Joey Goebel: Ich gegen Osborne

Pubertäre Innensichten

Doch mit siebzehn hatte ich bereits begriffen, dass man mindestens siebzig Prozent seines Lebens damit zubringt, Sachen zu machen, die man lieber nicht machen würde. Und so fand ich mich mit dem zentralen Irrsinn meines Lebens ab, dass ich fünf von sieben Wochentagen an dem Ort der Welt verbrachte, an dem ich am liebsten überhaupt nie sein wollte. Schon erstaunlich, was die Menschen sich so zumuten, dachte ich oft.

James Weinbach, 17 Jahre Alt, Schüler der Osborne Senior Highschool, setzt sich innerlich mit der Welt um ihn und seiner eigenen Stellung gegen sie auseinander. Er taxiert die Welt und seine Mitschüler mit seinem eigenen Wertesystem, welches dem der anderen gegenübersteht und ihn zu einem Einzelgänger werden lässt. Mit viel Ironie lässt er sich über die Kleider, Sitten, Lebensformen der anderen aus, legt dabei aber an andere gerade was Anstand und Freundlichkeit anbelangt, höhere Massstäbe an, als er selber erfüllt.

Die Paarungszeit war voll im Gange – nicht, dass sie je endete –, doch diese Phase lag zwischen den besessenen Sexkapaden des Spring Break und dem Dauerausstoss jugendlicher Sekrete namens Schulabschlussball, einem Ereignis, das viele für den wichtigsten Abend ihres Lebens hielten, ihr A und O, ihren Daseinszweck, für den ultimativen Initiationsritus. Die pheromongesättigte Aprilluft verwandelte die Genitalien sämtlicher Jungs in winselnde Wiesel, die sich abstrampelten, um zu den Mädchen zu gelangen, deren Eierstöcke durch Verhütungsmittel geschützt waren.

Während sich seine Mitschüler mit Sex, Partys und Drogen beschäftigen, setzt sich James in Anzug und Krawatte statt wie diese in kurzen Hosen, gedanklich mit sich und der Welt auseinander, versucht, einen Platz in dieser Welt zu finden und wird dabei aber seinen eigenen Ansprüchen nicht ganz gerecht, vor allem wenn es um die Asexualität geht, die er sich auferlegt hat, die allerdings durch seine Liebe zu Chloe in Gefahr gerät.

Mehr als einmal dachte ich: Satan, dein Name ist Pubertät.

Goebel zeichnet in seinem Roman den Mikrokosmos einer amerikanischen Highschool nach, zeigt aus der Innensicht von James Weinbach heraus die Selbstfindungsbestrebungen Pubertierender und durch dessen Analyse seines Umfelds die Abgrenzungsmechanismen, die in diesem Alter vermehrt zum Tragen kommen. Durch die unterschiedlichen Wertesysteme von James und seinen Mitschülern stellt man sich mehr und mehr die Frage, was denn nun normal, was anormal und was grundsätzlich gewünscht wäre als Leben.

In einer ironischen, klaren, einfachen Sprache führt Goebel durch den Schulalltag von James Weinbach, das Buch ist denn auch in Uhrzeiten aufgeteilt, so dass man lesend aktiv am Tag teilnimmt. Die inneren Monologe sind gelungen, allerdings zieht sich das anfänglich spritzig und witzig wirkende Buch mit der Zeit in die Länge und man wird etwas müde beim Lesen. Der halbe Umfang hätte für diese Thematik durchaus gereicht.

Fazit:
Das amerikanische Leben dargestellt am Mikrokosmos einer Highschool aus Sicht eines pubertierenden Siebzenjährigen. Witzig, ironisch, etwas zu lang geraten. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Joey Goebel
Joey Goebel wurde 1980 in Henderson, Kentucky, geboren, wo er auch heute lebt und Schreiben lehrt. Von ihm erschienen sind unter anderem Vincent, Freaks und Heartland. Goebel wird mittlerweile in 14 Sprachen übersetzt.

 

Angaben zum Buch:
GoebelOsborneGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (26. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3257068535
Preis: EUR  22.90 / CHF 31.40

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Arthur Schnitzler: Später Ruhm

Von Talenten und Höhenflügen

Als Eduard Saxberger, langgedienter Beamter, eines Tages nach Hause kommt, erwartet ihn schon ein junger Mann. Dichter sei er und Bewunderer seiner „Wanderungen“, meint Wolfgang Meier. Damit nicht genug, eine ganze Gruppe junger Schriftsteller seien sie und alle bewundern sie Saxbergers Gedichtband, welchen derselbe als längst vergessen geglaubt hat, genauso wie er sein Dichtertum an den Nagel gehängt hat, um Beamter zu sein. Was ihm all die Jahre nie beschwerlich erschien, stellt er nun in Frage.

Das ganze arme Leben, das er geführt, zog an ihm vorüber. Noch nie hatte er so tief empfunden, dass er ein alter Mann war, dass nicht nur die Hoffnungen, sondern auch schon die Enttäuschungen wir hinter ihm lagen. Ein dumpfes Weh stieg in ihm auf. Er legte das Buch weg, er konnte nicht weiterlesen. Er spürte, dass er schon lange auf sich selbst vergessen hatte.

Saxberger lässt sich auf die jungen Menschen ein, die alle hochstrebend sind, an ihr Talent, ihren späteren Erfolg glauben und sich damit wichtig tun. Dass ihnen Ruhm gebührt, die anderen die Talentlosen sind, scheint sonnenklar.

Anfangs genügt uns die eigene Freude am Schaffen und die Teilnahme der wenigen, die uns verstehen. Aber endlich, wenn man sieht, was alles neben einem aufkommt, Namen und selbst Berühmtheit erringt – möchte man doch auch gehört und gewürdigt werden. […] Der Neid der Talentlosen, die Leichtfertigkeit und Böswilligkeit der Rezensenten und dann die entsetzliche Teilnahmslosigkeit der Menge.

Der alte Mann, der sein eigenes Dichten längst der Vergangenheit überlassen hatte, sieht sich neu beflügelt durch die Bewunderung der jungen Dichter und lässt sich mehr und mehr vom Sog des Künstlertums zurückerobern.

Er fühlte sich nach wenigen Tagen schon unter den jungen Leuten so zu Hause, als wenn er monatelang mit ihnen verkehrt hätte. ja, sie hatten recht – er gehörte zu ihnen; er verstand alles, was sie sagten und auch er stand eigentlich der Welt gegenüber noch auf demselben Platz wie sie: Er hatte geschaffen und er suchte die Anerkennung, die ihm bisher versagt geblieben.

Später Ruhm ist ein frühes Werk Schnitzlers, das zu dessen Lebzeiten nie veröffentlicht wurde. Bis zu seinen grossen Erfolgen sollte noch viel Zeit verstreichen. Der Aufruhr war gross, als es hiess, man hätte das lange verschollene Werk aufgefunden und es stünde nun dessen Erstpublikation an. In Tat und Wahrheit wurde eine Skizze davon bereits 1977 veröffentlicht (Reinhard Urbachs Nachlassband Entworfenes und Verworfenes) und mit einem Hinweis auf die noch unveröffentlichte Geschichte versehen. So oder so liegt die Veröffentlichung in dieser Form zum ersten Mal vor und darf durchaus als Fundstück Begeisterung erwecken, wenn auch die literarische Qualität eines späteren Schnitzlers bei weitem nicht würdig ist.

Die Geschichte beschäftigt sich mit den Konflikt Bürgertum und Künstlertum, einer Thematik, die dazumal viele Schriftsteller beschäftigte, Schnitzler insbesondere, der mit seinem Arztberuf haderte, den er nur seines Vaters wegen aufgenommen hatte, wollte er doch immer lieber Schriftsteller sein. Allein, von der Schriftstellerei konnte er nicht leben, was sich zeitlebens nicht wirklich besserte.

Dem Stück fehlt das Tempo, der Schreibstil ist schwülstig, anfänglich wird viel zu bemüht Geheimniskrämerei betrieben. Das Buch ist durchdrungen von autobiographisch erscheinenden Zwiespälten Schnitzlers, was als Einblick in die Psyche desselben durchaus spannend ist, als literarisches Werk etwas spannungslos erscheint. Der spätere Schnitzler ist aber durchaus schon erkennbar, allerdings fehlt diesem Frühwerk noch die Brillanz des Spiegels, den er der Gesellschaft vorhält, es fehlt die tiefgründige Entlarvung falscher Moral, welche in den späteren Werken Schnitzlers grosses Talent war.

In einem Brief schrieb Sigmund Freud an Schnitzler, dass dieser von Natur beherrsche, was er (Freud) sich hätte mühevoll erarbeiten müssen: Die Offenlegung der menschlichen Befindlichkeiten, der inneren Kämpfe, das Durchschauen der Mechanismen des menschlichen Tuns und Denkens. All das zeigt sich schon in diesem Frühwerk. Des Weiteren besticht es durch die ironische Darstellung des überheblichen Künstlerjargons:

„Talentlos“, war Meiner in seiner ruhigen Weise ein, „nennen wir im Allgemeinen diejenigen, welche an einem anderen Tisch sitzen als wir.“

Später Ruhm ist kein Meisterwerk Schnitzlers, dass er es nicht veröffentlicht hat, verwundert nicht. Trotzdem ist es lesenswert, ist es ein Zeugnis der Entwicklung von Schnitzlers Schreiben, zeigt es die Anlagen, die er in den späteren Werken voll ausschöpfte und es damit zu recht zu (späterem) Ruhm brachte.

Fazit:
Ein Frühwerk, das als solches wenig meisterlich, aber durchaus interessant zu lesen ist. Für einen Schnitzlerfan ein Muss, für einen, der Schnitzler kennenlernen will eher auf später zu verschieben, wenn er durch die grossen Werke angeschnitzlert ist. Schön, ist es nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht!

 

Zum Autor
Arthur Schnitzler
Arthur Schnitzler wird am 15. Mai 1862 in Wien geboren, besucht da das Gymnasium und studiert anschliessend Medizin. Er arbeitet erst als Assistenzarzt und in Kliniken, später eröffnet er eine eigene Praxis. Schon da ist er der Literatur zugewandt. Sein Leben war bewegt, viele Frauen säumten seinen Weg. Schrieb er anfänglich hauptsächlich Dramen, wandte er sich später mehr Erzählungen zu. Allen gemeinsam war sein Blick auf die Innenperspektive der Menschen, die psychologische Sicht auf ihr Leben. Schnitzler starb am 21. Oktober 1931 an einer Hirnblutung. Von ihm erschienen sind unter anderem Der Reigen, Fräulein Else, Das weite Land, ThereseAnatol.

Angaben zum Buch:
SchnitzlerRuhmGebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Paul Zsolnay Verlag (17. Mai 2014)
ISBN-Nr.: 978-3552056930
Preis: EUR  17.90 / CHF 28.90

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Richard Yates: Eine strahlende Zukunft

Künstlerträume und das reale Leben

Kaum aus der Army entlassen, geht Michael Davenport nach Harvard, wo er bald darauf Lucy Blaine kennenlernt.

Sie war nicht das hübscheste Mädchen, dem er je begegnet war, doch das erste hübsche Mädchen, das je so viel Interesse an ihm gezeigt hatte, und er wusste, dass er aus dieser Mischung viel Nutzen schlagen konnte.

Die beiden heiraten – eher auf Lucys Ansinnen hin denn auf Daves. Dass Lucy reich ist und das weitere Leben komfortabel sein könnte, passt dem aus der Mittelschicht stammenden Dave nicht ins Konzept, will er es doch als Schriftsteller selber schaffen. Er heuert in einem Verlag in der Lizenzabteilung an, sie suchen ein einfaches Appartement in New York. Das schriftstellerische Werk kommt nicht wirklich voran, als er eines Tages Tom Nelson, einen Maler trifft, der es geschafft hat, seinen Traum als Künstler lebt. Dave wird förmlich von Neid zerfressen,

„Er hat mir erzählt – und das war nicht geprahlt; verdammt, nichts von dem, was der kleine Mistkerl sagt, ist geprahlt […]

Der Umzug aufs Land – mittlerweile sind sie eine Familie – macht die Situation nicht besser. Während Nelson in einem luxuriösen Anwesen lebt, reicht es für die Davenports für ein verwinkeltes kleines Hexenhaus, der erste Gedichtband erscheint zwar, ist aber nicht der Erfolg, von dem Dave träumte, die hochtrabenden Wünsche und Träume bleiben solche, Unzufriedenheit wächst.

Hin und wieder blickte er vom Gehsteig zwischen den Bäumen zu den funkelnden Sternen am schwarzen Himmel hinaus, als wollte er fragen, ob je – ach, irgendwann – eine Zeit käme, in der er lernte, etwas richtig zu machen.

Aus der allgemeinen Unzufriedenheit wachsen die Zweifel aneinander, die sich steigern, bis sich das Paar schlussendlich trennt. Die Trennung löst wie so oft keine Probleme, neue kommen in Form von Alkohol, gescheiterten Beziehungsversuchen dazu, das Leben nimmt keinen Lauf, es tritt eher an Ort.

„Weißt du, was wir getan haben, Lucy? Du und ich? Wir waren ein Leben lang voller Sehnsucht. Ist das nicht absolut schrecklich?“

Eine strahlende Zukunft zeichnet ein Bild von ausgemalten Illusionen, die wie Seifenblasen platzen. Es ist ein Buch von ehrgeizigen Menschen, die alles vor sich sehen und nicht dahin gelangen, wo sie sein wollen. Es ist die Geschichte des Scheiterns, das Bild des amerikanischen Traums vom Aufstieg, der in diesem Fall ein Traum bleibt. Richard Yates schrieb hier einen Künstlerroman, bei dem der Wunsch nach dem Künstlertum das bürgerliche Leben als ungenügend blossstellt und damit der Unzufriedenheit Boden schafft.

In klarer Sprache, ohne Sentimentalität wird die Geschichte von Menschen erzählt, die sich mit immer neuen Hürden konfrontiert sehen, die sie meistern müssen, um zu realisieren, dass Träume manchmal genau das sind: Träume.

Fazit:
Ein sprachlich gelungenes, in seiner Geschichtsführung stimmiges und inhaltlich packendes Buch. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Richard Yates
Richard Yates wird 1926 in Yonkers, New York, geboren, lebt später in Kalifornien. Neben kurzen Tätigkeiten als Werbetexter und Redenschreiber für Senator Robert Kennedy arbeitet er hauptsächlich als Schriftsteller: Er ist der Autor von sieben Romanen und zwei Erzählbänden, die zu seinen Lebzeiten kaum Beachtung finden, heute jedoch zu den wichtigsten Werken der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts gehören. Richard Yates stirbt 1992 in Birmingham, Alabama.

 

Angaben zum Buch:
YatesZukunftGebundene Ausgabe: 496 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (10. März 2014)
Übersetzung: Thomas Gunkel
Originaltitel: Young Hearts Crying
ISBN-Nr.: 978-3421046116643279
Preis: EUR  22.99 / CHF 35.90

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Sauer über moralinsaures Gelaber

Ein Bild mit zwei attraktiven Damen, gekleidet in etwas knappe rote Kleidchen, die sich auf einer Kühlerhaube räkeln. Die Analyse des Bildes reicht von sexistisch bis hin zu verfehlter Werbestrategie, entschieden doch Frauen, nicht Männer über den Kauf oder Nichtkauf.

Ach du meine Güte. Schlussendlich kann jede Frau – und hoffentlich jeder Mann  (zumindest in unseren Breitengraden) – entscheiden, was sie (er) kauft. Wenn sie ein Produkt will, soll sie es kaufen, wenn nicht, es lassen. Ob nun zwei (in der Tat sehr) attraktive Frauen auf einer Kühlerhaube liegen oder nicht, ist mir persönlich so lang wie breit, wenn ich ein Auto kaufe. Ich fahre mein Traumauto, weil ich es auf der Strasse sah und es für schön befand.

Die Ladies auf dem Bild finde ich durchaus attraktiv. Wieso sollen sie sich nicht zeigen und gezeigt werden? Dass dies sexistisch sein soll, musste ich persönlich erst von (vornehmlich) Frauen erfahren, die sich darüber ausliessen. Und noch heute frage ich mich, wieso eigentlich? Steckt nicht auch ganz viel Neid dahinter? Ich meine, mich wollte auch keiner auf dem Auto sehen wollen (ich mich selber eh nicht), aber wenn die das doch geniessen (und Model ist nach wie vor Traumberuf), sie dafür gebucht und bezahlt werden – was ist sooo schlimm dran?

Nächstes Thema waren die Religionen, die Frauen unterdrückten. Und trotz dieser Unterdrückung würden Frauen den Religionen folgen. Religionen… ein generell schwieriges Thema. Jeder glaubt etwas; die einen, dass es etwas gibt, die anderen, dass es nichts gibt. Und beide sind überzeugt von ihrer Meinung. Und bereit, für diese Meinung gewisse Dinge zu tun (oder zu unterlassen). So lange sie damit glücklich sind und niemandem weh tun – who cares? Wieso wollen immer Menschen dahin gehen und anderen sagen, was sie denken, fühlen, glauben dürfen? Wieso wollen sich immer Menschen über andere erheben und sich dabei besser fühlen?

Jeder muss für sich herausfinden, was ihm gut tut, womit er leben will und kann. Einen Halt braucht jeder im Leben. Die einen halten sich an Gott, die anderen an ihrem Aussehen, die dritten an der Bierdose. Und immer findet sich einer, der das anklagt. Allen Leuten recht getan – ein Ding der Unmöglichkeit. Bleibt nur, es sich selber recht zu tun. Dann kann einem nämlich egal sein, was andere tun für ihr Glück (sofern sie niemanden damit tangieren), weil man mit sich selber zufrieden ist.

Philip Roth: Jedermann

Das Alter als Leinwand für den Lebensfilm

Er hatte dreimal geheiratet, hatte Geliebte und Kinder gehabt und war in einem interessanten Beruf sehr erfolgreich gewesen, aber jetzt schien die Flucht vor dem Tod zur zentralen Aufgabe seines Lebens und körperlicher Verfall sein ganzer Lebensinhalt geworden zu sein.

Er ist ein Jedermann, bezeichnet sich als Durchschnittsmenschen. Dreimal war er verheiratet, hinterlässt drei Söhne, die ihn hassen, was er nicht begreift, und eine Tochter, die ihn vergöttert, was er ebenso wenig begreift. Nach einem Leben voller Fehler, auf die er nun mit Reue, nachdenklich, ab und an selbstanklagend und mit Unverständnis für das eigene Tun und den Lauf der Geschichte zurückblickt, nimmt das eigene Vergehen, der Weg durch Krankheiten, die Endlichkeit des Körpers eine immer zentralere Rolle ein.

Aber es ist ja gerade das Alltägliche daran, was am meisten schmerzt, die wieder einmal erneuerte Erkenntnis der Unabweislichkeit des Todes, die alles überwältigt.

Jedermann ist ein Buch über Verlust, Reue, das Leben, das Alter und das Sterben. Es ist ein Buch von gescheiterten Beziehungen, von den Gründen, die zum Scheitern führen und von falschen Entscheidungen, die dem Leben eine Prägung geben. Es ist ein Buch des Lebensabends voller Rückbesinnung, von Krankheiten, die aus dem Nichts kommen und ein Buch des Todes, der – drohend bevorstehend – das Leben reflektiv wiedererleben lässt. Schlussendlich muss der Jedermann des Buches erkennen, dass er vor seinem Tod nicht fliehen kann, dass er ihn annehmen muss – wie so vieles mehr.

„Aber man kann die Wirklichkeit nicht ummodeln“, sagte er leise, indem er ihren Rücken und ihre Haare streichelte und sie sanft im Arm schaukelte. „Man kann es nehmen, wie es kommt. Halt dich tapfer, und nimm es, wie es kommt. Anders geht es nicht.“

Ein tiefgründiger Roman über das ganz alltägliche Leben und einen ganz normalen Menschen. Sprachlich klar, inhaltlich gewaltig, umfasst er ein ganzes Leben auf wenigen Seiten, die dicht gefüllt sind und beim Lesen doch irgendwie leicht dahingleiten.

Fazit:
Ein tiefgründiger Roman über das ganz alltägliche Leben und einen ganz normalen Menschen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Philip Roth
Philip Roth wurde 1933  in Newark, New Jersey, in eine Familie mit europäisch-jüdischem Hintergrund geboren. Er gewann verschiedene wichtige US-amerikanische Literaturpreise und geniesst die Anerkennung der internationalen Schriftstellervereinigung P.E.N. Oft wird er in einem Atemzug mit Faulkner, Bellow und Dos Passos genannt. Sein erstes Buch mit Short Storys erschien 1959, darauf folgten Romane und Erzählungen mit meist explosiver Wirkung, führten die thematisierten Beziehungen mit ihren Zwängen, Neurosen und anderen Schwierigkeiten doch oft zu Skandalen. Bis 1992 unterrichtete Roth an verschiedenen Universitäten. Liebe, Sexualität und Tod sind bis heute die Themen seines Werks. Philip Roth lebt – nach Stationen in Rom, Chicago, London und New York – in Connecticut. Von ihm erschienen sind unter anderem Portnoys BeschwerdenProfessor der BegierdeJedermann, Der menschliche Makel,  Amerikanisches Idyll.

 
Angaben zum Buch:
RothJedermannTaschenbuch: 160 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (1. März 2008)
Übersetzung: Werner Schmitz
ISBN-Nr.: 978-3499245947
Preis: EUR  8.95 / CHF 15.90

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Nicht gesucht – gefunden

Ich war wohl meines Lebens eine Suchende. Suchte nach Liebe, die ich nie kannte, weil sie nicht da war oder zumindest nicht gezeigt werden konnte. Weil sie missbraucht wurde, indem sie versprochen, nie gelebt wurde oder aber mit Lügen erkauft. Oder einfach ungewollt genommen. Ich suchte nach meinem Platz im Leben, den ich immer wieder aufgab, um eben andere Suchen zu ihrem Ende zu führen – und immer wieder auf die Nase fiel.

Ich habe seit Jahren mein Lebensmotto:

Ohne Liebe ist alles nichts.

Die Liebe selber lebte ich kaum. Mal fehlte sie, wo sie hätte sein sollen oder gar versprochen war, mal war sie nicht lebbar, weil zu viele Hindernisse da standen oder zumindest geahnt und gefürchtet waren. Das war kein wirklich grosses Problem, war ich doch sowieso ein eher rationaler Mensch, einer, der immer alles hinterfragte, auf zwei Beinen stand und die auf den Boden stellte. Kurze Höhenflüge landeten schnell, teilweise eher unsanft.

Wer in der Liebe schon so kläglich versagt, sollte wenigstens im Leben sonst besser bauen. Aber auch da baute ich auf Sand. Studierte, was kein Mensch braucht – war zwar gut darin, aber auch das half nichts, schadete wohl mehr. Die hochgezogenen Augenbrauen, die auf der einen Seite abschätzigen, auf der anderen Seite eher abgeschreckten Blicke,  kriegte ich gratis obendrauf. Jobs gab es nicht, weil zu viele Titel, zu wenig Erfahrung und vor allem keine Ellenbogen, Vitaminspritzen und anderen hilfreichen Mittel zum Zweck.

Und so sass ich immer mal wieder hier und fragte mich, was denn eigentlich aus mir werden sollte. Wer ich denn sei und was ich denn solle in dieser Welt. Was ich vor allem erwarten könnte und wie überleben. Von Natur Mimose (der Herr Papa würde das jederzeit unterschreiben und die nötigen Anekdoten gratis mitliefern),  tiefgründig, sensibel, eigensinnig und auch stolz, sah ich mich nicht vor den wirklich besten Voraussetzungen. Suchte mich mal hier, mal da, strandete, schwamm weiter, strauchelte, stand auf, erreichte doch eigentlich dieses und jenes, ohne es wirklich hoch zu schätzen, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt war, was ich grad nicht hatte oder war. Und immer, wenn ich vor einem Feld „Berufsbezeichnung“ stand, fing das Hirn zu rattern an. Beim Zivilstatus fehlte jedes Mal „gescheitert“.

Bin ich gescheitert? Beruflich? Im Leben? Ich denke nicht. Ich ging vielleicht keinen gradlinigen Weg. Ich ging nicht den Weg des „nine-to-five-job“s, sterbe nicht mit der Sandkastenliebe, aber ich blieb mir wohl immer treu – selbst wenn ich nicht wusste, wo ich gerade stand und wo ich hin wollte. Ich wusste immer, was ich nicht will und hatte das Glück, dazu stehen zu können. Insofern hatte mein Geburtstag recht: Ich bin ein Sonntagskind, ich habe Glück. Ich muss es nur sehen. Ab und an geht der Blick verloren, aber man kann ihn wieder zurückholen. Ausrichten an dem, was ist. Und darauf zoomen, was man will. Weil alles, was nicht richtig ist, genau darauf zielt, was sein soll.

Und irgendwann. Kommt der Moment. Man weiss: Das ist es. So soll es sein, so soll es bleiben.  Das sang schon einer. Dass ich es nicht zitiere bedeutet, dass er es nicht erfunden hat, da wäre noch Goethe:

 »Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!« (V 1699–1702)

Augenblicke können lange sein, auch kurz. Es können ganze Lebensmuster sein oder kleine Entscheidungen. Ich denke, relevant in dem Wunsch des Verweilens ist das Gefühl der Stimmigkeit. Das Gefühl: Das ist es. Und es wird kommen. Ab und an auf Umwegen, ab und an spät, manchmal ganz schnell, wenn man jemandem in die Augen blickt, ihn von Weitem gar sieht. So oder so: Es ist das Gefühl, das zeigt, wohin man gehen sollte. Es ist dieses Gefühl, nach dem man sich richten sollte. Der Verstand hat seine Berechtigung, er kann die Argumente liefern. Wenn das Gefühl ausbleibt, wird er es nie ersetzen können.

Der Verstand sucht – nach Argumenten, nach Umständen, nach Kriterien. Das Gefühl sagt nicht gesucht, aber gefunden:

 So ist es gut.

Puccini: La Fanciulla del West in Zürich

Gestern war ich in der Oper. La Fanciulla del West von Puccini. Vor vielen Jahren (Zahlen lassen wir hier mal sein) kürte ich Puccini zu meinem Lieblingskomponisten – was Opern anbelangt. Diese war mir bis dato unbekannt. Dazu gekommen bin ich wie die Jungfrau zu Kinde. Ich wollte den Gratis-Rigoletto auf dem Sächsilüte-Platz in Zürich schauen, doch die Sonne brannte und der designierte Mitschauer warf eine Oper nach Wahl im sonnengeschützten Opernhaus in die Waagschale. Und es lief nur die – zu Zeiten, die mir passten.

Da im Schrank schon lange ein Kleid wartete, das getragen werden wollte, sagte ich zu und war gespannt. Ich wurde nicht enttäuscht. Eine Goldgräbergeschichte mit allem, was dazugehört. Whiskey, Kartenspiel, Heimweh, Liebe – alles war dabei. Dazu die glockenklare Stimme der Minnie und der enorm stimmgewaltige Mr. Johnson – der gar nicht derselbe war, sondern ein gesuchter Verbrecher. Die Melodien waren wunderbar, die Emotionen gross.

Ich hätte die Oper nie gewählt, wären mehrere zur Auswahl gestanden, ich bin froh, tat ich es. Es war ganz grosse Musik, die Qualität der Aufführung überzeugte sehr, die Literarizität der Geschichte ist schön, der Plot ist nicht gar zu durchsichtig, sondern lässt ein wenig Spannung offen. Absolut empfehlenswert. Wer es schafft, in Zürich ist, soll vorbei gehen.

Und als Fazit lässt sich sagen: Manchmal verhelfen einem ungeplante Situationen zu ganz tollen Erlebnissen. Man sollte nicht nur immer dem Bekannten nachjagen, sondern auch mal Neues erkunden.

FotoMein Dank geht an meine Begleitung, die nicht nur (meinem Wunsch nach gekleidet) umwerfend aussah, sondern mir einen Abend bescherte, wie ich ihn mir kaum schöner hätte wünschen können. Das war bestimmt nicht mein letzter Besuch im Opernhaus. Mein Plan, mich noch mehr mit den verschiedenen Kulturangeboten der Stadt Zürich auseinanderzusetzen, hat ganz stark an Boden gewonnen.

 

Hier kann man die Oper online schauen:

Mehr Informationen zur Oper: La Fanciulla del West

Eugen Ruge: Cabo de Gata

Die Reise zu sich selber

Das war, glaube ich, der Moment, da mir der Gedanke kam, diese Stadt (dieses Land, dieses Leben) bis auf weiteres zu verlassen.

Mit einer Hängematte, ein paar Schreibheften und wenig mehr steigt ein Mann in einen Zug Richtung Süden. Wohin er genau will, weiss er nicht, nur, dass er weg von da will, wo er ist.

Es war unmöglich, den richtigen Ort zu finden – diese Erkenntnis gefiel mir, ja sie erheiterte mich sogar, statt mich zu erschrecken. Es war, so erinnere ich mich, als nähme ich meine Lage nicht ernst, als würde ich neben mir stehen und mir zuschauen wie der Figur eines Romans […]

Er landet in einem kleinen Fischerdorf, das in eine trostlose Landschaft gebettet wenig bietet. Das Leben ist einsam, entsprechend öde –  auch zum Lesen. Eines Tages tritt eine Katze in sein Leben. Der Mann fängt an, Dinge in die Katze zu projizieren, lässt sich durch ihr Verhalten zum Nachdenken über das Leben animieren.

Ich weiss, dass es geschickter wäre, das Buch hiermit enden zu lassen, […] Aber ich habe mir vorgenommen, mich beim Aufschreiben dieser Geschichte von dem leiten zu lassen, was ich erinnere, und deshalb soll diese letzte Erinnerung an Cabo de Gata am Ende der Geschichte stehen.

Cabo de Gata ist ein Buch über Erinnerungen. Der Protagonist erinnert sich in einem Fort und der Erzähler thematisiert dieses Erinnern ständig explizit. Man kann dieses Erinnern als ein Leitmotiv nehmen, als ein sprachliches Stilmittel, das eine Art Poesie in die Prosa legt, gleich eines Refrains, der sich durch den Text schlängelt. Das eher schmale Buch ist nicht wirklich unterhaltend, es passiert kaum etwas.

Das Buch hat gute und tiefe Gedanken, bringt diese in einer klaren, gut lesbaren Sprache an den Leser. Es ist ein Buch der Stille, der Suche nach sich selbst. Es ist ein Buch des Scheiterns, ein Buch des Neuanfangs. Es wirkt in seiner Art authentisch, klingt nach einer wirklichen Erzählung, die zwar durch ein paar Absonderlichkeiten glänzt, was aber auch im realen Leben durchaus ab und an vorkommen kann.

 

Fazit:
Ein stilles Buch über das Leben, das Scheitern an demselben, die Suche nach einem Neuanfang und vor allem die Suche nach sich selber. Reinlesen und schauen, ob es gefällt.

 

Zum Autor
Eugen Ruge
Eugen Ruge, 1954 in Soswa (Ural) geboren, studierte Mathematik an der Humboldt-Universität und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik der Erde. Seit er 1988 aus der DDR in den Westen ging, ist er hauptberuflich fürs Theater und für den Rundfunk als Autor und Übersetzer tätig. Für seine dramatischen Arbeiten erhielt Eugen Ruge den Schiller-Förderpreis des Landes Baden-Württemberg; 2009 wurde sein erstes Prosamanuskript In Zeiten des abnehmenden Lichts mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet; für den daraus entstandenen Roman erhielt er den Aspekte-Literaturpreis und den Deutschen Buchpreis 2011.

 

Angaben zum Buch:
RugeCaboGebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (7. Juni 2013)
ISBN-Nr.: 978-3498057954
Preis: EUR  19.95 / CHF 32.90

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Michael Stavaric: Brenntage

Das Leben erfindet sich selber in Erinnerungen

Nach dem Tod der Mutter wächst der namenlose Icherzähler bei seinem Onkel und seiner Tante auf. Sie leben in einem kleinen Dorf, das abgeschnitten von der Umwelt und auch von der Realität scheint. Die Riten und Bräuche erinnern an mittelalterliche, sind in tat und Wahrheit wohl nicht mal ganz verschieden davon. Einer davon sind die Brenntage, die zum Verbrennen überflüssiger Dinge gedacht sind, denen aber auch das eine oder andere zum Opfer fiel, das nicht zum Verbrennen gedacht war. Zumindest munkelt man das.

 Die Brenntage selbst waren oft genug Anlass für wilde Spekulationen… als etwa der Hund des Bäckers abhanden kam (den keiner leiden mochte) oder die Nachbarsköchin spurlos verschwand, als ein junges Mädchen im Teich untertauchte und die Luftblasen jählings abrissen, sie wurde von keinem je wieder gesehen.

Das Buch folgt keiner Chronologie, es ist ein Buch der Erinnerung an eine Vergangenheit, die sich in loser Form, sprachlich teilweise eigenwillig, vor dem Leser ausbreitet. Eine Erinnerung, die nicht mehr überall lückenlos ist, bewegt sich zwischen Erlebtem und Erdichtetem.

Viele Erinnerungen gingen auch im Laufe der Jahre verloren, ich selbst habe längst damit aufgehört, die Welt verstehen zu wollen, der Onkel behauptete sogar, dass wir im Augenblick unserer Geburt alles ins Feuer stiessen, dass wir verglühten allesamt in einem Feuerball und hinterliessen keinerlei Spuren. .

Beinahe beiläufig werden schreckliche, schöne, skurrile Erinnerungen dargelegt. Verbindend in der losen Abfolge der Geschichten sind immer wieder die Brenntage, sie scheinen neben dem Icherzähler die einzige Konstante in dem Buch zu sein, der rote Faden, der die einzelnen Episoden wie Perlen an eine Kette reiht. Und beide, Icherzähler wie Brenntage stehen ganz im Dienste der Erinnerung.

Nur wenn Brenntage gefeiert wurden, kamen viele der alten Geschichten noch einmal zur Sprache.

Brenntage ist ein Buch des Erwachsenwerdens, es ist ein Buch über die Auseinandersetzung mit dem Leben, mit den Umständen, mit einer Welt, die sich ständig ändert und doch einige wenige Konstanten hat, die wie ein roter Faden durch das sich ändernde Leben führen. Es ist ein Buch über Erinnerung und Zukunft, über die Vergänglichkeit des Seins. Es ist ein Buch in einer poetisch-eigenwilligen Sprache geschrieben, das nicht chronologisch und teilweise assoziativ von Episode zu Episode springt. Es regt zum Nachdenken an, lässt ab und an innehalten, stocken, sich auch mal wundern.

 

Fazit:
Ein Buch über das Leben, die Erinnerung und das Erwachsenwerden. Sprachlich poetisch und eigenwillig. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Michael Stavaric
Michael Stavaric, 1972 in Brno geboren, lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer, Kolumnist und Kritiker in Wien. Er veröffentlichte u. a. die Romane stillborn (2006), Terminifera (2007) und Magma (2008), die Kinderbücher Gaggalagu (2006) und Biebu (2008) und den Essay „Europa – Eine Litanei“ (2005). Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und Stipendien für seine Werke, zuletzt den „Förderungspreis der Stadt Wien“, den „Adelbert von Chamisso-Förderpreis“ und das „Projektstipendium des österreichischen Bundesministeriums für Kultur“.

Ein Interview mit dem Autor findet sich hier: Michael Stavaric – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
StavaricBrenntageGebundene Ausgabe: 232 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (20. Januar 2011)
ISBN-Nr.: 978-3406612657
Preis: EUR  18.95 / CHF 28.70

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Paula Fox: Was am Ende bleibt

Sophie und Otto Bentwood leben eine Ehe, wie sie wohl nicht unüblich ist für ein gutbürgerliches Paar in New York. Er Anwalt, Hauptverdiener, sie Drehbuchautorin und Übersetzerin, allerdings seit einiger Zeit eher lustlos in ihrem Tun, bestreiten sie mehr neben- denn miteinander ihren geordneten Alltag, bis Sophie eines Tages von einer streunenden Katze gebissen wird. Ein eigentlich unbedeutendes Ereignis, das eine Wende einzuläuten scheint.

Plötzlich, ausgezehrt von der nervösen Erregung, die sie für einen Augenblick ihre Müdigkeit und die eintönige Stumpfheit dieses frühen Morgens hatte vergessen lassen, vergrub sie ihr Gesicht am Bettrand. Otto begann etwas apathisch ihren Rücken unter dem Nachthemd zu streicheln. Sie war dankbar, dass sie nicht gestritten hatten – ihr fehlte die Energie dazu – , aber gleich hinter ihrer Dankbarkeit türmte sich eine düstere Enttäuschung auf. […]Eine Träne kullerte ihr über die Wange. Sie würde sich niemals von ihm befreien.

Ein Paar, das vordergründig alles hat, strauchelt nach und nach über die Unzulänglichkeiten im Selbst wie im Miteinander. Sophies Stimmungsschwankungen treffen auf Ottos Lebenssattheit, gesteigerte Sensibilität kämpft mit Rechenschaft und Moral.

Es war eine Belagerung im Gange – schon seit langer Zeit, aber die Belagerten selbst waren die Letzten, die sie ernst nahmen.

Paula Fox gelingt es in ihrem berühmtesten (und auch verfilmten) Roman, in einer klaren, nüchternen Sprache das Bild einer Mittelschichtsehe zu zeichnen und damit auch die Gesellschaft, in der diese Beziehung gelebt wird (oder eben nicht), zu spiegeln. Es gelingt ihr, auf eine subtile Weise die inneren Vorgänge in den äusseren Handlungen zu spiegeln, so dass die Charaktere plastisch werden, ihr Verhalten nachvollziehbar ist und man auch das nicht explizit Geschriebene implizit mitnimmt, versteht, weiterdenkt.

Ein tiefgründiger Roman, der die Seelenlandschaft zweier Menschen offenlegt, ohne dabei psychologisierend zu sein, eine packende Geschichte, die in nur drei Tagen passiert, aber einen ganzen Lebensentwurf umfasst und offenlegt.

Abgeschlossen wird das Buch mit einem Essay von Jonathan Franzen, der über seine eigenen Erfahrungen als Schriftsteller, sein Schreiben, sein Lesen, sein Leben berichtet. Er beschreibt zudem die Wirkung der Charaktere im Roman, die durch die Erzählweise von Paula Fox lebendig und lebensnah werden.

Ich kann Sophie Bentwood genau kennen und von ihr ebenso ungezwungen sprechen wie von einer guten Freundin, weil ich meine eigenen Erfahrungen mit Angst und Entfremdung in mein Bild von ihr habe einfliessen lassen.

Ein gelungener Abschluss eines grossartigen Buches.

Fazit:
Ein sprachlich gelungenes, in seiner Geschichtsführung stimmiges und inhaltlich packendes Buch. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Paula Fox
Paula Fox wurde am 22. April 1923 in New York geboren. Sie veröffentlicht zahlreiche Kinder- und Jugendbücher, sechs Romane und zuletzt zwei autobiographische Bücher. Paula Fox lebt heute in New York. Von ihr erschienen sind unter anderem Der Gott der Alpträume, Was am Ende bleibt, Luisa, Ein Dorf am Meer, In fremden Kleidern, Der kälteste Winter.

 

Angaben zum Buch:
FoxEndeGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (13. März 2013)
Übersetzung: Sylvia Höfer
Sonstiges: Mit einem Essay von Jonathan Franzen
ISBN-Nr.: 978-340664711643279
Preis: EUR 18.95 / CHF 28.70

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Wer ich bin und was ich will

Ich bin von Grund auf ein nachdenklicher Mensch. Hinterfrage viel, das Leben und vor allem mich selber. Immer wieder lege ich auf den Prüfstand, was sich einfach so bietet im Leben, höre dabei oft, ich denke zu viel.  Ich kann nicht aus meiner Haut.

Als  mein Mann und ich uns trennten, verlor ich nicht nur meine Familie, wie ich sie mir vorstellte, sondern auch die ganze an meinem Mann hängende Familie. Irgendwie gehörte die nicht mehr zu mir, zumal schon eine neue Frau an meines Mannes Seite stand, die nun eben da rein gehörte. Der Kontakt wurde weniger, wenn überhaupt, bestand er nur noch über meinen Sohn, der noch immer in dieser Familie zu Hause war. Seine Grosseltern waren ihm nahe und sollten es bleiben.

Mein Schwiegervater wurde krank. Ich erfuhr davon von Ferne, blieb aber in eben dieser, da ich nicht in etwas hinein wollte, das nicht mehr meines war. Die Krankheit wurde schlimmer, sie führte zu einem Punkt, an dem klar war, dass es nicht mehr gut, sondern langsam aber sicher dem Ende zu gehen wird. Da konnte ich nicht mehr fern bleiben, ich ging zu ihm. Ich sah, was ich ihm (immer noch) bedeutete und spürte, was er mir bedeutete. Ich bin froh, habe ich den Schritt gemacht, auch wenn es nun sehr schmerzhaft ist, ihn gehen zu sehen.

Das Ganze lässt mich nicht kalt, es hat viel bewirkt. Ich bin noch nachdenklicher geworden. Hinterfrage mich und mein Leben, wie es war. Frage mich, was kommt und was ich von diesem Rest des Lebens haben möchte. Es ist endlich. Das ist mir bewusst. Ich habe keine Angst vor meinem eigenen Tod. Lange fürchtete ich ihn, weil ich ein Kind habe. Dieses wird nun selbständiger, es käme klar. Insofern: Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Nicht, dass ich es mir wünschte, aber es ist kein Drama für mich, dass es so sein könnte.

Was habe ich gelernt? Ganz vieles, dies nur ein Teil davon:

  • Das Leben ist endlich – man muss es leben, wenn es da ist
  •  Man sollte sich dann für die Menschen Zeit nehmen, die einem wichtig sind, wenn sie da sind – es könnte zu spät sein sonst
  • Dinge immer nur aufzuschieben, weil ja alles Zeit hat, könnte ein Aufschub für immer sein –zudem verschenkt man schlicht Zeit damit
  • Man sollte mit seinen Gefühlen nicht hinterm  Zaum halten, es könnte sein, dass sie erwidert werden, ohne dass man es weiss
  • Das Leben ist zu kurz für Spiele
  • Das Leben ist zu kurz für faule Kompromisse
  • Selbst wenn alles traurig ist, es gibt immer etwas Schönes, Wichtiges, Lehrreiches in allem
  • Finde heraus, was du wirklich willst und geh den Weg

Habe ich was vergessen? Vermutlich ganz viel. Ich sehe einiges klarer heute, bereue gewisse Entscheidungen, Handlungen, Versäumnisse, werde sie nicht rückgängig machen können. Alles hat mich an den Punkt gebracht, an dem ich heute bin. Was bleibt ist, ehrlich zu mir selber zu sein, hinzuschauen, wo Fehler passierten, die mir selber einzugestehen (wenn möglich und nötig auch anderen gegenüber) und die Zukunft anzugehen. Ehrlich, mutig, authentisch.

Eigentlich

Eigentlich wäre ja alles anders geplant gewesen. Ich hätte studiert, den perfekten Mann gefunden, ein Kind gekriegt, ein Haus gebaut, wäre glückliche Hausfrau gewesen, hätte meine Projekte gemacht und ansonsten den Garten bewässert, den Haushalt geschmissen, das Kind erzogen, den Mann beglückt. Das war mein Traum. Eigentlich.

Nun mag man einwenden, dass dies ein eher veraltetes Ansinnen sei, dass man, wollte man das tun, auch gar nicht studieren müsste, sondern gleich die Schürze umbinden könnte. Trotzdem war es mein Traum und bei aller Unlogik und Antiquiertheit war er genau so! Und da gehörte all das zu diesem Traum dazu. Eigentlich.

Ich habe gut begonnen, das Studium habe ich gemacht, den Mann kennengelernt. Er war nun nicht wirklich perfekt. Ich auch nicht. Das Kind kam. Also wieder auf Kurs. Doch dann war der Mann weg – oder ich – vermutlich beide. Aus dem Haus wurde nix, die Projekte starben an täglichen Notwendigkeiten. Haushalt machte ich nie gerne und das blieb bis heute so. Und der grüne Daumen hat sich auch noch nicht gebildet, was mangels Garten aber kein Problem ist, die Zimmerpflanzen gehen bei uns ein und aus. So gesehen: eigentlich alles falsch. Eigentlich.

Eigentlich könnte man nun sagen, das war’s, gescheitert. An den Träumen, in der Realität. Allerdings ging das Leben weiter und es hatte gute Zeiten. Auch andere, die gehören aber wohl dazu. Die wären auch im Traumleben so gewesen, da ein zur Realität gewordener Traum immer den lebendigen Herausforderungen ausgesetzt ist. Und eigentlich ist es auch gut so. Klar, ich träume noch heute ab und an vom Familien-Haus-Garten-Leben mit Projekten und Kuchenduft in der Küche, blicke auch mal wehmütig zurück und frage mich, wo die Abzweigung falsch war, was gewesen wäre, wenn ich dann oder wann anderes gewesen wäre, anders gehandelt und entschieden hätte. Und schaue dann wieder nach vorne und gehe weiter.

Eigentlich war also alles anders gedacht gewesen. Und nun sitze ich hier und alles ist so, wie es ist und damit anders, als ich es gewollt hatte. Und ich werde wohl nie mehr dahin kommen, wo ich hin wollte. Weil das Leben kein Traum, sondern eben Realität ist. Das muss aber auch gar nicht schlecht sein, denn wären meine Träume in Erfüllung gegangen, wäre mir ganz viel in meinem Leben nicht passiert, auf das ich nicht verzichten wollen würde. Ich wäre Menschen nicht begegnet, die mir viel bedeutet haben, und auch denen nicht, die mir heute was bedeuten, weil ich ganz andere Wege gegangen wäre. Ich hätte viele Erfahrungen nicht gemacht, die mich im Leben weiter gebracht haben, dahin, wo ich heute bin. Nicht alle waren schön, nicht alle waren erträumt, einige waren sogar ziemlich übel, traurig, schrecklich. Und doch haben sie alle etwas in meinen Rucksack gepackt, den ich tagtäglich durchs Leben trage, auf den ich zurückgreifen kann, wenn ich auf Situationen stosse und etwas davon brauche.

Eigentlich ist also alles gut. Eigentlich.

 

 

Der Tag

Der Tag, an dem
die Welt versank,
gingen meine Lichter
aus.

Dunkel war’s
tief in mir drin,
Das Herz stand
still.

Ich sass nur da
und rührte nichts,
war wie erstarrt und
tot.

Und wollt’ es sein,
wollte nichts spür’n,
nichts denken
mehr.

Und sehnte mich,
nach tiefsten Tiefen,
ew’gem und nach sel’gem
Schlaf.