Ein Halbschuh, der beklagte mal,
sein Leder war schon ganz aschfahl,
dass immer, wenn was nicht entzückt,
man sagt, es sei der Schuh, der drückt.
©Sandra Matteotti
Denkzeiten – Philosophie in Theorie und Praxis
Dr. Sandra von Siebenthal
Ein Halbschuh, der beklagte mal,
sein Leder war schon ganz aschfahl,
dass immer, wenn was nicht entzückt,
man sagt, es sei der Schuh, der drückt.
©Sandra Matteotti
Inhalt
Eine Braut, die sich von der Kirche lautstark zankte, würde vom Pastor gewiss nicht freundlich empfangen werden. Vom Bräutigam ganz zu schweigen. Immerhin eine Möglichkeit, der Sache ein Ende zu bereiten.
[…]
Rasch drückte er ihre Hand. Aufmunterung und väterlicher Liebesbeweis zugleich, aber auch seine Art, ihr seine Zuversicht mitzuteilen.
Wenigstens einer, der überzeugt von meiner Wahl ist, sinnierte Katharina.
Katharina liebt Joachim, es ist die ganz grosse Liebe. Als dieser jedoch für zwei Jahre in den See sticht, um seine beruflichen Chancen für später besser zu machen, weiss Katharina, dass sie nicht zur Seefahrerfrau taugt, dass sie sich vor Sehnsucht verzehren wird. Ein Jahr nach Joachims Abfahrt tritt sie mit Olaf Borcherts, einem älteren, erfolgreichen Unternehmer, der sein Vermögen mit Strandkörben gemacht hat, vor den Traualtar. Er ist zwar nicht die grosse Liebe, verspricht aber ein sicheres Leben und Halt. Das muss sie sich bei aufkommenden Zweifeln selber immer wieder sagen.
Es war ein zweiter Abschied von Joachim. Diesmal noch endgültiger als der Brief, den sie ihm geschrieben und dem sie das wunderschöne Gesangbuchbeigelegt hatte. Tränen stiegen in ihr hoch.
Die Ehe erweist sich immer mehr als Gefängnis. Nicht nur trauert sie ihrer grossen Liebe Joachim nach, auch sonst stösst sie an Grenzen: Sie würde gerne selber als Geschäftsfrau etwas bewirken und nicht nur den Stoff für die Strandkörbe ihres Mannes aussuchen, doch das ist in der Zeit anfangs des 20. Jahrhunderts noch nicht gerne gesehen. Dass sie bei ihren Bestrebungen ausgerechnet auf Joachim zählen kann, macht die Situation nicht einfacher.
Beurteilung
Villa am Meer ist eine Familiensage, ein historischer Roman und die Geschichte des Strandkorbs in einem. Zwar soll der Roman ausdrücklich nicht als Sachbuch über den Strandkorb, sondern als fiktive Geschichte verstanden werden, trotzdem wirkt das hier geschilderte sehr authentisch.
Micaela Jary erzählt in einer eingängigen, leicht lesbaren, flüssigen Sprache die Geschichte einer Frau, die auf ihre grosse Liebe verzichtet, um ein Leben in gesicherten Bahnen zu führen. Es ist die Geschichte einer Frau, die alles daran gibt, trotz dieser schwierigen Voraussetzung glücklich zu sein mit ihrem Mann, die ihren Mann unterstützt, aber auch selber Ambitionen hat und damit aneckt.
Entstanden ist ein Roman, der durch einen stimmigen Plot, plastische Figuren und einen authentischen Schauplatz – der aufstrebende wilhelminische Urlaubsort Warnemünde an der deutschen Ostseeküste – besticht. Ein wunderbares Buch für den Sommerurlaub am Strand oder zu Hause im Liegestuhl.
Fazit:
Ein stimmiger Plot mit plastischen Figuren und einer flüssigen Sprache, ein Roman, der zugleich Familiensaga wie auch historischer Roman ist und die Geschichte einer Liebe, die überdauert, auch wenn sie nicht gelebt werden kann. Sehr empfehlenswert.
Zur Autorin:
Micaela Jary stammt aus Hamburg und wuchs im Tessin auf. Sie arbeitete lange als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Nach einem langjährigen Aufenthalt in Paris lebt sie heute mit Mann und Hund in Berlin und München. Zum Schreiben taucht sie aber auch in einem Landhaus Nähe Rostock ab.
Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 512 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (20. März 2017)
ISBN-Nr.: 978-3442485956
Preis: EUR 9.99; CHF 14.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH
Wann wird er endlich kein Kind mehr sein? Was wird ihn davon befreien, ihn zum Mann machen?
Befreien wird ihn, wenn es soweit ist, die Liebe. Wenn er auch nicht an Gott glaubt, an die Liebe und die Macht der Liebe glaubt er.[1]
J. M. Coetzee wird am 9. Februar 1940 in Kapstadt als Kind einer Grundschullehrerin und eines Juristen, die Familie hat niederländische Wurzeln, geboren. Gesprochen wird wird in der Familie Englisch, trotzdem ist er auch des Afrikaans mächtig. Die politischen Umstände sind alles andere als einfach, die Apartheid bahnt sich an und spaltet das Land. Coetzee studiert Englisch, absolviert daneben ein Zweitstudium in Mathematik. Er fühlt sich – glaubt man seinem autobiographischen Roman Die jungen Jahre – immer zum Dichter berufen, findet aber selten die richtigen Umstände, um wirklich mit dem Schreiben zu beginnen, so wie er es gerne täte. Entweder wähnt er sich am falschen Ort oder er fühlt von der Muse – der richtigen Frau, die für ihn bestimmt ist und die in ihm die Kreativität entzünden wird – ungeküsst.
Um beides zu ändern bricht John nach London auf, wo er eine Stelle als Programmierer bei IBM annimmt. Neben der Arbeit sucht er nach Frauen und nach literarischen Vorbildern, an denen er sich festhalten und wachsen könnte – beides klappt nicht wie gewünscht und auch der Arbeitsalltag setzt ihm mehr und mehr zu.
Unter dem schattenlosen Neonlicht fühlt er sich im Innersten bedroht. Dem Gebäude, ein charakterloser Würfel aus Beton und Glas, entströmt offenbar ein Gas, geruchlos, farblos, das in sein Blut gelangt und ihn betäubt. IBM, das kann er beschwören, ist dabei, ihn umzubringen, ihn in einen Zombie zu verwandeln.[2]
Neben dem immer unbefriedigenderen Brotberuf schreibt Coetzee eine wissenschaftliche Arbeit über Ford Madox Ford und erhält damit 1963 den Master in Englisch der Universität Kapstadt. Im gleichen Jahr heiratet er auch. Es folgt 1965 das Doktoratsstudium, welches er 1969 erfolgreich abschliesst, um danach eine Lehrtätigkeit an der State University of New York at Buffola aufzunehmen. Sein politisches Engagement gegen den Vietnamkrieg wird ihm zum Verhängnis: Sein Antrag auf ein unbefristetes Aufenthaltsrecht wird abgelehnt, die ganze Familie (mittlerweile sind zwei Kinder geboren) reist nach Südafrika, wo Coetzee 1970 einen Lehrauftrag für Englisch, Linguistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Uni Kapstadt übernimmt, 1984 wird er zum Professor ernannt.
Coetzees Romane, Erzählungen und auch seine Sachbücher zeugen von seinem politischen Engagement. Immer weist er auf die Missstände in seinem Land hin, zeigt die prekäre Lage in Bezug auf die Menschlichkeit, aber auch die Vergehen des Menschen am Tier auf.
Ebenfalls Thema ist bei Coetzee die Grenze zwischen Literatur und Fiktion. In einigen Werken tritt ein stark autobiographischer Zug zutage, trotzdem bleibt der Protagonist des Romans eine Kunstfigur, die zwar viele Lebensfakten des Autors in sich trägt oder Stationen durchläuft, dabei aber nie ein genaues Abbild desselben darstellt. Das persönliche Selbstverständnis eines Menschen, so Coetzee, ist denn auch selten eine realistische, objektive Sicht auf sich selber, es entspringt vielmehr einem Bewusstsein, das bewusst oder unbewusst manipulierbar ist. Eingehend befasst hat sich Coetzee damit in seinem Buch Eine gute Geschichte: Ein Gespräch über Wahrheit, Erfindung und Psychotherapie, welches in Zusammenarbeit mit der Psychologin Arabella Kurtz 2016 herausgekommen ist.
John M. Coetzee liest am Dienstag, 4. Juli am Openair Literatur Festival in Zürich aus seinem bisher unveröffentlichten Text The Glass Abattoir (Das Glas-Schlachthaus). Es geht in dem Text im weitesten Sinne um die Beziehung eines Sohnes zu seiner Mutter, aber auch um das Verhältnis von Mensch und Tier, um die Missstände in Bezug auf die unwürdige Behandlung des Tieres durch den Menschen.
Link zur Veranstaltung: HIER
Romane und Erzählungen
Sachbücher, Essays, Briefe
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[1] zit. aus J. M. Coetzee: Die jungen Jahre, Fischer Taschenbuchverlag, 2004.
[2] ebd.
Dichtung, ausgelöst durch die Zusammenstösse eines Menschen mit der Umwelt; Dichtung, die mit dem Anlass, der sie auslöst, identisch ist; Dichtung, die den Menschen in den Ring stellt
Kaum einer, der Ernst Jandls Gedicht von Ottos Mops nicht kennt. Kaum einer, der nicht darüber lachte, sich auch fragte, was den Dichter bewegt hat, ein solches Gedicht zu schreiben. Was bewegt einen Dichter überhaupt? Was macht Dichtung aus? Kann man es allgemein sagen?
Der vorliegende sechste und letzte Band der Neuausgabe der Werke Ernst Jandls vereint Aufsätze, Reden und Vorträge des Autors, darunter auch seine Frankfurter Poetik-Vorlesungen.
In verschiedenen Statements lernt der Leser den Autoren besser kennen, erfährt über dessen Gedanken und Beweggründe für einzelne Gedichte, sein Leben als Lehrer, sein Schreiben als Kunst sowie seine Meinung zur Dichtkunst und ihre Situation. Neben seinen eigenen Gedichten analysiert Jandl auch einige seiner Partnerin Friederike Mayröcker, zeigt sowohl bei sich wie auch bei ihr auf, was ihrer beider Dichtung bewirken soll.
…stiftet der Dichter, der uns angeht, Unruhe dort, wo die einen die Furcht lähmt und die andern ruhig schlafen.
Neben diesen Statements finden sich Reden und Vorträge, gehalten anlässlich von Preisverleihungen sowie Laudationen. Autobiographische Texte runden den Band ab, sie enthalten neben Selbstporträts auch Einsichten, wie man einen Verlag findet als Dichter.
Wer mehr über diesen innovativen und kreativen, immer an der Sprache und an deren Wirkung interessierten Dichter erfahren möchte, der kommt an diesem Buch nicht vorbei. Müsste man einen Kritikpunkt anfügen, so ist das Layout eher gewöhnungsbedürftig. Das Verwenden einer serifenlosen, etwas grösseren Schrift lässt den Text sehr dicht wirken. Dass die Nachbemerkungen dann in der üblichen Serifenschrift daherkommen, lässt das Buch uneinheitlich wirken und der Grund für diese Schriftenwahl erschliesst sich nicht. Dies aber nur eine Bemerkung am Rande, die den Inhalt in keiner Weise schmälert.
Fazit:
Ein Muss für alle, die sich eingehender mit dem Dichter Ernst Jandl befassen möchten, die dem Autor von „Ottos Mops“ auf die Finger schauen und mehr über sein Denken und Arbeiten erfahren wollen.
Autor und Mitwirkende
Ernst Jandl wurde 1925 in Wien geboren. Nach Schule, Militärdienst und Kriegsgefangenschaft studierte er Germanistik und Anglistik. Von 1949 bis 1974 arbeitete er als Gymnasiallehrer. Seit 1952 schrieb und veröffentlichte er Gedichte, seit 1954 bis zu seinem Lebensende war er mit Friederike Mayröcker befreundet. Sein Werk wurde mit vielen renommierten Preisen ausgezeichnet, darunter 1968 dem Hörspielpreis der Kriegsblinden (gemeinsam mit Friederike Mayröcker), 1982 dem Mülheimer Dramatikerpreis, 1984 dem Großen Österreichischen Staatspreis und dem Georg-Büchner-Preis. 1995 erhielt er den Friedrich-Hölderlin-Preis und ein Jahr danach das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.
Klaus Siblewski, geboren 1950 in Frankfurt am Main, lebt in Holzkirchen bei München. Er ist Verlagslektor, lehrt als Professor am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft an der Universität Hildesheim und veranstaltet seit Jahren die „Deutsche Lektorenkonferenz“. Er hat u.a. die Werke von Ernst Jandl, Peter Härtling und Peter Turrini herausgegeben. Zuletzt sind von ihm erschienen: „Die diskreten Kritiker. Was Lektoren tun“ (2005) und die Bände „Wie Romane entstehen“ (2008 zusammen mit Hanns-Josef Ortheil) und „Wie Gedichte entstehen“ (2009 zusammen mit Norbert Hummelt).
Angaben zum Buch:
Broschiert: 464 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag (21. März 2016)
Herausgeber: Klaus Siblewski
ISBN-Nr: 978-3630874869
Preis: EUR 16.99/ CHF 25.90
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Alle rufen
„Keine Zeit!“
Wo bleibt denn da
die Menschlichkeit?
©Sandra Matteotti
…es ist mir egal, was die Leute denken. Viel zu lange habe ich darauf geachtet, mein ganzes Leben lang. Aber damit ist jetzt Schluss.
Addie Moore und Louis Waters leben im kleinen Städtchen Holt, nur wenige Häuser voneinander, trotzdem kennen sie sich nur oberflächlich. Beide sind allein, ihre Partner sind verstorben, die Kinder längst ausgezogen. Eines Tages klingelt Addie bei Louis und stellt ihm eine ungewöhnliche Frage: Ob er nicht ab und an für die Nacht zu ihr käme, damit sie einfach im Dunkeln nebeneinander liegen, reden und dann nicht allein einschlafen könnten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Kent Haruf ist mit Unsere Seelen bei Nacht eine wunderbare Liebesgeschichte gelungen, die auf Kitsch und Romantik vollständig verzichtet und durch ihre stille Ehrlichkeit und Tiefe besticht. Die Geschichte zweier Menschen, die sich ihr Leben erzählen und all die Werte leben, die eine gute Beziehung ausmachen, geht zu Herzen. Erzählt wird die Geschichte im Aufsatzstil, in einer einfachen und eingängigen Sprache. Der Leser fühlt sich immer mittendrin, so unmittelbar und authentisch wird das Leben dieser beiden Menschen vermittelt.
Unsere Seelen bei Nacht ist die Geschichte einer späten Liebe, es ist aber auch eine Geschichte darüber, was Beziehungen ausmacht, eine Geschichte über die Fehler, die man in Beziehungen macht, eine Geschichte über das Leben. Der Mensch ist nie allein, er wird immer von anderen Menschen beeinflusst und in seinem Handeln geprägt oder gesteuert. Auch wenn sich Addie anfänglich vornimmt, nichts darauf zu geben, was andere denken, so muss sie doch lernen, dass das nicht ganz so leicht ist – irgendwann wird sie vor die Wahl gestellt und muss sich entscheiden.
Fazit:
Ein feinfühliges, tiefgründiges, leises, einnehmendes Buch über die Liebe, das Leben und darüber, was Menschen prägt und sie leitet. Sehr empfehlenswert.
Zum Autor
Kent Haruf
Kent Haruf (1943–2014) war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Mountains & Plains Booksellers Award und dem Wallace Stegner Award ausgezeichnet. Unsere Seelen bei Nacht ist sein letzter Roman, den er kurz vor seinem Tod beendete.
Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Diogenes Taschenbuch (22. März 2017)
Übersetzung: Pociao
ISBN: 978-3257069860
Preis: EUR 20/ CHF 29.90
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ich sehe dich gross
und fühle mich klein
ich möchte so gern
wie du bist auch sein
doch bin ich bloss klein
und du bist gar gross
so sitze ich hier
und sehe dich an
und sitze nur hier
und bleibe dann klein
da merke ich nun:
Das kann es nicht sein!
©Sandra Matteotti
Kasandra ist die Geschichte der Königstochter und Seherin, die ihren eigenen Tod vorhersieht und ihm entgegen geht, mit dem Vorsatz, bis zum Schluss ihre Bewusstheit und Autonomie wahren zu wollen.
Mit der Erzählung geh ich in den Tod.
Hier ende ich, ohnmächtig, und nichts, nichts, was ich hätte tun oder lassen, wollen oder denken können, hätte mich an ein andres Ziel geführt.[1]
Apollon verleiht Kassandra die Sehergabe. Weil sie seinem Werben nicht nachgibt, bestraft er sie mit einem Fluch: Zwar sieht sie alles, was sich ereignen würde, voraus, aber keiner glaubt ihren Prophezeiungen.
Kassandra wird Priesterin im Tempel des Apollon, soll deswegen – wie alle anderen Mädchen auch – entjungfert werden. In diesem Zusammenhang trifft sie auf Aineias, welcher sie mit sich nimmt, sie aber nicht anrührt. Kassandra verliebt sich in Aineias, verliert ihre Unschuld später aber an Panthoos, den Apollonpriester, welcher sie zur Priesterin geweiht hat. Beim Akt selber stellt sie sich immer vor, er wäre Aineias. Wieso dieser nicht wirklich an der Stelle ist, erschliesst sich nicht ganz.
Später taucht Paris in Troja auf, Kassandra erfährt, dass er ihr Bruder ist. Kassandra sieht voraus, dass dessen Liebe zu Helena, der Gemahlin des Königs Menelaos, Troja in den Untergang führen würde, doch niemand hört auf sie. So sehr sie auch versucht, vor dem Krieg zu warnen – ihre Prophezeiungen versanden im Nichts (als Kassandrarufe).
Nicht die Untat, ihre Ankündigung macht die Menschen blass, auch wütend, ich kenn esvon mir selbst. Und dass wir lieber den bestrafen, der die Tat benennt, als den, der sie begeht.
Es folgen weitere Vorhersagen, die nicht gehört werden, sowie die Verheiratung Kassandras durch ihren Vater mit Eurypylos, welcher allerdings gleich nach der Hochzeit im Kampf fällt. Auch Paris ist mittlerweile tot. Aineias bittet Kassandra, mit ihm zu gehen und an einem anderen Ort ein neues Leben zu beginnen, was Kassandra trotz ihrer Liebe ablehnt. Sie entscheidet sich für ihren eigenen Tod.
Es folgt die berühmte Szene mit dem Trojanischen Pferd, die Griechen haben es vor die Stadtmauern gestellt und damit ein scheinbares Ende der Belagerung signalisiert. Trotz Kassandras Warnungen ziehen die Trojaner es in die Stadt hinein – das Ende Trojas ist damit besiegelt. Die wenigen Überlebenden werden von den Griechen versklavt.
Kassandra wird Agamemnons Sklavin, sie fährt auf seinem Schiff nach Mykene und lässt während der Fahrt die ganze Geschichte Revue passieren. Sie weiss, dass in Mykene der Tod auf sie wartet. Klytaimnestra, Agamemnons Frau, und Aigisthos, ihr Geliebter, werden Agamemnon und Kassandra ermorden.
Für alles auf der Welt nur noch die Vergangenheitssprache. Die Gegenwartssprache ist auf Wörter für diese düstre Festung eingeschrumpft. Die Zukunftssprache hat für mich nur diesen einen Satz: Ich werde heute noch erschlagen werden.
Das Werk ist 1983 gleichzeitig in der BRD und in der DDR erschienen. Es ist ein gesellschaftskritisches Werk, welches anhand der mythologischen Geschichte die innergesellschaftlichen Bewusstseinsprozesse offenlegen will. Zum mythologischen Stoff kam Christa Wolf eher zufällig. Bei einer Reise verpasst sie einen Flug nach Athen und sitzt ohne Literatur in Berlin fest, so dass sie sich dem Vorhandenen zuwendet: Orestie von Aischylos. Von Kassandra fasziniert, forscht sie weiter. Wer sich für die ganze Entstehungsgeschichte interessiert, dem seien die vier im Rahmen der Frankfurter Poetik-Vorlesungen gehaltenen Vorlesungen von 1982 empfohlen: Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra (HIER)
Kassandra ist in der griechischen Mythologie die Tochter des Priamos und der Hekabe, sie ist die Zwillingsschwester von Helenos sowie die Schwester von Hektor, Polyxena, Paris und Troilos.
Wegen ihrer Schönheit verleiht ihr der Gott Apollon die Sehergabe, er verspricht sich als Dank ihre Zuneignung, die sie ihm aber versagt. In seinem Stolz verletzt verflucht Apollon Kassandra und ihre ganze Nachkommenschaft. Zwar soll sie die Sehergabe behalten, aber keiner wird ihren Weissagungen glauben.
Die tragische Heldin findet sich in den Kassandrarufen noch heute: Warnungen, die keiner hören will.
Für das Verständnis von Christa Wolfs Buch empfiehlt es sich, zuerst die Zusammenhänge der griechischen Mythologie kennenzulernen. Ein Standardwerk ist sicher Die schönsten Sagen des klassischen Altertums von Gustav Schwab.
Hier alle in Wolfs Werk vorkommenden Figuren und ihre Zugehörigkeiten/Beziehungen[2]:
Christa Wolf berichtet aus der Sicht von Kassandra über den Mythos des abendländischen Patriarchats. Im Beuteschiff von Agamemnon sitzend, überdenkt sie ihr Leben, überdenkt ihr Streben nach Bewusstheit und Autonomie.
Ich will die Bewusstheit nicht verlieren, bis zuletzt.
Lieber geht sie in den Tod, als ihr Leben einem Mann anzuvertrauen. Lieber ergibt sie sich ihrem Schicksal, als sich aufzugeben. Sie ist damit eine Aussenseiterin in einem System, das für Frauen klare Rollen vorgesehen hat. Diesen Rollen widersetzt sich Kassandra. Auch wenn sie immer wieder zum Objekt gemacht wird, indem sie verheiratet, in Priestergebräuche gepresst und bei Nichtbefolgen des männlichen Willens verflucht wird, hält sie an ihrem Subjekt-Sein fest.
Kassandra behandelt aber auch eine Tragik des Menschseins insgesamt: Blind rennen wir ins Unglück, Warnrufe ignorieren wir, wähnen uns in Sicherheit, bis es zu spät ist. Die Trojaner wollten nicht wahrhaben, dass sie besiegbar sein könnten, waren sie doch bislang immer die Sieger gewesen. Dieser Hochmut bedeutete ihren Fall.
Vergeblich versuchen wir uns der Gewalt zu entziehen
Dieser Satz vom Anfang des Buches deutet klar auf den Inhalt desselben: Es geht abwärts, die Spirale dreht unaufhaltsam und die Menschen werden durch Schmerz und Leid mitgezogen. Schwäche und Angst lassen sie dabei immer mehr zu Gehorchenden werden, statt dass sie selber ihr Leben in die Hand nehmen. Dem widersetzte sich Kassandra. Sie wollte selber ihr Leben steuern, auch wenn es in den Tod führte.
Die politische, zeitgeschichtliche und gesellschaftskritische Komponente liegt auf der Hand. Christa Wolf hat mit Kassandra eines der wenigen Zeugnisse abgelegt innerhalb der DDR, welches eine bewusste Gesellschafts- und Selbstanalyse aufweist. Dass sie sich dabei als Kassandra sieht, dafür steht dieses Buch.
Christa Wolf wurde 1929 in Landsberg/Warthe (Gorzów Wielkopolski) geboren und lebte in Berlin und Woserin, Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Werk wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter dem Georg-Büchner-Preis und dem Deutschen Bücherpreis für ihr Gesamtwerk. Sie starb 2011 in Berlin.
___________
[1] zit. nach Christa Wolf: Kassandra, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 2008. (HIER)
[2] zit. nach https://de.wikipedia.org/wiki/Kassandra_(Christa_Wolf)#Personen
Es war März 1924. Es war nicht Juni, aber es wr ein Tag wie im Juni. Es musste kurz nach zwölf Uhr mittags sein. Ein Fenster stand offen, und er ging unbekleidet durch das sonnendurchströmte Zimmer, sorglos, nackt; er wirkte wie ein Tier. Es war ja sein Zimmer.
Jane, eine Waise, arbeitet als Dienstmädchen bei einer reichen Familie. Dass sie daneben eine Beziehung zu Paul hat, dem Sohn einer mit ihren Arbeitgebern befreundeten, ebenso wohlhabenden Familie, ist ihr Geheimnis. Sie wird es nie jemandem erzählen. Am 30. März 1924 wird sie das letzte Mal mit Paul zusammen sein, denn Paul heiratet bald standesgemäss. Es ist nochmals eine Chance, für eine kurze Zeit ein Glück zu geniessen, das nachher blosse Erinnerung ist. Danach wird alles anders sein. Wie sehr, ahnt sie mittags um 12 noch nicht, erst gegen Abend ist ihr klar: Es wird nie mehr sein, wie es mal war.
Graham Swift schreibt in einer wunderbar flüssigen, klaren, poetischen Sprache über die Geschichte der jungen Jane, die allein in der Welt, sich ihren Ort darin sucht. Jane ist belesen, tiefgründig. Sie hat ein Faible für Wörter, hinterfragt diese – was läge näher, als dass sie später Schriftstellerin wird? Mit 90 blickt Jane auf ihr Leben zurück und erzählt ihre Geschichte.
Ein Festtag ist ein Buch über die Gesellschaftsverhältnisse im England der 20er Jahre, ein Buch über Literatur, das Schreiben, Wörter. Es ist ein Buch über die Liebe und ein Buch über den Weg einer Frau, die sich ihren Weg von ganz unten nach ganz oben erarbeitet hat. Es ist ein Buch über Geheimnisse und Geschichten, ein Buch darüber, wo Dichtung anfängt und Wahrheit aufhört – und umgekehrt. Es ist ein wunderbares Buch!
Fazit:
Ein wunderbar berührendes, tiefgründiges, poetisches Buch über eine junge Waise, die als alte Schriftstellerin über ihr Leben erzählt. Absolute Leseempfehlung!
Zum Autor und zur Übersetzerin
Graham Swift, geboren 1949 in London, wo er auch heute lebt. Nach dem Studium in Cambridge arbeitete er zunächst als Lehrer. Seit seinem Roman ›Wasserland‹, der mit Jeremy Irons verfilmt wurde, zählt er zu den Stars der britischen Gegenwartsliteratur. ›Letzte Runde‹, wurde 1996 mit dem Man Booker-Prize ausgezeichnet und, hochkarätig besetzt, von Fred Schepisi verfilmt. Zuletzt erschien der hochgelobte Erzählungsband ›England und andere Stories‹. ›Ein Festtag‹, in siebzehn Sprachen übersetzt, wurde enthusiastisch als sein herausragendes Werk gefeiert und auf Anhieb ein internationaler Bestseller.
Susanne Höbel, geboren 1953, lebt in Südengland und arbeitet seit über zwanzig Jahren als Übersetzerin englischer und amerikanischer Literatur.
Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. August 2004)
Übersetzer: Susanne Höbel
ISBN-Nr.: 3423281103
Preis: EUR 18 / CHF 26.90
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Morgenstund
Wolkenballen, tonnenschwer,
schweben himmelhoch.
Nebelkrähen schreien heiser.
Solln se doch.
Nur bitte, wenn’s recht ist, etwas leiser.
Wunderbar satirisch, mit Witz und Humor dichtet sich Bernstein im vorliegenden Gedichtband durch die Welt. Egal, ob es sich um Tiere, das alltägliche Leben, Politik oder Musik handelt, er findet die richtigen Worte und verpackt sie in muntere Reime. Dabei versteigt er sich nie in die Tiefen des zu plakativen Witzes oder gar der Gassenhauer. Stilsicher spielt er die Klaviatur des gepflegten Humors, lässt den Leser schmunzeln.
So nimm denn, Freund, dir dieses Büchlein vor
und überprüfe Inhalt, Ton und Form.
Und wenn’s der Worte wert ist, dann besprich es
als etwas Gutes oder Wunderliches.
[…]
Die Gedichte überzeugen durch einen gekonnten Aufbau, durch zu Musik gewordener Sprache und Rhythmus. Die Frischen Gedichte sind ein Spätwerk, das von Munterkeit nur so strotzt und eines sicher tut: Gute Laune verbreiten.
Fazit:
Humor, Rhythmus und tiefgründige Munterkeit mit satirischem Einschlag. Absolute Leseempfehlung.
Zum Autor
F.W. Bernstein gehört mit Robert Gernhardt, F.K. Waechter, Eckhard Henscheid u.a. zur legendären »Neuen Frankfurter Schule«. Er arbeitete für Pardon und Titanic und als Professor für Karikatur und Bildgeschichte an der HdK Berlin. Er wurde mit dem »Göttinger Elch«, dem »Binding-Kulturpreis« der Stadt Frankfurt, dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, dem Wilhelm-Busch-Preis und dem Preis für Kunst und Kultur der Hans Platschek Stiftung ausgezeichnet. F.W. Bernstein, alias Fritz Weigle, Jahrgang 1938, lebt mit seiner Familie in Berlin.
Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 208 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann GmbH (15. Februar 2017)
ISBN-Nr: 978-3956141690
Preis: EUR 18/ CHF 26.90
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Ich stiess als Kind
auf Limericks
und fand die dann
auch ach so toll.
Nur: Limericks,
die sind vorbei,
da ist man heut
so drüber weg.
Das ist heut halt
nicht mehr ganz hipp,
man wächst ja auch
– und sollte das!!! –
so über sich
hinaus – was sonst.
Das nennt man dann
laut Weitergehn –
und Schritt nach vorn,
so ist das heut.
Ich mache nun
nen Schritt zurück.
Und mach mal so
nen Limerick.
Mir war grad so
genau danach
und es hat sogar
viel Spass gemacht.
(Eine Einleitung – man kann sie singen, wenn man singen kann. Ansonsten liest man sie besser. Auch gerne laut. Wenn man laut lesen kann. Ansonsten lieste man sie besser leise. Zum Schutz. Der Umwelt.)
Et voilà:
Der mallorquinische Vamp
Da war noch die Frau auf Malle,
die hatte ne scharfe Kralle,
die war ganz pink
die war auch flink,
und krallt’ sich die Männer alle.
Der Geniesser
Es gibt diesen Mann aus Bern
den hatten sie alle gern,
er war ganz rund
und pumperlgsund,
er konnt’ sich Genuss nur schlecht verwehr’n.
Beruf und Privatleben sollte man trennen
Kennen’s Frau Horn aus der Pathologie?
Die sagte allen nur immer sie.
Sie hielt halt Distanz
und ging nie zum Tanz.
„Weil irgendwann sezier ich die!“
Namen sind Schall und Rauch
Es war mal ein Kamel im Zoo,
das nannten sie alle nur Boo.
Es hiess eigentlich Fritz,
das ist nun kein Witz,
aber es reimte halt einfach nur so.
Ich trug einmal die züge meines vaters, sie waren leicht
zu tragen, ganz ohne gewicht; über die wiesen, bei den
wasserspiegeln, im ersten frühling, an den hellen tagen.
[…]
In seinem neusten Gedichtband ist Norbert Hummelt auf der Reise in seine eigene Vergangenheit. Er durchforstet seine Träume und verhaftet sie in den Realitäten seines Herkunftsortes, er sucht Stellen auf, an denen er als Kind gespielt hat, nimmt Kontakt zu seinem toten Vater auf und wandelt auf den Pfaden vergangener Lieben.
mein leben war zur hälfte schon vorüber
da ging ich einmal durch den dunklen wald
fand den rechten weg so bald nicht wieder.
[…]
Da es keine verbindlichen Regeln gibt für die Lyrik, ist ein Lyriker in der Pflicht, sein eigenes Regelwerk zu schaffen, sich seine Theorie, wie (s)ein Gedicht zu sein habe, aufzubauen. Wenn man die Entwicklung von Norbert Hummelt sieht, zeigen sich seine selber gesetzten Regeln, sein Anspruch an Dichtung deutlich. Immer aber stellt er die Form in die Pflicht des Inhalts, nie ist etwas einfach beliebig gesetzt, egal ob es sich dabei um Satzzeichen, Gross- oder Kleinschreibung oder auch metrisches Mass handelt.
Stilistisch ist Norbert Hummelt schon lange auf dem Weg der Loslösung des Verses von der Länge der Zeilen. Das Ziel, möglichst gleichlange Zeilen zu bilden, um so einen visuelles Ebenmass zu erzeugen, zeigt sich im vorliegenden Band deutlich. Dass es sich trotz des wie Blocksatz erscheinenden Schriftbildes keinesfalls um Prosa handelt, merkt man spätestens beim lauten Lesen: Wie Musik fliessen die Verse und zeigen: Da hat einer am Rhythmus gefeilt, bis nichts mehr stockte oder holperte – es sei denn, der Inhalt fordert es.
Fazit:
Sprache, die zu Musik wird, Gedichte, die dem Leben nachspüren. Ein wunderbares Buch und eine absolute Leseempfehlung.
Zum Autor
Norbert Hummelt wurde 1962 in Neuss geboren und lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Für seine Gedichte wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Preis, dem Mondseer Lyrikpreis und dem Niederrheinischen Literaturpreis. Er übertrug T.S. Eliots Gedichtzyklen „Das öde Land“ und „Vier Quartette“ neu in Deutsche und ist Herausgeber der Gedichte von W.B. Yeats. Bei Luchterhand erschienen seine Gedichtbände „Zeichen im Schnee“ (2001), „Stille Quellen“ (2004), „Totentanz“ (2007) und „Pans Stunde“ (2011) sowie der Essay „Wie Gedichte entstehen“ (mit Klaus Siblewski, 2009).
Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag (24. Oktober 2016)
ISBN-Nr: 978-3630875217
Preis: EUR 18/ CHF 26.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH
Wo ich bin
kann ich nicht bleiben.
Was ich muss,
will ich nicht tun.
Was ich kann,
muss ich noch finden,
was ich darf
lässt keine Wahl.
Was ich will,
muss ich noch werden.
Was ich soll,
erdrückt mich oft.
Wer ich bin,
wird einmal sterben.
Was ich weiss,
ist einzig das:
Wo ich bin
kann ich nicht bleiben.
©Sandra Matteotti
Wenn Tränen fliessen,
sich ergiessen
Bäche werden
in der Wanne des Lebens,
als Badesalz,
das in die Wunden
sich streut.
Wenn man platt
vom Leben gewalzt
am Boden liegt
und nur noch ein Wort
im Sinn ist:
flundernplatt.
Ist doch oft das Leben
der beste Lehrmeister
gerade dann,
wenn es ist, wie man es
nicht haben will.
©Sandra Matteotti
_____

Für die abc.etüden, Woche 25.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Elke (elke-boehm.de) und lauten: Badesalz, flundernplatt, Lehrmeister.
Der Ursprungspost: HIER
Täuscht du dich
oder zittert manchmal
die Hand ein bisschen
wenn du den Suppenlöffel hältst?
[…]
Nachdem Franz Hohler vor 30 Jahren seinen ersten Gedichtband veröffentlichte mit dem Titel Vierzig vorbei, wendet er sich nun – aus gegebenem Anlass wohl – dem Thema zu, welches in der Prosa-Literatur eher ein Tabu ist: dem Älterwerden. Die Dichter befassen sich mehr damit.
Ob gereimt oder in lyrischer Prosa, immer bringt bringt Hohler die Dinge auf den Punkt. Die Verse erscheinen, als ob sie ihm einfach aus der Feder geflossen wären, so locker und leicht lesen sie sich, lassen sie sich laut vorlesen. Mal schaut Franz Hohler genau hin, nennt die Dinge beim Namen, mal verpackt er sie in Bilder, die dem so gern gemiedenen Thema Würde und Schönheit geben.
Da wirbeln sie
braun und vertrocknet
über die Dächer
drehen sich tanzend
[…]
Zwar ist das Bild des welkenden Blattes nicht neu, viele Dichter haben es verwendet, um das Alter zu beschreiben, trotzdem wirkt es nicht verbraucht oder zu herkömmlich. Eine wunderbare Melancholie zieht sich durch die Gedichte, nicht ohne dabei den Witz zu vergessen. Fragen werden gestellt und geschaut, was sein könnte, hätte sein können und noch ist. Das alles passiert in verschiedenen Sprachen: Deutsch, Französisch, Mundart, Englisch und sogar Altgriechisch – Ein wunderbares Potpourri.
Fazit:
Melancholie nicht ohne Heiterkeit, offengelegte und auf den Punkt gebrachte Einsichten zum Älterwerden, Tiefgang in Versform – ein wunderbares Buch. Absolute Leseempfehlung!
Zum Autor
Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren, er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Alice-Salomon-Preis und den Johann-Peter-Hebel-Preis. Sein Werk erscheint seit über vierzig Jahren im Luchterhand Verlag.
Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag (27. Februar 2017)
ISBN-Nr: 978-3630875446
Preis: EUR 16/ CHF 23.90
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