Sehnsucht nach dem Sommerloch

Früher war alles besser. Da gab es noch ein Sommerloch. Alle waren in den Ferien, nichts passierte. Man nannte es auch Saure-Gurken-Zeit. Ich liebe saure Gurken eh, aber die Zeit noch mehr, denn: Es passiert nichts. Sicher nichts Schlimmes. Und nur darüber wird ja berichtet.

Wenn ich heute die Zeitung aufschlage – ok, das ist nicht korrekt, ich mache den Computer an – wobei, auch das ist nicht korrekt, denn ich gehöre zu den Unverbesserlichen, die diesen nie ausschalten, sondern nur morgens den Standby-Modus verlassen – aber das ist eine andere Geschichte für eine andere Gelegenheit. Fakt ist: Jeden Morgen kommt eine neue Horrormeldung.

Ich bin es langsam leid und ich will es nicht mehr hören. Es tut mir nicht gut und es ist nicht die Welt, in der ich leben will. Ich kann es nicht ändern.

Nun gibt es wohlmeinende Mitmenschen, die mir erklären wollen (von Statistiken unterlegt), dass mir im Haushalt viel mehr passieren kann . Statistisch gesehen ist die Gefahr eines Terroranschlags im Vergleich dazu verschwindend gering. Das mag sogar so sein. Nur sind im Verhältnis zur Weltbevölkerung auch viel mehr Menschen mit Haushalt beschäftigt, als sie an ein einzelnes Konzert gehen. Ich frage nun nicht, ob das berücksichtigt ist, das würde wohl überfordern, denn solche Theorien sind selten selber überprüft, sondern meist nur irgendwo unbedarft abgeschrieben.

Ich bin abgeschweift. Wo bitte ist das Sommer-Loch? Ich hätte das gerne zurück. Würde dazu ein leichtes Sommerweinchen trinken, den Abend geniessen, ein paar Mücken töten und mit dem guten Gefühl ins Bett gehen: Es ist alles wie gewohnt.

Vielleicht bin ich alt. Vielleicht habe ich zu viele Liebesschnulzen geschaut. Aber ja: Ab und an überkommt mich diese verdammte Sehnsucht nach ein wenig Ruhe und Normalität. Nach Alltag. Nach einem Tag, an dem einfach mal nichts passiert. Das wäre schön!

Man stelle sich das vor: Die Tageszeitung mit den vielen Bildern und den grossen Schlagzeilen schriebe:

Es war ein schöner Tag – nichts sonst.

Terror, Angst und Leben

Paris, Brüssel, Nizza, München. Die Liste der nächsten Orte, an denen Gräueltaten geschahen. War es der IS, waren es einzelne Irre? Wer ist schuld und was hilft die Schuldfrage überhaupt? Experten zu diesen Fragen gibt es so viele wie Computerbenützer in sozialen Medien. Und alle klagen einen an. Merkel, Muslime, Religionen, Gott, Gutmenschen. Irgendwer war’s immer. Und wäre jeder von den Schimpfenden an der Macht, hätte er die Welt im Griff. Leider ist er es nicht, drum schimpft er nur hinterm Bildschirm vor.

Unabhängig davon bleibt: Wie leben wir weiter angesichts solcher Vorkommnisse? Ich sollte genau eine Woche nach dem Amok-Lauf von München an ein Konzert – ebenda, wo dieser stattfand. Geh ich einfach hin und denke: Zweimal trifft es eh nicht denselben Ort und denen geb ich schon gar keine Macht über mich? Der Täter war – unsere Medien kriegen sich nicht ein, es plakativ zu schreiben – ein Bubi, ein gemobbtes Büblein. Schaute man genau hin, wären die Mobber die Täter, der Täter das Opfer und die Opfer die Opfersopfer. Aber ein Täter kann kein Opfer sein und die Welt wird zu kompliziert, knüpft man Kausalketten länger als nur ein Glied. Fakt ist: Der IS jubiliert und sagt, das Tor zur Hölle sei eröffnet. Was also folgt?

Geh ich tanzen, feiern, festen? Geböte es die Pietät, es zu unterlassen? Müsste ich aus Angst zu Hause bleiben oder gerade allem trotzen und gehen? Wer ist schuld und wo stehe ich? Was glaub ich noch und woran kann ich mich halten?

Das Konzert war lange geplant mit einer lieben (meiner liebsten) Freundin. Die Angst im Nacken: Wenn ich nun kneif, ist sie mir böse. Statistisch rational gibt es keinen Grund zum Kneifen, wir wissen: „Zweimal am gleichen Ort….“ und eine andere Statistik sagte, dass man eher am Essen erstickt, als an Terroranschlägen stirbt. Nur: Wie sagt mein Sohn so schön: Das hilft dir nix, wenn du das eine Prozent bist, wenn 99% überleben.

Ich weiss noch nicht, ob ich gehe. Aber: Ich bin dankbar für diese Freundin, die mein Zögern und Zaudern ernst nimmt und mir die Freundschaft nicht kündigt. Und: Ich bin dankbar für den Sohn, der – obwohl Mütter in der Pubertät extrem uncool sind – mit mir diskutierte über Freundschaft, Statistik und Überlebenschancen. Ich höre da für mich ein bisschen raus, dass er mich noch behalten möchte.

Die Welt ist aus den Fugen. Und wir sind erst am Anfang. Wir können das grosse Ganze oft nicht steuern, wir müssen einen Weg finden, in unserer kleinen eigenen Welt damit umzugehen. Für mich ist es wundervoll, dankbar sein zu können für das, was ich habe in dieser Welt. Darauf baue ich.

Zirkus Robinson in Zürich

Der Tag war schön, die Sonne schien. Ich lief durch meine Stadt, ich war zu früh für eine Verabredung. Zeit also, mal wieder zu geniessen, was quasi vor der Haustür liegt, selten gesehen ist, weil man lieber im Internet ferne Destinationen googelt und dann in Bildern und Träumen schwelgt, statt das so Naheliegende zu geniessen. Ich genoss.

Bei Schlendern kam ich zum Zirkus Robinson. Der hatte seinen Zelte (es war eigentlich nur eine Bühne) inmitten der Stadt aufgebaut und die motivierten kleinen Artisten boten eine Show vom feinsten. Für all diejenigen, die den Zirkus nicht kennen sollten, sei gesagt: Ein Zirkus mit Kindern, die üben, proben, Herz und Blut einbringen und dann auftreten.

Der Zirkus führte also auf, die Das Besucherareal war eingegrenzt und hatte ein Tor, an dem man Tickets kaufen und damit dieses wunderbare Projekt unterstützen konnte. Ich lief um den Zaun rum, und sah ein Paar. Beide gut und teuer bekleidet, standen sie da. Sie guckten durch einen Spalt im Zaun. So umgingen sie den Eintritt. Sie blinzelten nicht mal schnell rein, um zu sehen, was da zu sehen wäre. Nein, sie schauten lange und intensiv.

Das ist sie wohl, unsere Welt. Das Geld geht für teure Klamotten und Status drauf, den Rest holt man sich gerne umsonst. Dass damit das stirbt, was diese Welt lebenswert macht, ist egal. Betrifft einen ja nicht.

Der Zirkus Robinson ist übrigens noch ne Weile in Zürich, führt da auf. Schaut mal rein, es geht auch bequem auf Stühlen, man muss nicht stehend durch einen Spalt linsen…Die Daten findet ihr HIER

Glück: Begeisterung statt Erfolg

Zu allen Zeiten wurde es als höchstes Gut, als erstrebenswertes Ziel genannt: Das Glück. Schon Aristoteles propagierte es in seiner Nikomachischen Ethik, die heutige Ratgeberliteratur bestätigt es weiter. Wenn man das weiss, würde man denken, dass wir Menschen alles dafür tun, das Glück zu finden und es in unser Leben zu integrieren.

Was genau ist Glück? Es ist ein Gefühl. Es stellt sich ein, wenn wir ganz in einer Sache aufgehen, wir diese um ihrer selbst willen machen, uns dabei vergessen. Ein Kind, das auf einer Schaukel sitzt, schwingt, den Wind in den Haaren spürt, ist glücklich. Auch ein Kind, das am Teich die Enten füttert, ist glücklich. Ein Mensch, der sich für etwas begeistern kann und darin aufgeht, ist glücklich. Diese Begeisterung am eigenen Tun löst das Glück aus, indem das Hirn die entsprechenden Hormone ausschütten. Wir versuchen das Hirn im Alltag zu überlisten, indem wir mit Ausgleichshandlungen wie Schuhe kaufen oder Alkohol trinken ähnliche Ausschüttungen herbeiführen. Die halten zwar kurz an, sind dann aber weg – ohne weitere Wirkung auf uns. Wirkliches Glück bleibt im Hirn als Erfahrung gespeichert, so dass nächste Erfahrungen immer auf älteren aufbauen, sich zusammenschliessen, unser Leben und uns selber beeinflussen.

Eigentlich einfach? Die Frage ist, wieso wir alles dazu tun, uns genau das auszutreiben. Wir fangen schon bei kleinen Kindern an, indem wir ihnen sagen, wie sie zu sein hätten. Schon früh müssen sie Leistung zeigen, denn wer keine Leistung zeigt, aus dem wird nichts. Wir lehren sie, dass sie Erfolg im Leben haben müssen und Erfolg ist dadurch definiert, über andere zu siegen. Zuoberst zu stehen. Dafür müssen sie als Kleinkinder Sprachen lernen, weil man es ja dann so einfach lernt, später nicht mehr (man weiss aus der Hirnforschung, dass das nicht zwangsläufig richtig ist), müssen gute Noten bringen und alles dafür einsetzen. Dinge, die sie begeistern, müssen hintenanstehen, denn wir haben Prioritäten und die gilt es, zu erfüllen.

Das zieht sich ins Erwachsenenalter hinein. Wir kämpfen gegeneinander, stehen im Wettbewerb, wollen besser sein, höher hinaus, wir wollen Erfolg haben. Ein Miteinander geht so schwer, denn jeder trachtet danach, die anderen zu überrunden. Das Miteinander ist höchstens noch Mittel zum Zweck, nicht das, was man anstrebt.

Wenn wir schauen, was die Grundbedürfnisse eines Menschen sind, die er im Leben erfüllt haben möchte, kristallisieren sich zwei heraus: Verbundenheit und Freiheit. Er will einerseits dazugehören zu einer Gruppe, will akzeptier sein, mit all seinen Fähigkeiten, Schwächen und Stärken angenommen. Er will gleichzeitig frei sein, sich zu entwickeln, zu wachsen, seinen Teil beizutragen. Das geht nur, wenn man in der Gruppe, in der Gemeinschaft darauf setzt – nicht auf Erfolg um jeden Preis. Denn: Meist ist der Preis dafür die Ausmerzung der Begeisterung – und damit töten wir das Glück ab.

Wieso also nicht wieder mal hinsehen, wofür wir uns begeistern? Wieso nicht einfach sich mal Zeit nehmen, etwas zu tun, weil es Spass macht, gut tut, Begeisterung auslöst? Und dann das Glück spüren. Und wenn wir so Glücksmomente sammeln, Glücksgefühle ins Leben bringen, dann wird das Leben bunter, das Wohlgefühl steigt – seelisch und körperlich.

Gemeinsam gegen das Böse

Dieses Jahr reihen sich die Schreckensmeldungen aneinander wie Perlen auf einer Kette. Terror, Angst und Schrecken auf der ganzen Welt – und diese schaut mit offenem Mund zu, weiss sich nicht mehr zu helfen. Unsicherheit macht sich breit.
Der IS bekennt sich zu den Taten, die Welt hat ihren Schuldigen: Die Muslime sind’s. Schnell schiessen sich viele ein, propagieren den Ausschluss dieser Menschen, reden von einer Islamisierung des Abendlandes und von Unterwanderung der hiesigen Kultur. Fronten verhärten sich. Wagt man es, einzuwenden, dass nicht „die Muslime“ diese Taten verübten, sondern ein paar fehlgeleitete Fanatiker, wird man als Naivling und Gutmensch verspottet. Fordert man, dass Muslime sich von den Taten des IS distanzieren sollen, hört man von anderer Seite, dass dies Unsinn sei, weil diese ja die Taten nicht verübt hätten, sondern der IS.
Ich denke durchaus, dass sich Muslime von den Taten distanzieren sollten. So wie sich auch andere Menschen davon distanzieren. Sich zu distanzieren bedeutet nicht, dass man sich selber eine Schuld zumisst, sondern dass man ein Zeichen setzt und dafür einsteht. Wieso sollten das Muslime, die nichts mit den Taten zu tun hatten, nicht tun?
 
Heutige Generationen/Staaten entschuldigen sich auch für historisches Unrecht. Zu recht. Wir leben in Gemeinschaften und haben sowas wie ein kollektives Gewissen, eine kollektive Verantwortung. Wir haben das Unrecht der Vergangenheit nicht verübt, aber wir sind Bürger der Länder, die es taten und wir profitieren davon, was in diesen Ländern in der Vergangenheit passiert ist – auf die eine oder andere Weise. Wenn wir den Profit nehmen, müssen wir auch die Schuld nehmen – nicht im Sinne eines Schuldeingeständnisses eigenen Tuns, sondern als historische und generationenübergreifende Verantwortung. 
 
Wenn alle, die nichts mit den Taten zu tun haben, schweigen und wegschauen, behaupten: Ich war’s nicht, muss mich also nicht distanzieren, dann stehen die Taten im luftleeren Raum und sind das einzig Schreiende der Gegenwart. Würden sich die Menschen zusammentun und laut ein Zeichen setzen, wären sie hörbar. Dann würden Menschen zusammen kämpfen gegen das Unrecht, das passiert. Dann würden Grenzen verschwimmen zwischen den Muslimen, Christen, Juden und Atheisten, weil alle zusammen für das Gute einstehen. Dann wären die Taten nicht mehr die „der Muslime, sondern die von fanatischen Idioten. Und dann wäre vielleicht auch wieder ein Miteinander ohne Ausgrenzung möglich

Rezension: Frank Berzbach – Formbewusstsein

Eine kleine Vernetzung der alltäglichen Dinge

Erst [die] Beschränkung ermöglicht Freiheit. […] Zerstreuung hingegen ist eine Urfom der Formlosigkeit: sie lässt uns den Halt verlieren, macht Menschen zu ferngesteuert agierenden Wesen, die ihren Rhythmus verlieren, nur noch um sich selbst kreisen und schliesslich verrohen und erkranken. Alles, was stirb, verliert seine Form. Formlosigkeit erzeugt Leid.

Frank Berzbach richtet im vorliegenden Buch seinen Blick auf die alltäglichen Dinge, die uns umgeben. Obwohl wir täglich mit ihnen zu tun haben, nehmen wir sie selten bewusst wahr, sondern erledigen sie nebenbei, quasi formlos. Egal, ob es sich um Ernährung, Liebe oder Kleidung handelt, ob es den Umgang mit den Medien oder dem eigenen Besitz betrifft, wir haben die bewusste Steuerung unseres Verhaltens im Umgang damit oft verloren und agieren quasi fremdgesteuert (zwar selber agierend, aber nicht wahrnehmend, worauf gründend). Erst, wenn wir Achtsamkeit den Dingen und unserem Verhalten zu ihnen entwickeln, werden wir wieder Herr unseres Verhaltens, dann geben wir unserem Leben eine Form – und zwar die von uns gewünschte Form.

Wir sind dem Alltag nicht passiv ausgesetzt, sondern können aktiv formend in ihn eingreifen.

Wir lernen durch das bewusste Tun, im Hier und Jetzt zu sein, in der Gegenwart zu leben und uns nicht in Vergangenheit oder Zukunft zu verlieren. Ein solches aktives Tun führt wiederum zu mehr Wohlgefühl und Gesundheit, es lässt uns wachsen, weckt unsere Kreativität.

Formbewusstsein kann als Anknüpfung an Frank Berzbachs Buch Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen gesehen werden. Wieder geht es Berzbach darum, den Blick auf die Haltung im und zum Leben zu richten und eine Achtsamkeit zu entwickeln. Durch diese Achtsamkeit dem eigenen Tun gegenüber gewinnen die Dinge ihren Wert und ihre Form und prägen unser Denken, Fühlen und Handeln. Das bewusste Hinsehen und die Formgebung lassen uns zu agierenden Menschen werden im Gegensatz zu bloss ausführenden Marionetten, die von Gewohnheitsmustern gesteuert werden.

Das Buch wirkt ab und an unstrukturiert und lose zusammengewürfelt, es reiht Geschichten, Einsichten und Anleitungen quasi formlos aneinander, die einzig durch das Thema des Kapitels, in welchem sie stehen, verbunden sind. Dem Anspruch einer durchdachten Philosophie wird das Buch so nicht gerecht, wobei es diesen Anspruch wohl auch nicht erfüllen sollte. Ab und an klingt ein moralisierender und leicht tadelnder Unterton an, der wenngleich sicher nicht ganz unberechtigt, so doch etwas bemühend ist. Diese Kritikpunkte – wenn sie denn solche sind – nur am Rande, der guten Ordnung halber.

Das Buch ist inspirierend, weckt den Blick auf das eigene Verhalten, lässt einen dieses hinterfragen und dem eigenen Tun auf die Schliche kommen. Frank Berzbach gelingt es, in einer leicht lesbaren Sprache aufzuzeigen, wie man mit kleinen Veränderungen im eigenen Leben wieder Steuermann werden kann und grosse Wirkung erzielen. Die weiterführenden Literaturtipps im Hintergrund können zudem dazu dienen, den ersten Kritikpunkt auszumerzen, so dass jeder, der tiefer tauchen will in bestimmten Bereichen, weiss, wo er das tun kann.

Fazit:
Ein inspirierendes und motivierendes Buch, das den Leser mitnimmt auf eine Reise zu sich selber und ihm Wege aufzeigt, das Leben lebendiger zu gestalten. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Frank Berzbach
Frank Berzbach, geboren 1971, hat in Köln und Bonn Pädagogik, Psychologie und Literaturwissenschaft studiert und an der Goethe-Universität in Frankfurt/Main promoviert. Nach einigen jahren in der Bildungsforschung war er Fahrradkurier für einen schönen Buchladen. Er unterrichtet Psychologie und Kulturpädagogik an der ecosign/Akademie für Gestaltung und an der Fachhochschule Köln. Auch von ihm erschienen: Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen.

Angaben zum Buch:
BerzbachFormbewusstseinBroschiert:192 Seiten
Verlag: Verlag Hermann Schmidt (29. Juni 2016)
ISBN-Nr.: 978-3874398725
Preis: EUR 29.80 / CHF 41.90

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Rezension: Susan Sontag – Tagebücher 1964 – 1980

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke

Gefühl mangelnder Einheit der Persönlichkeit. Meine verschiedenen Ichs – Frau, Mutter, Lehrerin, Geliebte, etc. – wie fügen sie sich zusammen?

David Rieff , der Sohn von Susan Sontag, leitet die Tagebücher mit persönlichen Worten über seine sensible, oft melancholische, nachdenkliche Mutter ein. Er verweist auf die Widersprüche in ihrem Denken, ihre Natur als lebenslang Lernende. Liest man die Tagebücher, zeigt sich eine Frau, die kein Glück in der Liebe hat, die über die gescheiterten Beziehungen nachdenkt, sich hinterfragt, die anderen hinterfragt. Die Erfüllung ihres Lebens ist ihr das Schreiben. In ihm findet sie sich, erkennt sie sich, kann sie ihr Denken strukturieren.

[…]die Tatsache, dass sie kein Glück in der Liebe erlebte, [ist] meines Erachtens genauso sehr Teil ihrer Persönlichkeit wie die tiefe Erfüllung, die sie im Schreiben fand, un die Leidenschaft, mit der sie, wenn sie gerade nicht schrieb, ihr Leben als ewig Lernende anging, als eine Art ideale Leserin bedeutender Literatur, ideale Liebhaberin bedeutender Kunst, ideale Betrachterin beziehungsweise Hörerin bedeutender Theaterstücke, Filme, Musik.

Susan Sontag ist sehr ambivalent in ihrem Denken. Einerseits sieht sie sich anderen an Intelligenz überlegen, andererseits genügt sie oft ihren eigenen Ansprüchen nicht. In ihrem Tagebuch betreibt sie nicht nur Selbstanalyse und analysiert ihre Lieben, sie schreibt über Bücher, die sie las, Filme, die sie sah, Theater, die sie besuchte. Sie macht Listen von Wörtern, um ihren Wortschatz zu erweitern, hält Ideen für neue Texte fest, lässt Gespräche, die sie geführt hat, nochmals Revue passieren.

David Rieff nennt das vorliegende Buch einen

 Roman der tatkräftigen, erfolgreichen Erwachsenen.

Er folgt chronologisch auf den Band Wiedergeboren, in welchem sich die junge Susan Sontag

ganz bewusst damit beschäftigt, sich selbst als die Person, die sie sein wollte, zu erschaffen oder vielmehr neu zu erschaffen, eine Person fernab der Welt, in der sie geboren und aufgewachsen war.

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke ist das Zeugnis einer intelligenten, nachdenklichen, oft von sich und dem Leben enttäuschten, es aber immer wieder hinterfragenden und anpackenden Frau. Stets erfindet sie sich neu in der Überzeugung, dass man das, was man sein will, sein kann, weil man selber das Produkt der eigenen Vorstellung ist. Eine Frau, die Kunst und Kultur liebt, die Grossen verehrt, selber bedeutend sein und neben ihren Idolen stehen will, sich aber doch oft nur als ihre Schülerin glauben kann, ihnen untergeordnet. Sie schwankt zwischen dem Gefühl eigener Grösse und der Frustration, nicht gross genug zu sein, meidet Gesellschaft und fürchtet doch die Einsamkeit. Eine Frau voller Widersprüche: spannend, einnehmend, inspirierend.

Fazit:
Ein inspirierendes, tiefes, persönliches, menschliches Buch von einer grossartigen Frau und klaren Denkerin. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Susan Sontag
Susan Sontag, 1933 in New York geboren, war Schriftstellerin, Kritikerin und Regisseurin. Sie erhielt u.a. den Jerusalem Book Prize 2001, den National Book Award und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei Hanser erschienen zuletzt Das Leiden anderer betrachten (2003), Worauf es ankommt (2005), Zur gleichen Zeit (Aufsätze und Reden, 2008), Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963 (2010) und Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Tagebücher 1964-1980 (2013). Susan Sontag starb 2004 in New York. Über ihr letztes Lebensjahr berichtet ihr Sohn David Rieff in Tod einer Untröstlichen (Hanser, 2009).

Angaben zum Buch:
SontagSchreibenTaschenbuch: 560 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (30. September 2013)
Übersetzung: Kathrin Razum
ISBN: 978-3446243408
Preis: EUR 27.90/ CHF 39.90
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