Liebe ist…

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Liebe kennt keine Grenzen,

sie stellt keine Bedingungen.

Liebe macht keine Auflagen,

sie wertet nicht.

Liebe kennt keine Vorurteile,

sie verletzt nicht.

Liebe trägt,

wo niemand sonst es tut;

sie unterstützt,

wo Hilfe nötig.

Liebe steht,

wo alle fallen;

sie hält zu einem,

wenn alle weg sind.

Liebe gibt Kraft,

wo deren Ende erreicht ist;

sie gibt nie auf,

auch wenn alles schon verloren scheint.

Liebe ist,

was sie ist,

ohne Schein und ohne Lüge,

einfach wahr.

Angst

Ängste sind evolutionär gesehen Überlebenshelfer. Die Angst löst Reaktionen auf als solche erkannte Gefahren aus, was im Falle eines Raubtiers überlebenswichtig sein kann. Fehlte die Angst, würden wir uns unbedarft in gefährliche Situationen begeben und damit unser Leben aufs Spiel setzen oder gar verlieren.

Angst ist also durchaus sehr sinnvoll, auch wenn wir sie eigentlich nicht mögen. Sie steht auf der Liste der von uns als negativ wahrgenommenen Gefühle, weil wir nicht ihren Nutzen sehen, sondern nur das Gefühl als solches, welches unangenehm, beengend, niederdrückend erscheint. 

Angst kann aber durchaus auch negativ auf unser Leben wirken. Nicht immer sind wir in Gefahr, von einem Raubtier gefressen zu werden, nicht immer droht von überall Gefahr, wo wir sie sehen. Ab und an sehen wir Gefahren, wo keine sind, gründen unsere Ängste auf Vorstellungen, die von Ereignissen in unserem Umfeld, aus vergangenen Erfahrungen oder ähnlichen negativen Auslösern stammen. Diese Angst lähmt uns, ohne dass wir einen realen Grund ausserhalb unserer Vorstellung dafür haben. 

Angst und die Reaktion darauf sind unbewusste Vorgänge. Müsste man zuerst bewusst überlegen, was man tut, wäre es oft zu spät. Die Mechanismen laufen im Gehirn ab, ohne dass man es merkt. Leider tun sie das sowohl bei der gegründeten Angst wie auch bei der unbegründeten. Ich habe Panik vor Spinnen. Eine Nachbarin wusste das und als wir mal nachts vor dem Haus sprachen, sagte sie warnend, ich wolle mich nicht umdrehen, hinter mir sei eine grosse Spinne. Ich dachte, gewarnt zu sein, genügend Abstand zu haben, ich könnte also, so dachte ich, mich umdrehen und der Spinne quasi ins Auge sehen. Kaum umgedreht, die Spinne erblickt, entglitt mir ein dermassen gellender Schrei, dass wohl die ganze Nachbarschaft senkrecht im Bett stand. Ich hatte keine Chance, das zu unterdrücken. Diese Reaktion passierte auch schon in überfüllten Zügen und an anderen dafür peinlichen Orten. Mittlerweile nehme ich sie mit Humor und hatte damit mal meine wohl witzigste Zugfahrt überhaupt – ein ganzer Wagen lachte mit. 

Spinnenphobien, Höhenangst und Panik in engen Räumen kann man in den Griff kriegen, heisst es. Wie ist es mit anderen Ängsten? Solchen, die noch mehr psychischer Natur sind? Die Angst, unheilbar krank zu sein oder werden? Die Angst, den geliebten Menschen zu verlieren? Die Angst, die Stelle zu verlieren, nicht über die Runden zu kommen, ausgelacht zu werden, weil man ist, wie man ist oder tut, was man tut? Diese Angst kann auch vor den befürchteten Gefahren schützen, aber meist schützt sie auch vor ganz vielen schönen Momenten, die man nicht geniesst, weil man bereits die Angst im Hinterkopf hat und die Gedanken, womit dieses Glück zerstört werden könnte. 

Da sitzt man dann und denkt sich aus, was alles passieren könnte. Man sieht die Gefahren förmlich vor sich und kann kaum umhin, etwas anzuzweifeln, das in so vielen Farben und detailgetreu ausgemalt ist. Und klar, die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, besteht immer. Schlussendlich ist das Leben immer ein Risiko. Schon mein 10jähriger Sohn hat kürzlich die Weisheit „erfunden“: Man hat im Leben auf nichts eine Garantie, nicht mal auf das Leben selber.“

Die Frage ist, ob wir uns wirklich mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen die momentan erlebte Wahrheit kaputt machen wollen, nur weil wir uns von unseren Ängsten leiten lassen. Klar haben sie eine Berechtigung, man will nicht blind ins Unglück rennen. Oft suchen wir die Unglück bringenden Details aber förmlich, statt darauf zu vertrauen, dass es auch gut kommen könnte. Und ab und an führen wir das Unglück fast herbei, indem wir es heraufbeschwören. Da vieles davon unbewusst abläuft in dem Moment, in dem es passiert, ist es wohl schwierig, sofort umzuschwenken und anders zu funktionieren. Veränderungen des Verhaltens passieren langsam. Sie basieren auf einem Lernprozess des Hirnes, welcher sich wiederum aus Lernprozessen durch Ereignisse und Umfeld speist. 

Schlussendlich hilft es wohl, genau hinzusehen, was wirklich ist, sich die positiven Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen, statt immer nur der negativen wegen zu hadern. Und je positiver die Sicht, desto positiver fällt auch die Bewertung der Dinge aus. Nicht blind soll es geschehen, nicht naiv, aber realistisch und der Situation angepasst, nicht durch negative Bildmalerei geprägt. 

 

Elke Schmitter: Frau Sartoris

Wir brauchten keine Beschäftigung, und ich weiss nicht mehr, wie die Zeit verging; ich erinnere mich an das Glück, aber ich weiss nicht mehr, wie es aussah.

Das Geschichte von Margarethe Sartoris ist die Geschichte einer einfachen Frau. Von der grossen Liebe enttäuscht begibt sie sich in eine bequeme Ehe, die im Grunde gut ist, innerlich aber nicht bewegt. Das Leben plätschert dahin, ein Kind wird geboren, kein geliebtes, aber für die Liebe ist die im Haus wohnende Schwiegermutter zuständig. Sie ist es überhaupt, die das Herz der Familie zu sein scheint.

Die Begenung mit Michael erweckt Margarethes eigenes Herz wieder zum Leben. Sie ist bereit, für diesen Mann alles hinter sich zu lassen, ein neues Leben zu beginnen. Dafür setzt sie alles auf eine Karte.

 […] ich wollte mich ihm so unentbehrlich machen, wie er längst für mich war.

Das Schicksal meint es wieder nicht gut, sie wird versetzt.

Ein gefühlvolles Buch ohne moralischen Zeigefinger, ohne Verurteilung. Die Geschichte einer Frau, die den Zugang zu ihren Gefühlen verloren hat und als sie ihn wieder findet, innerlich ganz stirbt. Erst die Wut und die Angst dringen wieder in ihre Gefühlswelt hinein und bringen sie zu einer Tat, welche sie selber wohl nicht für möglich gehalten hätte.

Elke Schnitter wechselt in teilweise sehr schnellem Tempo zwischen verschiedenen Zeiten und Handlungssträngen hin und her. Ab und an muss man zurück lesen, um zu merken, wo man sich gerade befindet. Durch den Wechsel von einer Geschichte zur nächsten bleiben immer wieder Fragen offen, die einen Spannungsbogen bilden, welcher das Buch überzieht. Man mag es kaum aus der Hand legen, möchte die Geheimnisse lüften, wird dabei auch mal überrascht.

Fazit:

Sprachlich schlicht und klar, inhaltlich tief und doch nicht abgründig, erzähltechnisch schön komponiert. Die Geschichte eines Lebens mit all seinen Schwierigkeiten und Entscheidungen. Prädikat absolut lesenswert.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 159 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (November 2012)

Preis: EUR: 8.90 ; CHF 14.90

Elke Schmitter: Frau Sartoris, Deutscher Taschenbuchverlag, München 2012.

 

Zu kaufen bei: Bild und Bild

100 Jahre Jean Améry: Schreiben um zu überleben

Am 31. Oktober 1912 in Wien geboren, emigrierte Jean Améry 1938 nach Belgien. Es war keine Flucht in die Freiheit, er wurde als feindlicher Ausländer verhaftet und in ein Lager gesteckt. Nach einer Flucht aus demselben ging er in den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Folge war seine Verhaftung und das nächste Lager, in dem er gefoltert wurde.

Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen folgten. Wie soll man nach all dem weiterleben? Diese Frage stellte sich Jean Améry immer wieder. Sie prägte sein Werk, welches sich massgeblich mit der schwarzen Zeit hinter ihm und den Folgen für die kommende Zeit beschäftigte. Jean Améry litt zeitlebens unter seiner Vergangenheit. Zusätzlich schien er darunter zu leiden, dass keiner derer, die ihm solches Unecht angetan hatten, sich zu einer Entschuldigung bewegen konnte.

In vielen Essays brachte er das historische Unrecht zu Papier, moralisierte und theoretisierte und hatte damit grossen Erfolg. Daneben verfasste er das, was er seine Romanessays nannte – literarische Versuche, mit denen er auf harsche Ablehnung stiess, was ihn sehr schmerzte.

Imre Kertesz schrieb mit Blick auf Jean Améry:

Er überlebte Auschwitz; und wenn er sein Überleben überleben wollte, wenn er es mit Sinn, oder sagen wir besser: mit Inhalt versehen wollte, dann konnte und musste er als Schriftsteller die einzige Chance notgedrungen in der Selbstdokumentierung […] sehen.

Jean Améry wurde nicht müde, zu schreiben. Er schrieb gegen die eigene Verzweiflung an, schrieb gegen die gefühlte Ohnmacht an. Er kämpfte mit den Worten, welche nie dem entsprachen, was wirklich passierte. Elie Wiesel formulierte diese Problematik folgendermassen:

 Wie beschreibt man das Unsagbare? Wie stellt man es an, mit Anstand den Sturz der Menschen und den Untergang der Götter wieder aufleben zu lassen? Und dann, wie kann man sicher sein, dass die Worte, sobald sie zu Papier gebracht sind, nicht die Botschaft, deren Träger sie sind, verraten, entstellen?

Adorno verdeutlichte diesen Punkt noch weiter:

Die sogenannte künstlerische Gestaltung des nackten körperlichen Schmerzes der mit Gewehrkolben Niedergeknüppelten enthält, sei’s noch so entfernt, das Potential, Genuss herauszupressen. […] Durchs ästhetische Stilisationsprinzip […] erscheint das unausdenkliche Schicksal doch, als hätte es irgend Sinn gehabt; es wird verklärt, etwas von dem Grauen weggenommen; damit allein schon widerfährt den Opfern Unrecht.

Jean Améry lebte ein Leben als Opfer und wurde diesen Opferstatus nicht mehr los. Die einzige Möglichkeit des Überlebens war das Schreiben und beim Schreiben wurde er sich der eigenen Opferrolle immer wieder von Neuem bewusst.

Heute würde Jean Améry 100 Jahre alt. Er würde auf ein Leben voller Tragik, auf ein gefangenes Leben zurück schauen. Als er merkte, dass er nie mehr frei sein, die Vergangenheit sich immer in Ketten um ihn legen würde, befreite er sich selber mit einer Überdosis Schlaftabletten.

„Wer abspringt, ist nicht unbedingt dem Wahnsinn verfallen, ist nicht einmal unter allen Umständen ‚gestört‘ oder ‚verstört‘. Der Hang zum Freitod ist keine Krankheit, von der man geheilt werden muss wie von den Masern… Der Freitod ist ein Privileg des Humanen.“

Zu sich stehen

Austausch zwischen Frauen:

„Heute treffe ich Klaus.“

„Klaus ist nett, der gefiel mir immer.“

„Stört es dich, wenn ich Klaus treffe?“

(Und wie es mich stört, ich mag das nicht.) „Nein, kein Problem, mach nur, ist ja nicht mein Besitz!“

„Ich kann es wirklich lassen, er und das Treffen bedeuten mir nichts.“

„Nein, geh nur.“ (Du kannst doch selber merken, dass du das Treffen absagen solltest, muss ich drum betteln?)

 

Szenen einer Ehe:

„Ich gehe heute noch weg, ist das ok?“

(Eigentlich wäre ich froh, heute nicht alleine zu sein) „Ja, geh nur. Ich hätte zwar noch etwas besprechen wollen, das reicht aber morgen.“

„Bist du sicher? Ich kann auch hier bleiben.“

„Nein, geh nur, ist schon ok.“ (Du kannst doch selber merken, dass du bleiben sollst, muss ich betteln?)

„Ok, dann gehe ich, wir besprechen es morgen.“

 

Und während der eine tut, was er ankündigte und was ihm so geraten wurde, zürnt der andere, dass er es tut und nicht merkte, dass die Worte nicht ehrlich, der Wunsch ein anderer war. Hatte er zu wenig Feingefühl? Wusste er insgeheim, dass er nicht sollte, überhörte das aber und machte einfach, was er vorhatte? Log er sich vor, dass es ja ok sei, man die Erlaubnis eingeholt und verbal gekriegt hatte. 

Die Folge solcher Szenen sind meist verletzte Gefühle gefolgt von Vorwürfen gefolgt von Streit, im schlimmsten Fall Zerwürfnissen. Die Schuld wird dem zugeschoben, der getan hat, was nicht gewollt war. Weil er es tat. Weil er die eigenen Wünsche nicht erfüllte, von denen er gar nichts gewusst hatte. Die er vielleicht geahnt hatte, aber dann dachte, den Worten trauen zu können. Vielleicht ahnte er sogar, dass er denen nicht trauen konnte, dachte aber, dass es nicht so schlimm sei, er ja nichts böses tue. Doch die Falle schnappt zu. 

Wieso fällt es einem ab und an so schwer, zu den eigenen Wünschen zu stehen? Wohl, weil man sich keine Blösse geben will. Man möchte nicht bitten, nicht betteln. Man möchte stark erscheinen, über der Sache stehend. Was man im Vorfeld in Worten gut hinkriegt, im Nachhinein aber in Taten zurücknimmt. Und damit noch viel mehr die eigene Verletzlichkeit demonstriert. Doch das kümmert nicht. Man ist in Wut, in Rage, fühlt sich im Recht, sieht den anderen als Schuldigen für das eigene Leid, das eigentlich durch das Verneinen der eigenen Wünsche zustande kam. 

Eigentlich weiss man schon beim Verneinen der eigenen Wünsche, dass dieses Spiel nicht gut enden kann. Man kennt den Lauf der Dinge irgendwann. Und doch haut man immer wieder in dieselbe Kerbe. Kommt aus diesem Muster nicht raus, das aus verschiedenen Komponenten besteht:

  • Sich keine Blösse geben, über den Dingen stehen
  • Sich unterzuordnen und zu denken, die eigenen Wünsche wiegen weniger als die des anderen
  • Dem Denken, dass man eigentlich nicht richtig handelt, etwas zu verbieten
  • Selbstzweifeln generell
  • Ängsten
  • Frust
  • etc.

Der erste Schritt aus dem raus ist wohl, das Muster zu erkennen, hinzuschauen, was abläuft und zu sehen, was dabei heraus kommt. Sieger gibt es auf diesem Weg keine, verlieren tun am Schluss alle. Jeder auf seine Weise. Der zweite Schritt wäre wohl, sich selber ernst zu nehmen und sich zu trauen. Sich zu trauen zu seinen Wünschen zu stehen, zu seinen eigenen Bedürfnissen zu stehen und zu sehen, dass diese gleich viel wiegen wie die des Anderen. Dass man sie ausspricht heisst nicht, dass der andere danach genau danach handelt, aber er weiss, woran er ist, wirklich ist. Und kann das in seine Entscheidung miteinbeziehen. Selbst wenn er dagegen handelt, fühlt man sich besser, weil man sich selber ernst genommen hat, für sich selber einstand. Man machte die eigenen Wünsche nicht klein, versteckte sie nicht, sondern stand hin und sagte:

„Das bin ich, das will ich.“

Kajsa Ingemarsson: Der Himmel so fern

Dann schloss sie die Augen und atmete tief durch die Nase ein. Noch eine Sekunde, dann liessen ihre Finger das Geländer los. Die Füsse tasteten langsam ins Leere. Eine kräftige Böe, sie verlor die Balance, ihre Zehen versuchten noch Halt zu finden und dann… der Fall.

Wann hatte alles begonnen? Als Rebecka Mikael kennen lernte und merkte, dass sie alles tun müsste, ihn zu halten? Als sie beschloss, ihn immer in Unsicherheit zu lassen bezüglich ihrer Gefühle, um ihn damit noch mehr an sich zu binden? Wann hatte sich das Spiel verselbständigt? Wieso funktionierte es nicht mehr irgendwann? Die Kluft zwischen ihnen wurde grösser, beide litten.

Sie war diejenige, die bestimmte, wie es zwischen uns lief. Am Ende war es wie ein Gefängnis.

Das Spiel beenden ging nicht, das Leiden aber musste aufhören. Und dafür gab es nur eine Lösung: Den Sprung, Mikaels Befreiung, das eigene Opfer.

Egoistisch? Ich habe mein Leben geopfert, um meine Ehe zu retten.

Rebecka stürzt sich eines Nachts von einer Klippe in den Tod. Zurück bleibt ein verzweifelter und tieftrauriger Ehemann, der mangels Erklärung nicht mehr weiss, wo er steht. Die Frage, ob er seine Frau überhaupt je gekannt hat, wird gross und grösser. Nie hat sie über sich gesprochen, die Verbindungen zu ihrer Familie, ihrer Herkunft hat sie abgebrochen.

Fragen liess sie nie zu, sie inszenierte die Gegenwart so, wie es für sie, wie es in ihr Spiel passte. So erstickte sie langsam die grosse Liebe, welche sie eigentlich bewahren wollte. Die Mittel dazu entsprangen einer Verlustangst, den Mustern, die sie sich in der Kindheit angeeignet hatte, als ihr Vater die ganze Familie verliess. Nie sollte sie so enden wie ihre Mutter, nie schwach sein, nie verlassen werden. Doch das wusste keiner, das hielt sie in sich gefangen und nahm es in den Tod.

Ich hoffe auch sehr, dass Rebecka das gefunden hat, was sie suchte. Und wenn nicht, dann tut sie es hoffentlich noch. Sie war nie zufrieden, solange die Dinge nicht genau so waren, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Nach und nach kehrt Mikael ins Leben zurück, die Trauer weicht, ab und an kommt Wut auf. Die Auseinandersetzung mit dem Menschen Rebecka, der ein so grosses Geheimnis gewesen ist, lässt ihn langsam zur Ruhe kommen. Rebecka begleitet diesen Weg aus dem Totenreich, begleitet von einem Engel. Sie möchte für ihn da sein, nun nach ihrem Tod die Liebe leben, die den Tod überdauert, ewig ist. Auch sie hat einiges zu lernen.

Die Geschichte verbindet Abschnitte mit Rebeckas Kindheit, die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Mikael, die Welt im Jenseits mit allem, was einen da erwartet und Mikaels Weg zurück ins Leben. Unvermittelt findet man sich jeweils in eine andere Zeit, in eine andere Perspektive geworfen, muss sich neu zurechtfinden und lernt dazu. Langsam ergibt sich aus vielen kleinen Mosaiksteinchen ein ganzes Bild.

Trotz dieser vielen Perspektivenwechsel wirkt das Buch als Einheit, erzählt es die Geschichte eines Lebens, vieler Leben, die miteinander verknüpft waren, immer noch sind. Es stellt Fragen, lässt sie teilweise offen, veranschaulicht sie ab und an im Fortgang der Geschichte. Es zeigt auf, wie Muster das Verhalten prägen und zum Gefängnis werden können, aus dem auszubrechen kaum möglich scheint. Man sieht von aussen den Ausgang, möchte ihn den Handelnden zurufen, lebt mit, leidet mit und sieht dann die Dinge ihren Lauf gehen – der auch gut ist, weil er den eigenen Gesetzmässigkeiten folgt. So wie es das Leben wohl tut.

Fazit:

Das Buch packt von der ersten Seite an und lässt einen nicht mehr los. Das war Lesevergnügen pur, welches aber auch tief ging, zum Nachdenken anregte. Absolut empfehlenswert.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 438 Seiten

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (25. Oktober 2012)

Übersetzung: Stefanie Werner

Preis: EUR: 12.00 ; CHF 19.90

Kajsa Ingemarsson: Der Himmel so fern, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2012.

 

 

 

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Das ganz normale Leben

Es gibt  Tage, da fehlen einem irgendwie die Worte. Man erlebt und erfährt Dinge, die man nicht für möglich hielt, muss sie irgendwie im Hirn sortieren, ohne dass wirklich Ordnung resultiert. Man fühlt die ganze Bandbreite der Gefühle, die je fühlbarer sie werden, desto unbenennbarer scheinen.

Mein Weg, mit solchen Dingen umzugehen, ist, darüber zu schreiben. Irgendwann, wenn alles zur Ruhe gekommen ist, der Tag still wird, beginnt meine Zeit der Verarbeitung. Und so sitze ich nun hier. Es ist Nacht, alles schläft, die Eindrücke eines Konzerts wirken noch nach und langsam kommen all die Fragezeichen des Tages wieder hoch.

Mehrmals am Tag hätte ich gerne rausgeschrien. Mein Unverständnis, meine Hilflosigkeit, meine Trauer, meine Wut. Und nun, da alles in die Tasten soll, ist es nicht schreibbar. Nicht, weil es keine Worte gäbe. Aber es betrifft nicht nur mich. Es sind andere Menschen involviert. Kann ich einfach Dinge breittreten, die andere Menschen betreffen? Verletze ich damit nicht ihre Grenzen, ihre Gefühle? Klar würde sie niemand erkennen, der sie nicht kennt oder mich nicht kennt. Wenn mich jemand kennt, gut kennt, könnte er es herausfinden. Und wenn derjenige, der gemeint ist, es liest, wird er sich wiedererkennen. Und es könnte ihm nicht recht sein. Trotz der eigentlichen Anonymität. Irgendwie fühlt es sich falsch an, diese Grenze so bewusst zu überschreiten.

Zurück bleiben die Fragen. Die drehen in meinem Kopf und kommen nicht raus. Ich könnte alles in ein geheimes Tagebuch schreiben, dieses im Safe verschliessen und gut ist. Nur hilft das nicht. Irgendwie. Ich habe mittlerweile ganze Seiten gefüllt, wieder gelöscht. Über selbstgerechte Männer, die Frauen betrügen, über Frauen, die sich an verheiratete Männer heranmachen, deren Familien den Familienvater ausspannen und ihn dann drangsalieren – und damit dem Kind nochmals einen Schaden zufügen. Über Egoisten, die die Macht nutzen, die sie sehen, egal, wie unfair, unverhältnismässig und vermessen sie ist. Über den Menschen allgemein, wie er sich immer selber der Nächste ist, egal, was das für das Umfeld bedeutet.

Ich habe meinem Unmut darüber Luft gemacht, meine Wut in die Tasten gehauen. Und alles wieder gelöscht. Es scheint keine Worte zu geben, es scheint, als ob alles die öffentlich mögliche Sprache überschreitet. Doch im Innern brodelt es. Und es findet kein Ende. Findet keine Lösung, keine ER-Lösung.

Ab und an wünsche ich mich auf eine einsame Insel, auf der niemand ist. Auf der ich mit meinem Hund über die Wiesen laufen könnte, frei, unbeschwert, ohne all diesen Mist, der mein Hirn zermartert. Udo Jürgen singt in einem Lied, dass die Seele voller Narben sind, man Angst hätte, sie brechen auf und sich drum nicht auf das Leben, die Menschen, Beziehungen einlassen möchte. Wie recht er hat.

„Beziehungen sind schwierig.“ Das schrieb mir heute ein Mensch, der mir mal nahe war. Er liess mich damals durch die Hölle gehen. Im Moment scheint er da zu sein. Wieso kann ich mich nicht freuen, denken „geschieht ihm recht“? Er tut mir leid. Von Herzen. Und er hat recht. Sie sind verdammt schwierig. Weil sie in einem Spannungsfeld von Wünschen, Hoffnungen, Gefühlen, Erwartungen und Überforderungen stehen. Schaut man die Sache wissenschaftlich an, weiss man, dass komplexe Systeme mit mehr als zwei Komponenten unvorhersehbar sind. Wie also soll man wissen, wie Beziehungen herauskommen, wenn so viele Punkte drin stecken? Wie kann man sich auf ein solches Risikospiel einlassen?

Weil man wohl ohne nicht leben kann. Nur sollte man sich dann vielleicht einmal darum bemühen, realistische Erwartungen daran zu setzen. Nicht ständig die rosa Wolke zu erwarten und gleich Gewitterwolken aufziehen lassen, wenn mal die Sonne fehlt. Nicht gleich den Bettel hinwerfen, wenn verlockendere Bagage an der Gepäckausgabe steht. Aber das scheint in einer Zeit, in der nichts unmöglich und die Welt so, wie man sie sich denkt, werden kann, überholt.. Komisch nur, dass immer mehr Menschen krank werden, zerbrechen gar. Vielleicht sollte man die Möglichkeiten halt doch mal endlich und das Leben nicht als Wunschkonzert, sondern als harte Realität sehen, in der es wunderbar tragend ist, eine Beziehung zu haben, die hält, nicht eine, die grad rosarot sexy in Dessous und mit drei freien Wünschen daherkommt.

Wieso ich heute gefrustet bin

Wieso? Ich habe keine Ahnung. Alles ist prima, mein Leben gut. So viele Menschen auf dieser Welt haben es viel schwerer als ich. Ich habe eigentlich alles, was ich mir wünschen kann. Eigentlich sogar mehr. Mir geht es gut. Ach so gut. 

Die Krux liegt wohl im „eigentlich“. Denn eigentlich ist nichts, wie es sollte nach eigenem Gutdünken, wenn man eigentlich schreibt. Das ist fast so schlimm wie grundsätzlich, denn sobald man sagt, dass etwas grundsätzlich ist, wie es ist, schreit das schon förmlich nach der Ausnahme und der Erklärung, wieso es gerade nun nicht so ist. Und beim eigentlich, da schreit es auch. Alles, was eigentlich gut ist, ist gerade nun nicht gut, weil eben… und dieser Grund.. der fehlt. Drum ist es ja eigentlich gut. Weil es grundlos nicht gut ist. 

Gut, vielleicht gibt es Gründe, doch die traut man sich kaum zu sagen, da sie eigentlich (schon wieder) harmlos sind, blöd sind, sinnlos sind. Sie widersprechen allem, was man als vertretbare Gründe zum Jammern anfügen könnte. Man hungert nicht, schläft warm und trocken, hat keinen Krieg, keine Krankheiten, keine wirklichen Probleme. Nur eben: Es ist nicht so, wie man es gerade gerne hätte. Und drum ist man gefrustet. Jemand tat, was er in den eigenen Augen nicht hätte tun sollen, jemand tat nicht, was man so gehofft hatte. 

Argumente gegen diesen Zustand gibt es viele. Sie reichen von „hab dich nicht so“ über „entspanne dich, morgen ist die Welt wieder in Ordnung“ bis hin zu „lerne, mit dem zufrieden zu sein, was ist“. Alles toll, alles wahr – hilft alles nichts. Es ist, wie es ist und es fühlt sich nicht gut an. Und wenn man schon in der Stimmung ist, dann regt man sich auch gleich über alles auf, was einem noch so über die Leber kriecht. Die doofe Nuss, die ihre Animositäten pflegt und Unsinn verbreitet, weil sie denkt, man hätte ihr was weggenommen, das sie in Wirklichkeit nie gehabt hat, der sture Kater, der nicht einsieht, dass der Tisch nicht sein Schlafplatz ist, der undichte Hund, der immer dann raus muss, wenn es Katzen hagelt und der Mann, der nie da ist, wenn man ihn mal braucht, dafür immer dann, wenn man seine Ruhe will. Und man selber, die man nie ist, wie man gerne wäre, weil man grade ist, wie man ist. Und das ist momentan: gefrustet. 

Biologie überbewertet?

Jede 2. Ehe wird geschieden. Dabei verlieren viele Kinder ihre Ursprungsfamilie. Neue Menschen dringen ein, wenn die Mutter sich neu bindet, der Vater zu neuen Ufern aufbricht. Was ist heute noch normal? Was ist eine Familie? Wie definiert man sie? Und wo bleibt das Kind in dem ganzen Schlamassel?

2 Minuten Spass, die Folgen sind frappant: eine Lebensaufgabe. Solch weitreichenden Konsequenzen sind kaum je zu erwarten, nur bei einem – der schönsten Nebensache der Welt. Kurz die Zweisamkeit genossen, kann daraus etwas entstehen, das alles Gedachte übersteigt. Neues Leben entsteht. Und damit fangen die Probleme an.

Im besten Fall träumt man von Familie, Kindern, dem ganzen schönen Leben, wie es im Bilderbuch erscheint. Die Realität heute sieht anders aus. Dass es ungewollte Kinder gibt, lassen wir mal aussen vor, traurig genug. Aber auch die gewollten kommen nicht mehr immer in den Genuss einer heilen Familie, wie sie in Heimatfilmen vorkommt. Man hätte den Märchen glauben sollen, denn schon diese sind nicht eitel Sonnenschein, sondern strotzen von bösen Stiefmüttern, mörderischen Vätern und dergleichen mehr.

Wenn ich zurück denke, an meine Kindheit: Woran erinnere ich mich? An gemeinsame Zeit, an Dasein, an das Taschentuch, das Tränen trocknete, die Hand, die Hustensirup reichte. Ich erinnere mich an gebaute Legostädte, an starke Schultern und kitzelnde Hände. Ich erinnere mich an Schokoladenkuchen zum Geburtstag und an gemeinsame Ausflüge. Ich erinnere mich an gemeinsame Zeit. Samen und Zellen? Blut? Davon wusste ich nichts. Ich hatte das Glück, Blutsverwandte als Eltern zu haben. War das relevant?

Es gibt Beispiele von Kindern, die bei Grosseltern aufwachsen. Es gibt Beispiele von Kindern, deren Eltern starben, die ihre Pflegeeltern lieben, wie eigene – ob es genau so ist, weiss man nie, jeder fühlt nur, was er fühlt. In den Anderen hineinschauen und –fühlen, um zu vergleichen, geht schlecht.

Meine These in dem Ganzen ist: Die gemeinsame Zeit, gemeinsame Erinnerungen, der sichere Hafen, der Halt in der Not – das sind die Dinge, die binden, die Familie ausmachen. Was kümmern da zwei Minuten Spass am Anfang, was kümmert Blut? Es ist die Herkunft, bringt vielleicht ein paar Veranlagungen mit sich (wie viele ist noch umstritten, die Wissenschaftler arbeiten dran). Doch lebendige Verbindungen sind anderswo zu suchen.  Sie entstehen da, wo ein Miteinander stattfindet. Wo Vertrauen aufgebaut wird. Wo ein Austausch ist. Das alltägliche Umfeld ist das, was prägt. Was das Zuhause ausmacht.

Familie wächst, sie ist nicht durch einen quasi Urknall geschaffen. Familie entsteht mit der Zeit und mit der Bereitschaft, sich einzulassen, sich einzusetzen. Man kann sich nicht durchschmuggeln. Man kann sich nicht einkaufen. Das funktioniert kurzfristig, aber nie auf Dauer. Am Schluss siegen Gefühle. Und die entstehen, wenn das Kind sich aufgehoben fühlt und sich ernstgenommen wähnt. Das hat jeder in der Hand, dazu braucht es keine Gesetze, die an alten Mustern festhalten wollen.

Nimmt man das und schaut auf die heutige Welt, ergeben sich neue Modelle: Kinder können viele Bezugspersonen haben.  Jeder kann sich seine Rolle selber zuschreiben. Und wenn man das im Kopf hat, niemand denkt, ein anderer nimmt einem was weg, sondern sieht, dass der dem Kind was gibt, dann wäre ein Miteinander möglich, das im Sinne des Kindes wäre. Und damit mittel- und langfristig im Sinne der Gesellschaft.

Der Mensch als Störfaktor im Idealismus

Wir träumen von einem Leben in Gerechtigkeit, einem Leben in einem Land, in welchem alle die gleichen Rechte haben, es allen so gut geht, dass sie ein menschenwürdiges Leben leben können, ein Leben, welches durch Rechte gesichert und geschützt ist. Wir wünschen uns ein Miteinander in Frieden und ohne Krieg. Und machen eigentlich ständig genau das Gegenteil von all dem. Woran liegt es?

Der Mensch stellt gerne ideale Konzepte auf, ohne zu berücksichtigen, dass sie an einem immer scheitern: Am Menschen selber.

Die Divergenzen zwischen Wunsch und Realität finden sich auf allen Stufen des Zusammenlebens. Die ideale Staatsform wird theoretisch immer wieder neu gesucht und gar gefunden. In der Praxis zeigen sich immer Schwächen, zeigt sich immer, dass jedes ideale Modell von einigen ausgenutzt werden kann und auch wird, was dann auf Kosten der anderen geschieht. Und einige fallen dabei durch die Masche in einen Zustand, der dem gewünschten nicht nur nicht ähnlich ist, sondern ihm entgegengesetzt ist.

Wo liegt der Ausweg? Zuerst müsste man die Variable Mensch in dem Spiel beachten und zur Kenntnis nehmen, dass der Mensch kein Übermensch ist, der nach moralischen Grundsätzen, frei von egoistischen Ansprüchen und ständig auf der Suche, Gutes zu tun, durchs Leben geht. Man müsste die menschlichen Abgründe mit in die Waagschale werfen und ihnen Rechnung tragen. Jedes Modell, das auf idealen Menschen fusst, wird zur Utopie verkommen.

Als Zweites müsste man sich wohl den realen Gegebenheiten stellen. Es bringt nichts, von Idealvorstellungen auszugehen, um neue Lebensmodelle zu verwirklichen, welche Ansprüchen genügen sollen. Was Sand gebaut wird, wird nie halten. Die heutige Realität ist weit davon entfernt, ein Idealzustand zu sein. Armut ist verbreitet, die Schere zwischen arm und reich tut sich immer mehr auf. Zwar hätte es genug Ressourcen für alle, niemand müsste hungern, doch sie sind so verteilt, dass einige immer noch mehr kriegen, andere immer ärmer werden.

Staaten sind über Jahrzehnte im Krieg, es gibt Länder, die über Jahre keinen Frieden mehr kennen oder aber nach einer langen Unterdrückung direkt in Unruhezustand übergingen. In anderen Ländern geht die ganze Wirtschaft kaputt, sie stehen kurz vor dem Bankrott. Krise klingt es von überall.

Auch im Kleinen drückt die Krise durch. Familien sind zum Auslaufmodell geworden, sie zerbrechen am laufenden Band. Der Kampf um das Danach wird gross. Wie soll man es regeln, was ist fair? Dabei geht man vom althergebrachten Modell aus und will möglichst wieder zusammenkleben per Gesetz, was der Mensch entzweite. Und alle sehen sich als Verlierer. Der Vater klagt, seine Kinder nicht mehr zu sehen, die Mutter klagt, keine Freiheit mehr zu haben, keine Stelle mehr zu kriegen, weil sie gebunden ist. Einer von beiden oder beide laufen in die Gefahr, zum Sozialfall zu werden. Die Kinder? Stehen mittendrin und leiden. Je grösser der Streit, desto grösser das Leiden. Der Staat will eingreifen. Will gerecht sein. Will per Gesetz regeln, wie die beiden zerstrittenen oder im besten Fall nur getrennten Parteien miteinander umzugehen haben. Er vergisst dabei, dass kein Gesetz Frieden bringen kann, wenn Gefühle verletzt sind. Kommunikation lässt sich nicht per Gesetz erzwingen und jede neue Regelung birgt wieder neue Unrechtsmöglichkeiten.

Wo liegt die wirkliche Lösung?  Wohl in einem kompletten Umdenken. Die Richtung wird noch zu finden sein, was offensichtlich scheint: Wir sind noch weit davon entfernt und bewegen uns eher davon weg als darauf zu.

Pure Illusion?

Seit heute weiss ich es: Ich habe keinen freien Willen, den gibt es gar nicht, das ist eine blosse Illusion, die aber insofern hilfreich ist, als sie mir beim Überleben hilft, da alles nur Evolution und dieser geschuldet ist. Ich selber bin sogar eine Illusion, eine Funktion meines Gehirns. Sagt Franz M. Wuketits in seinem Buch „Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion. Wie ich ein Gehirn sein kann, wenn ich nur Illusion bin, wessen Gehirn das dann ist, steht freilich nirgends. Es liegt also nahe, dass nur das Ich in einem bestimmten Verständnis Illusion sein kann. Ich bin – offensichtlich. Und ich musste nun schreiben. Dass mein Pult dunkel ist, mein Computer silbrig, war keine freie Wahl, ich MUSSTE die förmlich nehmen. Weil meine Erfahrungen, Gene, mein Umfeld, die Evolution mich so vorgespurt hat.

Biologisch sei das erwiesen. Ist es das? Bestimmt die Biologie, ob ich ein rotes oder grünes Kleid trage, auf einem weissen oder schwarzen Sofa sitze? Die Biologie ist – soviel ich weiss – bis heute nicht sicher, ob unser Charakter vererbt oder erlernt ist. Die Standardantwort ist: Beides – zu Teilen. Zwar können wir auch nach Wuketits lernen, allerdings nur aus dem, was passiert ist, nicht aus freien Stücken. Wo bliebe Moral, wo das Recht? Haben wir eine Möglichkeit, uns moralisch zu verhalten? Wir wären nie mehr an etwas Schuld. Schuld sei nur ein Begriff, um Dinge zuzuordnen und damit für uns zu erklären. Verantwortung wäre noch schwieriger, wie soll man für etwas verantwortlich sein, das man nicht aus freien Stücken tat und genauso hätte unterlassen können?

Was ist mit all den Verbrechen der Vergangenheit? Müssen wir Geschichtsbücher neu schreiben? War Hitler nur ein willenlos biologischer Zellhaufen, der nicht anders konnte? Quasi eine Naturgewalt wie eine Flut, ein Erdbeben? Alle seiner Anhänger waren gezwungen, von ihren Veranlagungen und Neigungen, denen sie nichts entgegen halten konnten? Eine erschreckende Sicht.

Nun habe ich Hunger. Ich könnte nun essen oder auch nicht. Die Entscheidung dafür oder dagegen – ist sie frei? Klar gibt es Argumente dafür und dagegen (mehr dafür als dagegen). Es wäre also vernünftiger, zu essen. Irgendwann werde ich müssen, sonst sterbe ich. Also ist ein Zwang da. Wie steht es mit der Entscheidung, was ich esse? Das Angebot meiner Speisekammer ist vielfältig. Auch da gibt es sicher Kriterien, die helfen zu entscheiden. Ganz frei ist die Entscheidung nicht. Äusserer Rahmen ist, was ich mal eingekauft habe. Die Gelüste und meine Vorlieben spielen sicher auch mit. Schlussendlich wird es etwas werden. Wie frei war die Wahl?

Absolute Freiheit ist eine Utopie, es ist immer etwas da, was prägt, was leitet, Grenzen setzt. Sollte aber wirklich alles meiner eigenen Wahl entzogen sein, ich nur eine Marionette von verschieden gearteten Zwängen? Wuketits versucht zu trösten, dass uns das im alltäglichen Leben nicht betrifft, wir die Illusion des freien Willens hätten und behalten könnten und dadurch frisch fröhlich frei weiter leben könnten wie bisher. Die Illusion helfe, weiter motiviert durchs Leben zu gehen. Also doch alles mehr Schein als Sein und das ist sogar evolutionär gewollt?

Arthur Honegger: Die Fertigmacher

Bernies einziger Fehler ist es, als Kind einer unverheirateten Mutter geboren zu werden. Damit nimmt das Schicksal seinen Lauf, eine Odyssee des Schreckens beginnt. Mit einem Jahr kommt er, einem Vormund unterstellt, in eine Pflegefamilie. Dass ihn der Pflegvater mag und für ihn einsteht, nützt ihm wenig, der Vormund hat ihn von vornherein als künftigen Zuchthäusler abgeschrieben und tut alles, diese Prophezeiung zu erfüllen. Mit 14 kommt Bernie zur Abklärung in ein Heim. Das Resultat zeigt einen intelligenten normalen Jungen, der wieder heim darf. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, beschliesst der Vormund trotzdem, ihn nicht bei den Pflegeltern zu lassen, stattdessen kommt Bernie in ein Heim für schwererziehbare Kinder.

Schien das Leben bislang schon schwer genug, so lernt Bernie, dass es noch schlimmer geht. Prügelstrafen, Drohungen, Unterdrückung, Willkür – ein Leben ohne Rechte, ständig den Launen der Heimleiter und Lehrer ausgeliefert

Wie ich das alles hasste, diese ganze Bande Verrückter, zu der ich gehörte. Wie ich diesen Fritschi hasste, die Gehilfinnen, die Stallmeister und die Lehrer. Ich weinte beinahe vor Hass und Zorn, und dass ich für immer bei solchen Menschen leben musste.

Bernie merkt bald, dass sein Schicksal wohl besiegelt ist, er keine Möglichkeit hat, Gerechtigkeit zu erreichen. Die einzige Chance ist, möglich angepasst und unauffällig die Anweisungen zu befolgen. Nicht mal dann hat man die Gewähr, dass alles gut geht.

„Du hast keine Chance, nicht wahr?“

„Ich verstehe dich nicht“, sagte ich.

„Du kommst nie mehr aus diesem Heim heraus?“

„Nein, ich muss dableiben, ich habe keine andere Wahl.“

Bernie hat keine Wahl, er bleibt aber trotzdem nicht in diesem Heim. Die nächste Station ist ein Bauernhof, wo er als Verdingbub unter grausamen Verhältnissen ein Jahr überstehen muss, danach geht die Reise weiter in eine Arbeitserziehungsanstalt – eine weitere Steigerung an Schrecken, der fast in den Tod führt.

Arthur Honeggers Roman trägt autobiographische Züge. Beim Lesen entsteht ein Kloss im Hals. Man fühlt sich hilflos solcher Ungerechtigkeit gegenüber, man schämt sich, dass solche Dinge möglich sind. Man ärgert sich, dass man nichts tun kann und niemand damals etwas tat. Das Buch wirft Fragen auf: Wie können Menschen so sein? Was bringt es Menschen, andere so zu behandeln, Kinder von vornherein abzuschreiben und ihnen Gewalt anzutun? Wie können alle andern wegschauen, nichts tun? Was ist ein Mensch? Wozu ist er fähig?

Der Roman Arthur Honeggers schildert mit einer klaren Sprache und sachlich die Geschichte eines Jungen, der durch seine Geburt stigmatisiert und der Willkür derer ausgeliefert war, welche die Macht hatten, über ihn zu entscheiden.

Es ist ein Roman über eine dunkle Zeit der Schweizer Geschichte. Das Thema der Verdingkinder ist noch lange nicht aufgearbeitet, die Kinder von damals haben kaum je irgendeine Form von Genugtuung erfahren. Geschichten wie die von Bernie gab es viele. Bücher wie das von Arthur Honegger helfen hoffentlich, diese in Erinnerung zu rufen und endlich hinzuschauen und die Vergangenheit anzunehmen – mit allen moralischen Pflichten, die daraus resultierten.

Fazit:

Ein aufwühlendes Buch, das trotz seiner Sachlichkeit Emotionen weckt. Ein Buch, das darauf verzichtet, zu moralisieren, aus welchem aber die fehlende Moral laut schreit. Ein Buch, das gelesen werden sollte, weil die Geschichte nicht vergessen werden darf. Ein Buch, das gelesen werden sollte, weil es an sich lesenswert ist.

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 340 Seiten

Verlag: Verlag Huber

Preis: CHF 48.90

Arthur Honegger: Die Fertigmacher. Roman mit einer Dokumentation von Charles Linsmayer, Verlag Huber, Frauenfeld 2004.

 

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Fallen der Liebe

Wer hat es nicht schon erlebt im Leben? Er liebte, vertraute und wurde enttäuscht, wurde fallen gelassen. Lag dann da, sah zurück, fragte, was er übersehen hatte, fragte sich, ob er leichtfertig vertraut hat, hätte vorsichtiger sein müssen. Ist Vertrauen Leichtsinn? Müsste man immer auf der Hut sein? Liesse sich damit leben? Liesse sich damit lieben? Sich hingeben? Funktioniert Liebe ohne Hingabe? Funktioniert eine Liebesbeziehung, wenn man ständig lauert, auf der Hut ist? Was also tun? Wieder blind ins nächste Loch fallen? Die Dinge selber in den Sand fahren durch die eigenen Vorbehalte?

Was heisst es überhaupt, fallen gelassen zu werden? Man fühlt sich wohl fallen gelassen, wenn die Dinge nicht so laufen, wie man sie sich selber ausmalt. Man fühlt sich verstossen, schlecht behandelt, wenn jemand anders agiert, als man sich das wünscht. Das hat mit dessen Gefühlen oft wenig zu tun, zumindest nicht mit denen gegen einen. Es hat wohl mehr mit diesem Menschen und mit den eigenen Erwartungen an ihn zu tun. Doch wie bedingungslos liebe ich, wenn ich etwas vom anderen erwarte, mich benachteiligt fühle, wenn das nicht eintritt? Dann ist doch der andere streng genommen nur eine Marionette meines Wollens, bricht er aus, bin ich enttäuscht. Was hat er falsch gemacht? Sein Fehler war, in einer Weise zu handeln, die nicht meinem Wollen entsprach.

Verstösst er gegen Dinge, die vorgängig ausgemacht waren, ist man im Recht. Man hat sich verlassen, hat auf eine Abmachung gebaut, die wurde gebrochen. Wenn man aber nur auf die eigenen Ansprüche baut, ohne die je geklärt zu haben: Mit welchem Recht ist man enttäuscht? Mit welchem Recht verletzt? Man selber hat die eigenen Ansprüche zur Regel erhoben, sie unumstösslich hingestellt, ohne dass der andere davon wusste. Vielleicht wusste man das selber nicht, bis etwas passierte. Merkte es erst, als es passiert war. Wie hätte es der andere wissen können? Der handelte vielleicht nach bestem Wissen und Gewissen, wollte alles richtig machen, machte in den eigenen Augen alles falsch. Und man selber sitzt da wie ein verwundetes Reh und leidet. Wer hat Schuld?

Schuld ist wohl das, was am meisten Zündstoff beinhaltet ohne dass es etwas löst. Was bringt es, zu wissen, wer nun falsch handelte, wer richtig? Die Gefühle sind da. Selbst wenn der andere alles richtig gemacht hat, leide ich. Selbst wenn er alles falsch machte, ohne es zu wollen, leide ich. Was ist Schuld? Ein Konstrukt, um früher christliche Ansprüche von Sühne und Absolution zu ermöglichen. Ein Konstrukt, um Strafe im rechtlichen Sinne zu rechtfertigen. Ein Konstrukt, das theoretisch praktisch ist, praktisch zu theoretisch ist.

Ich erwähnte die bedingungslose Liebe. Ich denke, Liebe ist nie bedingungslos. Kann sie nicht sein. Wäre sie es, würde sie zerstören. Man kann nicht unbeschadet lieben, egal, was der andere tut, lässt, einem antut. Das würde man nicht aushalten. Wichtig ist aber, sich der eigenen Bedingungen bewusst zu sein und sie auszusprechen. Was erwarte ich von meiner Liebe, von meinem Geliebten? Was brauche ich zum Leben, was möchte ich erfüllt haben. Weiss der andere das nicht, wie soll er anders leben, als ständig Enttäuschungen zu produzieren? Nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Unwissen, oft gar aus gutem Willen, alles richtig zu machen.

Und ab und an weiss man selber nicht, was man sich wünscht. Und merkt erst durch das Handeln des anderen, dass man das, was passiert ist, gerade nicht wollte. Weil es Bedürfnisse verletzte, die einem elementar waren. Man leidet, zürnt. Möchte wegrennen, dem anderen vorher ins Gesicht schreien, was er einem angetan hat, traut sich nicht, schliesst sich ein, tief in sich. Verletzt. Verwundet – oft auch sich selber. Hört nicht mehr die Liebe, die Schwüre. Glaubt sie nicht. Wie kann der andere lieben, wenn er einem das antat. Und würde man hinschauen, merkte man: Er hat nichts gegen einen getan. Er hat nur nicht das getan, was man selber gebraucht, gewünscht hätte. Vielleicht wusste er es sogar, dass man es brauchte, aber vielleicht hatte er keine Wahl. War es seine Schuld? Was bringt mir wegrennen? Gewinne ich? Gewänne ich nicht mehr, schaute ich hin, sähe meinen Anteil, nähme ihn an und liebte weiter, liesse lieben?

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm. Dort drüben innerhalb der Grenzen seiner geistigen Verfassung, jenseits unserer auf Sachlichkeit und Zielstrebigkeit ausgelegten Gesellschaft, ist er noch immer ein beachtlicher Mensch, und wenn auch nach allgemeinen Massstäben nicht immer ganz vernünftig, so doch irgendwie brillant.

Der Anfang der Krankheit war unauffällig, drum wurde sie nicht erkannt und das Verhalten des Vaters nur als Eigenheit abgetan. Der Versuch, mit ihm „normal“ umzugehen, wurde zum Kraftakt, der alle an die Grenzen brachte. Die Diagnose Demenz war fast eine Erleichterung für die ganze Familie. Nun wusste man, womit man es zu tun hatte, man konnte aufhören, Dinge zu erwarten, die nicht mehr möglich waren. Man konnte lernen, mit dem Neuen umzugehen.

Arno Geiger beschreibt auf einfühlsame Weise den Weg seines Vaters durch die Demenz und was das für die ganze Familie bedeutete. Er zeichnet ein liebevolles Bild eines Vaters, der in einer anderen Welt lebt, von der bekannten vieles vergisst.

Der Umgang mit Kindern schärft den Blick für Fortschritte, der Umgang mit Demenzkranken den Blick für Verlust.

Lange Zeit ist die Pflege des Vaters zu Hause möglich, die ganze Familie und Pflegerinnen bemühen sich und organisieren sich. Der fortschreitende Abbau macht das immer schwerer, bis der Umzug in ein Heim unumgänglich ist. Oft wird ein solcher Weg mit dem Gefühl des Versagens verbunden. Man erachtet es als seine Pflicht, den geliebten Menschen zu Hause zu behalten. Der Schritt er weist sich für alle als Erleichterung. Die Familie kann aufatmen, sieht eine Last von den Schultern und kann sich nun befreiter dem kranken Menschen widmen, dieser fühlt sich durch die konstanten Abläufe im Heim aufgefangen und kommt zur Ruhe.

Mir gefällt es, dass die Menschen, die hier wohnen, aus der Leistungsgesellschaft befreit sind.

Das Buch springt zwischen den Zeiten hin und her, vermischt Erinnerungen aus der Kindheit Arno Geigers mit dem aktuellen Geschehen. Es ist nicht immer einfach, gleich zu wissen, in welcher Zeit man steckt, von wem die Rede ist. Vor allem am Anfang kommt es zu Wiederholungen, die für die Geschichte überflüssig scheinen, dann kommt die Geschichte in einen Fluss, der einen mitreisst.

Arno Geiger schafft es, sachlich und doch einfühlsam den Umgang mit Demenz zu beschreiben. Er zeigt Möglichkeiten auf, mit dieser Krankheit umzugehen, so dass alle ihre Würde behalten. Er zeigt auch die schönen Momente, die inmitten der Krankheit entstehen und zeichnet so ein umfassendes und liebevolles Bild.

Fazit:

Ein stilles und einfühlsames Buch. Ein Buch, das einen auf die Reise mitnimmt und die Liebe Arno Geigers zu seinem Vater zeigt. Ein Buch auch, das den Zugang zu einem Demenzkranken aufzeigt und für Verständnis wirbt. Absolut lesenswert.
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Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 189 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. November 2012)

Preis: EUR: 9.90 ; CHF 15.90

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012.

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Frei – unfrei

Es gibt Studien zum Verhalten von Kleinkindern und deren Bindung zu den Eltern. In einer Art Jojo-Effekt bewegen sie sich von den Eltern weg, um wieder zu ihnen hin zu laufen, danach etwas weiter weg zu gehen, wieder hinzulaufen. So werden die Abstände immer weiter, im Wissen, wieder zurückkommen zu können. Ich denke, dieses Wissen um den Halt in der Mitte lässt das Erkunden des Aussen, der Weite, der Welt möglich werden. Die Weite ist unsicher, haltlos, sie braucht einiges an Anstrengung. Das Zurückkommen ist die Erlösung der Anspannung, die Erleichterung. Das Kind kann wieder auftanken, Mut schöpfen, Geborgenheit tanken und damit die eigenen Batterien auffüllen. Es fühlt wieder den Schutz, die Liebe, die Sicherheit. Es lotet so aus, wie weit es gehen kann, ohne das Gefühl zu verlieren. Es lotet aus, wie weit es geht, bis es an Grenzen stösst. Grenzen des eigenen Vertrauens, des eigenen Mutes und an die Grenzen des Dürfens, des Erlaubten.

Der Mensch wird diesen Mechanismus wohl nie ganz los. Immer strebt er nach aussen, sucht das Weite, sucht die Freiheit. Er will Ketten sprengen, eigene Wege gehen, ungehindert, ganz nach seinen eigenen Wünschen, dem eigenen freien Willen (wie er denkt) folgend. Dieser Wunsch ist umso grösser, je stärker die Fesseln drücken, die der Alltag schnürt. Je mehr man sich unter Zwang fühlt, desto mehr sehnt man sich nach Freiheit. Möchte mal ausbrechen, einfach frei sein, tun und lassen können, was man will. Nicht um 6 aufstehen, nicht um 8 bei der Arbeit sitzen, nicht um 12 Mittagessen kochen, um um 2 wieder zu arbeiten. Man möchte frei weg gehen, ohne alles drum rum zu organisieren, möchte einfach mal in den Zug steigen und nach Irgendwo fahren, ohne zu denken, dass die Zeit nicht reicht, die Blumen verdursten, der Mann verhungert und das Konto überzogen wäre. Man möchte im Schlafanzug aufs Sofa liegen und ein Buch in einem Zug durchlesen, ohne dass irgendwer was von einem möchte. Und man möchte vor allem niemandem Rechenschaft ablegen müssen, wieso man das tut, was das bringt, wo der Sinn liegt in all dem.

Doch stellen wir uns das vor: Pflichten weg, Mann weg, Kind weg – kein Zwang, kein Muss, nur Sein. Was ist dann noch? Ok, ich schlafe bis 8, stehe auf, lese. Es ist ruhig. Sehr ruhig. Ich könnte in den Zug steigen. Wohin sollte ich? Eigentlich ist es gut hier. Also bleibe ich. Lese weiter. Ich geniesse es, keine Frage. Um 12 müsste ich eigentlich kochen. Wozu? Ist ja keiner da. Ich denke an die gemeinsamen Mittagessen. An die schönen braunen Augen des Kindes. An sein Lachen. Ich habe gar keinen Hunger, ich kann ja lesen. Endlich mal. Lese weiter, geniesse es. Kein „Mama, wo ist…..?“, kein „Mamaaaaa, darf ich……?“ und kein „Mamaaaaa, kannst du…..?“. Einfach ich. Ganz frei.

Und doch fehlt was. Es fehlt das Gewohnte. Das, was Halt gibt. Das, was da ist, worauf man bauen kann. Ohne diesen Halt wird das Leben haltlos, uferlos, es ufert aus. Wieso suchen so viele Menschen Zuflucht in Religionen, Sekten, Institutionen? Weil sie genau da ihren Halt finden, die Geländer für ihr Leben, die Grenzen, innert derer sie sich bewegen können. Mein Halt im Leben war lange Zeit mein Studium. Alles brach, alles ging drunter und drüber – das Studium war immer da. Der Abschluss war keine Freude. Mir fehlte mein Sinn. Mein Halt. Was ich vorher immer mied, Druck, Zwang, von aussen auferlegte Aufgaben, das war weg. Ich hatte Glück, ich konnte weiter forschen.

Daneben war mein Kind. Eine sichere Konstante. Sie beide schrieben meinen Rollen: Philosophin und Mutter. Einerseits Last – aber ohne wäre ich wohl untergegangen, sie waren auch identitätsstiftend. Wenn ich das so denke, merke ich, dass ich wohl eher sonderbar bin. Ab und an wünschte ich, die Dinge gar nicht zu hinterfragen, das Leben wäre wohl einfacher. Wen kümmert schon Identität, man ist, wer man ist. Was gibt es da zu denken? Muttersein ist biologische Tatsache, wieso muss man das philosophisch hinterfragen? Nun gut, ich bin, wie ich bin, ich werde aus dem Hinterfragen kaum ausbrechen.

Was also ist der richtige Weg? Freiheit wird oft als höchstes Gut gewertet und doch scheint sie der Mensch nicht auszuhalten. Er sucht nach Halt, er sucht nach Schutz und Sicherheit. Nimmt man einem Menschen jeglichen Halt, fühlt er sich haltlos und damit hilflos. Zwänge und Einschränkungen scheinen zwar auf der einen Seite einzuengen, auf der anderen Seite geben sie eine Orientierung. Etwas, woran man sich halten kann.

Der Mensch sucht förmlich danach. Er sucht nach dem Partner, der diesen Halt versprechen kann, er sucht nach dem Status, der ihm diesen Halt in der Gesellschaft gibt. Die heutige Zeit löst immer mehr auf, was mal Halt war. Ehen werden zur Massenware, Arbeitskräfte austauschbar. Werte wechseln wie Unterhosen und Trends überleben kaum noch ihre Niederschrift. Die Menschheit krankt, mit ihr der Mensch an sich. Die einen streben hoch und höher, die anderen besinnen sich auf sich und kämpfen  mit dem Untergang. Glücklich ist keiner und die Lage ist ernst. Wo ist die Lösung? Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel am Kleinkind nehmen. Es weiss, dass es den Halt braucht, es weiss, dass gewisse Grenzen lebensnotwendig sind und es sucht nach den Grenzen. Es muss nicht immer weiter gehen, es reicht, die Grenzen zu suchen, sie auszuloten, mit ihnen zu spielen. Im Wissen, dass der Halt, der Mittelpunkt wichtig ist. Ohne diesen sind wir verloren.

Neues zu entdecken, weiter zu kommen, ist nicht schlecht. Schwierig wird es dann, wenn das, was ist, was hält, was gut ist, abgelehnt wird, nur weil es schon da ist, weil es nicht neu ist, weil es nicht spannend ist. Neu ist nicht immer besser. Es ist anders. Es mag weiter bringen. In einem Bereich. Etwas wird wegfallen. Und dieses Etwas ist immer ein Teil von einem selber, da man selber immer Teil von dem ist, was war. Wirklich frei ist man nie, zum Glück. Wirkliche Freiheit wäre unendliche Einsamkeit. Alles, was hält, wäre dahin, alles, was stützt, eingebrochen. Wer wäre man dann noch?