Literatur im Netz – 19. August 2017

DSC_0013Es ist wieder Samstag und ich möchte weitere 10 Artikel vorstellen, über die ich die Woche durch im Netz gestolpert bin. Allen gemeinsam ist, dass sie sich um Literatur im weitesten Sinne drehen.

Ein Interview mit Affinity Konar

Affinity Konars Roman „Mischling handelt vom Schicksal der Zwillingsschwestern Perle und Stasia, die 1944 nach Auschwitz deportiert und dort zu Mengeles Versuchsopfern werden.

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Martin Suter im Interview

Martin Suter hat auf Stichworte reagiert und plaudert aus dem Nähkästchen zu frühen Erinnerungen, Reisen, Beziehungen.

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Nele Neuhaus im Gespräch

Die bekannte Krimiautorin Nele Neuhaus erzählt über die Angst vor dem weissen Blatt Papier, wie sie mit den Verrissen ihrer Bücher durch Denis Scheck geht und über Krimis allgemein.

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Bolivianische Bücher und Literatur

Ein Artikel über die Lage der bolivianischen Literatur – Verlage, Autoren, Hoffnungen

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Goethes Faust – kurz und knapp

Für all die, deren Schulzeit schon ein bisschen zurück liegt und die die Handlung von Goethes Faust vergessen haben: Eine Zusammenfassung.

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Ausstellung: Grosser Stoff in kleiner Schale

Bücher im Kleinstformat lagern im Magazin des Mainzer Gutenberg-Museums. Ein Lesevergnügen wird das wohl kaum mit Lupe und Pinzette, aber süss anzuschauen sind sie allemal.

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Ausstellung: Kafka. Der ganze Prozess

Das fand ich nicht, das möchte ich einfach jedem nochmals ans Herz legen, der Kafka mag – die Ausstellung dauert noch bis am 28. August. Gezeigt wird das 100 Jahre alte Manuskript von Kafkas Roman „Der Prozess“.

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Auf den Spuren Lessings

15 Orte, an denen Gotthold Ephraim Lessing gewesen ist – Eine Literaturreise, die beim Lessing Museum in Kamenz beginnt und in Braunschweig endet.

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Der deutsche Buchpreis 2017

Von Jahr zu Jahr gibt es mehr kritische Stimmen zum deutschen Buchpreis, die Auswahlkriterien, Themenwahl sowie die Geschlechterverteilung bei den Autoren werden heiss diskutiert. Hier einige Gedanken dazu sowie die diesjährige Longlist.

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Wenn die Regale zu voll werden

Wer gerne liest, kennt das Problem: Die Regale platzen aus allen Nähten, Bücher müssen weg. Was läge näher, als ein neues Zuhause für sie zu suchen? Tipps und Tricks, wie man gebrauchte Bücher am besten online verkaufen kann.

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Ich weiss, die 10 sind eigentlich voll, aber den hier wollte ich euch nicht enthalten:

Lesen als Medizin

Als hätten wir das nicht schon immer gewusst: Bücher tun gut und sie können mitunter auch helfen.

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Neues ausprobieren


Sabine und Klaus sassen am Frühstückstisch und tranken ihren gewohnten Morgenkaffee. Bald war ihre Ferienwoche vorbei, bald hatte sie der Alltag wieder. Noch genossen sie aber den Blick über die geliebten Berge wie jedes Jahr im August. Schon seit Jahren kamen sie hier her in die Ferien. Sie schätzten das, denn diese Ferienroutine bedeutete, alles schon zu kennen, sich gleich vom ersten Tag an entspannen zu können, ohne zuerst noch die Gegend erkundigen zu müssen.

Es war eine schöne Ferienwoche gewesen. Sie hatten alte Bekannte getroffen, die auch schon seit Jahren zur selben Zeit hier in den Ferien waren, und konnten am Sonntag am Dorffest teilnehmen. Am Montag waren sie – wie jedes Jahr – aufs Stockhorn gewandert, danach kamen das Brienzer Rothorn und der Niesen an die Reihe und heute stand ein Ausflug nach Thun auf dem Programm. Plötzlich sagte Sabine zu Klaus:

„Meinst du nicht, wir sollten mal etwas verändern in unserem Leben? Ich habe gerade in einem Artikel gelesen, man solle aus Gewohnheiten ausbrechen, das brächte neuen Wind ins Leben, man sei dann kreativer.“

Klaus schaute sie an: „Ich will nicht malen oder töpfern.“

„Wie kommst du denn nun auf malen und töpfern?“

„Du sagtest doch, man sei dann kreativer.“

Sabine verdrehte die Augen: „Das ist doch nicht so gemeint. Auf alle Fälle finde ich, uns täte etwas frischer Wind gut. Wir könnten nächstes Jahr mal an einem anderen Ort Ferien machen. Lass uns ans Meer fahren.“

Klaus sagte nichts mehr. Er kannte Sabine lange genug und wusste, wann es besser war, zu schweigen.

Nach dem Kaffee brachen Sabine und Klaus auf, um nach Thun zu fahren. Da wollten sie auch gleich in einem Reisebüro Prospekte mit möglichen Feriendestinationen besorgen und diese dann in ihrem Stammcafé auf dem Mühleplatz studieren.

Thun begrüsste sie mit prächtigem Wetter und dem gewohnten Charme. Mit einer riesigen Beige an Prospekten machten sie es sich an der Sonne bequem. Sie blätterten sich durch spanische Inseln und toskanische Felder, streiften durch die Provence und machten einen Abstecher nach Griechenland. Balearen oder Kanaren? Italien oder Frankreich?

Bald schon rauchte den beiden der Kopf, zumal alles irgendwie ähnlich aussah. Grosse weisse Betonbauten oder aber kleine Bungalo-Siedlungen mit Pools, Strand, Palmen, Badetuch an Badetuch. Die anpreisenden Texte klangen auch alle etwa gleich. Worauf sollte man da achten? Nach welchen Kriterien entscheiden? Blätterten beide anfangs noch eifrig, wurde das Umschlagen der Seiten stiller und stiller – und die Stimmung bedrückter.

„Was machen wir denn da den ganzen Tag?“, fragte Sabine.

„Ich weiss auch nicht. Ausruhen? Uns erholen? Baden?“

„Du weißt doch, dass ich nicht gerne bade?“

„Aber du wolltest doch ans Meer? Kreativ werden und so…“

Sabine packte schnaubend ihre Prospekte zusammen, stand auf, schmetterte das Papier in den nächsten Eimer und stapfte davon. Klaus hatte Mühe, sie noch einzuholen, er wusste nur eines: Besser war es, nun nichts zu sagen. So fuhren sie schweigend wieder zurück in die Berge, zurück in „ihr“ Hotel. Als sie oben ankamen, stiegen sie aus dem Auto und Sabine fragte Klaus:

„Sag mal, könnten wir nicht schon fürs nächste Jahr buchen? Nicht dass unser Zimmer schon belegt ist und wir in ein anderes ausweichen müssen.

Innerer Monolog einer Schriftstellerin

Da sitze ich nun also und habe mir was eingebrockt. 100 Wörter sollen es sein, Drabble. Nie vorher gehört. Aber ich sollte anfangen, denn 100 Wörter sind wenig. Ist eine Zahl eigentlich auch ein Wort? Muss ich also die 100 zählen? Oder nur, wenn ich hundert schreibe?

Ich mach erst mal Kaffee. Dabei überlegt es sich besser. Ich könnte einen Schokokeks dazu essen, dann wäre auch gleich ein Wort verbraucht. Oder reicht nur essen nicht, müsste ich dazu noch schreiben, dass ich den Keks esse? Aber das interessiert doch keinen? Zudem mag ich eigentlich gar keine Kekse. Schon gar keine mit Schokolade. Wobei: Auf Facebook könnte ich für Likes ein Bild mit einer Tasse Kaffee und dem säuberlich drapierten Keks posten. Zu spät, der Keks ist gegessen. Gibt es halt keine Likes.

Das mit den 100 Worten wird eng. Ich muss mal zählen, wie viele es schon sind – am Computer wäre das einfacher gewesen als hier auf dem Papier. Technik hat schon was für sich, nur: Es sollte ja eine Flaschenpost werden – wie wäre der Computer in die Flasche gekommen? Flaschenpost – Ideen haben die Leute… Wo soll ich die Flasche eigentlich hinwerfen? Zwar ist die Schweiz eine Insel, wie an sagt, aber weit und breit kein Meer. Wir haben nur Nachbars Bioteich. Frustrierend ist das, zum Trübsal blasen.

Aber nun losgeschrieben: Ich schreibe ein Märchen von einem Prinzen, der einer Prinzessin eine Sonnenblume schenkt, die sich dann an den Dornen sticht. Heldenhaft verbindet sie der Prinz mit einem Pflaster.

Wer sagt da, Sonnenblumen haben keine Stacheln? Ihr habt doch alle keine Ahnung von künstlerischer Freiheit.

Ich glaube, ich mache ein Tripple-Drabble. Sind verbundene Worte eigentlich ein Wort oder sind es zwei Wörter? Was man alles wissen muss!? So kann ich ja nie anfangen mit dem Schreiben. Das wird nix.

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Geschrieben für das Etüdensommerpausenintermezzo 2 (HIER )

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Aufgabe war es, ein Drabble, ein Double-Drabble oder ein Trippel-Drabble zu schreiben, wobei ein Drabble 100, ein Double-Drabble 200 und ein Trippel-Drabble 300 Wörter haben darf.

Beim Drabble wären drei Wörter gefragt gewesen: Flaschenpost, Trübsal, Sonnenblume,
Beim Double-Drabble 4: Flaschenpost, Trübsal, Sonnenblume, Schokokeks
Beim Trippel-Drabble 5: Flaschenpost, Trübsal, Sonnenblume, Schokokeks, Pflaster

Jeder hat seinen Platz

Klaus hob mit einem Greifarm leere Bierbüchsen vom Boden. Das machte er jeden Morgen, schliesslich sollte die Stadt wieder sauber aussehen. Er dachte nicht darüber nach, wer die Büchsen einfach auf den Boden geworfen hatte. Er hörte oft Menschen sich beklagen, dass die Menschheit heute rücksichtslos sei, einfach alles wegwerfe. Keinen Anstand gäbe es mehr, sagten die Leute dann. Es waren meist ältere Leute. Sie sagten es nie zu ihm. Mit ihm redeten sie nicht. Sie sagten es neben ihm zueinander, so dass er es hörte. Er reagierte nie. Das würden sie nicht wollen. Vermutlich ging es ihnen gar nicht um den Abfall. Auch nicht um ihn. Sie mussten ja was sagen. Klaus selber redete nicht viel.

Klaus hatte nicht immer Büchsen aufgehoben. Es gab eine Zeit, da lebte Klaus auf der Strasse. Die Wege, die dahin geführt hatten, ging er in einem anderen Leben, darüber sprach er nicht. Er dachte auch nicht drüber nach. Das war vorbei, das gehörte nicht mehr zu seinem Leben. An das Leben auf der Strasse konnte er sich aber noch gut erinnern. Hart war es. Und kalt. Und das einzige, was half, war Alkohol. Viel Alkohol. Er wärmte. Und er liess vergessen. Und beides war dringend nötig. Heute hatte Klaus wieder eine Wohnung.

Die Stadt hatte ihm die Aufgabe mit dem Müll übertragen und so konnte er übers Sozialamt eine Wohnung bekommen. Dafür war er sehr dankbar. Er war stolz, diese Aufgabe machen zu können. Er nahm sie ernst. Es gab nur zwei Tage seit dem Beginn, an denen er seinen Dienst nicht antreten konnte. Einer war nach seinem Geburtstag gewesen, ein anderer, als es ihm mal nicht gut ging. An beiden hatte er tags zuvor zuviel getrunken. Er konnte nicht aufstehen. Früher war das die Regel gewesen, heute war es die Ausnahme. Und er war stolz, waren es nur zwei Ausnahmen, denn er wollte nicht dahin zurück, wo er herkam.

Klaus wusste, dass er in den Augen all derer, die ihn Büchsen auflesen sahen, einer war, der es im Leben zu nichts gebracht hatte. Darum sprachen sie nicht mit ihm, sondern neben ihm. Er wusste auch, dass es die Welt halt so funktionierte. Die einen schafften es, die anderen nicht. Er hatte es nicht ganz geschafft. Aber er hatte es zumindest geschafft, es nicht gar nicht geschafft zu haben. Er trank noch immer. Die Büchse Bier zum Frühstück musste sein. Auch in den Pausen gönnte er sich eine. Abends das Feierabendbier – wer könnte es ihm verübeln, nachdem er den ganzen Tag den Dreck anderer Leute weggeputzt hatte. Ab und an auch Dreck, den ihm die Leute unachtsam quasi vor die Füsse kippten. Zigarettenstummel aus manikürten Händen – einfach weggeworfen. „Da ist ja einer, der kümmert sich“, dachten sie wohl.

Und Klaus kümmerte sich. Und er war stolz, denn: Von ihm lag nie eine Bierbüchse oder ein Zigarettenstummel rum. Er hinterliess alles immer sauber. Das war schliesslich seine Aufgabe und die nahm er ernst.

Golo Mann, Marcel Reich-Ranicki: Ein Briefwechsel

Enthusiasten der Literatur – Aufsätze und Porträts

Der Briefwechsel bietet das Doppelporträt zweier […] Enthusiasten der Literatur. Denn so forsch sich Marcel Reich-Ranicki in seiner diktierten Büropost auch gibt, spürbar wird selbst noch in den knappsten Briefen das Verlangen, sich mit einem Gleichgesinnten über Autoren und Bücher auszutauschen.

MannMRRBriefeWer kennt sie nicht, die markigen Sprüche des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki. Keiner konnte so loben wie er, keiner aber auch so – oft zugegebenermassen theatralisch – verreissen, wie er. Seine Liebe zur Literatur war immer spürbar, bei beidem, erachtete er doch auch – oder gerade – einen Verriss als Dienst an der Literatur: Sie soll besser werden. Zudem ist ein Lob für ein schlechtes Buch eine Beleidigung für alle guten Bücher.

Marcel Reich-Ranicki schätzte Thomas Manns Werk hoch, er war immer an seinen Büchern sowie an seinem Leben interessiert, was sich in vielen Aufsätzen und auch Büchern zeigte. Dieses Interesse teilte er mit Golo Mann, bei dem das Interesse und der Bezug natürlich schon aus familiären Gründen gegeben war – eine Familiengeschichte, die nicht nur einfach war, litt Golo Mann doch bis weit ins Erwachsenenalter (wenn nicht bis am Schluss) unter seinem Vater oder zumindest unter der Beziehung zu diesem.

Das Buch vereint den Briefwechsel zwischen den beiden Literaturliebhabern und Aufsätze, die in diesen Briefen thematisiert werden. Aus den Briefen ist nicht nur der Austausch – durchaus kritisch, immer aber freundlich – über Literatur herauszulesen, sie sind auch Zeugnis einer sich über die Jahre vertiefenden Freundschaft aus der Ferne (getroffen haben sie sich nur selten) sowie ein Einblick in die Persönlichkeit der Menschen, die sie hinter ihren allseits bekannten Rollen waren. Golo Mann offenbart in vielen Lebensätzen und Nachträgen seine – mehr als schwierige Beziehung zu seinem Vater, den er aber, wenn er ihn in Artikeln angegriffen sah, doch in Schutz nahm.

Ich wusste schon viel über die Familie Mann und einzelne Mitglieder derselben, einige neue Mosaiksteinchen sind dazugekommen. Die Beziehung Thomas Manns zu seinen Kindern, die Beziehung zwischen Klaus Mann und Golo Mann, Überlegungen zu Klaus Manns Fühlen und Denken, das ihn bis hin zum Selbstmord brachte, sind nur einige davon.

Fazit:
Ein wunderbares Buch, das leider nur noch antiquarisch zu erhalten ist, das ich aber jedem Literaturfreund, Thomas-Mann-Liebhaber und Verehrer von Marcel Reich-Ranicki oder Golo Mann nur ans Herz legen kann.

(Herausgeber ist Volker Hage, von ihm stammt auch das Vorwort)

HIER finden sich noch einige gebrauchte Exemplare

Rückstoss

Es gibt so Tage,
da möchtest du bloss,
wie’s deine Natur,
lieb nur sein,
nur…
es gelingt dir nicht.

Das sind die Tage,
an denen dir dann
so wider Natur
geht der Strich –
nur…
du kommst nicht raus.

Das sind die Tage,
wenn’s tief in dir drin
laut rumpelt und kracht,
Feuer entfacht –
und…
du speist es aus.

Es gibt so Tage,
da bleibt schliesslich nur
Asche zurück
und du mittendrin
bist…
ausgebrannt.

Das sind die Tage,
wenn weiter wer brennt,
der trägt dann den Kelch
mit dieser Flamme,
die…
Hass übergibt.

©Sandra Matteotti

Das Ende

Über alle die wichtigen
Dinge, die laut schreien
aus mir heraus
wollen schweige ich;
über all die Bosheiten,
die in mir stechen
sich mit ihren Spitzen
festsetzten, schweige ich.

Und ich höre die Stille
und ich spüre das Schweigen
als Loch in der Mitte
und als Stocken im Hals.
Und doch schweige ich
und fühle die Leere
und atme noch schwerer
und bald schon, da weiss ich,

was langsam sich zeigte
in all diesem Schweigen
geschrieener Worte:

Stille ist Tod.

©Sandra Matteotti