Aus dem Atelier: Freiheit

„Jeder freie Mensch ist kreativ. Da Kreativität einen Menschen ausmacht, folgt: nur, wer Künstler ist, ist Mensch. Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Joseph Beuys.

Der letzte Satz wird oft alleine zitiert und dann frei und ohne Kontext interpretiert. Er meinte wahrlich nicht, dass jeder Mensch, um Mensch zu sein, den Malpinsel schwingen müsste. Mit dem Gedanken, den Beuys hier im Sinn hatte, stand er nicht alleine, schon Schiller drückte sich sinngemäss aus, als er meinte: 

„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Nimmt man dann noch Goethe dazu, der meinte:

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

ergibt sich daraus die Idee einer Gesellschaft, in welcher die Freiheit oberstes Gebot ist, die Freiheit nämlich, zu spielen, kreativ zu sein, keinen vorgetretenen Pfaden folgen zu müssen, sondern eigene finden zu können. 

Ich geh’ dann mal spielen. Habt einen schönen Tag!

Atelier: Selbsterkenntnis

Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes Erkennen. Denn er mißt nach eignem Maß Sich bald zu klein und leider oft zu groß. Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur Das Leben lehret jeden was er sei.
Johann Wolfgang von Goethe

Wer bin ich, wenn ich alleine bin? Kann ich mir auf die Schliche kommen? Goethe meint, man brauche den anderen, um es zu tun. Auch Martin Buber schlägt in die Kerbe, wenn er sagt, dass das Ich eines Du bedürfe, um sich entwickeln zu können. Viele andere gingen den gegenteiligen Weg. Sie zogen sich in einsame Wälder oder in die Berge zurück oder sie gingen auf Wanderung. Auch in der Meditation geht man den Weg nach innen. Man lässt nach und nach alles im Aussen los, um die innerste Essenz zu fühlen, das, was bleibt, wenn der Rest weg ist.

Was ist denn nun der richtige Weg? Ich halte es da wie auch sonst gerne im Leben: Das Eine tun, das andere nicht lassen. Ich denke, nur in einer gesunden Mischung von Miteinander und alleinigem Reflektieren findet man schlussendlich wirklich das, was man dann als Ich erkennt. In welchem Verhältnis das stattfindet, wie die Einkehr aussieht, unterscheidet sich wohl von Mensch zu Mensch. Bei mir ist es sicher das kreative Tun, das mich immer wieder mehr zu mir bringt, das mir die Augen öffnet, mich sprichwörtlich sehend macht. Wie ist es bei dir?

Habt einen schönen Tag!

Aus dem Atelier: Quo vadis?

„Manchmal muss man Wege erst gehen, um zu sehen, dass sie nicht passen.“

Ich probiere gerne Neues aus, bin anfangs meist auch Feuer und Flamme und denke schnell: Das ist es, das mache ich nun weiter. Mit der Flut des Geschafften nimmt oft das Mass an Enthusiasmus ab, bis ich an einem Punkt bin, an dem ich merke: Nein, das ist es doch nicht. Und oft kehre ich dann zu Bewährtem zurück und merke, dass ich von meinem Ausflug in neue Gefilde etwas mitgebracht habe, das sich nun auf eine gute Weise eingebracht hat.

Vermutlich ist es das, was Rilke meint, wenn er vom Leben in wachsenden Ringen spricht. Wir gehen ständig weiter, nehmen Dinge weg, andere bleiben zurück. Und so durchschreiten wir Ring für Ring unser Leben. Oft sehen wir das als Weiterentwicklung. So, als ob wir im Aussen etwas aufgenommen und verinnerlicht haben. Max Frisch sah es andersrum. Er sagte, wir entwickeln uns nicht, sondern entfalten uns. Nach dem Bild ist alles in uns angelegt, wir müssen es nur entdecken und zur Entfaltung bringen. Vielleicht ist dann das, was bleibt von den Ausflügen, das, was in meinem Innern eine Resonanz findet, weil es da schon im Verborgenen angelegt war.

Und wenn ich solche Dinge schreibe und darüber nachdenke, was wer gesagt und gedacht hat, kommt mir manchmal der Gedanke: Ist das überhaupt wichtig? Entfalten, entwickeln? Vielleicht kommt es nur darauf an, den Weg zu gehen und darauf zu achten, was wir auf ihm entdecken und wie es sich für uns anfühlt. Weniger denken. Tun.

Habt einen schönen Tag!

Aus dem Atelier: Femme fatale

«Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet. Je mehr man die Welt liebt, desto schöner wird man sie finden.» Christian Morgenstern

An den Klagen über die grausame Welt mag viel dran sein. Zu allen Zeiten hat es sie gegeben und jede fand die ihre besonders schlimm. Zu allen Zeiten gab es aber auch Schönes und Gutes. Es liegt an uns, worauf wir den Fokus richten wollen.

Ich bin überzeugt, dass das Leben ein glücklicheres ist, wenn man den Fokus auf das Schöne legt. Wie sagte schon Epiktet: Es gibt Dinge, die wir nicht ändern können, weil sie nicht in unserer Hand liegen. Und es gibt Dinge, die liegen in unserer Hand, sie können wir steuern. Steuern können wir mehrheitlich nur unseren Blick auf das, was ist, nicht aber dass es ist.

Und so habe ich beschlossen, mich fortan (noch mehr) dem Schönen zuzuwenden. Anderes gibt es ja wahrlich schon genug, darum muss ich mich nicht auch noch kümmern. Ich fange gleich mit dem Wochenende an.

Habt einen schönen Tag!

Aus dem Atelier: Abstecher in die Modewelt

In den letzten Tagen habe ich einen Abstecher in die Welt der Mode, genauer der Modeillustration gemacht. Fasziniert von verschiedenen Künstlern, liess ich mich treiben, zeichnete mit klareren Linien, «zog meine vormals nackten Frauen an», liess sie gehen, stehen, tanzen. Ich experimentierte mit einem illustrativeren Stil und irgendwie gefiel mir das Aufgeräumte, die klaren Strukturen. Weniger Chaos, weniger Dreck, weniger Unordnung – sowohl auf dem Papier wie auch im Atelier. Als ordnungsliebender Mensch kam mir das sehr entgegen.

Und plötzlich merkte ich eine innere Unzufriedenheit. Da fehlte plötzlich was. Etwas, das mir die Kunst vorher gegeben hat: Die Freude am Erforschen. Ich hatte mein Grundthema verloren, nämlich den Menschen in seiner Welt und seinem Sein einen Ausdruck zu geben. Ich hatte ihn im wahrsten Sinne verkleidet.

Heute habe ich ihn wieder entkleidet. Gewisse Dinge werde ich aber mitnehmen aus der Zeit. Und genau das ist das Schöne, das wohl auch zu (meine)m Weg gehört: Immer wieder Neues erforschen, um dann mitzunehmen, was passt und wegzulassen, was doch nicht meins ist.

Habt einen schönen Tag!

Das Bild entstand nach einer Fotografie des Modehauses Chloé.

(Die Zeichnung habe ich eingescannt, um verschiedene Farbvariationen auszuprobieren. Den für solche Dinge eigens angeschafften Scanner einzurichten, war eine Herausforderung für sich….)

Ernst Ludwig Kirchner (6. Mai 1880)

«Der Maler malt die Erscheinung der Dinge, nicht ihre objektive Richtigkeit, ja er erschafft neue Erscheinungen der Dinge.» Ernst Ludwig Kirchner

Ein glückliches kann es wohl nicht nennen, blickt man auf das Leben von Ernst Ludwig Kirchner. Geboren am 6. Mai in Aschaffenburg, wo er das Abitur machte und danach Architektur studierte und auch zum Abschluss brachte. Statt sich diesem Beruf zu widmen, begab er sich voll in die Kunst, gründete zusammen mit Emil Nolde, Max Pechstein und Cuno Amiet die Künstlergruppe «Die Brücke». War er zuerst von den Impressionisten inspiriert, wandelte sich sein Stil schnell in Richtung Expressionismus, für welchen er bis heute als prominentes Aushängeschild gilt.

Leider blieb ihm die gebührende Anerkennung verwehrt, so dass er Dresden den Rücken kehrte und nach Berlin zog. Auch da war er nicht zufrieden mit der Resonanz, so dass er sich selbst unter Pseudonym Kritiken schrieb. Das mangelnde Interesse hielt ihn nicht davon ab, ein umfangreiches Werk zu schaffen. Der Erste Weltkrieg unterbrach diese Schaffenskraft. Er diente zuerst als Freiwilliger, danach als Rekrut, doch war er dem Druck nicht gewachsen und erlitt einen Nervenzusammenbruch, aus welchem wohl die ihn bis zum Schluss begleitende Drogenabhängigkeit resultierte.

Die bunten Farben von Kirchners Werken können nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ein Leidender war. Er litt an der mangelnden Aufmerksamkeit, an Krankheit, am Leben.
Der Zweite Weltkrieg stürzte ihn schliesslich vollends in die Verzweiflung. Die Nationalsozialisten deklarierten sein Werk als entartete Kunst, seine Werke wurden aus den Museen entfernt, viele sogar zerstört.

«Ich hoffte immer, dass Hitler für alle Deutschen wäre, und nun hat er so viele und wirklich ernsthafte gute Künstler deutschen Blutes diffamiert. Das ist sehr traurig für die Betroffenen, denn sie, die ernsthaften darunter, wollten alle und haben geschaffen für Deutschlands Ruhm und Ehre.» Ernst Ludwig Kirchner

Die Aussage zeugt nicht nur von politischer Ignoranz und prominentem Nationalstolz, sie weist auch andere bedenkliche Andeutungen auf, welche an dieser Stelle aber nicht Thema sein sollen. Es bleibt Kirchners Leiden an der Situation, die er, seit 1917 in Davos (Schweiz) zwar von Ferne, aber doch gefühlt unmittelbar erlebte. Seine Morphinsucht verschlimmerte sich, nachdem er vorher davon weggekommen war, bis er sich am 15. Juni 1938 mit einem Schuss ins Herz das Leben nahm. So lautet zumindest die ärztliche Diagnose, an welcher es doch verschiedene Zweifel gibt.

Aus dem Atelier: Scham

«Das Schöne, auch in der Kunst, ist ohne Scham nicht denkbar.» Hugo von Hofmannsthal

Als ich nach Zitaten über die Scham suchte, hatte ich natürlich etwas im Sinn. Allerdings entsprach das in keiner Weise dem, was ich gefunden habe. Scham, so landläufig die Ansicht, sei es bei Philosophen, Literaten oder in Religionsbüchern, wird als Zier und gebührliches Empfinden gesehen. Sie ist quasi der Hüter der Moral, der Wächter über Zucht und Ordnung.

Nun kann ich dieser Sicht durchaus etwas abgewinnen, doch mir ging es um etwas anderes: Um die Scham, die wir oft verspüren, wenn es um unsere Unzulänglichkeiten und vermeintlichen Unperfektheiten geht. Wir verstecken sie so gut wie möglich, verstecken damit uns selbst auch, denn indem wir diesen Teil verbergen, dringt nur noch eine halbherzige Version unserer selbst nach draussen. Wir vermitteln ein Bild, das nur in Teilen uns entspricht.

Das ist sicher gut und sinnvoll als Selbstschutz in gewissen Momenten, doch oft kann einem dieses Verhalten auch behindern. Wir stehen uns damit selbst im Weg, weil wir uns nicht trauen. Wir fürchten uns vor unseren Fehlern, fürchten uns vor den Reaktionen darauf, und wagen nicht, was wir eigentlich gerne tun und sein würden.

Das liegt sicher mit daran, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Fehler und Scheitern verteufelt werden, etwas, das es nicht geben darf. Wie schade. Wie oft zeigen sich gerade in Fehlern oder Dingen, die nicht gelingen neue Wege und Möglichkeiten? Kreativität entsteht da, wo dem freien Ausprobieren nichts im Wege steht. Und meiner Meinung nach entsteht dann das Schöne. In der Kunst und im Leben.

Habt einen schönen Tag!

Aus dem Atelier: Stiller werden

«Alles vei ihnen redet, nichts gerät mehr und kommt zu Ende. Alles gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brüten?» Friedrich Nietzsche

Ich habe lange überlegt, eine Pause einzulegen hier und in den sozialen Medien. Ich habe mich nun dagegen entschieden (vorerst), trete aber kürzer. Ich möchte nicht im Akkord liefern müssen, sondern mir die Zeit und Ruhe geben und nehmen, meine Kunst weiterzudenken, weiter zu entwickeln. Ich möchte frei und spielerisch die Möglichkeiten erkunden, Formen und Linien entstehen und Farben fliessen lassen.

Der tägliche Gedanke, was ich davon präsentieren und vor allem auch, was ich dazu sagen möchte, kostet Zeit und Energie. Und er übt einen Druck aus, der mich müde macht. Mit dem Titel «Tagesbild» habe ich wohl zusätzlich die Erwartung geweckt, die Bilder kämen auch wirklich täglich. Und wie es meinem Naturell entspricht, enttäusche ich Erwartungen ungern. Dabei war es nie so angedacht. (Darum nun neu: Aus dem Atelier)

Frei nach Nietzsche werde ich also weniger gackern und mehr Eier brüten. Es wird nicht still hier, aber stiller. Ab und zu mache ich auch Ausflüge ins Bücherregal, stöbere in Bildbänden, lasse mich inspirieren, tauche in die Bildwelten grosser Künstler ein. Auch darüber möchte ich ab und zu berichten. Vielleicht finden auch andere darin Inspiration.

Ich wünsche euch einen guten Start in diese kurze Woche.

Tagesbild: Leben in meiner Welt

«To create one’s own world takes courage.» Georgia O’Keeffe

Die grosse Welt können wir kaum ändern, aber die kleine um uns herum, da haben wir Möglichkeiten. Nur: Ganz so einfach ist das nicht. Wir bewohnen sie nicht allein, andere leben mit und neben uns. Sie schauen auf uns, haben ihre eigenen Vorstellungen, wie eine Welt auszusehen hätte. Wenn viele die gleiche Sicht teilen, stehen wir, die wir uns in dieser Welt nicht wohl fühlen, alleine da.

«In der sozialen Welt ist es elementar, ob man drinnen ist oder draussen, ob man dazugehört oder nicht.» Ralf Konersmann, Aussenseiter

Wir stehen vor einem Grossen Wir und sind die Anderen. Wir sind die Aussenseiter, die an der Seite und aussen stehen. Da zu sein ist schwer. Mitunter einsam. Und mit dem Wissen gepaart, immer im kritischen Blick zu stehen. Dem Blick, der sagt: Wir wissen, wie die Welt zu sein hat, du passt da nicht rein.

«Die Konstellation ist jedoch asymmetrisch. Denjenigen, die drin sind, fällt mit ebendiesem Drinsein die Position zu, über Drinnen und Draussen zu entscheiden.» Ralf Konersmann, Aussenseiter

Der Mensch möchte dazugehören. Aus dem Grund passt er sich in Welten ein, die ihm nicht passen. Oft führt das zu einer gefühlten Entfremdung – zur Welt und schlussendlich zu sich. Da auszubrechen und sich die eigene, passende Welt zu schaffen, erfordert Mut. Doch ist es wirklich eine Option, es nicht zu tun?

Habt einen schönen Tag!

(Buchtipp zum Thema Aussenseiter: Ralf Konersmann, Aussenseiter, erschienen im Fischer Verlag)

«Ich bin Jussuf, Prinz von Theben»


«Sind sie auch so schmerzlich verloren wie ich?»

Mit diesen Worten stellte sich Else Lasker-Schüler Franz Marc vor. Hier hatten sich zwei Suchende getroffen, zwei Künstler, die durch ihre Kunst und ihre Sehnsüchte verbunden waren. Vier Jahre lang tauschten sie Briefe aus, Briefe, die von Leid und Hoffnung erzählten, von den Tiefen des Lebens und die begleitet von Zeichnungen und Bildern zu kleinen Kunstwerken wurden. Immer, wenn es Else Lasker-Schüler schlecht ging, schickte ihr Franz Marc ein Bild, das ihr förmlich beim Überleben half. Für uns Nachgeborenen sind diese Briefe Zeugnisse von unschätzbarem Wert durch ihre Tiefe, ihr Blick auf die Zeit und ihren künstlerischen Ausdruck.

„Der Blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing.
Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten…
wo der Blaue Reiter ging, schenkte er Himmel.“
(Else Lasker-Schüler)

Als Franz Marc 1916 im Krieg fiel, war das ein schwerer Schlag für Else Lasker-Schüler, war diese Verbindung für sie doch sehr zentral und wichtig. Sie setzte den Briefwechsel fiktional fort und es entstand daraus ein Briefroman, der die Freundschaft weiterleben liess.

Ich hebe mein Glas auf die wunderbare Dichterin Else Lasker-Schüler. Sie würde heute 156 Jahre alt.

***
Buchtipp (leider kaum mehr erhältlich):
Else Lasker-Schüler – Franz Marc. Eine Freundschaft in Briefen und Bildern

Gerhard Richter (9. Februar 1932)

«Da es keine absolute Richtigkeit und Wahrheit gibt, streben wir immer die künstliche, führende, eben menschliche Wahrheit an. Wir werten und machen eine Wahrheit, die andere ausschließt. Die Kunst ist ein bildender Teil dieser Wahrheitsfindung.» Gerhard Richter

Heute hebe ich mein Glas auf Gerhard Richter, einen der grössten noch lebenden deutschen Maler. Er feiert heute seinen 93. Geburtstag. Für mich ist er ein wahrer Künstler, ein Mensch, der nie die Neugier verlor, immer seinen Weg ging, Neues probierte, nie stehen blieb. Ein Mensch, der eine Meinung hat und sie kundtut, auch wenn sie unbequem ist – oder gerade dann.

«Ich verwische, um alles gleich zu machen, alles gleich wichtig und gleich unwichtig. Ich verwische, damit es nicht künstlerisch-handwerklich aussieht, sondern technisch, glatt und perfekt. Ich verwische, damit alle Teile etwas ineinanderrücken. Ich wische vielleicht auch das Zuviel an unwichtiger Informationen aus.» Gerhard Richter

Er hat von Fotorealismus bis hin in die Abstraktion viele Etappen durchlaufen. Was seine Bilder auszeichnet ist das Spiel mit dem Zufall, aber auch eine Bedeutung, die sich erst auf den zweiten Blick eröffnet. Es sind keine eingängigen Bilder, man muss sich einlassen.Es sind keine eindeutigen Bilder, der Widerspruch ist immer auch in ihnen angelegt.

«Über Malerei reden, das hat keinen Sinn. Indem man mit der Sprache etwas vermittelt, verändert man es. Man konstruiert solche Eigenschaften, die gesprochen werden können, und unterschlägt die, die nicht ausgesprochen werden können, die aber immer die wichtigsten sind.» Gerhard Richter

Es gibt nicht viele Interviews mit Gerhard Richter, er sprach lieber durch seine Bilder als mit Worten. Einen der wenigen Einblicke gibt ein Film über ihn, sehr aufschlussreich ist deswegen der Film über ihn von Corinna Belz, die auf Arte lief: Gerhard Richter – Painting

https://www.arte.tv/de/videos/073767-000-A/gerhard-richter-painting/

Jürgen Schreiber hat sich auf Spurensuche begeben und dunklen Geschichte von Richters Familie nachgespürt, in welcher sich Täter und Opfer des Naziregimes kreuzen, etwas, das Richter auch zum Thema einiger Bilder gemacht hat.

Sehr empfehlenswert ist auch Uwe M. Schneedes Buch «Gerhard Richter: Der unbedingte Maler» umfassend und fundiert zeigt es Richters Lebens- und Schaffensweg auf, beleuchtet die Hintergründe seiner einzelnen Schaffensphasen. Die Sprache ist teilweise etwas bemühend, aber der Inhalt tröstet darüber weg.

Franz Marc (8.2.1880 – 4.3.1916)

Vom Suchen und Finden eines Malers

Franz Marc wurde am 8. Februar 1880 in München geboren. Sein Vater war Professor an der Akademie der Schönen Künste, doch Franz zog es zuerst zum Priestertum, dann liebäugelte er mit einem Philosophiestudium, bis er sich schliesslich doch für Kunst entschied.

„Das Leben hat gegenwärtig für mich keinen anderen Sinn als den, es durch meine Malerei zu übertönen (eigentlich müsste ich sagen, ‚zu übermalen’) und alle leidenschaftlichen Lebensinstinkte zu ersticken.“

Diese Zeilen schrieb Franz Marc an seinen Bruder Paul. Sie stammen aus einer Zeit, da Franz Marc ein Suchender war. Er stand zwischen drei Frauen und konnte sich nicht entscheiden. Was er wusste war nur, dass er Künstler sein will, nicht aber, wie sein Ausdruck, was seine künstlerische Stimme sei. Er liess sich treiben, auf beiden Feldern, schwankte zwischen Farben und Formen und zwischen den Frauen hin und her. Und: Er wurde schwermütig dabei.

„Ich bin nervös und schwermütig; je weniger einsiedlerisch mein Leben scheint, desto einsamer ist es. Ich glaube, ich habe noch ein unruhevolles Dasein vor mir.“

Franz Marc heiratete, allerdings die Falsche, wie sich später herausstellen sollte. Aber zuerst reiste er noch nach Paris, was in der Zeit das Kunstmekka schlechthin war. Alle waren sie da, die Rang und Namen hatten. Was er da sah, beeindruckte ihn sehr, allen voran Gaugin und van Gogh. Dieser Besuch brachte ihn auch in seinen Stilfragen weiter, die vormals naturalistischen Darstellungen schwanden durch die Einflüsse des Impressionismus und Pointilismus mehr und mehr.

«Es gibt keine »Gegenstände« und keine »Farbe« in der Kunst, sondern nur »Ausdruck«.»

Schliesslich kam Franz Marc mit Maria Franck zusammen und langsam zur Ruhe. Gemeinsam zogen sie aus München weg aufs Land. Franz Marc legte einen Schaffenseifer ans Licht wie nie zuvor. Er malte von morgens bis abends, fand in den Tieren seine Sujets und brachte diese in einem immer klareren und eigenen Stil auf die Leinwand. An den Tieren liebte er ihr harmonisches Leben mit der Natur. Er bildete dabei nicht einfach die Tiere ab, sondern wollte die Welt aus deren Sicht zeigen.

«Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb ist das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, schwer und brutal und stets die Farbe, die von den anderen Farben bekämpft werden muss.»

Die Farben dienten ihm da als Ausdruck der verschiedenen Energien und Temperamente.

Nach immer grösseren Dissonanzen im Umfeld der Neuen Künstlervereinigung München, deren 3. Vorsitzender Franz Marc war, kam es zur Geburtsstunde des Blauen Reiters, mit von der Partie waren neben Wassily Kandinsky Gabriele Münter, Alexeji Jawlensky, August Macke, und einige mehr.

Das Leben hätte so weitergehen können, die Schaffenskraft war gross, das Leben mit Maria harmonisch, seine Freundschaften nährend (zu erwähnen wäre hier noch Else Lasker-Schüler, mit der ihn eine tiefe Freundschaft verband, aus welcher ein wunderbarer Briefwechsel mit Zeichnungen der beiden erhalten ist), wäre nicht der Krieg dazwischen gekommen. Marc wurde einberufen und kam darin um. Es war ihm kein langes Leben beschieden gewesen, zu dem Zeitpunkt war er erst 36 Jahre alt. Hinterlassen hat er eine wunderbar bunte Bilderwelt, die bis heute nichts an ihrer Anziehungskraft verloren hat.

Buchempfehlung: Wilfried F. Schöller, Franz Marc
Franz Marcs Leben und Schaffen ist wohl eines der gut beleuchteten. Wilfried F. Schoeller hat mit seinem Buch nicht einfach eine weitere Biografie unter vielen geschaffen, er hat tiefer gegraben, genauer hingeschaut und unbarmherziger (aber nie bösartig oder abschätzig) ans Licht geholt, was Franz Marcs Leben bewegte, wie er seinem Schaffen gegenüber stand und wie er seinen Weg ging.

Entstanden ist ein Buch, das die gängigen Klischees und tausendfach erzählten Geschichten hinter sich lässt. Es wird ein Künstlerleben plastisch, das von Widersprüchen, Zweifeln, Depressionen und Schaffenskraft zeugt. Auch die Zeit beim Blauen Reiter darf natürlich nicht fehlen, die für Franz Marc eine wegweisende war. Aus der folgenden Zeit stammen die Bilder, die in der Folge am Bekanntesten werden sollten, die als Reproduktionen Wohnzimmer und Postkarten zierten und die noch heute Scharen von Besuchern in die Museen locken.

Die vorliegende Biografie ist ein Buch über das Leben und Schaffen, über die Inspirationen und Wegbegleiter, über Freundschaften und Liebe des Künstlers sowie über den Menschen Franz Marc mit seinen Gedanken, Theorien und Zielen. Das Buch ist zudem sehr schön illustriert mit Zeichnungen und Fotos sowie mit einem Mittelteil versehen, der Franz Marcs Bilder zeigt, auf welche im Text verwiesen wird. Den Abschluss machen ein Register aller zitierten Werke sowie eine ausführliche Liste weiterführender Bücher.

Mein Fazit: Ein Standardwerk – Genauer und detaillierter kann man das Leben und Schaffen eines Künstlers nicht erzählen. Sehr empfehlenswert.