„Manchmal muss man an Orte der Vergangenheit zurückkehren, damit Frieden einkehren kann. Damit nimmt man den Erinnerungen die Schärfe. Ich wuchs in zwei Sprachen auf, lebte zwischen zwei Kulturen, zwischen zwei verfeindeten Nationen, die bis heute nach einer Aussöhnung suchen. Ich war fast mein ganzes Leben lang zwischen den Welten.“ (Ella Berner)
Als Kind einer Deutschen und eines Tschechen erfährt Ella schon als kleines Kind, wie es ist, zwischen den Stühlen zu sitzen. Das Schicksal will es, dass ihre Familie immer auf der falschen Seite steht und das machthabende Regime gegen sich hat. Als 1945 Ellas Vater von tschechischen Revolutionsgarden erschlagen wird, wird alles noch viel schlimmer. Ellas Mutter ist gezwungen, mit den beiden Kindern zur Familie ihres ermordeten Mannes zu ziehen, welche sie hasst und ihr fortan das Leben schwer machen wird. Ella selber wird in Klosterschulen gesteckt, in welchen ihr Leben zur Tortur wird.
„Was der alte Mann im Beichtstuhl in meiner Seele anrichtete, ist mit Worten nicht zu beschreiben.“
Doch dann verliebt sich Ella in Pavel. Und sie scheint endlich auf der Sonnenseite des Lebens angekommen. Leider trügt der Schein, es folgen Psychiatrie, eine weitere Flucht, weitere Gefahren… bis Ella die Liebe ihres Lebens trifft. Doch noch immer schlägt das Schicksal weiter zu.
Die Frau zwischen den Welten ist ein bewegendes Buch über eine Frau, die vom Schicksal mehr als auf die Probe gestellt wurde. Oft sitzt man beim Lesen da und fragt sich, wie ein einzelner Mensch so viel tragen, ertragen kann. Es ist die Geschichte einer Frau, die schon als kleines Mädchen lernen musste, dass man keinem trauen kann – und das rettet ihr sogar später das Leben. Es ist die Geschichte einer Frau, die trotz allem immer wieder aufsteht und kämpft. Für sich, für das Leben, für die, welche sie liebt.
Hera Lind erzählt die Geschichte von Ella Berner auf eine gut und flüssig lesbare Weise, es gelingt ihr, den Leser von der ersten Seite an zu packen und nicht mehr loszulassen. Die Geschichte trägt mit ihrer Tragik sicher viel zu diesem Effekt bei. Auch wenn das Buch stilistisch sicher nicht der grossen Literatur zuzuzurechnen ist, da es ab und an ins Pathetische abgleitet oder auch stellenweise Züge seichter Liebesromantik trägt, so gelingt der Erzählerin doch ein Erzählfluss, der mitreisst. Und vielleicht tut gerade das auch gut bei der Schwere, welche diese Lebensgeschichte doch mit sich bringt.
Fazit: Ein bewegendes Buch, das einen von der ersten Seite packt und nicht mehr loslässt. Die Lebensgeschichte einer mutigen Frau, die trotz grausamem Schicksal immer wieder die Kraft findet, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Sehr empfehlenswert.
Über die Autorin Hera Lind studierte Germanistik, Musik und Theologie und war Sängerin, bevor sie mit zahlreichen Romanen sensationellen Erfolg hatte. Seit einigen Jahren schreibt sie ausschließlich Tatsachenromane, ein Genre, das zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Immer wieder erobert sie die SPIEGEL-Bestsellerliste. Ihr Roman »Die Hölle war der Preis«, eine bewegende Geschichte, die im Frauengefängnis Hoheneck in der ehemaligen DDR spielt, stieg sogar direkt auf Platz 1 ein. Hera Lind lebt mit ihrer Familie in Salzburg.
Angaben zum Buch: Taschenbuch: 432 Seiten Verlag: Diana Verlag (14. Dezember 2020) ISBN-Nr.: 978-3453292277 Preis: EUR 10.99 / CHF 17.90
Die Worte sind mir ausgegangen, ich weiss nicht, wo sie sind,¨. Ich wollte so viel sagen, doch in allem fehlt der Sinn.
Ich ringe und ich kämpfe, ich weine und ich suche, ich fühle so viel schreien von ganz tief in mir drin.
Und während ich da stehe den Abgrund nur noch sehe, fühle ich auch gar nichts mehr, nur Leere in mir drin.
Es gibt nicht Form noch Farbe mehr, kein Zeichen, auch kein Bild, das mir noch sagen wollt, wer ich als ich noch bin.
Liebe war, was ich einst suchte, Liebe war, was ich auch fand, ein Hafen schien’s, ein sichrer Hort, ein Heim für mich, ein Heimatort.
Doch merk ich täglich immer mehr, dass ich hier schlicht nicht hingehör, dass ich oft falsch, dass ich nicht recht, dass ich, so wie ich bin, offenbar als Liebe schlecht
in das so passe, was gewünscht. So bliebe nur, mich anzupassen, oder aber diese Stätte schnellstens möglich zu verlassen.
Das wär, was ich nie wollen würde, das ist das, was eine Bürde, mir im Leben wär, doch wär es nicht ganz gar so schwer,
wie wenn ich nur des Steines Anstoss wär, an dem die Zehen sich der eine stiesse dem ich doch nur das Beste wollte, leider ohne, dass ich’s sein sollte.
Heute vor 76 Jahren starb Else Lasker-Schüler. Ich habe mein Glas auf diese wunderbare Dichterin, die in ihrem Stil so unverwechselbar war. Ihr zu Ehren heute ein Gedicht von ihr. Dieses passt auch gut in mein Projekt „Lyrische Hausapotheke – für jede Gelegenheit gibt es ein passendes Gedicht“
Ich bin traurig
Deine Küsse dunkeln, auf meinem Mund. Du hast mich nicht mehr lieb.
Und wie du kamst -! Blau vor Paradies;
Um deinen süßesten Brunnen Gaukelte mein Herz.
Nun will ich es schminken, Wie die Freudenmädchen Die welke Rose ihrer Lende röten.
Unsere Augen sind halb geschlossen, Wie sterbende Himmel –
Alt ist der Mond geworden. Die Nacht wird nicht mehr wach.
Du erinnerst dich meiner kaum. Wo soll ich mit meinem Herzen hin?
(Else Lasker-Schüler (1869-1945)) —- Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man traurig ist oder unter Liebeskummer leidet.
Es ist ein neues Jahr, doch irgendwie hat sich gar nicht viel verändert. Das ist ja meistens so. Wir setzen uns zeitlich Termine wie Geburtstage, Jahresenden und -anfänge und dann soll alles anders sein. Dabei war nur eine normale Nacht dazwischen. Noch immer ist Corona in aller Munde, die Möglichkeiten sind beschränkt, die Aussichten ungewiss. Ich versuche weiter, das zu sehen, was geht, das bewusst wahrzunehmen, was gut ist – so auch heute wieder die fünf Inspirationen der letzten Woche.
Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?
Ich stiess im Netz auf einen Artikel über die täglichen Routinen von Schriftstellern, ein Thema, das mich schon lange interessiert: Wie tut ein Schriftsteller das, was er tut? Ich schrieb auch meine Masterarbeit zu diesem Thema am Beispiel von Thomas Mann. Die Herangehensweisen an das Schreiben sind oft unterschiedlich, und doch finden sich auch Parallelen. Etwas, das ich oft las, dass viele Schriftsteller eine tägliche Routine haben, dass sich die Tage und das Schreiben in immer gleichem Rhythmus abspielt. Diese Verpflichtung dem eigenen Schreiben gegenüber scheint, so interpretiere ich das, eine grundlegende Voraussetzung zu sein für das erfolgreiche Schreiben (im Sinne eines wirklich stattfindenden und zu einem Ergebnis führenden). In dem Zusammenhang finde ich es auch spannend, die Schreibplätze von Schriftstellern zu sehen – dazu gab es in der NY Times mal einen Artikel: Hier
Gerald Hüthers Buch „Würde“ hat mich zum Nachdenken angeregt – nicht zum ersten Mal: Hier die Rezension. Was bedeutet Würde eigentlich? Ist sie eine absolute Grösse oder aber eine individuelle Bestimmung? Können wir als Einzelne würdevoll leben oder bedürfen wir der Gesellschaft dazu? Ist ein Leben im Alleingang würdevoll oder zeigt sich Würde gerade auch im Miteinander?
Freundschaft – diese Woche wurde mir einmal mehr bewusst, wie wichtig Freunde sind, wie wichtig, irgendwie lebensnotwendig es ist (in meinem Leben teilweise wirklich wortwörtlich), welche zu haben. Menschen, die da sind Die auch ehrlich sind. Die dir deine Schwächen durchaus zeigen, aber dich trotzdem lieben und dich damit begleiten. Bei denen du weisst: Ich muss mich nur melden, da kommt was zurück. Ich kann drauf zählen. Ich bin sehr dankbar, in meinem Leben Menschen kennengelernt zu haben, die ich wirklich Freunde nennen darf. An einem Tag, an dem ich Freunde brauchte waren welche da. Und ich las zufällig (?) dieses Gedicht:
Der Freundschaft Immergrün Glücklich, was in Lieb und Treue sich hienieden einst verband und sich immerfort aufs Neue noch wie weiland wiederfand!
Schön wie eine liebe Sage klinget die Erinnerung und im Zauber schöner Tage fühlt das Herz sich wieder jung.
So nur gibt′s für uns kein Altern, kein Verwelken, kein Verblühn, wenn wir treu verbunden halten fest der Freundschaft Immergrün. (Hoffmann von Fallersleben, * 02.04.1798, † 19.01.1874)
Dankbarkeit – die Freundschaft führt mich gleich zum nächsten. Aristoteles nannte das grösste Gut des Menschen die Glückseligkeit. Damit war durchaus etwas anderes gemeint das das heute alltägliche Glück – und doch… ich würde die Dankbarkeit höher einstufen. Jeden Tag zu sehen, wofür wir dankbar sein können, ist eine Gabe und eine Wohltat. Ich sage nicht, dass damit jeder Schmerz und jedes Leid aus dem Leben weggewischt ist, aber: Selbst wenn wir leiden, selbst wenn Dinge weh tun: Wir haben immer auch gute Dinge im Leben. Es hilft oft schon viel, sich diese wieder ganz bewusst vor Augen zu führen. In ganz dunkeln Stunden im Leben habe ich immer wieder damit begonnen, mich abends hinzusetzen und fünf Dinge aufzuschreiben, wofür ich an dem Tag dankbar war. Ich habe immer fünf Dinge gefunden. Die mussten nicht gross sein. Ein schönes Gespräch beim Einkaufen, eine Blume am Wegesrand, ein Hundespaziergang bei Sonnenschein, ein Lächeln, ein schönes Lied, das Erinnerungen weckte… ich hätte sie übersehen in all dem Tagesgeschehen und dem drückenden Leid. So aber brachten sie ein Gegengewicht – ein Wohlgefühl sogar. Und das tat gut. Und genau das hatte ich so dringend nötig. Und ja, vielleicht ist auch das schon ein kleines Quäntchen Glück.
#the100dayproject – Es ist nicht neu, es findet glaube ich schon viele Jahre statt. Es geht dabei darum, 100 Tage einem Projekt zu widmen und dies dann in den sozialen Medien zu zeigen. Die Idee dahinter ist nicht neu: Wenn man etwas lang genug macht, entwickelt sich eine Routine, man wird besser. Da man aber mit solchen Projekten oft alleine ist und bei einem Durchhänger alles schwer wird, soll die Gemeinschaft der Mitstreiter helfen, die Motivation zu behalten. Es gibt dafür ein bezahltes Programm, aber das ist für mich gar nicht nötig. Das offizielle Projekt startet am 31. Januar, aber eigentlich kann man zu jedem Zeitpunkt anfangen. Nur schon die eine Frage finde ich wertvoll: Was ist mir so wichtig, was möchte ich so gerne, dass ich mich für 100 Tage verpflichten würde, es zu tun. Um selber zu wachsen. Um selber tiefer zu gehen und zu sehen, ob es wirklich meins ist. Oder auch schlicht: Um Spass zu haben. Ich habe ein paar Ideen für meinen Instagram-Account. Ich kann nicht garantieren, dass ich es jeden Tag machen werde, denn dann und wann werden Aktualitäten dazwischen kommen… aber ich bin gespannt. Und ich lasse mir die Zeit bis zum 31. Januar noch für die definitive Entscheidung.
Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!
Freund, der Unterschied der Erdendinge Scheinet groß und ist so oft geringe; Alter und Gestalt und Raum und Zeit Sind ein Traumbild nur der Wirklichkeit.
Träg und matt auf abgezehrten Sträuchen Sah ein Schmetterling die Raupe schleichen Und erhob sich fröhlich, argwohnfrei, Daß er Raupe selbst gewesen sei.
Traurig schlich die Alternde zum Grabe: „Ach, daß ich umsonst gelebet habe! Sterbe kinderlos und wie gering! Und da fliegt der schöne Schmetterling.“
Ängstig spann sie sich in ihre Hülle, Schlief, und als der Mutter Lebensfülle Sie erweckte, wähnte sie sich neu, Wußte nicht, was sie gewesen sei.
Freund, ein Traumreich ist das Reich der Erden. Was wir waren, was wir einst noch werden, Niemand weiß es; glücklich sind wir blind; Laß uns eins nur wissen: was wir sind.
Kürzlich stellte ich ein Bild meiner aktuellen Lektüre ins Netz. Und ich erntete prompt Naserümpfen, hochgezogene Augenbrauen (nicht gesehen, nur aus jedem Buchstaben tropfend) und Nachfragen:
„Du liest DIE Autorin????“
Das „wie kann man nur!!!!!!!“ klang förmlich mit. Ja, mir war sie auch von früher als eher seicht bekannt, doch: Als ich im Regal im Laden stöberte, fiel mir das Buch auf, der Klappentext überzeugte der Geschichte wegen – ich habe es gekauft und das nicht bereut.
Es wäre wohl alles anders gelaufen. Hätte ich gelesen, wer die Autorin ist. Die fiel mir schon mal negativ auf, die les ich nicht. Die schreibt eh nur Schund, das ist unter meinem Niveau. Etwa so klangen ja auch die Kommentare. Ich dachte: Die Geschichte klingt gut, die interessiert mich, ich gebe dem Buch eine Chance. Und mir damit eine auf unterhaltsame Zeit.
Und: Ich wurde belohnt. Das Buch hat mich gepackt, ergriffen, mitgerissen. Ich bin nun knapp über der Hälfte und ich kann es kaum erwarten, weiter zu lesen. Jeder, der hier liest, hat irgendwie Glück, denn: ich könnte nun lesen, aber ich schreibe….wieso?
Weil es mir am Herzen liegt. Ich habe Literaturwissenschaften studiert. Alte und neue Literatur. Und ja, ich habe alles mit „summa cum laude“, Note 6 (in der Schweiz das höchste) abgeschlossen. Schreibe ich das, um mich irgendwie gross zu machen? Nö. Es bringt mir im Leben nichts. Aber so ganz und gar gar nichts. Ausser: Ich beherrsche das Fach. Das wurde mir mehrfach bestätigt.
Ich wurde oft gefragt, wieso ich keine Verrisse schriebe. Ich schreibe Rezensionen nur dann, wenn mir das Buch gefiel. Denn: Nur dann lese ich es zu Ende. Und mich kümmert dabei überhaupt nicht, wer der Autor war. Ich könnte klar sagen, wieso mir etwas nicht gefiel. Vielleicht fange ich damit doch mal noch an. Aber zu sagen: Lest das ja nicht??? So viel, das ich nicht lesen konnte/wollte, gefiel andern. Und das ist doch wunderbar. Und so ein Buch zu schreiben ist unglaublich viel Aufwand, Zeit und Herzblut. Schon das achte ich als Leistung. Auch ich bin der Meinung, dass ganz viel Müll da draussen zwischen Buchdeckeln rumgeistert. Aber: Das ist meine bescheidene Meinung. Wenn jemand das toll findet, darum liest, sich darum besser fühlt? Wunderbar.
Und so bleibe ich dabei: Ich werde keine Verrisse schreiben. Vielleicht fange ich an, zu schreiben, wieso ich Bücher nicht weiter lesen konnte. Das waren dann meine Gründe. Ganz persönlich. Wenn ich aber eine Rezension schreibe, kann man davon ausgehen: Ich habe das Buch gelesen und das ist meine Meinung. Auch ganz persönlich! Was ich dabei spannend fände – immer: Wie sieht das ein anderer?
Ich bin überzeugt: Nicht nur der Autor macht das Buch, der Leser hat auch einen Anteil. Und der interessiert mich immer auch.
„Willkommen an Bord. Das hier müssen Sie noch ausfüllen.“ Sie schiebt ein Klemmbrett mit einem Formular und einem Kugelschreiber über den Tresen. Mit klammen Fingern greife ich danach und trage zittrig einen Namen ein, von dem ich hoffe, dass es meiner ist. Jana Bühler, wahrscheinlich 24 Jahre alt, wohnhaft irgendwo, Adresse vergessen.
Jana wächst alleine mit ihrer Mutter auf, einen Vater vermisst sie nie, im Gegenteil, es ist ihr nicht ganz klar, was so ein Mann im Leben überhaupt tun könnte, zumal ihre Mutter ja schon alles macht. Väter kennt Jana nur aus Filmen und von Freundinnen – aus diesen baute sie sich ihr Vaterbild zusammen. Und irgendwann kommt doch die Sehnsucht in ihr Leben, den eigenen Vater kennenzulernen.
Ich muss meinen Vater finden und kennenlernen, sagte ich mir, sonst bleibe ich vielleicht für immer nur halb – halb ich, halb da, halb am Leben.
Kurze Zeit später findet sich Jana auf einem Kreuzfahrtschiff auf der Donau wieder unter lauter älteren Menschen, dem üblichen Publikum solcher Schifffahrten. Ihr Vater ist der Kapitän und sie hat nun sechs Tage Zeit, ihn näher zu betrachten…. und dann? Wird sie sich zu erkennen geben? Was könnte das schlimmste sein, was passiert? Was das beste?
Ilona Hartmann schreibt mit „Land in Sicht“ die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach ihren Wurzeln. Sie tut dies in einer klaren, präzisen Sprache, mit lapidaren Untertönen, hingeworfenen Witzen, schonungslos ehrlichen Beobachtungen, die sie in ebensolche Worte packt. Auf diese Weise gelingt es ihr, Jana lebendig werden zu lassen, man glaubt als Leser, sie zu kennen, so stimmig, so fassbar tritt sie einem entgegen durch diese so authentisch wirkende Sprache.
Jana trifft auf dieser Reise nicht nur ihren Vater, sie wird auch mit vielen eigenen Vorurteilen, Vorstellungen konfrontiert, die sie revidieren muss. Und sie wird immer wieder auf sich selber zurück geworfen, erkennt, was sie nicht wahrhaben wollte. Das Buch sticht nicht wirklich tief, es bleibt immer ein wenig an der Oberfläche, auch wenn man Tiefen zwischen den Zeilen spüren (oder vermuten) kann. Dadurch bleibt es kurzweilig und gut lesbar, eine unterhaltsame Lektüre, die einen doch auch dann und wann mit Fragezeichen zurück lässt.
Fazit: Ein kurzweiliges, gut lesbares Buch über die Suche einer jungen Frau nach ihren Wurzeln und auch nach sich selber. Sehr empfehlenswert.
Über die Autorin Ilona Hartmann ist freie Autorin und Texterin. Geboren 1990 bei Stuttgart zog sie direkt nach dem Abitur erst nach Leipzig und dann nach Berlin, vor allem aber ins Internet, wo sie bis heute lebt. “Land in Sicht” ist ihr erster Roman. Texte von ihr finden sich regelmäßig auf ZEIT Online, in Der Freitag und auf Twitter. Instagram @ilona_hartmann Twitter @zirkuspony
Angaben zum Buch: Gebundene Ausgabe: 160 Seiten Verlag: Blumenbar(21. Juli 2020) ISBN-Nr.: 978-3351050764 Preis: EUR 18 / CHF 27.90
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Wie würde eine kurze Biographie von Ihnen aussehen?
Geschlüpft in Schaffhausen, den gestalterischen Vorkurs besucht an der F+F in Zürich, studiert an der HSLU in Luzern, lebt und arbeitet in Hamburg.
Kooni ist nicht dein Taufname – wie und wieso kamst du auf den Namen und ist das nur deine Künstleridentität oder bist du auch privat Kooni?
Ich habe unter Kooni, einer Ableitung des Spitznamens meines Großvaters, in meiner Jugend Streetart gemacht. Mittlerweile nennen mich aber alle so.
Waren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?
Zeichnen hat schon eine große Rolle gespielt, ja, aber ich habe mich viel draußen rumgetrieben, die Stifte waren eher Waffen gegen langweilige Schulstunden oder Regentage.
Sind Sie heute immer mit einem Skizzenbuch unterwegs, um auch vom Leben zu zeichnen, oder dienen Ihnen diese nur zu Studienzwecken/Skizzen für Illustrationen?
Tatsächlich habe ich das Skizzenbuch immer dabei, ich halte spontane Einfälle fest oder überbrücke langweilige Wartezeiten. Das Skizzenbuch ist mein Fundus, mein Sammelbecken, daraus entsteht alles.
Wie sah Ihr Weg in die Illustration aus?
Mein Vater hat mir ein kleines leeres Buch geschenkt, als ich 4 Jahre alt war, ich habs aufgeschlagen und angefangen zu zeichnen. Ich muss auch gestehen, ich habe nie wieder besser gezeichnet als in dieses erste Skizzenbuch, absoluter Karrierehöhepunkt.
Ist eine Ausbildung zum Illustratoren unabdinglich, hilfreich, unnötig?
Der größte Pluspunkt meines Studiums war und ist das riesige Netzwerk an Menschen, von dem ich wahrscheinlich das ganze Leben lang profitieren werde. Außerdem ist es für kreative Menschen sicher auch nicht schlecht, nach einer langen Schullaufbahn, die auf Standartberufe ausgelegt ist, unter Gleichgesinnten zu sein und für Fähigkeiten, die bis anhin als unwichtig abgestempelt wurden, ernstgenommen zu werden. Techniken, Verfahren und sonstiges Wissen kann man sich aber gut selber erarbeiten.
Ich hörte mal die Aussage, Talent gebe es nicht, Können von Willen, Ehrgeiz, Ausdauer, Schweiss und Tränen. Wie sehen Sie das? Alles Talent oder kann man Zeichnen/Illustrieren lernen?
Ich glaube nicht so sehr an Talent und bin auch kein Fan von dieser Schweiß-Tränen-Leiden-Nummer. Klar, ein Mensch hat bestimmt gewisse Veranlagungen, aber gerade Zeichnen ist Übungssache. Ich zeichne seit ich denken kann, klar bin ich da gut drin, das wäre jeder andere Mensch auch. Und zu Schweiß und Tränen: Ich zeichne besser, wenn ich Spaß habe, als wenn ich mich wochenlang selbstgeißele für ein Projekt.
Was macht einen guten Illustratoren aus?
Ich finde, dass Illustrator*Innen einen neuen Blickwinkel aufzeigen sollten, bei einem Bilderbuch zum Beispiel nicht einfach das zeichnen, was der Text sagt, sondern eine neue Ebene einbauen, einen zusätzlichen Witz erzählen, eine Nebengeschichte zum Text aufmachen, den Betrachtern etwas zutrauen. Zudem flashen mich ganz persönlich Illustrator*Innen, die bei ihren Figuren eine große Diversität in der Mimik haben.
Haben Sie Lieblingsmedien (welche?) oder passen Sie diese immer den jeweiligen Ideen an?
Ich experimentiere immer wieder gerne mit neuen Techniken, aber hauptsächlich arbeite ich analog mit Tusche oder Bleistift und mache die Nachbearbeitung in Photoshop, die Layouts im InDesign.
Ihre Illustrationen sind mehrheitlich sehr linear, Farben setzen sie sparsam ein. Was bedeutet Ihnen Farbe?
Die komplette Überforderung, ich habe keine Ahnung davon.
Sie arbeiten hauptsächlich im Bereich Editorial, Cover und Plakate – wieso kam es dazu? Reizt Sie das mehr als zum Beispiel Buchillustrationen?
Ich bin eine spontane Zeichnerin, ich sitze nicht gerne monatelang an einem Projekt und mache 1000 Skizzen vor der Reinzeichnung, darum passe ich gut in die schnelllebige Medienlandschaft. Die Aufträge aus der Kulturszene kommen, weil ich mich da auch gerne bewege, ich mag Konzerte, gute Restaurants und Bars, die Clubkultur… Ein ewiges Rätsel, das mich immer reizt, ist: Wie visualisiere ich Musik? Wie zeichne ich die Klänge unterschiedlicher Instrumente, wie zeichne ich Bass, Rausch, Sphäre?
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Vor 11:00 passiert nichts Brauchbares, außer ich finde in meinem Posteingang einen wichtigen Spontanauftrag. Aber normalerweise beantworte ich im Bett E-Mails und reagiere auf kleine Korrekturwünsche. Danach ein Blick in den Kalender und auf die To-Do-Liste. Ich beginne mit dem dringendsten Projekt, dazu hör ich Podcasts. Ich arbeite gerne in die Nacht hinein, um 1:00 – 2:30 ist meine Konzentration am höchsten. 1-2 Tage die Woche arbeite ich als Ausgleich in einem Café.
Ich hörte mal, der grösste Feind des Künstlers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?
Wenn ich im Ungleichgewicht oder von einem Projekt nicht überzeugt bin, nervt mich selbst das kleinste Geräusch. Dann versuche ich, mich mit Noise Cancelling Kopfhörern oder in einer ungestörten Nachtschicht zu konzentrieren. Im Grunde bin ich aber ein extrovertierter Mensch, ich brauche meine Leute um mich herum. Die Illustration ist schon eher ein einsamer Beruf, darum setze ich mich auch gerne mal in den Flur meiner großen WG oder in ein überfülltes Café. Ich glaube, da braucht man einfach für jeden Tagesbedarf eine Strategie.
Woher holen Sie Ihre Inspirationen/Ideen?
Alltagssituationen, Internet, Museen, ein Thema während der Arbeit im Café tagelang zerdenken oder ohne nachzudenken stundenlang im Flow zeichnen.
Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zum fertigen Bild beschreiben?
Manchmal hat man in der ersten Sekunde die richtige Idee, manchmal braucht man dafür tagelang, das ist unterschiedlich. Wenn ne Idee dann aber da ist, habe ich das Endprodukt schon ziemlich klar vor Augen. Ich zeichne nicht vor, ich arbeite direkt mit Tusche, lasse Fehler stehen und korrigiere danach am Computer, so spare ich Zeit.
Wenn sie an Ihre vergangenen Arbeiten denken: Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt? Wenn ja: Welches, und wieso?
Das Plakat und der visuelle Auftritt für das Schaffhauser Jazzfestival. Als die Organisator*innen für 2018 anfragten, hab ich mich riesig gefreut, denn das stand schon ewig lange auf meiner Traumauftragsliste. Ich habe im Projekt alte Konzepte weiterentwickelt, eine neue Sprache gefunden, auch aus heutiger Sicht stimmt da noch immer alles.
Wenn Sie ein Traumprojekt beschreiben könnten: Was würden Sie gerne illustrieren?
Ich würde gerne noch mehr Aufträge in den Themenbereichen machen, die mich auch als Mensch privat beschäftigen, z.B. für Seenotrettung-NGO’s, feministische Organisationen, Klimaschutz, …
Wie erleben Sie das Klima unter Illustratoren? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man sich gerne austauscht?
Ich habe, das Studium miteingerechnet, noch nie Rivalität erlebt, es ist eher das Gegenteil: es werden sich Aufträge zugespielt, Illustrator*innen mit passenderem Stil empfohlen, gegenseitig um Rat gefragt bei Unsicherheiten…
Haben die elektronischen Medien den Beruf schwerer gemacht oder beflügelt?
Ich denke nicht, dass sich ein Medium so einfach in gut oder schlecht kategorisieren lässt. Die elektronischen Medien gehören zu unserer Zeit, mit allen Vor- und Nachteilen.
Was raten Sie jemandem, der Illustrator werden will?
Ein gut gepflegtes Portfolio im Internet und/oder ein Instagram Account. Charme und ein lockeres Mundwerk, um Leute, für die man gerne arbeiten würde, vollzusabbeln. Sich bei den Themen Urheberrecht und Nutzungsrecht schlau machen. Die Bereitschaft, dass man mit unregelmäßigem Einkommen auskommen und sich um Rente, Steuern, Krankenkasse und den ganzen Kram selber kümmern muss. Sich nicht verrückt machen, wenn man mal einen Monat gar nicht zeichnen kann. Ich nenne das Input-Phasen, in der Zeit einfach neue Eindrücke sammeln, Museen besuchen, Dokus schauen, Neues kennenlernen. Und am Anfang ist ein regelmäßiger Job, der öffentlich zu sehen ist, das Allerbeste, selbst wenn der Lohn lausig ist. Also das Veranstaltungsprogramm für ein Club oder Theater, was dann Monat für Monat in der ganzen Stadt hängt, eine wechselnde Speisekarte für ein Restaurant, eine Illustration in einer Wochenzeitung und sei es nur ein Inserat für eine Firma, irgendwie sowas. Beste Werbung!
Welchen Illustrator soll ich hier noch vorstellen? _
Wer mehr von Kooni sehen will, findet ihr Portfolio HIER
Vor vier Jahren begann alles mit den ABC-Etüden. Damals schrieb ich meistens mit, irgedwann verlor ich das Ganze ein wenig aus den Augen. Pünktlich zum Jubiläum – happy Birthday und danke für die vielen unterhaltsamen Stunden – bin ich zurück und versuche es mal wieder. Ich schrieb schon damals mehrheitlich Gedichte, auch dieses Mal soll es eines sein:
Ausbruch und Einkehr
Mein Herz schlägt orange, durchdringend als Hämmern, das grundtief erschüttert in mir die Welt.
Wie Lautsprecher dröhnt es, von tief in mir drinnen, und dringt mir durch Mark und knochentief rein.
Ich sitze und frage und weiss keine Antwort, ich suche und haste und stehe doch still.
Ich drehe im Kreis meiner eignen Gedanken, ich suche den Ausgang und stecke doch fest.
Ein Beben, ein Schweben, ein mich nicht erleben, ein Tosen, ein Schlagen, tief innen im Herz.
Ich möchte nur Ruhe, ich lege mich nieder, ich atme, ich presse, ich krieg keine Luft.
Ich bin so verloren, ich gehe mich suchen, ich lege die Arme zum Schutz um mich rum.
Und langsam fühl ich mich tief in mir geborgen, und finde den Atem und damit auch mich.
Während ich das hier schreibe, schneit es draussen ohne Unterlass, Romanshorn versinkt im Schnee. Während ich Winter eigentlich nicht so gerne mag, freut sich mein kleiner Hund so sehr über diesen Schnee, dass ich gar nicht anders kann, als mich auch zu freuen. Am liebsten aber sitze ich drin und lese, ab und an einen Blick über die Schneelandschaft streifen lassend.
Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?
Ein Podcast, der mich sehr beeindruckte, war der Podcast Hotel Matze mit Martin Suter. Martin Suter, bekannter Schweizer Autor von Büchern wie „Lila, Lila“, „Die dunkle Seite des Mondes“ und vielen mehr spricht mit Matze Hielscher übers Schreiben, über die Gründe hinter seinem Schreiben, über seinen Werdegang und vieles mehr. Beim Hören sieht man das schelmische Grinsen des Autors förmlich vor sich, das Interview war eine wahre Freude und ich habe auch den einen oder anderen Gedanken für mich mitgenommen.
Man könnte meinen, es sei unpassend bei diesem Wetter ein Buch mit dem Titel „Das Buch eines Sommers“ (Bas Kast, hier die Rezension) zu lesen – aber: Weit gefehlt. Das Buch regt zum Nachdenken an, lädt zur Einkehr ein. Wann könnte man das besser als im Winter, wenn das Wetter draussen ungastlich ist und man zu Hause im Warmen mit einer Tasse Tee auf dem Sofa sitzt?
Eigentlich wäre ich aktuell noch im warmen Spanien, mir fehlen Sonne, Licht und Farben und auch das südländische Gefühl lässt sich in der winterlichen Schweiz nicht wirklich einstellen. So holte ich mir ein wenig Süden ins Wohnzimmer mit dem Fado – zwar nicht aus Spanien, aber Portugal ist ja nicht weit weg. Zudem: Mir gefällt die Mischung aus Melancholie und Lebensfreude, das so tief spürbare Gefühl in den Liedern. Was bedeutet euch Musik? Mir war sie immer sehr wichtig. Sie fängt mich auf in meinen Gefühlen.
Etwas, das mich immer wieder inspiriert und anregt, sind Notizbücher. Ich kann nicht genug von ihnen haben – und: Es gibt auch so viele wunderschöne. Was ich an Notizbüchern schön finde, ist die Möglichkeit, eigene Welten zu erdenken und sie niederzuschreiben. Oder zu zeichnen, was ich auch oft tue. Auch unterwegs habe ich immer ein Notizbuch dabei. So gibt es nie Momente der Langeweile. Ich zeichne, schreibe, lasse meine Gedanken ziehen, notiere, was mich anspringt. Ich kann das nur empfehlen. Ich hatte ganze Regale vollgeschriebener und bemalter Notizbücher. Bei meinem letzten Umzug habe ich mich von den meisten getrennt, nur ein paar wenige kamen mit. Es werden schon wieder mehr in den Regalen, ein Ende ist nicht in Sicht.
Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!
„Was an ihm war es, das mich so faszinierte? War es die schlichte Tatsache, dass er Schriftsteller war und ich das damals selbst auch so gern werden wollte?
In jungen Jahren war es klar: Nicolas wollte Schriftsteller werden wie sein skurriler Onkel, der von seinem Vater belächelt, von ihm verehrt wurde. Als er nach dem Abi quasi die Welt offen hatte, auf Reisen gehen wollte, versank er im Liebeskummer und die Reise führte ihn schliesslich zu seinem Onkel aufs Land, wo er einen Sommer verbrachte. Schriftsteller wird er dann doch nicht, sondern er übernimmt pflichtbewusst das Geschäft seines Vaters, heiratet, wird Vater, wenn auch ein durch die Arbeitslast eher abwesender. Auch die Liebe läuft mehr nebenher, ist Nicolas doch hauptsächlich damit beschäftigt, das Familienunternehmen erfolgreich zu führen.
Plötzlich klingelt das Telefon, seine Frau: Valentin ist gestorben. Die kleine Familie bricht auf, um sich vor Ort um die Beerdigung und andere Formalitäten zu kümmern. Aus dieser Reise wird für Nicolas eine Reise zu sich selber. Ist er wirklich der geworden, der er sein will? Hat er seinen Traum verraten? Ihm fällt auf, dass er in den letzten Jahren nur noch durchs Leben gehetzt ist.
„Wer oder was hetzte mich eigentlich? Woher kam dieser Drang, jeden Moment bloss so schnell wie möglich hinter mich bringen zu müssen, nur, um zum nächsten Moment zu eilen, als würde dieser das grosse Glück für mich bereithalten?“
Doch: Hatte er eine Wahl gehabt? Wirklich? Wie viel an eigenen Idealen und Wünschen steckt in seinem jetzigen Leben? Ist das, was er führt, ein gelungenes Leben?
Nach seinem sehr erfolgreichen Sachbuch „Der Ernährungskompass“ ist „Das Buch eines Sommers“ Bas Kasts erster Roman und: Es ist ihm damit ein grossartiges Buch gelungen. Bas Kast erzählt sehr fein und leise die Geschichte eines Mannes, der sich selber wieder finden muss, weil er sich vor Jahren von sich entfernt hat – ohne dies selber zu merken. Es ist eine Geschichte einer Liebe, die Geschichte vom Erfolg, aber auch eine Geschichte über Verlust und Aufgabe. Nie wird psychologisiert, nie moralisiert, nie über Gebühr philosophiert, es wird erzählt. Und in diesem Erzählen wird der Leser mitgenommen auf eine Reise – im besten Fall auch zu sich selber.
Fazit: Ein wunderbares Buch, das einen an die Hand nimmt und auf eine Reise mitnimmt, die im besten Fall zu einem selber führt. Sehr empfehlenswert.
Über den Autor Bas Kast, geboren 1973 in Landau, Pfalz, ging in den Niederlanden, Deutschland und Kalifornien zur Schule, studierte Psychologie und Biologie unter anderem am MIT in Boston. Ursprünglich wollte er Hirnforscher werden oder zumindest etwas Vernünftiges tun, wandte sich dann aber dem Schreiben zu. ›Der Ernährungskompass‹ wurde ein Weltbestseller, den allein in Deutschland über eine Million Menschen gelesen haben. ›Das Buch eines Sommers‹ ist sein erster Roman und erschien 2020 im Diogenes Verlag. Kast schreibt herzzerreißend schön und mit großer Sachkenntnis.
Nein, angemessen auf das Masslose zu reagieren, das war unmöglich. Und wer das von den Opfern verlangt, der müsste auch von dem an den Strand geworfenen Fisch verlangen, dass er sich prompt Beine wachsen lasse, um in sein feuchtes Element zurückzuspazieren. (Günther Anders, Wir Eichmannsöhne)
Vicente Rosenberg, ein polnischer Jude, welcher im ersten Weltkrieg tapfer für sein Land kämpfte, beschliesst im Jahr 1928, dieses zu verlassen und mit seinem Freund nach Argentinien auszuwandern. Das Leben ist schön. Vicente hält sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, lernt seine Traumfrau kennen, heiratet, Kinder kommen. Als liebevoller Vater, gut eingebundener Freund und durch den Schwiegervater zu einem Möbelhaus gekommener Geschäftsmann geht er durch die Tage und Jahre.
Polen ist weit weg, irgendwie vergessen – damit auch seine Familie da. Dann und wann nagt ein schlechtes Gewissen, er schreibt halbherzig Briefe und fordert die Mutter auf, auch nach Argentinien zu kommen zumal sich die Lage in Europa zuspitzt, Krieg ausbricht, die Juden mehr und mehr unter Druck sind. Irgendwann ist es zu spät, an ein Ausreisen ist nicht mehr zu denken. Die Briefe der Mutter kommen spärlicher, in Vicente regt sich immer mehr das Gewissen und Fragen stellen sich: Wer ist er eigentlich? Pole? Argentinier? Jude?
Nie hatte er sich als Jude gefühlt, diese Identität war ihm erst durch die Nazis auferlegt worden.
Wie alle Juden hatte Vicente geglaubt, vieles zu sein, bis die Nazis ihm zeigten, dass ihn tatsächlich nur eines charakterisierte: sein Jüdischsein. […] Wie viele Juden verstand Vicente allmöhlich, dass der Antisemitismus Semiten braucht, um existieren zu können, er begriff allmählich, dass ein Antisemit, der sich als solcher definiert, nicht dulden kann, dass ein Semit sich nicht selber so definiert.
Vicente zieht sich immer mehr zurück. Von allen Nachrichten, von seinen Freunden, von seiner Familie – und am Schluss von der Sprache. Er schweigt.
„Kein Ort zu fern“ ist ein Buch über Identität, über Krieg, über den Umgang mit eigenem Leid, mit Schuld und mit dem eigenen Überleben, wenn andere sterben. Es ist ein Buch, das in die Tiefe geht, das Fragen stellt, wo es keine Antworten mehr gibt. Was soll man noch sagen im Angesicht des Unaussprechlichen? Was kann man sich noch vorstellen, wenn die Welt unvorstellbar und grausam wurde? Was ist ein Leben wert? Und darf einer ein Leben haben, wenn der andere es verliert? Und: Es ist eine wahre Geschichte, es ist die Geschichte von Santiago Amigorenas Grossvater.
Vor fünfundzwanzig Jahren habe ich begonnen zu schreiben, um das Schweigen zu bekämpfen, an dem ich seit meiner Geburt fast ersticke. Die Seiten, die Sie hier in Händen halten, liegen diesem mehrteiligen literarischen Projekt zugrunde.
Zu sagen, es sein ein wunderbares Buch, wäre zwar insofern richtig, als es tief geht, berührt, bewegt, gefühlvoll geschrieben ist, ohne weinerlich, psychologisierend oder moralisch zu werden. Da das Thema des Buches aber so aufwühlend, so verstörend ist, indem es die dunkelsten Zeiten der Vergangenheit, die grausamsten Seiten des Menschseins aufzeigt, wäre das Wort irreführend. Es bleibt zu sagen, dass es ein Buch ist, das von der ersten bis zur letzten Seite mitreisst und anregt – zum Denken, Hinterfragen, Mitfühlen.
Fazit: Ein tiefes, bewegendes, mitreissendes Buch, das zum nachdenken, weiterdenken, sich und das Leben hinterfragen anregt. Sehr empfehlenswert.
Über den Autor Santiago Amigorena, 1962 in Buenos Aires geboren, lebt und arbeitet in Paris. Er ist Autor, Drehbuchautor und Filmemacher. „A few Days in September“ (2006) mit Juliette Binoche, die seine Partnerin war, und Nick Nolte wurde international gefeiert. Sein Roman „Kein Ort ist fern genug“ wurde in Frankreich zum Bestseller, war u. a. für den Prix Goncourt nominiert und erscheint in zwölf Ländern weltweit.
Waren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat? Ja, genau, ich war ein solches Kind.
Wie sah Ihr Weg in die Kunst aus? Es waren eher Irrwege. Ich wählte einen Beruf, der mit Phantasie und Farben nichts zu tun hatte: Medizinische Laborantin am KSSG. Nach der Lehre begann ich wieder zaghaft zu malen, meistens am Sonntag.
Wie stehen Sie zum Thema Ausbildung? Unabdinglich, hilfreich, überflüssig? Oder anders gefragt: Alles Talent oder kann man es überhaupt lernen? Ich war ja nie an einer Kunstschule. Ich habe mir das alleine angeeignet. Ich habe meinen Weg auch so gefunden. Heute bin ich froh darüber. Ich wurde von niemandem geformt. Talent ist aber sicher wichtig.
Ihre Bilder beinhalten immer auch Geschichten. Würden Sie diese eher als Kunst oder als Illustration bezeichnen? Das geht ineinander über.
Was zeichnet Ihren Stil aus? Genauigkeit, Feinheiten.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus? Am Morgen wird gemalt. Am Nachmittag muss ich an die frische Luft. Ich bewege mich gerne und liebe es, unterwegs zu sein.
Ich hörte mal, der grösste Feind des Künstlers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht? Ich arbeite gerne alleine. Es ist ein einsamer Beruf. Ich hatte aber 37 Jahre meine eigene Galerie, die auch als Atelier diente. Dadurch bin ich mich gewohnt, „Besuch“ zu haben und unterbrochen zu werden. Kein Problem für mich. Das gab auch immer wieder neue Impulse.
Woher holen Sie Ihre Inspirationen/Ideen? Indem ich die Augen und Ohren offen halte. Das sind meine Empfangsantennen.
Die Protagonisten Ihrer Bilder sind meistens Menschen aus einer anderen Zeit – ich würde sie dem Fin de Siecle zuordnen. Wie kamen Sie auf diese Zeit (die auch ich als sehr reizvolle sehe) und diesen Stil? Fin de Siècle ist für mich wunderbar. Verziert, verschnörkelt, dekoriert. Kleider, Hüte, Hausfassaden, Auto, Flugzeuge, etc.Der Stil hat sich einfach so entwickelt. Gut, man sagt „einfach so“. Es kommt ja nie von alleine. Das Unterbewusstsein spielt vielleicht durchaus mit. Man könnte auch fragen, wieso man die Handschrift hat, mit der man schreibt. Es passiert irgendwie einfach – aber eben: Irgendwie hat es wohl seinen Grund.
Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zum fertigen Bild beschreiben? Der erste Moment ist der Blitz aus heiterem Himmel. Ich arbeite zuerst mit dem Titel. Ich schnappe etwas auf, z. B. „Blue Chips“ oder „Taubenfütterer“ oder „Tafelsilber“. Die Titel gefallen mir. Dann kommt das Suchen: Was mache ich daraus? Ich suche nach einer Lösung oder Idee. Die kann nach 5 Minuten da sein oder auch in einem halben Jahr noch nicht. Wenn sie kommt, dann muss sie zünden. Die Ausführung ist eine andere Sache. Die Hand. muss versuchen, das auszuführen, was sich der Kopf ausgedacht hat. Es muss konkret werden und das ist immer mit Komplikationen verbunden. Man sieht es einem fertigen Bild nicht an, was für Kämpfe und Krämpfe da stattgefunden haben. Ich habe eine Ampel in mir. Grün ist „Das Bild ist gut“, ich bin zufrieden. Orange bedeutet „na ja“ und rot „das Bild sollte vernichtet werden“. Ich höre dabei also auf meine eigene Stimme und verlasse mich auf mich.
Wenn sie an Ihre vergangenen Arbeiten denken: Gibt es ein Projekt/ein Bild, das Sie als Ihr Lieblingsprojekt bezeichnen würden? Wenn ja: Welches, und wieso? Ein Lieblingsbild habe ich nicht, aber durchaus Lieblingsbilder. Ich kann mich nicht für eines entscheiden. Es ist auch wieder die innere Stimme, die das bestimmt, wieso oder warm dieses oder jenes meine Favoriten sind. Ich weiss es nicht und es ist mir auch egal. Es ist mehr ein Gefühl und Gefühle kann ich nicht in Worte fassen, da mir das schlicht zu mühsam ist.
Wie erleben Sie das Klima unter Künstlern? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man sich gerne austauscht? Ich bin ein totaler Einzelgänger. Ich bewege mich nie in der „Szene“.
Was raten Sie jemandem, der Künstler werden will? Wenn jemand Künstler werden will, soll er unbedingt durchziehen. Ich fände es gut, wenn da aber jemand ist, der den abgehenden Künstler erstmals Steine in den Weg legt. Wenn er diese aus dem Weg räumt, dann ist er auf dem richtigen Weg. Wenn er aber darüber stolpert und nicht mehr aufsteht, dann sollte kein Künstler daraus werden. Man braucht starke Nerven und ein gutes Selbstvertrauen. Auch Selbstzweifel sollten vorhanden sein, aber nicht zu viel und nicht zu wenig. Beides ist nicht förderlich.
Welchen Künstler soll ich hier noch vorstellen? Ich bin ein Fan von Otto Forster. Auch Margrith Örtli-Edelmann fidne ich gut. Beide leben in St. Gallen.
Eine Einladung zum Schreiben „Dieses Buch ist eine Einladung zum Schreiben über sich selbst. Wenn man schreibt, schreibt man immer über sich selbst. Es ist abwechselnd wunderbar, schmerzhaft, narzisstisch, therapeutisch, herrlich, befreiend, tieftraurig, beflügelnd, deprimierend, langweilig, belebend.“
Doris Dörrie schreibt mit diesem Buch wohl eines der persönlichsten, das sie bislang geschrieben hat. Es ist ein Buch über ihr Leben, über ihre Erinnerungen an einzelne Momente dieses Lebens. Es ist ein Buch über das Erinnern generell. Ich erinnere mich.
„Schreibend halte ich mich am Leben und überlebe. Jeden Tag wieder. Ich schreibe, um diese unglaubliche Gelegenheit, am Leben zu sein, ganz genau wahrzunehmen und zu feiern. Ich schreibe, um einen Sinn zu finden, obwohl es am Ende wahrscheinlich keinen gibt.“
Dieser Satz führt wie ein roter Faden durch das Buch, das einen mitnimmt auf eine Reise sowohl durch Doris Dörries Leben wie auch auch durch das eigene. Denn an jede Anekdote dieses erinnerten und erzählten Lebens ist eine Aufforderung geknüpft. Nun ist der Leser dran. An welche Kleider der Kindheit erinnert er sich? An welche Ausflüge? Freunde? Erste Momente? Verluste? Gerüche? Gefühle?
„Schreibend erforsche ich die Welt. Meine Welt. Was beeindruckt mich? Was merke ich mir? Was erschüttert mich? Was erheitert mich? Was begeistert mich? Woran erinnere ich mich?“
„Leben, schreiben, atmen“ ist nicht nur eine Aufforderung zu schreiben, es ist auch eine Aufforderung, das eigene Leben bewusst zu beleuchten. Wo komme ich her? Wer bin ich? Wie bin ich der geworden, der ich heute bin? Es ist ein Buch, das zu Fragen anregt, das einen auffordert, die eigene Geschichte neu aufzurollen und genau hinzusehen. Habe ich bislang die richtige Geschichte über mich erzählt? Gefällt mir diese Geschichte? Könnte ich meine Geschichte auch anders erzählen? Wäre ich dann ein anderer Mensch?
Doris Dörrie hat nicht einfach einen neuen Schreibratgeber geschrieben. Es geht weder um das Schreiben von Verkaufsschlagern noch um das von geschliffenen und korrekten Sätzen. Es geht um das Tiefer tauchen in den eigenen Erinnerungen, um das bewusste in die Zukunft gehen durch das Wissen um die Vergangenheit. Herausgekommen ist ein inspirierendes, bewegendes, mitreissendes, tiefgründiges und wunderbares Buch. Man möchte als Leser laut danke sagen dafür!
Fazit: Ein wunderbares Buch, das zum nachdenken, weiterdenken, sich erinnern und schreiben animiert. Sehr empfehlenswert.
Über die Autorin Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.