4. April 1785: Bettina von Arnim

Blumen
Blumen
sind
die
Liebesgedanken
der
Natur
(B.v.A.)

Elisabeth Catharina Ludovica Magdalena Brentano, auch Bettine (so lautet Bettina von Arnims Mädchenname) wurde am 4. April 1785 in Frankfurt am Main in eine aus Italien stammende, begüterte altadelige Familie hineingeboren. Als sie acht Jahre alt war, starb ihre Mutter, weswegen sie fortan in der Ursulinenschule Fitzlar erzogen wurde. Nach dem Tod ihres Vaters, Bettina war damals gerade 12 Jahre alt, kam sie in die Obhut ihrer Grossmutter Sophie von La Roche nach Offenbach und zog später zu ihrer Schwester und deren Mann.

1802 lernte sie Achim von Arnim kennen, den sie 1811 heiratete; aus dieser Ehe stammen sieben Kinder. Als Achim von Arnim 1831 aus heiterem Himmel starb, begann Bettina von Arnims soziales und literarisches Engagement. Sie setzte sich für Arme und Kranke ein und schrieb ihr sozialkritisches Werk Dies Buch gehört dem König (1843), einen fiktiven Dialog zwischen Goethes Mutter und der Mutter des preussischen Königs. Das Werk wurde in Bayern verboten, ebenso das Nachfolgewerk, Gespräche mit Dämonen, welches aus Frustration über das Scheitern der Revolution 1848 entstanden ist.

Bettina von Arnim pflegte eine sehr enge Beziehung zu ihrem Bruder Clemens Brentano, aus der etliche Briefe resultierten. Auch ihre Beziehung zu Goethes Mutter und später zu Goethe selber war Grundlage eines regen Briefwechsels, ebenso ihre Freundschaft zu Karoline von Günderode. Die aus diesen Beziehungen stammenden Briefe wurden von Bettina von Arnim später stark überarbeitet herausgegeben (Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, Die Günderode).

Nach einem Schlaganfall 1854 erholte sich Bettina von Arnim nicht mehr und starb schliesslich 1859.

Werke von Bettina von Arnim:
• Tagebuch (1835)
• Goethes Briefwechsel mit einem Kinde (1835)
• Die Günderode (1840)
• Dies Buch gehört dem König (1843)
• Gespräche mit Dämonen. Des Königsbuch zweiter Teil (1852)
• Ilius Pamphilius und die Amnrosia (1847)

Carola Saavedra – Nachgefragt

©David Franca Mendes
©David Franca Mendes

Carola Saavedra wurde 1973 in Santiago (Chile) geboren und lebte ab ihrem dritten Lebensjahr in Brasilien, wo sie Journalismus studierte. Nach je einem Jahr in Spanien und Frankreich, studierte sie in der Folge Publizistik in Deutschland. Heute lebt Carola Saavedra als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Auf Deutsch erschienen ist von ihr Landschaft mit Dromedar (2013), auf Portugiesisch Toda Terça (2008) und Flores Azuis (2008).

Carola Saavedra hat mir ein paar Fragen beantwortet und mit ihren Ausführungen einen tiefen Einblick in ihr Schreiben und ihr Verständnis von Literatur und Schriftstellerei gewährt.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftstellerin werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich wollte immer Schriftstellerin werden, schon als Kind. Ich denke, das war immer eine Art Obsession, aber auch eine natürliche Folge meines Interesses am Lesen. Als ich lesen lernte, war ich sofort fasziniert. Durch Bücher entstand eine „neue Welt“, man konnte in andere Realitäten eintauchen. Schon bald erfasste mich der Gedanke „ich möchte selbst neue Realitäten schaffen“. Ich denke, ab diesem Moment hatte alles, was ich
im Leben gemacht habe – lesen, reisen, in Deutschland studieren, usw. – auch damit zu tun, später eine  Schriftstellerin zu werden.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Geht es beim Schreiben nur um Handwerk, kann man das lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu  schreiben?

Das Thema interessiert mich sehr, ich leite in Brasilien selbst Schreibwerkstätten. Ich denke, man kann dabei das Handwerk lernen, was vielleicht einigen Leuten den schwierigen Weg des Schriftsteller-Werdens erleichtern oder verkürzen kann. Ohne Talent kann man aber kein ernsthaftes literarisches Werk schaffen. Das Problem ist, dass man nicht wissen kann, ob man Talent hat oder nicht, ohne vorher viel zu schreiben, viel gearbeitet zu haben. Wie gesagt, Talent ist ganz elementar, aber nur das allein bringt auch nichts. Ich glaube Literatur entsteht aus einer Mischung von Talent und sehr harter Arbeit, großer Ausdauer. Ich selbst habe nie eine Literaturwerkstatt besucht, das hat mich nicht interessiert, ich wollte allein zu möglichen  Lösungen kommen. Wenn ich jemanden gehabt hätte, der mir das „Handwerk“ beigebracht hätte, wäre mein erstes Buch vielleicht viel früher entstanden, aber ich wäre heute wohl eine andere Schriftstellerin.

Wie sieht ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen  Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Man fängt ein Buch nicht erst zu schreiben an, wenn die ersten Worte geschrieben werden, der Prozess  beginnt schon viel früher. Ich mache mir zuerst Notizen. Eigentlich mache ich mir immer Notizen: über Themen, die mich interessieren, einen Film den ich gesehen habe, eine Szene, ein Lied, ein Gespräch, das ich in einem Café gehört habe, usw. Ich habe immer viele Notizbücher, das ist für mich sehr wichtig, die nehme ich immer mit. Erst später, wenn ich die ersten Umrisse für den Roman habe – Figuren, Handlung, Struktur – fange ich an, den Text am Computer zu schreiben.

Woher holen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie entsteht plötzlich  eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Was die Handlung angeht, hole ich mir die Ideen aus dem Leben selbst und auch aus anderen Büchern. Ein Schriftsteller ist jemand, der einen bestimmten Blick für die Welt, seine Umgebung und sich selbst hat. Durch diesen Blick kann er Nuancen bemerken, die man normalerweise nicht beachten würde. Sehr wichtig  für mich ist die Struktur, die Form, wie ich eine Geschichte erzähle. Am Meisten inspirieren mich andere Künste: Filme, Bilder, Musik. Aus diesen verschiedenen Gebieten versuche ich, etwas Neues zu schöpfen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten sie ab?

Ich bin nicht nur wenn ich schreibe Schriftstellerin, sondern ich bin es 24 Stunden am Tag. Alles was ich sehe  und erlebe kann für meine Bücher wichtig sein. Schriftsteller zu sein ist kein Beruf wie Verkäufer,  Lehrer oder Rechtsanwalt, man geht nicht jeden Tag ins Büro, man hat keine feste Arbeitszeiten. Und auch  wenn man an etwas ganz anders denkt, auch wenn man schläft, auch dann ist man in diesem ständigen  Schreibprozess. Nur aus dieser Obsession kann für mich ein Werk entstehen.

Was steckt von Ihnen in ihrem Roman Landschaft mit Dromedar?

Nichts und alles, würde ich sagen. Um diesen autobiographischen Aspekt zu erklären, gebe ich Ihnen einen Beispiel aus meinem ersten Roman „Jeden Dienstag“ (er ist noch nicht ins Deutsche übersetzt). Eine der Hauptfiguren ist eine junge Frau, Laura. Sie geht einmal in der Woche zum Therapeuten und lügt ihn jedes Mal an. Irgendwann sagt sie spöttisch zu ihm: Und wenn alles, was ich dir erzähle, eine Lüge ist? Was wäre dann der Sinn dieser Behandlung? Er antwortet ihr, dass es ihm egal ist, ob sie lügt oder nicht, weil die  Tatsache, dass sie sich eine bestimmte Lüge ausgesucht hat und nicht andere, schon viel über sie erzählt. Und so sehe ich auch die Beziehung zwischen dem Autor und seinem Buch: Alles ist Fiktion, aber die Tatsache, dass ich mich entschieden habe, eine bestimmte Fiktion zu erzählen und nicht eine andere, sagt bestimmt viel über mich aus.

Wieso nimmt ihre Protagonistin ihre Gedanken auf und schreibt sie nicht nieder?

Sie hat Angst vor der geschriebenen Sprache, sie versucht etwas zu sagen, ohne dass die Worte so schwer werden. Das ist natürlich ein Trugschluss, da die gesprochenen Worte am Ende transkribiert werden und wieder dieses Gewicht bekommen.

Ihr Buch stellt die klassische Beziehung in Frage, doch das Modell ihres Romans scheint auch Probleme zu  geben. Ist der Mensch grundsätzlich nicht beziehungsfähig oder täte jedem ab und an eine Insel gut?

Ich denke nicht, dass der Mensch beziehungsunfähig ist, aber es scheint mir, dass wir mit zu großer Leichtigkeit das Wort Liebe benutzen. Liebe ist überall, wo wir hinschauen und –hören: Im Fernsehen, in der  Werbung, in Liedern. Jemanden wirklich zu lieben, mit jemandem zusammenleben zu wollen und seine  Schwächen zu akzeptieren, verlangt aber eine große Hingabe. Die Liebe liegt meiner Ansicht nach nicht in  unserer Natur, anders als die Leidenschaft. Ich denke, die Insel, im Sinne des In-sich-Zurückziehens, kann  (aber nur kann) ein Weg sein, um später eine Brücke zu Anderen zu schlagen.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Ich interessiere mich für eine Literatur, die einerseits eine Geschichte erzählt, sich dabei aber andererseits  selbst entwirft, Fragen über den Schreibprozess stellt. Eine Literatur, die den Leser als Ko-Autor sieht, die ihm Raum gibt, selbst die verschiedenen Fäden zusammenzuführen. Letztendlich eine Literatur, die den  Anspruch auf Wahrheit und Vollständigkeit in Frage stellt. Viele Schriftsteller arbeiten oder haben in diesem Sinne gearbeitet, aber der vielleicht größte Autor in dieser Hinsicht ist der Argentinier Jorge Luis Borges.

Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Es ist sehr schwierig sich selbst zu beschreiben aber ich nenne Ihnen drei Begriffe, die lange Zeit für mich sehr wichtig waren und es immer noch sind: Fernweh, Heimat und Grenzen.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Giacomo Casanova

Am 2. April 1725 erblickt Giacomo Casanova in Venedig das Licht der Welt. Als Kind ist er weit vom Lebemann entfernt, als den man ihn später in diversen Romanen beschreibt: Als eher kränkliches Wesen steht er dem Tod oft näher als dem Leben. Das hätte seinen Kampfgeist wachsen lassen, behauptet er später.

Bereits mit 17 Jahren ist er Doktor der Rechte, tritt danach – wieder entgegen des späteren Bildes – in die Kirche ein, um die Priesterlaufbahn einzuschlagen (der Wunsch der Grossmutter ist hier massgebend). Ein betrunkener Fall von der Kanzel beendet diese Laufbahn. Danach sucht er erneut Kontakt mit dem Recht, allerdings nicht in Anwaltsrobe, sondern als Inhaftierter wegen Erbstreitigkeiten.

Casanovas nächste Etappe ist Rom. Nach netten Plaudereien mit dem Papst, kommt er seinem später überlieferten Bild näher: Ein Liebesabenteuer wird vermeldet. Dieses bringt neuen Wind in sein Leben und zwingt ihn in die Flucht: weg aus Rom ist die Devise. Es folgen neue Abenteuer, von diversen Kindern ist die Rede, ihm selber fehlt der Überblick.

Trotz seinem eher unehrenhaften Abgang aus dem Klerikerkreis versteht er sich mit dem Papst ausnehmend gut, erwirkt sich einige Privilegien und Sonderrechte, wird sogar zum „Ritter des Goldenen Sporns“ ernannt. Das lässt er sich nicht zweimal sagen und nennt sich fortan Cavaliere. Damit die Herkunft zum Titel passt, erfindet er statt des sowieso nicht sicher feststehenden Schauspielers den passenden Vater dazu, was allerdings auffliegt und ihn erneut zur Flucht zwingt – es soll nicht das letzte Mal gewesen sein.

Reisen, Engagements an Theatern, erneute Fluchten, Inhaftierungen – langweilig wird Casanovas Leben auch in der Folge nicht, die Schreiberlinge kommen nicht mehr nach, alles festzuhalten, weswegen nichts wirklich belegt und mit Sicherheit zu bestimmen ist.   Belegt ist erst wieder seine Inhaftierung in Venedig, er ist zwischenzeitlich den Freimaurern beigetreten. Nun darbt er in den Bleikammern Venedigs und versucht, mithilfe des Buches von Ludovico Ariosto, L’Orlando Furioso, die Flucht, was ihm auch gelingt. Er schreibt dies seinem als krankes Kind erprobten Kämpfergeist zu. Solches Material kann er nicht einfach versanden lassen, er schreibt darüber ein Buch.

Es folgten Reisen kreuz und quer durch Europa. In England treibt ihn eine unerwiderte Liebe zu einer 18-Jährigen fast in den Selbstmord, er überlebt auch das – ganz Kämpfer. Weitere Reisen werden unternommen, eine Stelle gesucht, was sich als schwer erweist. Was er kriegt – eine Stelle als Landjunker – will er nicht und was er will – eine Stelle bei der russischen Zarin, kriegt er nicht. Das alles lässt ihm aber genügend Zeit für weitere Abenteuer, es wird von Duellen berichtet, von Flucht und von Geliebten. In der Hoffnung, in Venedig etwas Gnade zu finden, verfasste er sein Werk „Confutazione della Storia del Governo veneto d’Amelot de la Hussaie“ (eine Antwort auf ein Venedig kritisches Werk ), was gelingt, so dass er nach Venedig zurückkehren kann.

Erneute Vatererfindungen lassen auch diesen Aufenthalt wieder enden, weitere Reisen folgen. Erst in Wien kommt er zur Ruhe, arbeitet da auf Schluss Dux als Bibliothekar. Damit es nicht zu ruhig wird, legt er sich ab und an mit den Schlossherren an, beschwert sich über Kaffee und Kuchen und andere wichtigen Dinge.

Sein wohl wichtigstes Werk sind seine Memoiren, die zur Weltliteratur gezählt werden und in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden. Ansonsten glänzt er wohl mehr als Romanvorlage denn als Literat, was bei seinem Lebenswandel und bewegten Leben nicht zu verwundern vermag.

Werke von Giacomo Casanovas

Memoiren – Geschichte meines Leben

Dieses Buch ist eigentlich das einzige von Giacomo Casanovas Werken, das Bekanntheitsgrad erreichte und auch übersetzt wurde. Viele seiner Bücher sind nur auf Italienisch erschienen und von eher nicht erwähnenswertem literarischem Wert.

Carola Saavedra: Landschaft mit Dromedar

Alex und Erika, ein Künstlerpaar, eine junge Frau, Karen, die sich zu ihnen gesellt. Eine Dreiecksbeziehung, in der jeder seine Rolle hat, die er selber nicht klar erkennt, die er aber ausfüllen muss, damit die Beziehung funktioniert.

Ich denke, mittlerweile hast du begriffen, dass es genau diese Momente sind, in denen alles vollkommen scheint, die den schrecklichsten Ereignissen, den schlimmsten Tragödien vorausgehen. Vielleicht hat jedes Glücksgefühl einen falschen Boden, eine künstliche Tonalität, und ist nur dazu da, einen Kontrast zu bilden zu dem, was kommt.

Karen stirbt und mit ihrem Tod ändert sich alles. Die Beziehung, die schon vor Karen bestand, scheint ohne sie nun nicht mehr zu funktionieren.

Ich habe grosse Angst, wie das sein wird, wir ohne Karen. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie es vorher gewesen war, aber ich kann es nicht.

Erika flieht auf eine Insel, kapselt sich ab von ihrer Vergangenheit, von Alex. Auf einem Tonbandgerät nimmt sie ihre Gedanken, ihr ganzes Leben auf der Insel auf – sie spricht auf diese Weise zu Alex, den sie in Wirklichkeit meidet.

Das Leben, das einmal war, erscheint plötzlich als sinnlos,  Kunst als wertlos. Erika sehnt sich nach den wirklichen Leben und sie sucht es sich, gibt sich hinein. Sie fühlt sich wohl, findet den ersehnten Schutz, auch wenn sie nicht weiss, wovor.

Wovor hatten wir Angst? Wovon haben wir uns bedroht gefühlt? Vielleicht von uns selber?

Landschaft mit Dromedar ist die Geschichte einer Suche. Erika sucht den Sinn des Lebens, sie sucht ihr Leben und sich selber. Sie hinterfragt, was war, fragt sich, was in ihrem Leben wirklich ihr Anteil war und was von aussen kam. Sie verliert sich selber in diesen Fragen, erfindet sich neu, um das Heute bestehen zu können. Und langsam findet sie so die Zuversicht, dass es ein Morgen gibt und nimmt den Weg dahin in die Hand.

Mit viel Feingefühl lässt Carola Saavedra Erika ihre Geschichte in 22 Tonbandaufnahmen erzählen. Man nimmt als Leser eine Geräuschkulisse wahr, wird selber zum Zuhörer und findet sich in der Position, sich selber die Fragen zu stellen, die sich Erika stellt. Es sind Fragen des Lebens, Fragen, die jeden betreffen. „Wer bin ich? Wie will ich sein? Was ist mein Weg? Was ist die Liebe?“ Aus diesen Fragen, Gedanken und Erinnerungen entsteht ein Roman, der Lebenslügen aufdeckt und neue erschafft, um sie wieder zu durchschauen.

Fazit:
Ein nachdenkliches, ein tiefes Buch, eines, das Fragen stellt, einen zum sich selber hinterfragen anregt. Sehr empfehlenswert.

 

Zur Autorin
Carola Saavedra
Carola Saavedra wurde 1973 in Santiago (Chile) geboren und lebte ab ihrem dritten Lebensjahr in Brasilien, wo sie Journalismus studierte. Nach je einem Jahr in Spanien und Frankreich, studierte sie in der Folge Publizistik in Deutschland. Heute lebt Carola Saavedra als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Auf Deutsch erschienen ist von ihr Landschaft mit Dromedar (2013), auf Portugiesisch Toda Terça (2008) und Flores Azuis (2008).

ABB_SaavedraLandschaftmitDrome_978-3-406-64709-3_1A_CoverAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 175 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (13. März 2013)
Übersetzung: Maria Hummitzsch
ISBN: 978-3406647093
Preis: EUR  17.95/ CHF 28.90

 

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Thomas Bien: Buddhas Glücksgeheimnis

Glückliche Menschen leben in einer Welt, in der ständig etwas Gutes passiert. Liebevolle Menschen sehen überall Güte und Freundlichkeit. […] Verärgerte Menschen leben in einer durch und durch ungerechten Welt. Neidische Menschen leben in einer Welt, in der alle mehr haben als sie.

Thomas Bien zeigt in seinem Buch Buddhas Glücksgeheimnis auf, dass wir selber dafür verantwortlich sind, wie wir unsere Welt wahrnehmen und wie wir uns in ihr fühlen. Durch Beispiele aus buddhistischen Schriften, Geschichten über Buddhas Weg hin zur Erleuchtung sowie anhand von einfachen Übungen zeigt Thomas Bien, was wir selber verändern können, um glücklicher im Leben zu sein.

Thomas Bien beleuchtet dabei die illusionäre Sicht auf das eigene Ich, aus welcher Leid erst entsteht. Das Ich gibt es nicht, so seine Devise. Er beruft sich dabei einerseits auf buddhistische Lehren der umfassenden Einheit, andererseits auf eine neurowissenschaftliche Studie. Der neurowissenschaftlichen Forschung und der darum herrschenden Diskussion wird er damit nicht gerecht.

Fazit ist, dass wir die Identifikation mit dem Ich und allem, was wir dazu zählen, loslassen müssen, um wirkliche Freiheit zu erlangen. Erst wenn wir uns nicht mehr identifizieren, hängen wir an nichts und müssen nicht leiden, wenn Dinge vergehen. Denn das, so Bien, ist ein weiterer Punkt auf dem Weg zum Glück: Das Akzeptieren der Vergänglichkeit von allem. Nichts ist beständig, alles entsteht, um auch wieder zu vergehen. Hängen wir uns an die Dinge, werden wir jeder Veränderung mit Schrecken entgegen sehen. Lassen wir los, können wir das Kommen und Gehen gelassen betrachten und uns daran freuen.

Nur durch ein bewusstes und achtsames Leben werden wir wirklich den vollen Genuss dieses Lebens erfassen und darin besteht das Glück. Glück ist kein andauernder Zustand, sondern es sind die vielen kleinen Momente, die achtsam und ganz präsent genossen Glücksgefühle in uns auslösen.

Das Buch bietet eine schöne und leicht lesbare Wegbeschreibung hin zum eigenen Glück. Alle Wegweiser sind dabei nicht neu, sie finden sich in vielen Büchern zu Themen rund ums Glück, den Buddhismus und die Achtsamkeit. Insofern ist dieses Buch einfach eines mehr im jetzt schon vielfältigen Angebot. Durch die Vielfalt von eingängigen Geschichten, Übungen, die leicht zu praktizieren sind und psychologischen Hintergründen ist es aber sicher eines der lesenswerteren Bücher in der Glücksliteratur und damit sehr zu empfehlen.

Fazit:

Unterhaltsam geschriebene Wegbeschreibung hin zu einem bewussteren und damit glücklicheren Leben. Gehen muss man den Weg selber, wirklich neu ist auch die Beschreibung nicht, trotzdem ist das Buch empfehlenswert und lesenswert.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 316 Seiten
Verlag: Lotos Verlag (2012)
Übersetzung: Jochen Lehner
Preis: EUR 19.99 ; CHF 31.90

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Erschienen im Yoga Magazin Schweiz

Stefan Zweig: „Ich wünschte, dass ich Ihnen ein wenig fehlte“

Das vorliegende Buch veröffentlicht erstmals die Briefe Stefan Zweigs an Lotte Altmann aus den Jahren 1934 – 1940. Die bislang schlecht dokumentierte Zeit in Stefan Zweigs Leben wird damit besser beleuchtet, stammen doch die bisherigen Kenntnisse fast ausschliesslich aus den Hinterlassenschaften und biographischen Schriften Friderike Zweigs, welche – es liegt in der Natur der Sache – nicht wirklich objektiv waren in Bezug auf die Person Stefan Zweigs.

Lotte Altmann kommt als Sekretärin zu Stefan Zweig, eingestellt wird sie von dessen Frau Friderike. Sie soll Stefan Zweigs Manuskripte abtippen, seinen Brieverkehr und sonstig schreibenden Tätigkeiten übernehmen. Schon bald scheint es zu einer Annäherung zwischen Stefan Zweig und Lotte zu kommen.

Ich bin vielleicht keine ganz leichte Natur, im allgemeinen werde ich Menschen rasch müde, es stört mich bald eine ihrer im Anfang verborgenen Eigenschaft, aber bei ihnen spürte ich von Anfang an eine solche Aufrichtigkeit, dass ich mich sicher fühlte.

Friderike ertappt die beiden in einer eindeutigen Situation, welche fortan zwischen den Eheleuten steht, aber nie beim Namen genannt, immer nur angetönt wird.

Trotz der offensichtlichen Verbundenheit bleibt die Sprache zwischen Lotte Altmann und Stefan Zweig immer sehr distanziert und sachlich. Zwar klingt eine Herzlichkeit durch die Zeilen, aber es kommt zu keinen wirklichen Bekenntnissen oder Andeutungen von Gefühlen, die über eine menschliche Anteilnahme am Wohlbefinden Lottes hinausgehen. Auch die Anrede bleibt über die ganze Dauer hinweg bis hin zur Hochzeit im Jahr 1939 förmlich, er schreibt sie als „Liebes Fräulein Altmann“ oder gar Liebes F. A. und mit Sie an.

Der einzige Brief, der diese Förmlichkeit durchbricht und Gefühle preisgibt, stammt von Lotte Altmanns – es ist der einzige von ihr erhaltene Brief, sonst finden sich nur Stefan Zweigs Briefe. Sie gesteht ihm darin, was er ihr bedeutet:

Mein Lieber, ich finde mich selber schrecklich feig, aber ich habe Angst, dass jemand dabei ist, wenn du den Brief bekommst […]
Ich möchte dir noch einmal sagen (oder habe ich es Dir noch nie gesagt, wie gerne ich Dich habe und wie glücklich Du mich durch Deine Freundschaft gemacht hast. […] Ich denke oft an Dich und unser Zusammensein.

Stefan Zweigs Antwort auf diesen Brief lässt einige Formalismen fallen, so ist es der einzige mit der Anrede „Liebes Fräulein Lotte“, er spricht von ihrem gemeinsamen Unternehmen (womit ihre Verbindung gemeint ist) und unterschreibt mit Stefan Z. (statt Stefan Zweig oder S.Z.). Bei den folgenden Briefen kehrt er wieder zur gewohnten Distanz zurück.

Die Briefe Stefan Zweigs zeichnen das Bild eines Mannes, dem die Arbeit über alles geht. Menschliches, Zwischenmenschliches ist ihm oft ärgerlich, da es ihn vom Arbeiten abhält.

Ich halte meine Arbeit für wichtiger als gesellschaftliche Verabredungen […] Aber ich bin’s schon gewohnt, dass alles hinter meine Arbeit gesetzt wird.

Stefan Zweig braucht zum Arbeiten völlige Ruhe, Einsamkeit auch, kann es nicht haben, wenn Menschen in der Wohnung, gar im Raum sind. Darüber kam es zu diversen Zerwürfnissen mit seiner ersten Frau Frederike Zweig, die teilweise auch in Briefen beschrieben und in diesem Buch abgedruckt sind.

Ich brauche nun Ruhe zur Arbeit, möchte auch bitten, mir nachmittags oder abends drei Stunden (geschlossene) vorher mitzuteilen, an denen ich allein hier im Haus bin. Ich kann nicht bei dem Hin- und Hergehen […] das Wesentliche arbeiten, das ich zu tun habe.

Stefan Zweig erscheint in seinen Briefen als Mann, der sehr charmant, sehr mitfühlend, sehr aufmerksam ist, so lange er arbeiten kann, die Dinge in seinem Sinne und wenig störend laufen. Sobald dies nicht der Fall ist, ändert sich sein Betragen drastisch und er braucht sehr klare Worte, seinen Unmut kundzutun. Dies äussert sich vor allem gegenüber Frederike, der er vorwirft, ihn als Ernährer zu wenig zu achten, sich ihm zu wenig zu unterwerfen und sein Arbeiten mit ihrem Wunsch nach Selbständigkeit zu stören.

Da ist ein Familienleben nur möglich, wenn die Familie sich vertrauensvoll und respektvoll dem unterwirft
1) der sie erhält
2) dessen „Beruf“ der einzig wichtige und einträgliche ist gegenüber den dilletantischen Spielereien
3) der der erfahrenste ist und am meisten über die Dinge vorausdenkt.
[…] betrachtet nicht Ihr meine Arbeit als das Centrale und einzig Wichtige, so Ich. Und damit Adieu.

Da es lange Etappen ohne Briefe gab, in denen die Lotte Altmann und Stefan Zweig gemeinsam unterwegs waren, werden die Briefe im vorliegenden Buch in ihren biographischen Kontext eingebettet, welchen der Herausgeber, Oliver Matuschek, Verfasser der sehr akribisch recherchierten Biographie Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biographie, fundiert kennt. Zudem erklärt er nicht eindeutige Briefpassagen und hilft so zum besseren Verständnis.

Nach der Eheschliessung 1939 finden sich fast nur noch Briefe an Angehörige, die von Stefan Zweig und Lotte Altmann oft gemeinsam geschrieben werden. Das Buch wird beschlossen mit einem kurzen Anhang mit wenigen Hintergrundinformationen zu den Briefen und marginalen Interpretationen derselben. Da die Interpretationen eher knapp und teilweise spekulativ sind, hätte gut auf sie verzichtet werden können. Dies aber nur eine kleine Kritik am Rande eines sonst gelungenen und aufschlussreichen Buches.

 

Fazit:
Mit diesem Buch ist es gelungen, Stefan Zweigs Leben in der Zeit zwischen 1934 und 1940 vor dem Hintergrund der damaligen geschichtlichen Ereignisse und den Menschen Stefan Zweig durch seine eigenen Briefe darzustellen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Stefan Zweig
Stefan Zweig wurde 1881 in Wien geboren, lebte von 1919 bis 1934 in Salzburg und zog dann nach London, wo er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die britische Staatsbürgerschaft annahm. 1940 reiste er mit seiner Frau Lotte über New York, Argentinien und Paraguay nach Brasilien, wo er sich 1942 umbrachte. Seine Frau Lotte folgte ihm in den Tod. Von Stefan Zweig erschienen sind unter anderem Brennendes Geheimnis (1911), Angst (1925), Sternstunden der Menschheit (1927), Ungeduld des Herzens (1939), Schachnovelle (1942) sowie diverse literarische Porträts.

Zum Herausgeber
Oliver Matuschek
Oliver Matuschek wurde 1971 geboren, studierte Politologie und Neuere Geschichte. Er ist Mitautor mehrerer Dokumentarfilme, war von 2000 bis 2004 Mitarbeiter des Anton-Ulrich-Museums in Braunschweig und 2008 Kurator der Ausstellung „Die drei Leben des Stefan Zweig“ im Deutschen Museum in Berlin. Von Oliver Matuschek erschienen sind unter anderem Ich kenne den Zauber der Schrift. Katalog und Geschichte der Autographensammlung Stefan Zweig (2005) und Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biopgraphie (2006).

ZweigBriefeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 367 Seiten
Verlag: Fischer Verlag (März 2013)
Herausgeber: Oliver Matuschek
ISBN: 978-3596950041
Preis: EUR 24.99 / CHF 39.90

 

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Michael Stavarič – Nachgefragt

©Lukas Beck
©Lukas Beck

Michael Stavarič wurde am 7. Januar 1972 in Brünn geboren und kam mit 7 Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich. Er studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik. Neben vielfältigen anderen Anstellungen arbeitete er auch als Rezensent für Die Presse sowie das Wiener Stadtmagazin Falter sowie als Gutachter für tschechische Literatur bei verschiedenen Verlagen. Michael Stavarič lebt heute als freier Schriftsteller in Wien. Er schreibt neben Romanen auch Gedichte, Essays und Kinderbücher, besticht dabei immer durch eine sehr kreative Sprache. Von ihm erschienen sind u. a.  Flüggellos (Gedichte, 2000), Böse Spiele (Roman, 2009), Brenntage (Roman, 2011), Gloria nach Adam Riese (Kinderbuch, 2012).

Michael Stavarič hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten und mir damit einen Einblick in sein Schreiben gewährt.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Ich wollte schon immer Schriftsteller werden, liebte Bücher und es war alles in allem naheliegend. Hinzu kam meine Zweisprachigkeit und die damit verbundenen kleinen Traumata. Ich bin bis heute der Meinung, diese förderten die Lust zu schreiben.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man das lernen oder sitzt es in einem? Wie hast du gelernt zu schreiben?

 Ich glaube nicht, dass man „es“ lernen kann; es gibt so etwas wie eine Disposition in einem. Die hat man oder eben nicht. Das trifft auf jeden künstlerischen Beruf zu. Disposition meint natürlich auch Sozialisation etc. Man kann sich allerdings in Workshops, Unis etc. Rüstzeug aneignen.

Wie sieht dein Schreibprozess aus? Schreibst du einfach drauf los oder recherchierst du erst, planst, legst Notizen an, bevor du zu schreiben beginnst? Wann und wo schreibst du?

Ich schreibe meistens unterwegs, ich führe das Leben eines Nomaden. Ich überlege mir lange, WIE ich eine Geschichte erzählen möchte, wie die Sprache dazu aussieht, der Duktus etc. Der Rest kommt dann von allein. Das ist natürlich bei jedem Projekt verschieden. Meine Kinderbücher etwa sind viel „geplanter“.

Woher holst du die Ideen für deine Bücher? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert dich?

Woher kommt Inspiration? Keine Ahnung … manche Dinge bleiben im Verborgenen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schaltest du ab?

 Nein, weil das Schreiben kein „Job“ oder „Beruf“ ist, es ist die sprichwörtliche Berufung. Ich habe nie und immer Ferien.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Bist du auch in deinen Figuren? Gibt es eine, mit der du dich speziell identifizierst?

 Die Literatur beginnt mit dem Autobiographischen. Später wird sie fiktiver und irgendwann ist sie hoffentlich eine Imagination. Natürlich gibt es Details aus dem Leben, die ich gern in meine Bücher einfließen lasse. Manche Figuren sind mir näher, andere ferner, auf das Gesamte betrachtet, habe ich sehr wenig mit meinen Romanfiguren zu tun.

Deine Literatur ist sprachlich ausgefallen, es steckt sehr viel Poesie und Sprachspiel in deiner Sprache. Was fasziniert dich an der Sprache? Ist die Sprache teilweise wichtiger als der Inhalt?

Sprache ist unser wichtigstes Kulturgut. Sie ist das, was den Menschen an sich ausmacht. Ich war schon immer von Sprache fasziniert. Und auch die Literatur erschloss sich mir stets über eine besondere Sprache, weniger mittels Geschichten.

Böse Spiele stellt die klassische Beziehung in Frage, Beziehungen erscheinen als komplizierte Angelegenheit. Ist Liebe nur ein Spiel oder macht man eines draus, weil sie überfordert?

Immerhin kann man festhalten, dass nur intelligente Lebensformen verspielt sind. Die Liebe ist eine Konfliktzone. Die Liebe ist Himmel auf Erden. Wir leben und denken bipolar. Auch das ist menschlich.

Was muss ein Buch haben, dass es dich anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die du speziell magst?

Es muss mich sprachlich beeindrucken, alles andere bleibt für mich austauschbar.

Wenn du dich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Unbedacht. Unmöglich. Unverfälscht.

Ganz herzlichen Dank für diese Antworten über das Schreiben, die Sprache und den Autoren dahinter.

Ein Porträt von Michael Stavarič mit Bild und Ton findet sich hier:

Michael Stavarič: Böse Spiele

Ein Mann liebt eine verheiratete Frau. Mit ihr könnte er sich alles vorstellen, was er sich sonst im Leben nicht vorstellen kann. Sie ist die richtige Frau für ihn, nur: Sie ist nicht frei. Eine Frau liebt diesen Mann, sie könnte sich mit ihm alles vorstellen, weil er für sie der Mann überhaupt ist. Allein: Er ist nicht frei. Der Mann wartet, weil er ein Mann ist, der warten kann, die Frau wartet, weil sie eine Frau ist, die warten kann. Das Ganze unter Plastikpalmen mit verschiedenen Farben, je nach Situation und Stimmung.

Am nächsten Tag stehen wir unter einer schwarzen Plastikpalme, sie trägt ihr Herz links, wo es hingehört, und ich spinne meines in Trauerflor, trage schwer daran, dass sie eine vollkommene Frau ist und ich nur ein passabler Mann.

Michael Stavarič erzählt die komplizierte Geschichte von menschlichen Beziehungen. Gefühle, die hochschlagen und tief fallen, Menschen mit Träumen, Hoffnungen, Phantasien und Zwängen. Liebe, die gelebt werden will und scheitert, Betrug, der schön geredet wird, schmerzt und doch bittersüss ist. Es ist eine Geschichte direkt aus dem Leben, erzählt, wie sie passiert, mit allen Wirrnissen, Hindernissen, Verstrickungen und Verzweiflung, die doch voller Hoffnung steckt. Eine Geschichte, in der alle dasselbe wollen, sich allerdings in ihrem Wollen nicht finden, weil immer etwas im Weg steht.

Dass sie die Vollkommenheit liebe und ich meine Freiheit, dass ich aufhören müsse zu glauben, ich könne noch etwas zum Besseren wenden.

In einer teilweise lyrisch anmutenden Sprache beleuchtet Michael Stavarič die menschlichen Abgründe, die Lebenslügen und Spiele mit Gefühlen. Leitmotive führen durch den Roman, verleihen ihm eine innere Kohärenz, die auf allen anderen Ebenen zu fehlen scheint. Erzählerperspektive, Realitätsebene, Zeitstruktur – alles ändert, sprungartig, augenblicklich. Der Leser pendelt zwischen Innensichten und Dialogen, zwischen Erzählung und Wünschen hin und her und sieht sich immer wieder denselben Motiven ausgesetzt.

Böse Spiele besticht durch eine plastische Sprache, durch eine Lebendigkeit in Form und Stil. Bildhaftigkeit ersetzt blosse Beschreibung, Farben drücken Stimmungen aus, wiederkehrende Refrains erzeugen eine Melodie. Literatur erscheint hier als Komposition aus Tönen, Bildern und Stimmungen.

Fazit:
Lyrische Prosa voller Brüche und Widersprüche, verwirrend und doch lebensnah. Eine lohnende Herausforderung.

Zum Autor
Michael Stavarič
Michael Stavarič wurde am 7. Januar 1972 in Brünn geboren und kam mit 7 Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich. Er studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik. Neben vielfältigen anderen Anstellungen arbeitete er auch als Rezensent für Die Presse sowie das Wiener Stadtmagazin Falter sowie als Gutachter für tschechische Literatur bei verschiedenen Verlagen. Michael Stavarič lebt heute als freier Schriftsteller in Wien. Er schreibt neben Romanen auch Gedichte, Essays und Kinderbücher, besticht dabei immer durch eine sehr kreative Sprache. Von ihm erschienen sind u. a.  Flüggellos (Gedichte, 2000), Böse Spiele (Roman, 2009), Brenntage (Roman, 2011), Gloria nach Adam Riese (Kinderbuch, 2012).

StavaricSpieleAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 155 Seiten
Verlag: C.H.Beck (21. Januar 2009)
Preis: EUR  16.90 / CHF 25.10

 

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Mario Vargas Llosa: Briefe an einen jungen Schriftsteller

In Briefen an einen imaginären jungen Schriftsteller erläutert Mario Vargas Llosa das Handwerk eines Romanschriftstellers. Er beschreibt dabei anfänglich seinen eigenen Wunsch, bei seinen grossen Vorbildern nachzufragen, wie man Schriftsteller wird und lobt des Jünglings Mut, den Schritt gewagt zu haben.

Sie haben sich nicht lähmen lassen, denn Sie haben mir geschrieben. Das ist ein guter Anfang für das Abenteuer, auf das sie sich einlassen wollen und von dem Sie sich vermutlich, auch wenn Sie es nicht erwähnen, Wunderbares versprechen.

Mario Vargas Llosa warnt davor, sich von der Schriftstellerei zu viel zu erhoffen, vor allem warnt er davor, den Weg aus Wunsch nach Erfolg zu gehen. Erforderlich seien vor allem Disziplin und Ausdauer, ein Schriftsteller ordne alles andere seinem Tun, das für ihn Berufung sei, unter.

Ihre Entscheidung, aus der Begeisterung für die Literatur Ihr Schicksal zu machen, muss zur Fronarbeit, ja zur Sklaverei werden.

In der Folge geht Mario Vargas Llosa auf alle wichtigen Themen ein, denen ein junger Schriftsteller auf dem Weg hin zu seinem Roman begegnet. Er behandelt die Themenwahl und das Finden von Ideen, schreibt über die nötige Überzeugungskraft, welche es braucht, um den Leser von der Geschichte einzunehmen. Wichtig ist auch der Stil, in dem eine Geschichte geschrieben wird, denn dieser muss der Geschichte entsprechen und damit ein Gefühl der Authentizität vermittleln.

Mario Vagas Llosa geht weiter, Erzähler, Raum und Zeit sowie verschiedene Realitätsebenen zu beleuchten, zeigt auf, dass auch Wechsel innerhalb einer Geschichte möglich sind, wenn diese der Geschichte dienen, sie eine Perspektive eröffnen, die sinnvoll und notwendig ist. Die Notwendigkeit der Wahl ist immer entscheidend dafür, ob die Geschichte beim Leser ankommt. Anhand von vielen literarischen Beispielen, welche die vorgestellten Theorien belegen, wird das Handwerkzeug hin zum Roman anschaulich und verständlich. Schliesslich und endlich bleibt aber doch nur eines: Man muss sich hinsetzen und schreiben. Das ist auch der Rat, den Mario Vargas Llosa seinem jungen Schriftsteller gibt.

Man [kann] niemandem beibringen, schöpferisch tätig zu sein; höchstens, wie man schreibt und liest. Den Rest bringt man sich selbst bei, indem man immer wieder stolpert, stürzt und aufsteht.
Lieber Freund, Sie sollten alles vergessen, was Sie in meinen Briefen über die Romanformen gelesen haben, und endlich anfangen, Romane zu schreiben.

Ich wage Mario Vargas Llosa in einem Punkt zu widersprechen: Es wäre schade, die Inhalte seiner Briefe zu vergessen, da sie einerseits sehr fundiert über das Handwerkszeug eines Schriftstellers Auskungt geben, andererseits eine grosse Bandbreite an literarischen Verweisen und Interpretationen beinhalten. Zudem ist das Buch schlicht unterhaltsam geschrieben und schön zu lesen.

Fazit:
Ein empfehlenswertes Buch nicht nur für (angehende) Schriftsteller, sondern auch für interessierte Leser.

Zum Autor
Mario Vargas Llosa
Jorge Mario Pedro Vargas Llosa wurde 1936 in Arequipa, Peru geboren und siedelte dann mit seiner allein erziehenden Mutter sowie deren Eltern nach Bolivien um, wo er seine Kindheit verbrachte und die katholische Grundschule besuchte. Die Familie zog zurück nach Peru, wo er Jura und Literatur , promovierte danach in Madrid in Philosophie und Literatur. Er arbeitete in Paris für Rundfunk und Fernseh sowie als Journalisti für eine Nachrichtenagentur, wandte sich in den 1980er Jahren der Politik zu. 2010 erhielt Maria Vargas Llosa den Nobelpreis für Literatur „für seine Kartographie der Machtstrukturen und scharfkantigen Bilder individuellen Widerstands, des Aufruhrs und der Niederlage“. Auf Deutsch erschienen sind unter anderem Die Stadt und die Hunde (1963), Der Krieg am Ende der Welt (1982), Der Geschichtenerzähler (1990), Tante Julia und der Kunstschreiber (1997), Das Fest des Ziegenbocks (2001), Das Paradies ist anderswo (2004), Das böse Mädchen (2006), Der Traum des Kelten (2011).

VargasSchriftstellerAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 118 Seiten
Verlag: Suhrkamp (26. April 2004)
Übersetzung: Clementine Kügler
Preis: EUR  7 / CHF 11.90

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Eduard Habsburg: Lena in Waldersbach

Lena wandert auf den Spuren von Büchners Lenz durch die Vogesen. Sie irrt durch die Täler und auf Berge, auf der Suche nach den beschriebenen Örtlichkeiten und durchlebt dabei Lenzens Wahnsinn, dessen Wahnzustände.

Kreuz und quer durch das Steintal, durch all die Orte, die sie kannte und doch nicht kannte, hinauf auf das Gebirg und kreuz und quer über das Gebirg, mit wenig Ruhepausen. Kein Wunder, dass sie zum Umfallen erschöpft war und eigentlich nur noch weinen wollte, aber die grösste Prüfung stand ihr ja noch bevor.

Lena findet Unterschlupf bei einem Pastorenpaar, erfährt da eine Geborgenheit, die sie im Leben vermisste, der sie aber nicht trauen kann. Ein Durcheinander von Realität und Einbildung treibt sie immer mehr in die Enge einer Verstörung, die sie gegen alles und jeden misstrauisch werden lässt..

Alles in Lena revoltierte. Sie musste den Deckel fest geschlossen halten, konnte keinen Augenblick die Kontrolle verlieren, durfte sich keine Blösse geben.

Eduard Habsburg erzählt die Geschichte eines Mädchens, das sich in ihrem wahren Leben nicht mehr geborgen fühlt und sich aufmacht, ein anderes Leben zu ergründen, das von Büchners Lenz. Sie taucht so sehr in dieses Leben ein, dass sie die Welt durch dessen Augen sieht und schliesslich Wahrheit und Schein nicht mehr auseinander halten kann. Natürlich hat das Ganze einen Auslöser, welcher im Laufe der Geschichte immer mal vage erwähnt wird, dann aber immer klarer ans Tageslicht tritt.

Habsburg versucht, durch die Figur der Lena den Lenz in die heutige Zeit zu holen. Einige moderne Attribute wie SMS, Facebook und Google Maps helfen dabei. Dazwischen blickt der Leser auf Sätze und Bilder aus Büchners Original. Lenas Hang zum Wahnsinn wird in der Erzählung von Habsburg auf einen Bruch in ihrem Leben zurückgeführt, die Hinwendung zu Lenz resultiert aus diesem. Das hebt Lena von Lenz ab, bei welchem der Ursprung für seine Krankheit im Dunkeln bleibt. Es bleibt ein gewisses Fragezeichen ob der Plausibilität des Ganzen zurück. Zwar versteht man schlussendlich die Besessenheit von Lena in Bezug auf Büchners Lenz, die gemeinsamen Wahnvorstellungen wirken fragwürdig und im vergleich zu Büchners Lenz bei Lena eher farblos.

Fazit:
Ein verwirrendes Buch über Verirrungen und Verwirrungen. Abgründig, geheimnisvoll und ausgefallen.

Zum Autor
Eduard Habsburg
Eduard Habsburg wurde 1967 geboren und studierte und promovierte an der KUL Eichstätt Danach schrieb er Drehbücher für Film und Fernsehen sowie Romane. 2006 lehrte er an der Hochschule Gaming und war 2007 Lehrbeauftragter für Philosophie an der theologischen Fakultät der Universität Lugano. Seit 2009 ist Eduard Habsburg Medienreferent von Bischof Klaus Küng in der Diözese St. Pölten. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Wien. Werke von Eduard Habsburg sind Die Reise mit Nela (2008) und Lena in Waldersbach (2013).

HabsburgLenaAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 123 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (22. Januar 2013)
Preis: EUR  14.95 / CHF 22.40

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Ugo Riccarelli: Die Residenz des Doktor Rattazzi

Benjamino wächst mit seiner Familie im Haus neben einer Irrenanstalt auf. Oft beobachtet er die Insassen durch einen Zaun, steht einfach da und sieht zu, wie sie Blumen essen, mit Vogelschwärmen tanzen und sich auch sonst komisch verhalten. Nach einem Unfall und dem unvermittelten Tod seines Vaters findet Benjamino Arbeit als Assistent in der Anstalt. Zusammen mit dem ebenfalls neu anfangenden Doktor Rattazzi findet er einen neuen Zugang zu den Insassen, begegnet ihnen mit Sensibilität und Zuwendung statt mit Elektroschocks und Unpersönlichkeit.

Leute für die Irrenanstalt, die in das Haus aus dunklen Steinen eingesperrt wurden, zum Kummer oder zur Erleichterung derjenigen, die draussen vor der hohen Umfriedungsmauer blieben und nicht genau wissen wollten, was dort drinnen vor sich ging, denn die Schande eines Menschen ohne Verstand gab schon genug Anlass zu Sorge und Trauer, da musste man nicht auch noch etwas verstehen oder seine Gedanken ernsthaft verfolgen wollen.

In Italien bricht der Krieg aus, Benjamino wird wegen seiner Behinderung nicht eingezogen. Er versteht die Kriegseuphorie auch nicht, sieht in ihm nur Tod und entfesselte Schlechtigkeit, eine Gefahr für friedliches Zusammenleben. Vielmehr als ein Leben als Soldat sah er den Umgang mit Krankheit und deren Heilung als Heldentum. Der Krieg zwingt die Leiter der Heilanstalt, mit ihren Insassen aufs Land zu ziehen, um sie aus der Schusslinie zu nehmen. Die anfängliche Landidylle wird aber bald durch die sich nähernde Bedrohung durch den Krieg gestört – und teilweise zerstört.

Und in dieser kurzen Zeitspanne, bevor die Tropfen auf dem Kies explodierten wie die Bomben, die vom Himmel fielen, erkannte Rattazzi, dass der wirkliche Wahnsinn niemals besiegt werden würde, denn er war das innerste Wesen der Normalität, die gerade auf sie zukam. […] Nichts würde die Vernunft nüten, denn gerade die Vernunft drängte und rechtfertigte, organisierte und vernichtete.

Ugo Riccarelli wirft die alten und nie restlos beantworteten Fragen auf, was gut und was böse, wer normal und wer wahnsinnig ist. Während man die einen einsperrt, weil sie nicht einer Norm entsprechen, und auf sie herabsieht, stürzen sich die sogenannt Normalen in einen Krieg, der nur Tod und Elend  mit sich bringen kann. Zwar essen die Närrchen, wie Doktor Rattazzi sie nennt, gerne Blumen und tanzen mit den Vögeln, aber sie sind, wenn man sie in ihren Gewohnheiten lässt, friedlich und haben ihren eigenen Verstand, der seine eigene Schönheit besitzt. Diese Schönheit wird in Friedenszeiten belacht und bekämpft, in Kriegszeiten gilt sie als minderwertig und soll ausgerottet werden, um das lebenswerte Leben nicht zu beschmutzen.

Ugo Riccarelli ist ein tiefgründiger und bewegender Roman gelungen, der Massstäbe hinterfragt und Vorurteile offen legt. Es ist ein sensibler Roman, der nicht blossstellt, sondern schlicht auf wichtige Fragen des Lebens hinweist. Die Residenz des Doktor Rattazzi ist voller Liebe, Mitgefühl und Nachdenklichkeit und deckt dabei menschliche Lebenslügen und auch Abgründe auf.

Fazit:
Ein berührendes Buch über die verschiedenen Welten verschiedener Menschen und die Frage, welche die bessere ist. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Ugo Riccarelli
Ugo Riccarelli wurde 1954 in Cirié bei Turin geboren. Nach seinem Studium der Philosophie in Turin arbeitete er zunächst in der Biblioteca Palazzo Pretorio sowie als Regieassistent und Journalist in Pisa. 1995 erschien sein Debutwerk Le scarpe appese al cuore, daneben verfasste Riccarelli auch Lyrik. Ugo Riccarelli lebt heute in Rom. Auf Deutsch erschienen sind Ein Mann, der vielleicht Schulz hieß (Roman, 1999), Fausto Coppis Engel (Erzählung, 2004), Der volkommene Schmerz (Roman, 2006, für die italienische Originalfassung erhielt er 2004 den Primio Strega), Der Zauberer (Roman, 2009) und Die Residenz des Doktor Rattazzi (Roman, 2013).

Z_Riccarelli_Die_Residenz_P03DEF.inddAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH (25. Februar 2013)
Übersetzung: Annette Kopetzki
Preis: EUR  18.90 / CHF 29.90

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Sibylle Berg – Nachgefragt

Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)
Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)

Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012).    

Ich freue mich sehr, dass sich Sibylle Berg spontan bereit erklärt hat, mir ein paar Fragen zu beantworten. Sie tat dies auf ihre ganz eigene Art, durchdacht, authentisch, mit einer Prise Ironie, ab und an überraschend:

„Vielen Dank für das Leben“ ist ein sehr düsteres Buch und es handelt von der „schlechtesten aller Welten“. Was macht diese Welt so schlecht?

Es ist eigentlich positiv gedacht. Toto zeigt auf, wie man trotz all dem Furchtbaren, das einem Menschen im Leben passiert – und es passiert jedem –,sei es Verlust, Krankheit, Angst, etc., trotzdem glücklich sein kann.

Die Welt ist immer gleich schlecht, weil sie von Menschen bewohnt wird, die einerseits grossartig sein können, aber auch sehr gierig, bösartig, usw. Da sie ja vermutlich Zeitungen lesen, muss ich Ihnen das nicht erzählen.

Toto wird als Menschenwesen beschrieben, welches in keine Schublade passt, weder in Bezug auf sein/ihr Geschlecht noch in Bezug auf sein/ihr Verhalten. Was verbindet sie mit Toto?

Mich? Nichts, ausser einigen Haltungen und die Sicht auf die Welt.

Beim Lesen dieses Buches war ich oft entsetzt über all die Düsterheit und wusste doch, es steckt viel Wahres drin. Ist es nicht ab und an deprimierend, so genau hinzuschauen und auch noch drüber zu schreiben?

Nein, es macht mich nicht unglücklicher, als wenn ich nicht darüber schreiben würde.

Ist Sibylle Berg im Leben auch so düster oder ist die Welt des Schreibens der Gegenpol zu einem heiteren Gemüt?

Wenn sie unter düster hinsehen verstehen, dann ja. Als langweilige Person bin ich meist sehr zufrieden.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Wie viel Sibylle Berg steckt in diesem Buch? Woher nehmen sie ihre Ideen, wenn nicht aus ihrem Leben?

Ich nehme sie aus dem Leben, aber nicht unbedingt aus meiner Phantasie oder meinem eigenen Erlebten. Ich reise sehr viel, sehe sehr viel, beobachte, lese – und ich bin alt. Da bekommt man schon ein wenig vom Zustand der Welt mit.

Wie sieht ihr Schreibprozess aus? Wo und wann schreiben Sie? Planen und recherchieren sie vorgängig oder schreiben sie drauf los?

Ich habe eine Überschrift, ein Feld dass ich untersuchen will. Dann lese ich sehr viel Theoretisches dazu, Sachbücher, reise mitunter; und dann schreibe ich jeden Tag ab 8 bis 18 Uhr.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub oder sind sie immer auf Empfang? Wie schalten Sie ab?

Sehr selten, weil es ein schlecht bezahlter Beruf ist. Ich habe vielleicht 2 Wochen im Jahr, in denen ich nicht arbeiten muss.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Ich komme nicht mehr zum lesen.
Klaus Pohl ist im Moment einer meiner Lieblinge.

Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

 albern, freundlich, niedlich

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.

David Wagner – Nachgefragt

DWagnerDavid Wagner wurde 1971 geboren und wuchs im Rheinland auf. Er studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Kunstgeschichte in Bonn, Paris und Berlin. Nach Aufenthalten in Rom, Barcelona und Mexico-Stadt lebt er heute als freier Schriftsteller in Berlin. David Wagner wurde für sein Schreiben bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Walter-Serner-Preis, der Dedalus-Preis für Neue Literatur und der Georg-K.-Glaser-Preis. Von ihm erschienen sind unter anderem Meine nachtblaue Hose (2000), Was alles fehlt – zwölf Geschichten (2002), Vier Äpfel (2009), Welche Farbe hat Berlin (2011), Leben (2013). Für sein letztes Werk, Leben, erhielt David Wagner den Preis der Leipziger Buchmesse.

Ich habe bei David Wagner nachgefragt, wie ich mir seinen Schreibprozess vorstellen muss und was ihn zu seinem Buch Leben bewegt hat:

„Leben“ ist eine autobiographische Geschichte, die eine schwierige Zeit Ihres Lebens beschreibt. Was hat Sie dazu bewegt, diese Geschichte zu erzählen?

Ich wollte sie selbst verstehen. Ich wollte dieses wundersame Ereignis Transplantation verstehen. Mir selbst erklären – und das ist mir zu einem Roman geworden, das Erzählen hat sich verselbständigt.

 

Die grösste Angst des Menschen, sagt man, ist die vor dem Tod. Sie haben Todessehnsüchte und fehlenden Lebenssinn beschrieben – Was war schlimmer als die Todesangst?

 Ach, ich glaube oft ist die Angst vor dem Leben viel größer als die vor dem Tod. Tot zu sein ist ja ganz einfach, zu leben ist kompliziert. Man könnte ja so viel tun und machen und anstellen – oder auch gar nichts machen.

 

Wie sind Ihre Erfahrungen nach diesem Buch? Sind die Reaktionen auf sie anders als vorher? Ist die Krankheit zentraler geworden?

Das Buch ist ja noch sehr frisch. Ich bekomme viele interessante Reaktionen, Betroffene schreiben mir, eine Frau, die auf eine Herztransplantation wartet schrieb mir. Vorher? Was war vorher? Ich, die Privatperson spreche ja nicht über meine Krankheit oder mich als Patient. Das Sprechen über Krankheit habe ich ja an die literarische Figur Herr W. ausgelagert. So komme ich zurecht.

 

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Woher, wenn nicht aus der eigenen Lebensgeschichte, nehmen sie sonst ihre Inspiration, ihre Ideen?

Goethe hat einfach recht. Bleibt nur zu sagen, ich schreibe auch über all das, was ich sehe, ich bin Phänomenologe. Aber alles, was ich sehe, ist ja auch in meiner Lebensgeschichte, oder? Also…

Wie sieht ihr Schreibprozess aus? Wo und wann schreiben Sie? Planen und recherchieren sie vorgängig oder schreiben sie drauf los?

Beides. Ich plane und schreibe drauf los. Und schmeiße alles weg, verwerfe die Pläne, schreibe neu, verwerfe wieder alles. Immer geht es darum, einen Ton zu finden. Einen Klang, eine Sprache. Ohne den Ton wird es keine gute Erzählung. Recherche immer – aber man muß dann fast alles Recherchiertes auch wieder wegwerfen können, streichen. Faktenverfettete Texte lesen sich ja nicht so schön, oder?

 

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub oder sind sie immer auf Empfang? Wie schalten Sie ab?

Nein. Leider nein. Manchmal schalte ich trotzdem ab. Habe dann aber ein schlechtes Gewissen.

 

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Es muß gut sein! Ha! Wenn ich bloß wüßte, was ein Buch gut bzw. sehr gut macht! Dann hätte ich bisher nur gute Bücher geschrieben…

Na, ich glaube, es muß ehrlich sein.  Die Prosa, die Sprache muß echt und unverstellt sein. Ich muß der Stimme glauben können.

Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Wenn ich das könnte, wäre ich wohl Haiku-Dichter und weniger Roman-Autor, oder? Und hätte ich mich mit drei Wörtern beschrieben, wäre ich dann nicht arbeitslos? Hätte ich mich dann nicht ausgeschrieben? Werde mich also hüten, mich mit drei Wörtern zu er-schreiben.

 

Ich möchte mich herzlich bei David Wagner bedanken für diese Einblicke in sein Schreiben, für seine offenen & humorvollen Antworten. Ich habe mich sehr über dieses Interview gefreut!

 

David Wagner: Leben

Kurz nach Mitternacht, gerade erst heimgekehrt und noch Apfelmus löffelnd, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Blut, wohin das Auge reicht, Notfall, Krankenhaus. Zuerst durch die vielen Medikamente noch verschwommen und ab und an skurril, dann immer klarer, nimmt der junge Mann den Krankenhausalltag um sich wahr. Träume wechseln sich ab mit direkt Erlebtem, was ist wahr, was nicht?

Bin ich vielleicht doch schon tot? Geht mich das alles gar nichts an? Schaue ich nur noch zu? Vielleicht träume ich diese Gegenwart bloss, und Jenseits heisst, in einem Bett zu liegen und sich an Episoden seines Lebens erinnern zu müssen, ob man will oder nicht. Gestern oder vorgestern war meine Beerdigung, vielleicht ist sie aber erst heute. Oder morgen.

Es beginnt das Warten auf eine neue Leber. Das Warten eröffnet Fragen nach dem eigenen Ich, nach dem Sinn des Lebens und ob er nicht besser tot wäre. Er denkt es fast, wäre da nicht seine kleine Tochter.

Ich könnte – ja, das Wasser ist kalt genug, in kaltem Wasser geht es schnell, dann aber fällt mir das Kind wieder ein, das morgens, wenn es aufwacht, immer lacht und so sehr da ist, für die Tochter sollte ich, ja möchte ich noch ein paar Jahre bleiben.

Der lange eintönige Krankenhausalltag bringt Zeit. Zeit, sich zu erinnern, sich an die Menschen zu erinnern, die waren und noch sind. Sie gibt Zeit, in sich hinein zu hören, oft zu viel Zeit. Durchbrochen wird die Zeit durch die Geschichten der anderen Patienten, wobei nicht klar ist, ob die Langeweile der stillen Zeit nicht besser war.

Einer, der diese Woche neben mir liegt, sagt kein Wort. Er sagt morgens nicht guten Morgen und abends nicht gute Nacht, ich sage auch nicht s mehr. Ich kann nicht behaupten, dass mich das wirklich stört, es ärgert mich kurz, ist mir dann aber egal. Jeder ist in seiner eigenen Welt.

Die neue Leber erscheint wie ein Geschenk, sie schenkt Leben, das einem anderen Menschen genommen wurde. Verpflichtet sie zu Dankbarkeit? Verändert sich nun das eigene Sein um die Eigenschaften des Spenders? Ist der junge Mann nun auch die junge Frau, die er sich als Spenderin vorstellt, obwohl er nicht weiss, woher die Leber stammte?

 Leben ist der autobiographische Rückblick von David Wagner auf seine Krankengeschichte. Er erzählt diese in einer authentischen, pragmatischen, offenen Weise. Seine Sprache ist klar und sachlich, sein Stil entbehrt nicht eines unterschwelligen Humors. Die Schwere der Thematik wird durch die kurzen und knappen Absätze aufgelockert. Man wird als Leser von einem Punkt zum anderen geschleudert, sieht sich gerade noch Todesgedanken gegenüber und entschwindet dann in vergangene Zeiten und Erinnerungen.

Das Buch ist voller Brüche, einer grosser ist die Transplantation, welche auf durch zwei schwarze Seiten im Buch gekennzeichnet ist. Es ist ein Buch, das sich nicht flüssig lesen lässt, ein Buch, das keine dahin plätschernde Geschichte erzählt. Die Form des Erzählens – es ist ein Erzählung verteilt auf 277 Paragraphen, 8 Teile, unzählbare Themen und Gedanken – wiederspiegelt das Erleben und verhilft dem Text so zu Unmittelbarkeit.

Fazit:
Eine authentische und sachliche Erzählung um Leben und Tod, die dabei sehr persönlich bleibt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
David Wagner
David Wagner wurde 1971 geboren und wuchs im Rheinland auf. Er studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Kunstgeschichte in Bonn, Paris und Berlin. Nach Aufenthalten in Rom, Barcelona und Mexico-Stadt lebt er heute als freier Schriftsteller in Berlin. David Wagner wurde für sein Schreiben bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Walter-Serner-Preis, der Dedalus-Preis für Neue Literatur und der Georg-K.-Glaser-Preis. Von ihm erschienen sind unter anderem Meine nachtblaue Hose (2000), Was alles fehlt – zwölf Geschichten (2002), Vier Äpfel (2009), Welche Farbe hat Berlin (2011).

WagnerLebenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH (22. Februar 2013)
Preis: EUR  19.95 / CHF 29.90

 

 

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Jojo Moyes: Ein ganzes halbes Jahr

Lou kellnert mit grosser Freude in einem Café in dem kleinen Dorf, in dem sie geboren ist und noch heute zusammen mit ihren Eltern, ihrem demenzkranken Grossvater, ihrer Schwester und ihrem Neffen unter einem Dach lebt. Als das Café die Türen schliesst, braucht sie eine neue Arbeit, denn ohne ihr Einkommen könnte die Familie nicht auskommen. Das Einzige, was sie findet, ist die Pflege eines durch einen Unfall behinderten Mannes, dessen Gesellschafterin sie sein soll.

Eher widerwillig nimmt die diese Arbeit an, sieht sich bald mit einem mürrischen, sarkastischen und bösartigen Mann im Rollstuhl gegenüber, so dass sie am liebsten gleich künden möchte, was aber nicht möglich ist. Langsam tat das Eis zwischen den beiden.

Will und ich schienen einen Weg gefunden zu haben, miteinander umzugehen. Meist lief es darauf hinaus, dass er gemein zu mir war und ich es ihm manchmal heimzahlte.

Durch Zufall erfährt Lou, dass ihr Vertrag auf ein halbes Jahr begrenzt ist, weil Will danach in die Schweiz will, um da sein Leben, zu beenden. Von da an versucht Lou alles, ihm zu zeigen, dass das Leben auch im Rollstuhl lebenswert sein kann.

Ich starrte meinen Kalender an, den Stift immer noch in der Hand. Auf einmal vermittelte mir die mit Rechtecken bedruckte Fläche das Gefühl einer unglaublichen Verantwortung. Ich hatte hundertsiebzehn Tage, um Will Traynor davon zu überzeugen, dass es sich lohnte weiterzuleben.

Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, der die beiden einander näher bringt. Beide lernen sie voneinander und werden durch diese gemeinsame Zeit zu anderen Menschen.

Ein ganzes halbes Jahr erinnert sehr an den autobiographischen Roman von Philippe Pozzo di Borgo Le Second souffle (2001; auf Deutsch Ziemlich beste Freunde, 2012), welcher 2011 mit dem Titel Intouchables in die Kinos kam. Beide handeln von einem Mann, der durch einen Unfall im Rollstuhl landet, dadurch verschlossen und mürrisch wird und durch einen eher aussergewöhnlichen Gesellschafter zurück ins Leben findet, Spass daran hat. Im vorliegenden Buch ist es eine junge flippige Kellnerin, im Film ein dunkelhäutiger Exkrimineller. Neben vielen Gemeinsamkeiten gibt es aber durchaus auch Unterschiede, so dass es sich lohnt, dieses Buch trotzdem zu lesen.

Ein ganzes halbes Jahr ist leichte Unterhaltung, ist gut und leicht zu lesen, lässt einen dabei nicht mehr los, so dass man es kaum mehr aus der Hand legen will. Es weckt Gefühle, lässt einen nachdenken und eröffnet auch tiefer gehende Fragen, die man sich und dem Leben stellt. Die Geschichte trifft mitten ins Herz und setzt sich da fest. Man möchte schnell wissen, wie es ausgeht und fürchtet schon beim Lesen, dass es irgendwann zu Ende gehen könnte.

Fazit:
Ein ganzes halbes Jahr ist bewegend, mitreissend, feinfühlend und nachdenklich. Eine wunderschöne Geschichte auf einnehmende Weise erzählt. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Jojo Moyes
Jojo Moyes wurde 1969 geboren und wuchs in London auf. Nach verschiedenen Jobs studierte sie Journalismus und arbeitete danach für The Independent und ein Jahr für die Morning Post in Hongkong. Seit 2002 konzentriert sie sich beruflich aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern auf einer Farm in Essex.  Auch von ihr erschienen sind Der Klang des Herzens (2010), Dem Himmel so nah (2008), Suzannas Coffee-Shop (2007), Das Haus der Wiederkehr (2005), Die Frauen von Kilcarrion (2003).

MoyesHalbesJahrAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 528 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (21. März 2013)
Übersetzung: Karolina Fell
Preis: EUR  14.99 / CHF 22.90

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