Wenn du dich das nächste Mal anstrengst, um jemandem zu gefallen, lass es sein. Wenn er nicht merkt, wie toll du bist, ist er die Anstrengung nicht wert. Und wenn er es merkt, hast du sie nicht nötig.
©Sandra Matteotti
Kategorie: Gedanken
Fragen des Lebens #2
Nie stört sich das Gänseblümchen daran, dass es keine Margerite ist. Wieso vergleichen wir Menschen uns?
Die kleinen Illusionen des Lebens
Ich lebte über viele Jahre mit diesem so schon alten Vater, bei dem man immer denken musste, dass er bald mal sterben würde. Klingelte das Telefon zu Zeiten, die ungewohnt waren, malte ich mir die Hiobsbotschaft aus. Aber er war fit. Und munter. So viele Jahre. Sah auch so aus, übertraf im Aussehen gar alle die, welche 20 Jahre weniger auf dem Buckel hatten.
Und dann war es soweit. Er starb so wirklich. Nicht ganz unterwartet, aus heiterem Himmel war neun Monate vorher die Krebsdiagnose gekommen, der Abstieg war kontinuierlich. Anfangs noch Hoffnung und Lebensmut bei ihm (ich wusste es schon da aufgrund der Diagnose, die ich schon mal genauso erlebt hatte), wurde beides immer weniger, die Energie in der Stimme weniger. Ich hätte gerne mit ihm darüber gesprochen, was nun kommt, hätte gerne gewusst, was er fühlt. Ich kannte ihn zu gut. Ich wusste, er will es nicht. Ich habe ihm ab und an Angebote gemacht, dass er sprechen kann. Er zeigte mir, dass er nicht will. Ich liess ihm diesen Willen. Denn: Es ging um ihn. Ich plauderte also im leichten Ton, liess den Humor sprechen. Streute hier und da eine ernste Frage ein, so dass er mir sagen musste, was er sich wünscht. Das war mir wichtig. Es war sein Weg. Ich habe ihn nur begleitet. Wenn auch sehr betroffen.
Mein Vater ist gestorben. Es ist nun über einen Monat her. Und ich sitze hier und schaue zurück. Was ist passiert? Es gibt ein Davor und ein Danach. Aber das gab es schon vorher. Ein Davor und Danach bei der Krebsdiagnose. Nachher war nie mehr wie vorher. Er war noch da, aber nicht mehr als Mensch, wie man ihn kannte, sondern als einer, für den man plötzlich da war. Vorher war er es. So als Vater für das Papakind – egal, wie alt es war. Klar habe ich seine Sorgen immer angehört, war seine erste Ansprechperson, wir hatten einen speziellen Draht. Und doch… nach der Diagnose wurde es zur Einbahnstrasse.
Der zweite Schnitt war der Tod. Es kam gar nichts mehr zurück. Dachte ich früher, ich würde diesen Tod nicht überleben, wurde ich eines Besseren belehrt: Ich habe überlebt. Anfangs mehr schlecht als recht. Es brach auch bei mir alles zusammen. Körperlich, psychisch, medizinisch. Aber ja, ich sitze hier und schreibe. Mein Leben ging weiter. Weil es musste. Wohl auch, weil es sollte.
Wenn ich mit dem Hund spazieren gehe, geht mein erster Blick vor der Tür zum Himmel. Und immer mal wieder auf dem Weg schaue ich hoch. Und denke, da sitzt er nun und schaut runter. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. ich würde es mir auch nicht wünschen. Könnte ich wünschen, sollte es dann fertig sein. So das Nichts nach dem Sein. Das wäre mein Ideal und daran glaube ich auch. Und hole mir da meinen Trost. Und doch schaue ich zum Himmel. Und finde auch darin was Tröstliches. Es ist so meine Illusion, die ich ganz bewusst pflege. Als vor kurzem mein Hund starb, der die letzten Jahre bei meinen Eltern lebte und immer SEIN Hund war, war mein erster Gedanke: „Nun sind sie zusammen.“
Dies trotz meines wirklich tiefen Glaubens, dass es ein „Nun“ nicht mehr gibt nach dem Tod. Wir alle haben unsere Illusionen. Sie geben uns Kraft. Sie bringen was Tröstliches ins Leben. Sie müssen nicht immer wohl durchdacht sein. Es reicht, wenn sie Kraft geben. Und so dieses kleine „SO ist es gut, so darf es sein.“
Nachdenken tue ich dann über andere Dinge, Quantenphysik, den Satz vom Grund, den kategorischen Imperativ und ab und an über Off Side im Fussball. Ich kann sie alle erklären, aber: Ab und an mag ich meine kleinen Illusionen – im Wissen, dass sie welche sind.
Wer ist ein richtiger Schweizer?
Diese Frage las ich heute.[1] Und ich machte mir Gedanken.
Ich heisse Matteotti. Ich bin aber wohl – nach den Rechten Kriterien (das ist mit Bedacht so geschrieben, da „Rechten“ nicht nur Adjektiv ist) – das, was man so als Urschweizer bezeichnen würde. Den Namen habe ich mal angeheiratet und nicht abgeschieden. Die Mutter kommt familiär zurückgehend aus einem Berner Oberländer Kaff (sie würden sich wehren, da durchaus touristisch bekannt), mein Vater aus einem ebensolchen (aber durchwegs unbekannten, 5 Höfe, ein Restaurant, mehr ist da nicht). Zurückverfolgen kann man beide Zweige bis tief ins Mittelalter und wohl weiter, würde man sich die Mühe machen.
Ich bin dankbar, in einem Land wie der Schweiz leben zu dürfen. Wir haben ganz grosses Glück im internationalen Vergleich. Als Künstlergeist finde ich es ab und an etwas eng hier. Und dann und wann motze ich auch sonst. Und doch: Ich habe viel Grund zur Dankbarkeit. Obwohl ich heisse, wie man nicht heissen sollte, will man so ein echter Schweizer sein… in gewisser Menschen Augen.
Und ja, ich kenne Menschen, keine Schweizer, welche die Welt überall da verteidigen, wo ich sie anklage. Die dankbar sind, hier leben zu dürfen, die viel mehr von allem Guten hier sehen als so mancher, der hier einfach mal geboren wurde.
Wer ist so wirklich Schweizer? So tief drin? Wer sind wir überhaupt? So tief drin? Worauf gründet unser Zugehörigkeitsgefühl?
Aber ja, das ginge zu weit… so für die Alltagspolitik. Und so landläufig. Das Leben ist halt doch komplizierter.
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[1] Einer fragte es, weil er sich herausgefordert fühlte von Aussagen, die andere tätigten. HIER der Text, der mich anstiess
https://www.facebook.com/notes/andreas-m%C3%B6sli/wann-ist-ein-schweizer-echt/1808330692561925/
Fragen des Lebens #1
Wenn wir uns damals anders entschieden hätten, wäre alles ganz anders gekommen. Nur: Wäre es dann besser? Oder nur anders?
Toleranz auf dem Prüfstand
Immer wieder schön finde ich Diskussionen, wo es drum geht, dass man die Intoleranz anderer anklagt.
Menschen mit mehr Kilos als der BMI erlaubt, finden, dass sie diskriminiert werden, dass sie verspottet werden. Um ihre Sicht zu unterstützen, schiessen sie gegen Menschen, die schlank oder gar dünn sind. Bei sich machen sie geltend, dass sie sich so wohl fühlen oder aber an einer Krankheit leiden. Das gestehen sie den Dünnen nicht zu.
Menschen, die keinen Alkohol trinken. Sie regen sich auf, dass sie sich erklären müssen oder gar als Alkoholiker abgestempelt werden. Wenn Menschen ihnen Alkohol bringen als Gastgeschenk, sehen sie das als Fettnäpfchen. Verteidigt man als Weintrinker den Weinkonsum, kriegt man Studien um die Ohren geworfen, wie viele Alkoholiker es gäbe, was Alkohol alles anrichtet und überhaupt.
Wenn Väter nach einer Scheidung klagen, dass sie ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen. Weil Männer per se diskriminiert werden bei Trennungen. Man darf nicht sagen, dass es auch andersrum geht, dass Väter sich nicht kümmern, nur immer drohen, sich aufspielen, Steine in den Weg werfen, sie nicht bereit sind, zu zahlen dafür, dass jemand zum Kind schaut, weil das ja immer nur der Frau, nie dem Kind zu Gute kommt. Besser, sie zahlte, man hätte aber alle Rechte.
Liebe Leute. Wenn ihr Toleranz wollt, lebt sie. Dicke sind Menschen wie Dünne. Alle haben Gefühle. Keiner kann riechen, ob ihr trinkt oder nicht. Egal, welche Religion oder welchen Hintergrund ihr habt. Es sind weder Männer noch Frauen schlecht.
Schlimm sind die, welche denken, dass andere ahnen müssten, was sie sich aufs Tapet geschrieben haben. Und die, die dann die verurteilen, die es nicht rochen. Schlecht sind die, welche für sich Dinge einfordern, die sie anderen nicht zugestehen. Schlecht sind all die, welche mit ungleichen Massstäben messen. Dafür muss man aber erst mal hinsehen. Was ist mein Massstab? Woran messe ich andere? Bin ich fair?
„Erkenne dich selbst“
Wurde bei vielen Philosophen als Maxime genannt. Es ist wohl immer angebracht, zuerst bei sich zu schauen, bevor man auf andere zeigt und gegen sie schiesst.
Aphorismus #139
Wenn jeder nur denkt und keiner je spricht,
verwundert es kaum, versteht man sich nicht.
©Sandra Matteotti
Aphorismus #138
Ein Mensch, der dich nur so lange als Mensch schätzt, wie du ihm zu Diensten bist, ist kein Verlust, wenn er geht. Nicht du hast ihn verloren, er war nicht wert, zu bleiben.
©Sandra Matteotti
Aphorismus #137
Manche Menschen fragen dich nur, wie es dir geht, um dir dann ohne Luft zu holen ihr ganzes Leben zu erzählen.
©Sandra Matteotti
Aphorismus #136
Wenn du nicht sagst, was du willst, musst du dich nicht wundern, wenn du es nicht bekommst.
©Sandra Matteotti
Aphorismus #135
Nimm dich in Acht vor Menschen, die dich ständig für ihr Elend verantwortlich machen. Sie haben noch nicht begriffen, was Selbstverantwortung heisst.
©Sandra Matteotti
Thomas Mann (6. Juni 1875 – 1955)
„Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“
(Der Zauberberg)Heute würde Thomas Mann 143 Jahre alt – für mich ein ganz Grosser.
Denkzeiten - Philosophie als Lebenskunst
Paul Thomas Mann, wie Thomas Mann eigentlich hiess, wird am 6. Juni 1875 in Lübeck geboren. Seine Familie gehört zur besseren Gesellschaft, der Vater ist Inhaber einer Getreidehandlung, hat später verschiedene Ämter inne, seine Mutter stammt aus einer wohlhabenden deutsch-brasilianischen Kaufmannsfamilie. Neben Thomas hat die Familie noch folgende Kinder: Heinrich (1871), Julia (1877), Carla (1881) und Viktor (1890).
Man kann seine Kindheit wohl eine – der Zeit ensprechend – unbeschwerte nennen, schwieriger wird es in der Schule, wo er eher mässig begabt oder interessiert ist, so dass er verschiedene Klassen mehrfach absolviert und schliesslich 1894 ohne Abitur abgeht. Er ist mit dieser Schulkarriere nicht allein, schon Heinrich ist vor dem Abitur ausgetreten und arbeitet beim Schulaustritt seines Bruders bereits als Volontär beim S. Fischer Verlag in Berlin. Bis zum Schulaustritt lebt Thomas bei verschiedenen Lehrerin in Pension, ist doch seine Mutter nach dem Tod ihres Mannes, Thomas Manns Vater, und…
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Aphorismus #134
Der Mensch deckt sich mit Aktivismus ein, um sich lebendig zu fühlen, und merkt nicht, dass er damit dem Leben ausweicht.
©Sandra Matteotti
Normkonform
Wenn Dinge nicht so laufen, wie man es gerne hätte, sucht man einen Schuldigen. Den findet man oft schnell – man nimmt den, der sich am besten anbietet. Heute ist das wohl: Die Schule. Missstände, wo man hinschaut. Lehrer, die nichts taugen, Lehrpläne, die dem nicht nachstehen. Man könnte es nicht besser, aber he: Man muss ja auch nicht.
Schule ist landläufig das, wo alles falsch läuft. Dass es so nicht sein kann, liegt auf der Hand, aber doch: Es ist nicht alles nur toll. Kinder werden im Gleichtakt geformt, der Gleichtakt ist genormt, es gibt Listen, aus denen man ablesen kann, wann ein Kind was können muss – kann es das nicht, ist es ausser der Norm, damit eine Gefahr für diese und zu therapieren. Therapie ist generell das Zauberwort. Heute kann man alles therapieren. Egal ob man zu dick, zu dünn, zu klein, zu gross, sexuell aktiv oder nicht ist. Egal, ob man trinkt, nicht trinkt, zu viel trinkt, das falsche trinkt, extrovertiert, nicht extrovertiert genug ist – es gibt eine Therapie.
Geht man dann hin, kann man zusammen mit anderen ebenso vom Weg Abgekommenen Bäume streicheln, das Miteinander fühlen und malend das eigene Ich wiederfinden. Man nimmt sich an den Händen, tanzt im Kreis, lächelt dabei selig. Es erschliesst sich nicht ganz wozu, aber das muss wohl dieses „Normal“ sein, denn die Anleitende tut es auch. Bloss nicht aus der Reihe tanzen, denn all das hat nur ein Ziel: Zur Norm zurückzukommen.
Wer nicht spurt, der ist ausser der Spur, dem muss man auf diese zurück verhelfen. Man kann sogar aus der Therapie ganz aus der Spur fallen, wenn man sich nicht willig genug zeigt. Wie heisst es so schön: Und bist du nicht willig – oh nein… Gewalt geht gar nicht. Lieber Gruppenkuscheln auf Kommando und ohne Ausweichmöglichkeiten als den leichten Klaps auf den Hinterkopf, der das Denkvermögen anstossen könnte. Denn: Selber denken geht nicht, es könnte die Norm sprengen. Kuscheln geht immer – nur nicht zu viel, es könnte sonst auch wieder Normen verletzen.
Im Zeitalter der politischen Korrektheit und der ach so sensibilisierten Gemüter muss man gleich hinterher sagen, dass man natürlich Klapse für überholt und Gewalt für nicht angebracht hält. Wo kämen wir hin, wenn jeder einfach jeden zum Denken prügeln würde. Wenn jeder jeden dazu anhalten würde – so ganz ohne gesellschaftliches Dafürhalten und obrigkeitlichen Antrieb -, das eigene Hirn zu gebrauchen.
Chaos. Es bräche aus. Keiner wüsste, was der andere tut und die, welche es gerne wissen – und vor allem bestimmen – wollten, sähen ihre Pfründe dahinschwimmen. Drum presst man gerne Kinder in Schemen, so wie diese früher farbige Holzklötzchen durch entsprechende Löcher klopften mit einem kleinen Hämmerchen. Man muss nicht stark hauen, Gewalt verabscheuen wir ja, es muss nur passen. Und was nicht passt, wird passend gemacht.
Ich erinnere mich an dieses Puzzle. Blauer See unter blauem Himmel. Wunderschön anzusehen. Beim zusammensetzen erwiesen sich die Blautöne als sehr schwer auseinander zu halten, das Ganze überforderte bald meine Geduld. Ich ertappte mich beim Gedanken, es passend zu machen durch leichten (und immer etwas schwereren Hieb mit der rechten Handkante). Am Schluss sässe alles – ok, es hätte Luft. Aber es wäre blau. Und ich war froh, nicht mehr Kind zu sein, erinnerte ich mich doch gut an Mütter, die prahlten, dass ihre Kinder schon als Embryos im Bauch Puzzles von unvorstellbarer Grösse mit der Rückseite nach oben zusammengesetzt hätten.
Als heutiges Kind sässe ich wohl beim Therapeuten, nun schreibe ich hier meine Texte.
Aphorismus #133
Nimm dich in Acht vor Menschen, die ständig betonen, ihr Leben so zu führen, dass sie niemanden verletzen.
©Sandra Matteotti