtes Wort:
Zeit ist Zeit, sie mag entschlafen,
immer findet sie als braven
Menschen mich am alten Ort.
(Robert Walser, in: Die Gedichte, Suhrkamp Verlag)

Werke von Robert Walser

  • Geschwister Tanner (1907)
  • Der Gehülfe (1908)
  • Jakob von Gunten (1909)
  • Prosastücke (1916/17)
  • Der Spaziergang (1917)
  • Kleine Prosa (1917)
  • Seeland (1920)

Karin Nohr – Nachgefragt

©Susanne Schleyer
©Susanne Schleyer

Karin Nohr, geboren in Hamburg, studierte Literaturwissenschaft und Psychologie. Nach jahrelanger Therapietätigkeit entschied sie sich, ihre Zeit ganz dem Schreiben zu widmen. Karin Nohr hat eine Tochter und lebt in Berlin und im Wendland. Neben verschiedenen Fachbüchern sind von ihr erschienen Herr Merse bricht auf (2012) und Vier Paare und ein Ring (2013).

 

Karin Nohr erklärte sich bereit, mir einige Fragen zu beantworten, was mich sehr freut.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftstellerin werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Der Auslöser war der Tod meines Mannes

 

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Geht es beim Schreiben nur  um Handwerk, kann man das lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Durch aufmerksames Lesen großer Schriftsteller. Durch Liebe zur Sprache.

 

Wie sieht ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Je nach Buch. Man muss loslassen können, braucht aber auch Planung. Und für manches Recherchen.  Ich schreibe am Vormittag, selten abends, denn dann kann ich nicht mehr schlafen.

 

Woher holen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Das kann ich nicht sagen. Es entsteht ständig etwas. Ideen habe ich mehr als genug.

 

Wie hat Ihre Arbeit als Therapeutin Ihr Schreiben beeinflusst?

Als Therapeut versucht man mitzufühlen, zu verstehen und nicht zu werten. Gerade das Verstehen braucht man auch für seine Romanfiguren. Sonst sehe ich wenig Bezüge.

 

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten sie ab?

Abschalten will ich gar nicht. Aber Abstand finden ist wichtig: durch Arbeit, Spazieren gehen, durch Musizieren, durch Sich Einlassen auf anderes wie Oper, Konzert, Theater, Kino, Freunde etc.

 

Was steckt von Ihnen in ihrem Roman Vier Paare und ein Ring?

Viel und wenig zugleich.

 

Vier Paare und ein Ring zeigt verschiedene Paare und deckt nach und nach Verstrickungen und fast schon Abgründe auf. Annegret ist die einzige, die über eine glückliche Beziehung berichtet – allerdings nur in der Vergangenheit. Idealisieren wir, was wir nicht mehr haben. Geht ein längerfristiges Zusammenleben ohne Brüche in irgendeiner Form nicht?

Mir geht es um Veränderung. Thomas und Ulrike haben Veränderungspotential, weil sie sich in Frage stellen können. Ebenso Annegret. Vielleicht auch Brigitte. Brüche und Krisen können Paare voran bringen. Aber eben nicht alle.

 

Betrug scheint ein zentrales Thema ihres Buches zu sein – was fasziniert sie daran?

 Ich glaube, Betrug und Selbstbetrug sind weit verbreitet und zeigen, wieviel Angst umgeht in den Menschen. Menschen sind ungeheuer kompliziert, wollen es aber oft gern einfach haben. Das führt zu Problemen.

 

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Es muss mich berühren. Mir etwas Neues zeigen. Mich unterhalten. Zum Lachen oder Weinen bringen. Ich mag sehr viele Schriftsteller, unmöglich, sie hier aufzuführen.

 

Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Gottseidank muss ich das nicht!!  Würde es auch keinem anderen antun!! 🙂

 

Ich möchte mich recht herzlich für diese ehrlichen, offenen, auch persönlichen Antworten bedanken.

Karin Nohr: Vier Paare und ein Ring

Lebenswogen mit Wagner

Das Ringprojekt: Drei Paare und eine Witwe mit ihre Tochter besuchen an vier aufeinander folgenden Sonntagen Wagners „Ring der Nibelungen“ in der Semper Oper in Dresden. Bei einem gemeinsamen Nachtessen wollen sie sich jeweils auf die bevorstehende Aufführung einstimmen, bei einem Treffen nach den vier Aufführungen soll eine Nachbetrachtung stattfinden.

Es ist immer dasselbe: Du planst, ich soll mitmachen. Na gut Also ich weiss nicht – vier Sonntage hintereinander Wagner? So lang. So laut. Und dann immer nach Dresden. So weit.

Alle Beteiligten haben unterschiedliche Motivationen, an diesem Projekt teilzunehmen und bei allen löst es Unterschiedliches aus. Sie sehen sich mit sich selber und ihrer Beziehung sowie den Beziehungen untereinander konfrontiert.

Wieder wanderten ihre Gedanken zur Ring-Einladung. Sie lehnte den Kopf zurück und begann zu “fantasieren“, wie sie ein inneres Mäandern bei sich nannte, das sie sonst unterdrückte. Von ihnen beiden war Thomas der Versponnene, der sich oft in seine Gedanken verlor; während sie sich als eine eher kontrollierte Frau empfand […]

Auch die Abgründe kommen ans Licht, die schwelenden negativen Gefühle in der Beziehung,

Wie Brigitte ausgesehen hatte! Wie ein Engel, die Hände erhoben: „Fürchtet euch nicht! Es ist schon gut.“ Er konnte sie provozieren, wie er wollte: Sie bleib ruhig. Der unschuldige Engel. Der wohlmeinende Engel. Der ihn immer und immer ins Unrecht setzende Engel.

sowie zwischen den Teilnehmern:

Da hatten sie nebeneinander gestanden, zwei Frauen, die eine älter aussehend, als sie war, die andere jünger. Was Annegret plötzlich wie eine Kluft empfunden hatte. Ihr eigenes Spiegelbild hatte sich zu wohl und weich neben Evas hagerem ausgenommen; […]

Annegret überliess sich dem schmerzenden Gefühl, das in ihr aufkam, schob es nicht weg. Das hatte sie gelernt in den Jahren nach Alfreds Tod.

Das Ringprojekt nimmt eine eigene Dynamik an und zieht die einzelnen Figuren immer tiefer in einen Strom, der sie einerseits zu sich selber und ihren oft unterdrückten Gefühlen und Gedanken führt, dabei aber auch auf ein Ziel hinsteuert, das so nicht voraussehbar war.

 Aus den verschiedenen Perspektiven der Teilnehmenden des Ringprojekts wird eine Geschichte erzählt, die sich am roten Faden der „Ring der Nibelungen“ orientiert und dann die Auseinandersetzung jedes einzelnen mit Wagners Stück sowie dessen Wirkung auf sich selber aufzeigt. Es wird ein Panoramablick in die Seelenleben jedes einzelnen, der die tiefgreifende Dynamik zwischen den Protagonisten offenlegt.

Karin Nohr gelingt es, die psychologischen Innenschauen und auch Abgründe der jeweiligen Figuren ohne Pathos darzustellen, sachlich, fein, leise, trotzdem so, dass man sich darin wiederfindet, sie nachvollziehen kann.

Fazit:
Ein psychologischer, lebensnaher Roman über menschliche Beziehungen. Ich kann es empfehlen.

Zur Autorin
Karin Nohr
Karin Nohr, geboren in Hamburg, studierte Literaturwissenschaft und Psychologie. Nach jahrelanger Therapietätigkeit entschied sie sich, ihre Zeit ganz dem Schreiben zu widmen. Karin Nohr hat eine Tochter und lebt in Berlin und im Wendland. Neben verschiedenen Fachbüchern sind von ihr erschienen Herr Merse bricht auf (2012) und Vier Paare und ein Ring (2013).

NohrRingAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag (18. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3813505269
Preis: EUR  19.99 / CHF 31.90

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