Arthur Honegger: Die Fertigmacher

Bernies einziger Fehler ist es, als Kind einer unverheirateten Mutter geboren zu werden. Damit nimmt das Schicksal seinen Lauf, eine Odyssee des Schreckens beginnt. Mit einem Jahr kommt er, einem Vormund unterstellt, in eine Pflegefamilie. Dass ihn der Pflegvater mag und für ihn einsteht, nützt ihm wenig, der Vormund hat ihn von vornherein als künftigen Zuchthäusler abgeschrieben und tut alles, diese Prophezeiung zu erfüllen. Mit 14 kommt Bernie zur Abklärung in ein Heim. Das Resultat zeigt einen intelligenten normalen Jungen, der wieder heim darf. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, beschliesst der Vormund trotzdem, ihn nicht bei den Pflegeltern zu lassen, stattdessen kommt Bernie in ein Heim für schwererziehbare Kinder.

Schien das Leben bislang schon schwer genug, so lernt Bernie, dass es noch schlimmer geht. Prügelstrafen, Drohungen, Unterdrückung, Willkür – ein Leben ohne Rechte, ständig den Launen der Heimleiter und Lehrer ausgeliefert

Wie ich das alles hasste, diese ganze Bande Verrückter, zu der ich gehörte. Wie ich diesen Fritschi hasste, die Gehilfinnen, die Stallmeister und die Lehrer. Ich weinte beinahe vor Hass und Zorn, und dass ich für immer bei solchen Menschen leben musste.

Bernie merkt bald, dass sein Schicksal wohl besiegelt ist, er keine Möglichkeit hat, Gerechtigkeit zu erreichen. Die einzige Chance ist, möglich angepasst und unauffällig die Anweisungen zu befolgen. Nicht mal dann hat man die Gewähr, dass alles gut geht.

„Du hast keine Chance, nicht wahr?“

„Ich verstehe dich nicht“, sagte ich.

„Du kommst nie mehr aus diesem Heim heraus?“

„Nein, ich muss dableiben, ich habe keine andere Wahl.“

Bernie hat keine Wahl, er bleibt aber trotzdem nicht in diesem Heim. Die nächste Station ist ein Bauernhof, wo er als Verdingbub unter grausamen Verhältnissen ein Jahr überstehen muss, danach geht die Reise weiter in eine Arbeitserziehungsanstalt – eine weitere Steigerung an Schrecken, der fast in den Tod führt.

Arthur Honeggers Roman trägt autobiographische Züge. Beim Lesen entsteht ein Kloss im Hals. Man fühlt sich hilflos solcher Ungerechtigkeit gegenüber, man schämt sich, dass solche Dinge möglich sind. Man ärgert sich, dass man nichts tun kann und niemand damals etwas tat. Das Buch wirft Fragen auf: Wie können Menschen so sein? Was bringt es Menschen, andere so zu behandeln, Kinder von vornherein abzuschreiben und ihnen Gewalt anzutun? Wie können alle andern wegschauen, nichts tun? Was ist ein Mensch? Wozu ist er fähig?

Der Roman Arthur Honeggers schildert mit einer klaren Sprache und sachlich die Geschichte eines Jungen, der durch seine Geburt stigmatisiert und der Willkür derer ausgeliefert war, welche die Macht hatten, über ihn zu entscheiden.

Es ist ein Roman über eine dunkle Zeit der Schweizer Geschichte. Das Thema der Verdingkinder ist noch lange nicht aufgearbeitet, die Kinder von damals haben kaum je irgendeine Form von Genugtuung erfahren. Geschichten wie die von Bernie gab es viele. Bücher wie das von Arthur Honegger helfen hoffentlich, diese in Erinnerung zu rufen und endlich hinzuschauen und die Vergangenheit anzunehmen – mit allen moralischen Pflichten, die daraus resultierten.

Fazit:

Ein aufwühlendes Buch, das trotz seiner Sachlichkeit Emotionen weckt. Ein Buch, das darauf verzichtet, zu moralisieren, aus welchem aber die fehlende Moral laut schreit. Ein Buch, das gelesen werden sollte, weil die Geschichte nicht vergessen werden darf. Ein Buch, das gelesen werden sollte, weil es an sich lesenswert ist.

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 340 Seiten

Verlag: Verlag Huber

Preis: CHF 48.90

Arthur Honegger: Die Fertigmacher. Roman mit einer Dokumentation von Charles Linsmayer, Verlag Huber, Frauenfeld 2004.

 

Zu kaufen bei: Bild und Bild

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