Keine Plattform – oder: Wieso Schweigen so schwer fällt

In Barcelona fuhr einer in eine Menge. Verletzte, Tote wohl. Die Polizei spricht von Terror. Einmal mehr schlug der zu. Und immer kriegt er Aufmerksamkeit, wird in allen Medien breitgetreten, die Angst wird geschürt. Die Menschen fragen sich, was sie noch tun können, wo sie noch hin können. Und die Terroristen? Jubilieren. Ziel erreicht.

Nun ist der Mensch nicht dumm, er denkt sich: Wir dürfen denen keine Plattform bieten. Und so schreiben nun alle: Ich biete dem keine Plattform. Ich sage NICHTS zu Barcelona. Ich gebe denen keine Plattform. Und dann nutzen sie den Hashtag. Um ja gefunden zu werden in ihrer Botschaft.

Ja, man könnte nun sagen: So doof aber auch. Das wäre einfach. Aber so einfach ist es nicht. Terror macht Angst. Tote und Verletzte machen betroffen. Und man möchte nicht einfach wegschauen. Man möchte den Opfern die Ehre erweisen, möchte seinem Entsetzen Ausdruck geben. Man möchte nicht wegsehen und nicht als Ignorant gesehen werden. Aber um das zu erfüllen, muss man es thematisieren. Und: Jede Erwähnung ist Wasser auf die Mühlen derer, die das verursacht haben.

Unser System der öffentlichen Stellungsnahme hat sich verselbständigt. Man kann nicht das Eine tun, ohne das Andere zu lassen. Sprich: Was nicht öffentlich wahrgenommen werden kann, ist nicht passiert. Was öffentlich wahrgenommen werden kann, wird nach allen Seiten hin genutzt.

Da kommen wir nicht mehr raus. Es gilt, damit umzugehen. Noch sind wir weit davon entfernt. Und ja, vielleicht haben wir uns damit selber überfordert. Bislang konnten wir vieles verheimlichen. Auch vor uns selber. Nun existiert quasi nichts mehr, wenn es nicht von allen gesehen werden kann. Und alle sind verdammt viele. Wie mit all denen umgehen, wenn wir oft schon mit uns selber Mühe haben? Wir wollen eigentlich nur eines: Vor allen genügen.

Frauen, Männer, Quoten

In letzter Zeit spülen mir die sozialen Medien immer mehr Artikel in den Gesichtskreis, in denen es um Gleichberechtigung geht, um Zahlen davon, wie viele Frauen wo vorhanden sind. Da wird gezählt. Akribisch. Der Buchpreis: Ein paar Frauen, ganz viele Männer. Die Jury: Ganz viele Männer, kaum eine Frau. Schullektüre: Fast gar keine Frauen, denn mehrheitlich Männer. Bestsellerlisten: Man ahnt es.

Ich merke, das Ganze nervt mich. Meist wird nicht gefragt, wieso es so ist, man zählt nur, was ist. Was, wenn sich gar nicht genügend gemeldet haben? Was, wenn es schlicht einfach mehr Männer gibt? Selbst das kann man natürlich hinterfragen, aber man sollte es tun. Fragen, wieso dem so wäre – wenn dem denn so wäre.

Ich habe mir Gedanken gemacht. Was las ich in der Schule? Und ja, im Deutsch ausschliesslich (tote) Männer. In der Zeit gab es aber auch kaum Frauen. Zumindest wenig „grosse“. Droste-Hüllshoff wäre eine – kam nicht. Ansonsten? Wer wäre? Franziska von Reventlow wird vernachlässigt, Seghers und Aichinger lebten noch, ebenso die Jelinek. Anno dazumal schrieben die wohl in Deutschland einfach nicht?

Im Englisch lasen wir auch nur Männer. Da ist es fragwürdiger, denn da hätte es einige gegeben: Austen, die Brontes, Virginia – Lag es dran, dass der Lehrer männlich war? Das waren der Deutsch- und der Französisch-Lehrer übrigens auch und auch im Französisch lasen wir nur Männer. Ob es da Frauen bei den Klassikern (nur solche lasen wir) gäbe, entzieht sich meiner Kenntnis. Simone de Beauvoir? Aber die wäre vielleicht eher Philosophie und das war Freifach – und da lasen wir Kant… (was ich aber toll fand… müsste ich sie besser finden, weil sie eine Frau ist? So fühlt sich die Zählerei ab und zu an….)

Ich ging in Gedanken weiter zum Studium. Im Verhältnis wenig Frauen gelesen, zumindest in Germanistik, in Anglistik die eine oder andere mehr. Ich müsste aber zählen, wie viele es denn wären im Verhältnis. Muss ich? Ist es relevant? Noch gebe ich nicht auf. Ich gehe weiter und erinnere mich an meine Professoren. In Germanistik hauptsächlich Männer. In Philosophie ebenso, Geschichte auch, Anglistik war die Vorzeige-Professorin, die in aller Munde war, weil sie so jung Professorin geworden war. Ich habe aber quasi nur bei Männern studiert. Guten Männern.

Wenn ich mir heute die Professoren-Listen in meinen Fächern anschaue, ist die Mehrheit noch immer männlich. In meinen Fächern waren Frauen in der Mehrzahl. Wo sind die alle hin? Waren sie wirklich so schlecht? Wollten sie nicht? Wurden sie nicht genommen? Da fängt es langsam an, unangenehm zu werden beim Denken. Ich habe selber Diskriminierung erlebt aufgrund meines Geschlechts. Eine Assistenzstelle kriegte ich nicht, weil ich (explizit so gesagt – übrigens von einer Frau) als Frau und alleinerziehende Mutter nicht in der Lage sei, die Anforderungen erfüllen zu können. Ein Stipendium kriegte ich erst, man wollte es mit der gleichen Begründung nachher absprechen… ich wäre fast vor Gericht gezogen.

Woran liegt es, dass Frauen in der Literaturwelt so untervertreten sind? Muss man das nun zählen und aktiv ändern? Wie sollte das gehen? Quoten? Dann wären Bücher von Frauen nur deshalb in Wettbewerben, weil sie von Frauen stammen. Frauen sässen nur in Jurys, weil sie Frauen sind. Frauen hätten Professuren inne, weil sie Frauen sind.

Man kann nun sagen: Das wäre, der Frau Unrecht getan. Das hiesse, Frauen (und Männer) nicht mehr nach Leistung, sondern nach Geschlecht zu bewerten. Das Argument greift zu kurz. Wer das Argument anführt, geht davon aus, dass es weniger fähige Frauen als Männer gibt. Denn nur dann wäre das Ungleichgewicht gerechtfertigt. Sobald man das negiert, müsste man zum Schluss kommen, dass beide gleich oft vertreten sein müssten. Wenn sie gleiche Chancen hätten.

Und ja, es ist nicht toll, zählen zu müssen. Es ist nicht toll, Quoten durchprügeln zu müssen. Es ist traurig, muss man Zahlen bemühen, um gelten zu lassen:

Alle sind gleich und sie sollen gleiche Chancen haben.

Davon scheinen wir noch weit entfernt zu sein.

Max Frisch: Fragebogen IV

Vor einiger Zeit startete ich mit dem ersten Fragebogen von Max Frisch Fragebogen (HIER), der zweite folgte (Thema Ehe: HIER), dann der dritte (HIER) – wir kommen zur vierten Runde, das Thema ist dieses Mal die Hoffnung. Hier ist auch wieder nur eine Auswahl aus den Fragen des Fragebogens, den ganzen findet ihr im am Schluss genannten Buch.

Fragebogen IV

  1. Wissen Sie in der Regel, was sie hoffen?

Meistens schon. Ich bin aber nicht immer sicher, ob es auch gut ist, wenn es eintrifft.

  1. Beneiden Sie manchmal Tiere, die ohne Hoffnung auszukommen scheinen, z. B. Fische in einem Aquarium?

Mit Fischen habe ich keine Erfahrung. Ich beneide ab und an meinen Hund um sein Leben, es muss sehr entspannt und schön sein – so wirkt er auf alle Fälle meistens. Hoffnungen hat er aber durchaus, wie mir scheint. Immer nach dem Abendessen hofft er ganz offensichtlich auf einen Knochen für sich. Und den kriegt er dann auch meistens, da er in seiner hoffnungsvollen Haltung (und vor allem seinem Blick aus Knopfaugen) unwiderstehlich aussieht.

  1. Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?

Wirklich aufgegeben wohl keine – zumindest keine, die ich noch als wünschenswert erachte, wenn sie eintreffen würde. Ich male mir nur die Chancen auf Erfolg ab und an verschwindend klein aus, aber: Die Hoffnung stirbt trotz allem zuletzt.

  1. Kann Hass eine Hoffnung erzeugen?

Das wäre in meinen Augen keine Hoffnung, sondern ein Rachegedanke.

  1. Hoffen Sie angesichts der Weltlage: a) auf die Vernunft? b) auf ein Wunder c) dass es weitergeht wie bisher?

Weder noch. Am ehesten hoffe ich auf ein zunehmendes Bewusstsein, was wir tun, auf mehr Einsicht, dass keiner allein überleben kann, dies nur im Miteinander geht, und auf mehr Menschlichkeit.

  1. Können Sie ohne Hoffnung denken?

Hoffnungslosigkeit ist ein sehr lähmendes Gefühl. Da fällt mitunter alles schwer, auch das Denken. Hoffnungslosigkeit kann aber auch das Resultat von zu viel Denken sein. Wenn man in einer Abwärtsspirale denkt, mögliche negative Folgen ausmalt und alles in düstere Farben kleidet, führt genau dieses Denken zur Hoffnungslosigkeit. Vielleicht ist es dann und wann sogar sinnvoll, mit dem Denken aufzuhören und sich mal abzulenken. Das kann vieles sein: In die Natur gehen, zeichnen, lesen, tanzen, singen – alles, was hilft, den Kreislauf der Gedanken zu unterbrechen. Und dann, wenn wieder Hoffnung da ist, langsam und behutsam wieder zu denken beginnen.

  1. Was erhoffen Sie sich von Reisen?

Neue Eindrücke, Inspirationen, Anreize – aber auch: Eine Auszeit, Ruhe für mich, mal dem Alltag entkommen.

  1. Wenn Sie jemand in einer unheilbaren Krankheit wissen: machen Sie ihm dann Hoffnungen, die Sie selber als Trug erkennen?

Nein, das fände ich nicht richtig. Grundsätzlich würde ich mit ihm über andere Themen sprechen als über seine Krankheit, da er diese ja selber kennt. Wenn er aber darüber sprechen will, dann würde ich ihm zuhören und versuchen, auf ihn einzugehen.

  1. Was erwarten Sie im umgekehrten Fall?

Dasselbe. Ich hasse Lügen, ich hasse Beschwichtigungen oder Schönfärberei.

  1. Muss eine Hoffnung, damit Sie in ihrem Sinn denken und handeln, nach Ihrem menschlichen Ermessen erfüllbar sein?

Wenn eine Hoffnung nur auf Erfüllung eines Zieles ausgerichtet ist, das Handeln und Denken nur Mittel zum Zweck ist dahin, dann wohl kaum. Allerdings erachte ich solche Ziele und Hoffnungen als wenig sinnvoll. Wenn einer nur schreibt, weil er reich werden will, nur malt, weil er umjubelt werden will, selber aber nicht gerne schreibt oder malt, dann sollte er wohl besser damit aufhören, wenn er denkt, es eh nie dahin zu schaffen. Wieso sich vergebens quälen? Wenn man aber gerne malt und schreibt, dabei klar auch mal denkt, es wäre schön, das würde mal jemandem Freude bereiten, dann wird man auch weitermachen, wenn das nie eintritt. Gauguin hätte kein Bild gemalt sonst, Fontane hätte das Schreiben beendet, zu gross waren seine Zweifel oft, Kafka wollte sogar alles verbrennen… er hat es also geschrieben, obwohl er nicht an den Erfolg glaubte. Langer Rede kurzer Sinn: Ich würde keinen Weg gehen wollen, nur um ein Ziel zu erreichen. Wenn ich aber einen Weg mag, gehe ich ihn auch, wenn das Ziel unerreichbar scheint.

  1. Hoffen Sie auf ein Jenseits?

Ich hoffe nicht, dass es das gibt! Irgendwann muss mal fertig sein.

Vielleicht regen euch die Fragen ja auch an? Wenn ihr mitmachen wollt, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mir den Link zu eurem Beitrag in den Kommentar schreibt und/oder diesen Beitrag hier bei euch verlinkt. #FrischsFragebogen

Zum Autor
Max Frisch
Max Frisch (1911-1991), einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, konnte nicht nur mit dem Wort etwas erschaffen: Er arbeitete auch erfolgreich als Architekt. Über journalistische Arbeiten und erste literarische Versuche fand er schließlich seinen eigenen Stil als Autor. In seinen Essays, Erzählungen, Hörspielen, Dramen und Romanen war er nicht nur ein großer Literat, sondern auch ein streitbarer Humanist. Sein kritischer Geist rieb sich an seiner Schweizer Heimat ebenso wie an Demagogen in aller Welt – um doch anlässlich seines 75. Geburtstags ernüchtert festzustellen: „Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb.“ Bekannt wurde er u. a. mit den Romanen „Stiller“, „Homo Faber“ und „Sein Name sei Gantenbein“ sowie Theaterstücken wie „Andorra“ und „Triptychon“.

Angaben zum Buch:
FrischFragebogenTaschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag (24. August 1998)
ISBN: 978-3518394526
Preis: EUR 6 / CHF 9.90

Online zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH

Wochenthema: Gewohnheit

Der Mensch neigt oft dazu, Gewohnheiten auszubilden. So bildet er eine Tagesroutine aus, bei welcher jeder Tag in den grossen Zügen dem anderen gleicht. Man steht auf, bereitet sich nach dem täglich gleichen Muster auf den Tag vor, geht auf demselben Weg zur Arbeit, sitzt im Bus oft am selben Platz und sieht die anderen, die auch immer im gleichen Bus und auf dem gleichen Platz sitzen. Die Arbeit läuft nach gewohntem Muster ab, der Feierabend oft auch. Gewohnheiten bieten Sicherheit, Gewohnheiten geben auch eine Art von Ruhe in einer sonst eher hektischen Zeit. In der Gewohnheit fühlt man sich zu Hause. Und das ist gut.

Gewohnheiten können aber auch schädliche Züge annehmen, vor allem dann, wenn es sich um krankmachende Gewohnheiten handelt. Jeder kennt die wohl bei sich: Man tröstet sich mit einem Schokoriegel vom Frust des Tages, spült den Ärger mit einem Glas Wein weg oder trinkt ein Feierabendbier, um zu entspannen. Was am Anfang noch ein gewähltes Mittel war, geht langsam in Fleisch und Blut über, man greift zum probaten Mittel, ohne zu studieren, bald auch ohne Ärger oder Anspannung als Grund, sondern aus reiner Gewohnheit.

Wenn der Tag nur noch aus Gewohnheiten besteht, läuft man automatisch durchs Leben. Man weiss, was kommt, ohne daran denken zu müssen, man geht den Weg, ohne ihn überhaupt noch zu sehen. Man spult quasi blind sein Leben ab. Man muss ja nicht mehr hinsehen, alles funktioniert, weil es lange eingeübt wurde, weil es eben Gewohnheit ist. Schleichend greift dabei eine Abstumpfung um sich, das Bewusstsein und die Achtsamkeit auf das, was das Leben ist und was es umgibt, nehmen ab. Immer mehr sind wir in unseren Gewohnheiten auch gefangen, können gar nicht mehr ausbrechen.

Nun kann man sagen, dass das ja nicht so bedenklich ist, zumal dann nicht, wenn die Gewohnheit nicht schädlich, sondern ganz normale Alltagsroutine ist. Schliesslich muss man ja zur Arbeit und der Kaffee vorher muss genauso sein wie die Dusche am Morgen. Der Arbeitsweg ergibt sich aus der Lage von Wohnung und Büro – wie also was ändern? Das hat man immer so gemacht, das kennt man schon und es funktioniert. Man funktioniert. Und genau da fängt das Problem an.

Blindes Abstrampeln eines Lebens ist nicht nur eine oberflächliche Angelegenheit. Das greift tiefer. Sind es zuerst nur die Alltagsroutinen, die automatisch funktionieren, ist man es selber bald als Mensch, der nur noch funktioniert. Man hört nicht mehr hin, wie es einem dabei geht, man spürt nicht, wenn es nicht mehr passt. Man macht, weil man immer machte. Man funktioniert. Dass aber reines Funktionieren nicht wirklich Leben bedeutet, liegt wohl auf der Hand. Dass das auf Dauer nicht gut gehen kann, merkt man spätestens dann, wenn der Körper und die Seele so laut um Hilfe schreien, dass man sie nicht mehr überhören kann. Und oft ist es dann schon sehr spät. Manchmal zu spät. Kein Wunder, nehmen Krankheiten wie Depressionen oder Süchte immer mehr zu. Kein Wunder, verzweifeln so viele Menschen am Leben, sind erschöpft, weil sie mit den ganzen täglichen Routinen und Anforderungen nicht mehr umgehen können. Das Leben wurde zuviel und man lief blind funktionierend in dieses Zuviel hinein.

Was helfen kann? Die Augen wieder aufzumachen. Man sollte lernen, wieder hinzusehen, was ist, hinzusehen, was man tut und wieso man es tut. Man muss lernen, die Gewohnheiten zu erkennen und zu sehen, welche gut tun, welche nicht. Hinsehen, welche man braucht, welche Halt geben, und welche mehr Last sind. Und dann kann man dahin gehen und etwas ändern. Nicht alles aufs Mal, Schritt für Schritt mal die eine oder andere Gewohnheit durchbrechen, kreativ werden. Vielleicht sitzt man einfach mal auf einen anderen Stuhl im Bus und sieht plötzlich andere Menschen. Die waren vorher auch alle da, allein, man sah sie nicht. Und so ist es wohl mit vielem im Leben: Es ist ganz viel da, was wir nicht sehen, weil wir nie hinsehen. Die Perspektive zu verändern kann da helfen, es in den Blick zu kriegen.

Dabei kann man ruhig mal kreativ werden, Neues probieren, Gewohntes durchbrechen. Das kann helfen, wieder mehr Leben im Leben, sich selber lebendiger zu fühlen. Vielleicht findet sich auch Zeit, ein neues Hobby zu beginnen? Zeichnen, malen, ein Instrument spielen, schreiben – sich kreativ ausdrücken. Und wer weiss: Plötzlich braucht man die Schokolade oder das Bier nicht mehr, bildet neue Gewohnheiten aus, solche, die gut tun. Man will nichts mehr abreagieren, sondern etwas ausleben. Man tankt auf, weil die Dinge Freude machen, man Schönes sieht, das vorher untergegangen war. Alles unter dem Motto:

Mach mehr von dem, was dir gut tut und was dich glücklich macht.

Eine Zeichnung pro Tag – Woche 1

Diese Woche war irgendwie müde und es ging nicht viel. Ich habe aber immerhin jeden Tag mindestens etwas gezeichnet. Geholfen hat mir da auch ein Challenge bei Facebook, bei welchem man jeden Tag einen vorgegebenen Gegenstand zeichnen muss. Das hat den Vorteil, dass man sich selber keine Gedanken machen muss, was man nun zeichnen soll, man zudem auch immer sieht, wie andere die Aufgabe lösen, bringt aber mit sich, dass man zu vielem gar keinen Bezug hat. Trotzdem mag ich das ab und an. Für diese Aktion sind unter anderem diese Skizzen entstanden:

 

 

Was ich auch ab und an gerne mache, ist meinen Tag in Bild und Text zu illustrieren:

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Und dann wäre da noch mein Lieblingsmodell: Caruso. Auch er war diese Woche sehr faul, so dass man ihn eigentlich nur schlafend zeichnen konnte.

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Wenn ich mit dem Bus unterwegs bin, zeichne ich gerne beim Warten auf den Bus. Dazu habe ich immer ein kleines Skizzenbuch dabei.

 

Hat Spass gemacht, ich freue mich auf die nächste Woche, ich will auf alle Fälle weiter machen und jeden Tag mindestens eine kleine Skizze anfertigen.

Literatur im Netz – 12. August 2017

BuchIch werde neu jeden Samstag 10 Artikel hier vorstellen, über die ich die Woche durch im Netz gestolpert bin. Allen gemeinsam ist, dass sie sich um Literatur im weitesten Sinne drehen.

„Uncreative Writing“

Schreibt ab, denn es ist alles schon geschrieben. Dies verkürzt gesagt die These des US-Autors und Literaturdozenten Kenneth Godsmith. Hier ein Interview mit Swantje Lichtenstein, die sein Buch „Uncreative Writing. Sprachmanagement im digitalen Zeitalter“ zusammen mit Hannes Bajohr übersetzt hat. Der Artikel: HIER

Was denkt ihr dazu? Ist diese Form von Literatur eine analoge Geschichte zu Collagen und damit eine moderne Form von Literatur?[1] Oder doch nur Plagiat?

150 Jahre gelbe Bändchen

Wer kennt sie nicht, die kleinen gelben Büchlein? Reclams Universal-Bibliothek hat es sich zum Programm gemacht, grosse Literatur in kleinen und erschwinglichen Büchern zu verlegen und damit die Leseerinnerungen von Schülern massgeblich mitgeprägt. Der Artikel: HIER

Buchhandlungen als Glücksorte

Der Autor Arnold Stadler ist überzeugt: Buchhandlungen braucht die Welt, denn da wohnt das Glück. Recht hat er! Der Artikel: HIER

Lesen ist gesund

Das war uns natürlich schon lange klar, aber hier kann man es nochmals detailliert nachlesen und hat sogar noch eine wirklich wunderbare Illustration dazu. Der Artikel: HIER

Lesesucht – es gibt schlimmeres

Sechs Süchtige erzählen davon, was sie lesen, wie sie lesen, wo sie lesen, wieso sie lesen – und überhaupt. Der Artikel: HIER

Jeder kann Autor sein

Wer schon immer mal ein Buch schreiben wollte, aber nicht weiss, wie das geht: 30 Schreibtipps von Autoren. Der Artikel: HIER

Auch Satzzeichen spielen eine Rolle

Wie gerne vergisst man mal ein Komma oder setzt Anführungszeichen falsch? Satzzeichen tragen aber durchaus zum besseren Lesen und vor allem zum richtigen Verstehen bei. Der Artikel: HIER

Wie überarbeite ich mein Manuskript?

Tipps und Tricks für die, welche eine Geschichte, einen Text geschrieben haben und diesen nun überarbeiten wollen. Der Artikel: HIER

Der Verleger Egon Ammann ist tot – ein Nachruf

Er war ein Liebhaber der Literatur, einer, der sich immer wieder mit Enthusiasmus für die Literatur einsetzte. Der Artikel: HIER

Tatort-Autoren plaudern aus dem Nähkästchen

Woher nehmen die Autoren des Tatort-Krimis ihr Wissen? Wen fragen sie, wenn sie mal anstehen? Worauf kommt es an beim Schreiben? Der Artikel: HIER

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[1] Wobei: Ganz neu ist es ja nicht, schon Thomas Mann wandte eine Technik an, die man Montage-Technik nannte, Nietzsche sogar noch mehr: Wenn man seine Bücher analysiert, kann man ganze Abschnitte finden, die er aus anderen Werken abgeschrieben hat.

Freitagsfüller – Klappe, die sechste

Eine wettertechnisch sehr graue Woche neigt sich dem Ende zu, ich freue mich aufs Wochenende, zuerst aber noch der Freitagsfüller:

  1. CoffeeHeute wird ein ruhiger Tag werden. Ich will noch einiges recherchieren für ein mögliches Projekt, ansonsten sind keine Pendenzen oder Termine da, ich kann friedlich vor mich hin arbeiten, abarbeiten, was grad noch so anliegt. Diese Tage mag ich am liebsten. Und: Es ist Freitag, sprich: Das Wochenende steht vor der Tür. Das mag ich sowieso.
  1.  Ich bin – man höre und staune – nicht gerne beim Zahnarzt. Ich hätte Anfangs August einen Termin gehabt, den hat der Zahnarzt abgesagt, nun hätte ich ihn nächste Woche – ich überlege, ob ich den absage… Es ist auch nur eine Kontrolle und ich bin so fürchterlich unlustig, hinzugehen, zumal ich eventuell – man höre und staune nochmals – nächste Woche ein paar Tage verreisen könnte (meine Reiseunfreudigkeit – was für ein Wort – ist ja mittlerweile wohl bekannt). Vermutlich haben mich Kästner und Franz Hohler animiert. Aktuell lese ich gerade Rilkes „Florenzer Tagebuch“ – da kann schon mal Fernweh aufkommen. Da ist so ein Zahnarzttermin schlicht im Weg. Und: Die Zähne sind ja im September auch noch da, die kann man auch dann noch anschauen lassen.
  1. Vor meinem Fenster herrscht, die ganze Woche schon, so auch heute, Grau in Grau. Ich sehe durch die Vorhänge nur Silhouetten eines Hauses und von Bäumen, höre kaum Vögel, ab und an ein Flugzeug am Himmel brummen. Kühl ist es auch geworden – Vorboten des Herbstes? Oder ist der schon da?
  1. Abschied tut weh. Dabei kommt es nicht drauf an, ob man sich von Menschen, Träumen oder Situationen verabschiedet: Man möchte das, was schön ist, gerne behalten. Wenn es dann geht, geht etwas von einem mit. Die eigenen Gefühle, der Teil in einem, der daran hing, geht ein bisschen kaputt. Mascha Kaleko nannte in einem ihrer wunderbaren Gedichte jeden Abschied einen kleinen Tod. Das sehe ich genauso. Der einzige Trost ist: Meist kommt etwas Neues nach. Wir müssen dem die Chance geben, genauso schön zu werden, wie es das Alte war. Erich Kästner schrieb in einem seiner Gedichte:

Muss das Alte immer erst versinken,
ehe Neues aufersteht?

Vermutlich ist das so.

  1. Es könnte sein, dass…“. oder „es wäre, wenn…“ sind Wendungen, die ich nicht mag. Ich mag keinen Konjunktiv. Ich mag auch nicht „mal versuchen“. Entweder man tut oder man lässt es. „Ich versuche es mal“ trägt schon die Hintertür zum Nichtgelingen mit sich. Klar können Dinge nicht klappen, aber das sieht man ja noch früh genug. Also macht man sie am besten mal und versucht sie nicht nur. Und: Was dann wäre, wenn etwas andere einträfe, das sieht man, wenn das andere eingetroffen ist. Alles andere ist Spekulation und blosse Plauderei.
  1. Ich mag eigentlich auch diese lautmalerischen Wendungen wie „hahaha!“, „hihihi“ und dergleichen nicht. Ab und an verwende ich sie auch, aber möglichst selten. Ich habe es mir in der Zeit angewöhnt, als ich dachte, das gehöre dazu im Internet, man „müsse“ so schreiben. Ein paar Reste sind noch davon übrig geblieben, ansonsten schreibe ich lieber wieder ganze Sätze. Was ich aber durchaus gerne mache – und darum ging es wohl hier: Lachen. Und oft auch über mich, da ich doch auch immer wieder Stoff dazu liefere. Ich kann im Einkaufszentrum stehen und vergessen haben, was ich eigentlich einkaufen wollte – dabei bin ich nur deswegen gekommen. Es gibt so Tage, an denen suche ich alles: Telefon, Schlüssel, meinen Kopf. Und dann gibt es Tage, an denen ich alles fallen lasse, das ich in die Hand nehme – zum Glück nie Dinge, die kaputt gehen, aber Kleingeld, Schlüssel – alles fällt. Und dann wären da noch Fettnäpfchen – die müssen eine magische Anziehungskraft haben. Fies eigentlich.
  1. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf einen ruhigen Abend mit einem Glas Wein, morgen habe ich geplant, neben allen Wochenenderledigungen wie putzen, einkaufen und dergleichen mit dem Hund spazieren zu gehen, zu zeichnen, zu lesen, Bücher für ein neues Thema zusammenzusuchen und dann den Tag ausklingen zu lassen. Am Sonntag möchte ich lesen, zeichnen und hoffentlich viel Ruhe haben.

Danke für die Inspiration an Barbara, die diese tolle Aktion gestartet hat. Ihr Ursprungspost: HIER

Sketchbook-Liebe

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Ich habe mal wieder die Zeichenstifte in die Hand genommen – etwas, das ich früher viel öfters tat, dann aber ein wenig aus den Augen verlor. Ich dachte, nicht gut genug zu sein, nahm Kritiken wohl auch zu persönlich und wollte mich den verletzenden darunter nicht mehr stellen. Eigentlich blöd, denn mir fehlte nachher etwas, nämlich ein Ort, an dem ich einfach mal abschalten konnte, an dem ich Dinge ausprobieren, etwas fern von Wörtern und rationalen Gedanken aufs Papier bringen konnte.

Ich sagte früher zur Verteidigung meiner Werke immer: „Ich weiss, dass aus mir nie ein Picasso wird.“ Picasso ist – müsste ich mich auf einen beschränken – ganz klar mein Lieblingskünstler. Seine Experimentierfreude, seine Schaffenskraft, seine bedingungslose Hingabe an die Kunst, seine ständige Suche nach Neuem, nach neuen Wegen, neuen Richtungen, neuem Ausdruck sowie die nie endende Neugier, was noch alles möglich sein könnte, haben mich stark beeindruckt. Sinnigerweise war es ein Bildband über eine Ausstellung von 1981 in München, der mich zum Stift greifen liess. Ausgestellt wurde die Sammlung Marina Picasso, in welcher sich viele seiner Skizzenbücher befinden.

Was ich mir für die Zukunft vornehme:

  • Ich muss kein Picasso sein. Den gibt es ausserdem ja schon.
  • Die Dinge, die ich tue, müssen mir zuerst gefallen. Und mir entsprechen. Nur so kann ich mich entfalten.
  • Kritik von aussen ist immer nur die Meinung der anderen. Ich will die ernst nehmen, denn durch Kritik kann man lernen. Ein blosses „gefällt mir (nicht)“ ist aber nicht zwangsläufig ein fundiertes Urteil.
  • Nicht alles muss zu etwas gut sein, manches ist einfach für sich gut.

 

Heute nichts getan

Heute war ein Tag, an dem ich am Abend sagte:

Ich habe heute nichts getan.

Ich habe ein Buch gelesen, den Grosseinkauf erledigt, alles aufgeräumt und wo nötig geputzt. Ich habe meine neuen Artikel geplant, Unterlagen sortiert und abgelegt. Ich habe gekocht und den Hund ausgeführt. Ich habe mich mit Picassos Skizzenbüchern auseinandergesetzt und analoge Skizzen angelegt. Ich habe sonst gezeichnet, weil: Ich will das mehr tun und Übung macht den Meister. Ich habe eine meiner Datenbanken gepflegt, die noch offene Kommunikation erledigt. Und ich habe Klavier geübt…

Ausser einigen Skizzen im Skizzenbuch, die keinen interessieren, habe ich also nichts, was man vorzeigen könnte. Und schon stellt sich das Gefühl ein:

He, das war nichts. Heute einfach nichts gemacht.

Und das ungute Gefühl schleicht sich ein. Die Unzufriedenheit kommt gleich mit. Nur: Was würden wir tun, wenn wir all die kleinen Dinge, die notwendige Planung und Versorgung, nicht machen würden? Wir irrten wahl- und ziellos umher. Wohin sollte es führen?

Eigentlich habe ich heute viel gemacht. Und mir ist viel klar geworden. Das hilft beim zukünftigen Machen, indem es steuert, was ich tue, damit es auch ist, was ich wirklich will. Alles gut? Ist es – sobald ich mich selber überzeugt habe. Das dauert ab und an ein wenig.

Geht es anderen auch so?

Max Frisch: Fragebogen III

Vor einiger Zeit startete ich mit dem ersten Fragebogen von Max Frisch Fragebogen (HIER), der zweite folgte (Thema Ehe: HIER) – wir kommen zur dritten Runde, die sich um das Thema „Frau“ dreht. Das war nicht ganz einfach, da die Fragen offensichtlich aus Männerperspektive (und für Männer?) geschrieben waren. Hier ist auch wieder nur eine Auswahl aus den Fragen des Fragebogens, den ganzen findet ihr im am Schluss genannten Buch.

Fragebogen III

  1. Tun Ihnen Frauen leid?

Nicht mehr als Männer.

  1. Warum? (Warum nicht?)

Frau zu sein ist ja kein grundsätzliches Leiden.

  1. Welche Probleme löst eine gute Ehe?

Keine. Sie bringt aber keine neuen wie eine schlechte.

  1. Befremdet Sie eine kluge Lesbierin?

Herr Frisch? Was hat Intelligenz mit der sexuellen Ausrichtung zu tun? Da könnte ich auch fragen, ob jemand mit einer breiten Nase gute Romane schreiben könne. (Die breite Nase ist mir aus einer Dokumentation über Max frisch geblieben)

  1. Was bezeichnen Sie als männlich?

Eine schwierige Frage, da sie Klischees bemüht. Noch schwieriger ist, dass ich das Gefühl habe, wir leben in einer Zeit, in welcher wir nach innen und aussen mit diesen Klischees kämpfen. ich gehöre noch zur Generation, welcher die Märchen mit schönen Prinzessinnen und rettenden Prinzen vorgelesen wurden, die aber dann lernte, dass Frauen nun keine Prinzessinnen mehr seien, sondern sich selber retten. Da ich von klein an sowieso eher der Cowboy-Typ als das Prinzessinnen-Mädchen war, kam mir das sehr gelegen, nur so ab und an, tief drin, gab es schon Momente, wo so ein rettender Prinz durchaus romantisch gewesen wäre. Selbst wenn er nicht auf dem schnaubenden Rappen dahergeritten käme und auch nicht retten würde, nur ein wenig romantischer Prinz wäre. Wobei ich ehrlich gestehen muss, dass ich – wäre das wirklich eingetreten – wohl eher peinlich berührt oder aber amüsiert gewesen wäre als romantisch erobert. Was also ist männlich? Ich belasse es dabei: Jeder Mensch, der sich durch seine biologischen Anlagen und/oder sein Selbstgefühl als Mann fühlt, ist auf seine Weise männlich.

  1. Wer hat den Kastrationskomplex erfunden?

Siegmund Freud. Er ging davon aus, dass kleine Kinder den Penis als Normalfall anschauen, so dass Mädchen in der Folge einen Peniskomplex entwickeln (weil sie keinen haben) und Jungs einen Kastrationskomplex (weil sie denken, bei den Mädchen sei ihrer durch Kastration verloren gegangen, und das nun auch fürchten). Arme, kranke Welt, alle leiden an Komplexen.

  1. Lernen Sie von einer Liebesbeziehung für die nächste?

Ich glaube, das kann man gar nicht. Man kann sicher gewisse Dinge über sich lernen, das tut man aber immer, nicht nur von Beziehung zu Beziehung, sondern auch innerhalb von Beziehungen. Schlussendlich ist eine Beziehung auch immer ein Zusammenspiel zweier Menschen. Was in einer Beziehung klappt, kann in der nächsten Beziehung harzen, und umgekehrt. So kann man nur immer in der aktuellen Beziehung sehen, was Sache ist, und dann besten Falls in der Beziehung selber lernen, das Beste draus zu machen.

  1. Möchten Sie Ihre Frau sein?

Nein – und auch nicht mein Mann.

  1. Was bewundern Sie an Frauen?

Nichts grundsätzlich. Es gibt einige Frauen, die ich achte für das, was sie machten, nicht aber für ihr Frausein per se.

  1. Warum müssen wir die Frauen nicht verstehen?

Es ist schon viel, wenn jeder sich selber versteht. Wenn er noch sein Gegenüber versteht, ist das wunderbar. Schon das halte ich für quasi unmöglich. Was ich aber sicher denke: Es gibt weder DIE Frauen noch DIE Männer. Und was es nicht gibt, kann man nicht verstehen.

Vielleicht regen euch die Fragen ja auch an? Wenn ihr mitmachen wollt, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mir den Link zu eurem Beitrag in den Kommentar schreibt und/oder diesen Beitrag hier bei euch verlinkt. #FrischsFragebogen

Zum Autor
Max Frisch
Max Frisch (1911-1991), einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, konnte nicht nur mit dem Wort etwas erschaffen: Er arbeitete auch erfolgreich als Architekt. Über journalistische Arbeiten und erste literarische Versuche fand er schließlich seinen eigenen Stil als Autor. In seinen Essays, Erzählungen, Hörspielen, Dramen und Romanen war er nicht nur ein großer Literat, sondern auch ein streitbarer Humanist. Sein kritischer Geist rieb sich an seiner Schweizer Heimat ebenso wie an Demagogen in aller Welt – um doch anlässlich seines 75. Geburtstags ernüchtert festzustellen: „Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb.“ Bekannt wurde er u. a. mit den Romanen „Stiller“, „Homo Faber“ und „Sein Name sei Gantenbein“ sowie Theaterstücken wie „Andorra“ und „Triptychon“.

Angaben zum Buch:
FrischFragebogenTaschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag (24. August 1998)
ISBN: 978-3518394526
Preis: EUR 6 / CHF 9.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH

Wir sind ja ach so gleichberechtigt

Kürzlich las ich im Netz einen Entsetzensschrei:

Frau Merkel trägt seit Jahren dasselbe Hemd zum Wandern.[1]

Ein paar Tage früher hatte man sich über die Farbwahl ihres Kleides lustig gemacht, die Bezeichnungen für die Farbe erstreckten sich auf der ganzen Klaviatur der Kakophonie. Und sind es nicht die Kleider, über die man spottet, so ist es die Frisur, die Handhaltung oder eine andere Äusserlichkeit.

Das erinnert mich an den Auftritt unserer Bundesrätin Leuthard bei der Eröffnung des neuen Basistunnels. Damals war es der Mantel, der die Medienwelt in Fahrt brachte. Er sähe aus wie ein Emmentaler Käse, war noch fast der netteste Kommentar.[2]

Wieso wird eigentlich bei Frauen stets so ein Aufhebens gemacht, Männer marschieren daneben mausgrau und unbehelligt durch? Hat man je einen Kommentar wegen farblich unpassenden Krawatten, falschen Socken, zu kurz geratenen Hosen, schrecklichen Schuhen gelesen? Was ist bei den netten Altherren, welche sich ihre restlichen drei Haare mit Uhu Sekundenkleber dreimal um die Glatze kleben? Muss viel besser sein als Frau Merkels Schnitt, denn auch dieses Highlight an Haarstyling schafft es kaum je in die Medien. Donald Trump stellt wohl die Ausnahme der Regel dar, seine Frisur war wohl in aller Munde – was aber eben nur die Ausnahme, nicht die Regel ist.

Unterm Strich bleibt: Während bei Männern mehrheitlich deren (erbrachte oder ausbleibende) Leistung Thema ist, wird bei Frauen jeder Millimeter abgecheckt. Und dies nicht nur von Männern, Frauen machen da fröhlich mit. Sie gefallen sich oft in der Rolle derer, die auf Frauen in der Öffentlichkeit schiessen aus dem Hinterhalt. Frauensolidarität sucht man vergebens.

Wir Frauen können uns nicht immer als arme Opfer der nicht vorhandenen Gleichberechtigung darstellen. Wenn Frauen wirklich fair behandelt werden wollen, wenn sie aufgrund ihrer Leistung bewertet und nicht wegen Äusserlichkeiten bevorzugt oder diskriminiert werden wollen, wäre ein Schritt auf dem Weg sicher, selber mit gutem Vorbild voran zu gehen. Was kümmert Frau Merkels Frisur, Robe oder Handhaltung? Und schon gar ihr Wanderhemd? Sie soll Politik betreiben, keine Modeschau bestreiten. Messt sie an ihren Taten, da gäbe es wahrlich genug zu schreiben. Oder ist es schlicht einfacher, einen Kalauer über ein Kleid zu machen, als politische Vorgänge vernünftig zu diskutieren?

Wer nun in diesem ganzen Artikel eine Haltung für oder gegen die Politik Angela Merkels gelesen haben sollte, soll bitte nochmals lesen. Es findet sich nichts, da es mir hier rein darum geht, wie Frauen und Männer Männer und Frauen bewerten. Es geht mir um die Haltung Menschen gegenüber. Und die unterscheidet sich im Hinblick aufs Geschlecht noch zu sehr.

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[1] Hier haben wir das Hemd

[2] Ich hatte das HIER kurz angetönt

Egon Schiele. Sämtliche Gemälde 1909 – 1918 (Rezension)

SchieleEr hatte nicht viele Jahre, in denen er seine Kunst machen konnte, viel zu früh ist er gestorben. Dass er trotzdem ein verhältnismässig umfangreiches Werk hinterlässt und das auf hohem künstlerischem Niveau, spricht für seine Kreativität und Schaffenskraft, für seine Haltung als Künstler. Er wollte Kunst schaffen und er wollte sie auf seine Weise machen. Damit machte er sich allerdings in seiner Zeit wenig Freunde, man könnte ihn als Enfant Terrible der Moderne bezeichnen.

1890 wurde Egon Schiele in Niederösterreich geboren. Der Vater war mehrheitlich abwesend, Egon wuchs also quasi in einem reinen Frauenhaushalt auf mit Mutter, drei Schwestern und Dienstmädchen. Schon früh begann er zu zeichnen, waren es zuerst noch Eisenbahnen und Landschaften, stand bald schon die jüngste Schwester Modell. Sein Talent wurde bald erkannt, mit 16 wurde er in die Akademie aufgenommen, die ihm aber zu spiessig war, weswegen er zwei Jahre später austrat.Sciele4
Er suchte die Nähe zu Klimt, löste sich aber auch von dem bald wieder und ging seinen Weg weiter. Er wollte die Doppelmoral der Gesellschaft aufzeigen, er legte den Finger auf die Tabus und nahm sie auseinander. Damit stand er zu dieser Zeit keineswegs alleine, man denke nur an Schnitzlers Werke, allen voran „Der Reigen“, „Die Traumnovelle“, um nur zwei zu nennen. Auch Künstler wie Klimt oder Kokoschka haben nicht mit nackter Haut gegeizt. Schiele war in seiner Art und Weise noch ein gutes Stück extremer und provokanter.

Bei ihm dominierte (bei beiden Geschlechtern) nackte Haut, Genitalien wurden ins Zentrum gerückt, der sexuelle Akt dargestellt. Kein Wunder, dass er provozierte. Dass seine Models sehr jung waren, er dazu noch mit einem davon in wilder Ehe lebte, machte die Sache nicht besser. Es kam denn auch zur Anzeige wegen einer angeblichen Entführung sowie der Schändung einer Minderjährigen, die allerdings fallen gelassen wurde – ins Gefängnis musste er aber doch, nämlich 24 Tage insgesamt wegen der Verbreitung von „unsittlichen Zeichnungen“.

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Egon Schiele ist mit nur 28 Jahren an der spanischen Grippe gestorben.

Der vorliegende Bildband präsentiert sämtliche Gemälde Egon Schieles aus den Jahren 1909 – 1918 – insgesamt 221 Gemälde sowie 146 Zeichnungen. Daneben finden sich auch Auszüge aus vielen seiner Schriften, Gedichte und Essays, was neben der Kunst auch den Künstler sichtbar macht.

Das Buch ist im wahrsten Sinne des Wortes gross – die Masse von 29 x 39,5 cm sowie eine Dicke von 6,5 cm machen das Lesen durchaus zur Kraftprobe, die sich aber lohnt: Eine überzeugende Gestaltung, ein sehr ansprechendes Layout und hochwertige Materialien machen das Buch zu einem wahren Kunstwerk. Verwendet wurden verschiedene Papiersorten, einerseits hochglanz, andererseits ein durch seine griffige Hapitk überzeugendes mattes.

Fazit
Ein grossartiges, tiefgründiges und sehr hochwertig gestaltetes Buch, das sowohl die Bilder wie auch den Künstler Egon Schiele wunderbar präsentiert. Absolut empfehlenswert.

Zum Herausgeber:
Tobias G. Natter ist ein international geschätzter Fachmann für die Kunst in Wien um 1900. Er war lange Zeit an der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien tätig, zuletzt als Chefkurator. Zudem arbeitete er als Gastkurator an der Tate Liverpool, der Neuen Galerie New York, der Hamburger Kunsthalle, der Schirn in Frankfurt am Main und dem Jüdischen Museum Wien. Von 2006 bis 2011 leitete er das Vorarlberger Landesmuseum in Bregenz und war von 2011 bis 2013 Direktor des Wiener Leopold Museums. Im Jahr 2014 gründete er das Unternehmen Natter Fine Arts, das sich auf die Schätzung von Kunstwerken und die Entwicklung von Ausstellungen spezialisiert hat. Bei TASCHEN sind von ihm Gustav Klimt. Sämtliche Gemälde, Kunst für alle. Der Farbholzschnitt in Wien um 1900 und Egon Schiele. Sämtliche Gemälde 1909-1918 erschienen.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 612 Seiten
Verlag: Taschen Verlag (22. Mai 2017)
Herausgeber: Tobias G. Natter
ISBN: 978-3-8365-4613-3
Preis: EUR: 150 ; CHF 187.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. beim TASCHEN VERLAG selber, bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Freitagsfüller – Klappe, die Fünfte

Hätte ich nicht meine Inbox aufgeräumt und einen anderen Freitagsfüller gefunden (danke Mia), ich hätte glatt verpasst, dass es schon wieder Zeit dafür ist – nun zum fünften Mal für mich.

  1. Wie kann ich mir ein dickeres Fell zulegen, um Dinge einfach abprallen zu lassen? Das ist eine Frage, die ich mir oft stelle. Ich nehme mir Dinge zu Herzen, bin verletzt, wenn Menschen ungerecht sind, unfair handeln. Streit geht mir sehr an die Nieren, wenn gewisse Dinge nicht laufen, wie sie sollen, sind die Folgen fast körperlich spürbar. Wenn andere Menschen leiden, leide ich mit, wenn andere weinen, kommen mir die Tränen. Ich bin betroffen, wenn ich vom Leid anderer Menschen lese oder höre und ja, ab und an ist das alles sehr viel. Dann wünschte ich mir, ich könnte einfach wie so ein Fels in der Brandung dastehen, nichts hören, nichts fühlen, alles prallte ab…
  1.  Ich liebe Blumen in allen Farben und Formen. Das ist wohl auch der Grund, dass ich sie immer wieder fotografiere oder zeichne.
  1.  Meine Haare waren eigentlich nie so, wie ich sie gerne gehabte. Mal zu lockig, mal zu wenig, mal zu dünn, mal zu störrisch, mal zu lang, dann zu kurz. Mittlerweile sind sie grauer als erwünscht, aber ich habe mich so langsam damit abgefunden, dass sie schlicht und einfach meine Haare sind. Und wir kommen nun meistens gut klar miteinander, so die Haare und ich.
  1.  Wenn du dir etwas ganz doll wünschst und es klappt – wohl eines der schönsten Gefühle, die es gibt. Ich wünsch mir mal was….
  1.  Meine liebsten Früchte sind jetzt Trauben – am liebsten in verarbeiteter Form und in Flaschen abgefüllt.
  1.  Manchmal laufe ich in die Küche und will etwas tun, um dann da anzukommen und mich zu fragen: „Was war das nochmal?“ Ich habe es schlicht vergessen. Ab und an befürchte ich, das könnte das Alter sein. Dann wieder denke ich, die Hirnzellen haben sich irgendwie verschworen gegen mich oder aber sind in den Urlaub gefahren. Die lassen sich nun die Bäuche am Strand bescheinen, trinken Sangria und ich sitze hier und das Hirn reicht nicht mal bis zur Küche. Zum Glück fällt es mir meistens irgendwann doch wieder ein, spätestens, wenn ich wieder zurück am Arbeitsplatz sitze und erneut in die Küche laufen muss. (Ich gebe hier nicht zu, dass es schon Fälle gab, in denen ich zweimal lief und zweimal vergessen hatte….)
  1. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf einen ruhigen Abend mit einem Glas Wein, , morgen habe ich geplant, neben allen Wochenenderledigungen wie putzen, einkaufen und dergleichen mit dem Hund spazieren zu gehen, zu lesen, noch eine liegengebliebene Arbeit fertig zu machen und dann den Tag ausklingen zu lassen. Am Sonntag möchte ich lesen, im Garten werkeln, hoffentlich viel Ruhe haben.

Danke für die Inspiration an Barbara, die diese tolle Aktion gestartet hat. Ihr Ursprungspost: HIER

Ein Blick

Es war einer dieser heissen, schwülen Tage, an denen du, kaum aus der Dusche gestiegen reif für die nächste wärst. Die Luft hing drückend und schwer über mir, das Atmen fiel schwer, ich stand an der Bushaltestelle. Ich fühlte, wie sich Schweisstropfen auf meiner Stirn lösten und langsam ihren Weg nach unten fanden. Heute hatten sie es leichter als früher, sie fanden extra für sie angelegte, gefurchte Bahnen vor.

Neben mir stand eine Frau, Marke Zürichberg mit entsprechender LV-Tasche, Foulard um den Hals, ondulierten Goldlocken, die sie mit feinmanikürten Fingern immer mal wieder hinter die goldknopfbesetzten Ohren strich. Aus ihrem roten Mund kam ein Schwall von Worten. Auf den ersten Blick hätte man denken können, sie spräche mit sich selber, denn sie war keinem zugewandt und es stand auch keiner da, welcher zu ihr zu passen schien – aber dem war nicht so. Schräg hinter ihr stand in bekannt lässiger Haltung ein Jüngling: die Mütze ins Gesicht gezogen, die weissen Drähte der Kopfhöher schlängelten sich darunter hervor und zu den Hosensäcken runter, in denen auch die Hände steckten. Der Rücken war leicht gebogen, so als ducke er sich noch zusätzlich vor den auf ihn einprallenden Worten, denen er sich so gut wie möglich zu entziehen suchte.

„Deine Noten waren dieses Jahr enttäuschend. Das, nachdem wir dir doch die teure Anlage bezahlt haben, in der Hoffnung, dir eine Freude zu machen. Ich finde – dein Vater findet das auch -, du könntest dir mehr Mühe geben. Du musst nicht denken, dass dir alles zufliegt, man muss auch was tun. Zudem vergiss nicht, dass wir morgen Besuch haben. Zieh dann bitte etwas Ordentliches an, nicht wie heute diese unsägliche Mütze und diese kaputten Hosen. Ich werde das ja nie verstehen, wie man mit solchen Hosen rumlaufen kann. Zu meiner Zeit war man froh, wenn man es nicht musste. Eine Schande wäre das gewesen, ausgelacht hätten sie uns.“

Ich bewunderte die Frau ein wenig für ihre Energie bei dieser Hitze. Die meine reichte knapp dazu, immer mal wieder eine sich verirrende Schweisstropfe daran zu hindern, mir in die Augen zu tropfen. Ansonsten bevorzugte ich die Tote-Fliegen-Taktik: Nicht bewegen, nicht reden, nichts tun – schon denken wäre eine unglaubliche Überanstrengung gewesen.

„Kannst du dich noch an Goldmanns erinnern? Die sind ja nun weggezogen nach dem Skandal mit ihrer Tochter. Dass dir nie in den Sinn kommt, so etwas Dummes zu tun. Was in euch jungen Menschen heute vorgeht, ist mir ein Rätsel. Ihr habt alles, es geht euch gut, dann sowas. Aber die lief auch immer in diesen kaputten Hosen durch die Gegend. Das konnte ja nicht gut gehen. Ich dachte das immer, wenn ich sie sah. Arme Frau Goldmann, die hatte ja nichts anderes als ihre Tochter, keine Hobbies, keine gemeinnützigen Projekte.

Ich löste mich ein wenig aus meiner Erstarrung, um zu sehen, ob der Bus nicht endlich käme. Diese ganzen Worte hatten mich müde gemacht. Ich schaute den Jungen genauer an und blickte plötzlich in tiefe braune Augen. Ihm ging es gleich. Wir wussten in dem Moment, dass wir uns verstanden.

©Sandra Matteotti