Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote.
– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatur.
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür,
Auch wider dem Verbote.

Das Gedicht «Mein blaues Klavier» ist das titelgebende Gedicht für den letzten veröffentlichten Gedichtband Else Lasker-Schülers. Die 32 enthaltenen Gedichte thematisieren noch mehr als die vorhergehenden Einsamkeit, Schmerz und Trauer über den Verlust der Heimat, so auch dieses Gedicht, welches Else Lasker-Schüler 1937 geschrieben hat. Man kann es von der Form her als Elegie bezeichnen, es ist ein Klagegedicht, ein Gedicht, in welchem die Melancholie und das Leid aus jeder Zeile drängt.

Das Gedicht handelt vom Verlust nicht nur der Heimat, sondern auch der Kindheit und dem verlorenen Ideal der Kunst. Das Instrument der Kindheit ist verloren, ins Dunkel des Kellers entschwunden, es lässt sich nicht mehr bespielen. Geblieben ist nur die Erinnerung an das schöne Spiel, mehr als das ist, da es das Zuhause in sich trägt. Wo vorher Sternenhände spielten, sogar vier, so dass sie nicht alleine war, und die Mondfrau sang, tanzen heute nur noch klirrend Ratten. Was war, ist zerbrochen, geblieben sind die Tränen der Trauer und die Einsamkeit.

Das Klavier steht gleichzeitig synonym für die deutsche Sprache, welche Else Lasker-Schüler Mittel der Kunst ist, die aber durch die grausame Geschichte entweiht wurde und ihr auszugehen droht im Exil. Zurück bleiben die Trauer über das Zerbrochene, unwiderbringlich Verlorene, und der Wunsch, schon lebend dieser Welt, in welcher ihr die Publikation verboten, sie also nicht nur aus dem Zuhause, sondern auch aus der Sprache vertrieben worden war, in eine bessere Welt, das Jenseits, zu entfliehen.

Bei all der Klage, bei all dem thematisierten Leid liegt doch eine Schönheit in dem Gedicht und damit ein Trost. Die Schönheit überlebt auch die grössten Schrecken, sie ist nicht auszurotten, nicht aus der Welt zu verdammen, nicht zum Schweigen zu bringen. In diesem Sinne schrieb auch der Arzt und Schriftsteller Paul Goldschneider am 12. Juni 1944 in einem Brief aus London an Else Lasker-Schüler:

«Vor mir liegt Ihr Blaues Klavier, und ich trinke seine sternenhellen Akkorde gierig wie ein Verdurstender. Es ist gut zu wissen, daß, was immer Häßliches geschehen mag, Schönheit ist und bleibt. Mir wurde es Trost und Offenbarung und dafür wollte ich Ihnen danken.»

Kräftespiel

In schwarzen Klüften steigt der Fels hinab
Zum tosend blauen Meer. Er ist der Stein
Des Widerstands, der Stein, der Wasser trennt
Und es dann zwängt zu wellenweisser Wand.

Was oben weicht, zurück sich zieht, das spielt
Ein Spiel im Untermeer – mit Wellenwogen,
hin und her. Es schleift mit stetigem Durchstreifen
Von den Kanten alle Grate, macht sie

Sanft und mild und glatt. Was stark aufragend
Kraft ausstrahlte, liegt im Dunkeln weich
gespült. Das Wasser sieht sich nie als schwach,

es will nie Rache üben, lebt nur schlicht,
was ihm gegeben, lebt sein Leben, spielt
sein Spiel, und lässt auch andre spielend leben.

©Sandra von Siebenthal

Rainer Maria Rilke: Nennt ihr das Seele…

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
um Beifall bettelt und um Würde wirbt,
und endlich arm ein armes Sterben stirbt
im Weihrauchabend gotischer Kapellen, –
nennt ihr das Seele?

Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
in der die Welten weite Wege reisen,
mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit
in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
und will hinauf und will mit ihnen kreisen …
Und das ist Seele.

Die Grundfrage hinter vielen von Rilkes Gedichten ist eine anthropologische: Was/Wie ist der Mensch? Oft verortet er ihn ganz explizit zwischen Engel (reines Geisteswesen, spirituelles Bewusstsein) und Tier (pure körperlichkeit, Instinktwesen). Zwischen diesen Polen sitzt der Mensch und er ist in diesem Dazwischensein ein Mängelwesen. Hier spricht er nur noch den Mangel an: Was der Mensch Seele nennt, deckt nie das volle, mögliche Bewusstsein ab, es ist ein begrenztes, kleines Etwas, das noch dazu auf das Falsche ausgerichtet ist.

«Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt in euch?»

Es finden sich Worte wie Narr, betteln, arm, alles ist nur gewollt, es wird nur um Würde geworben, sie wird nie erreicht, selbst das Sterben ist würdelos, es ist nur arm. Eine Seele, die den Namen verdiente, wäre grösser, sie würde über die Begrenzungen des irdischen Lebens hinausreichen:

«ich trage ein Stück Ewigkeit / in meiner Brust»

«und will hinauf und will mit ihnen kreisen…
Und das ist Seele.»

Rilke stellt eine grosse Frage, nämlich die, was wirklich ein gutes Leben ist, eines, das mit den richtigen Werten und Ansprüchen gelebt wird. Setzen wir nicht viel zu oft auf das falsche Pferd, indem wir uns von Beifall und Aufmerksamkeiten anderer abhängig machen, anstatt auf unseren eigenen Wert zu vertrauen und in uns zu ruhen?

Das Problem dabei ist doch oft, dass wir uns beweisen wollen, dass wir uns für die Anerkennung auch mal so verbiegen, dass wir selber gar nicht mehr wirklich durchscheinen, sondern nur noch als Erfüllung einer gefühlten Erwartung durchs Leben gehen: Nur: Wer kriegt dann den Beifall? Doch nicht wirklich wir, sondern nur das, was wir, um anderen zu entsprechen, vorgeben, zu sein. Das ist kein Leben aus vollem Herzen, das wir führen, das ist Bemühen darum, in fremdbestimmte Schubladen zu passen.

Ein Leben aus eigenem Antrieb, ein Leben aus vollem Herzen wäre ein Leben, in welchem wir für uns selber einstehen, an uns selber glauben, zu uns selber schauen. Damit nicht gegen andere, aber für uns. Nur so können wir Selbstwirksamkeit erfahren, nur so können wir authentisch leben, nur so können wir als der, der wir sind, geliebt werden. Und nur so ist es möglich, Eigenverantwortung zu übernehmen, da wir das, was wir tun, aus vollem Herzen tun, und dann auch dahinter stehen.

«Und das ist Seele»

Wäsche waschen

Ich hänge meine Hosen seilelang dem
Wind entgegen, seh sie schweifen, schweben,
vogelfrei zum Himmel streben, fast wie
nicht von dieser Welt, schon ihr enthoben.

Seh’ sie flattern, seh’ sie treiben, seh’ sie
Hin zum Himmel greifen, sie die sonst
An meinen Beinen erdenfest am Boden
Kleben, da verweilen, manchmal eilen.

Sind sie nicht den Träumen gleich, die durch die
Lüfte ziehen? Sind sie nicht den Wünschen
Nah, die wir vom Leben weben, hoffen,

dass Hekate spricht und sie dem
Leben übergebe zur Erfüllung
Hier und jetzt, nicht einfach irgendwann?

©Sandra von Siebenthal

Vergänglichkeit

Ich hab’ ein Schloss aus Luft gebaut,
ich stellte es auf Sand.
Dann hat es Zephyr weggehaucht,
als er zog übers Land.

Bäume wogen, Blätter fallen,
langsam neigt die Zeit
sich mit sonnigem Aufwallen
und der Winter ist nicht weit.

Alles fällt und nichts besteht,
das ist des Lebens Kreis.
Doch immer, wenn das Alte geht,
ein Neues steht bereit.

©Sandra von Siebenthal

Mascha Kaléko: Der Eremit

Der Eremit

Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er lächelte mitten im Schmerz.
Er wollte nur sein, nicht scheinen.
Es sah ihm keiner ins Herz.

Es hörte ihn keiner weinen,
Er zog in die Wüste hinaus.
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er baute aus ihnen sein Haus.[1]

In diesem Gedicht finden sich die typischen Themen Mascha Kalékos: Einsamkeit, Fremdsein, Vertriebensein. Wie oft musste sie den Ort wechseln, konnte nicht bleiben, wo sie war, und fühlte sich am neuen Ort nicht zu Hause. Sie litt zeitlebens unter einem tiefen Gefühl der Heimatlosigkeit.

Ein Mann wird mit Steinen beworfen, er leidet und lächelt trotzdem. Es wird kein frohes Lächeln sein, wohl eher ein resigniertes, ein schmerzvolles, vielleicht aber auch ein Erkennendes. Er wollte authentisch sein, sich geben, wie er war. Gefragt war wohl der Schein, angepasst zu sein. Dem hatte er nicht gehorcht und sah sich nun den Steinen ausgesetzt. Was in ihm vorging, was er dachte, wer er war, interessierte keinen. Die warfen nur Steine und verurteilten sein Anders-Sein.

Keinen kümmerte, wie er sich fühlte, wie er unter ihrer Verurteilung litt. Er zog sich zurück in die Wüste. Sie warfen ihm die Steine hinterher, doch er baute sich ein Haus daraus.

Hier wird eine Welt gezeichnet, in welcher der schöne Schein zählt und in welcher man sich diesem anpassen muss. Tut man dies nicht, wird man beschossen – vielleicht nicht mit Steinen, aber doch mit Unverständnis, Beschimpfungen und Ablehnung. Es kümmert kaum, was im Herzen eines Andersdenkenden vorgeht, sein Leiden wird oft ignoriert. Es gibt zwei Möglichkeiten in dieser Situation: Resignieren oder eine Lösung suchen, wie man mit den Widrigkeiten umgehen, wie man das Beste draus machen kann. Oft einfacher gesagt als getan, zumal der Schmerz des nicht Dazu-Gehörens doch nagt, ist Zugehörigkeit doch ein zutiefst menschliches Bedürfnis.

Der Rückzug in die Wüste ist hier die Suche nach Schutz, nach Sicherheit. Wo keiner mehr ist, kann keiner mehr Steine werfen. Die einen gehen ins äussere Exil, die anderen ins innere. Beiden gemeinsam ist die Einsamkeit, die sie da vorfinden.

Das Gedicht ist traurig in seiner Offenlegung menschlicher Leiden, und doch irgendwie kraftvoll, zeigt es doch einen Weg auf und damit die Hoffnung, dass man zumindest einen Teil auch selber in der Hand hat – nämlich: Was man mit dem, was man vorfindet, macht. Was für eine grossartige Kraft, wenn es gelingt aus den Steinen, die auf einen geworfen werden, ein Haus zu bauen. Diese Kraft muss aus dem Herzen kommen, in das keiner sieht, aus dem unhörbaren Weinen und dem lächelnden Schmerz. Ein Gedicht, das Mut macht.


[1] Zit. nach „In meinen Träumen läutet es Sturm“ © 1977 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München (https://www.dtv.de/search/result?search=kaleko)

Klimawandel

Wasser marsch, die Fluten wogen,
Petrus sprach, der Mensch betrogen,
um sein Heim und Hab und Gut,
dem Petrus gilt nun alle Wut.

«Wie konnt’ er nur, was fiel ihm ein,
das darf doch schlicht nicht möglich sein.
Wir armen Opfer, Waisenknaben,
müssen nun hienieden darben.»

Nur: Wer jetzt noch glaubt, dass Petrus bockte,
und zwar ver- – das Unglück lockte,
da schau er hin und prüf’ genau,
ob nicht auch er ‘ne Umweltsau.

Das Leben ist nicht nur kommödlich,
und es endet meistens tödlich.

©Sandra von Siebenthal

Moll und Dur

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
spielt in Dur und auch in Moll.
Ich könnt’ euch dieses Lied zwar singen:
was es wohl bedeuten soll?

Gibt den Klang der Zeiten wieder,
als der Menschen Lebenslieder;
klingt so in die Welt hinaus
und tritt ein in jedes Haus.

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
manchmal sonnenklar und schön,
singt von Tiefen und Misslingen,
nicht nur blossen Lebenshöh’n.

So scheint das Glück ein selten Wesen,
Dur in Liedern handverlesen,
Verse fliessen oft in Moll,
nur beides macht das Leben voll.

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
sendet Freude und auch Trost,
wer immer mag, fängt an zu singen,
und wird schon dadurch leiderlöst.

©Sandra von Siebenthal

Der Olivenbaum

Vom Wind umweht, mit leisem Rauschen, sieht
der Baum den Wellen zu. Er steht schon lang, ist
alt und weise, stolze Kraft auf festem
Grund, der hält und ihn zum Himmel treibt .

Was klein begann mit einem Stein, das wuchs
in Ringen an und an. Erst nur ein Stamm,
dran Äste dann, die weit und breit ins Land
ausschweifen, es ergreifen, Blätterregen

um sich legen und daran ganz klein
ein Stein in grüner Hülle, die in sich
Genuss mitträgt. Es scheint die Sonne, nährt

Die Früchte, lässt sie reifen, rund und prall, bis
eines Tages diese fallen, und zu
neuem Leben streben – irgendwann.

©Sandra von Siebenthal, 13. Juli 2021

Rüdiger Görner, Kaltërina Latifi: Thomas Mann

Ein Schriftsteller setzt sich in Szene. Bildband mit 200 bisher unveröffentlichten Fotografien des Autors und Literaturnobelpreisträgers, begleitet von literaturwissenschaftlichen Essays

«Ich mag mich nicht sehen. Müsste anders ausschauen.»

Das sagte der Mann über sich, welcher hunderte von Fotos in Auftrag gab, um sich in diesen selber zu präsentieren – und wohl auch stilisieren. Das Leben von wohl keinem anderen Schriftsteller ist so gut erschliessbar und erschlossen, wie das von Thomas Mann. Durch seine Tagebücher (von denen er leider ein paar Jahrgänge verbrannt hat) sind die intimsten Details bekannt geworden, unzählige Briefwechsel haben diese Einblicke noch erweitert. Den am Leben und Schaffen Thomas Manns Interessierten steht zudem eine Vielzahl von Biographien und Sekundärwerken zur Verfügung. Man würde denken, dass mittlerweile alles gesagt und bekannt ist. Dass dem nicht so ist, beweisen Gröner und Latifi im vorliegenden Buch. Sie haben neben dem wohlbekannten auch bislang unveröffentlichtes Fotomaterial in diesen Bildband aufgenommen. Dass das Buch geschmackvoll gestaltet ist, trägt zur Freude des Betrachtens bei. Das Buch ist sehr stilvoll gesetzt und auf hochwertigem Papier gedruckt.

Begleitet werden die Fotografien von inhaltlich informativen und fundierten Essays. Der Leser erhält Einblicke, wie ein Porträt zum Medium der Selbstdarstellung wird, das Individuum sich selber erschafft durch das Bild oder auch, wie durch das Bild das eigene Selbstverständnis und die gewünschte Wirkung nach aussen erreicht wird bei Thomas Mann.

Persönlicher Eindruck
Als ich vor vielen Jahren meine Masterarbeit über Thomas Mann schrieb, habe ich nicht nur das gesamte Werk von ihm gelesen, sondern auch einen grossen Teil seiner Tagebücher und eine Vielzahl von Biographien und anderen Sekundärwerken über sein Leben und Werk. Zudem schaute ich Filme über ihn, tauchte sprichwörtlich in sein Leben ein. Vor diesem Hintergrund liegt es auf der Hand, dass ich viele der Bilder kannte, mir auch gewisse in den Essays erscheinenden Informationen nicht neu waren. Das tat meiner Freude über dieses und an diesem Buch aber keinen Abbruch, im Gegenteil. Es war wie ein Heimkommen, ein erneutes Eintauchen, ein innerliches „Weisst du noch?“. Das Buch hat es mir einfach gemacht, einzutauchen und zu geniessen. Es ist wirklich eine Augenweide und es zollt diesem grossartigen Schriftsteller den gebührenden Tribut.

Fazit:
Ein grossartiges Buch, das auf eine sehr ansprechende Weise das Leben Thomas Manns ins Bild setzt, zudem sehr informativ und fundiert. Eine grosse Buchempfehlung!

Zu den Autoren
Rüdiger Görner ist Professor für Neuere Deutsche und vergleichende Literatur an der Queen Mary University of London und Gründungsdirektor des Centre for Anglo-German Cultural Relations. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und erhielt den Deutschen Sprachpreis der Henning Kaufmann-Stiftung ebenso wie den Reimar Lüst-Preis der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Rüdiger Görner ist Träger des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland. Publikation zu Nietzsche, Kafka, Trakl, Thomas Mann und Oskar Kokoschka.

Kaltërina Latifi promovierte mit einer Arbeit zur Poetik E.T.A. Hoffmanns. Fellowship am Centre for Anglo-German Cultural Relations der Queen Mary University of London. Sie arbeitet derzeit an einer Habilitation zur Ästhetik des Fragments. Publikationen zu E.T.A. Hoffmann, A.W. Schlegel und Jean Paul.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) (18. März 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3806242478

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Träume in meeresumrauschter Nacht

Ich teile die Nacht mit dem Rauschen des Meers,
ich sehe den Mond… licht, der alluns bescheint.
Er ist unser Zeuge, bewacht unser Sein.
Er steht da ganz ruhig im milchweissen Schein.

Im tiefschwarzen Wasser zieht er seine Bahn,
hell silberweiss glänzend, als wär’ er ein Kahn,
der teilt, was nicht einig, der teilt
was ist mehr, viel mehr noch als Eines,

viel mehr als ein Meer. Hier sitz ich als Kleines,
als wenig nur mehr, als ein kleiner Punkt mehr
im Sternenvielmeer.
Die Welt ist so gross und… ich bin nur klein…

es gibt so viel mehr da, als mich kleines Sein.
Doch hab’ ich nur dieses und gar nicht viel mehr;
ich bin schlicht kein Meer und… ich bin auch nicht mehr.
Ich bin nur ein Mangel, ein Wesen, gar klein.

Ich wünschte mir immer, ach wär ich doch der,
der dir so genügt… der deiner so wär.
Ist dieses wohl mehr noch, als was ich kann sein?
Ich bleibe wohl schliesslich schlicht immer nur mein.

©Sandra von Siebenthal

Meeresfluten

Wenn Stürme sich verzogen
die Luft steht klar und leer,
die Wolken sind verflogen,
und ruhig liegt das Meer.

Das Blut hört auf zu tosen,
es fliesst in ruhigem Takt,
die Sorgen sind verstoben,
die Stirn ist wieder glatt.

Ich schwöre mir wie immer,
so wird das niemals mehr,
und wäre ein Beginner,
glaubt’ ich mir das zu sehr.

Das Leben schlägt oft Haken,
es steht nicht einfach still,
es fährt in wilden Bahnen,
was immer ich auch will.

Ich bin als Boot gewoben
ins Wellenteppichkleid,
mal unten und mal oben
im Toben der Gezeit.

©Sandra von Siebenthal

Teufelspakt

Ich wünschte mir
ein Stückchen Glück,
ich gab mich ganz,
nicht nur ein Stück.

Was andre tun,
für Schnaps, Geld, Bier,
schien das Glück wert –
zumindest mir.

Doch ist das Glück
ein flüchtig Ding,
mal ist es gross,
dann nur gering,

statt Federstrich
ein spitzes Schwert.
Dann frag ich mich:
War es das wert?

Ich gab mich hin,
nicht nur ein Stück,
krieg’ ich mich nun
noch ganz zurück?

Das Leben hat
stets seinen Preis,
dem Teufel zahlt
man diesen heiss.

Rainer Maria Rilke: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort


Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heisst Hund und jenes heisst Haus
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mir bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, 
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rainer Maria Rilke schrieb einmal: „Ich habe mich, seit ich denken kann, als Anfänger gefühlt.“ Im Buddhismus gibt es das auch, den Anfängergeist. Es bedeutet, dass man die Dinge immer wieder mit neuem Blick sehen, sie nicht einfach in gewohnte Schubladen stecken, sondern in ihrem So-Sein wahrnehmen soll. Wie viel Neues bietet die Welt da plötzlich? Dieses Anfänger-Sein steckt auch in diesem Gedicht. Es ruft dazu auf, nicht einfach gleich für alles Namen zu finden und die Dinge so in Schubladen abzulegen. Es ruft dazu auf, demütig zu bleiben, nicht alles zu wissen meinen, sondern hinzuschauen, um Neues zu sehen und lernen.

Indem wir durch die Welt gehen und die Dinge mit den Augen der Gewohnheit betrachten, sehen wir nicht, was wirklich ist. Wir sind in einem Schleier gefangen, der die wahre Sicht verschliesst. Wir nehmen nicht mehr wirklich wahr, sondern bewegen uns eigentlich schlafend durch die Welt. Und wir töten diese förmlich ab, da wir ihr die Lebendigkeit absprechen durch das schlichte benennen. Wir nehmen damit auch der Sprache ihre Kraft, da dieses Benennen ein oberflächliches ist. Es geht nicht mehr in die Tiefe, es lässt alle Nuancen vermissen, sondern handelt die Dinge mit einem Wort ab. Es ist wohl kein Ding so flach, als es mit einem einzelnen Wort hinreichend beschrieben wäre.

Denken wir an einen Baum. Wir laufen durch die Strasse, sehen diesen, denken Baum und gehen weiter. Wir sehen nicht das kräftige Grün der Blätter, sehen nicht die kleinen, feinen Blüten, die in ihrer Mitte einen feinen Stempel haben. Wir sehen nicht die Maserung der kleinen Blätter, die wie Landschaften ganze Welten darstellen. Wir sehen nicht die Maserung der Rinde, in denen sich wunderschön natürliche Muster zeigen. Wir sagen Baum und sind an diesem vorbei. Sähen wir genauer hin, eröffnete sich uns eine Schönheit, die dann in unser Leben einzöge.

Aus diesem Grund ruft Rilke dazu auf, den Dingen fern zu bleiben mit einfachen Worten. Lass die Dinge zu dir sprechen, lass sie singen und höre zu. Wenn ihr sie benennt, sagen sie nichts mehr, dann sind sie tot. Und damit ist deine Welt um dich tot. In einer toten Welt lebt es sich nicht froh. Ein Leben, das ein wirkliches solches sein soll, das lebendig und reich sein soll, bedarf eines ebensolchen Blicks, eines aufgeschlossenen, nicht wertenden, offenen, der wirklich wahrnimmt.



Gestutzte Flügel

Eingeschlossen in den selbstgewählten
Käfig, der so golden glänzt im Licht,
sitzt im Dunkel müdgeworden, einsam
sucht sie durch der Stäbe Ritzen, nach

ersehnter Freiheit, nach dem glitzernd Hellen,
welches draussen schillernd leuchtet, und sich
in den Stäben bricht. Sie umschliessen, und es
dringt kein Funke durch der Stäbe Dicht.

Abgestumpfter Seele Trauer, tief im
Herzen brennt. Es gibt rein nichts, das sie noch
freut,  es gibt rein nichts, das sie noch hält.

Dann und wann ein leises Zucken, dringt durch
Sie, durch Mark und Bein. Es schiesst zum Herzen,
schläft ermattet da dann wieder ein.

©Sandra von Siebenthal